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Steve Hackett: THE CIRCUS AND THE NIGHTWHALE

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Kosmopolitische Rückschau des Genesis-Veteranen

Unter allen ehemaligen und späteren Genesis-Musikern ist Steve Hackett der wohl produktivste. Mit einer scheinbar unbegrenzt haltbaren Kreativität schwingt sich der englische Gitarrist und Songschreiber zu immer neuen Abenteuern auf, im Fall von THE CIRCUS AND THE NIGHTWHALE jetzt zu einer Art Retrospektive seiner eigenen Lebensgeschichte. Es geht um die Radiolandschaft in den 50er-Jahren und wie sie sich im Lauf der Zeit dramatisch verändert hat, aber auch um die Frage, ob und wie ein Leben vor und nach dem Tod aussehen sollte beziehungsweise könnte. Hacketts neues Werk ist zugleich eine Liebeserklärung an seine Ehefrau Joanna, die er 1990 kennengelernt hat und die seitdem treusorgend an seiner Seite steht. Passend dazu auch die Musik der Scheibe, ein Konglomerat aus großartigen Melodien, feinfühligen Atmo-Sequenzen und dem durchgehend spürbaren Faible für Weltmusik. Hackett ist und bleibt ein Kosmopolit, dessen Einflüsse nicht nur im Europa der 60er und 70er zu suchen sind, sondern auch im Nahen und Fernen Osten. Gibt es ein Fazit der NIGHTWHALE-Story? Vermutlich dieses: Ehrlichkeit währt am längsten.

7 von 10 Punkten

Steve Hackett
THE CIRCUS AND THE NIGHTWHALE
INSIDEOUT/SONY

Sarah Jarosz: POLAROID LOVERS

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Die Texanerin öffnet sich für Pop und Rock

2016 sah man sie auf UNDERCURRENT noch in sich gekehrt auf einem Schwarz-weiß-Bild. Jetzt macht sie sich fürs Fotoalbum zurecht und erstrahlt in voller Farbe. Auch musikalisch geht Jarosz mehr in die Offensive. Grundsätzlich kommt sie aus dem Bereich Bluegrass, Country und Folk. Spuren davon sind noch vorhanden, besonders in ›Columbus And 89th‹. Aber man merkt auch, dass sie mit ihrem siebten Werk mehr in die musikalische Mitte will. ›Jealous Lovers‹ geht klar in Richtung Pop und Rock. Das gilt für mehrere der elf Tracks, für ›Runaway Train‹ genauso wie für ›Take The High Road‹. Jarosz achtet auf die richtige Balance. Man merkt, dass sie viel für Linda Ronstadt, Gillian Welch und jetzt wahrscheinlich auch Margo Price übrighat. Haupthelfer bei den Sessions war Daniel Tashian als Produzent und Co-Songschreiber. Er hat schon Kacey Musgraves zur Flucht aus der Country-Enge motiviert und zuletzt mit Demi Lovato gearbeitet. Jarosz bleibt dennoch sie selbst, betört mit ihrer wunderbar natürlichen Stimme und ist jetzt stilistisch breiter aufgestellt. So kommt keine(r) mehr an ihr vorbei.

8 von 10 Punkten

Sarah Jarosz
POLAROID LOVERS
ROUNDER RECORDS/CONCORD/UNIVERSAL

Blackberry Smoke: BE RIGHT HERE

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Feuer und Flamme

Keine Handbreit abgewichen vom Klang ihrer bisherigen Karriere sind Blackberry Smoke auf ihrem mittlerweile achten Studioalbum BE RIGHT HERE. Das Opus entstand im Herbst und Winter 2022 und 23 unter ähnlich rohen Umständen wie der Vorläufer YOU HEAR GEORGIA – live im Studio, alle zusammen in einem Raum. Ungefähr zur selben Zeit wurde bei Drummer Brit Turner ein Glioblastom (ein Hirntumor) festgestellt, eine Krebsart, an der Rush- Drummer Neil Peart gestorben ist. Unter Druck setzen ließ sich die Truppe davon nicht, sie arbeitete in aller Ruhe weiter, während Turner gleichzeitig behandelt wurde. Er gehört weiterhin zum Team. Auch Produzent Dave Cobb (Rival Sons, Jason Isbell, Lady Gaga, Chris Stapelton) war wieder im Studio dabei, um die zehn Tracks auf Tape zu bannen, eine Sammlung aus charakteristischen Rock’n’Roll-Hymnen, an Americana angelehnten Balladen und Country-Rock-Jams. BE RIGHT HERE ist das Credo – eine Erinnerung, im Hier und Jetzt zu sein. Musikalisch feiern Blackberry Smoke die einfachen Freuden des Lebens und die flüchtigen Glücksmomente, die ihnen auf dem Weg begegnen. Charlie Starr (Gesang, Gitarre), Richard Turner (Bass), Paul Jackson (Gitarre), Brandon Still (Keyboards) und Drummer Brit Turner ergänzen das Ganze – verstärkt durch Preston Holcom (Schlagzeug) und Benji Shanks (Gitarre) – mit exzellenten Melodien und eingängigen Refrains.

8 von 10 Punkten

Blackberry Smoke
BE RIGHT HERE
3 LEGGED/THIRTY TIGERS/MEMBRAN

Gewinnspiel: Tickets für Barclay James Harvest feat. Les Holryod im Lostopf

Vor über 50 Jahren starteten Barclay James Harvest um Les Holroyd ihre Band in Manchester. Seit 1967 begeistern die Briten ihre Fans mit melancholischem, proggigem Classic-Rock und esoterisch angehauchten Klängen.

In den nächsten Wochen spielen die britischen Urgesteine einige Shows in Deutschland. Die Formation um Gründungsmitglied Les Holroyd wird das Publikum mit “alten” Klassikern und jüngeren Eigenkompositionen verzaubern.

Die Tourtermine:

26.02. Dresden, Alter Schlachthof

27.02. Berlin, Admiralspalast

28.02. Leipzig, Haus Auensee

01.03. Esslingen, Neckarforum

02.03. Mainz, Gutenbergsaal

03.03. Köln, E-Werk

04.03. Hamburg, Laeiszhalle

06.03. Nürnberg, Löwensaal

07.03. Erding, Stadthalle

CLASSIC ROCK verlost 5×2 Freikarten in einer Stadt eurer Wahl. Jetzt mitmachen und gewinnen!

[contact-form-7 id=“50bd61c“ title=“Barclay James Harvest feat Les Holroyd Tickeets“]

The Kinks: Wir gegen die

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Es tut gut zu wissen, wer der Feind ist. Die Kinks spüren das, als sie vor über 50 Jahren ihr kämpferischstes Album aufnehmen und mit einem Song über eine Dragqueen ihren letzten großen Hit landen. Es ging darum, frei zu sein, sagt Bandchef Ray Davies. Eine Geschichte über Rivalität, Bruderliebe und ein Business, das einen für Fehler zahlen lässt.

An einem Abend Anfang 1970 sitzt Ray Davies im Haus von Philip Saville in St. Johns Wood in London. Savilles Freundin, die Schauspielerin Diana Rigg, macht gerade Abendessen. Davies ist gekommen, um mit dem Regisseur über ein BBC-Fernsehspiel zu sprechen, in dem der Kinks-Sänger die Hauptrolle übernehmen soll. Es heißt „The Long Distance Piano Player“ und erzählt die Geschichte des jungen Klavierspielers Pete, der von seinem ihn ausbeutenden Manager als Marathon-Mann vermarktet wird, der in einem Weltrekord vier Tage und Nächte lang ohne Unterbrechung Klavier spielt. An der Grenze zum Wahnsinn bricht Pete am Ende in den Armen seiner Frau zusammen. Der Song ›Got To Be Free‹ ist Teil des Stücks, das im März 1970 in den Fernsehstudios der BBC aufgezeichnet wird. Da plant Davies längst sein nächstes Album mit den Kinks. Und auch darin soll es um Ausbeutung gehen, um Manager und Musiker, um das echte Leben, um seine Band. Es soll ein Befreiungsschlag werden, in jeder Hinsicht. ›Got To Be Free‹ ist so was wie die Keimzelle dieses Unterfangens, das Motto der Platte, die kommen wird, die kommen muss – gegen alle Widerstände. Und sie wird bis dahin zurückgehen, als alles begann.

Die Vorgeschichte: Als die Kinks 1964 wirklich ernsthaft anfangen, Musik zu machen, haben sie wie die meisten Anfänger keine Ahnung, wie das Business läuft. Aber damit wollen sie sowieso so wenig wie möglich zu tun haben. Also geben sie die geschäftlichen Angelegenheiten in die Hände zweier Freunde: Grenville Collins und Robert Wace. Das Problem: Die beiden haben genauso wenig Ahnung. Was sie nicht daran hindert, ihr eigenes Unternehmen zu gründen, Boscobel Productions, dessen einziger Zweck es ist, die Kinks zu managen. Weil Collins und Wace nach einiger Zeit aber doch aufgeht, dass es gar nicht so leicht ist, ihren Klienten einen Plattenvertrag zu verschaffen, wenn man weder Connections noch Erfahrung hat, tun sie sich mit Denmark Productions zusammen.

Das Unternehmen, das auf Künstlervermarktung spezialisiert ist, hat seinen Sitz in der Denmark Street in London und wird geleitet vom 50er-Jahre-Popsänger Larry „The Teenage Rage“ Page. Und der macht für die Kinks auch schnell einen Plattendeal mit Pye Records klar. Weil die beiden Anführer der Band, die Brüder Ray und Dave Davies, beide unter 21 sind, unterschreiben ihre Eltern den Vertrag. Es ist ein Standardvertrag, wie er damals den meisten jungen Künstlern vorgesetzt wird – und weil sie es nicht besser wissen, lassen sich die meisten darauf ein. Am Ende landet bloß ein minimaler Anteil an den Einnahmen bei den Musikern selbst, sie müssen eine feste Anzahl an Alben beziehungsweise Singles abliefern und die Songrechte bleiben beim Label. Aber, hey: der erste Plattendeal! Und wer weiß schon genau, ob die Hits überhaupt kommen, und wenn ja, wie lang der Erfolg anhält.

Bei den Kinks kommen die Hits, wie man heute weiß, und sie kommen bald. Die erste Single der Band, ein Cover von Little Richards ›Long Tall Sally‹, verpufft noch unbemerkt. Aber die Nachfolger, ›You Really Got Me‹ und ›All Day And All Of The Night‹, beide 1964 veröffentlicht, schaffen es in die Charts, ›You Really Got Me‹ geht in Großbritannien sogar auf die Eins. Rückblickend gelten die Songs als Blaupause für den britischen Punkrock. Logisch also, dass die Davies-Brüder damals schnellstmöglich wieder raus wollen aus ihrem Vertrag. Und die Rechte an ihren Songs sollen bitte auch bei ihnen bleiben. Aber Deal ist Deal, und damit fängt ein Rechtsstreit an, der sich über die restlichen 60er-Jahre ziehen wird und Ray auch dann noch zu schaffen macht, als er mit Philip Saville und Diana Rigg in St. Johns Wood 1970 beim Abendessen sitzt und ihm die neuen Lieder für das achte Studioalbum der Kinks durch den Kopf gehen. Das Album, mit dem alles anders werden, das alles aufdecken soll. Es ist auch die Zeit, als die Kinks endlich wieder in Amerika auftreten dürfen. 1965 war ihnen das von der US-amerikanischen Musikergewerkschaft untersagt worden. Warum genau, ist bis heute nicht so richtig klar. Man habe sie für Kommunisten gehalten, hat Ray Davies mal behauptet, in seiner Autobiografie macht er „bad luck, bad management, bad behaviour“ dafür verantwortlich. Als ich ihn Mitte November 2020 am Telefon danach frage, sagt er bloß: „Wir waren wild auf der Bühne und wild abseits der Bühne“.

Es gibt das Gerücht, dass es 1965 am Set der US-Fernsehshow „Where The Action Is“ mit Ansager Dick Clark zu Handgreiflichkeiten zwischen der Band und einem TV-Angestellten gekommen sei und es deshalb ein landesweites Auftrittsverbot setzte. Kann sein, klar. Was sicher auch nicht geholfen hat, waren Geschichten wie die über das Kinks-Konzert in Cardiff im Mai desselben Jahres. Nach dem ersten Song, ›You Really Got Me‹, geht Gitarrist Dave zu Drummer Mick Avory rüber und sagt: „Du klingst scheiße – wenn du mit deinem Schwanz spielen würdest, würde sich das besser anhören“. Und verpasst dem Schlagzeug einen Tritt. Als er sich umdreht, zieht Avory ihm das Hi-Hat-Becken über den Schädel. Dave bricht zusammen, Avory flieht von der Bühne, weil er meint, seinen Bandkollegen umgebracht zu haben. Woran genau es auch gelegen hat, sicher ist: Dass sie ab 1965 nicht mehr in die USA können, macht eine andere Band aus den Kinks.

Angefangen haben sie zwei Jahre früher, damals noch als The Ravens, mit Rhythm & Blues und Rock’n’Roll. Bekannt werden sie mit knallhartem Garagenrock, der gerade auch in Amerika gut ankommt. Nach 1965 werden die Songs immer britischer beziehungsweise europäischer. Das beginnt mit dem vierten Album FACE TO FACE von 1966 und Liedern wie ›Dandy‹, das klar macht, wohin es Style-technisch geht, oder auch dem ironischen ›Sunny Afternoon‹ mit den ikonischen Zeilen: „I love to live so pleasantly, live this life of luxury“. Im Jahr darauf kommt die erste Großtat: SOMETHING ELSE BY THE KINKS. ›David Watts‹ wird später von The Jam gecovert, das unwiderstehliche ›Death Of A Clown‹ ist Daves erster großer Auftritt als Songschreiber und Sänger, und das die Einsamkeit des Außenseiters transzendierende ›Waterloo Sunset‹ schlicht einer der großartigsten Popsongs überhaupt.

Ray Davies singt von Mittelklasse-Leuten und von Einzelgängern. Von der Scheinheiligkeit der Oberen und von der Tragik der Unteren, die jeden Tag arbeiten und sich trotzdem nichts leisten können. Und die dabei in einer Art treudoofem Stolz auf der Glorie des längst vergangenen britischen Empires bestehen und ihr tristes Leben verklären, indem sie sich Hüte auf den Kopf setzen, die genauso ausschauen wie die von der Königsfamilie. Aber Davies macht das in seinen besten Momenten nicht von oben herab, sondern er schaut einfach genau hin: auf den britischen Alltag und die Fetische, die dazugehören. Nicht selten ist er auch wehmütig bis nostalgisch.

Auf den beiden ersten echten Konzeptalben der Gruppe, THE KINKS ARE THE VILLAGE GREEN PRESERVATION SOCIETY (1968) und ARTHUR (OR THE DECLINE AND FALL OF THE BRITISH EMPIRE) (1969), wird die britische Vergangenheit mal idealisiert und ist dann wieder einfach das Letzte: spießig und gewalttätig. Auch die Musik der Kinks klingt nach 1965 immer weniger amerikanisch. Europäische Lieder der 20er und 30er, die Davies so liebt, der im Nachkriegsengland populäre Oldtime-Jazz, Unterhaltungsmusik der Music-Hall-Tradition und Vaudeville-Elemente tauchen auf im insgesamt britisch gefärbten Folkrock der Kinks. Und anders als andere Sänger von British-Invasion-Bands, nicht zuletzt Mick Jagger, gibt Ray es auch auf, sich einen amerikanischen Akzent zuzulegen. Und dennoch: Dass die Beatles, die Stones, The Who Amerika erobern und sie selbst daheimbleiben müssen, macht ihn fertig.

Im April 1969 fliegt er deshalb nach Los Angeles, um mit der Musikergewerkschaft zu verhandeln, damit den Kinks wieder erlaubt wird, in den USA zu touren. Mit Erfolg: Das Verbot wird aufgehoben. Wie kam’s? „Weil ich schöne Beine hatte“, scherzt Ray heute darüber. „Nein, keine Ahnung. Wir haben friedliche Musik gemacht, VILLAGE GREEN zum Beispiel. Es hatte wahrscheinlich damit zu tun.“ Ab Oktober 1969 sind die Kinks zurück in Amerika, nach fünf Jahren. Die Band spielt ein paar ganz erfolgreiche Shows an legendären Orten wie dem Fillmore East und dem Whisky a Go Go in Los Angeles, aber insgesamt läuft es durchwachsen bis desaströs. Auftritte werden abgesagt, weil keine Leute kommen, Anfragen von Konzertagenturen bleiben aus, Mick Avory bekommt Hepatitis. Auch Dave Davies hat keine guten Erinnerungen an die Comeback-Tour: „Ich ging durch eine schwere Zeit, als wir in Amerika unterwegs waren. Drinks und Drogen, ich habe halluziniert, hatte mit psychischen Problemen zu kämpfen und das Leben auf Tour hat das bloß noch schlimmer gemacht“. Und doch wird der Umstand, dass die Kinks wieder zurück in den USA sind, sich auf dem Album niederschlagen, das sie da gerade machen. „Daves Gitarre hatte mehr Power, manches klang auch spiritueller. Es war vielleicht keine amerikanische Platte, aber sie war zugänglicher für ein amerikanisches Publikum“, sagt Ray heute im Blick zurück. Und es ist mehr als das.

Kinks Village Gren Preservation Society

An Weihnachten 1969 trinkt Ray im Clissold Arms, einem Pub im Norden Londons, ein, zwei Guinness mit seinem Dad. Er erzählt ihm, dass die US-Konzerte nicht so laufen, wie gedacht, dass alles ein Haufen Arbeit ist und dass es ihm vorkommt, als müssten sie mit den Kinks nochmal ganz von vorne anfangen. „Wenn ihr so viel auf Tour seid“, sagt ihm sein Vater, „brauchst du nur eine einzige Sache: einen Welthit. Schreib wieder einen Welthit.“ Als sie damals zuletzt in New York waren, haben sich die Kinks in der Factory-Szene herumgetrieben und auch deren Mittelpunkt und Schöpfer kennengelernt: Andy Warhol. Der sei ihm damals als netter Kerl erschienen, der großartige Charaktere erschaffen, aber auch Leute manipulieren konnte, erzählt Ray heute. „Er war seiner Zeit voraus. Ich war ein paarmal bei ihm in der Factory und hab dort Leute wie Paul Morrissey getroffen.“

Vor allem aber lernt er Ende der 60er die New Yorker Dragqueen-und Transsexuellen-Szene kennen. Daran erinnert er sich, als er den Rat von seinem Vater bekommt. Und auch an einen Zwischenfall mit seinem Manager Robert Wace in einem Disco-Club in Paris ungefähr zur selben Zeit. Ray: „Wir waren also in diesem Club und da war diese große blonde Frau. Und unser Manager tanzte die ganze Nacht mit dieser Frau, ohne ihre Bartstoppeln zu bemerken“. Damit steht die Geschichte des nächsten großen Kinks-Welthits. Es ist der Song, den sie als Erstes aufnehmen, als sie sich Ende April 1970 in den Morgan Studios in London einfinden, um an dem Nachfolger vom im Jahr davor veröffentlichten ARTHUR zu arbeiten. Ray hat da schon Heim-Demos von neuen Liedern gemacht und zusammen mit Dave in dessen Haus in Cockfosters mit Ideen herumprobiert (Auszüge daraus finden sich in der soeben erschienenen Jubiläumsedition zu 50 Jahren LOLA VERSUS POWERMAN AND THE MONEYGOROUND, PART ONE).

Boxset von den Kinks LOLA VERSUS POWERMAN AND THE MONEYGOROUND, PART ONE (50TH ANNIVERSARY EDITION)

Ray schwebt für seinen Welthit eine Art Wiegenlied vor, ein Stück, das so eingängig und einfach ist, dass es seine beiden kleinen Töchter mitsingen können – und das trotzdem gesellschaftlich und popkulturell relevant ist. In einem Laden namens Music City hat er sich kurz zuvor zwei Gitarren gekauft – eine Martin-Akustik- und eine National-Dobro-Steelgitarre –, beide zusammen sind in dem markanten Riff zu hören, mit dem der Song beginnt. Das Klavier spielt der erst 22 Jahre alte Pianist John Gosling, den die Kinks, weil er mit seinen langen Haaren und seinem Bart wie eine Figur aus der Bibel ausschaut, den Baptisten nennen. Er ist neu in der Band und vor allem sein Orgelsound ist auf vielen Liedern des Albums prominent vertreten.

„She walked up to me and asked me to dance, I asked her name and in a dark brown voice she said ‚Lola‘“ So führt Ray den Namen der Titelfigur des Stücks ein. Sie trinken zusammen Champagner und der Ich-Erzähler tanzt die ganze Nacht mit Lola, bis sie ihn sich auf ihre Knie setzt und fragt: „Little boy won’t you come home with me?“ Er ist da gerade erst von daheim ausgezogen und hat noch nie eine Frau geküsst.

Was vor 50 Jahren alles andere als selbstverständlich ist: Nicht die Dragqueen Lola wird lächerlich gemacht, sondern, wenn überhaupt wer, dann der Erzähler, der sich reichlich unbeholfen anstellt. Das Stück gipfelt in den zentralen Zeilen: „Girls will be boys and boys will be girls/It’s a mixed up, muddled up, shook up world“. Im Interview erzählt Davies, die Idee für diese Zeilen reiche zurück bis in seine Kindheit: „Wir haben Fußball gespielt und einer unserer Mitspieler hieß Crawford. Und weil der nie richtig in die Zweikämpfe ging, nannten wir ihn Crawford, the big woman“. In Wahrheit gehe es in ›Lola‹ darum, „frei zu sein, sich frei ausdrücken zu können, wer auch immer man ist“, schiebt er schnell hinterher.

„Girls will be boys and boys will be girls/It’s a mixed up, muddled up, shook up world“: Als Statement wies das auf vieles, was bald danach kommen sollte – auf Bowie, T. Rex, Glam-Rock, Disco. Und auf vieles, was erst viel später kommen sollte: die LGBTQ-Bewegung, durchlässige Geschlechtergrenzen, den offenen Gender-Diskurs. Es ist eigenartig, dass nicht die Dragqueen, die in den Lyrics vorkommt, 1970 zur eigentlichen Kontroverse um ›Lola‹ führt, sondern der Markenname Coca-Cola. Aus Angst, die BBC würde das als Schleichwerbung sehen und die Single nicht spielen, muss Davies – auf Drängen seines Labels Pye und sehr zu seinem Ärger – mitten während der US-Tour nach London fliegen und die betreffende Textstelle neu einsingen. Ab da heißt es Cherry Cola, zumindest in der Single-Version.

Gewinnspiel: Tickets für Ferris & Sylvester im Lostopf

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Am 01. März erscheint OTHERNESS, das neue Album von Ferris & Sylvester, einem Folk-Duo aus London. Schon heute gibt es die neue Single ›Headache‹ zu hören, passend zum heutigen 14. Februar eine bittersüße Anti-Valentinstags-Hymne.

Das Musik- und Ehepaar hat den Track nach einem Streit geschrieben: „Als eine Band zwischen Ehefrau und Ehemann wollten wir etwas Ehrliches über Beziehungen schreiben, inspiriert von oldschool Country-Liebesliedern. Ich weiß noch, wie ich zu Archie sagte: ‚Ich möchte, dass Dolly Parton diesen Song hört und ihn mag.‘ Das inspirierte uns zum Songwriting.“

Im März spielt das Duo drei Shows in Deutschland. Am 18.03. in Köln im Blue Shell, am 19. März in der Hamburger Nochtwache und am 21. März im Prachtwerk in Berlin. Wir verlosen 5×2 Tickets in einer Stadt eurer Wahl.

Jetzt mitmachen und gewinnen:

[contact-form-7 id=“7b7494d“ title=“Ferris und Sylvester Tickets 2024″]

(Teilnahmeschluss ist der 28.02.2024)

The Dandy Warhols: Neue Single ›I’d Like To Help You With Your Problem‹ feat. Slash

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Am 15. März veröffentlichen The Dandy Warhols ihr neues Album ROCKMAKER. Als ersten Vorgeschmack hat die Truppe aus Portland bereits ihre Single ›Danzig With Myself‹ feat. Frank Black von den Pixies releast, heute hält die Band einen weiteren Kollaborationstrack bereit.

Auf dem brandneuen ›I’d Like To Help You With Your Problem‹ werden The Dandy Warhols von niemand Geringerem als Guns N‘ Roses-Gitarrist Slash unterstützt:

Mick Tucker: Verkanntes Drum-Genie

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Mick Tucker war Gründungsmitglied der Band Sweetshop, die sich wenig später in The Sweet umbenannte. Obwohl es oft in einem Schleier aus Pop, Glitter, Glam und Bravo-Fotostorys unterging, war Mick Tucker ein unglaublich talentierter Drummer. Bis 1981 war er Teil des Sweet-Line-Ups, nach einer mehrjährigen Bandpause nahmen er und sein Kollege Andy Scott die Geschäft 1985 wieder auf.

1991 stieg Tucker endgültig aus, am 14. Februar 2002 verstarb der Schlagzeuger dann leider an Leukämie. Im großen Tiefengespräch mit Andy Scott rollte CLASSIC ROCK die ganze Geschichte von Sweet auf und ließ Scott auch erzählen, welches die letzten Erlebnisse mit Tucker waren, an die er sich erinnern kann.

„Die Situation mit Mick ist etwas heikler. Wir tourten ja gemeinsam und im Jahr 1990 waren wir mit Suzi Quatro in Finnland. Mick ging es nicht gut, er hatte zu viel Alkohol getrunken. Ich bat ihn, sich auszuschlafen und uns dann beim Soundcheck zu treffen. Er tauchte aber nicht auf, bis jemand zu uns gelaufen kam und rief, dass Mick draußen auf dem Parkplatz lag. Ich eilte hinaus und sah, wie Suzis Ehemann Micks Zunge herauszog, damit er sie nicht verschluckte. Er erlitt eine Art epileptischen Anfall. Ich hatte echt Angst, dass er stirbt, also hielt ich seine Hand, bis der Notarzt ihn ins Krankenhaus brachte. Schnell erledigte ich meinen Soundcheck und fuhr danach sofort ins Krankenhaus. Der junge Doktor fragte Mick, ob so etwas schon einmal vorgekommen war und Mick bejahte dies. Das hatte er mir natürlich nicht erzählt, hätte ich das gewusst, hätte ich ihn nicht auf Tour mitgenommen, hätte ihn nicht trinken lassen. Der Arzt fügte hinzu, dass Mick angesichts seiner Blutwerte als starker Alkoholiker eingestuft werden musste, dass er wirklich in Lebensgefahr war. Seine Blutzellen hatten sich verändert. Wenig später wurde dann Leukämie bei ihm diagnostiziert, fünf Jahre drauf ging er von uns. Vor seinem Tod schaute er ab und zu bei unseren Gigs vorbei, aber seine Frau klärte uns darüber auf, dass er nie wieder spielen können würde. Es ist ja so, dass das Business immer noch weitergeht, das hört nicht auf. Auch wenn jemand stirbt. Das ist ehrlich seltsam.“

Hier jetzt die ganze Geschichte über Sweet lesen…