Dire Straits: Im goldenen Käfig – Mark Knopfler im großen Interview

Mark Knopfler Interview

Man darf sich Mark Knopfler heute als zufriedenen, ja glücklichen Mann vorstellen. Er fährt gern mit dem Motorrad durch seine Heimat London, hat Spaß an Luxusuhren und nimmt alle paar Jahre ein Soloalbum auf. Ganz entspannt, in seinem eigenen Studio. Eben dort haben wir den Sänger und Gitarristen zum Gespräch getroffen: über seine Kindheit und Jugend, neue Bands und Beschäftigungen neben der Musik. Und über die Dire Straits, mit denen er ewige Rockklassiker schuf und deren Erfolg ihm schließlich zu viel wurde. Es geht um die glorreichen Anfänge in den 70ern, die Superstar-Phase in den 80ern und das stille Ende in den 90ern.


Text: David Numberger

M ark Knopflers British Grove Studios liegen nicht weit von der Themse, etwas östlich des Stadtzentrums. Man marschiert durch die für London so typischen schmalen Straßen einer gehobeneren Wohngegend, bis man vor einem schlichten, zweigeschossiger Backsteinbau steht, der von außen nicht als Tonstudio auszumachen ist. Im Erdgeschoss ist eine Garage untergebracht, durch die werde ich eingelassen, von da geht es direkt ins Treppenhaus und die Stufen hoch in den ersten Stock – in eine Art Konferenzraum mit angeschlossener Küche. Der Boden und auch Teile der Wände sind mit lackiertem Holz verkleidet, ein paar Leute, jüngere und ältere, stromern durch die Gänge, niemand wirkt gestresst. In einem etwas kleineren Zimmer nebenan stehen schwere, schwarze Ledersofas, eine Stereoanlage, ein großer Flachbildschirm, dazu einige Schallplatten und Bücher, die ich auf die Schnelle leider nicht er­­kennen kann.

Denn das Interview selbst findet im Erdgeschoss statt, im kleineren der beiden im Gebäude untergebrachten Studios. Mitten im Raum ein massives Mischpult, daneben ein Keyboard, an den Wänden entlang jede Menge Boxen und Verstärker. Das Licht ist gedimmt und als ich eintrete, richtet sich der Hausherr gerade an seinem Schreibtisch ein und seine Brille zu­­recht (die er während des Gesprächs immer mal wieder auf- und abnehmen wird). Dann kann’s losgehen.

Mark Knopfler spricht ganz ruhig, freundlich und überlegt, es ist ein bisschen, als säße man in der Sprechstunde bei einem gutmütigen, altgedienten Universitätsprofessor. Die Haare sind noch weniger geworden in den letzten Jahren, der Bauch ein bisschen mehr. Der ehemalige Sänger und Gitarrist der Dire Straits wirkt zufrieden damit, wie die Dinge gerade für ihn stehen.

Auf sein Studio ist er sehr stolz, das wird schnell klar. Es bestehe die Möglichkeit, hier jede Art von Album zu machen, die man haben wolle, erzählt er. Um weiter auszuführen: Alle Arten von Tape stünden zur Verfügung, man könne auf 4 Spuren, 8 Spuren, 16 Spuren und so weiter aufnehmen. Dieser Apparat hier, dabei deutet er auf eine alte Ge­­rätschaft hinter sich, die allerhand Knöpfe und Regulatoren aufweist, stamme aus dem Jahr 1954 und habe schon in den legendären Sun-Studios ihre Dienste getan, als dort etwa Elvis oder Johnny Cash ihre ersten musikalischen Schritte unternahmen. Natürlich sei es andererseits auch möglich, modernste digitale Mittel einzusetzen. Der größere Studioraum nebenan biete Platz für ein ganzes Or­­chester, weshalb dort viele Filmsoundtracks entstünden, mit Surround Sound und allen Schikanen.

Knopfler hat sich hier sein eigenes kleines Reich geschaffen, sein musikalisches Refugium. Seit mehr als zehn Jahren sind die British Grove Studios in Betrieb, seitdem haben unter anderem David Gilmour und Eric Clapton hier gearbeitet. Die Rolling Stones kamen 2016 für ihr jüngstes Studioalbum BLUE & LONESOME her. Und auch der Besitzer selbst nimmt hier ganz gemütlich alle paar Jahre eine Soloplatte auf, 2015 TRACKER, jetzt sein neues Werk DOWN THE ROAD WHEREVER.

Es war ein langer Weg hierher für ihn, zum Studiobesitzer und Elder Statesman der britischen Songschreiber-Kunst. 1949 in Glasgow geboren, als Sohn einer englischen Lehrerin und eines aus Ungarn eingewanderten Ar­­chitekten, kommt Mark mit sieben Jahren nach England, genauer nach Newcastle, in die Heimatstadt seiner Mutter. Dort wächst er zusammen mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder David auf. Als Mark mit 13 seine erste Gitarre haben will, kaufen ihm seine Eltern, dem Familienbudget entsprechend, eine Höfner V2 für 50 Pfund. Kein teures Instrument, aber ein rotes. Genau wie die Fender Stratocaster, die er in einem Schaufenster gesehen hat – das Mo­­dell, mit dem er später als Chef der Dire Straits zu Weltruhm kommen wird.

Sein musikalisches Erweckungserlebnis hat Knopfler ein paar Jahre davor, da ist er knapp zehn und sieht seinen Onkel Kingsley am Piano Boogie-Woogie spielen. „Ich hielt diese drei Akkorde für die großartigste Sache der Welt. Das tue ich noch immer“, sagte er darüber einmal. Er hatte seinen ersten großen Helden gefunden.

Mitte der 60er besucht er seine frühesten Konzerte, in der Newcastle City Hall, wo er unter anderem Chuck Berry sieht und den britischen Rock’n’Roller Joe Brown. Nachdem er 1965 zu­­sammen mit einem Schulfreund ein Folk-Duo gegründet hat, zieht es ihn vorübergehend weg von der Musik. So arbeitet er mehrere Jahre unter an­­derem als Journalist und Englischlehrer. Da­­mit einher geht ein Ortswechsel: von Newcastle nach London. Dort, im Stadtteil Deptford, sollte eine neue, eine große Geschichte ihren Anfang nehmen.

Herr Knopfler, wir sitzen hier in Ihren British Grove Studios. Leben Sie zurzeit auch in London?
Ja, schon fast mein ganzes Leben lang.

Bereits vor den Dire Straits?
Ja, noch früher, ich bin von zu Hause weg, da war ich 17 oder 18.

Sie haben als Journalist gearbeitet, bevor Sie Musiker wurden.
Ja, das hab ich studiert. Eine gute Sache für einen Songwriter.

Inwiefern?
Man lernt, wie man Material anordnet, wie man Sachen auf den Punkt bringt. Und man lernt, schnell zu sein. Es gehört zum Job, mit echten, tatsächlichen Ge­­schichten zu tun zu haben: Es ist ein Crash-Kurs darin, wie es auf der Welt zu­­geht, gerade wenn man quasi noch ein Kind ist. Ich war gerade mal um die 19 damals.

Ist es wahr, dass Ihr Onkel einst Ihre Faszination für Musik entfacht hat?
Ja, zumindest hat er dazu beigetragen. Er spielte Klavier und hatte dabei eine Menge Spaß.

Und Sie haben ihm zugehört und wollten dasselbe machen?
So ist es, ganz genau.

War er ein professioneller Musiker?
Nein, das nicht, aber ein Enthusiast.

Erinnern Sie sich an Ihre ersten mu­­sikalischen Helden?
Nun, das waren dieselben wie bei allen anderen auch, denke ich. Als ich ein Kind war, mochte jeder die Rockstars der Zeit, auch ich, so ist es halt. Und wenn du älter wirst, entwickelst du dich. Ich habe die Beatbands und Bob Dylan entdeckt, in meinen späten Teens kam dann der Blues dazu, auch Folk und frühe String-Band-Musik. Weiße und schwarze Künstler, ich nahm alles in mich auf, die verschiedensten Einflüsse, alle Facetten. Was heute in Mode ist – die besten aktuellen Americana-Künstler interessieren sich für diese Art von Musik –, lief bei mir schon vor 50 Jahren so.

Mit Streaming-Plattformen wie Spotify ist es viel einfacher ge­­worden, seinen Horizont zu er­­weitern.
Es ist alles da, ja.

Die Dire Straits nahmen ihren Anfang in Deptford. In Ihrem neuen Stück ›One Song A Day‹ erinnern Sie sich an die „Deptford Days“ Ende der 70er. Schauen Sie gerne zurück auf die Zeit, in der Sie Ihre ersten Demos aufgenommen, Ihre ersten Konzerte gegeben haben?
Nicht wirklich, nein. Also nicht be­­wusst. Es ist ja ohnehin Teil von dem, der du bist. Damals war es natürlich schön, weil es das war, was ich tun wollte. Mit der Zeit wurde die Band dann einfach zu groß und unkontrollierbar. Aber es bedeutete mir alles, meine Songs in die Welt zu schicken und zu sehen, dass sie Erfolg hatten.

Als Sie ›Sultans Of Swing‹ fertig hatten, war Ihnen da klar: Das wird ein Hit?
Haha, nein. Tatsächlich habe ich ›Sultans Of Swing‹ zunächst auf der Akustikgitarre geschrieben, es hatte an­­fangs eine ganz andere Stimmung, die Musik klang komplett verschieden von der finalen Fassung. Nur die Lyrics waren schon dieselben. Erst als ich mir eine Fender anschaffte, ließ mich die Art, wie sie klang, den Song so spielen, wie man ihn heute kennt.

4 KOMMENTARE

  1. Ein großartiger Künstler. Wenn man insbesondere den Solo-Teil seiner Karriere verfolgt, weiß man, dass seine Antworten absolut authentisch sind.

  2. Mark Knopfler ist ein zurückhaltender, vornehmer Mensch. Das hört man in seiner Musik, das sieht man in seinen Auftritten. Er hat die Gabe, seine Lieder oft wie Volksmusik klingen zu lassen. Unverschnörkelt, authentisch, mit Gefühl. Das liebe ich an ihm.

  3. Toller Kommentar, ich hätte lieber gehört wenn Herr Knopfler gesagt hätte, dass er seine Bandmitglieder raustrommelt um auf Welttour zu gehen. Gruß Andre

  4. Ein schönes Interview von einem sehr sympathischen, geerdeten Altstar! Ich bin froh, dass ich die Dire Straits sowie Mark Knopfler (solo) mehrmals live erleben durfte. Bis heute gehöhren diese Gig zu den besten Konzerten die ich jemals gesehen habe! Danke, Mister Knopfler, für Ihre Musik, die mich durch einen großen Teil meines Lebens begleitet hat! 🙂

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here