Titelstory: Die Geburt des Heavy Rock

Black Sabbath_Original Line-Up (1)›Your Time Is Gonna Come‹
Eure Zeit wird kommen,
Januar-März, 1969

Led Zeppelin waren allen anderen Bands bereits weit voraus. Sie hatten im vorigen September ihr Debütalbum aufgenommen und der Hype um sie wuchs in Großbritannien und Amerika dank ihrer Killer-Live-Shows. LED ZEPPELIN I erschien am 12. Januar 1969. In den britischen Charts erreichte es Platz 6, in den USA Platz 10. Der Ballon war in die Luft gestiegen.

Jimmy Page: Das erste Album wurde wirklich schnell fertig. Es wurde kurz nach Entstehung der Band aufgenommen. Für unser Material gingen wir offensichtlich direkt zu unseren Blues-Wurzeln zurück. Ich hatte immer noch eine Menge Yardbirds-Riffs übrig.

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John Paul Jones: Wir hörten nie dieselbe Musik. Ich habe immer gesagt, dass Zeppelin der Raum zwischen uns waren. Bonzo stand auf Soul und Motown, ich auf Jazz und Klassik, Jimmy auf Rockabilly, Blues und Folk und Robert auf Blues und Elvis. Niemand außerhalb der Band konnte das glauben, aber wir hielten es für sehr wertvoll.

Edgar Broughton: Ich erinnere mich an die Einzigartigkeit der Musik und wie ich akzeptieren musste, dass ich so etwas noch nie gehört hatte. Es waren das unglaubliche Gitarrenspiel und die Gewalt der Drums, die mich so begeisterten. Und sie hatten es geschafft, diesen riesigen Heavy-Rock-Sound im Studio einzufangen, was damals ziemlich selten war.

Andy Parker (Hocus Pocus/UFO): Ich war ein Riesenfan von The Who, Cream und Hendrix, aber bei Zeppelins erstem Album dachte ich nur noch: „Oh mein Gott!“ Plötzlich gab es diese neue Heavyness in der Musik.

Andy Fraser (Free): Wir hörten uns Zeppelin an, die ein bisschen wie wir waren. Sie kamen vom Blues, gingen in den Rock über, aber mit anderen Einflüssen. Wir sagten: „Yeah, wirklich, wirklich gute Musiker“, aber einige ihrer Stücke waren nicht so gut wie ihre Fähigkeiten erlaubt hätten. Robert Plant schrie herum und wir dachten: „Ist ihm etwa kein Text eingefallen?“

Zeppelins erstes Album sollte zum Katalysator für eine weitere Band werden, die eine Schlüsselrolle in der Entwicklung des neuen, härteren Klangs spielte. Humble Pie wurden Anfang 1969 vom Small-Faces-Frontmann Steve Marriott und dem Ex-The-Herd-Gitarristen Peter Frampton gegründet.

Peter Frampton (The Herd/Humble Pie): Ende 1968 war ich in Paris und arbeitete mit den Small Faces an einem Johnny-Hallyday-Album. Sie fuhren zurück nach London, um einen Silvester-Gig im Alexandra Palace zu spielen, und ich blieb mit unserem Produzenten Glyn Johns in Paris. Spät am Silvesterabend sagte Glyn: „Lass mich dir dieses Album vorspielen. Wir nahmen es in zehn Tagen auf. Es ist diese neue Band, Led Zeppelin.“ Ich hörte es an und meine Kinnlade fiel einfach nur auf den Boden. Ich liebte Jimmys Gitarre und den Gesang, aber was mich wirklich umhaute, war John Bonhams unglaublicher Basstrommel-Sound und sein Gefühl. Dann rief mich Steve Marriott tatsächlich zwischen der A- und B-Seite des Zeppelin-Albums an. Er war im Ally Pally von der Bühne gegangen und sagte: „Ich habe die Nase voll. Ich bin fertig mit dieser Band.“

Jerry Shirley (Schlagzeuger, Humble Pie): Ich hatte währenddessen mit meiner damaligen Band Little Women einen Silvester-Gig gespielt und war irgendwann nach Mitternacht ins Haus meiner Eltern zurückgekehrt. Das Telefon läutete und es war Steve, der fragte, ob er der Band beitreten könne, die ich gerade mit Peter gründete.
Peter Frampton: Im Wesentlichen wollte Steve, dass ich den Small Faces beitrete, und die anderen wollten davon nichts wissen. Also sagte er ihnen: „Wenn ihr Pete nicht einsteigen lasst, werde ich bei Petes Band einsteigen.“

Jerry Shirley: Wir sahen uns nie als Heavy-Metal-Band. Wir waren eine wirklich kraftvolle, hart rockende Bluesband. Wir versuchten, Dylans Backingband zu sein, The Band, aber Version 2.0. Es gibt ein Stück auf ihrem ersten Album namens ›Chest Fever‹, das ziemlich hart ist. Kein Metal, aber ziemlich heavy.

Etwa zur gleichen Zeit reisten Earth von Birmingham nach Süden, um ihr erstes Konzert in London zu spielen, als Vorgruppe der Jazzrocker Colosseum im Marquee. Doch das war nicht nur ein Londoner Phänomen. Auch anderswo im Land wurden ähnliche Clubs zur Brutstätte einer neuen Welle von Bands.

Freddy Bannister (Konzertpromoter): Im Wesentlichen hatte sich die Szene Ende der 60er von den Popgruppen zu den progressiveren Bands hin verändert. Anfang Januar 1969 veranstaltete ich ein Konzert im Pavilion in Bath mit Jethro Tull, Aynsley Dunbar’s Retaliation, Love Sculpture, Jeff Beck, Moby Grape, Amen Corner und John Lee Hooker. Das gibt dir eine Vorstellung davon, was damals los war.

Ken McKenzie (Besitzer der Multichord-Studios in Sunderland): In Sunderland veränderte sich alles hauptsächlich dank eines Promoters namens Geoff Docherty, der unglaubliche Bands in die Gegend brachte. Wegen seiner Kontakte nach London konnte er Bands wie Pink Floyd und Deep Purple bekommen.

Geoff Docherty (Promoter im Nordosten Englands): Ich hatte eine sechswöchige Lücke zwischen Auftritten von Family und Pink Floyd. Ich buchte Free für den 13. Januar 1969 für 35 Pfund. Niemand hatte von ihnen gehört, also waren nicht viele Leute da. Bei diesem ersten Mal dachten die Leute, die auftauchten, wegen des Bandnamens sogar, der Eintritt sei umsonst. Ich fand, es war ein dummer Name. Aber die Band war jung und dynamisch und passte sehr gut zusammen. Ich glaubte an sie.

Simon Kirke: Free und der Nordosten hatten ein wunderbares Verhältnis. Unsere Musik war reduzierter, leidenschaftlicher Blues, der den bodenständigen Leuten dort gefiel.

Geoff Docherty: Immer wenn ich Free buchte, waren die Konzerte rammelvoll. Alle drehten durch. Mädchen fielen in Ohnmacht, ich hob sie auf und trug sie backstage. Ich hatte den Verdacht, dass sie das vielleicht absichtlich taten, um die Band zu treffen.

Dave Black (Kestrel): Aus den Soulbands im Nordosten wurden 1969 Rockbands. Sie hatten immer noch Bläser, aber sie fingen an, rockiger zu werden und Stücke wie ›Sunshine Of Your Love‹ zu spielen. Es war das erste Mal, das Bands Stücke zu schreiben begannen, die auf Riffs basierten.

Edgar Broughton (Edgar Broughton Band): Es war nicht so, dass dort der Prog entstand und hier der Metal. Es war eher wie ein großer musikalischer Eintopf, und man steckte einfach mal seinen Löffel rein und probierte. Ich glaube nicht, dass irgendwer von uns wusste, was wir da taten. Man hatte eben das Gefühl, dass man eine Idee realisiren konnte und man tat einfach das, was man für richtig hielt. Außerdem wurden die Verstärker und Lautsprecher immer leistungsfähiger. Plötzlich flatterte da dieser große Basslautsprecher. Es war fast schon physisch, es ließ einem das Hemd wehen. Man fing an, diesen härteren Sound zu machen, einfach weil es ging.

Es gab immer noch Teile des Landes, in denen dieser Wandel auf sich warten ließ. Die walisischen LSD-Rocker Man etwa wollten nichts mit ihren britischen Zeitgenossen zu tun haben.

Deke Leonard (Man): Bands wie Free, Black Sabbath, Hawkwind und so ignorierten wir komplett. Wir sahen uns als Teil der alternativen Kultur. Unsere Einflüsse waren die amerikanischen Rockgruppen, also hörten wir den ganzen Tag ihre Platten und machten dann abends unsere Musik – Zappa, Beefheart, Quicksilver. Ich mochte Terry Reid. Er war 24 Karat fucking echt.

Terry Reid: Ich verdiente in dem Jahr gutes Geld. Ich war nie ohne einen Gig, spielte vor allem in dem, was wir die Brot-und-Butter-Szene nannten. Das war jede Menge Butter. Es gab viel Arbeit. Ich denke, die Musik, die ich damals machte, hat die Zeit gut überdauert.

In der letzten Januarwoche veröffentlichten Cream ihr Abschiedsalbum GOODBYE. Es erreichte Platz 1 in den britischen Charts und Platz 2 in den USA und stellte die Wachablösung dar.

Eric Clapton: Wir brachten da etwas ins Rollen, für das ich gar nicht verantwortlich sein will. Man sagt, wir hätten das Heavy-Metal-Ding ins Leben gerufen. Das ist eine ziemliche Anklage.

John Bonham (Led Zeppelin): Ich war von Ginger Baker beeinflusst. Er war der Erste, der zeigte, dass ein Schlagzeuger in einer Rockband in der ersten Reihe stehen konnte und nicht nur da hinten versteckt und vergessen wurde.

Ginger Baker (Schlagzeuger, Cream): Die Leute sagen, Cream hätten den Heavy Metal geboren. Wenn das so ist, hätten wir abtreiben lassen sollen.

Jack Bruce (Bassist, Cream): Ich fühle mich immer noch nicht für die Erfindung des Heavy Metal schuldig. Das könnt ihr Led Zeppelin vorwerfen.

Robert Plant (Led Zeppelin): Selbst beim ersten Anhören war da solch ein Unterschied zwischen uns und Cream. Ein intensiver Unterschied. Es gab andere Gruppen im Land, die besser an Creams Stelle hätten treten können.

Geezer Butler: Zeppelin ebneten uns den Weg. Natürlich wurden wir mit ihnen verglichen – sie waren die härteste Band, bis wir auftauchten. Sie haben das Genre absolut ins Leben gerufen, und wir haben davon massiv profitiert.

Deke Leonard: Ich mochte Led Zeppelin. Vor allem, als sie die Proto-Heavy-Metal-Band waren. Wir mochten harte Musik, etwas mit Feuer im Bauch, kein Wischi-waschi-Moody-Blues-Mist. Jethro Tull und Deep Purple fand ich bescheuert.

Deep Purple hatten 1968 schon zwei durchwachsene Proto-Prog-Rock-Alben mit dem ersten Sänger Rod Evans veröffentlicht und mit ihrer Coverversion von Joe Souths ›Hush‹ einen Zufallshit in den USA gelandet. Im Februar traten sie im Birminghamer Club Top Rank zu einer zweiwöchigen Englandtour an.

Jon Lord (Deep Purple, Zitat von 1969): Ich denke, man könnte wohl sagen, dass wir Symphonic Rock spielen. Vor allem in den USA gelten wir als Underground-Band, dabei waren wir erst ein Top-40-Act und wurden dann Underground. Es kann sein, dass wir hier aufgrund dieses Charterfolgs nur langsam Anerkennung bekommen. Egal, was Leute sagen, es gibt einen gewissen Snobismus; Blues-Gruppen, die nicht zugeben möchten, dass sie gerne den Erfolg hätten, den Hits mit sich bringen. Also verdienen sie weiter 100 Pfund pro Abend, während wir das Zwanzigfache einnehmen.

Der März 1969 sollte zur wichtigen Station beim Aufstieg dieser neuen Musik werden. Anfang des Monats nahmen Led Zeppelin eine Live-Session für die BBC-Show „Top Gear“ des Radio-DJs John Peel auf, der Bastion der Underground-Musik. Im selben Monat hörte Peel erstmals Earth im Bay Hotel in Sunderland. Und am 14. März veröffentlichten Free ihre erstes Album TONS OF SOBS.

Geoff Docherty (Promoter): Ich brachte Peel dazu, in den Norden zu kommen. Ich war so aufgeregt. Es war, als würde ich Elvis treffen. Peel war derjenige, der die musikalische Revolution lostrat. Und sie am Laufen hielt. Peel war es, der die Leute anzog, nicht Earth oder die Headliner, Van Der Graaf. Er legte ein paar Platten für das Publikum auf und stellte die Bands vor. Earth bekamen keine besondere Reaktion. Sie waren nicht laut. Die Anlage war dafür nicht groß genug.

Andy Fraser: Als wir ins Studio gingen, um unser erstes Album aufzunehmen, fingen wir bei null an. Wir wussten nicht, wie es war, zu versuchen, dieses tolle Gefühl eines Gigs in dieser völligen Stille zu erzeugen. Aber wir lernten schnell. Und es ging darum, Alben zu machen. Wir dachten nicht mal darüber nach, was eine gute Single für uns bewegen könnte. Folglich koppelten wir von diesem ersten Album nicht mal eine Single aus.

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