Titelstory: Thin Lizzy – Warten auf ein Alibi…

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Titelstory: Thin Lizzy – Warten auf ein Alibi…

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Es sollte Lynotts letztes Interview werden und Bonutto erinnert sich mit einem Anflug von Bedauern daran: „Es war schwer für ihn, einige der Fragen zu beantworten, denn er war nicht mehr der Typ von Thin Lizzy und vermisste das sehr. Wie ersetzt man es, der Frontmann einer Band wie Thin Lizzy gewesen zu sein? Es war seltsam und traurig. Ich hatte den Eindruck, dass ihm nicht klar war, wie es dazu gekommen war, genauso wenig wie mir. Rückblickend war es einfach der falsche Moment. Langfristig wäre alles wieder in Ordnung gekommen. Es war eine sehr eigenartige Zeit in seinem Leben, er schien selber nicht zu wissen, was er tun sollte.“

Über die gesamte Dauer des Interviews keuchte Lynott und sah schlecht aus. „Ob er nun gesund war oder nicht, ich war einfach nur aufgeregt, ihn zu treffen. Ich dachte, er würde das überstehen, denn man erwartet das immer von solchen Leuten, aber jeder ist fehlbar. Es muss schwer für ihn gewesen sein, nicht mehr im Rampenlicht zu stehen. Aber ich bin mir sicher, wenn er überlebt hätte, hätte er eine fantastische Karriere vor sich gehabt.“
Kurz vor diesem Interview hatte Scott Gorham beschlossen, seinem alten Thin-Lizzy-Kumpel einen Besuch abzustatten. „Ich war in L.A. im Studio“, erinnert er sich. „Es war wahrscheinlich etwas über ein Jahr her, seit ich Phil gesehen hatte. Ich wollte unbedingt, dass er diese neuen Aufnahmen hört, die ich gemacht hatte, aber vor allem wollte ich Phil wieder sehen. Ich dachte, es war Zeit, wieder Kontakt aufzunehmen, und fühlte mich sicher genug, um wieder mit Menschen zusammen zu sein, die Drogen nahmen. Das war wichtig. Das Erste, was du tun musst, wenn du beschließt, den Drogen zu entsagen, ist dass du konsequent all die Leute hinter dir lässt, mit denen du Drogen genommen hast, sonst wirst du nur wieder rückfällig. Die Versuchung ist zu groß, aber ich fühlte mich damals mental stark genug, um bei ihm vorbei zu schauen, meinen alten Kumpel zu treffen, mich einfach mit ihm zu unterhalten und zu sehen, wie es ihm geht.“

Phil war überglücklich, von ihm zu hören, und sie verabredeten sich sofort in seinem Haus in Kew. Scott Gorham war schockiert von dem, was er an jenem Morgen sah: „Ich klopfte an die Tür, öffnete sie, und da stand er in seinem Bademantel und seiner Pyjamahose. Ich sah ihn an und war absolut entsetzt. Er war total aufgedunsen, seine Augen waren total im Arsch, seine Haut sah furchtbar aus und er keuchte aufgrund seines Asthmas, dass es kaum noch zu ertragen war. Bei Phil war das ein sicheres Anzeichen dafür, dass er ganz tief im Heroinsumpf steckte. Wann immer er Heroin nahm, bekam er diese Asthmaattacken und hing nur noch an seinen Inhalatorien.“

Thin Lizzy Live And Dangerous

Gorham freute sich trotzdem, ihn zu sehen, und blieb drei Stunden, um zu plaudern. „Ich verdrängte, wie entsetzlich er aussah. Ich kam herein, wir umarmten einander fest und fingen an, zu plappern, darüber, was wir so erlebt hatten. Ich spielte ihm meine Aufnahmen vor und ihm schien ehrlich zu gefallen, was er da hörte. Dann holte er seine Gitarre hervor und sagte: ‚Ich habe da dieses fucking Lied, das ich dir vorspielen will’. Man hörte, dass es noch überhaupt nicht fertig war, also hatte sich seit den alten Zeiten nichts geändert! Und dann begann er, darüber zu reden, dass man es noch mal versuchen könnte, dass er wieder zu schreiben anfangen und die Band zurückholen wollte. Nach außen sagte ich, ‚tolle Idee’, aber im Inneren sah ich Phil an und dachte, dass er niemals imstande wäre, wieder auf Tour zu gehen. Er sagte Dinge wie, ‚ich werde mit den Drogen aufhören, ich werde wieder gesund. Ich werde wieder in Form sein’, und ich sagte, ‚das ist genau das, was du tun musst’, denn wir wussten beide, was es bedeutet, auf Tour zu gehen. Du kannst nicht einfach da raus gehen, wenn du dermaßen im Arsch bist. Er wusste das und er wusste, dass ich das wusste, und deswegen sagte er diese Dinge. Aber er schien sie wirklich, wirklich ernst zu meinen, denn als er sah, wie gesund ich war, wollte er auch so sein – doch gleichzeitig wusste er, dass er gefangen war. Wir saßen also da und sprachen über die alten Zeiten, alte Geschichten, den Scheiß, den wir angestellt hatten, wie wir Dinge besser hätten machen können und sollen. Wir sagten, ‚wenn wir es noch einmal tun würden, würden wir es etwas anders angehen’, solches Zeug eben, was Freunde nun mal so reden…“

Beide waren sich einig, dass eine Lizzy-Reunion eine gute Idee wäre, irgendwann in der Zukunft. Gorham: „Es gab eben das Problem mit seiner Gesundheit, eine große Hürde. Ich glaubte aber nicht, dass man sie nicht überwinden könnte. Zumindest dachte ich das damals nicht. Ich glaubte, Phil war die Sorte Mensch, die alles bekommen konnte, wenn sie es nur wirklich wollte. Er wusste, wie ich über eine Reunion dachte – dass wir in Topform sein mussten, um da raus zu gehen und das durchzuziehen. Als ich an dem Tag fortging, war ich guter Dinge. Noch wenige Monate zuvor, als ich total verzweifelt war und dringend von den Drogen loskommen wollte, hatte ich kein Problem damit, um Hilfe zu bitten. Aber für einen Menschen wie ihn war es wirklich sehr schwer, um die Unterstützung zu bitten, die er dringend benötigte, denn er hätte sich eingestehen müssen, schwach zu sein, was vor allem damals in den 80ern nicht zum männlichen Selbstbild gehörte. Aber ihm war sicher bewusst, dass er es nicht alleine schaffen würde. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass er tatsächlich den entscheidenden Schritt tun würde, obwohl ich andererseits glaubte, dass er wirklich gesund werden wollte. Aber ich hatte keinen Schimmer, wie er es schaffen konnte, weil er eben diese Art von Mensch war. Er saß wirklich in der Klemme.“

Nur wenige Wochen später sollte sich Lynotts Unfähigkeit rächen. An Weihnachten 1985 fand man ihn in seinem Badezimmer, wo er beim Verlassen der Badewanne gestürzt war. Seine Frau Christine wurde angerufen und fuhr die 160 Kilometer aus Bath herüber, wo sie Weihnachten mit ihren Kindern Sarah und Cathleen verbrachte. Sie ging davon aus, dass Phils Zustand drogenbedingt war und brachte ihn zunächst in eine auf Süchtige spezialisierte Klinik in Wiltshire. Dort wurde er von den Ärzten an die Intensivstation des Krankenhauses von Salisbury verwiesen, da er an einer Blutvergiftung litt. Die Infektion breitete sich aus und am 4. Januar 1986 starb er schließlich nach einem elftägigen Überlebenskampf an Herzversagen, Lungenentzündung und den durch seine Sucht verursachten inhärenten Problemen.

Jeder war schockiert. Ich wusste, dass Jimmy Bain Weihnachten bei Phil zu Hause feiern wollte. Ich rief ihn in Los Angeles an, um ihm von Phils Tod zu berichten. Am anderen Ende der Leitung war nur entsetzte Stille, als Bain die Nachricht verarbeitete. Er sagte sehr wenig. Scott Gorham erinnert sich: „Meine Frau Christine ging ans Telefon und ich hörte nur noch, ‚oh mein Gott! Nein!’. Und ich dachte, ‚verdammt, Phil ist tot’. Ich setzte mich im Keller auf die Treppe und weinte einfach nur. Es brachte mich fast um, dass er nicht mehr da sein würde.“

„Ich weiß nicht, ob Schock der richtige Ausdruck ist, denn ich hatte ihn in den übelsten Zuständen gesehen“, sagt Mark Stanway. „Laurence und ich mussten ihn zu Hause oft ins Bett tragen.“ Dante Bonutto sah es so: „Ich war sehr schockiert, von seinem Tod zu hören. Man will nie das letzte Interview mit jemandem führen. Ich bin sicher nicht der einzige, der denkt, dass es vermeidbar gewesen wäre. Hätte nicht vielleicht jemand den Arm um ihn legen und fragen können, ‚was ist los?’. Der Mann brauchte doch ganz offensichtlich Hilfe, anstatt im Fernsehen aufzutreten. Ich weiß nicht, was genau passierte, aber ich frage mich einfach, warum damals niemand da war, der ihm half – aber vielleicht wollte er das ja auch nicht.“

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