Wer die Dead City Ruins schon einmal live erlebt hat, dem schlug mit Sicherheit pure Rock’n’Roll- Energie entgegen. Auf ihrem vierten Longplayer schaffen es die Jungs aus Melbourne abermals, diese Kraft zu bündeln. Dass die Australier diesmal moderner klingen, dürfte mit dem neuen Sänger Steve Welsh zusammenhängen, der im Gegensatz zu Vorgänger Jake Haggis weder optisch noch gesanglich allzu viel Wert auf Retro-Charme zu legen scheint. Bekannt ist Steve von seinen Tätigkeiten auf YouTube, wo er u. a. Stimmen von Ikonen wie Dio oder Rob Halford imitiert. Auf seinem Dead-City-Ruins-Debüt SHOCKWAVE werden zwar keine berühmten Timbres nachgeahmt, mehr Metall und Modernität liegt aber allemal in den neuen Songs. Neben dem Großteil an schiebenden Rocknummern wie dem Faust-in-die-Luft-Opener ›Preacher‹, ›Speed Machine‹ oder ›Dog On A Leash‹ gibt es mit ›End Of The Line‹ oder ›Blood Moon‹ auch Tracks, die mehr mit der heavy Seite der Rockmusik flirten. An dem modernen Sound dürfte auch Produzent Machine (Gene Freeman) beteiligt sein, der bereits für Bands wie Lamb Of God oder Clutch an den Reglern saß. SHOCKWAVE präsentiert getriebenen, dreckigen und unverstaubten Rock’n’Roll, eine Sammlung von zwölf Songs, die einem (fast) keine Verschnaufpause gönnt. Gut so!
Schweden scheint diesen Sommer ein wahres Hardrock-Revival zu erleben. Während die Landsmänner von H.e.a.t auf ihrer neuen Platte eine volle Ladung an ungefilterten Sound dieses Genres servieren, kommen Thundermother aus einer ähnlichen Ecke, aber auf etwas subtilere Art und Weise. Mit zahllosen Woah-oah’s und dem Einsatz einer Talkbox à la Bon Jovi gleitet BLACK AND GOLD auf einer Mitsing-Stadionrock-Welle dahin, vor allem mit dem euphorischen ›Raise Your Hands‹, das die Suche nach selbstgemachten Glamourmomenten feiert, selbst wenn die Zeiten schwer sind. Doch neben den hymnischen Momenten gibt es auch die nachdenklichen, etwa den treibenden Bluesrock von ›Hot Mess‹ (was die Band selbst als „Aerosmith meets Aretha Franklin“ beschreibt), auf dem Sängerin Guernica Mancini sich jeden Tropfen Emotion aus der Seele wringen darf. ›Borrowed Time‹ liefert dann ein überraschend bedrückendes Ende, eine Reflexion über das Stimmungstief, das eintritt, wenn eine Show vorbei ist und man sich mit seinen eigenen Selbstzweifeln befassen muss. Mit einer schimmernden Melodie, welche die Düsternis sowohl kontrastiert als auch komplementiert, erinnert es an einen Song eines anderen Top-Exports aus ihrem Land, ›The Winner Takes It All‹ von ABBA, neu erfunden und durch ein Classic-Rock- Prisma gebeamt. Auf BLACK AND GOLD passiert wesentlich mehr, als es zunächst den Anschein hat.
Tief im Westen …und hoch im Norden noch dazu, führte Bruce Fairbairn sein Little Mountain Sound Studio. Und plötzlich war Vancouver für zahlreiche Rockacts „the place to be“. Damals, in den 80ern.
Dafür, dass der 1949 geborene Bruce Earl Fairbairn zu einem der erfolg- reichsten Rockproduzenten der Schulterpolsterära aufstieg, spielte er eigentlich das völlig falsche Instrument. Sunshyne hieß die Jazzrock-Combo, für die er in den frühen 70ern die Trompete blies – in deren Umfeld er aber auch erste Erfahrungen als Produzent sammelte. Mit ehemaligen Sunshyne-Mitstreitern konzipierte er 1977 die Hardrock-Band Prism, deren von ihm produziertes Debüt im heimischen Kanada prompt Platinstatus erreichte. Nun war Erfolg im Ahornland sicher eine feine Sache, doch wer am ganz großen Rad drehen wollte, der brauchte zweifellos einen Hit in den USA. Loverboy hieß die ebenfalls kanadische Band, deren Erstlingswerk – betreut von Fairbairn und Toningenieur Bob Rock – 1980 auch im südlichen Nachbarland ordentlich Eindruck machte. Womit einer internationalen Karriere nun nichts mehr im Wege stand.
Blue Öyster Cult ließen Fairbairn 1983 THE REVÖLUTION BY NIGHT produzieren, für die Schweizer Hardrocker Krokus zündete er ein Jahr später THE BLITZ. Doch Fairbairns größter Coup war zweifellos SLIPPERY WHEN WET, das Bon Jovi 1986 – nach zwei durchaus erfolgreichen Werken – in eine ganz neue kommerzielle Umlaufbahn katapultierte. Allein in den USA ließen sich bislang über zwölf Millionen Exemplare absetzen. Der Nachfolger NEW JERSEY ging ebenfalls auf sein Konto, doch zwischenzeitig hatte Fairbairn bereits neue Kundschaft akquiriert: Aerosmith etwa, deren PERMANENT VACATION ihrer leicht angeschlagenen Karriere neuen Schwung verpasste, der sich dann auf PUMP eindrucksvoll fortsetzen sollte. Auch auf Werken der Scorpions, von Poison, Van Halen und auf AC/DCs THE RAZORS EDGE konnte sich Fairbairn verewigen, denn seit Ende der 80er Jahre galt er als erste Wahl für bereits etablierte Rockacts auf der Suche nach frischer Inspiration. Letztere war in Zeiten des popkulturellen Wandels eine faktische Überlebensfrage, denn einerseits klopfte der Grunge an die Tür, der so manche Rocktradition infrage stellte, andererseits boten sich mit HipHop und der aufkommenden Technokultur Alternativen fürs amüsierwillige Publikum: Rockmusik, selbst jene Spielart mit möglichem Mainstream-Potenzial, war nicht mehr völlig konkurrenzlos.
Bis heute rätselhaft ist sein verfrühter Tod im Jahr 1999. Fairbairn sollte Songs von Yes’ neuem Album THE LADDER abmischen. Als er nicht erschien, suchte ihn Yes-Sänger Jon Anderson in seiner Wohnung auf – und fand den 49-Jährigen leblos vor. Ob es ein Herzanfall oder ein Blutgerinnsel war, an dem Fairbairn verstarb, ist bis heute nicht restlos geklärt. Kein Zweifel besteht allerdings daran, dass er einer der erfolgreichsten Produzenten seiner Zeit war – und dass er tatkräftig mitgewirkt hat, den „klassischen Rock“ in die 90er Jahre zu transportieren.
Heute erscheint eine neue Dokumentation über Randy Rhoads. „Reflections of a Guitar Icon“ erzählt die Geschichte von Rhoads Karriere, von seinen frühen Anfängen bei Quiet Riot über seine fulminante Zusammenarbeit mit Ozzy Osbourne bis hin zu dem tragischen 19. März 1982, als der Wundergitarrist mit nur 25 Jahren bei einem Flugzeugunfall ums Leben kam.
Die Doku mischt Archivmaterial mit neuen Interviews. Es wurde mit Ozzy Osbourne, Eddie Van Halen, Frankie Banali, Kevin DuBrow, Joel Hoekstra, George Lynch, Gary Moore, Rudy Sarzo, Dweezel Zappa und mit Rhoads Mutter Delore gesprochen. Den Film gibt es jetzt als DVD, Blu-ray und Download-to-Own.
Am 23. September veröffentlicht Billy Idol seine neue EP namens THE CAGE, den Nachfolger zu THE ROADSIDE EP aus dem Jahr 2021. Den treibenden Titeltrack der kommenden Scheibe hat Idol gerade eben inklusive energiegeladenem Video veröffentlicht:
Die 4-Track-EP wurde in den America Studios und MDDN Studios in Los Angeles aufgenommen und enthält Produktionsbeiträge von English, Zakk Cervini (Blink 182, Machine Gun Kelly) und Butch Walker (Green Day, Weezer).
Am Wochenende des 15. August 1969 pilgerten fast eine halbe Million Amerikaner zur Farm von Max Yasgur in Bethel, New York. Diese dreitägige „Aquarian Exposition“ war die Woodstock Music and Art Fair. Am Montag, den 18. August, zogen sie dann alle wieder nach Hause, nachdem sie sich von Jimi Hendrix, The Who, Santana, Janis Joplin, Creedence Clearwater Revival, Crosby, Stills, Nash & Young, Sly and the Family Stone und weiteren in den Bann hatten ziehen lassen. Es war das ultimative Love-in der Gegenkultur dieser Dekade. Ereignisse wie Hendrix’ bastardisierte Interpretation der US-Nationalhymne oder The Whos ›See Me, Feel Me‹ just zum Sonnenaufgang des dritten Tages wurden zu Legenden der Rockgeschichte. Doch wie viel wisst ihr wirklich über Woodstock ’69?
01 Woodstock wurde von vier Männern gesponsort – John Roberts, Joel Rosenman, Artie Kornfeld und Michael Lang – und kostete letztlendlich mehr als 2,4 Millionen Dollar. Der Älteste von ihnen war 26.
02 John Roberts war der Erbe eines Drogerie- und Zahnpasta-Magnaten und bezahlte das Ereignis über einen Multi-Millionen-Dollar-Treuhandfonds und einen Leutnantssold der Armee. Er hatte überhaupt erst ein einziges Rockkonzert in seinem Leben besucht: The Beach Boys.
03 Woodstock war ursprünglich als profitorientiertes Unterfangen geplant. Es wurde erst zu einem kostenlosen Event, als klar wurde, das hunderttausende Menschen mehr kommen würden, als die Veranstalter geplant hatten. Jegliche Organisation wurde schließlich aufgegeben, als Horden verzweifelter Fans ohne Eintrittskarten den Zaun einrissen.
04 Die Karten kosteten 6 bzw. 8 Dollar pro Tag (Vorverkauf/vor Ort) oder 18 bzw. 24 Dollar für alle drei Tage.
05 Die Vorbereitungen dauerten sechs Monate. Es wurden geschätzt 50.000 Dollar gezahlt, um 240 Hektar von Max Yasgurs Land zu mieten.
06 1969 verriet Yasgur dem „Life Magazine“ Details seines Deals mit Veranstalter Lang. „Falls irgendwas schiefgehen sollte, würde ich ihm einen Crew Cut verpassen. Falls alles planmäßig ablaufen sollte, würde ich mir die Haare wachsen lassen. Ich denke, er hat die Wette gewonnen, aber ich bin so kahl, dass ich meine Wettschuld nie werde begleichen können.“
07 Yasgur (dessen rechte Hand nur drei Finger zählte) hatte an der Universität von New York Immobilienrecht studiert, bevor er in den 40er Jahren zurück auf den Familienhof zog. Zur Zeit von Woodstock war er der größte Milchproduzent in Sullivan County.
08 Das berühmte Woodstock-Logo von Arnold Skolnick zeigte eine Taube, die auf dem Hals einer blau-grünen Cartoon-Gitarre sitzt, doch ursprünglich war das eine Katzendrossel auf einer Flöte. Skolnick war ein großer Jazzfan.
09 Am 7. August fand ein „Aufwärmfestival“ auf der Hauptbühne statt, während diese noch aufgebaut wurde. Die Rockband Quill aus Boston, die auch beim echten Festival spielte, eröffnete den Tag.
10 Die Tonanlage wurde von Ingenieur Bill Hanley entworfen, einem Klanginnovator und stolzem Preisträger des prestigeträchtigen Parnelli Award. Er baute spezielle Lautsprechersäulen auf den Hügeln auf sowie 16 Lautsprecheranlagen auf einer quadratischen Plattform, die auf 21 Meter hohen Türmen bis zum Hügel reichte. „Das war auf 150.000 bis 200.000 Menschen ausgerichtet“, erinnerte er sich. „Aber dann kamen 500.000.“
11 Die Edelmarke Altec entwarf bis zu 15 Kabinett-Lautsprecher aus wasserfestem Sperrholz, je eine halbe Tonne schwer, 1,80 Meter hoch, 1,20 Meter tief und einen knappen Meter breit. In jeden Woofer passten vier 15-Zoll-Lautsprecher. Die Hochtöner bestanden aus vier 2-Cell- und zwei 10-Cell-Altec-Horns. Dieses Soundsystem wurde als „The Woodstock Bins“ bekannt.
12 Um mit den nie dagewesenen Menschenmassen fertigzuwerden, wurden 346 Polizisten aus New York, die eigentlich gerade nicht im Dienst waren, für je 50 Dollar pro Tag eingestellt, ebenso wie 100 örtliche Sheriffs, mehrere hundert State Trooper und Deputies aus zwölf Counties.
13 Die durchschnittliche Wartezeit, um einen Anruf zu tätigen, betrug zwei Stunden. Allein am ersten Tag fanden mehr als 500.000 Ferngespräche statt.
14 Der Stau auf der wichtigsten Straße zum Gelände war 27 km lang. Die „Washington Post“ bezeichnete diese Hippie-Karawane als „den geduldigsten Verkehrsstau“, den die Catskill Mountains je erlebt hatten. Zunächst war man von 60.000 Besuchern ausgegangen, aber mehr als 400.000 kamen tatsächlich zum Festival, während weitere 250.000 es nie erreichten.
15 Angesichts des enormen Verkehrsaufkommens dauerte die Fahrt der knapp 160 Kilometer von New York nach Bethel unfassbare acht Stunden. Die Festivalbesucher ließen ihre Autos schließlich scharenweise stehen und liefen durchschnittlich 24 Kilometer, um das Gelände zu erreichen.
16 Neben Medikamenten und 50 Ärzten wurden 600 kg Essen allein per Hubschrauber eingeflogen. Am ersten Tag wurden über 500.000 Hamburger und Hotdogs zum Stückpreis von einem Dollar verzehrt.
17 Die Frauengruppe des jüdischen Gemeindezentrums von Monticello war auf jeden Notfall vorbereitet und lieferte 30.000 Sandwiches für die Besucher. Verteilt wurden sie von Nonnen des Klosters St. Thomas.
18 Ein Laib Brot kostete 1969 20 Cent, ein Liter Benzin 8 Cent und ein neues Auto etwa 2.000 Dollar. Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen in den USA lag damals bei 6.500 Dollar im Jahr, ein neues Haus dagegen schlug mit 40.000 Dollar zu Buche.
19 Der Mindestlohn für die Arbeiter auf dem Festivalgelände betrug magere 1,60 Dollar pro Stunde. Santana bekam dagegen (ausgehend von seinem 45-minütigen Auftritt) umgerechnet 2.000 Dollar.
20 LSD und Meskalin konnte man für 4 Dollar kaufen. Geschätzt mehr als 400 Besucher nahmen das berüchtigte „brown acid“ (der legendäre Radio-DJ Wavy Gravy hatte auf der Bühne vor „schlechten Trips“ gewarnt). Insgesamt 33 Menschen wurden wegen diverser Drogendelikte verhaftet.
21 Ein Teenager hatte vermutlich die größte Menge LSD in Woodstock vorrätig. Dieses LSD löste jedoch viele unangenehme Trips aus. Die „Washington Post“ stellte fest, dass „die Droge unter Marktpreis zu haben war… und das LSD tatsächlich Strychnin oder Rattengift enthielt.“
Heute im Jahr 2018 ist eine der ganz Großen von uns gegangen.
Sie war die erste Frau, die in die „Rock And Roll Hall Of Fame“ einzog. Gleichzeitig setzte sie sich für die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung und Frauenrechte ein. Franklin war 1942 geboren und verdiente sich ihren Titel als „Queen Of Soul“ in ihrer über fünfzigjährigen Karriere.
Mit 18 begann sie diesen Weg als professionelle Sängerin, nachdem sie als Kind bereits in der Kirche, in der ihr Vater arbeitete, im Gospelchor gesungen hatte. Es dauerte jedoch einige Jahre, bevor sie schließlich bei Atlantic Records ab 1966 kommerziellen Erfolg hatte.
Ihr Song ›Respect‹ wurde zu einer Hymne für die Bürgerrechtsbewegung. Bekannt ist sie nicht nur für ihr Engagement und ihre zahlreichen Alben, sondern auch aus dem Film „Blues Brothers“. Sie gilt als die einflussreichste Sängerin der 1960er Jahre und gewann während ihrer Karriere zahlreiche Preise und Auszeichnungen.
2018 verstarb sie an einem Bachspeicheldrüsentumor. Ihre Autobiografie „Respect“ wurde verfilmt und erschien 2021. Unter denen, die sie auf ihrem Sterbebett besuchten, war auch Stevie Wonder. Aretha Franklin sang unter anderem auch bei der Amtseinführung von Barack Obama im Jahr 2008, sowie hier zu sehen im Jahr 2015:
Wir suchen uns die Highlights in der Karriere des hüftwackelnden, Eltern provozierenden ehemaligen Lkw-Fahrers heraus, der zum unangefochtenen König des Rock‘n‘Roll avancierte und heute 85 Jahre alt geworden wäre.
Unverzichtbar
FROM ELVIS IN MEMPHIS (1969)
Dieses Country-Soul-Meisterwerk entstand in den American Sound Studios in Elvis‘ Heimatstadt gemeinsam mit den Memphis Boys, einer Band aus Session-Cracks, zu der auch der geniale Bassist Tommy Cogbill und Gitarrist Reggie Young zählten. Zunächst waren sie skeptisch ob des Superstars in ihrer Mitte, doch sein Charisma und sein Wille, hart zu arbeiten, überzeugten sie schließlich. Fakt war, dass Elvis einen Erfolg dieser Sessions dringend benötigte, also gab er absolut alles auf Tracks wie ›Wearin‘ That Loved On Look‹, ›Long Black Limousine‹, ›In The Ghetto‹ und zwei Singles, die nicht aufs Album kamen: ›Suspicious Minds‹ und ›Kentucky Rain‹, beide auf der 2009er Reissue enthalten.
THE COMPLETE ‘68 COMEBACK SPECIAL: THE 40TH ANNIVERSARY EDITION (2008)
Eigentlich hieß diese TV-Sendung, die im Dezember 1968 auf NBC ausgestrahlt wurde, schlicht „Elvis“, doch durch den Schub, den sie seiner damals stagnierenden Karriere gab, wurde sie als „The ‘68 Comeback Special“ bekannt. Wie er in einem hautengen schwarzen Lederanzug ›Tiger Man‹ singt, ist dabei nur eines der Highlights. Elvis behauptet hier, auf dem Laufenden mit den neuesten Trends zu sein, und zeigt den Hippies dann mit einer atemberaubenden Darbietung von ›If I Can Dream‹, wie man es richtig macht. Die Stellen, an denen er mit seinen alten Kumpels Scotty Moore und Bill Black herumalbert und jammt, sind natürlich ebenfalls Gold wert.
Wunderbar
THE SUN SESSIONS (1976)
Ob wahr oder nicht: Die Legende, dass Sun-Besitzer Sam Phillips einen weißen Jungen suchte, der singen konnte wie ein Schwarzer, trug böse Früchte, als Südstaaten-Rassisten Elvis als degenerierten „Negerfreund“ bezeichneten. Sogar Frank Sinatra gab seinen Senf dazu und tat ihn als „vulgären Einfaltspinsel“ ab. Während der KKK Presleys Tod wollte, fuhren die Kids nur so ab auf explosiven Rockabilly wie ›That‘s All Right‹, ›Blue Moon Of Kentucky‹ und ›Mystery Train‹, befeuert von Elvis‘ Rhythmusgitarre, dem Country-Jazz-Picking von Scotty Moore und Bill Blacks Bass.
ELVIS PRESLEY (1956)
Sein RCA-Debüt hatte nicht nur musikalisch einen großen Einfluss – The Clash bedienten sich 1979 für LONDON CALLING auch ungeniert beim Artwork. Tatsächlich handelt es sich hier um eine Sammlung von RCA-Tracks und übriggebliebenem Material von Sun. Die legendären Versionen von Carl Perkins‘ ›Blue Suede Shoes‹, Little Richards ›Tutti Frutti‹ und Ray Charles‘ ›I Got A Woman‹ fügen sich nahtlos an Sun-Aufnahmen wie ›Just Because‹ und ›Blue Moon‹. Das Publikum merkte nichts und kaufte die Platte sowohl in den USA als auch in Großbritannien auf Platz 1.
ELVIS‘ GOLDEN RECORDS (1958)
Es gibt Hunderte Elvis-Sampler, dennoch ist eine seiner besten Hit-Sammlungen ausgerechnet seine erste. ELVIS‘ GOLDEN RECORDS ist die erste Rock‘n‘Roll-Compilation überhaupt – und makellos. Hier finden sich alle Songs, die John und Paul, Mick‘n‘Keef oder Page & Plant dazu brachten, Rockstars sein zu wollen: ›Hound Dog‹, ›Heartbreak Hotel‹, ›Jailhouse Rock‹, ›All Shook Up‹. Dazu gibt es die kariös überzuckerte Ballade ›Love Me‹, die Elvis-Fan – und zeitweise sein Schwiegersohn – Nicolas Cage in „Wild At Heart“ zum Besten gab.
ELVIS COUNTRY (I‘M 10,000 YEARS OLD) (1971)
Auch wenn er in dem Moment, als er im Sun Studio über die Schwelle trat, den Niedergang des Country in Gang setzte, erwies er mit diesem weniger bekannten Konzeptalbum den Künstlern und Kunstformen, die ihn als Kind berührt hatten, seine Reverenz. Die Neuinterpretation von Jerry Lee Lewis‘ ›Whole Lotta Shakin‘‹ ist grandios, doch es ist vor allem die warmherzige Fassung von Willie Nelsons ›Funny How Time Slips Away‹, die die Repeat-Taste verschleißen lässt. Kommerziell kein großer Erfolg, doch eine Rückkehr zu Elvis‘ Wurzeln.
Anhörbar
ALOHA FROM HAWAII VIA SATELLITE (1973)
Entgegen der Meinung Unwissender veröffentlichte Elvis in den 70ern einige seiner besten Platten – niemand beherrschte selbstironische, brustkorbklopfende Rocknummern wie ›Burning Love‹ und ›A Big Hunk O‘ Love‹ besser als er. Daneben plündert er auch seinen Backkatalog mit ›Suspicious Minds‹, ›Hound Dog‹ und ›Blue Suede Shoes‹ und erweist den Beatles mit ›Something‹ die Ehre. Am herausragendsten ist jedoch zweifellos ›An American Trilogy‹, eine zu Tränen rührende, tief empfundene Liebeserklärung an die Südstaaten.
ELVIS (1956)
Der Nachfolger seines RCA-Debüts beinhaltet eine seiner schrägsten Cover-Versionen. Nur Elvis konnte soviel Pathos aus Red Foleys ›Old Shep‹ wringen, der herzerweichenden Geschichte über einen Köter. Es war der erste Song, den Elvis live gespielt hatte – bei einem Talentwettbewerb im Alter von zehn Jahren. Wer jetzt denkt, „ich kaufe mir doch kein Album mit einem Trauerlied auf einen Hund“, wird mit Freuden hören, dass sich hier auch einige der besten frühen Rocknummern des King finden, u.a. ›Rip It Up‹, ›Paralyzed‹ und eine stürmische Darbietung von Little Richards ›Long Tall Sally‹.
ELVIS‘ CHRISTMAS ALBUM (1957)
Dieses Festmahl war eine Überraschung für ein Amerika, das von kreisenden Hüften im Fernsehen und deren anschließender Zensur gespalten worden war. Die empörten Eltern wussten eben nicht, dass er ein strenggläubiger Christ und unverhohlenes Muttersöhnchen war, was er auf seiner aufrichtigen Interpretation des Gospelsongs ›(There‘ll Be) Peace In The Valley (For Me)‹ bewies. Eine schöne Version von ›White Christmas‹ findet sich hier ebenso, doch die meisten werden vor allem seine tolle Fassung des melancholischen Klassikers ›Blue Christmas‹ kennen.
Sonderbar
FUN IN ACAPULCO (1963)
Selbst die treuesten Elvis-Fans werden zugeben, dass die meisten seiner Filme scheiße sind. Dabei hatte seine Schauspielkarriere halbwegs vielversprechend mit „Gold aus heißer Kehle“ (1957), „Mein Leben ist der Rhythmus“ (1958) und „Café Europa“ (1960) begonnen. Doch im Lauf der 60er wurde er darauf reduziert, Flachsinn à la ›(There‘s) No Room To Rhumba In A Sports Car‹ auf Zelluloidmüll wie „Acapulco“ zu singen. Dabei ist dieser Soundtrack nicht mal sein schlechtester. Wir haben ihn ausgesucht, weil er Elvis in einer müden Phase zeigt, während die Beatles schon zum Angriff bliesen.