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Start Blog Seite 215

Jim Morrison: When the music’s over

Vor 51 Jahren starb mit Jim Morrison eine Ikone der klassischen Rock-Ära, die – trotz kurzer Karriere – bis heute erstaunlich tiefe Spuren hinterlassen hat. Warum eigentlich?

Das erste Mal, als ich an Jim Morrisons Grab stand, schrieben wir das Jahr 1983. Auf dem Friedhof Père Lachaise wiesen ein paar gemalte Pfeile und das Wort „Jim“ den Weg, das Grab selbst zierten Bierdosen, Zigaretten und verschwommene Liebesbriefe in Cellophan. Eine ruhige, friedliche Stimmung. Ein Friedhof eben, wenn auch ein sehr schöner. Einige Jahre später, Oliver Stones Film „The Doors“ war kurz zuvor erschienen, bot sich ein anderes Szenario: Ein Friedhofsbediensteter wies uns schon am Eingang mit der Frage „Jihm Mörrisohn?“ den Weg, er hatte offenbar zielsicher erkannt, dass wir nicht primär wegen Honoré de Balzac oder Oscar Wilde gekommen waren.

Am Grab tummelte sich eine lebensfrohe italienische Schulklasse, wobei nicht alle Pubertierenden der Ruhestätte von James Douglas Morrison mit der gebotenen Pietät begegneten. Ständig drängten weitere Touristen nach. Die könnten Eintritt verlangen, dachte ich. Zeit zum Rückzug. Zu glauben, es hätte nur an Oliver Stone gelegen, dass sich 16-jährige Teenies auf Klassenfahrt für einen toten Sänger interessierten, ist allerdings ein Trugschluss. Morrison hatte ja nicht nur einen Teil seiner Altersgenossen fasziniert, sondern eben auch einen Zuspätgeborenen wie mich, der an seinem Todestag im Sommer 1971 vermutlich im Sandkasten gebuddelt hat und nach der „Familie Feuerstein“ ins Bett musste, während in Paris die Tragödie ihren Lauf nahm. Weitere Generationen folgten eben, und selbst heute scheint es junge Menschen zu geben, die sich von ihm – und den Doors – magisch angezogen fühlen.

Picture: Los Angeles, 1968, Henry Diltz

Warum eigentlich? Nun, Jim Morrison sah ziemlich gut aus. Ein Posterboy. Aber das wäre eine extrem oberflächliche Erklärung. So oberflächlich, dass es weh tut. Zielführender: Wer die Rockmusik für sich entdeckt, egal in welchem Jahrzehnt, spürt womöglich auf Anhieb, dass diese Band anders war als der Rest. Die mäandernde Orgel, die leichte, fast jazzige Rhythmik, ein Gitarrist, der Blues und Flamenco spielte. Und natürlich diese warme Baritonstimme, die schmeicheln konnte – und brüllen. „Some are born for sweet delight“, sang sie, und weiter: „Some are born for the endless night“. Apocalypse, now! Natürlich gab es schon in der Frühzeit der Rockmusik Sänger mit eher düsteren Sujets, nur waren das entweder verkappte Spaßvögel wie Screamin’ JayHawkins, die auf der Gruselwelle surften, oder Drama-Queens wie The Shangri-Las, bei denen Tod und Verderben stets in sirupsüßem Kitsch ertränkt wurden.

Jim Morrison, der mit seiner Band ausgerechnet kurz vor dem fröhlich-unbeschwerten „Summer of Love“ aufgetaucht war, agierte wesentlich tiefgründiger, melancholischer und zu gegebener Zeit auch subversiver, unberechenbarer und gefährlicher als irgendwelche Knallchargen, die über ›Jack The Ripper‹ sangen. Erschien es ernst zu meinen, no bullshit, und das wiederum spürte im Idealfall auch das Publikum. Es war immerhin ein völlig neuer Tonfall in der noch jungen Rockmusik, konkret: die Geburt des Gothic-Rock. Darüber, ob Morrison ein großer Dichter gewesen sei, kann man sicher streiten, ein großartiger Songtexter war er auf jeden Fall. Einer, der kraftvolle Bilder und rätselhafte, ambivalente, mitunter gar bedrohliche Stimmungen transportieren konnte; der belesen genug war, um auf Homer, Arthur Rimbaud oder Irlands dionysische Prediger des Exzesses zurückgreifen zu können.

Ein mutmaßlich intellektueller Rockmusiker, was zu seinen Lebzeiten – trotz John Lennon und Bob Dylan – noch als Widerspruch in sich galt. Und heute, 50 Jahre später? Ist die Welt eine andere, Rebellen, ob im Rock, Rap oder Reggae, kamen und gingen. Dass Morrisons kompromisslos hedonistische Outlaw-Attitüde bei selbsterklärten Nonkonformisten noch immer verfangen kann, ist nicht wirklich überraschend. Einziges Problem: Es hat leider nichts Heldenhaft-Glamouröses an sich, mit 27 Jahren aufgrund selbstzerstörerischer Alkohol- und Drogenexzesse in einer Badewanne zu verrecken. Aber selbst dieser eklatante Widerspruch war dem Mythos bislang offenbar nicht abträglich.

Am 08. Juni 2021 bei Harper Design erschienen: Das fast 600 Seiten umfassende Buch „The Collected Works Of Jim Morrison“.

Video der Woche: Bay City Rollers ›Keep On Dancing‹

Zum heutigen Todestag von Bassist Alan Longmuir von den Bay City Rollers blicken wir auf das Jahr 1975 zurück, als die schottische Pop-Gruppe einen fulminanten Fernseh-Auftritt absolvierte.

Die Performance ihres Songs ›Keep On Dancing‹ wird von lautem Gejohle begleitet, so laut kreischen die Mädchen und Frauen, erfüllt mit ausufernder „Rollermania“, ihren Idolen zu. Zwischen den weiblichen Fans von Sweet und den Bay City Rollers verhärteten sich – angefacht durch zahlreiche Teenie-Magazine – die Fronten damals enorm, in den meisten Fällen musste man sich als Fan für eine der Bands entscheiden und dieser dann hingebungsvoll folgen.

Nach außen waren die Bay City Rollers immer die unbefleckten Posterboys, glattgebügelte Pop-Sternchen – ganz anders als ihre Rockerkollegen von Bands wie Slade oder Sweet – doch hinter den Kulissen trugen sich auch hier düstere Ereignisse zu. So versuchte Alan Longmuir tragischerweise, sich umzubringen und verließ nach seinem Suizidversuch im Jahr 1976 die Band erst einmal.

1978 verließ Sänger Les McKeown vorerst die Band, um sich seiner Solokarriere zu widmen. Seitdem konnten die Bay City Rollers nie mehr an alte Erfolge anknüpfen.

The Jimi Hendrix Experience: Könnt ihr mich sehen?

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ARE YOU EXPERIENCED, das Debütalbum der Jimi Hendrix Experience, wurde in sechs turbulenten Monaten in London zusammengesetzt. Dieser zukünftige Klassiker und Beweis für sein Genie brachte Jimi auf den Weg zum Superstarruhm.

ARE YOU EXPERIENCED ist eines der größten Alben überhaupt. In den elf Songs der Originalversion und den drei Singles und B-Seiten, die ihr vorausgingen, verflocht und manipulierte Jimi Hendrix – der Mann, dessen Vision und Talent sie sowohl vorantrieben als auch von allem unterschieden, was es sonst noch gab – Gitarrenakkorde, Riffs, Soli und unzählige Effekte auf eine Art und Weise, die den Klang, Stil und die ganze Substanz der Populärmusik revolutionierte.

Weniger allgemein anerkannt sind seine Fähigkeiten als Sänger und Songwriter, der einen wachen Intellekt und eine poetische Vorstellungskraft auf Worte, Melodien und die rhythmischen Komponenten seiner Kompositionen anwandte, die kein bisschen weniger kunstvoll waren als sein Gitarrenspiel. Heute, nachdem wir über 50 Jahre lang die gesamte Bandbreite seines technischen Könnens studieren und verarbeiten konnten, gibt es jede Menge Gitarristen, die seinen Stil nachahmen können, manchmal mit unheimlicher Präzision. Doch bislang ist es noch niemandem gelungen, den einzigartigen Charakter seines Gesangsstils zu imitieren oder dem schlauen Humor oder dem panoramahaften Charakter seiner Texte nahezukommen.

Oft komplett übergangen wird dagegen die einmalige Chemie zwischen Hendrix und den anderen beiden Musikern, die dieses unglaubliche Album erschufen: Schlagzeuger Mitch Mitchell und Bassist Noel Redding. Im Fall von Hendrix und Mitchell präsentierte ARE YOU EXPERIENCED der Welt eine wahrhaft außergewöhnliche musikalische Symbiose, am besten zu hören auf Tracks wie ›Manic Depression‹, ›Love Or Confusion‹, ›I Don’t Live Today‹. Der Gitarrist und der Drummer hielten bis zu Hendrix’ Tod vier Jahre später in London ein musikalisches Verhältnis von grandioser Kreativität und Empathie aufrecht – und danach hatte Mitchell nie wieder ein ernsthaftes Engagement. Echte Waffenbrüder.

ARE YOU EXPERIENCED war der Moment, in dem alles ins Rollen kam. Manche sagen sogar, es sei das Rock-Äquivalent des Urknalls – eine Explosion von Ideen und Innovationen, die in einem Augenblick eine völlig neue Welt musikalischer Möglichkeiten erschuf. Mag sein. Aber das wahre Wunder an diesem Album ist, dass es überhaupt geschrieben und aufgenommen wurde. Zusammengestöpselt in kurzen Studioaufenthalten während der Lücken in einem gnadenlosen Terminkalender aus Reise, Konzerten, Fernseh- und Radioauftritten, war es eine kaleidoskopische Sammlung von Ideen und Darbietungen, die sehr spontan entwickelt und eingefangen wurden.

Hendrix schrieb die Songs in großer Eile, hauptsächlich in der Wohnung in London, die er sich mit seinem Manager und Produzenten Chas Chandler teilte, aber oft kritzelte er auch backstage auf Tour auf Zettel. Aufgenommen wurden sie auf einem einfachen Vierspur-Tonbandgerät in Mono, in verschiedenen Studios, je nachdem, was gerade verfügbar und von ihrem mageren Budget bezahlbar war. Gespielt wurden sie dann ohne richtige Proben, ganz zu schweigen von Demos, die vorher angefertigt worden wären, um Mitchell, Redding oder sogar Hendrix selbst darauf vorzubereiten. Die Planung des Albums war in der Tat so unorganisiert, dass Hendrix als Songwriter erst wirklich tätig wurde, als er umgehend eine B-Seite für die erste Single aufnehmen musste: ›Hey Joe‹, eine obskure Coverversion einer alten Bluesnummer ungewissen Ursprungs. Hendrix’ erster Vorschlag für die B-Seite war ein Cover des Soulstandards ›Land Of 1.000 Dances‹, kurz zuvor ein Hit in den USA für Wilson Pickett. Ich sagte: ,Auf gar keinen Fall!‘“, erinnert sich Chandler. „Ich bat ihn, sich noch am gleichen Abend hinzusetzen und einen neuen Song zu schreiben. So entstand ›Stone Free‹, sein allererstes Lied für die Experience.“

She Rocks: Debbie Harry

Debbie Harry: Blonde Ambitionen. „Eine Frau in der Rockmusik zu sein, war sehr Punk“, sagt die Sängerin von Blondie. Nach mehr als 40 Jahren im Geschäft ist sie noch immer ein Vorbild – und unterstützt junge weibliche Talente.

Debbie Harry wurde zur selben Zeit groß wie The Slits, die Raincoats oder X-Ray Spex, doch heute arbeitet sie mit neuen Stars wie Sia und Charli XCX auf POLLINATOR, dem elften Blondie-Album, zusammen. Hellwach wie eh und je erzählt sie mit ihren 77 Jahren von ihrer Vergangenheit und Gegenwart.

Fühlte sich der Punk wie eine befreiende Zeit an, um eine Frau in der Rockmusik zu sein?
Ich hatte eigentlich gar nicht die Zeit, viel darüber nachzudenken. Ich musste mich damit abfinden, dass ich diskriminiert wurde, denn Mädchen in Rockbands waren in diesem Maße noch nicht vollkommen akzeptiert. Aber in gewisser Weise war es gleichzeitig sehr Rock’n’Roll und sehr Punk, dass man das als Mädchen machte. Absolut Punk.

Gab es vor dem Punk Vorbilder, die dich dazu inspirierten, es ihnen gleich­zutun? Joan Baez, Janis Joplin, Joni Mitchell, Joan Jett…
Sie alle. Ich hörte alles und jeden. Als echtes Babe und echte Ikonoklastin war wohl Janis Joplin die, die mir am meisten zugesprochen hat. Aber in musikalischer Hinsicht war ich auch sehr von den R&B-Girl-Groups beeinflusst. Das war eine Kombination von Dingen, nicht nur ein be­­stimmtes Element. Ich würde es hassen, so engstirnig zu sein.

Du hast deinerseits Pop-Ladys wie Madonna und Lady Gaga beeinflusst, ebenso Rockerinnen wie Courtney Love und Hayley Paramore.
[Bescheiden] Sie hatten ja keine große Auswahl, also hatte ich da wohl Glück.

Hast du dich auf dem Höhepunkt der Blondiemania mächtig gefühlt?
Wir hatten eine sehr gute, dramatische, sehr schnelle, furchtlose Laufbahn. Im Wesentlichen wurden wir aus einer Kanone geschossen, und als wir dann bei [dem Label] Chrysalis landeten, war es nur noch Album-Tour-Album-Tour-Single-Single-Single-Single. Sieben Jahre lang nonstop. Das war mit ein Grund, dass Blondie 1981 explodierten, oder implodierten. In diesen sieben Jahren arbeiteten wir wie verrückt. Das war sehr stressig, und man hat viel Druck auf uns ausgeübt. Das ist schon lustig, denn heute wartet man mindestens zwei, drei Jahre zwischen den Alben.

Blondie sind eine von wenigen Bands aus dieser Zeit, die auch vier Jahrzehnte später noch Top-5-Alben landen. Worauf führst du diese Langlebigkeit zurück?
Ich möchte nur ungern sagen, dass es Glück ist, denn es war mehr als das. Aber wer weiß, warum das alles so funktioniert hat? Das tat es aber, und wir waren smart genug, um Chancen zu ergreifen. Manchmal bieten sie sich einem und man sieht weg. Rückblickend sagt man dann: „Mann, das hätte klappen können.“ Wir hatten das Glück, bereit dafür zu sein. Es gab riesige Probleme – rechtliche, vertragliche –, die sich uns in den Weg stellten, aber wir fanden zum Glück die richtigen Leute zur richtigen Zeit.

Blondie brachten die kunstvolle US-New-Yorker Avantgarde nach Europa. Das war wie ein Besuch von Außerirdischen.
Ha! Nun, das ist doch gut. Her mit den Aliens! [Reißt sich wieder zusammen und spricht wieder über Blondies Langlebigkeit] Ich weiß es nicht. Die Geschmäcker haben sich gewissermaßen ausgeweitet. Das Publikum ist heute viel besser informiert und smarter, wir haben Zugriff auf so viel Musik. Ich denke, viele dieser alten Definitionen über das Altern und Altersgruppen und was für Musik die Leute hören… das hat abgenommen.

Wie anders ist das Leben auf Tour für Blondie heute im Vergleich zu den Hochzeiten der 70er und 80er?
Ha! Nun, ich denke, ich werde nicht mehr so viel herumhüpfen wie damals. Aber es gibt Momente, in denen ich mich sehr inspiriert fühle. Das macht mir sehr viel Spaß. Ich denke sehr oft darüber nach, wie viel Glück ich habe. So frustrierend es manchmal auch werden kann, wenn wir auf die Bühne gehen und spielen, ist es letztlich immer noch, na ja, magisch. Dafür muss ich immer dankbar sein.

Chrissie Hynde sagte mal: „Männer in Bands sind Pussies.“ Stimmst du dem zu?
[Lacht] Na ja…Ich weiß nicht, wie sie das meint. Vielleicht ist das auch gut so.

Hast du genauso viel mit Sia und Charli XCX gemeinsam wie mit Patti Smith? Du scheinst mühelos zwischen den Äras zu navigieren.
Ein Stück Musik ist für mich ein Stück Musik. Es steht für sich selbst. Es impliziert nicht sehr viel. Wenn es mir gefällt, ist der ganze Rest egal. Wenn ich also ein Stück von Charli XCX oder Sia bekomme, denke ich: „Wow, das ist toll.“ Ich erfahre erst später, von wem es ist.

Sind jüngere Musiker nervös, wenn sie dich treffen?
Das kommt auf die Person an. Ich bin da genauso. Wenn ich Leute treffe, die ich bewundere und deren Fan ich bin, fehlen mir manchmal die Worte. Ich denke, das passiert uns wohl allen.

Bei wem verschlug es dir die Sprache?
David Bowie [auf Iggy Pops THE IDIOT-Tour 1977 mit Blondie als Vorgruppe] machte mich wohl etwas sprachlos. Aber bei Schauspielern passiert mir das öfter als bei Musikern.

1977 waren Blondie mit Television auf Tour, während die Talking Heads mit den Ramones als Doppel-Headliner unterwegs waren. Hätte das nicht umgekehrt sein sollen?
Da hast du wohl in gewisser Weise Recht. Aber das war eins der Dinge an der New Yorker CBGB-Szene. In mancherlei Hinsicht war sie sehr homogen, weil all diese radikal verschiedenartigen Bands aus diesem kleinen Kosmos und dieser kurzen Phase kamen. Das ist schon ziemlich bemerkenswert, wenn man darüber nachdenkt.

Gene Simmons: Ace Frehley und Peter Criss könnten keine Kiss-Show mehr durchstehen

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In einem jüngsten Interview mit der finnischen Seite Chaoszine sprach Gene Simmons über seine ehemaligen Kiss-Kollegen Ace Frehley und Peter Criss und meinte, dass die beiden nicht mehr genügend Ausdauer hätten, um heutzutage eine ganze Kiss-Show auf der Bühne durchzustehen.

„Ich meinte zu Ace und Peter: ‚Kommt auf Tour mit uns. Ihr bekommt eure eigene Umkleide und kommt zu den Zugaben auf die Bühne.‘ Ace sagte daraufhin nur: ‚Nein, ich komme nur mit als Spaceman und wenn ihr Thommy [Thayer] rauswerft.‘ Ich nur so: ‚Nun, das wird nicht passieren.‘ Ich mag Ace wirklich, aber er ist nicht in Form – er kann so nicht mehr spielen und hat auch nicht mehr die nötige körperliche Ausdauer.“

Unsere Titelstory über den Abschied der „heißesten Band der Welt“ lest ihr in der aktuellen Ausgabe von CLASSIC ROCK.

Kiss: Live in der Schleyerhalle, Stuttgart (28.06.)

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Am 28. Juni machten Kiss im Rahmen ihrer “End Of The Road”-Abschiedstour in Stuttgart in der Schleyerhalle Halt und lieferten 115 Minuten ihres gewohnten, überlebensgroßen Rock-Feuerwerks. Unser Fotograf Frank Witzelmaier war vor Ort und hat eine der wohl letzten Shows der “heißesten Bands der Welt” auf deutschem Boden für euch festgehalten.

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Jetzt in der neuen Ausgabe von CLASSIC ROCK: Unsere große Titelstory über das Ende von Kiss!

Die Setlist:

1. Detroit Rock City

2. Shout It Out Loud

3. Deuce

4. War Machine

5. Heaven’s On Fire

6. I Love it Loud

7. Say Yeah

8. Cold Gin

9. Solo von Tommy Thayer

10. Lick it up

11. Calling Dr. Love

12. Tears Are Falling

13. Psycho Circus

14. Solo von Eric Singer

15. 100,000 Years

16. Solo von Gene Simmons

17. God Of Thunder

18. Love Gun

19. I Was Made For Lovin’ You

20. Black Diamond

21. Zugabe: Beth

22. Zugabe: Do You Love Me

23. Zugabe: Rock and Roll All Nite

24. (vom Band): God Gave Rock‘n‘Roll To You II

Dokken: Von verlorenen Liedern und Bratäpfeln

Nach knapp vierzig Jahren sind Don Dokken beim Aufräumen alte Tapes aus seiner Zeit in Deutschland in die Hände gefallen, die er prompt restauriert und veröffentlicht hat. Im Skype-Interview spricht der Hairmetal-Veteran von THE LOST SONGS:1979-1981, seinen damaligen Erlebnissen und erklärt, warum er wahrscheinlich nie wieder Gitarre spielen wird.

Wie hast du die LOST SONGS gefunden?

Während der Pandemie habe ich wie viele Leute ausgemistet. Ich räumte meine Garage auf, weil ich eine 64er Stingray Corvette gekauft habe und nicht wollte, dass die Vögel draufkacken. Dabei fand ich eine Box voller Tapes. Darauf standen Dinge wie „Hamburg 1979“ oder „Michael Wagener“. Also hab ich die Tapes gebacken, abgespielt und all diese Songs gefunden. Sieben davon waren leider kaputt, vom Rest waren manche fertig, einige Demos, andere wiederum nur mit programmierten Drums aufgenommen. Die Originalspuren von Gitarre, Gesang und Bass habe ich gelassen und den Rest fertig gestellt. Ich klinge wie ein Zwölfjähriger. (schmunzelt) Das hat viele Erinnerungen zurückgebracht.

Welche Erinnerungen?

Ich war damals so jung und verließ Kalifornien zum ersten Mal – ein großes Abenteuer. Die Berliner Mauer stand noch, wir mussten durch den Checkpoint Charlie und überall waren Polizisten mit Maschinengewehren. In Hamburg dann die Reeperbahn und die ganzen Prostituierten. (lacht) Das war sehr interessant für uns brave Surfer-Jungs. Dort hatten wir dann auch ’79 unser erstes Club-Arrangement bis ein Uhr nachts. Danach nahmen wir Demos in Michael Wageners Studio auf.

Wie hast du Michael Wagener kennengelernt?

Michael arbeitete gegenüber vom Sounds Club in den Tennessee Tonstudios als Toningenieur und ließ uns umsonst Demos aufnehmen. Das war lange bevor er ein erfolgreicher Produzent wurde. Eineinhalb Jahre später kam ich nochmal nach Deutschland, wo ich schließlich Dieter Dierks traf. Er meinte, dass er meine Band zwar nicht mochte, aber mich schon. Er nahm damals gerade die neue Scorpions-Platte auf, doch Klaus hatte Probleme mit den Stimmbändern, also sollte ich ein paar Background-Vocals aufnehmen, weil Klaus und ich dasselbe Vibrato haben. Ich sang also auf BLACKOUT mit und durfte im Gegenzug in seinem Studio ein paar Demos machen. Auf den LOST SONGS findet man also eine Mischung aus Takes von Dieter und Michael und aus L.A. Dort habe ich auch ein paar Songs aufgenommen, bevor ich wieder nach Deutschland bin, und alle Kopien verkauft. Die sind komplett in den Kosmos entschwunden. Nicht mal ich habe ein Exemplar davon.

Du redest aber nicht von dem Bootleg BACK IN THE STREETS, oder?

Nein, das waren Aufnahmen aus den Tennessee Tonstudios, die von den Besitzern gestohlen wurden. Erst als wir mit Dokken berühmt wurden, haben sie diese Bootlegs veröffentlicht. Ich dachte mir, mein Gott, wie viel Geld wird man mit diesen windigen Demos schon verdienen. Es stellt sich 25 Jahre später heraus, dass sie fast eine Million Dollar damit gemacht haben.

Warum bist du damals von Los Angeles nach Deutschland gereist?

Man vergisst gerne, dass Ende der 70er in Hollywood nicht viel los war. Van Halen hatten einen Plattenvertrag bekommen und wir dachten: Jetzt kriegen wir alle einen! Doch plötzlich kamen Punk und die New Wave mit Kajagoogoo und Blondie daher und die Rockmusik war außen vor. Ich mochte diese Musik überhaupt nicht, ich hörte Saxon und Priest. Zufällig traf ich einen Typen, dem damals der größte Rockclub in Hamburg gehörte und er erzählte, dass Hard Rock in Deutschland gerade total angesagt war. Und dann holte er uns tatsächlich zu sich.

War die Szene dann auch wirklich gut dort?

Klar, da waren die Scorpions, Accept hatten gerade BALLS TO THE WALL herausgebracht, es gab einen Typen namens Roy Last, der eine coole Band hatte. Bei unserem zweiten Trip nach Deutschland spielten The Police in dem selben Club, kurz vor ihrem Durchbruch. Ich wollte mit ihnen quatschen, aber sie hatten keinen Bock auf uns. Vor allem der Schlagzeuger nicht. Sting war ganz cool drauf.

Ihr habt damals in einem verschimmelten Keller geprobt…

Wir hatten keine Kohle und übernachteten in Köln im Hotel Trost. Die Besitzerin war total süß und bot uns an den alten Bunker unter dem Hotel als Proberaum an. Dann wurden wir alle richtig krank, weil da unten alles schimmelte. Also zogen wir in eine zerbombte Kirche um. Zwar hatte die Löcher im Dach, es war aber trotzdem cool.

Wie fandest du die Deutschen so?

Deutsche sind ein bisschen ernst. Als ich Accept traf, waren sie nicht sehr gesprächig. Ich wollte rumhängen, sie lieber arbeiten. Perfektionistisch sind sie auch: Dieter Dierks hat mich damals gefühlt tausend Gesangsspuren einsingen lassen. Das war vor dem Alles-Zerstörer Autotune. Musikalisch und sexuell waren die Deutschen hingegen sehr offen. Wenn wir Mädchen im Club trafen, nahmen sie uns meist sofort mit. Einmal habe ich mich total verlaufen, weil ich am nächsten Tag selbst heimfinden musste und nur das Wort „Straße“ wusste. Ich dachte, wenn ich sage, ich muss in die „Straße“, dann finde ich schon nach Hause. (lacht) Damals habe ich gelernt: Nur mit Mädels mitgehen, wenn man ihre Autoschlüssel hat.

Wie geht es deiner Hand heute nach deiner Wirbelsäulen-OP ?

Nicht gut, ich kann sie seit meiner OP von 2019 nicht mehr bewegen. Das ist jetzt neun Monate her und ziemlich scheiße, mein halber Arm ist betroffen. Der Arzt hat den Eingriff versaut und jetzt ist es, als hätte ich einen Schlaganfall gehabt. Niemand weiß, ob es wieder besser wird. Naja, ich spiele seit 50 Jahren Gitarre, wenn es nicht mehr geht, dann ist es eben so. Ich kann immer noch singen und Songs schreiben, aber keine Gabel halten oder im Garten arbeiten. Schon deprimierend, aber ich versuche, optimistisch zu bleiben.

Arbeitest du an neuem Material?

Ich hoffe, dass wir die Tour von diesem Jahr einfach komplett auf 2021 verschieben können. Davor soll eine neue Platte rauskommen, wenn wir diese Apokalypse hier in Amerika überleben. Auch wenn ich die „Black Lives Matter“-Bewegung verstehe, ist alles so politisch korrekt geworden, dass ich beim Texten aufpassen muss. George Lynch ändert wegen des ganzen Drucks den Namen Lynch Mob. Seine Band heißt so wegen seines Nachnamens, das kann doch nicht sein…

Sind dann auch Deutschland-Termine geplant?

Ja klar. Wo lebst du eigentlich?

In München.

Ach, München. Bei meinem letzten Besuch habe ich dort das beste Wiener Schnitzel meines Lebens gegessen. Danach brachte man mir so einen warmen Apfel mit Zimt und Vanillesauce…

Bratapfel?

Ja, genau! Bratapfel, einfach großartig! Leider habe ich mir nicht gemerkt, wo das Restaurant war. Beim nächsten Mal muss ich es wiederfinden. Weißt du, so toure ich heute gerne: Mit vielen freien Tagen dazwischen, damit ich die Welt auch wirklich kennenlernen kann. Ich habe so viel Tour-Irrsinn hinter mir, ich habe mir das verdient.

Die fünf Gesichter von Deep Purple: Ian Paice

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2019 beendeten sie ihre „Long Goodbye“-Tournee. Doch ihre letzten drei Alben haben ihnen so viel neuen Schwung gegeben, dass die Mitglieder von Deep Purple vom Ruhestand nichts wissen wollen.

Deep Purple sind zu sehr Gentlemen, um sich in Diskussionen darüber zu verlieren, wer den Namen fand, doch wenn jemand das behaupten dürfte, dann Schlagzeuger Ian Paice. Er ist das einzige Mitglied, das auf sämtlichen Alben spielte, und stieß 1967 als milchgesichtiger 19-Jähriger zur Band. Auch er ruft aus Großbritannien an, verrät uns aber nicht, von wo genau. Die erzwungene Verschiebung sämtlicher Purple-Aktivitäten scheint auch ihn nicht allzu sehr aus der Fassung zu bringen. „Was auch immer wir für dieses Jahr geplant hatten, machen wir eben nächstes Jahr. Das Problem ist nur, dass das alle anderen auch tun werden. Das wird ziemlich eng.“

Für eine Band, die schon vor zwei Platten davon sprach, ihr letztes Album zu machen, klingt WHOOSH! ziemlich lebendig.
NOW WHAT?! war ein frischer Wind. Zum ersten Mal seit langer Zeit hatten wir tatsächlich wieder Spaß im Studio. Es war außerdem erfrischend, Bob dort zu haben, der uns dazu brachte, eine Platte effektiv und schnell zu erschaffen. Ich verbrachte zehn Tage in Nashville und bin dann sofort wieder abgehauen. INFINITE entstand in sieben Tagen. Bei diesem Album war ich acht Tage vor Ort. Wenn man Alben
schnell macht, kommt in der Regel etwas Gutes dabei heraus. Wenn man dagegen ewig daran arbeitet, hat man am Ende etwas, das perfekt ist, aber nicht wirklich gut.

Habt ihr diesen Fehler in der Vergangenheit einmal gemacht?
Das kann passieren … Deep Purple sind wie ein Haufen Gefreite in einer Armee ohne Generäle. Alle laufen herum und machen, was sie wollen, aber nichts wird erledigt. Früher gab es fünf Leute, die die Regler hoch und runter schoben – „Mein Part ist wichtiger als deiner“. Mit Bob passiert das nicht. Wenn er sagt: „Wir haben den Take“, diskutiert man nicht mit ihm. Wir sind die Gefreiten, Bob ist der General.

Wenn jemand vorschlug, ein neues Album zu machen, dachtest du da jemals: „Oh nein, nicht schon wieder“?
Früher schon. Im Studio rumzuhängen und nichts zu tun, ist so demoralisierend. Vor allem, wenn man es sich dann anhört und es nicht besonders gut klingt. Ich denke, wir haben das alle eine sehr, sehr
lange Zeit nicht so sehr genossen wie jetzt.

Dieser Titel, WHOOSH! – hat sich so eure Karriere angefühlt? Sind die letzten mehr als 50 Jahre wie im Zeitraffer vergangen?
Im Privatleben schon. Was Familienangelegenheiten betrifft, ist die Zeit rasend schnell vergangen. Doch wenn es um die Band geht, nein. Ich kann mich an alles erinnern, an die guten und die schlechten Zeiten. Aber man kann den Titel auch anders betrachten: die Dinge, die wir in den letzten paar Monaten durchlebt haben, die Probleme, die wir auf dieser wundervollen kleinen Kugel erschaffen, auf der wir leben. Wir könnten hier ganz schnell wieder weg sein.

Es gibt tolle Texte auf dem Album. Bekommt Ian Gillan als Texter die Anerkennung, die er verdient hätte?
Wenn er nicht in diesem Genre arbeiten würde, hätte man ihm genauer zugehört. Doch das ändert nichts daran, dass es interessant und aufregend ist.

Purple hatten immer so viele Elemente in ihrem Sound: Rock, Jazz, R’n’B, Klassik. Frustriert es dich, dass manche Menschen nur die langen Haare und die Lautstärke sehen?
Nein, solange man es als Hardrock bezeichnet. Es störte uns, als man uns als Heavy Metal etikettierte, denn damit hatten wir nichts zu tun. Einiges von dem, was wir machten, hat zu dessen Entstehung beigetragen, und darauf bin ich ziemlich stolz, aber Purple waren nie eine Metal-Band. Wir hatten so viele Facetten. Vielleicht hat das unserem Erfolg geschadet.

Purple waren nie cool. Eure Fans lieben euch, aber die Allgemeinheit verehrt euch nicht so wie Zeppelin oder Sabbath. Stört dich das?
Nein, überhaupt nicht. Ich bin froh, dass uns damals genug Leute mochten, um diesen Mythos und diese Langlebigkeit zu begründen, und dass es auch heute noch Leute gibt, die uns mögen. Man kann nicht etwas 50 Jahre lang machen, wenn man es nicht richtig macht.

Viele Fans würden immer noch gerne Ritchie Blackmore zur Band zurückkehren sehen. Wünscht du dir, dass sie damit endlich Ruhe geben würden?
Nein, denn Ritchie hat eine unglaublich loyale Fanbase, und viele von ihnen sind überzeugt davon, dass Ritchie der einzige Grund ist, dass Purple je Erfolg hatten. Aber die Sache ist nun mal die: Wir haben ihn nicht aus der Band geschmissen. Er beschloss, zu gehen und sein eigenes Ding zu machen. Eines seiner
Projekte, Rainbow, wurde enorm erfolgreich, und das gönne ich ihm voll und ganz. Und jetzt macht er etwas anderes, mit dem er hoffentlich glücklich ist.

Aber niemand wird jünger. Spürst du nie den Drang, ihn anzurufen und zu sagen: „Hast du Lust auf einen Plausch, um der alten Zeiten willen?“
Ritchie ist kein solcher Typ. Ich hatte in den letzten Jahrzehnten so wenig Kontakt mit ihm, dass ich nicht mal mehr wüsste, wo oder was er heute ist. Das Letzte, was ich von ihm bekam, war eine Weihnachtskarte vor etwa 20 Jahren. Ohne Absender oder irgendwas. Ich habe ihm nie den Rücken gekehrt, wir sprechen nur einfach nicht miteinander. Zwei verschiedene Menschen mit zwei verschiedenen Leben. Es würde mich sehr freuen, ihn zu treffen. Ich würde mich hinsetzen, was trinken
und über den guten Scheiß reden. Was bringt es, sich an den schlechten Scheiß zu erinnern?

Apropos guter Scheiß: Ist es wahr, dass ihr letztes Jahr nicht das 50. Jubiläum von Ians und Roger Glovers Bandeinstieg gefeiert habt?
Ich glaube, das haben wir alle vergessen. Wir haben uns nicht mal auf einen Drink getroffen. Hoffentlich können wir das zum 60. nachholen.

Denkst du, ihr schafft das?
Ich bezweifle es, aber man kann nie wissen.

Text: Daryl Easlea