Titelstory: Thin Lizzy – Warten auf ein Alibi…

Das Vermächtnis von Thin Lizzy und Phil Lynott ist heute präsenter denn je. BBC 4 hat eine Dokumentation gedreht, außerdem werden die Alben remastert und mit neuen Mixes veröffentlicht. Dazu gibt es nun eine Familienstiftung, die sich um das Erbe kümmert, nachdem es jahrelang auf allerlei windigen Compilations von noch windigeren Labels missbraucht wurde.

Und natürlich gibt es die kontroversen Tourneen, die auf Thin-Lizzy-Fan-Websites jede Menge Zorn erregen, wie Gorham einräumt: „Ich muss es jedes Mal rechtfertigen. Es gibt immer noch die Die-Hards da draußen, die es nie verstehen werden und auch nicht verstehen wollen, und damit habe ich kein Problem. Man muss diese Leute auch verstehen. Eigentlich ist es ja auch cool, dass es diese kleine Gruppe extrem eingefleischter Fans gibt. Ich könnte sie niemals dafür hassen.“ Doch trotz des Gegenwinds von Fans und Kritikern funktionieren diese Tourneen und füllen landauf, landab die Hallen. „Brian Downey hatte die Idee, wieder zusammenzuarbeiten“, fügt Gorham hinzu. „Dann schlug Joe Elliott Ricky Warwick und Vivian Campbell vor. Ich spielte auf Rickys erstem Soloalbum und liebte seine Art, zu schreiben und zu singen. Seine Stimme hat das gleiche Timbre wie Phils, aber er wird nicht wie John versuchen, Phils Stimme zu kopieren. Ich erfuhr, dass Leppard sich ein Jahr Auszeit gönnen werden und Viv liebend gerne mit uns spielen würde. Ich sah ihn das erste Mal, als uns Sweet Savage in Irland supporteten. Ich weiß noch, was für ein mörderguter Gitarrist er schon mit 17 Jahren war. Sobald Joe seinen Namen erwähnte, dachte ich, ‚warum haben Phil und ich Viv nie angerufen, als der Job auf der rechten Seite frei wurde?’. Also musste ich ihn eben jetzt anrufen. Er kennt jedes fucking Stück. Er spielt auch viel melodischer, genau wie Robbo.“

Scott Gorham ist heute an vorderster Front, wenn es darum geht, das Erbe und die Marke Thin Lizzy zu schützen: „Eines habe ich gelernt, als sich die Band das erste Mal auflöste: Ich war damals überzeugt, dass vier Jahre später niemand mehr Lizzy-Lieder spielen und der Name in Vergessenheit geraten würde, aber ich hatte mich geirrt. Eine zeitlang hatten leider jede Menge Leute ihre Finger im Spiel, wir hatten keine Kontrolle über unser Material. Niemand scherte sich um die Rechte, weil niemand dachte, dass da irgendjemand sein könnte, der uns Böses will. Da wurden wir dann eines Besseren belehrt. Es dauerte eine Weile, bis wir das begriffen und uns um den Schutz kümmerten. Lange Zeit passierte gar nichts. Niemand konnte sich dazu durchringen, etwas zu remastern oder remixen. Es dauerte ein paar Jahre, bis das in Angriff genommen wurde.“

Ein Schlüsselerlebnis brachte Scott Gorham dazu, die Angelegenheit zu forcieren: „Vor ein paar Jahren ging ich mit einem Freund aus und er stellte mir einen jüngeren Freund von sich vor. Er sagte: ‚Das ist Scott Gorham von Thin Lizzy.’ Der Typ fragte: ‚Wer?’. Mein Kumpel sagte: ‚Du weißt schon, ›Jailbreak‹, ›Boys Are Backin Town‹…’, aber er hatte noch nie davon gehört. Ich muss gestehen, das brachte mich um – ich war echt sauer, dass dieser Typ keine Ahnung hatte, wer Phil Lynott war. Es machte mich wütend. Und das passierte nicht nur einmal, es passierte ziemlich oft, bis es mich irgendwann dazu brachte, endlich was ins Rollen zu bringen, weil ich nicht wollte, dass Phils Name oder der Name der Band in Vergessenheit geraten. Brian Downey sah es genauso. Also sahen wir uns den Katalog an und begannen, ihn zu remastern und die Kontrolle über alles zu bekommen. Das liegt mir so sehr am Herzen, dass es mittlerweile so gut wie mein ganzes Leben ausfüllt.“

Die wiederbelebten Thin Lizzy tourten in den folgenden Jahren durch die ganze Welt und wurden mit jedem Mal größer und besser. Damon Johnson avancierte zum Vollzeitgitarristen und es wurden Pläne geschmiedet, endlich ein neues Thin-Lizzy-Album aufzunehmen. Gorham und Downey beschlossen allerdings, dass es unmoralisch wäre, ein neues Lizzy-Album ohne Lynott zu veröffentlichen, obwohl die Stücke schon aufnahmefertig waren. Die Lösung: eine neue Band, die Black Star Riders, allerdings fortan ohne Downey und Darren Wharton. Das Album ALL HELL BREAKS LOOSE wurde von Kevin Shirley in Los Angeles produziert und klingt frappierend nach Thin Lizzy.

27 Jahre nach seinem Tod ist Phil Lynotts Erbe lebendiger denn je. Vielen Menschen, die mit ihm gearbeitet haben oder ihm nahe standen, begegnen ihm noch heute – in lebhaften Träumen. Eine Art parapsychologisches Phänomen. In meinem eigenen Traum kommt Phil als Zombie zurück, der weder spielen noch singen kann. Innerhalb weniger Monate ist er dann wieder auf Tour, als wäre er nie fort gewesen. Ich erwähnte das Scott Gorham gegenüber. „Ja, mir geht es genauso. Die meisten, die Phil kannten, haben von ihm geträumt. Selbst Leute, die nur oberflächlich mit ihm zu tun hatten. Er hat eben einen großen Eindruck hinterlassen. In meinem Traum steige ich aus dem Auto, nachdem ich zu einer Lagerhalle gebracht wurde. Ich gehe rein und da sitzt Phil am Studio-Mischpult, und ich sage, ‚Phil, fuck, wo warst du nur, Mann?’. Und er sagt, ‚oh fuck, ich habe bei der Putzfrau gewohnt. Ich brauchte einfach eine Pause’.“ Gorham fängt an zu lachen. „Phil hatte eben immer das letzte Wort!“

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