Dire Straits: Im goldenen Käfig – Mark Knopfler im großen Interview

Mark Knopfler im Interview

Bereits ein paar Jahre vor ›Sultans Of Swing‹ versucht Knopfler sein Glück in der Londoner Musikszene. 1973 spielt er neben seinem Job als Englischlehrer bei der Pubrock-Band Brewer’s Droop, zu der auch Schlagzeuger Pick Withers gehört, und bildet zusammen mit Freund Stephen Phillips die Duolian String Pickers. Als sein Bruder David ebenfalls nach London zieht, tun sich die beiden in der lokalen Rockcombo Café Racers zusammen. Bis 1977 kommen zunächst Davids Zimmerkollege und Bassist John Illsley, etwas später, auf Marks Einladung, Drummer Withers hinzu.

Die Vier nennen sich mittlerweile an­­ders, nämlich Dire Straits, und haben Mark als ihren Anführer akzeptiert: Sie nehmen seine Songs auf. So etwas wie Spotify gibt es damals als Verbreitungsplattform noch nicht, aber ein Demo des Quartetts fällt über Umwege dem Londoner DJ Charlie Gillett in die Hände. Der spielt es prompt in seiner BBC-Show Honky Tonkin’. Ein Glücksfall. Denn das wiederum macht Musikmanager Ed Bicknell und John Stainze aufmerksam, letzterer ist A&R-Mann bei der Plattenfirma Polygram. Bicknell nimmt die Nachwuchscombo unter seine Fittiche und verschafft ihr einen Vertrag bei der Polygram-Unterabteilung Vertigo.

Nach einem Engagement der Dire Straits als Vorgruppe der Talking Heads erscheint die finale Fassung von ›Sultans Of Swing‹ schließlich im Mai 1978 offiziell als UK-Single – und zündet nicht. Erst als der Song Anfang 1979 infolge der Veröffentlichung des Debütalbums DIRE STRAITS in die US-Charts einsteigt, geht’s bergauf. Letztendlich schafft er es in Amerika auf Platz vier der Billboard-Charts, in Großbritannien immerhin auf Rang acht. Der Weg zum Ruhm ist bereitet.

›Sultans Of Swing‹ ist bis heute so etwas wie das ultimative Dire-Straits-Lied. Die dynamisch voran preschenden Drums, Knopflers so markante wie flinke Gitarrenlicks, der von Bob Dylan inspirierte Ge­­sang, der cleane Sound, der den Eindruck macht, als würden alle Instrumente von ein und derselben Person gespielt werden. Es ist alles da. Man darf auch nicht vergessen: Gitarrensoli und mehr als fünfminütige Tracks sind Ende der 70er, als Punk und New Wave den Ton angeben, alles andere als en vogue. Den Dire Straits ist’s egal – und sie beweisen so, dass virtuoses, traditionsbewusstes Gi­­tarrenspiel nach wie vor seinen Platz hat im Mainstream-Rock.

Wenn man heute mit Knopfler über diese Zeit redet, über ›Sultans Of Swing‹ und seine späteren Hits, dann ist eines ganz sicher: Er bildet sich nichts darauf ein. Er schämt sich auch nicht, klar, aber er kommentiert es mit Gleichmut. Er hat diese Songs geschrieben, sie waren erfolgreich, es war schön, das mitzuerleben, das alles ist „Teil von dem, der du bist“. Ganz einfach. Aber es ist vergangen, was soll die ganze Nostalgie?

Eins ist damit natürlich auch klar: Knopfler hat gar keine Lust, alte Zeiten wieder aufleben zu lassen, etwa auf Reunion-Tour zu gehen oder frühe Alben seiner Band in voller Länge zu spielen, wie das ja seit einigen Jahren so viele machen. Eine Reunion der Dire Straits schließt der Frontmann fast schon routinemäßig aus.

Dass das so ist, hängt auch damit zu­­sammen, wohin sich die Gruppe nach ihrem Durchbruch entwickeln, wie groß und damit schwer steuerbar sie werden sollte.

Doch dazu später mehr. Zunächst sind die Briten mit ›Sultans Of Swing‹ im Big Business angekommen. In den folgenden zwei Jahren gelingen ihnen Hits und Klassiker wie ›Lady Writer‹, ›Tunnel Of Love‹, ›Romeo And Juliet‹, ›Skate Away‹ und ›Solid Rock‹. Es geht raus aus dem vertrauten Umfeld in Deptford und mitten rein in einen „5-Sterne-Lebensstil“, wie Knopfler das nennt. „Dir wird einfach alles angeboten.“ Er dreht sich auf seinem Stuhl vom Studio-Schreibtisch weg und weist mit der Hand hinter sich, wo Getränkeflaschen auf einem Tisch aufgereiht stehen. „Mineralwasser, Kaffee, Tee, wir haben alles, was sie wollen.“ So laufe das dann. Nicht dass er sich darüber beschweren wolle, aber Erfolg sei ein zweischneidiges Schwert. Wenn man nicht aufpasse, verliere man sich selbst.

Nach LOVE OVER GOLD von 1982, mit ausschweifenden Stücken wie dem allein fast 15 Minuten langen ›Telegraph Road‹, kommt der ganz große Erfolg dann 1985, zur Halbzeit der Superstar-Dekade. Bruce Springsteen hat sich im Jahr davor mit BORN IN THE U.S.A. die Rockkrone aufgesetzt, jetzt sind die Dire Straits an der Reihe. BROTHERS IN ARMS schießt sowohl in der Heimat Großbritannien als auch in den USA und Deutschland auf die Nummer 1 der Album-Charts. Das sarkastische ›Mo­­ney For Nothing‹ mit dem berühmten Bausteine-MTV-Clip und das für den Pop-Mainstream konzipierte ›Walk Of Life‹ werden zu Single-Hits, der melancholische Titelsong mit Antikriegsbotschaft zu einem der Signature-Stücke der Band. Größer, höher, weiter: Knopfler und Kollegen sind jetzt ganz oben. Im Rockolymp. Sie haben es auf den Erfolg angelegt und ihn bekommen. Zum Ruhm allerdings hat der zurückhaltende Sänger ein ambivalentes Verhältnis.

Ihre neue Solo-Single ›Good On You Son‹ vermittelt nicht unbedingt den Eindruck, als seien Sie ein Fan von Fame und Hollywood-Glamour.
Nun ja, wenn ich einen englischen Jungen sehe, oder einfach ein Working-Class-Kid, egal woher, das es in L.A. zu etwas bringt, dann denke ich immer: Good on you! Gut gemacht! Wenn man bedenkt, wo du herkommst.

Der Text ist also nicht ironisch oder sarkastisch gemeint?
Nein, nein. Er sagt einfach: Gut ge­­macht. Viel Glück für dich. Wenn du ein Kid aus einer Sozialwohnung ir­­gendwo in England bist und jetzt in Los Angeles lebst, es in diesem Dschungel zu etwas gebracht hast, ein super Haus in Hollywood besitzt, mit Auto, Küche und allem, und in der Musik- oder Filmbranche arbeitest: Dann Glückwunsch, gut gemacht!

Es geht also nicht darum, die eigenen Wurzeln verloren zu haben, den Kontakt zur eigenen Herkunft?
Doch, schon auch, aber es ist dem vorzuziehen, woher du kommst. Besser als eine Sozialwohnung in Deptford! Ganz bestimmt, das verspreche ich ihnen.


„Wenn es ums Tanzen und solches Zeugs geht, bin ich nicht besonders gut.“

Mit den Dire Straits hatten Sie in den 80ern riesigen Erfolg. Haben Sie den Rock’n’Roll-Lifestyle gelebt?
Oh ja, ja. Es gab viel davon, ich wurde ja quasi in ein anderes Leben hineingeworfen. Auf einmal durfte ich mit Bob Dylan in Santa Monica aufnehmen. Nach unserer ersten Club-Tour in den USA hob alles schnell ab.

Waren Sie auf vielen Partys?
Nein, nicht auf allzu vielen.

Mochten Sie das Weggehen nicht?
Ich weiß nicht, ich war zu sehr damit beschäftigt, Songs zu schreiben. Wenn es ums Tanzen und solches Zeugs geht, bin ich auch nicht besonders gut.

Aber Sie waren sicher oft eingeladen, oder?
Hm, hm, daran kann ich mich gar nicht mehr so gut erinnern. Ich kenne Leute, die dauernd auf Partys waren, das erschien mir einfach wie vergeudete Zeit. Sie machten ja nichts, sie gingen bloß die ganze Zeit weg.

Sie selbst waren professioneller?
Ein Macher, ich machte Dinge.

Hatten Sie in den 80ern je den Eindruck, dass Ihnen die Verbindung zu Ihrer Herkunft, Ihren ursprünglichen Intentionen als Musiker abhanden gekommen waren?
Ja! Das ist eine sehr wichtige Erkenntnis, ein authentisches Gefühl. Es ist so leicht, den Kontakt zu verlieren. ›Sultans Of Swing‹ wurde anfangs in einem kleinen Pub in Deptford ge­­spielt, buchstäblich um die Ecke. Wenn du da einmal raus bist, findest du dich in einer ganz neuen Umgebung wieder. Du tourst, du übernachtest in guten Hotels, all das. Ein ganz anderes Leben.

Gab es einen bestimmten Punkt, an dem das bei Ihnen losging?
Ich sage Ihnen, das passiert ganz schnell. Es war beinahe ein Glück, dass wir wegen unseres Vertrags erst mal 18 Monate lang kein Geld sahen. Aber du kommst an neue Orte, siehst diesen sehr anderen Lebensstil. Man muss aufpassen, dass einem diese Art von Aufmerksamkeit nicht zu Kopf steigt. Es tat mir gut, dass ich schon etwas älter war, als der Erfolg kam, für Teenager ist das unglaublich schwierig. Tatsächlich ist es hart, das zu überleben. Und das meine ich ganz ernst, es ist echt verwirrend. Diese ganze Zu­­wendung von allen Seiten verändert deinen Charakter, wenn du zu jung bist, um das alles zu verstehen. Man braucht sich nur die ganzen Kinderfilmstars anzuschauen. Ich meine: Man macht Götter aus ihnen, sie werden geradezu verehrt. Vollkommen verrückt, ich glaube, kein Kind kann da unbeschadet durchkommen. Das Mi­­chael-Jackson-Syndrom ist eine ähnliche Geschichte: Wenn du ein derart unwirkliches Leben führst, be­­kommst du Schwierigkeiten, mit der Realität umzugehen. Man lebt nicht in der echten Welt, und das läuft selten gut.

Dass Sie fast 30 waren, als der Durchbruch kam, hat Sie also vor Schlimmerem bewahrt?
Genau, wenn du schon 28 bist, ist das etwas ganz anderes. Dazu kommt, dass ich bereits davor Jobs hatte, viele, viele Jobs. Als Handwerker, als Farmarbeiter, als Journalist, als Lehrer, im Kaufhaus. Ich kenne Musiker, die nie etwas anderes gemacht haben, das kann auch ziemlich unwirklich sein.

Fehlt Ihnen die Aufmerksamkeit, die Sie früher mit den Dire Straits bekamen, heute manchmal?
Nein, nein. Gott, nein! Welche Aufmerksamkeit? Wofür, wann?

Der Ruhm, die Faszination von Millionen von Fans…
Sehen Sie mich wirklich heimgehen und zu meiner Frau sagen: ,Darling, ich bin einfach nicht glücklich heute Abend. Ich habe das Gefühl, dass ich zu wenig Aufmerksamkeit bekommen habe?‘ Den ganzen Tag über sprechen Journalisten mit mir, das ist genug Aufmerksamkeit, glauben Sie mir, mehr als genug.

6 KOMMENTARE

  1. Ein großartiger Künstler. Wenn man insbesondere den Solo-Teil seiner Karriere verfolgt, weiß man, dass seine Antworten absolut authentisch sind.

  2. Mark Knopfler ist ein zurückhaltender, vornehmer Mensch. Das hört man in seiner Musik, das sieht man in seinen Auftritten. Er hat die Gabe, seine Lieder oft wie Volksmusik klingen zu lassen. Unverschnörkelt, authentisch, mit Gefühl. Das liebe ich an ihm.

  3. Toller Kommentar, ich hätte lieber gehört wenn Herr Knopfler gesagt hätte, dass er seine Bandmitglieder raustrommelt um auf Welttour zu gehen. Gruß Andre

  4. Ein schönes Interview von einem sehr sympathischen, geerdeten Altstar! Ich bin froh, dass ich die Dire Straits sowie Mark Knopfler (solo) mehrmals live erleben durfte. Bis heute gehöhren diese Gig zu den besten Konzerten die ich jemals gesehen habe! Danke, Mister Knopfler, für Ihre Musik, die mich durch einen großen Teil meines Lebens begleitet hat! 🙂

  5. MK ist ein schier unglaubliches Talent- und Energiebündel. Sein Sound und sein Ideenreichtum sind unnachahmlich und einzigartig. Dass er so geerdet ist im Hier und Jetzt und in sich ruht ist sowohl für ihn selbst als auch für seine Produktivität ein Segen. Er ist einfach er selbst. Und diese
    Authenzität ist wohl auch der Grund für seine Anziehungskraft, der man sich kaum mehr entziehen kann, wenn man einmal von den Perlen seiner Gitarrentöne und der Poesie seiner Texte getroffen worden ist. Danke MK. Sie bereichern uns alle! Hoffentlich reichen Ihre Power und Ihre Gesundheit noch lange Zeit.

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