Titelstory: Thin Lizzy – Warten auf ein Alibi…

Trotz aller Lobpreisungen, mit denen THUNDER AND LIGHTNING seit seiner Veröffentlichung überschüttet wurde, waren die Hauptakteure bei Lizzy nicht glücklich mit dem Album. „Wir waren von den Liedern nicht eben begeistert und es gab Streit“, so Gorham. „Die Drogen waren allgegenwärtig. Immer. Einige Leute arbeiteten erst, wenn sie stoned waren – ich auch, Phil ebenso. Es kam vor, dass Leute am Mischpult einschliefen. Da dröhnt dieser Metal-Sound in voller Lautstärke aus den Boxen und man nickt ein. Drogen saugen dein gesamtes Wesen aus. Ich hatte langsam genug davon.“

thin lizzy thunder and lightningEs gab noch eine ausgedehnte (Abschieds-)Tour und das war’s. LIFE war ein ironischer Titel für das folgende Live-Album, denn die Auflösung seiner geliebten Thin Lizzy sollte ihren Gründer förmlich zerreißen, gerade weil ihm diese Entscheidung von seinem stets verlässlichen Freund und Mitbegründer Brian Downey, vor allem aber von seinem Partykumpel und Co-Frontmann Gorham aufgezwungen worden war. Lynott sollte den Rest seines Lebens mit dem Versuch verbringen, Lizzy wiederauferstehen zu lassen, wenn nicht unter diesem Namen, dann doch zumindest in musikalischer Hinsicht. Doch all seine Bemühungen scheiterten an seiner Drogensucht.

Allen Menschen in seinem Umfeld war klar, dass es Phil nicht gut ging. Ich hatte es aus nächster Nähe mitbekommen. Ich rief ihn einmal zu Hause in Kew an und er schlief am Telefon ein. Wo war der Mann, der in den Anfangstagen in seiner Wohnung in West Hampstead nicht reden konnte, weil er „beschäftigt“ – ein Euphemismus für die intime Gesellschaft einer Frau – war? Ein anderes Mal erlebte ich Phils Verfall persönlich, als seine Plattenfirma mich bat, ein elektronisches Presse-Kit zusammenzustellen (also eine Aufnahme), das dann nicht verwendet werden konnte, weil seine Stimme wegen der Drogen komplett kaputt war. Natürlich dachte ich wie alle anderen, dass Phil unbezwingbar war und das durchstehen würde.

Während Gorham sich an den Gedanken gewöhnte, das Heroin aufzugeben und sich von allem loszusagen, was damit in Verbindung gebracht wird (d.h. nicht mehr mit anderen Junkies abzuhängen), nahm sich Phil nach dem letzten Thin-Lizzy-Konzert im September 1984 beim Monsters Of Rock in Nürnberg kaum eine Auszeit. „Ich war zu dem Schluss gekommen, dass ich mit diesem Scheiß aufhören muss“, so Gorham. „Nach meinem Ausstieg brauchte ich mehr als ein Jahr, um es endlich in meinen fucking Dickschädel zu bekommen, dass dieses Zeug mich umbringen oder meine Karriere zerstören würde, was sowieso schon passierte. Ich hatte zwei-, dreimal versucht, zu entziehen, aber war kläglich gescheitert, und auch alleine hatte ich es oft versucht und nicht geschafft.“

Schließlich entdeckte seine Frau Christine die Behandlung von Dr. Meg Patterson in Kalifornien, deren NeuroElectric-Therapie schon Eric Clapton und Jimmy Page erfolgreich von ihrer Heroinsucht befreit hatte. Sie brachte zwei Elektroden hinter den Ohren ihrer Patienten an und verband sie mit einer Walkman-ähnlichen Black Box, die durchgehend Tag und Nacht getragen wird. Diese Box erzeugt schwachen elektrischen Strom, der laut Patterson die Produktion mehrerer Neurochemikalien anregt, darunter auch schmerzhemmende Endorphine.

Die Ausschüttung von Endorphinen, die normalerweise durch Heroin oder Kokain blockiert wird, eliminiert die klassischen traumatischen Entzugserscheinungen – Angstgefühle, eine laufende Nase, Magenkrämpfe. Es ist eine kurze Behandlung, die vom Patienten enorme Willensstärke erfordert, um dann den Drogen fernzubleiben. Gorham war fest dazu entschlossen: „Die Behandlung dauert nur zehn Tage, aber mental brauchst du ein paar Jahre, um über die Sucht hinweg zu kommen. Ich fuhr nach Los Angeles und blieb etwa sechs Monate dort, um einen klaren Kopf zu bekommen, tauchte unter und versuchte nur, ein bisschen Gitarre zu spielen und ein bisschen aufzunehmen. Ich wollte auf keinen Fall was von Thin Lizzy spielen…und tat es auch nicht. Ich wollte mal was anderes probieren.“

Lynott plante dagegen schon die nächste Phase seiner Karriere mit einer dreiwöchigen Tour durch Skandinaviens sogenannte „Volksparks“. Dazu brauchte er nur noch eine Band! Brian Downey und John Sykes waren dabei, ebenso wie der Magnum-Keyboarder Mark Stanway, den Sykes Phil nach einem Konzert auf der THUNDER AND LIGHTNING-Tour vorgestellt hatte. „Ich fuhr schließlich mit in sein Haus, um ein paar Nächte bei ihm und John zu bleiben. Daraus wurden dann zwei Jahre“, so Stanway.

Der zweite Gitarrist auf der Tour war Doish Nagel von der Dubliner Bluesrockband The Bogey Boys. Alles schien an Thin Lizzy zu erinnern, inklusive der zwei Gitarren. Nach einer Probe begann Lynotts Solotour durch Schweden, wo hauptsächlich Solotracks und vier Lizzy-Stücke zu hören waren. „Ich denke nicht, dass er damit davon gekommen wäre, sie nicht zu spielen“, lacht Stanway. Eines dieser Stücke war ›Sarah‹, das Thin Lizzy selbst nie live gespielt hatten. Im Lauf dieser Tour erkannte Lynott das Potenzial für eine neue Band. „Nach etwa sieben oder acht Gigs war Phil so glücklich darüber, wie es lief, dass er sagte: ‚Wir müssen das zusammenhalten’“, so Stanway. Zurück in Großbritannien begannen die Proben einer Band, die nun Grand Slam hieß. Dann wurde Lynotts Selbstvertrauen aber zweimal in kurzer Abfolge erschüttert. Zuerst wurde John Sykes von David Coverdale ein Posten bei Whitesnake angeboten. Er war beim letzten Auftritt der Deutschlandtour mit Whitesnake sehr beeindruckt von ihm gewesen. „John sah eine Chance“, so Stanway. Und wahrscheinlich einen Ausweg aus dem Wahnsinn, zu dem das Leben mit Phil Lynott geworden war.

Dann gab Brian Downey bekannt, dass er das Handtuch warf. Er war des Chaos der letzten Lizzy-Jahre überdrüssig geworden, hatte angeblich auch in seinem Privatleben Probleme und sah als Mitglied von Grand Slam keine Verbesserung. Ein Zitat besagte, er habe „kein Interesse daran, in einer zweitklassigen Version von Thin Lizzy zu spielen“.

Stanway: „Ich glaube, Phil war immer noch niedergeschlagen über das Ende von Thin Lizzy. Kurz vor der Tour durch Schweden war er in Afrika im Urlaub gewesen. Ich weiß, das klingt eigenartig, aber er kam schön gebräunt zurück! Er sah so gesund aus. Ich hatte ihn nie so füllig gesehen, aber es war eine gesunde Art von füllig, wenn du verstehst, was ich meine. Er sah so voller Leben aus. In diesen Anfangszeiten war er in guter Verfassung. Der Mann wollte raus und spielen.“

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