Titelstory: Thin Lizzy – Warten auf ein Alibi…

Thin Lizzy live

Der Richter entschied, ihm eine letzte Chance zu geben. „Wenn ich sie jemals wieder sehe, sperre ich sie ein.“ Was für ihn sprach, war sein großes Engagement für wohltätige Zwecke, ebenso seine berufliche Karriere. Kurz darauf wurde Phil in Irland aufgrund des Besitzes von Cannabis, Heroin und Methadon angezeigt. Die Anklage wurde fallen gelassen – Phil bestand darauf, dass sie nur Überreste gefunden hatten, oder zumindest sagte er das zu Salter, der zusehends frustrierter darüber wurde, dass er seinen Schützling immer wieder aus der Scheiße holen musste, während er versuchte, seine Karriere wieder in Gang zu bringen.

Ein Teil von Salters und Morrisons Plan war es, Lynotts Karriere durch einflussreiche Freunde neuen Schub zu geben, etwa durch Huey Lewis. Lewis war ein alter Freund aus den Zeiten der JOHNNY THE FOX-Tour 1976, als seine Band Clover für Lizzy eröffnet hatte. Er verstand sich bestens mit Lizzy und spielte sogar ›Baby Drives Me Crazy‹ mit ihnen (zu hören auf dem Album LIVE AND DANGEROUS). Lewis: „Wir entwickelten eine wundervolle Freundschaft.“ Als also der Anruf kam, Lynott brauche Hilfe beim Songwriting, Aufnehmen und Produzieren – zu einer Zeit, als Huey Lewis & The News schon eine große Nummer waren –, zögerte er nicht und sagte, „komm vorbei“. Er arbeitete an Material für die Soloalben SOLO IN SOHO und THE PHILIP LYNOTT ALBUM. „Er war wunderbar, Mann. Ich denke oft an ihn. Thin Lizzy waren die beste Hardrockband, die ich je gesehen habe.“

In England arbeiteten Lynott und Archer an den Tracks, die sie aufnehmen wollten, inklusive eines von Archer verfassten Stücks namens ›Can’t Get Away‹, einem von Huey Lewis, ›Still Alive‹, plus einige Grand-Slam-Lieder. Als Lynott, Archer und Salter dann ihre Taschen packten, um nach San Francisco zu fliegen, gab es ein weiteres Problem – Phil konnte seinen Pass nicht finden. Das machte Salter richtig wütend: „Er verlor seinen Pass fünfmal in drei Jahren, also sagte die irische Botschaft irgendwann, dass er keinen neuen mehr bekommen würde. Und das passierte ausgerechnet, als wir zu den Sessions mit Huey fahren wollten.“ Archer flog allein hin, um mit Huey und seiner Band, die dafür extra Zeit in ihrem vollen Terminplan freigemacht hatten, schon mal Backing-Tracks einzuspielen. „Von Anfang an wurden unsere Pläne torpediert“, erinnert sich ein erschöpfter Archer.

Doch Salter gab nicht auf: „Letztendlich stellte die irische Botschaft einen Pass aus, der einen Monat gültig war. Dann mussten wir bei der US-Botschaft ein neues Visum beantragen. Ich wartete auf ihn und drehte langsam durch. Dann erkannte ihn jemand bei der Botschaft und sagte, ‚hey, dieser Typ hat Vorstrafen wegen Drogen…’, was aber nicht angegeben worden war. Und das war’s – kein Visum. Drei, vier Tage verstrichen und Huey Lewis & The News warteten. Huey verstand Phil, also fingen wir trotzdem mit der Arbeit an. The News kamen vorbei und nahmen die Backings mit Archer auf. Dann fand Phil seinen Pass mit dem alten Visum, also brachten wir ihn zum Flughafen und schickten ihn rüber. Er kam mit acht Tagen Verspätung dort an. Als die Botschaft erfuhr, was wir getan hatten, flippten sie aus und zogen die Pässe wieder zurück. Danach stimmten sie zu, ihm monatlich einen Pass auszustellen, solange er sich in meinem Besitz befinden würde. Jeden Monat musste ich hin, um ihn verlängern zu lassen, und nach sechs Monaten gaben sie nach. Dann brauchten wir einen Anwalt in Visumsangelegenheiten und stellten einen für horrendes Geld ein. Dann wurde Phil mal wieder verhaftet, als wir gerade auf den Pass warteten! Wie immer forderte Phil sein Glück heraus.“

Lewis erinnert sich an die Sessions: „Wir waren fast fertig. Ich hatte es so arrangiert, dass er in seiner Tonlage singen konnte. Drei oder vier Jahre lang hatte er nicht mehr in der Tonlage von ›The Boys Are Back In Town‹ oder ›Jailbreak‹ gesungen. Auf seinem Solozeug sang er sehr tief. Wir nahmen die Tracks auf, dann machten wir die Vocals zu ›Still Alive‹ und dem Stück von Laurence. Sie waren großartig. Er hatte Schwierigkeiten, weil er die hohen Töne nicht traf, aber es war fast perfekt. Es war nicht leicht, aber ich ließ ihn auch hart arbeiten. Wir waren fast fertig, als er wieder weg musste.“ In Lewis’ Erinnerung war Lynott absolut fit: „Er war okay. Er war clean. Er war gut. Darauf bestand ich. Er musste clean sein, oder ich würde nicht mit ihm arbeiten.“ Archer erinnert sich allerdings an einen anderen Phil in den Staaten: „Ich hatte Phil nur kurze Zeit nicht gesehen, während ich schon drüben war, aber er war in einem ziemlich schlechten Zustand, als er ankam. Es ging ihm nicht sehr gut – er rauchte, keuchte, hustete und hatte außerdem stark zugenommen.“

Leider wurde in San Francisco nicht so viel Material fertig wie erhofft – angesichts der Begleitumstände wenig überraschend. Einige Backing-Tracks waren ohne Vocals aufgenommen worden, aber generell waren alle zufrieden mit den zwei Stücken – ›Still Alive‹ und ›Can’t Get Away‹ –, die beinahe schon gemastert waren, und Salter hatte wieder mehr Hoffnung, dass er damit endlich einen Vertrag an Land ziehen würde. Der Deal mit Polydor kam auch tatsächlich zustande – zwei Alben mit einem Vorschuss von 50.000£ für das erste, mehr für das zweite und Optionen auf drei weitere. Tom Dowd (Eric Clapton, Lynyrd Skynyrd, Rod Stewart u.a.) sollte produzieren, war aber nur von drei Stücken beeindruckt und wollte externe Songwriter anheuern. „Das war keine gute Idee“, sagt Salter.

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