Dire Straits: Im goldenen Käfig – Mark Knopfler im großen Interview

Mark Knopfler im Gespräch

Früh hat Knopfler begonnen, an Projekten neben den Dire Straits zu arbeiten. 1979 spielt er die Lead-Gitarre auf Bob Dylans Album SLOW TRAIN CO­­MING. Und auch als ihn der Songwriter vier Jahre später bittet, INFIDELS zu produzieren, sagt Knopfler zu, dazu steht er der Backing-Band vor. Ebenfalls 1983 nimmt er das Soundtrack-Album LOCAL HERO auf, im Folgejahr produziert er die zweite Platte von Aztec Camera, KNIFE, und schreibt Tina Turner ihre Hitsingle ›Private Dancer‹.

Nach der gigantischen Tour zu BRO­THERS IN ARMS wird ihm dann alles zu viel. Er zieht sich für einige Jahre aus seiner Stammband zurück. Die Dire Straits haben davor, von 1985 bis 1986, fast 250 Shows gespielt, vor über 2,5 Millionen Fans in mehr als hundert Ländern. David Knopfler war da schon lange nicht mehr dabei, bereits 1980 hatte er die Band infolge „kreativer Differenzen“ mit seinem Bruder verlassen. Auch Drummer Pick Withers war ausgeschieden, neu dabei dafür die Keyboarder Alan Clark und Guy Fletcher, vorübergehend Gitarrist Hal Lindes (der 1985 wieder geht) und Schlagzeuger Terry Williams. Illsley und Mark Knopfler sind ab da die einzigen verbliebenen Grün­dungsmitglieder.

Je größer die Dire Straits werden, desto komplizierter gestaltet es sich für Knopfler, den Laden zusammen zu halten. Und auch in kreativer Hinsicht wird es immer schwieriger, eine derart gewaltige Unternehmung, auf der die Erwartungen von Millionen von Fans auf der ganzen Welt lasten, in neues Fahrwasser zu manövrieren. „Das Superstar-Ding stand im Mittelpunkt und nicht mehr unsere Mu­­sik“, erinnert sich Knopfler. Nach dem Tourende 1986 beschließt er deshalb, es mit den Dire Straits vorübergehend ruhiger angehen zu lassen.

1987 liefert er den Soundtrack zum Film „Princess Bride“ und produziert Willy DeVilles Album MIRACLE, 1988 ist er als Co-Produzent bei Randy Newmans LAND OF DREAMS dabei und geht mit Eric Clapton auf Tour. Zwei Jahre später bringt er dann gleich zwei neue Platten heraus. Zunächst mit den kurz zuvor formierten Notting Hillbillies, denen auch Keyboarder Guy Fletcher angehört, das mit einem Augenzwinkern in Richtung Dire Straits betitelte MISSING…PRESUMED HAVING A GOOD TIME. Dann das Country-Ge­­meinschaftsprojekt NECK AND NECK zusammen mit Idol und Nashville-Ikone Chet Atkins.

Die Zukunft der gut zehn Jahre zuvor aus Deptford hervorgegangenen, zu Weltruhm aufgestiegenen Band ist ungewiss. Zumal auch ihr Bassist John Illsley 1988 eine Soloplatte veröffentlicht: GLASS (mit Knopfler an der Gitarre).

Doch einmal sollten sie noch zurückkommen: 1991, mit dem letzten Studioalbum ON EVERY STREET (auch wenn sich Knopfler im Gespräch gar nicht mehr so recht entsinnen mag). Ganze sechs Jahre nach BRO­THERS IN ARMS ist der ganz große Hype allerdings passé. An die ge­schätzt rund 30 Millionen verkauften Einheiten des Vorgängers kommt es nicht annähernd heran, selbst wenn es mit ›Calling Elvis‹ und ›Heavy Fuel‹ zwei auch Nicht-Fans bekannte Singles abwirft.

Wie Sie erwähnten, haben Sie vor Ihrer Musiker-Karriere als Lehrer gearbeitet. Gab es später je den Moment, an dem Sie gern in Ihren alten Job zurückgekehrt wären?
Nein, überhaupt nicht, ich habe unterrichtet, um zu überleben. Es war sicher gutes Geld, aber Songwriter zu sein, ist für mich die ultimativ großartige Sache. Denn wenn du deine eigenen Lieder schreibst, dann ist das sogar noch viel besser, als einfach nur Musiker zu sein.

Weil man sich selbst verwirklicht?
Ja, und wenn du einen Fehler machst, bist du immer noch der Kerl, der das alles geschrieben hat. Einmal hat jemand zu mir gesagt: Der Sänger hat immer recht. Das stimmt.

In den späten 80ern nahmen Sie sich eine Auszeit von den Dire Straits. Sie haben Alben von anderen produziert, Filmscores gemacht und Ihre Zweitband, die Notting Hillbillies, gegründet. Ein Versuch, von dieser ganzen MTV/Superstar-Sache wegzukommen?
Nein, wir hatten nur einfach eine gute Zeit bei den Notting Hillbillies, also haben wir das ausgedehnt. Wir haben eine Platte zusammen gemacht und beschlossen, eine Tour dranzuhängen. Wenn die Dinge laufen, dann bleibst du gerne dabei.

Also keine bewusste Pause von den Dire Straits?
Nicht wirklich. Es fing damit an, dass Steve (Phillips) und Brendan (Croker), zwei Freunden von mir, mich baten, ihr Album aufzunehmen. Mir gehörte damals ein kleines Heimstudio, also sagte ich: klar. Nach und nach wurden daraus ich und sie, dann Guy (Fletcher), ich und sie. Schon waren wir zu viert. Es folgten LP und Konzerte, wir traten allein zwei Wochen am Stück im Ronnie Scott’s in London auf, ich erinnere mich genau, und schon bist du diese Band, diese Einheit, die Notting Hillbillies. Eine ernsthafte Sache, nicht mehr nur ein paar Freunde, die ein bisschen herumspielen.

Dennoch sind Sie 1991 für ein Al­­bum zu den Dire Straits zurückgekehrt.
Bin ich das?

Würde ich sagen, ja.
Kann mich gar nicht mehr so genau erinnern. (Knopfler grummelt etwas in sich hinein) Das war ON EVERY STREET, stimmt’s?

Genau. Hatten Sie das Gefühl, mit den Dire Straits in eine kreative Sackgasse geraten zu sein, einfach alles gesagt zu haben?
Das ist das Ding, ja. Wie es damals im Detail lief, weiß ich nicht mehr, aber die Sache ist die: Es war schon immer mein Wunsch, zehn Leute in der Band zu haben, mindestens. Denn so könnte ich mal einen Song nur für mich allein machen, einen vielleicht mit zwei von ihnen, einen mit zehn, einen mit fünf Musikern und so weiter. Flexibel zu sein, darum ging’s mir, und heute bin ich das.

Eine neue Art von Freiheit also.
So einfach ist es. Wenn man die ganze Zeit für ganz verschiedene Instrumente schreibt, für Akkordeon, für Posaune, für verrückte Sachen wie Pfeifen und Flöten, dann musst du diese verschiedenen Möglichkeiten ha­­ben. Ich mag es zum Beispiel sehr, dass auf DOWN THE ROAD WHEREVER Bläser dabei sind. Es ist großartig, frei zu sein. Interessant auch: Die Leute von der Presse, mit denen ich gesprochen habe, lieben das Album. Alle scheinen es zu mögen.

7 KOMMENTARE

  1. Ein großartiger Künstler. Wenn man insbesondere den Solo-Teil seiner Karriere verfolgt, weiß man, dass seine Antworten absolut authentisch sind.

  2. Mark Knopfler ist ein zurückhaltender, vornehmer Mensch. Das hört man in seiner Musik, das sieht man in seinen Auftritten. Er hat die Gabe, seine Lieder oft wie Volksmusik klingen zu lassen. Unverschnörkelt, authentisch, mit Gefühl. Das liebe ich an ihm.

  3. Toller Kommentar, ich hätte lieber gehört wenn Herr Knopfler gesagt hätte, dass er seine Bandmitglieder raustrommelt um auf Welttour zu gehen. Gruß Andre

  4. Ein schönes Interview von einem sehr sympathischen, geerdeten Altstar! Ich bin froh, dass ich die Dire Straits sowie Mark Knopfler (solo) mehrmals live erleben durfte. Bis heute gehöhren diese Gig zu den besten Konzerten die ich jemals gesehen habe! Danke, Mister Knopfler, für Ihre Musik, die mich durch einen großen Teil meines Lebens begleitet hat! 🙂

  5. MK ist ein schier unglaubliches Talent- und Energiebündel. Sein Sound und sein Ideenreichtum sind unnachahmlich und einzigartig. Dass er so geerdet ist im Hier und Jetzt und in sich ruht ist sowohl für ihn selbst als auch für seine Produktivität ein Segen. Er ist einfach er selbst. Und diese
    Authenzität ist wohl auch der Grund für seine Anziehungskraft, der man sich kaum mehr entziehen kann, wenn man einmal von den Perlen seiner Gitarrentöne und der Poesie seiner Texte getroffen worden ist. Danke MK. Sie bereichern uns alle! Hoffentlich reichen Ihre Power und Ihre Gesundheit noch lange Zeit.

  6. Der Mozart der Neuzeit.
    „Ein“ gespielter Ton dringt durch den Lärm in deine Ohren und du erkennst Knopfler.
    Du hast mich seit der „Dire Straits“ Kassette, die mir ein Freund 1980 geschenkt hat, geprägt.
    (ich besitze sie immer noch!)
    Ich war 1981 und 2019 im Hallenstadion und dazwischen weitere male Zeuge deine Kunst.
    Einige quadratische Fotos meiner billigen Kodak von deiner 82er und 83er Tour im jeweils Roten und Hellblauen Blaser haben einen Rahmen bekommen. Und den Fender stratocaster – Stick mit der Tracker-Tour 2015 lehnt sich auch bei mir im Regal am Koffer. Ich werde deine Konzerte vermissen. Danke für alles Mark
    PS: Sehr gutes interview!

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