Titelstory: Thin Lizzy – Warten auf ein Alibi…

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Titelstory: Thin Lizzy – Warten auf ein Alibi…

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Auch Archer bemerkte Lynotts Stimmungsschwankungen: „Das ging ehrlich gesagt auf und ab. Er war schwierig, weißt du? An manchen Tagen war er umgänglich, an anderen unausstehlich, und dann entschuldigte er sich hinterher.“ Stimmungsschwankungen aufgrund der Drogen? „Ich denke schon, ja! Ich meine, es gab Momente, da setzte sich Phil mit mir hin und sagte, dass er wirklich damit aufhören wollte, mit den Drogen und all dem Zeug. Er versuchte zeitweise wirklich, clean zu werden, und das Management versuchte, alle Leute mit Drogen-Connections von ihm und dem Tourtross fernzuhalten, aber das war sehr schwer.“ Und funktionierte nicht wirklich. „Für ihn lag alles auf dem Präsentierteller. Die Leute kamen zu ihm nach Hause, und es gab eben viele Typen in seinem Umfeld, die immer noch Drogen nahmen, also war es sehr schwer, ihn aus dieser Routine heraus zu holen.“

Während Phil versuchte, sein Leben zwischen der Musik und den Drogen halbwegs ins Gleichgewicht zu bringen, hatte sein Management Schwierigkeiten, einen Plattenvertrag für Grand Slam zu finden. „Am Ende von Thin Lizzy war Phil wirklich am Boden, damit schien für ihn alles vorbei zu sein“, so John Salter. „Thin Lizzy waren einfach sein ganzes Leben. Er lebte das zu 150 Prozent. Als sich dann jemand umdrehte und ihm sagte, ‚das wird dein letztes Konzert sein’, kam er damit überhaupt nicht klar. Und als dann auch noch John Sykes zu Whitesnake ging, zerstörte ihn das ebenfalls. Dass dann kein Vertrag für sein nächstes Projekt in Aussicht war, machte ihn auch nicht sehr glücklich.“

Salter hatte vom einstigen Manager Chris O’Donnell das Tagesgeschäft sowohl der Band als auch Lynotts übernommen: „Als er mich bat, zurückzukommen, bedrängte er mich die ganze Zeit. Er wollte wieder arbeiten. Aber praktisch jedes Label lehnte uns ab. Ich denke, sein Ruf eilte ihm voraus. CBS wollten uns nicht, sagten, es sei ein bisschen altmodisch und sie seien nicht überzeugt. Wir suchten nach einem richtigen Deal – 100.000£ und mehr. Lange Zeit hatten wir keinen Vertrag, eineinhalb Jahre. Ihm wurde klar, dass da etwas im Argen lag, und er dachte nicht, dass es an der Musik lag. Er fing an, der Band die Schuld zu geben.“

Doch Grand Slam machten weiter, probten, gingen ins Studio, traten auf. Archer: „Musikalisch hatte die Band Potenzial. Wir schrieben jede Menge Stücke, einige davon wurden nie in Vollendung aufgenommen, anderen spielten wir live, aber nahmen sie nie auf, andere wurden aufgenommen, aber nie live gespielt. Ich würde sagen, dass es irgendwo 48 Mixes gibt, die wir fast gemastert hätten.“ Stanmore: „Wir blieben optimistisch, denn die Band wurde immer besser. Das Publikum liebte, was wir da machten. Wir wurden immer wieder gebucht und die Konzerte wurden größer. Von den Clubs ging es in die Hallen. Vielleicht dachten die Plattenfirmen: ‚Das sind nicht Thin Lizzy – doch das ist das, was wir wollen.’ Ich sah keinen so großen Unterschied – vielleicht waren da mehr Keyboards. Die Plattenfirmen hatten damals keine Ahnung, was sie taten, aber ich bin mir sicher, dass wir viele Platten verkauft hätten. Wir verkauften jedenfalls jede Menge T-Shirts!“

Langsam wurde aber allen Beteiligten klar, dass Grand Slam weder kreativ noch finanziell tragfähig werden würden. Mit Konzerten wurde etwas Geld verdient, aber das Management hatte erhebliche Beträge investiert und begriff schnell, vor allem Morrison, dass dabei kein Gewinn rausspringen würde. Also endeten Grand Slam, bevor sie überhaupt richtig in Fahrt gekommen waren. Für Mark Stanway bot sich eine Rückkehr zu Magnum an: „Sie fragten mich, ob ich mit auf Tour gehen wolle, weil ein neues Album bei FM/Revolver anstand. Dadurch bekamen wir einen Major-Vertrag bei Polydor angeboten. Ich musste mich dann entscheiden. Phil ließ mich mit Magnum auf Tour gehen, weil wir als Grand Slam gerade nichts taten. Das war etwa im Frühling 1984 und im Sommer spielten Magnum in Donington. Da wurde uns dann ein Vertrag bei Polygram International angeboten. Ich musste einen Entschluss fassen und bei Grand Slam stand nichts an… also sagte ich, ‚ich werde bei Magnum bleiben, denn hier habe ich eine Chance’. Phil versuchte, es mir auszureden, aber er verstand, dass ich drei Kinder hatte und meine Familie ernähren musste. Er akzeptierte es… Ich will nicht, dass es so klingt, als hätte ich ihn im Stich gelassen. Man muss im Leben vernünftige Entscheidungen treffen. Ich glaube, wenn ich bei ihm geblieben wäre und darauf gewartet hätte, dass er sich endlich zusammenreißt oder eine Plattenfirma uns unter Vertrag nimmt, wäre ich sehr schnell pleite gewesen.“

Langsam drang auch zu Phil durch, dass er als Solokünstler vielleicht bessere Chancen hätte. Laurence Archer blieb ihm allerdings als Kreativpartner treu. „Wir dachten, dass da irgendwas im Hintergrund war, weswegen er keinen Vertrag bekam“, so Salter. „Wir sagten, sein Ruf sei eines der Probleme. Doch er sagte, er habe kein Problem, und ich war lange davon überzeugt, dass das stimmte. Er kam immer pünktlich.“

Doch es folgten eine Reihe von Verhaftungen wegen Drogendelikten, und Lynott war besorgt, dass eine Verurteilung ihm den Weg in die USA versperren würde. Einmal gab es eine Razzia in seinem Haus in Kew, wo die Polizei um sieben Uhr morgens kam und behauptete, vom Gasversorger zu kommen. Lynott wurde wegen des Besitzes einer Cannabispflanze angezeigt. Laut Salter hatte ihm jemand aus der Road-Crew die Pflanze als Scherz geschenkt. Sie fanden auch etwas Kokain – „nicht sehr viel!“

Bei einer anderen Gelegenheit musste der Roadie Big Charlie seinen Kopf hinhalten. Spätabends wurde Phil im Taxi angehalten und man fand kleine Mengen Kokain und Heroin in seiner Jacke. Charlie behauptete, er habe ihm die Jacke geliehen und die Drogen gehörten ihm. Phil kam mit einer Geldstrafe davon, aber es war verdammt knapp. „Vor der Anhörung hatte die Anwältin ihm gesagt, er solle sich darauf vorbereiten, einen Monat ins Gefängnis zu gehen“, erinnert sich Salter. „Als wir zum Gericht kamen, sagte sie: ‚Das könnten sechs Monate werden, diesmal bist du dran.’ Er war völlig panisch, als er da vor dem Richter stand. Er bekannte sich schuldig, kam aus dem Gerichtssaal und sagte: ‚Das war’s – ich werde clean’.“

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