FOR FØRSTE GANG ist Mike Tramps erstes dänisches Album in seiner mittlerweile 44-jährigen Karriere. Für Tramp ist diese LP jedoch nicht nur sprachlich, sondern auch kompositorisch komplettes Neuland. Mike tauschte nämlich während der Songwritingphase kurzerhand seine geliebten Akustikgitarren gegen ein Piano aus. Durch diese krasse Änderung seiner angestammten Vorgehensweise sind Stücke entstanden, die sich zwar immer noch zu 100 % nach Mike Tramp anhören, aber einen komplett neuen Ansatz verfolgen. FOR FØRSTE GANG ist poppiger und beschwingter als die letzten Tramp-Solo-Werke. An manchen Stellen geht er dann aber doch seiner Vorliebe für bittersüße und melancholische Melodielinien und Texte (wenn man sich die Lyrics als Nicht-Däne rudimentär übersetzt) der vorangegangenen zwölf Studioscheiben nach. Damit schlägt der ehemalige White-Lion-Frontmann gekonnt die Brücke zwischen seinem Backkatalog und dem mit FOR FØRSTE GANG aufgeschlagenen, neuen Kapitel der Tramp-Historie.
Sechs Jahre liegen zwischen THE SICK, THE DYING … AND THE DEAD! und DYSTOPIA. Noch nie verstrich eine so lange Zeit zwischen zwei Megadeth-Alben, doch Dave Mustaine musste erst noch ein paar Hürden überwinden. 2019 wurde bei ihm Kehlkopfkrebs diagnostiziert, den er glücklicherweise schnell bezwingen konnte. Dann stellte die Corona-Pandemie alles auf den Kopf und erschwerte die Aufnahmen. Lieferengpässe bei Vinyl und Verpackung sorgten schließlich für eine weitere mehrmonatige Verzögerung. Aber Mustaine hat sich noch nie unterkriegen lassen. Album Nummer 16 ist eine Kampfansage in alle Richtungen. An die Kritiker, die in ihm immer noch den gekränkten, neidenden Ex-Metallica-Gitarristen sehen. An böse Zungen, die den 60-Jährigen zum gealterten Thrasher stilisieren, dem langsam die Luft ausgeht. An alle Zweifler und Nörgler, einfach an alle, die immer noch nicht begriffen haben, dass Mega-Dave – auch wenn er ein streitbarer Charakter sein mag – zu Recht einer der größten Thrash-Metaller der Musikwelt ist. Mit knapp 61 Jahren zaubert er immer noch Riffs hervor, die in Tempo und Virtuosität den meisten Output der Szene erblassen lassen. Die zwölf neuen Tracks zeigen keine Schwächen, lassen den Hörer am Ende beinahe atemlos zurück. Eigentlich sollte man dem Schicksal immer wieder danken, denn ohne Mustaines Zorn und seinem Drang, es allen zu beweisen, hätte es Megadeth in dieser Art und über eine so lange Zeit sicher nie gegeben.
8 von 10 Punkten
Megadeth THE SICK, THE DYING … AND THE DEAD! UNIVERSAL
Auch King Buffalo sind von den logistischen Engpässen, die von der Pandemie ausgelöst bzw. verstärkt wurden, nicht verschont geblieben und so erschien REGENERATOR nicht wie die beiden anderen Longplayer ihrer „Pandemie Trilogie“ , THE BURDEN OF RESTLESSNESS und ACHERON, in 2021, sondern kommt erst jetzt, mit etwas über einem halben Jahr Verspätung, in die Regale. Nicht schlimm, das Warten hat sich gelohnt: Der abschließende Teil des Dreiergespanns vollendet den Zyklus zu einem kohärenten, geschlossenen Werk. Das Trio aus Rochester, New York, präsentiert sich auf REGENERATOR mehr denn je als selbstbewusste Band, die ihren Platz im Heavy-Psych-Prog-Kosmos gefunden hat. Vom eröffnenden neuneinhalb Minuten Monster ›Regenerator‹ über das melodiöse ›Mammoth‹ bis zum abschließenden, die Trilogie zusammenfassen- den ›Firmament‹ ein entschlossenes Statement. (Sam Erhardt)
7 von 10 Punkten
King Buffalo REGENERATOR STICKMAN RECORDS/SOULFOOD
Sieben Jahre haben sich Blind Guardian Zeit für ein neues Studioalbum gelassen – so lange wie noch nie. THE GOD MACHINE markiert eine Abkehr von der orchestralen Seite der Power-Metal-Institution, wie sie noch auf den Vorgänger-Alben BEYOND THE RED MIRROR und LEGACY OF THE DARK LAND vorgeherrscht hatte. Die Band um Sänger Hansi Kürsch orientiert sich verstärkt am Stil der 90er-Jahre, ohne diesen 1:1 zu kopieren. THE GOD MACHINE ist das vielleicht aggressivste und düsterste Album der Krefelder. ›Violent Shadows‹, der härteste Song der Scheibe, bildet mit ›Deliver Us From Evil‹, ›Architects Of Doom‹ und dem Highlight ›Blood Of The Elves‹ eine schlagkräftige Allianz. Packende Thrash-Metal-Riffs und raue Energie stehen verspielten Gitarrensoli, epischen Refrains und melodischen Passagen gegenüber. Kürsch verarbeitet in seinen Texten Themen wie moderne Hexenjagd, Krieg und den Tod seiner Mutter. Natürlich gibt es aber noch die orchestralen Elemente und mächtigen Chöre, die einfach zu Blind Guardian dazugehören. Diese hymnenhafte Seite der Band gipfelt in dem majestätisch-epischen ›Secrets Of The American Gods‹. Den hohen Qualitätsstandard können Stücke wie ›Damnation‹ und ›Life Beyond The Spheres‹ indes nicht halten. Dennoch ist Blind Guardian mit dem von Charlie Bauerfeind produzierten THE GOD MACHINE ein sehr starkes Album gelungen, das es mit den Meilensteinen der Band durchaus aufnehmen kann. (Matthias Bossaller)
8 von 10 Punkten
Blind Guardian THE GOD MACHINE NUCLEAR BLAST/ROUGH TRAD
Beim anstehenden Tribute-Konzert in Gedenken an Taylor Hawkins, wird AC/DC-Sänger Brian Johnson an Bord sein.
In einem Statement meinte Johnson nun vor kurzem, dass er sich sehr geehrt fühlt, Teil dieser Gedenkshow sein zu dürfen. Der Frontmann wörtlich: „Taylor war ein wunderbarer Mann, sein Lächeln war legendär, sein Schlagzeugspiel intensiv und brillant und dann konnte er auch noch singen. Wenn wir zusammenfinden, um diesem Mann und seiner Familie die Ehre zu erweisen, tun wir das als Freunde. Wir tun das für ihn, wir tun das mit seiner Band, den Foo Fighters, die ihn stolz machen werden. Ich fühle mich geehrt, Teil davon sein zu dürfen.“
Am 3. September findet das erste der beiden Tribute-Konzerten im Londoner Wembley Stadion statt. Das Event kannt auch im Livestream mitverfolgt werden.
Die Ankündigung von FREEDOM war eine der großen Überraschungen des ersten Halbjahres. Warum Neal Schon und seine seit 49 Jahren global erfolgreiche Band über eine Dekade für den Nachfolger von ECLIPSE (2011) gebraucht haben, verrät die Gitarrenlegende CLASSIC ROCK in einem ausführlichen Zoom-Video-Meeting.
Neal, zwischen FREEDOM und seinem Vorgänger ECLIPSE (2011) liegen ganze elf Jahre. Es gibt ein paar Gründe, warum es derart lange gedauert hat. Der ursprüngliche Faktor war, dass einige Bandmitglieder der damaligen Journey-Besetzung nach ECLIPSE keine Lust darauf hatten, überhaupt noch einmal eine Scheibe in Angriff zu nehmen. Für sie war es vollkommen cool, nur noch die Klassiker live zu spielen. Unser ehemaliger Schlagzeuger Steve Smith hat mir in diesem Zug einmal ohne Umschweife gesagt: „Ich bin nicht hier, um kreativ zu sein, sondern nur, um einen Gehaltsscheck zu kassieren.“ Darüber war ich richtig geschockt. Diese Einstellung deckt sich mit meiner kein Stück.
Das klingt nach einer harten Nuss. Ein weiterer Aspekt, der zu dieser schier endlos wirkenden Verzögerung beigetragen hat, war eine komplette Neuaufstellung hinter den Kulissen. Wir haben uns von Live Nation getrennt und sind zu unserem neuen Konzertveranstalter AEG gewechselt. Der Kick-off dieser Geschäftsbeziehung war die erfolgreiche Las Vegas Residency im Virgin Hotel & Casino im Dezember 2021. Ein weiterer wichtiger Schritt in Sachen neue LP war, dass wir unser altes Management gefeuert haben. Nun leite ich die Geschicke von Journey. Diese längst über- fällige Entscheidung hat uns unsere kreative Freiheit zurückgegeben, die zuvor mehr und mehr beschnitten worden war. Ich bin inzwischen an einem Punkt in meinem Leben und meiner musikalischen Karriere angelangt, an dem ich wirklich weiß, was für Journey funktioniert und was nicht.
Über 80.000.000 weltweit verkaufter Alben sprechen auch eine eindeutige Sprache. „Weltweit“ ist ein gutes Stichwort, denn ich musste noch einen richtig teuren Rechtsstreit führen. Im Zuge des Manangementwechsels habe ich herausgefunden, dass für unser Journey-Merchandising nie die globalen Markenrechte gesichert worden sind. Man muss sich das mal auf der Zunge zergehen lassen, dass eine Band über Jahrzehnte hinweg in Sachen T-Shirt-Verkauf & Co. eiskalt über den Tisch gezogen wird. Bei uns sind vom ganzen Kuchen nur ein paar Krümel angekommen, da uns die dafür zuständigen Leute frech ins Gesicht gelogen haben. Meine Frau Michaela und ich sind daraufhin auf Spurensuche gegangen. Nach viel investierter Zeit und noch mehr investiertem Geld – es waren ungefähr 2.000.000 US-Dollar – haben wir das komplette Ausmaß des Betrugs erfasst und konnten zielgerecht handeln. Aktuell ist für uns Journey eine Lebensaufgabe, die sie und mich sieben Tage die Woche dauerhaft beschäftigt. Unser Aufgabenbereich erstreckt sich dabei von der Koordination der Touraktivitäten über Fanarktikel bis hin zu der Verwaltung unserer Musikrechte. Zum Glück haben wir ein tolles Team um uns versammelt, auf das wir uns verlassen können. Mir kommt es manchmal so vor, als wären Michaele und ich die Quarterbacks einer super funktionierenden Football-Mannschaft.
Wie hat sich dadurch dein Alltag verändert? Jeder neue Tag bringt eine neue positive Entwicklung mit sich. Egal, ob ich meine Musik oder unsere Liveshows als Beispiele hernehme – jeder Moment fühlt sich großartig an. Durch diese neu gewonnene Freiheit spiele ich auch meine Gitarre besser als je zuvor. Natürlich hat die unfreiwillige Pause während der COVID-19-Pandemie auch ihren Beitrag dazu geleistet. Meine langen täglichen Übungseinheiten waren wirklich ertragreich.
Der Zeitpunkt für FREEDOM scheint trotz aller Unwegsamkeiten perfekt gewählt zu sein. Wenn ich auf unserer gerade durch die USA rollenden Tour allabendlich ins Publikum schaue, sehe ich vier Generationen. Da gibt es Kinder mit vier, fünf Jahren, die jede Textzeile mitsingen. Das ist für mich ein Zeichen, dass Journey fast fünf Dekaden nach der Bandgründung immer noch relevant sind. Damit das so bleibt, braucht es selbstverständlich auch neue Musik, die genau wie die bekannten Hits den Zeitgeist und die Trademarks von Journey in sich vereinen. Was mir dabei gerade einfällt: Vor ein paar Tagen habe ich mit den Leuten von AEG über meine Idee zu einem „Journey Music Festival“ gesprochen. Neben zwei ungefähr dreieinhalbstündigen Journey-Sets an zwei Abenden schwebt mir ein Rahmenprogramm mit Bands aus vielen unterschiedlichen Genres vor.
Auf FREEDOM habt ihr passend dazu viele neue Elemente in eueren Sound integriert. Mir geht es als Musiker und Komponist immer darum, dass ich nicht auf der Stelle trete. Als ich mit unserem jetzigen Produzenten Narada Michael Walden [u. a. Santana, Steve Winwood, Diana Ross; Anm. d. Verf.] 2020 an meiner Soloscheibe UNIVERSE gearbeitet habe, waren diese in alle Musikrichtungen offenen Sessions der Stein, der FREEDOM ins Rollen gebracht hat. Wir leben in der selben Stadt, also war es easy, sich für ein paar „Experimente“ in Sachen Journey zu treffen. Narada besitzt wie ich ein eigenes Studio, weswegen wir uns öfters und ganz ungezwungen zu ein paar Songwriting Sessions verabredet haben. Was dabei im Laufe der Zeit aus uns herausgesprudelt ist, war einfach fantastisch. Er hinter seinem Schlagzeug und ich an meiner Gitarre – mehr hat es nicht gebraucht, um in kürzester Zeit genug Ideen für ein tolles Journey-Album zu sammeln. Diese haben wir ohne lange zu überlegen an Jonathan [Cain, Journey-Keyboarder und Co-Hauptkomponist] geschickt, da wir uns aufgrund der pandemiebedingten Reisebeschränkungen nicht mit ihm treffen konnten. Danach hat es nich lange gedauert und wir hatten gut 35 Stücke zusammen. Aus diesen Liedern sind die am besten Zusammenpassenden ausgewählt worden. Einigen Songs mussten wir noch den letzten Schliff verpas- sen, andere wiederum waren zum Zeitpunkt ihrer Entstehung schon komplett ausgearbeitet.
War es nicht schwer, die richtige Balance zwischen Bekanntem und Neuem zu finden? Der Großteil von FREEDOM klingt klar nach dem klassischen Journey-Konzept. Dieser Aspekt war mir enorm wichtig, denn es bringt nichts, den Sound einer Band in irgendeiner Form zu verwässern oder komplett über den Haufen zu werfen. Genauso wichtig ist es für mich allerdings auch, keinen Aufguss alter Ideen im Studio aufzunehmen. Wer braucht schon Kopien von ›Open Arms‹ oder ›Separate Ways (Worlds Appart)‹?! Sowas sollte für keinen Künstler Sinn ergeben. Mit dieser Prämisse im Hinterkopf hat für uns der Spaß auf dem Weg zu FREEDOM richtig angefangen. Zu unserem bekannten Rockfundament haben sich schnell Genres wie Fusion und Funk dazugesellt und eine spannende Mischung ergeben.
Wie kann man sich die Instrumentierung der ausgeklügelten Arrangements vorstellen? Im Prinzip genauso ungezwungen, wie die Arbeit an FREEDOM begonnen hat – jeder durfte sich an verschiedenen Bandpositionen austoben. In meinem Fall waren es neben meiner Gitarre eben verschiedene Keyboards und Bässe. Zusätzlich habe ich mir für unseren Sänger Arnel [Pineda] Gesangsmelodien ausgedacht. Was viele nicht wissen ist, dass ich dafür auch schon in der Ära mit Steve Perry zuständig war. Narada hat mich bei dieser Produktion richtig gepusht, um mehr Melodien als je zuvor auszuarbeiten. Manchmal hat mir seine Begeisterung dafür etwas Angst bereitet. Ich sehe mich selbst nicht als guten Sänger und habe mich bisher nur ein paar Mal dazu überreden lassen, dass meine Stimme bewusst auf einem Album zu hören ist. Bei diesen Sessions war die Atmosphäre jedoch so relaxt, dass dabei ein paar klasse Background Vocals herausgekommen sind.
Wie habt ihr Arnels Gesang aufgenommen? In die USA durfte er aus den Philippinen ja bis November 2021 nicht einreisen. Nachdem ich die Gesangsmelodien und Jonathan die Texte fertig hatten, haben wir die Dateien an Arnel geschickt. Genau wie jetzt während dieses Interviews waren wir an der Westküste zur Mittagszeit vor einem Zoom-Video-Meeting gesessen und haben uns mit Pineda im 15 Stunden in der Zukunft liegenden Manila unterhalten. Er hat sich im Obergeschoss seines Hauses ein Ministudio, bestehend aus einem Computer, einem Audio-Interface und einem High-End-Gesangsmikrofon, eingerichtet. Ich finde es in der Retrospektive immer noch faszinierend, wie wir mit einer Internetleitung um Dreiviertel der Erde ohne spürbare Verzögerungen miteinander aufnehmen konnten. Unser Toningenieur hat zudem von Kalifornien aus alle Einstellungen in Arnels Audiosoftware getätigt. So konnte er sich voll und ganz aufs Singen konzentrieren. Die neue Technik ist echt verdammt cool, um auch in so scheinbar ausweglosen Situation wie einer Pandemie gemeinsam eine Platte zu produzieren.
Das klingt jetzt alles so, als ob ihr die 15 Songs für FREEDOM in kürzester Zeit geschrieben, arrangiert und aufgenommen habt. Ganz so ist es natürlich nicht. Ich sammle jeden Tag neue Einfälle mit der Sprachmemo-App meines Smartphones. Ehrlich gesagt, kann ich die genau Anzahl der auf irgendeiner Festplatte schlummernden Ideen, die so entstanden sind, nicht beziffern. Grob geschätzt dürften es aber schon an die 100.000 Dateien sein. Diese Geistesblitze können gesungene oder mit der Gitarre gespielte Melodien, Riffs oder Akkord- folgen sein. Beispielsweise basiert das letzte Stück des Albums, ›Beautiful As You Are‹, auf einem zur Zeit von DEPARTURE (1980) auf Tonband festgehaltenen Chorus-Grundgerüst. Irgendwie ist mir dieses alte Tape während der FREEDOM-Sessions mit Narada wieder in den Sinn gekommen. Er hat den Part sofort für gut befunden und es ist der jetzige Song daraus entstanden. Daran sieht man, dass es manchmal einfach etwas mehr Zeit braucht. Man sollte eben nie etwas übers Knie brechen …
Am kommenden 3. September findet das erste der beiden Taylor-Hawkins-Tribut-Konzerten im Londoner Wembley Stadion statt. Am 27. September gibt es dann die zweite Show im Kia-Forum in Los Angeles zu sehen. Beide Konzerte werden auch im Live-Stream online übertragen, zum Beispiel hier bei Youtube.
Evan Uschenkos Diskografie ist bereits recht lang – man muss nur genauer hinschauen, um das zu erkennen. Der Amerikaner hat bei vielen Aufnahmen anderer Acts mitgespielt, ist mit ihnen auf Tour gegangen. Für ein eigenes Projekt reichten lange die Kapazitäten nicht: zeitlich, finanziell. Nun hat sich der Multiinstrumentalist aus Arizona ein Herz genommen: Nach der ersten EP im vergangenen Jahr erscheint nun das erste Album, das wie das Projekt GHOST WOMAN heißt. Wo die musikalische Reise hingehen soll, wird schon bei den ersten Tönen klar: Evan Uschenko ist ein Klangnostalgiker. „Ich habe mich stark von den Platten inspirieren lassen, die ich als Kind in der Sammlung meines Vaters entdeckt habe“, sagt er – und droppt ein paar Namen: „The Kinks, Roy Orbison, Led Zeppelin, Pink Floyd, The Byrds, Donovan, Dion, The Who.“ Die Klassiker eben. Was ihm daran gefiel? „Das, was mir bis heute gefällt: Ich bewundere die Produktionsweise dieser Alben, dazu die Ehrlichkeit des Songwritings.“
Mit seinen eigenen Songs versucht er gar nicht erst, sich von dieser Liebe zu distanzieren: „Als Songwriter und Produzent ziele ich dar- auf, die Sichtweise dieser Klassiker einzunehmen.“ Wobei Uschenko – der unter anderem mit den australischen Viel-Veröffentlichern King Gizzard & The Lizard Wizard auf der Bühne stand – jeglichen Hochglanz weglässt: Soundtechnisch hält er sich lieber in der Garage auf als auf großen Rock-Bühnen. Was vor allem daran liegt, dass Uschenko – ein Neo-Psychedeliker im Herzen – keine Neigung für Kalkulationen besitzt. „Meine Musik entsteht aus abstrakten und leeren Räumen heraus“, sagt er. Um das zu garantieren, hört er rund ums Songwriting keine andere Musik. „Alles, was ich jemals gehört habe, ist dann zwar noch vorhanden – aber eben nicht mehr konkret, sondern flüchtig, als ein kaum zu benennender Einfluss.“
Der Geist seiner Musik liege damit in seinem Kopf, in seiner Seele. Wobei Evan Uschenko glaubt, dass besondere Instrumente dabei helfen, diesen Geist zu wecken. Als umso schrecklicher empfand er es, dass er in jüngerer Vergangenheit zweimal wichtige Teile seines Equipments verloren hat, einmal bei einem Feuer, einmal bei einem Einbruch. „Es ist wirklich ätzend, weil ich glaube, einen einzigarten Park alter Geräte besessen zu haben. Die Songs der Platte waren da aber schon im Kasten“, sagt er. Ein Umstand, der GHOST WOMAN eine sehr berührende Dimension verleiht: Ein letzter Abschiedsgruß der Instrumente an ihren ehemaligen Besitzer. Wie es nun weiter- geht? Aktuell beschafft er sich Ersatz. „Das nächste Album dürfte daher ein wenig anders klingen, was wiederum nicht schlimm sein muss.“ Und doch fügt er halb lächelnd, halb bittend hinzu: „Falls jemand unter der CLASSIC-ROCK-Leserschaft eine Hopf Saturn 63 Gitarre zu verkaufen hat: bitte melden.“