Die Rockgemeinde trauert um einen ihrer charismatischsten Sänger. Am Dienstag ist Dan McCafferty, Sänger von Nazareth, im Alter von 76 Jahren verstorben. R.I.P.!
Das Leben schreibt oft die schönsten Geschichten. Der im schottischen Dunfermline geborene McCafferty verdingte sich in den 60er Jahren als Roadie für die Band Shadettes. Als deren Sänger sich kurz vor einem Konzert unerwartet verabschiedete, sprang McCafferty spontan für ihn ein und wechselte damit postwendend vom Verstärker Schleppen zum Mikrofon.
Anfang der 70er Jahre benannten sich die Shadettes in Nazareth um und schrieben unter diesem Namen Rockgeschichte. Neben ihrem unverkennbaren Sound war es vor allem McCaffertys raue Stimme, die sie von den anderen Hard-Rock-Bands abhob. Songs wie ›Dream On‹ und ›Love Hurts‹ machten sie weltweit bekannt.
In Deutschland schafften sie es allerdings mit einem anderen Song an die Spitze der Charts. 1973 veröffentlichten die Schotten ihr Album LOUD ‚N‘ PROUD. Eine der Singleauskopplungen war ›This Flight Tonight‹, ein Cover des Songs von Joni Mitchell. Sie machten aus der ruhigen Folkballade mit Hilfe von Produzent Roger Glover einen Hard-Rock-Kracher, der bis heute der erfolgreichste Song von Nazareth hierzulande ist.
2013 zog sich McCafferty aus gesundheitlichen Grünen von Nazareth zurück. In letzter Zeit kämpfte er mit den Folgen der Lungenkrankheit COPD. Am Dienstag, den 08.11.2022, starb McCafferty im Alter von 76 Jahren.
Vor über 40 Jahren nahm Neil Young den Mund noch ziemlich voll, was seine eigene Mobilität betrifft. Im Song ›Motor City‹ vom Album RE·AC·TOR (1981) singt er: „My old car keeps breaking down, my new car ain’t from Japan, there’s already too many Datsuns in this town“. Damals beklagte er den Untergang der amerikanischen Autoindustrie und verurteilte die Fahrzeuge aus dem Land der aufgehenden Sonne. Diese versnobte Haltung hat er Jahre später abgelegt. 2008 gründete er eine Firma, die Autobesitzern bei der Umrüstung ihrer Benzinschlucker auf den Antrieb mit Strom oder Erdgas helfen soll. Mit diesem Unternehmen, LincVolt Technology, möchte er umweltfreundliche Technologien weiterentwickeln und Umbauten vornehmen.
Neil selbst ist ein Liebhaber großer Schlitten. Ein knallrotes Buick-Cabrio (Baujahr 1953), das speziell für Young ausgestattet worden war, wurde von einem Auktionshaus im Jahre 2017 für 400.000 Dollar im Auftrag des Songwriters versteigert. Einer seiner bevorzugten Wagen ist ein Lincoln Continental MK IV. Das Cabrio aus dem Jahr 1959 ist sicher eines der Traumautos aus dem James-Dean-Jahrzehnt. Ursprünglich wurde der Lincoln in der heimischen Young-Garage von einem wuchtigen 7,5-Liter-V8-Aggregat in Fahrt gebracht. Mit einem Verbrauch von mehr als 20 Litern sind solche Autos nicht gerade das, was man unter verantwortungsbewusstem Handeln an der Seite von Mutter Natur versteht. Deshalb hat der Rockmusiker mit seinem Mechaniker-Team dem Lincoln den Motor entrissen und ihn mit einem Hybridantrieb sowie Lithium-Eisen-Phosphat-Batterien bestückt. Der Stromspeicher findet Platz im geräumigen Kofferraum. Zusätzlich zur Elektromaschine ist noch ein klassischer Verbrennungsmotor mit an Bord, der mit Bio-Sprit läuft. Der springt jedoch nur an, wenn die Kapazität der Akkus knapp wird, und fungiert als Generator, um das Auto zu bewegen.
Ob das der große Wurf ist? Vielleicht nicht ganz. Ganze 18 Prozent der Treibhausgasemissionen sind es alleine in Deutschland, die ausschließlich vom Straßenverkehr verursacht werden. Und der Strom, mit dem E-Autos fahren, muss ja irgendwo hergestellt werden. Weil unser Strom nur zu 38 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammt, also noch immer hauptsächlich aus Kohle oder Atomkraft hergestellt wird, verlagern Elektroautos das Problem nur. Sie verschmutzen die Luft zwar nicht auf der Straße, dafür irgendwo außerhalb der Städte, wo die Kohlekraftwerke stehen. Außerdem sind für die Batterien einige Rohstoffe wie Lithium, Kobalt und Grafit nötig. Um sie abzubauen, werden Wälder gerodet und Tiere vertrieben, die Erde aufgerissen und Unmengen an Wasser verbraucht. Auch die Produktion der Wasserstoffautos ist noch nicht da angelangt, wo sie sein könnte. Bisher ist Südkorea der größte Markt für diese Form von Mobilität ohne spritfressenden Otto-Motor.
2021 lag das kleine asiatische Land vor riesigen Staaten wie den USA oder China. Dank der marktbeherrschenden Stellung von Hyundai und durch die gut ausgebaute Infrastruktur hat Korea einen Anteil von 55 Prozent am weltweiten Absatz (der sich allerdings nur auf wenige tausend Fahrzeuge im Jahr beläuft). Auch das hilft dem Klima jetzt auch nur bedingt – und es müsste hier auch viel mehr passieren. „Für mich sind Politiker alle gleich“, sagt Neil Young lakonisch – und ergänzt: „Die Leute müssten sich ein bisschen mehr um ein Bewusstsein für die Umwelt bemühen und sich den anderen, die alles korrumpieren wollen, widersetzen. Das große Problem mit der Nachhaltigkeit ist doch, dass sie für die meisten Menschen nicht selbstverständlich ist.“ Er versucht, als gutes Vorbild voranzugehen. Im Januar 2022 kündigte Young zudem auf seiner Internetseite an, dass er erst dann wieder auf Tour gehen wolle, wenn auch sein Tourbus elektrisch betrieben werden kann. Wann das sein wird, kann derzeit niemand verlässlich beantworten.
Als 1966 die beiden ersten Doppelalben erschienen – FREAK OUT! von The Mothers Of Invention und Bob Dylans BLONDE ON BLONDE –, ernteten diese Erstaunen und Respekt. 25 Jahre später sorgte am 17. September 1991 die US-Formation Guns N’ Roses für eine ebenso spektakuläre Neuauflage dieser Material-opulenz (wobei es zuvor schon diverse LP-Sets mit drei, vier oder gar mehr Platten gab). Nach dem phänomenalen Karrierestart mit dem Debüt APPETITE FOR DESTRUCTION (1987), das sich weltweit mehr als 30 Millionen Mal verkaufte, setzten Guns N’ Roses nach dem Wartezeitüberbrücker GN’R LIES (1988), nunmehr auf kreativem Höhepunkt angelangt, eine geradezu sensationelle Kampagne in Gang. Mit USE YOUR ILLUSION I & II wurden simultan zwei Doppelalben veröffentlicht, die allein in der ersten Woche astronomische Verkäufe erzielten und allein in den USA bis heute jeweils mehr als sieben Millionen Exemplare absetzten. Eine regelrechte Lawine an Superlativen kam ins Rollen, ausgelöst durch die extrem erfolgreichen ausgekoppelten Eigenkompositionen und Coverversionen ›Don’t Cry‹, ›Live And Let Die‹, ›November Rain‹, ›You Could Be Mine‹, ›Knockin’ On Heaven’s Door‹, ›Yesterdays‹, ›Civil War‹ und ›Estranged‹. Zum verspäteten 30. Jubiläum öffnet sich abermals der magische PR-Zauberkasten inklusive der von Steven Wilson geremixten Update-Version von ›November Rain‹ mit Riesenorchester. Insgesamt neun verschiedene physische Formate beinhaltet die klangtechnisch restaurierte Neuauflage, darunter die SUPER DELUXE EDITION mit sieben CDs plus Blu-ray sowie das 12-LP-Set inklusive Blu-ray. Bei beiden Formaten dienen als Zusatz die zuvor unveröffentlichten Aufnahmen LIVE IN NEW YORK (RITZ THEATRE MAY 1991) und LIVE IN LAS VEGAS (THOMAS & MACK CENTER JANUARY 1992). Die Blu-ray enthält den kompletten Konzertmitschnitt LIVE IN NEW YORK. Beiden Formaten liegt ein 100-seitiges Hardcover-Buch mit zahlreichen Kostbarkeiten (u. a. Repliken, Lithos, Memorabilia) bei. Weitere Ausgaben sind ein 2CD-Set mit einem 24-seitigen Booklet, ein 2- und ein 4LP-Set sowie ein Single-CD -Remaster. Überarbeitetes Demo- bzw. Outtake-Bonusmaterial wäre schön gewesen, dann hätten die Albumzwillinge 2022 Doppel-Superlativstatus erreichen können.
9 von 10 Punkten
Guns N’ Roses USE YOUR ILLUSION SUPER DELUXE EDITION GEFFEN/UNIVERSAL
Fantastische Coverversionen von teils vergessenen Soul-Klassikern
David Ruffin, Levi Stubbs, Diana Ross, Ben E. King: ein paar der größten Sänger aller Zeiten. Wer deren Lieder covert, ist entweder größenwahnsinnig – oder er ist Bruce Springsteen. Und mit 73 immer noch der kleine Junge, der seine Soul-Helden verehrt. In den 70ern hat Springsteen zusammen mit Little Steven Songs für Soulrocker Southside Johnny geschrieben. Ganz so direkt wie der wollte er seine Liebe zu dieser Musik nicht ausleben. Aber in seinen größten Werken (von NEBRASKA vielleicht mal abgesehen) steckten die überbordende Romantik, die verzweifelte Sehnsucht des Soul immer genauso sehr drin wie andererseits Bob Dylan, Chuck Berry oder Elvis. Und hier liegt auch der Unterschied zum Westküsten-Pop auf WESTERN STARS von 2019, der ihm ja nie so nah war wie zum Beispiel die Soul-Klassiker ›I Wish It Would Rain‹, ›7 Rooms Of Gloom‹, ›What Becomes Of The Brokenhearted‹, ›Someday We’ll Be Together‹ – oder auch heute weniger Bekanntes wie ›Soul Days‹ von Dobie Gray oder William Bells wundervolles ›I Forgot To Be Your Lover‹. Wer also meint, dass das hier das Album eines Künstlers ist, dem gerade nichts Eigenes ein- fällt und der aus Verlegenheit die Lieder von anderen spielt, der hat von Bruce Springsteen nie etwas verstanden. Ähnlich wie bei den Stones mit BLUE & LONESOME ist ONLY THE STRONG SURVIVE eine Rückversicherung, eine Rückkehr zu einem der Kraftzentren des eigenen Schaffens. Die Songvorlagen mit ihren Streichern, ihren Bläsern, ihren Background-Chören wurden nicht radikal umgestaltet, und es geht auch nicht darum, die eigenen Vorbilder zu übertrumpfen, das wäre unmöglich. Was zählt, ist die schiere Freude an diesen Liedern. Und dass man alles in sie hineinsteckt, was man hat. Um dann halt zu scheitern oder zu triumphieren. Und diese Aufnahmen hier sind eindeutig ein Triumph.
8 von 10 Punkte
Bruce Springsteen ONLY THE STRONG SURVIVE COLUMBIA/SONY
Nach zwei Jahren, einem Cover- und einem Live-Album, liefern Larkin Poe nun den Nachfolger zu SELF MADE MAN aus dem Jahr 2020 ab, beschäftigen sich darauf mit ihrer Heimat Georgia und beschwören flirrendes Südstaaten-Feeling herauf, das sie von jeglichen negativen Stereotypen entkoppeln. In ihrer Kindheit haben die talentierten Schwestern die Südstaaten offenbar als einen Ort der Gastfreundschaft erlebt. Diese Erfahrungen sowie ihre familiäre Verbundenheit gravieren Megan und Rebecca tief in ihren vom Blues getriebenen Roots Rock ein und zeigen auf BLOOD HARMONY einmal mehr, dass sie zurecht eine der großen Hoffnungen am Himmel junger Rock-Sternchen sind. Auf ihrem neuen Studioalbum integrieren die Schwestern viel Southern Rock á la Lynyrd Skynyrd wie in ›Georgia Off My Mind‹ oder ›Southern Comfort‹, kreieren jedoch auch mit ultra coolen, groovenden Songs wie der Single ›Bad Spell‹ – deren Vibe an Screaming Jay Hawkins ähnlich betiteltes ›I Put A Spell On You‹ erinnert – erneut ihren ganz eigenen, kraftvollen, traditionell verwurzelten und doch modern interpretierten Sound. Larkin Poe haben ihr Handwerk perfektioniert und hauchen ihm mit ihrer Authentizität ganz viel Seele in.
Nachdem Iggy Pop am 28. Oktober seine neue Single ›Frenzy‹ veröffentlicht hat, steht jetzt auch endlich der Veröffentlichungstermin für sein neues Album EVERY LOSER. Die Platte erscheint am 6. Januar 2023.
Iggy Pop über das Album und seinen Produzenten Andrew Watt: „Ich bin der Typ ohne Shirt, der rockt. Andrew und Gold Tooth verstehen das, und wir haben auf altmodische Weise zusammen eine Platte gemacht. Die Musiker sind Typen, die ich kenne, seit sie Kinder waren, und die Musik wird euch umhauen. Ich wünsche euch einen schönen Tag.“
Es war ein holpriger Weg und eine Erkrankung war dabei nur einer der Stolpersteine, doch Ozzy Osbournes neues, mit Stars gespicktes Album – sein 13. – ist da. Er hält große Stücke darauf und schielt damit sogar auf die Spitzenposition der Charts.
Ganz ehrlich: Ich dachte, sie würden alle sagen, ich solle mich ficken.“ Ozzy Osbournes fröhliches Kichern deutet an, dass er immer noch nicht wirklich glauben kann, dass die Namen Jeff Beck und Eric Clapton in den Credits zu PATIENT NUMBER 9, seinem neuen, 13. Soloalbum, neben seinem eigenen zu lesen sind. Es ist liebenswert, wie dieser 73-Jährige, selbst einer der bekanntesten und einflussreichsten Rockstars des Planeten, zu einem schwärmenden Fanboy wird, wenn die Sprache auf die überraschenden Cameos dieser beiden britischen Gitarrenlegenden kommt. Fast noch liebenswerter ist, dass die Einladung an Jimmy Page unbeantwortet blieb, weil der sich vielleicht ein neues Smartphone zugelegt hat. „Es lag nicht daran, dass er es nicht machen wollte“, besteht Ozzy, „aber er antwortete nie auf meine Nachricht. Also denke ich, dass er sich wohl ein neues Handy gekauft hat, denn ansonsten wäre er rangegangen.“ Es ist früher Nachmittag in Los Angeles, der Stadt, die John Michael Osbourne seit Ende der 70er die meiste Zeit sein Zuhause nennt. Damals hatte seine Managerin und Frau in spe, Sharon Arden, seinen kaum noch zu irgendeiner Wahrnehmung fähigen, alkohol- und kokainverseuchten Körper vom dreckigen Boden des in Dunkelheit gehüllten Hotelzimmers im Le Parc in Hollywood gekratzt und dem todessehnsüchtigen Sänger den Arschtritt verpasst, den er so dringend brauchte, um wieder aktiv in dem Geschäft zu werden, das ihn so völlig desillusioniert zurückgelassen hatte, lange, bevor seine entfremdeten, entnervten und ebenfalls erschöpften Partner bei Black Sabbath ihn rausgeworfen hatten. Ihr gemeinsamer Traum, den sie ein Jahrzehnt zuvor ersonnen hatten, war zur Enttäuschung geworden und letztendlich zu einem Alptraum mutiert.
Es ist eine wahre Freude, ihn heute so gut gelaunt zu erleben, vor allem wenn man bedenkt, dass er erst Mitte Juni eine Reihe schmerzhafter Operationen über sich ergehen lassen musste, von denen Sharon (heute natürlich Osbourne) offen zugab, dass sie „den Rest seines Lebens bestimmen“ würden. Später an jenem Nachmittag wird er seinen ersten öffentlichen Auftritt seit dieser invasiven Prozedur haben, bei dem renommierten Comic-Con-International-Wochenende in San Diego, gemeinsam mit „Spawn“-Schöpfer Todd McFarlane, dem Künstler, der auch das Artwork für PATIENT NUMBER 9 erschuf. Doch Ozzy sagt auch, dass ihm immer noch ein ausgedehntes Physiotherapieprogramm bevorstehe, fünf Tage die Woche, bevor er wieder irgendwelche Gedanken an eine Rückkehr auf die Bühne und den Beginn seiner oft umgeplanten und scheinbar verfluchten „No More Tears II“-Tournee hegen kann, die aktuell bis Juni 2023 laufen soll. „Ich werde langsam wieder“, verspricht er. „Es war in den letzten Jahren manchmal wirklich schwer, und ich bin noch nie in meinem Leben so lange flachgelegen, aber es wird ein- fach Zeit brauchen. Einer der Gründe, diese Platte zu machen, war, dass die Leute mich nicht vergessen sollen, und ich bin fest entschlossen, eines Tages wieder auf der Bühne zu stehen und mich bei den Fans zu bedanken. Wenn ich das nicht kann, kann ich es eben nicht, aber ich habe ein großes Verlangen danach. Es gibt nichts Besseres als einen guten Gig. Diese Heilung ist harte Arbeit, aber mental bin ich gerade bestens drauf, trotz all der negativen Energie in der Welt.“
Das äußerst unterhaltsame PATIENT NUMBER 9 ist ein beruhigend robustes, modernes Metalalbum und der Nachfolger des hochgelobten ORDINARY MAN von 2020, mit dem Ozzy in Großbritannien Platz drei und dort damit die höchste Chartposition seiner Solokarriere erreichte (in Deutschland war es Platz zwei, ebenfalls eine neue Bestmarke). Wie dieser Vorgänger wurde auch PATIENT NUMBER 9 mit seinen 13 Tracks von Andrew Watt betreut, mitgeschrieben und produziert, dem einstigen Gitarristen in der kurzlebigen Bluesrock-Supergroup California Breed mit Glenn Hughes und Jason Bonham und heute besser bekannt für seine Kollaborationen mit A-Listen- Popstars wie u. a. Post Malone, Miley Cyrus, Dua Lipa oder Justin Bieber. Ozzys jüngste Tochter Kelly hatte ihm den 31-jährigen Tausendsassa und gebürtigen New Yorker vorgestellt und er erinnert sich, wie sie sich auf Anhieb bestens verstanden. Er brachte nicht nur eine ansteckende, positive Energie und eine frische, moderne Vision in das Projekt ORDINARY MAN ein, sondern auch ein prall gefülltes Adressbuch. In den Credits der Platte standen etwa Elton John, Post Malone, Tom Morello, Slash und Duff McKagan. Und bei seiner zweiten Zusammenarbeit mit Ozzy hat er diese Starriege erstaunlicherweise noch mal übertroffen.
Auf PATIENT NUMBER 9 sind nicht nur die bereits er wähnten britischen Gitarrengötter zu hören, ebenso wie Ozzys langjähriger Begleiter Zakk Wylde, sondern auch Mike McCready von Pearl Jam, Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers, Robert Trujillo von Metallica, der verstorbene und schmerzlichst vermisste Foo-Fighters- Schlagzeuger Taylor Hawkins und, vielleicht am unerwartetsten, der einstige Black-Sabbath-Kollege Tony Iommi, dessen unverkennbare Riffs auf zwei wunderbar doomigen Stücken glänzen: dem als Single veröffentlichten ›Degradation Trip‹ sowie ›No Escape From Now‹. Zu den weiteren Highlights gehören das vor Hooks nur so strotzende ›Immortal‹ („geschrieben über einen Vampir“, wie Ozzy verrät), auf dem Gastgitarrist McCready sich seine lebenslangen Metalträume erfüllt, die feine Beatleseske Ballade ›A Thousand Shades‹, veredelt durch Jeff Becks überragenden Beitrag und einen treffenden Text („There’s a thousand different shades of darkness colouring our fate/The past is dead, the future’s haunted, what happened to today?“), sowie ›Mr. Darkness‹, das an Ozzys grandiose Wiederauferstehung 1980 mit BLIZZARD OF OZZ erinnert, während es sich mit den schrägen Fantasien aus Fanbriefen befasst. Zudem ist Platz für eine Hommage an die Beach Boys (eine unaufgeregte Interpretation des PET-SOUNDS-Klassikers ›God Only Knows‹) und bizarrerweise eine ziemlich willkürliche Würdigung von Jim Carreys frechem Superheldenstreifen „Die Maske“ von 1994 mit der wissenden Ejakulation „Somebody stop me!“ mitten im Song.
Für viele mag das Erscheinen eines neuen Albums von Ozzy Osbourne anno 2022 eine Überraschung sein, vor allem angesichts des über weite Teile eher düsteren, oft liebenswert nostalgischen Tons des Vorgängers, nicht zuletzt auf dem nachdenklichen und sanften Titelstück ›Ordinary Man‹: „Don’t forget me as the colours fade, when the lights go down it’s just an empty stage“, lautete eine auffällige Textpassage, die eindeutig nach einem so würdevollen wie dankbaren Abschied eines abtretenden Nationalheiligtums klang. Immerhin bekräftigte Ozzy schon damals, dass er noch wesentlich mehr zu geben habe. Als ich ihn 2018 auf ein paar Shows der Frühlingstournee durch Mexiko und Chile begleitete, war die belebende Wirkung einer triumphalen Live-Performance auf sein körperliches und geistiges Wohlbefinden unübersehbar und die schiere Freude für alle Beobachtenden. Heute betont er, dass er nie ernsthaft in Erwägung gezogen hat, sich zur Ruhe zu setzen. Er deutet auch an, dass PATIENT NUMBER 9 schon früher erschienen wäre, wenn die Kleinigkeit einer globalen Pandemie nicht zur Absage von Aufnahmesessions geführt hätte, die nur Wochen nach dem Erscheinen von ORDINARY MAN am 21. Februar 2020, seinem am wohlwollendsten aufgenommenen Solowerk seit NO MORE TEARS von 1991, anberaumt waren.
„Diese Alben zu machen war das Einzige, was mich in diesen letzten vier Jahren über Wasser gehalten hat“, gibt er zu. „Es hielt mich davon ab, über mich selbst nachzudenken, denn ich konzentrierte mich auf die Platten. Andrew ist großartig, er ist wirklich clever, hat haufenweise Ideen und arbeitet sehr schnell, was perfekt für mich ist. Er ist sehr verständnisvoll und geduldig mit mir, denn bei der Arbeit an diesem Album musste ich mich manchmal alle fünf Minuten hinlegen, weil mein Hals so weh tat.“ Der weitere Weg für den alternden Fürst der Finsternis ist noch nicht ganz durchgeplant, doch er kann Kraft und spirituelle Inspiration für mögliche neue Abenteuer aus dem Feuer und dem furchtlosen Geist ziehen, die aus den Beiträgen der Maestros Beck, Clapton und Iommi auf seinem neuen Album strömen – drei Männer, die älter als er sind und weder sich selbst noch irgendjemandem sonst etwas beweisen müssen, wie Ozzy allzu bewusst ist. Er scherzt zwar, dass ihre Gastauftritte vielleicht aus reiner Langeweile zustande kamen – „Vergiss nicht, dass die alle wie ich auch zu Hause rumgesessen sind; alle sind verrückt geworden“ –, doch der aufrichtige Dank und Respekt ist in seiner Stimme zu hören, wenn er das Trio preist, das er als „Meister ihrer Kunst“ bezeichnet. „Tony und ich sind natürlich schon seit unserer Schulzeit befreundet, aber er kann mich immer noch überraschen“, gesteht Ozzy. „Zuerst dachte ich, er würde es nicht machen, aber Hut ab vor ihm. Man kann vieles über ihn sagen, aber Tony Iommi ist einfach der Beste, wenn es darum geht, Riffs aus dem Hut zu zaubern. ›No Escape From Now‹ wäre ein grandioser Sabbath-Track gewesen. Aber Sabbath sind Geschichte. Wir haben unsere Arbeit geleistet.“
An anderer Stelle ist Jeff Becks Spiel auf PATIENT NUMBER 9 Osbournes wohl abgewägter Meinung nach „fucking genial“, und er lobt Claptons Akzente auf dem exzellenten ›One Of Those Days‹ als „fucking großartig“. Auf Letzterem heißt es im Refrain: „One of those days that I don’t believe in Jesus“, und Ozzy klingt mehr als schelmisch, wenn er prophezeit: „Das wird wohl Ärger bringen. Es ist kein ‚I am an Antichrist‘- Song“, stellt er klar. „Es geht darin einfach um diese Tage, an denen alles verdammt schief läuft und man bei dem Versuch durchdreht, alles geradebiegen zu wollen. Als Eric Clapton das zum ersten Mal hörte, sagte er: ‚Oh, ich weiß nicht, was ich von dem Text halten soll‘. Also versuchten wir, ihn mit Alternativen zu ersetzen. Eine war ‚One of those days where I don’t believe in Christmas‘, aber das klang nicht richtig. Den Glauben an Jesus zu verlieren, ergibt viel mehr Sinn, wenn die Welt den Bach runtergeht. Ich denke, der Song und das ganze Album sind sehr gut geworden. Aber ich bin auch noch nie ins Studio gegangen und habe gesagt: ‚Diesmal werde ich mal eine schlechte Platte machen‘. Die beste Platte ist immer die nächste. Aber natürlich empfinde ich auch tiefe Trauer, wenn ich sie höre, angesichts dessen, was mit Taylor Hawkins passiert ist. Ich traf ihn ein paar Mal. Beim ersten Mal stellte er sich vor, indem er sagte, Dave Grohl sei sein Boss. Er war wunderbar, so ein lieber Kerl. Tatsächlich arbeitete er mit mir in der Woche, bevor er wegfuhr [zu den Shows der Foo Fighters in Südamerika]. Es ist so traurig. Ich bin jetzt 73 und sagte neulich zu Sharon, dass so viele unserer Freunde jetzt sterben. Wenn man jung ist, stirbt vielleicht alle drei bis fünf Jahre jemand, den man kennt, aber wenn man seine 70er erreicht hat, scheint alle fünf Sekunden jemand abzutreten. Das wertvollste Geschenk, das wir alle jetzt noch haben, ist Zeit.“
Und die Zeit schreitet voran. Bald wird der Osbourne-Clan um zwei Mitglieder wachsen, denn sowohl sein Sohn Jack mit seiner Partnerin, der Modedesignerin Aree Gearhart, als auch seine Tochter Kelly mit ihrem Partner, dem Slipknot-Maskenträger Sid Wilson, erwarten Nachwuchs. „Kelly geht es bestens“, strahlt ihr Dad. „Dachte ich, dass Sid jemals Teil meiner Familie werden würde, als ich Slipknot 1999 auf ihre erste große Tournee mitnahm? Natürlich nicht, ich hatte keine fucking Ahnung. Aber Kelly kann lieben, wen sie will, und sie liebt ihn aufrichtig.“ Auf die Frage, worauf er sich 2022 sonst noch so freue, antwortet Ozzy sofort: „Meine Genesung“, und sagt, dass er sie im wahrsten Sinne des Wortes Schritt um Schritt angeht, Tag um Tag. Er und Sharon, bekräftigt er, seien bereit, ihre Siebensachen zu packen, die USA zu verlassen und nach England zurückzukehren. Und der Tag, an dem dieser Umzug tatsächlich passiert, mag nicht mehr in allzu ferner Zukunft liegen, denn das Familienanwesen im exklusiven Villenviertel Hancock Park in Los Angeles steht zum Verkauf. Falls jemand unter der CLASSIC-ROCK-Leserschaft mit tiefen Taschen Lust auf einen Tapetenwechsel haben sollte: Der Preis beträgt schlappe 18 Millionen Dollar. John Michael Osbourne hat seinerseits auch noch Träume: „Ich würde immer noch gerne Platz eins in Großbritannien erreichen. Und dieses Album hätte es verdient. Niemand dachte, dass Sabbath mit unserem letzten Album 13 auf Platz eins kommen würden, warum also nicht träumen? Ich habe mein Bestes gegeben und bin sehr glücklich damit. Jetzt müssen die Fans über das Schicksal entscheiden.“ Es kommt ein weiteres vertraut dreckiges Lachen aus der Osbourne-Residenz und er schließt fröhlich ab: „Was auch immer passiert, ich werde nicht zulassen, dass die Welt mich vergisst!“
Seit Richie Sambora 2013 bei Bon Jovi ausgestiegen ist, brodelt die Gerüchteküche regelmäßig wegen Reunion-Legenden hoch. Bei den jüngsten „Music Industry Trust Awards“ in London diese Woche wurde Sambora vom Nachrichtenportal Metro nach der Möglichkeit einer Reunion gefragt.
Der Gitarrist antwortete daraufhin: „Es wäre möglich, wir sind ein wenig im Gespräch“ und soll dabei wohl laut Angaben des Reporters ein verschmitztes Lächeln auf den Lippen gehabt haben. Sambora könnte sich auch vorstellen, 2023 mit Bon Jovi beim Glastonbury Festival aufzutreten.
Samboras Wiedereinstieg von Bon Jovi wird nicht zum ersten Mal thematisiert, zuletzt gaben Sambora und Jon 2020 öffentliche Statements dazu ab. Jon Bon Jovi meinte damals: „Es vergeht nicht ein Tag, an dem ich mir nicht wünsche, dass Richie sein Leben im Griff hat und immer noch in der Band ist.“