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Wucan: Krautig und wunderbar kauzig

Wucan in eine plakativ beschriftete Retro-Rock-Schublade zu packen, wäre zu einfach. Zwar versprüht die Band einen deutlichen Vintage-Vibe, beruft sich jedoch im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen nicht nur auf eine angelsächsische Musiktradition, sondern sieht sich selbst auch im Kraut- und Ostrock verwurzelt. Auf ihrer neuen LP erweitern die Dresdener um Frontfrau und Multiinstrumentalistin Francis ihren Stil erneut und präsentieren mit HERETIC TONGUES ein spannendes, facettenreiches und vor allem wunderbar kauziges Album, das aus der Masse hervorsticht.

Francis, es war länger ruhig um euch. Was hat die Pandemie mit Wucan gemacht?

Die Pandemie hat uns in die Hände gespielt, um uns künstlerisch, inhaltlich und soundtechnisch neu zu orientieren. Wir haben uns auf die Suche gemacht nach der Musik, die wir wirklich spielen wollen.

Weil ihr das Gefühl hattet, es fehlt etwas?

REAP THE STORM war ein schwieriges Album. Das Label hatte zu große Erwartungen an uns, die wir nicht erfüllen konnten. Wir auch, doch waren wir in unserem künstlerischen Reifeprozess noch nicht so weit. Deswegen haben wir uns kritisch mit uns selbst auseinander gesetzt, nicht zwingend, weil etwas gefehlt hat. Die Elemente, die wir auf den anderen Alben hatten, sind auch jetzt noch vorhanden. Wir haben nur weiter an Songwriting, Arrangement und Sound gearbeitet. Ein bisschen wie ein Bildhauer, der hier und da noch etwas abträgt. Und das hat ewig gedauert, weil wir uns ständig gefragt haben: ‚Holt uns das ab?‘ Man ist ja nicht nur Musiker, sondern auch Fan.

Sieht man da vor lauter Bäumen den Wald noch, wenn man so viel Zeit investiert?

Jein. 2020 war für uns ein introspektives Jahr, weil wir die Pandemie sehr ernst genommen haben. 2021 wohnte ich dann quasi im Studio, da steckt man schon sehr tief drin. Als es bei den Aufnahmen an die Detailarbeit ging, musste ich zwischendurch echt mal um den Block gehen, um etwas Abstand zu gewinnen. Fertig war dann alles im November 2021.

Wie fühlte es sich an, das Baby nach so langer Zeit abzugeben?

Einerseits ist da große Erleichterung, weil wir etwas geschaffen haben, das uns sehr gut repräsentiert. Auf der anderen Seite denke ich, dass das wieder nur ein Ausschnitt von uns ist. Nach dem Motto: Was wir machen, ist ein Blockbuster, aber das ist der Werbevorspann. (lacht) Ich könnte schon wieder neue Songs schreiben.

Was hat dich während der Entstehung des Albums besonders beschäftigt?

Vor allem meine private Situation, ich singe viel über zwischenmenschliche Beziehungen. Und die Corona-bedingte Introspektive. In ›Physical Boundaries‹ zum Beispiel geht es darum, dass sich Menschen nur bis zu einem gewissen Punkt nahe kommen können. Irgendwo beginnt man selbst und die andere Person endet. Das sind so Überlegungen von mir. ›Fette Deutsche‹ hingegen beschäftigt sich sozialkritisch mit der Situation in Sachsen, vor allem mit den Vorkommnissen von 2018 in Chemnitz. Philipp hat an dem Text mitgearbeitet. Wir kommen fast alle aus Haushalten, die durch Rechtsextremismus oder Querdenker tangiert wurden.

Ihr habt euch für ein Cover von ›Zwischen Liebe und Zorn‹ entschieden. Warum?

Renft und Ostrock begleiten uns schon ne Weile. In der öffentlichen Wahrnehmung kommt Ostrock viel zu kurz. Renft waren eine Band, die wirklich was bewegen hätten können. Aber kein Sack kennt die. Dabei ist das so ne wunderbare Musik. Das Cover steht exemplarisch für die ganzen anderen tollen Bands, die niemand mehr hört. Selbst Krautrock ist für viele ein Buch mit sieben Siegeln und das finde ich schade.

Video der Woche: Crosby, Stills, Nash & Young mit ›Almost Cut My Hair‹

David Crosby wird heute 81 Jahre alt. Zur Feier des Tages blicken wir deshalb auf das Jahr 1974 zurück und eine Performance des Songs ›Almost Cut My Hair‹ vom 1970 erschienenen Album DÉ JÀ VU von Crosby, Stills, Nash And Young.

Im Video dieser Woche spielen David Crosby, Stephen Stills, Graham Nash und Neil Young das von Crosby geschriebene und gesungene Lied live. Das Stück behandelt die Frage, ob man als Teil einer Gegenkultur (wie beispielsweise der Hippies) seine Haarpracht auf eine praktische Länge kürzen oder sie lang als Zeichen der Rebellion tragen sollte.

Flashback: Moscow Music Peace Festival

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Am 12. und 13. August 1989 fand das „Moscow Music Peace Festival“ statt, eines der legendärsten Rock-Events aller Zeiten.

Zurück geht das „Moscow Music Peace Festival“, gerne auch „Woodstock der UdSSR“ genannt, auf Doc McGhee. Der frühere Manager der Scorpions, Mötley Crüe und Skid Row war bei faulen Geschäften im Droggenschmuggel erwischt worden. Statt eine mehrjährige Haftstrafe abzusitzen, zahlte er einen Haufen Geld und verpflichtete sich, eine Anti-Drogen-Kampagne zu organisieren. Von einem ehemaligen schwarzen Schaf wäre eine solche Lektion erfolgreicher als von staatlicher Seite, so die Hoffnung.

McGhee zog das Ganze im großen Stil auf: Vermarktet wurde das Event als das russische Woodstock und selbstverständlich gab es auch eine Fernsehübertragung. Die Gewinne gingen an die Make A Difference Foundation. Für den Manager war die Möglichkeit, seine Schützlinge bestmöglich unterzubringen, perfekt. Neben Skid Row, Mötley Crüe und den Scorpions traten auch Ozzy Osbourne, Cinderella und Bon Jovi auf.

Da die Scorpions zu diesem Zeitpunkt die bekannteste Band der westlichen Welt waren, gebührte ihnen der Platz vor dem Headliner und Kassenbrecher Bon Jovi. Das gefiel weder Mötley Crüe, noch Ozzy Osbourne. Letzterer war schon auf dem Weg zurück zum Flughafen, entschied sich schlussendlich jedoch, trotzdem aufzutreten.

Nicht ganz so versöhnlich betrachtete Tommy Lee die ganze Sache. Da McGhee auch Bon Jovi managte und sich Mötley Crüe zum einen klar von „den Posern“ abheben wollten und sie sich vernachlässigt fühlten, war die Stimmung schon zuvor angespannt. Als Bon Jovi dann noch Pyrotechnik nutzten, entgegegn McGhees Versicherung, dies würde nicht geschehen, platzte dem Drummer der Kragen. Er schlug den Manager und teilte ihm mit, er könne „die Chipmunks managen“. Auf einen gemeinsamen Flug zurück in die USA verzichtete die Band.

Doch neben den Streitigkeiten ist das „Woodstock der UdSSR“ auch dafür bekannt, Klaus Meine zu ›Wind Of Change‹ inspiriert zu haben, dem Song, der schließlich zur Hymne der Wiedervereinigung in Deutschland werden sollte.

Classless Act: Guter Deal mit dem Karma

Man muss hart arbeiten, sich fragen trauen und einfach machen, dann klappt das mit dem Karma. Zumindest bei den neuen aufgehenden Sternen am Rockhimmel namens Classless Act funktioniert es. Die in den Staaten befindliche Band hat es binnen nur kürzester Zeit und mit einiger Hilfe ihres Labels geschafft, wichtige Kontakte zu knüpfen, mit Mötley Crüe auf große „The Stadium Tour“ zu gehen und ein Debütalbum, WELCOME TO THE SHOW, aufzunehmen, das viele gespannt erwarten. „Irgendwie haben alle, mit denen wir arbeiten wollten, zugesagt. So hat Bob Rock einige der Songs produziert, wir hatten Schreibsessions mit Taylor Hawkins von den Foo Fighters und mit Justin Hawkins von The Darkness. Vince Neil von Mötley Crüe singt beim Song ›Classless Act‹ mit. Das waren tolle Erfahrungen. Irgendwie denke ich mir: Du musst das Universum höflich bitten und dann bekommst du auch etwas zurück. Das ist eine wundervolle Sache. Wobei wir auch wirklich hart gearbeitet haben und absolut bereit waren für alles. Außerdem muss man dankbar sein, dann gibt die Welt dir mehr!“, so der charismatische Sänger Derek Day gut gelaunt und fast schon aufgedreht im Zoom-Interview. Auch bei der Formation der Band scheint eine gewisse Schicksalhaftigkeit eine Rolle gespielt zu haben, lernten sich doch die Mitglieder auf ungewöhnlichem Wege kennen: „Alles geschah durch Social Media, die Sterne standen günstig und so kamen wir zusammen, obwohl wir aus Kalifornien, Texas und Argentinien sind. Unser Gitarrist, Bassist und ich fanden über Instagram und Facebook zueinander, unseren anderen Gitarristen fanden wir bei TikTok. Lediglich unseren Drummer lernten wir bei einer Show mit seiner ehemaligen Punk-Band und baten ihn, einzusteigen.“

Klar, dass Day da die Macht von Social Media – im Gegensatz zu vielen seiner älteren Kollegen – als absolut positiv bewertet: „Ich finde, das ist ein toller Weg, um den Menschen zu zeigen, wer du bist. Klar, etwas Mysterium geht dadurch verloren, aber wenn man diese Plattformen richtig nutzt, kann auch das vermieden werden.“ Dass Classless Act in einem Meer von jungen Rockbands trotzdem auffielen, begründet Derek mit den explosiven Shows seiner Truppe: „Unsere Konzerte sind total verrückt. Ich glaube, die vergisst keiner. Wir spielen energischen Rock’n’Roll mit einem Hauch von Queen, Bowie oder Queens Of The Stone Age. Aktuell nutzen in L.A. alle Bands Tracks, das stinkt total, wie lahm ey! Ich möchte das nicht hören, also machen wir das nicht. Jeden Abend, wenn wir spielen, sind wir voll da und liefern ab, wir wollen jeden sehen, alle treffen.“, erklärt der Frontmann wild gestikulierend und voller Euphorie. Das Debüt der ambitionierten Gruppe fängt diese Energie ein: „Das Album ist gut ausbalanciert. Es ist aggressiv, aber man wird immer auch eine verletzliche Seite bei uns finden. Und irgendwo hört man oft eine kleine Seltsamkeit oder einen Spaß heraus.“

Les Paul: Der Man Zero des Rock

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Visionär, Erfinder, Gitarrenzauberer und die Inspiration für Generationen von Musikern: Les Paul erfand nicht nur die elektrische Gitarre, er definierte auch die Blaupause für die Gegenwartsmusik, wie wir sie heute kennen.

Absolut alles, was sich je auf den Seiten dieses Magazins fand, kann auf Les Paul zurückgeführt werden. Zunächst sollte man sich vor Augen halten, dass er die elektrische Gitarre mit Massivholzkörper erfunden hat. Das Modell Gibson, das seit den 50er Jahren seinen Namen trägt, ist eines der legendärsten Instrumente im Rock und wurde von zahlreichen Gitarrenhelden favorisiert, u. a. Jimmy Page, Pete Townshend, Mick Ronson, Slash, Paul Kossoff … um nur einige zu nennen. Paul war zudem selbst ein Virtuose, der die Grenzen des Gitarrenspiels mit Gusto und Finesse verschob. In seinen Händen wurde aus der Gitarre ein machtvolles, neues Instrument, ähnlich des Entwicklungsschritts von der Pferdekutsche zum Supersportwagen. In noch größerem Maßstab fing bei Les Paul auch das gesamte Konzept des modernen Albums an, das eine Studioproduktion anstelle einer bloßen Live-Aufzeichnung vorsieht. Er erfand Mehrspur-Aufnahmen (ebenso wie Effektgeräte, inklusive Reverb, Echo und Delay), das Heimstudio und den Gedanken, dass der Künstler auch Produzent sein könne. Man übertreibt also nicht, wenn man Les Paul als den Thomas Edison des Rock bezeichnet. Oder, wie Slash es formulierte: „Les war ein totaler fucking Pionier“.

Zudem war Paul ein großzügiger, umgänglicher Mensch, der sich seinen Legendenstatus nie zu Kopf steigen ließ. Bis kurz vor seinem Tod 2009 im Alter von 94 Jahren gab er noch Seminare, trat regelmäßig auf, tauschte Witze und Licks mit Musikerfreunden wie Keith Richards und Eddie Van Halen aus und arbeitete in seiner Werkstatt, zuhause in New Jersey, an neuen Erfindungen. Ich hatte das große Glück, bei zwei Gelegenheiten ein paar Stunden mit ihm zu verbringen, und erlebte einen Mann, der trotz all seiner Errungenschaften und Erfolge bemerkenswert bescheiden war.

Diese Bescheidenheit hatte vielleicht etwas mit seiner Jugend im Mittleren Westen zu tun. Geboren am 9. Juni 1915 als Lesster Polsfuss in Waukesha, Wisconsin, spielte er erstmals im Alter von acht Jahren Gitarre. Wenig später zerlegte er selbige. „Ab der Sekunde, in der ich meine erste Gitarre bekam, fielen mir Dinge auf, die man daran verbessern konnte“, erzählte er. „Ich korrigierte die Fehler und machte so das Instrument leichter zu spielen. Während andere Kids Schlittschuhlaufen oder Ballspielen gingen, war ich drinnen und versuchte, zu ergründen, wie sich Schallwellen fortbewegen. Ich begriff, dass ich eine Begabung hatte, aber ich kam nie an einen Punkt, an dem ich mir einbildete, ich sei besser als sonst jemand. Ich war einfach der Junge, der ständig Dinge auseinandernahm.“

Er saugte die Jazz-, Pop- und Country-Schallwellen aus dem Familienradio auf und wurde bald zu einer jugendlichen Ein-Mann-Band. Unter dem Namen Rhubarb Red sang er, spielte Mundharmonika, schlug auf einen Waschbottich ein und spielte an einem örtlichen Grillstand Gitarre. Da war er schon von seiner akustischen Sears & Roebuck zu einer professionelleren Gibson L-5 mit Hohlkörper aufgestiegen. „Eines Abends spielte ich und jemand sagte: ‚Deine Stimme ist in Ordnung, deine Mundharmonika ist in Ordnung, aber deine Gitarre ist nicht laut genug‘. Ich ging nach Hause und war fest entschlossen, eine Antwort zu finden. Zuerst nahm ich ein Stück stählerner Eisenbahnschiene und spannt eine Saite darauf. Darunter baute ich einen Telefonhörer. Das verband ich dann mit dem Radio, und es funktionierte. Ich rannte zu meiner Mutter und sagte: ‚Ich habe es gefunden!‘ Und sie antwortete: ‚So weit kommt’s noch, dass du mal einen Cowboy auf einem Pferd siehst, der auf einem Stück Eisenbahnschiene spielt!‘ Dieser Gedanke wurde also gleich wieder begraben. Als nächstes probierte ich es mit einem Holzbrett, vier Fuß auf vier Fuß, auf das ich eine Saite spannte. Das war das allererste Mal, dass ich eine Gitarre mit Massivkörper baute. Alles, was in den Jahren darauf folgte, war eine Verfeinerung dieser Idee, ein immer besserer Holzblock mit einer Saite darauf.“

Mit dem Segen seiner Mutter ging Les von der High School ab, um sich der Musik zu widmen. Damals trat er an den Wochenenden im Radio in St. Louis auf. Ein Jahr später zog er nach Chicago und machte seine ersten professionellen Aufnahmen. Das Pseudonym Rhubard Red war da schon Vergangenheit, stattdessen verkürzte er seinen echten Namen auf Les Paul. Nachdem er nach New York umgezogen war, gewann er mit seinem Trio eine Audition in der beliebten Radiosendung von Fred Waring. Plötzlich erreichte er ein landesweites Millionenpublikum. „Das war die größte Chance meines Lebens, und eine großartige Lehre.“

Während Les Pauls Bekanntheitsgrad wuchs, verfolgte er weiterhin die Idee einer Gitarre, die „tagelang unterhalten“ konnte. Zufällig wohnte er nur ein paar Straßen von einem neuen Händler samt Labor des Gitarrenherstellers Epiphone entfernt. Paul stellte sich dort vor und bald „hatte ich die Erlaubnis bekommen, an Sonntagen, als der Laden geschlossen war, ihre Maschinen und Geräte zu benutzen“. Wie einst als Junge zerlegte er die Epiphone-Gitarren und machte sich Notizen über ihre Konstruktion auf der Suche nach seinem Massivkörper-Traum.
Seinen Prototypen nannte er „The Log“ (Holzscheit), weil er nun mal aussah wie ein gerades Stück Holz mit Saiten, Frets und Pickups. Er erinnerte sich an das erste Mal, dass er damit vor Publikum spielte: „Ich nahm das Ding in eine Taverne in Queens mit und den Leuten fiel das nicht mal auf. Da war ich nun, wirbelte den Hals hoch und runter – keine Reaktion. Also nahm ich es wieder mit zurück, fügte ‚Flügel‘ hinzu und befestigte zwei Seiten daran, damit es wie eine Gitarre aussah. In der nächsten Woche applaudierte das Publikum. Da wurde mir klar, dass die meisten Menschen mit ihren Augen hören!“

Nach seiner Zeit in Fred Warings Show begleitete Paul Amerikas größten Star: Sänger Bing Crosby. Auf ihrem ersten gemeinsamen Hit, der Kriegsballade ›It’s Been A Long, Long Time‹, spielte er eines seiner lyrischsten Soli überhaupt. Die Vollgas-Pyrotechnik, für die er bekannt werden sollte, fehlte hier noch, aber es bliebt dennoch einer seiner Favoriten. „Es ging dabei darum, nicht unbedingt viele Noten zu spielen, sondern einfach nur die richtigen. Und die erzählen die ganze Geschichte.“

1946 suchte Paul nach einer Sängerin für sein eigenes Trio und traf eine hübsche, junge Gitarristin und Sängerin namens Colleen Summers. „Sie hatte die weichste, lieblichste Stimme, die ich je gehört hatte.“ Die beiden wurden schnell zu Partnern, in der Musik wie in der Liebe, und Summers änderte ihren Namen in Mary Ford. Doch 1948, gerade als das Duo begann, Fahrt aufzunehmen, Konzerte zu geben und erste Studioaufnahmen zu machen, schlug das Schicksal zu.

Auf einer vereisten Straße in Oklahoma hatten sie einen Autounfall und Pauls rechter Arm war an mehreren Stellen gebrochen. Er lag mehr als ein Jahr im Krankenhaus und die Prognose lautete, dass er nie wieder Gitarre spielen werde können. Statt sich den Arm amputieren zu lassen, überzeugt er die Ärzte, den Knochen in so einem Winkel zu schienen, dass er immer noch die Saiten anschlagen und zupfen konnte. Jahrzehnte später sagte er: „Es war ein Vorteil, so schlimm behindert zu sein. In den 40ern glaubte ich, ich spielte schon so gut, wie es möglich sein würde. Ich war sehr fingerfertig und beherrschte die Technik. Wenn ich an etwas dachte, konnte ich es auch sofort spielen. Aber der Unfall zwang mich dazu, alles aufzugeben, was ich wusste, und mir das Konzept für eine ganze neue Art von Musik zu überlegen.“

Dire Straits: Im goldenen Käfig – Mark Knopfler im großen Interview

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Mark Knopfler Interview

Man darf sich Mark Knopfler heute als zufriedenen, ja glücklichen Mann vorstellen. Er fährt gern mit dem Motorrad durch seine Heimat London, hat Spaß an Luxusuhren und nimmt alle paar Jahre ein Soloalbum auf. Ganz entspannt, in seinem eigenen Studio. Eben dort haben wir den Sänger und Gitarristen zum Gespräch getroffen: über seine Kindheit und Jugend, neue Bands und Beschäftigungen neben der Musik. Und über die Dire Straits, mit denen er ewige Rockklassiker schuf und deren Erfolg ihm schließlich zu viel wurde. Es geht um die glorreichen Anfänge in den 70ern, die Superstar-Phase in den 80ern und das stille Ende in den 90ern.


Text: David Numberger

Mark Knopflers British Grove Studios liegen nicht weit von der Themse, etwas östlich des Stadtzentrums. Man marschiert durch die für London so typischen schmalen Straßen einer gehobeneren Wohngegend, bis man vor einem schlichten, zweigeschossiger Backsteinbau steht, der von außen nicht als Tonstudio auszumachen ist. Im Erdgeschoss ist eine Garage untergebracht, durch die werde ich eingelassen, von da geht es direkt ins Treppenhaus und die Stufen hoch in den ersten Stock – in eine Art Konferenzraum mit angeschlossener Küche. Der Boden und auch Teile der Wände sind mit lackiertem Holz verkleidet, ein paar Leute, jüngere und ältere, stromern durch die Gänge, niemand wirkt gestresst. In einem etwas kleineren Zimmer nebenan stehen schwere, schwarze Ledersofas, eine Stereoanlage, ein großer Flachbildschirm, dazu einige Schallplatten und Bücher, die ich auf die Schnelle leider nicht er­­kennen kann.

Denn das Interview selbst findet im Erdgeschoss statt, im kleineren der beiden im Gebäude untergebrachten Studios. Mitten im Raum ein massives Mischpult, daneben ein Keyboard, an den Wänden entlang jede Menge Boxen und Verstärker. Das Licht ist gedimmt und als ich eintrete, richtet sich der Hausherr gerade an seinem Schreibtisch ein und seine Brille zu­­recht (die er während des Gesprächs immer mal wieder auf- und abnehmen wird). Dann kann’s losgehen.

Mark Knopfler spricht ganz ruhig, freundlich und überlegt, es ist ein bisschen, als säße man in der Sprechstunde bei einem gutmütigen, altgedienten Universitätsprofessor. Die Haare sind noch weniger geworden in den letzten Jahren, der Bauch ein bisschen mehr. Der ehemalige Sänger und Gitarrist der Dire Straits wirkt zufrieden damit, wie die Dinge gerade für ihn stehen.

Auf sein Studio ist er sehr stolz, das wird schnell klar. Es bestehe die Möglichkeit, hier jede Art von Album zu machen, die man haben wolle, erzählt er. Um weiter auszuführen: Alle Arten von Tape stünden zur Verfügung, man könne auf 4 Spuren, 8 Spuren, 16 Spuren und so weiter aufnehmen. Dieser Apparat hier, dabei deutet er auf eine alte Ge­­rätschaft hinter sich, die allerhand Knöpfe und Regulatoren aufweist, stamme aus dem Jahr 1954 und habe schon in den legendären Sun-Studios ihre Dienste getan, als dort etwa Elvis oder Johnny Cash ihre ersten musikalischen Schritte unternahmen. Natürlich sei es andererseits auch möglich, modernste digitale Mittel einzusetzen. Der größere Studioraum nebenan biete Platz für ein ganzes Or­­chester, weshalb dort viele Filmsoundtracks entstünden, mit Surround Sound und allen Schikanen.

Knopfler hat sich hier sein eigenes kleines Reich geschaffen, sein musikalisches Refugium. Seit mehr als zehn Jahren sind die British Grove Studios in Betrieb, seitdem haben unter anderem David Gilmour und Eric Clapton hier gearbeitet. Die Rolling Stones kamen 2016 für ihr jüngstes Studioalbum BLUE & LONESOME her. Und auch der Besitzer selbst nimmt hier ganz gemütlich alle paar Jahre eine Soloplatte auf, 2015 TRACKER, jetzt sein neues Werk DOWN THE ROAD WHEREVER.

Es war ein langer Weg hierher für ihn, zum Studiobesitzer und Elder Statesman der britischen Songschreiber-Kunst. 1949 in Glasgow geboren, als Sohn einer englischen Lehrerin und eines aus Ungarn eingewanderten Ar­­chitekten, kommt Mark mit sieben Jahren nach England, genauer nach Newcastle, in die Heimatstadt seiner Mutter. Dort wächst er zusammen mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder David auf. Als Mark mit 13 seine erste Gitarre haben will, kaufen ihm seine Eltern, dem Familienbudget entsprechend, eine Höfner V2 für 50 Pfund. Kein teures Instrument, aber ein rotes. Genau wie die Fender Stratocaster, die er in einem Schaufenster gesehen hat – das Mo­­dell, mit dem er später als Chef der Dire Straits zu Weltruhm kommen wird.

Sein musikalisches Erweckungserlebnis hat Knopfler ein paar Jahre davor, da ist er knapp zehn und sieht seinen Onkel Kingsley am Piano Boogie-Woogie spielen. „Ich hielt diese drei Akkorde für die großartigste Sache der Welt. Das tue ich noch immer“, sagte er darüber einmal. Er hatte seinen ersten großen Helden gefunden.

Mitte der 60er besucht er seine frühesten Konzerte, in der Newcastle City Hall, wo er unter anderem Chuck Berry sieht und den britischen Rock’n’Roller Joe Brown. Nachdem er 1965 zu­­sammen mit einem Schulfreund ein Folk-Duo gegründet hat, zieht es ihn vorübergehend weg von der Musik. So arbeitet er mehrere Jahre unter an­­derem als Journalist und Englischlehrer. Da­­mit einher geht ein Ortswechsel: von Newcastle nach London. Dort, im Stadtteil Deptford, sollte eine neue, eine große Geschichte ihren Anfang nehmen.

Herr Knopfler, wir sitzen hier in Ihren British Grove Studios. Leben Sie zurzeit auch in London?
Ja, schon fast mein ganzes Leben lang.

Bereits vor den Dire Straits?
Ja, noch früher, ich bin von zu Hause weg, da war ich 17 oder 18.

Sie haben als Journalist gearbeitet, bevor Sie Musiker wurden.
Ja, das hab ich studiert. Eine gute Sache für einen Songwriter.

Inwiefern?
Man lernt, wie man Material anordnet, wie man Sachen auf den Punkt bringt. Und man lernt, schnell zu sein. Es gehört zum Job, mit echten, tatsächlichen Ge­­schichten zu tun zu haben: Es ist ein Crash-Kurs darin, wie es auf der Welt zu­­geht, gerade wenn man quasi noch ein Kind ist. Ich war gerade mal um die 19 damals.

Ist es wahr, dass Ihr Onkel einst Ihre Faszination für Musik entfacht hat?
Ja, zumindest hat er dazu beigetragen. Er spielte Klavier und hatte dabei eine Menge Spaß.

Und Sie haben ihm zugehört und wollten dasselbe machen?
So ist es, ganz genau.

War er ein professioneller Musiker?
Nein, das nicht, aber ein Enthusiast.

Erinnern Sie sich an Ihre ersten mu­­sikalischen Helden?
Nun, das waren dieselben wie bei allen anderen auch, denke ich. Als ich ein Kind war, mochte jeder die Rockstars der Zeit, auch ich, so ist es halt. Und wenn du älter wirst, entwickelst du dich. Ich habe die Beatbands und Bob Dylan entdeckt, in meinen späten Teens kam dann der Blues dazu, auch Folk und frühe String-Band-Musik. Weiße und schwarze Künstler, ich nahm alles in mich auf, die verschiedensten Einflüsse, alle Facetten. Was heute in Mode ist – die besten aktuellen Americana-Künstler interessieren sich für diese Art von Musik –, lief bei mir schon vor 50 Jahren so.

Mit Streaming-Plattformen wie Spotify ist es viel einfacher ge­­worden, seinen Horizont zu er­­weitern.
Es ist alles da, ja.

Die Dire Straits nahmen ihren Anfang in Deptford. In Ihrem neuen Stück ›One Song A Day‹ erinnern Sie sich an die „Deptford Days“ Ende der 70er. Schauen Sie gerne zurück auf die Zeit, in der Sie Ihre ersten Demos aufgenommen, Ihre ersten Konzerte gegeben haben?
Nicht wirklich, nein. Also nicht be­­wusst. Es ist ja ohnehin Teil von dem, der du bist. Damals war es natürlich schön, weil es das war, was ich tun wollte. Mit der Zeit wurde die Band dann einfach zu groß und unkontrollierbar. Aber es bedeutete mir alles, meine Songs in die Welt zu schicken und zu sehen, dass sie Erfolg hatten.

Als Sie ›Sultans Of Swing‹ fertig hatten, war Ihnen da klar: Das wird ein Hit?
Haha, nein. Tatsächlich habe ich ›Sultans Of Swing‹ zunächst auf der Akustikgitarre geschrieben, es hatte an­­fangs eine ganz andere Stimmung, die Musik klang komplett verschieden von der finalen Fassung. Nur die Lyrics waren schon dieselben. Erst als ich mir eine Fender anschaffte, ließ mich die Art, wie sie klang, den Song so spielen, wie man ihn heute kennt.

Iconic: Ikonentreffen

Dem Bandnamen entsprechend ist die Besetzung dieser neuen Combo, die Serafino Perugio von Frontiers Records zusammengetrommelt hat, ziemlich hochkarätig. Für das Debütalbum SECOND SKIN wurden Gitarrist und Sänger Michael Sweet (Stryper), Gitarrenheld Joel Hoekstra (u.a. Whitesnake und Tran-Siberian Orchestra), Bassist Marco Mendoza (u.a. ex Dead Daisies), Drummer Tommy Aldridge (Whitesnake) und Sänger Nathan James (Inglorious) versammelt, um melodischen Hard Rock auf hohem Niveau zu zelebrieren. „Der initiale Gedanke hinter dem Projekt war, eine Gruppe von Musikern zu finden, die Nathan flankieren. Er ist ein vielversprechender, junger Sänger, der gerade dabei ist, aufzusteigen. Gleichzeitig war Michael mit Frontiers im Gespräch, weil wir schon lange zusammen etwas auf die Beine stellen wollten. Es lag also nahe, diese beiden Ideen zu verknüpfen. Zu meiner Überraschung wurden dann noch Marco und mein Bandkollege Tommy angeheuert“, strahlt einem Joel Hoekstra frisch aus seinem Hotelzimmer in Glasgow entgegen, wo er gerade einen Zwischenstopp auf der Farewell-Tournee von Whitesnake einlegt.

Trotz klassischer Supergroup-Vibes und einer Distanz, die sich über verschiedene Länder erstreckt, ist Iconic ein familiäres Projekt: „Mit Nathan habe ich schon an manchen Inglorious-Alben gearbeitet, mit Michael bereits zusammen geschrieben, Tommy und ich sind seit acht Jahren Kollegen, Marco und ich kennen uns ebenfalls – ein gutes Gefühl. Als wir uns bei den Shootings für Fotos und Videos getroffen haben, fühlte sich das an wie ein Freundschaftstreffen.“ Die Songwritingsessions und Aufnahmen für SECOND SKIN hingegen wurden kontaktlos über das Internet abgehalten. „Auch ohne Covid machen das viele heute so und ganz ehrlich: das ist total super, auch wenn es einen schlechten Ruf hat. Ich glaube, die Fans würden gerne hören, dass man als Band zusammen im Studio rumhängt. Aber so baut sich kein Druck auf und man kann in Ruhe herumprobieren, ohne die anderen zu nerven.“, erklärt Hoekstra mit Nachdruck. Am Songwriting waren vor allem er selbst und Michael Sweet beteiligt: „Im Endeffekt haben wir so gearbeitet, wie Michael bei seiner Kooperation mit George Lynch. Ich schickte ihm unarrangierte Gitarrenriffs, er setzte daraus die Songs zusammen und fügte fehlende Parts hinzu. Dann kam das Ganze zu [Frontiers-Produzent] Alessandro Del Vecchio und Nathan, um Gesangsmelodien und Lyrics hinzuzufügen. Das war also eine Kollaboration, was mir viel lieber ist, als ein Bandmitglied, das alles alleine macht. Für mich war es eine coole Erfahrung. Ich brachte die Kids zur Schule, stöpselte meine Gitarre zuhause ein und legte los. So konnte ich den Überblick behalten und darauf achten, dass die Tracks variieren, unterschiedliche Tempi und Rhythmen haben. Du willst ja am Ende nicht fünf Balladen auf einer Platte haben.“

Ob Iconic eine einmalige Sache bleiben wird, steht bisher noch in den Sternen „Warten wir mal ab, wie die Reaktion der Fans ist. Ich persönlich kann mir von diesem Line-Up mehr vorstellen, zumindest, was die Aufnahmen betrifft. Schön wäre es aber auch, live zu spielen, wobei wir aktuell alle ziemlich beschäftigt sind. Michael ist mit Stryper unterwegs, das mit Whitesnake dauert noch, danach steht bei mir Trans-Siberian Orchestra auf dem Plan. Falls es jedoch ein magisches Zeitfenster geben sollte, in dem zufällig fünf verplante Musiker gleichzeitig ein paar freie Wochen vorweisen können, hätte ich total Bock auf eine Tour. Das wäre toll für die Fans und natürlich auch für die Chemie innerhalb der Gruppe.“ Am Ende des Gesprächs verrät Joel Hoekstra noch eines seiner wichtigsten Credos: „Alles, was ich musikalisch geschafft habe, habe ich geschafft, weil ich hart gearbeitet habe. In dem Moment, wo du etwas als gegeben hinnimmst, ist es vorbei. Bei mir dauerte es ja etwas länger, bis der Durchbruch kam. Ich bin in meinen 20ern nicht zufällig in eine Band in L.A. hineingestolpert, die über Nacht berühmt wurde. Und ich bin froh darüber, weil ich meinen Job bis heute sehr zu schätzen weiß. Wenn du etwas erreichen willst, arbeite dafür und zwar jeden Tag. Da bin und bleibe ich ganz working class.“

Aktuelle Ausgabe: Das erwartet euch im neuen CLASSIC ROCK Magazin

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Titelstory: Pink Floyd – die Reise zur dunklen Seite

Anfang 1972 spielten Pink Floyd mit Ideen für ihre nächste Platte, ohne eine wirkliche Richtung im Auge zu haben. Nur eines stand fest: Es sollten noch vor einer geplanten UK-Tournee Songs geschrieben werden, damit diese dann live getestet und ausgearbeitet werden konnten. Ein Jahr später kamen sie mit einem Album aus den Abbey-Road-Studios, das alles überschatten sollte, was sie zuvor gemacht hatten. CLASSIC ROCK erzählt
die Geschichte von ihrer Reise zu THE DARK SIDE OF THE MOON – und warum dieser Meilenstein beinahe
einen anderen, weit weniger assoziationsreichen Titel bekommen hätte.

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ZZ Top: Nicht zu (s)toppen

Als letztes Jahr Bassist und Sänger Dusty Hill verstarb, sah es nicht gut aus für die Zukunft von ZZ Top. Doch weit gefehlt – mit ihrem Gitarrentechniker als Nachfolger lautet die Devise „business as usual“.

Kate Bush: Eine Liebesgeschichte

Kate Bush mit Rose

Nachdem ihr Album THE DREAMING 1982 wenig euphorisch empfangen worden war, hätte kaum jemand geglaubt, dass drei Jahre in einer Scheune in der Grafschaft Kent einen einzigartigen, unnachahmlichen Meilenstein der Popmusik hervorbringen würden. „Ich war von elementaren Kräften umgeben“, sagt Kate Bush über das Meisterwerk, das sie zu einem echten Superstar machte.

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„Purple Rain“ war ein Blockbuster an den Kinokassen mit einem Soundtrackalbum, das sich millionenfach verkaufte – der Moment des großen Durchbruchs für Prince. Doch es war die folgende Tournee – und vor allem eine Show –, die ihn zum Superstar machte. Wendy, Lisa und Bobby Z aus seiner damaligen Band The Revolution blicken zurück.

Tedeschi Trucks Band: Mondphrasen

Das Blues-Soul-Kollektiv der Tedeschi Trucks Band hat die Isolation der Pandemie und eine klassische arabische Geschichte über eine zum Scheitern verurteilte Liebe zu einem vier Alben umfassenden Projekt verwoben, das so episch wie intim ist.

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