0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Start Blog Seite 207

Deep Purple: Kriminelle Energie

0

Viele glauben, ein Coveralbum sei ein Zeichen für versiegende Ideen, reine Vertragserfüllung – oder beides. Auf TURNING TO CRIME von Deep Purple trifft keine dieser Vermutungen zu. Stattdessen präsentiert sich die Band hier hörbar spielfreudig beim Interpretieren einiger Songs, die sie einst überhaupt erst dazu inspirierten, selbst Rock’n’Roll zu spielen.

Jede Reise beginnt mit einem einzigen Schritt, und der Weg zu TURNING TO CRIME nahm Gestalt an, nachdem jedes Bandmitglied eine Liste von potenziellen Songkandidaten an Bob Ezrin schickte und daraus dann demokratisch die vielversprechendsten Titel gewählt wurden. „Während die Songideen eintrafen“, so Ian Gillan, „war unsere Haltung: ‚Nun, versuchen wir einfach mal ein paar davon und sehen, wie es läuft‘. Und wenn der Ball dann mal ins Rollen gekommen ist, entwickelt das seine Eigendynamik.“ Als die Stimmen ausgezählt waren, hatte es ›Oh Well‹ von Fleetwood Mac in die Endauswahl geschafft, ebenso wie ›Shapes Of Things‹ von The Yardbirds und ›White Room‹ von Cream – allesamt unbestreitbare Klassiker. Doch auch einige der esoterischeren Nominierungen wurden gewählt, etwa Bob Dylans ›Watching The River Flow‹, ›7 And 7 Is‹ von Love und Ray Charles’ Interpretation von ›Let The Good Times Roll‹. Und als die Tracklist konkreter wurde, wuchs die Begeisterung für das Projekt.

Die Covid-19-Regeln machten es unmöglich, sich zu fünft im selben Raum zu treffen und Ideen für Arrangements, Songstrukturen oder die Instrumentierung auszuprobieren, wie sie das in der Vorproduktion ihrer Alben seit jeher getan hatten. Stattdessen nahm Ezrin die Verteilung und Entwicklung des Materials mit jedem einzelnen der Musiker in die Hand. Eine zeitraubende Art der kreativen Zusammenarbeit, die ein bisschen wie die Salamitaktik funktionierte, nur rückwärts, denn statt etwas aufzuteilen, wurden Dinge hinzugefügt, bevor das Ergebnis dann an den nächsten Teilnehmer weitergereicht wurde. Am Bildschirm aus seinem Heimstudio, wo die meisten der Basis-Demos aufgenommen wurden, beschreibt Glover die Erfahrung dieses akribischen Prozesses als „erhellend“, „erfrischend“ und „fordernd“. „In gewisser Weise genoss ich es, allein ohne Einmischung von Bob oder den anderen zu arbeiten“, sagt der Bassist mit einem Lächeln, bevor er die Bedeutung des Produzenten in diesem System unterstreicht: „Wenn Deep Purple ein Rad sind, ist Bob dessen Dreh- und Angelpunkt.“


Im Gespräch über seinen eigenen Ansatz dabei, den Songs neues Leben einzuhauchen, verrät Glover, dass er
versuchte, sich an ein kreatives Umfeld zu erinnern, das er inspirierend fand, bevor er 1969 bei Deep Purple Mk II einstieg. „In den 60ern herrschte ein großartiges Gefühl der Freiheit“, erzählt er begeistert. „Plötzlich musste man sich an kein vorgefertigtes Muster mehr halten, es musste nicht mehr in jedem Song um Liebe gehen, sondern man konnte machen, was man wollte. Dieses Gefühl war im Wesentlichen der Zauber der 60er. Es gab eine wahre Explosion des freien Ausdrucks. Natürlich hielt das nicht an und heute ist die Welt ganz anders, aber wir genießen es nach wie vor, über das hinauszugehen, was man von uns erwartet.“

„Es wäre witzlos, Songs zu covern, wenn man sich nur sklavisch an die Originale halten würde“, sagt Gillan, der schon vor Purple bei Episode Six Glovers Songwriting-Partner war. „Aber gleichzeitig ist es auch verdammt frech, zu glauben, dass man diese Songs verbessern könnte, die allen tief im Bewusstsein stecken. Wir nahmen uns diese Stücke vor, weil sie ohnehin schon großartig waren und genial gespielt worden waren, weil sie Teil unserer Wurzeln sind, unseres Lebens. Wir spielen jeden Song mit absolutem Respekt und hoffen, dass
sich unsere Persönlichkeit und unser Stil so entwickelt haben, dass wir ihnen die Identität von Deep Purple
verleihen können, ohne unseren Respekt für die Originale zu mindern.“

Gillan bringt seine Bewunderung für die Beiträge jedes einzelnen seiner Mitmusiker auf TURNING TO CRIME
zum Ausdruck, doch besonders lobt er die Arbeit von Steve Morse, des Mannes, den viele Purple-Fans bis heute als den „neuen“ Gitarristen der Band betrachten, obwohl er mittlerweile in seinem 27. Jahr dabei ist.
„Steve bringt durch sein riesiges Wissen über Jazz und Southern Rock und verschiedene Ansätze in der Musik ein ganz anderes Element in die Band, das wir davor nie gehabt hatten“, erklärt Gillan. „Das hat uns eine neue Dimension verliehen.“ Für Morse stellt TURNING TO CRIME eine schöne Parallele zu seinem Leben dar, denn der entspannte Gitarrist aus Ohio erinnert sich, dass einer der ersten Songs, die er je in diversen High-School-Bands spielte, ›Hush‹ war – die Coverversion eines Stücks des amerikanischen Singer/Songwriters Joe South, das ursprünglich 1967 vom Country- Soul-Sänger Billie Joe Royal aufgenommen worden war und mit der Deep Purple ihrerseits 1968 einen Hit landeten.

Was die Bedeutung von Coverversionen in seiner eigenen musikalischen Sozialisation betrifft, nennt der 67-Jährige Morse Bob Dylans ›Mr. Tambourine Man‹ in der Interpretation von The Byrds, deren Single nur einen Monat, nachdem das Original die akustische Seite von Dylans Album BRINGING IT ALL BACK HOME von 1965 eröffnete, erschien. In dieser Fassung sei dieser Track für ihn „zum Leben erwacht“ und habe „seinen Zauber entfaltet“, während Dylans Original an ihm vorbeigegangen sei, ohne bleibenden Eindruck zu hinterlassen.
Von den fünf Bandmitgliedern ist es Morse, dem am ehesten bewusst ist, dass das Umformen von Klassikern
von einigen konservativeren Musikliebhabern als Ketzerei betrachtet wird. Der Gitarrist sagt, er habe dies am eigenen Leib erfahren, als er 2004 für das selbstbetitelte Debütalbum des kurzlebigen Hardrockprojekts Living
Loud sechs Stücke von Ozzy Osbourne mit Mitgliedern der BLIZZARD-OF-OZZ-Band sowie deren Autoren Bob Daisley und Lee Kerslake sowie dem australischen Sänger Jimmy Barnes (und Gastkeyboarder Don Airey) in alternativen Fassungen aufnahm. „Wir probierten ein paar neue Sachen mit Songs, die Bob wirklich gefielen, und daraus wurde etwas ziemlich anderes. Und mein Gott, das Tor zur Hölle öffnete sich! Die Leute drehten durch. Jetzt [mit TURNING TO CRIME] bin ich also auf negative Reaktionen vorbereitet. Aber es besteht wohl
immer die Möglichkeit, dass es ein paar Leuten gefallen wird“, fügt er mit einem wissenden Kichern hinzu.

Die ganze Titelstory lest ihr in CLASSIC ROCK #105

David Lee Roth: ›Nothing Could Have Stopped Us Back Then Anyway‹

0

Nachdem David Lee Roth überraschend vor einigen Wochen die Ballade ›Pointing At The Moon‹ veröffentlicht hat, legt er jetzt mit ›Nothing Could Have Stopped Us Back Then Anyway‹ nach. In dem ruhig-verträumten Song mit Harmonie-Gesängen und warmen Orgelklängen erzählt Diamond Dave liebevoll von seiner Zeit mit Van Halen, als die Band in den 70er Jahren durchstartete.

Das Lied entstammt einigen Akustik-Sessions, die Roth 2007 mit John 5 abhielt. Manche Songs, die bei dieser Zusammenarbeit entstanden, fanden bereits ihren Weg an die Öffentlichkeit, andere wie eben ›Nothing Could Have Stopped Us Back Then Anyway‹ waren lange Zeit unter Verschluss.

So sah es beim Sweden Rock 2022 aus

Im Juni fand wieder das „Sweden Rock“-Festival in Sölvesborg, Schweden statt. Unser Fotograf Frank C. Dünnhaupt war vor Ort und hat das mit Stars gespickte Line-Up festgehalten.

[slideshow_deploy id=’131652′]

In Memoriam: Dusty Hill (19.05.1949 – 27.07.2021)

David Sinclair blickt auf das Leben und die Musik des enigmatischen Bassisten und Sängers von ZZ Top zurück.

Der plötzliche Tod im Alter von 72 Jahren des Bassisten, Sängers, Songwriters und Keyboarders Dusty Hill war ein riesiger Verlust angesichts seiner robusten, aber zurückhaltenden Präsenz auf der Rockstar-A-Liste über einen so langen Zeitraum. Mit seinem langen Rauschebart, der schwarzen Sonnenbrille und den unvermeidlichen Cowboyhüten erschuf er gemeinsam mit seinem Spiegelbild Billy Gibbons an der Gitarre und Schlagzeuger Frank Beard einen Sound, ein Image und einen Mythos, die ZZ Top def inierten, die in ihren eigenen Worten „little ol’ band from Texas“, und sie zu einem der Wunder der Rock’n’Roll-Welt machten. Wie die Präsidentenköpfe, die am Mount Rushmore aus dem Fels gemeißelt wurden, schienen diese überlebensgroßen Methusalems für ein ewiges Leben bestimmt zu sein.

https://www.youtube.com/watch?v=b892Sel9Xhg&list=PLLtLECfTpR3HGXA46JiCfnGPfwxH3-kWO&index=1

Und tatsächlich waren sie bis zu dem Tag, als Hill zu Hause in Houston im Schlaf verstarb, auf Tour. Er war in die Stadt gekommen, um eine Hüftverletzung behandeln zu lassen, während der Band-Gitarrentechniker Elwood Francis auf der Bühne für ihn einsprang. Gibbons hat bekanntgegeben, dass sie beabsichtigen, auch die verbleibenden Konzerte dieser Tournee zu spielen. „Wie Dusty sagte, als er sich verabschiedete: ‚Let the show go on!‘ Und mit allem Respekt wird es gut sein, darüber hinwegzukommen und seine Wünsche zu respektieren“, so Gibbons.

Nach bescheidenen Anfängen 1969 in Houston tourten sich ZZ Top zunächst in Amerika zu ihrem Status, und als sie 1976 die „Worldwide Texas Tour“ unternahmen, waren sie einer der größten Stadion-Acts im Land. Die Ambitionen des Trios wuchsen weiter, ebenso wie ihre Bärte, und mit ihrem achten Album ELIMINATOR wurden sie 1983 schließlich zu globalen Stars der MTV-Ära. Durch eine Reihe markanter, denkwürdiger Videoclips zu den Hits ›Gimme All Your Lovin’‹, ›Sharp Dressed Man‹ und ›Legs‹ etablierten ZZ Top ein einzigartiges und unauslöschliches Bild in den Köpfen des Publikums und erzielten eine der raren Diamant-Auszeichnungen für 10 Millionen verkaufte Exemplare von ELIMINATOR allein in den USA. 2004 wurden sie von Keith Richards in die Rock And Roll Hall Of Fame aufgenommen und beendeten die Zeremonie mit einer feurigen Darbietung von ›Tush‹ (ihrer ersten US-Top-20-Single von 1975), die Hill mit typisch breitbeinigem Swagger sang.

Ihr kommerzieller Erfolg und Veröffentlichungsrhythmus ließen im neuen Jahrtausend nach, doch sie hörten nie auf, live zu spielen. „Wir reden über alles mögliche, von Kopfschmerzen bis Haarspalterei, aber nie darüber, die Band aufzulösen“, verkündete Gibbons. Ihr Vermächtnis ist ein beeindruckendes Gesamtwerk – so tiefgründig und „down and dirty“ wie das jeder großen Southern-Rock/Blues-Band, so progressiv und manchmal sogar avantgardistisch wie das vieler „ernsthafter“ Acts und so massentauglich und tanzbar wie das der meisten Softrock-Titanen der 80er. Doch hinter all dem Showbiz-Glitter und Glamour – den Autos, den Mädchen, den edel bestickten Kostümen, den wirbelnden Gitarren im Partnerlook und den telekinetisch synchronisierten Moves – stand ein Trio engagierter Musiker, die einfach ihren Job liebten und bis zum letzten Vorhang die Gesellschaft und den Humor der Bandkollegen schätzten. Wie sie zu sagen pflegten: dieselben drei Typen, die dieselben drei Akkorde spielen – 50 Jahre lang und mehr. (David Sinclair)

Smith/Kotzen: Ankündigung von neuer EP

0

Im September dieses Jahres veröffentlichen die Gitarrenhelden Adrian Smith (Iron Maiden) und Richie Kotzen (Ex Poison/Mr. Big) veröffentlichen eine neue EP. BETTER DAYS … AND NIGHTS wird eine Mischung von Live- und Studioaufnahmen bereithalten. Unter anderem werden vier Tracks von BETTER DAYS, die im Zuge des „Record Store Days“ veröffentlicht wurden, enthalten sein, genauso wie Live-Tracks, die Anfang dieses Jahres auf Tour aufgenommen wurden.

Die EP ist der Nachfolger zum 2021 erschienenen SMITH/KOTZEN-Album der beiden Künstler.

Steve Hackett: So sah es bei seiner Show in Stuttgart aus

0

Am 22. Juli spielte Steve Hackett in der Stuttgarter Liederhalle. Unser Fotograf Frank Witzelmaier war vor Ort und hat die Show des Ex-Genesis-Mannes für euch festgehalten.

[slideshow_deploy id=’131747′]

Red Hot Chili Peppers: Neues Album im Oktober

0

Unglaublich, aber wahr: Nachdem die Red Hot Chili Peppers erst im April dieses Jahres ihr Album UNLIMITED LOVE veröffentlicht haben, hauen die Peppers noch im selben Jahr eine weitere Platte raus. Am 14. Oktober soll RETURN OF THE DREAM CANTEEN erscheinen.

Die Red Hot Chili Peppers selbst sagen zum neuen Album: „Wir haben nach der Band gesucht, die wir immer waren. Nur so zum Spaß haben wir gejammt und ein paar alte Lieder geübt. Es dauerte nicht lange, und wir begannen mit dem mysteriösen Prozess, neue Songs zu schreiben. Ein schönes bisschen der Chemie, mit der wir uns im Laufe der Zeit hunderte Male angefreundet hatten, mischte sich ein. Als wir diesen Fluss von Sound und Vision gefunden hatten, haben wir einfach weiter gegraben. Mit der Zeit wurde ein elastischer Bund aus übergroßer Unterwäsche daraus und wir hatten keinen Grund, mit dem Schreiben und Rocken aufzuhören. Es fühlte sich an wie ein Traum. Als alles gesagt und getan war, hatte unsere launische Liebe zueinander und die Magie der Musik uns so viele Songs geschenkt, dass wir nicht wussten, was wir damit tun sollten. Aber wir fanden es heraus. Zwei Doppelalben, kurz nacheinander hintereinander veröffentlicht. Der zweite ist genauso bedeutend wie das erste und umgekehrt. „Return of the Dream Canteen“ ist alles, was wir sind und wovon wir jemals geträumt haben. Es ist vollgepackt. Aufgenommen mit dem Blut unseres Herzens.“

Rückblende: The Rolling Stones mit ›Let It Loose‹

0

„Ich verstand hinterher nicht wirklich, worum es da ging“, sagt Texter Mick Jagger über einen Track auf EXILE ON MAIN ST., der die Band auf ihrem absoluten Zenit zeigt.

Ab dem packenden Riff von Keith gleich am Anfang, das verführerisch durch einen Leslie-Lautsprecher oszilliert, hebt sich ›Let It Loose‹, fast verborgen tief auf der dritten Seite des ausschweifenden Doppel-Vinyl-Meisterwerks EXILE ON MAIN ST. der Rolling Stones von 1972, von einem Großteil der begleitenden Songs ab. Es markiert den Beginn eines der gelungensten Ausflüge der Briten in gospelgefärbte Americana, definiert von der vorherrschenden Stimmung des vorangehenden Stücks ›I Just Want To See His Face‹. Dieser Swamp-Blues-Southern-Rock-Jam, der den Hörer direkt in die Kirche versetzt, klingt und fühlt sich an wie die Audio-Vérite-Feldaufnahme einer Messe der Erweckungskirche, entstand aber tatsächlich 1970 in den Olympic Studios in London mit Mick Jagger am E-Klavier, Mick Taylor am E-Bass, Bill Plummer am Kontrabass, Charlie Watts am Schlagzeug und Jimmy Miller als Percussionist. Erst zwei Jahre später kam Jagger dazu, bei „Sunset Sound“ in Hollywood improvisierten und leidenschaftlichen Leadgesang hinzuzufügen, und betonte die Stimmung der Nummer durch Backing-Vocals von Phil-Spector-Sessionveteranin Clydie King und Ex-Ikette Venetta Fields für eine Extraportion Authentizität. Der Hörer wähnt sich folglich am Ende von ›See His Face‹ schon bequem auf der imaginären Kirchenbank in freudiger Erwartung des Hauptereignisses. Und ›Let It Loose‹ enttäuscht nicht.

Für so einen wichtigen Track ist sein Ursprung nicht sehr klar definiert. „Ich glaube, Keith hat das geschrieben“, sagte Jagger und nannte es einen „sehr seltsamen, schwierigen Song. Ich hatte einen komplett anderen Text dafür, aber der wurde aufgegeben. Meiner Meinung hat dieses Lied nichts, was einer Bedeutung auch nur ähnelt. Das ist einer dieser ziellosen Songs. Ich verstand hinterher nicht wirklich, worum es da ging.“Und wie reagierte Keith darauf? „Ich würde Micks Erinnerung an irgendetwas nie besonders ernst nehmen“, sagt der.

Die Stones begannen die Arbeit an der Platte, die mal EXILE ON MAIN ST. werden sollte, mit nur ein paar Skizzen einer Handvoll existierender Songs. Das triumphale ›Shine A Light‹ war etwa schon zu Brian Jones’ Zeiten 1968 enstanden unter dem Titel ›(Can’t Seem) To Get A Line On You‹, ein Kommentar zum Absturz ihres rapide abbauenden Gitarristen in die hoffnunglose Drogenabhängigkeit. Der Löwenanteil des Materials wurde erst im Keller von Nellcôte ersonnen, Keith Richards’ seit Kurzem gemieteten Zuhause in Villefranche-sur-Mer in Frankreich.

„Das Album hieß EXILE, weil wir praktisch aus England verjagt worden waren“, erinnert sich Keith. Eine Kombination aus Belästigung durch die Polizei und dem drakonischen britischen Steuersystem hatte zu einem eiligen Umzug der Band nach Frankreich geführt. „Wir konnten abhauen oder Straßenkehrer werden“, übertreibt Keith lässig. „Ich würde sagen, etwa 90 Prozent von EXILE entstanden in dem verdammten Keller, und es wurde ein Doppelalbum daraus. Wir gingen da nicht rein und sagten: ‚Wir werden es ihnen zeigen und ihnen zwei auf einmal servieren.‘ Wir arbeiteten einfach, und es herrschte ein gewisser Kameradschaftsgeist: ‚Wenn wir das wirklich tun, sollten wir uns besser etwas einfallen lassen, um die Bastarde umzuhauen.‘ Außerdem führte es diesen Spruch ad absurdum, das Heim eines Engländers sei sein Schloss. Yeah? Nun, meines ist in Frankreich, Mann.“ Der ursprüngliche Instrumentaltrack von ›Let It Loose‹ entstand in diesen langen Kellersessions in Nellcôte im Oktober 1971. In einer bluesig-schizophrenen Kombination aus D und G verwurzelt, gab Keith auf der ersten Fassung den Pops Staples zu Nicky Hopkins’ Mellotron, begleitet von einem gemäßigten, aber tighten Watts/Wyman-Rhythmusgroove und Bläserparts von Bobby Keys (Saxofon) und Jim Price (Trompete und Posaune). Ein wenig überzeugender Slide-Overdub von Mick Taylor schaffte es nie auf EXILE, nachdem der Song schließlich zwischen Dezember 1971 und März 1972 bei Sunset Sound Recorders in Los Angeles fertiggestellt worden war.

Als Erweiterung der Ensemble-Gospelparts von ›I Just Wanna See His Face‹ bediente sich ›Let It Loose‹ bei einem virtuellen Chor aus überragenden Stimmen. Diesmal schlossen sich Clydie King und Venetta Fields auch noch Tamiya „Tami“ Lynn (die mit ›I’m Gonna Run Away From You‹ gerade einen Northern-Soul-Crossover-Hit in Großbritannien gelandet hatte), Shirley Goodman (einst bei Shirley And Lee, die 1956 eine erfolgreiche Version von ›Let The Good Times Roll‹ veröffentlicht hatten und später als Shirley & Company mit ›Shame, Shame, Shame‹ zu Discoruhm kommen sollten), Sopran-Sessionveteran Joe Greene (der Band schon durch seine Arbeit mit Billy Preston bekannt) und die renommierte New-Orleans-Legende Dr. John an, der außerdem noch einen sehr charakteristischen Klavierpart beisteuerte.

Und doch ist der wirkliche Star auf ›Let It Loose‹ letzten Endes Mick Jagger, der hier eine seiner besten Gesangsleistungen überhaupt abliefert. Sensibel, aber energisch, maßvoll, aber leidenschaftlich, ist dies ein Paradebeispiel für seinen einzigartig stilisierten, unverkennbaren, aber fast schon absurd unterbewerteten Modus Operandi. Von der schwelgenden Soul-Verführung am Anfang, über das herzsprengende Crescendo im Mittelteil, das sich gnadenlos (und atemlos, dank Richards’ zackig-knackiger Arpeggio-Gitarre) aufbaut, bis hin zu einer krönenden Chor-Coda, garantiert er diesem Song den Status als unleugbarer Stones-Klassiker. Der Text mag nicht unbedingt als Poesie durchgehen, und Tiefgang nicht die Stärke dieser Nummer sein, doch Jagger verkauft jede einzelne Silbe mit so überzeugender Hingabe, dass die Zeile „Let it all come down“ fast die Gravitas von „I have a dream…“ anzunehmen scheint.

Der inhärente Zauber von ›Let It Loose‹ liegt aber tatsächlich in seiner Atmosphäre. Das unbestimmte Ganze erhebt sich weit über die Summe seiner einzelnen Teile, ob diese nun „Schlafzimmer-Blues“, fünf Ausgestoßene auf einer Welle aus Bourbon in einem Keller, Texas-Bläser oder ein Gospelchor seien. ›Let It Loose‹ ist schlicht und einfach der Klang einer Band, die sich auf dem Zenit ihres Könnens befindet und Americana komplett verinnerlicht hat.

EXILE war das, was wir aus zehn Jahren des Tourens in Amerika gelernt hatten“, sagt Keith. „Vorher kannten wir es nur von Platten, dort lernten wir es vor Ort. Wir saugten einfach die amerikanische Kultur auf. Und uns wurde klar, dass sie, you know, britische Männer lieben… [ein Augenzwinkern]. Wenn man es richtig macht.“

(Aus CLASSIC ROCK#83)