Les Paul: Der Man Zero des Rock

Les Paul und Mary FordVisionär, Erfinder, Gitarrenzauberer und die Inspiration für Generationen von Musikern: Les Paul erfand nicht nur die elektrische Gitarre, er definierte auch die Blaupause für die Gegenwartsmusik, wie wir sie heute kennen.

Absolut alles, was sich je auf den Seiten dieses Magazins fand, kann auf Les Paul zurückgeführt werden. Zunächst sollte man sich vor Augen halten, dass er die elektrische Gitarre mit Massivholzkörper erfunden hat. Das Modell Gibson, das seit den 50er Jahren seinen Namen trägt, ist eines der legendärsten Instrumente im Rock und wurde von zahlreichen Gitarrenhelden favorisiert, u. a. Jimmy Page, Pete Townshend, Mick Ronson, Slash, Paul Kossoff … um nur einige zu nennen. Paul war zudem selbst ein Virtuose, der die Grenzen des Gitarrenspiels mit Gusto und Finesse verschob. In seinen Händen wurde aus der Gitarre ein machtvolles, neues Instrument, ähnlich des Entwicklungsschritts von der Pferdekutsche zum Supersportwagen. In noch größerem Maßstab fing bei Les Paul auch das gesamte Konzept des modernen Albums an, das eine Studioproduktion anstelle einer bloßen Live-Aufzeichnung vorsieht. Er erfand Mehrspur-Aufnahmen (ebenso wie Effektgeräte, inklusive Reverb, Echo und Delay), das Heimstudio und den Gedanken, dass der Künstler auch Produzent sein könne. Man übertreibt also nicht, wenn man Les Paul als den Thomas Edison des Rock bezeichnet. Oder, wie Slash es formulierte: „Les war ein totaler fucking Pionier“.

Zudem war Paul ein großzügiger, umgänglicher Mensch, der sich seinen Legendenstatus nie zu Kopf steigen ließ. Bis kurz vor seinem Tod 2009 im Alter von 94 Jahren gab er noch Seminare, trat regelmäßig auf, tauschte Witze und Licks mit Musikerfreunden wie Keith Richards und Eddie Van Halen aus und arbeitete in seiner Werkstatt, zuhause in New Jersey, an neuen Erfindungen. Ich hatte das große Glück, bei zwei Gelegenheiten ein paar Stunden mit ihm zu verbringen, und erlebte einen Mann, der trotz all seiner Errungenschaften und Erfolge bemerkenswert bescheiden war.

Diese Bescheidenheit hatte vielleicht etwas mit seiner Jugend im Mittleren Westen zu tun. Geboren am 9. Juni 1915 als Lesster Polsfuss in Waukesha, Wisconsin, spielte er erstmals im Alter von acht Jahren Gitarre. Wenig später zerlegte er selbige. „Ab der Sekunde, in der ich meine erste Gitarre bekam, fielen mir Dinge auf, die man daran verbessern konnte“, erzählte er. „Ich korrigierte die Fehler und machte so das Instrument leichter zu spielen. Während andere Kids Schlittschuhlaufen oder Ballspielen gingen, war ich drinnen und versuchte, zu ergründen, wie sich Schallwellen fortbewegen. Ich begriff, dass ich eine Begabung hatte, aber ich kam nie an einen Punkt, an dem ich mir einbildete, ich sei besser als sonst jemand. Ich war einfach der Junge, der ständig Dinge auseinandernahm.“

Er saugte die Jazz-, Pop- und Country-Schallwellen aus dem Familienradio auf und wurde bald zu einer jugendlichen Ein-Mann-Band. Unter dem Namen Rhubarb Red sang er, spielte Mundharmonika, schlug auf einen Waschbottich ein und spielte an einem örtlichen Grillstand Gitarre. Da war er schon von seiner akustischen Sears & Roebuck zu einer professionelleren Gibson L-5 mit Hohlkörper aufgestiegen. „Eines Abends spielte ich und jemand sagte: ‚Deine Stimme ist in Ordnung, deine Mundharmonika ist in Ordnung, aber deine Gitarre ist nicht laut genug‘. Ich ging nach Hause und war fest entschlossen, eine Antwort zu finden. Zuerst nahm ich ein Stück stählerner Eisenbahnschiene und spannt eine Saite darauf. Darunter baute ich einen Telefonhörer. Das verband ich dann mit dem Radio, und es funktionierte. Ich rannte zu meiner Mutter und sagte: ‚Ich habe es gefunden!‘ Und sie antwortete: ‚So weit kommt’s noch, dass du mal einen Cowboy auf einem Pferd siehst, der auf einem Stück Eisenbahnschiene spielt!‘ Dieser Gedanke wurde also gleich wieder begraben. Als nächstes probierte ich es mit einem Holzbrett, vier Fuß auf vier Fuß, auf das ich eine Saite spannte. Das war das allererste Mal, dass ich eine Gitarre mit Massivkörper baute. Alles, was in den Jahren darauf folgte, war eine Verfeinerung dieser Idee, ein immer besserer Holzblock mit einer Saite darauf.“

Mit dem Segen seiner Mutter ging Les von der High School ab, um sich der Musik zu widmen. Damals trat er an den Wochenenden im Radio in St. Louis auf. Ein Jahr später zog er nach Chicago und machte seine ersten professionellen Aufnahmen. Das Pseudonym Rhubard Red war da schon Vergangenheit, stattdessen verkürzte er seinen echten Namen auf Les Paul. Nachdem er nach New York umgezogen war, gewann er mit seinem Trio eine Audition in der beliebten Radiosendung von Fred Waring. Plötzlich erreichte er ein landesweites Millionenpublikum. „Das war die größte Chance meines Lebens, und eine großartige Lehre.“

Während Les Pauls Bekanntheitsgrad wuchs, verfolgte er weiterhin die Idee einer Gitarre, die „tagelang unterhalten“ konnte. Zufällig wohnte er nur ein paar Straßen von einem neuen Händler samt Labor des Gitarrenherstellers Epiphone entfernt. Paul stellte sich dort vor und bald „hatte ich die Erlaubnis bekommen, an Sonntagen, als der Laden geschlossen war, ihre Maschinen und Geräte zu benutzen“. Wie einst als Junge zerlegte er die Epiphone-Gitarren und machte sich Notizen über ihre Konstruktion auf der Suche nach seinem Massivkörper-Traum.
Seinen Prototypen nannte er „The Log“ (Holzscheit), weil er nun mal aussah wie ein gerades Stück Holz mit Saiten, Frets und Pickups. Er erinnerte sich an das erste Mal, dass er damit vor Publikum spielte: „Ich nahm das Ding in eine Taverne in Queens mit und den Leuten fiel das nicht mal auf. Da war ich nun, wirbelte den Hals hoch und runter – keine Reaktion. Also nahm ich es wieder mit zurück, fügte ‚Flügel‘ hinzu und befestigte zwei Seiten daran, damit es wie eine Gitarre aussah. In der nächsten Woche applaudierte das Publikum. Da wurde mir klar, dass die meisten Menschen mit ihren Augen hören!“

Nach seiner Zeit in Fred Warings Show begleitete Paul Amerikas größten Star: Sänger Bing Crosby. Auf ihrem ersten gemeinsamen Hit, der Kriegsballade ›It’s Been A Long, Long Time‹, spielte er eines seiner lyrischsten Soli überhaupt. Die Vollgas-Pyrotechnik, für die er bekannt werden sollte, fehlte hier noch, aber es bliebt dennoch einer seiner Favoriten. „Es ging dabei darum, nicht unbedingt viele Noten zu spielen, sondern einfach nur die richtigen. Und die erzählen die ganze Geschichte.“

1946 suchte Paul nach einer Sängerin für sein eigenes Trio und traf eine hübsche, junge Gitarristin und Sängerin namens Colleen Summers. „Sie hatte die weichste, lieblichste Stimme, die ich je gehört hatte.“ Die beiden wurden schnell zu Partnern, in der Musik wie in der Liebe, und Summers änderte ihren Namen in Mary Ford. Doch 1948, gerade als das Duo begann, Fahrt aufzunehmen, Konzerte zu geben und erste Studioaufnahmen zu machen, schlug das Schicksal zu.

Auf einer vereisten Straße in Oklahoma hatten sie einen Autounfall und Pauls rechter Arm war an mehreren Stellen gebrochen. Er lag mehr als ein Jahr im Krankenhaus und die Prognose lautete, dass er nie wieder Gitarre spielen werde können. Statt sich den Arm amputieren zu lassen, überzeugt er die Ärzte, den Knochen in so einem Winkel zu schienen, dass er immer noch die Saiten anschlagen und zupfen konnte. Jahrzehnte später sagte er: „Es war ein Vorteil, so schlimm behindert zu sein. In den 40ern glaubte ich, ich spielte schon so gut, wie es möglich sein würde. Ich war sehr fingerfertig und beherrschte die Technik. Wenn ich an etwas dachte, konnte ich es auch sofort spielen. Aber der Unfall zwang mich dazu, alles aufzugeben, was ich wusste, und mir das Konzept für eine ganze neue Art von Musik zu überlegen.“

1 KOMMENTAR

  1. Neben Einstein einer der Genialsten aus der Spezies Mensch. Ohne seine Ideen wäre vieles was wir heute an Musik konsumieren können niemals entstanden. Allein seine Schöpfung , die Queen der Gitarren, die Les Paul ist , war das Werkzeug dass maßgeblich die Blues-Rock-Metall- Musik geprägt hat. Ich würdige respektvoll die Lebens-Leistung dieses genialen Mannes. R.I.P Mister Lester William Polsfuss………

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