Bob Seger wird heute 78 Jahre alt. Zum Geburtstag des amerikanischen Künstlers blicken wir heute auf seinen größten Hit ›Night Moves‹ vom gleichnamigen Album aus dem Jahr 1976. Eine grandiose Platte, deren Titelstück Seger zum Star in den USA machte. Inspiriert vom Film „American Graffiti“, Kris Kristoffersons ›Me And Bobby McGee‹ und Bruce Springsteens ›Jungleland‹, arbeitete er sechs Monate lang an diesem Song und wusste, dass er perfekt werden musste.
Werkschau: Bob Seger
In seiner mehr als 50-jährigen Karriere wurde Bob Seger vor allem durch Balladen zum wahren Meister seines Handwerks. Wir haben uns die Alben des Amerikaners nochmal ganz genau angehört.
Unverzichtbar
LIVE BULLET (1976)

Als Seger in anderen Städten kaum Clubs füllen konnte, jubeltem ihm in der Detroiter Cobo Hall 12.000 Menschen zu. Dort entstand dieser Mitschnitt, der Stücke von BEAUTIFUL LOSER (1975) und ein paar frühere Highlights meisterhaft verband. ›Turn The Page‹ mit seinem eindringlichen Saxofon ist schlichtweg umwerfend. Es mag auf anderen Alben besser gespielte oder aufgenommene Versionen dieser Songs geben, aber die Beinahe-Hysterie dieser Homecoming-Show der Silver Bullet Band in ihrem intensiven, elektrisierenden Zenit wurde absolut perfekt eingefangen. Diese Platte ließ die Welt außerhalb von Detroit wissen, was sie da all die Jahre verpasst hatte, war aber auch so nett, sie endlich zu der Party einzuladen.
NIGHT MOVES (1976)

Beflügelt vom Erfolg von LIVE BULLET und der neuerlichen Unterstützung von Capitol Records, nahm Seger das Album auf, das seine Karriere definieren sollte. Die Silver Bullet Band verlieh ›Rock And Roll Never Forgets‹ und ›The Fire Down Below‹ Kraft, während die Rhythmussektion Muscle Shoals ›Mainstreet‹, die treffende Ode an die Stadt Ann Arbor, würdevoll begleitete. Das Titelstück verhalf Seger zu nationaler Berühmtheit in den USA und machte ihn zum Star. Inspiriert vom Film „American Graffiti“, Kris Kristoffersons ›Me And Bobby McGee‹ und Bruce Springsteens ›Jungleland‹, arbeitete er sechs Monate lang an diesem Song und wusste, dass er perfekt werden MUSSTE.
Wunderbar
BACK IN ‘72 (1973)

BACK IN ‘72 enthält zwei Songs, die erst als Coverversionen richtig bekannt wurden: ›Rosalie‹ wurde zwei Jahre später von Thin Lizzy eingespielt, während Metallica 1998 mit ›Turn The Page‹ einen Hit landeten. Allein das wäre schon den Preis wert, aber Neuinterpretationen von ›The Stealer‹ (Free), ›Midnight Rider‹ (Gregg Allman) und ›I‘ve Been Working‹ (Van Morrison) sind ebenfalls solide, während die selbstverfasste Ballade ›So I Wrote You A Song‹ deutlich in die richtige Richtung zeigt. Seger war jedoch unzufrieden mit dem Klang seiner Stimme und hat sich seither von diesem Album distanziert.
BEAUTIFUL LOSER (1975)

Seger war sich hinsichtlich des wehklagenden Titelstücks nicht sicher, bis er es Glenn Frey vorspielte, der auf Segers Beinahe-Hit ›Ramblin‘ Gamblin‘ Man‹ von 1969 gesungen hatte. Er überzeugte ihn, auf diesem Weg zu bleiben, und gab ihm das Selbstvertrauen, mehr nachdenkliches Material aufzunehmen. Mit dem wunderschönen ›Jody Girl‹ sowie ›Travelin‘ Man‹, ›Momma‹, ›Sailing Nights‹ und ›Fine Memory‹ waren sechs der neun Albumtracks Balladen. Der Uptempo-Song ›Katmandu‹ und eine zackige Fassung von ›Nutbush City Limits‹ bildeten den Gegenpol dazu.
STRANGER IN TOWN (1978)

Der Titel bezieht sich auf Segers Zweifel über seinen neuen Ruhm, doch hier finden sich auch zwei seiner mutigsten Kompositionen: der Adrenalinrausch von ›Hollywood Nights‹ und die fast schon schmerzhafte Ballade ›We Got Tonight‹. Erstaunlich: ›Old Time Rock & Roll‹, jener denkwürdige Soundtrack zu Tom Cruises legendärer Tanzszene im Film „Lockere Geschäfte“ und – nach Patsy Clines ›Crazy‹ – die zweitmeistgespielte Single aller Zeiten in amerikanischen Jukeboxes, wurde noch schnell als nachträglicher Einfall zum Album hinzugefügt.
THE DISTANCE (1982)

Nach dem allzu offensichtlich kommerziellen und von der Kritik verschmähten AGAINST THE WIND (Segers einzige Nr. 1 in den USA) zeigte er sich mit THE DISTANCE wieder in unleugbarer Topform. Dabei handelt es sich um ein lose formuliertes Konzeptalbum über Beziehungen, inspiriert von Woody Allens Film „Der Stadtneurotiker“. ›House Behind A House‹ ist die einzige echte Schwachstelle, mit ›Even Now‹ wird erfolgreich das Rezept von ›Hollywood Nights‹ wieder aufgegriffen, während ›Shame On The Moon‹, ›Coming Home‹ und ›Roll Me Away‹ allesamt brillant sind.
Anhörbar
RAMBLIN‘ GAMBLIN‘ MAN (1969)

Die Band versucht sich auf ›White Hall‹ und ›Gone‹ an Westcoast-Hippie-Psychedelik, die so unbeholfen klingt wie der ähnlich ungelenke Elektro-Folk von ›Train Man‹. Aber wo das Album funktioniert, funktioniert es wirklich gut. Der Titelsong mit seiner treibenden Orgel ist so immens kraftvoll, ›2 + 2 = ?‹ dagegen ist eines der besten Vietnam-Protestlieder, kein bisschen weniger wütend als ›Fortunate Son‹ von Creedence Clearwater Revival, und glänzt mit einer Basslinie, die Jahre später zur Inspiration für ›Seven Nation Army‹ von den White Stripes wurde.
MONGREL (1970)

Segers erstes wirklich tolles Album mit seinem bizarren Cover erschien ein Jahr nach NOAH, seinem schlechtesten. Hier ist er aggressiv wie nie: ›Evil Edna‹, ›Highway Child‹ und ›Teachin‘ Blues‹ gehören zu seinen feurigsten Darbietungen. Der breitbeinige Garagenklassiker ›Lucifer‹ ist ein echtes Highlight, ebenso wie die verrückte Neuinterpretation von ›River Deep Mountain High‹. Rückblickend betrachtet war aber wohl ›Big River‹ am interessantesten, eine Midtempo-Ballade, die auf fast unheimliche Weise genau den Sound vorwegnimmt, der Seger später mit Songs wie ›Night Moves‹ soviel Erfolg bescheren sollte.
SEVEN (1973)

Es erschien zwar als Soloalbum, doch auf der Rückseite wird erstmals – ganz klein, irgendwo neben dem Copyright – die Silver Bullet Band erwähnt. Es beginnt mit einem atemberaubenden Marsch durch ›Get Out Of Denver‹ im Stil von Chuck Berry. Autobiografisch war es allerdings nicht: „Albuquerque hat nicht gepasst“, scherzte er. Auf ›Need Ya‹ gibt er einen einwandfreien Rod Stewart zum Besten, ›Cross Of Gold‹ klingt wie ein vergessenes Juwel aus MC5s BACK IN THE USA, ›U.M.C. (Upper Middle Class)‹ zeigt seine Gabe für bissige Gesellschaftssatire, während ›20 Years From Now‹ einfach nur wunderschön ist.
Sonderbar
NOAH (1969)

Diese Platte ist wohl eine der rätselhaftesten, die je von einem großen Act aufgenommen wurden. Seger hält sich im Hintergrund, während ein anderes Bandmitglied, der zuvor wie danach unbekannte Tom Neme, das meiste Material beisteuert und auf einer Reihe von seichten Pop-Garage-Belanglosigkeiten singt. Das Album ist eine Katastrophe, wobei das grauenhafte ›Cat‹ den absoluten Tiefpunkt darstellt: ein erschreckender Avantgarde-Hippie-Vortrag aus sechs Minuten metallischer Percussion und reichlich ziellosem Gegrunze.
Text: Fraser Lewry
Scorpions: COLOURS OF ROCK
Knallbuntes Vinyl sticht: erster Schub mit zwölf LP-Klassikern
2025werden die Hannoveraner Hardrock-Pioniere 60 Lenze zählen. Längst eine Institution, seit dem Durchbruch Ende der 70er auch weit über deutsche Landesgrenzen hinaus, blicken Gründer
und Rhythmusgitarrist Rudolf Schenker, Vokalist Klaus Meine, Sologitarrist Matthias Jabs, Bassist
Paweł Mąciwoda und Schlagzeuger Mikkey Dee jetzt schon mal mit einem Dutzend kunterbunter Vinylscheiben zurück auf die eigene künstlerische Entwicklung. Eigentlich sind es ja vom Debüt LONESOME CROW (1972) bis ROCK BELIEVER (2022) schon insgesamt 19 Studioalben. Konzertmitschnitte ausgenommen. Was bei COLOURS OF ROCK jetzt fehlt, wird aber bei der nächsten Etappe nachgereicht. Die Kollektion im 180-Gramm-Format beginnt beim selbstproduzierten Zweitling FLY TO THE RAINBOW (1974). Also just in dem Moment, als Rudolfs jüngerer Bruder Michael Schenker zur Londoner Truppe UFO wechselte und dessen Nachfolger Uli Jon Roth sowie Bassist Francis Buchholz, Schlagzeuger Jürgen Rosenthal und Keyboarder Achim Kirschning dazustießen – und die Scorpions beim Weltkonzern RCA Victor unterzeichneten. Alle typischen Ingredienzen – vom deftigen Riffrock bis zur sentimentalen Powerballade – waren schon in Ansätzen erkennbar. Zwei Lieder sang Rudolf, zwei weitere Hendrix-Aficionado und Co-Autor Roth. In den nächsten drei Jahren, mit minimalen Line-up- Veränderungen (erst trommelte Rudy Lenners, dann Herman Rarebell), loteten das Songwriter- Team Schenker/Meine sowie Uli Jon Roth ihre unterschiedlichen Ansätze auf vier weiteren Veröffentlichungen minutiös aus: Bei IN TRANCE (1975) stieg Produzent Dieter Dierks ein – und die deutsche Pop-Presse rückte die Scorpions in den Fokus. Ohne Keyboarder Kirschning entstanden mit kontroversen Cover-Bildern die schon ziemlich ausgefuchsten Werke VIRGIN KILLER (1976) – die erste Gold-LP in Japan – und TAKEN BY FORCE (1977). Zwar steigerten sich nach und nach die Absatzzahlen, doch erst die im japanischen Nakano Sun Plaza live aufgezeichneten TOKYO TAPES (Doppel-LP, Gatefold-Cover, 1978) landeten sachte hierzulande und auch anderswo in den Charts. Nach der Trennung von Uli Jon Roth, ersetzt zuerst durch den UFO-Abtrünnigen Michael Schenker, dann durch Ex-Jane-Gitarrist Matthias Jabs, folgte ein weiterer Label-Wechsel, zu Harvest/EMI. Mit dem abermals ziemlich pikant verpackten LOVEDRIVE (1979) vollzog sich die Wende: Erstmals eroberten die Scorpions die US-Charts, kassierten hier wie dort Gold. Ein Erfolgskurs vor allem in Übersee, der sich in konstanter Besetzung nicht nur mit ANIMAL MAGNETISM (1980), sondern auch mit BLACKOUT (1982), LOVE AT FIRST STING (1983), SAVAGE AMUSEMENT (1988) und dem zweitem Konzertmitschnitt WORLD WIDE LIVE (1985) konsequent fortsetzte. Im ersten Batch etwas
aus dem Rahmen fällt HUMANITY (HOUR 1) von 2007: ein konzeptionelles Spätwerk mit einer Storyline von Songwriter und Produzent Desmond Child und Futurist Liam Carl. Die Platten sind alle ausschließlich unter www.artofthealbum.store/pages/scorpions bestellbar.
9 von 10 Punkten
Scorpions
COLOURS OF ROCK
BMG RIGHTS MANAGEMENT
Klaus Meine, Rudi Schenker und Matthias Jabs im großen Titelstory-Interview in der aktuellen Ausagbe von CLASSIC ROCK. Jetzt hier versandkostenfrei bestellen!

Meine erste Liebe: IN THE COURT OF THE CRIMSON KING von Steve Stevens
Der Co-Songwriter, Gitarrist und Produzent von Billy Idol über einen Prog-Klassiker
Ich weiß noch, wie ich zum ersten Mal das Cover sah, das machte mir richtig Angst. Das war 1970, ich war zehn oder elf. Und als ich es mir dann anhörte, fand ich die Musik ebenso furchteinflößend! Doch IN THE COURT OF THE CRIMSON KING hatte großen Einfluss auf mich, der bis heute anhält. Jedes Mal, wenn ich mir die Platte anhöre, entdecke ich etwas Neues daran. Zum Beispiel wurde mir erst neulich bewusst, was für ein grandioser Schlagzeuger Michael Giles damals war. Absolut genial. Aber das gilt für alle Beteiligten auf diesem Album. Robert Fripps Gitarrenspiel hat mich massiv beeinflusst, seit ich es entdeckt habe. Bis heute inspiriert er alles, was ich tue, und ich empfinde noch immer Ehrfurcht vor ihm. Eines der Schlüsselcharakteristika der Platte ist, dass sie von alptraumhaft in absolut wunderschön umschlagen kann. Wie viele Werke fallen einem ein, auf denen etwas wie ›21st Century Schizoid Man‹ neben etwas wie ›Epitaph‹ und ›I Talk To The Wind‹ zu finden ist? Ich würde sagen, IN THE COURT war der wahre Anfang dessen, was wir heute als Progressive Rock bezeichnen. Alles Positive am Prog begann hier. Und ich bin immer wieder erstaunt, dass so etwas nach wie vor so frisch klingen kann.
John Diva & The Rockets Of Love: Einmal Dolce Vita, bitte!
Die Zeiten ändern sich. Und mit ihnen ändern sich auch die Menschen. Mag es vielen beim Durchhören des neuen Albums von John Diva & The Rockets Of Love vielleicht gar nicht auffallen, so war die Autorin dieses Textes doch mehr als erstaunt: auf THE BIG EASY finden sich keine hypersexuell aufgeladenen Texte mehr, kein „drip drip“ wie noch auf dem letzten AMERICAN AMADEUS. Und das, obwohl die bunt gewandete Truppe doch den Glam Metal der 80er Jahre hochleben lässt, die vielleicht hedonistischste und teilweise eben auch sexistischste Strömung innerhalb der Rockmusik. Um diesem – zufälligen oder absichtlichen – Sinneswandel nachzuspüren, haben wir bei Bandchef John Diva angerufen.
Ihr wart ja schon immer eine Band, die den Eskapismus feierte. Auf THE BIG EASY treibt ihr das auf die Spitze – warum?
Es liegt in den Genen von John Diva, immer auf der Sonnenseite zu wandeln. Gleichzeitig waren die letzten Jahre nicht leicht, vor allem für Musiker und Sunnyboys. Ich bin ein Optimist, doch im Grunde hatten wir eine harte Zeit hinter uns, als wir uns an dieses Album machten. Gleich zu Beginn meinte einer unserer Gitarristen: ‚Egal, wohin uns diese Platte führt, ich würde sie gerne THE BIG EASY nennen.‘ Ein Titel, der uns daran erinnerte, woher wir kommen, auch wenn wir vielleicht nie wieder dorthin gelangen können. THE BIG EASY ist unser Versuch, das bestmögliche Dolce-Vita-Album überhaupt abzuliefern.
Ihr habt diese Platte vom ersten Songwriting-Ton bis zum letzten Mastering in sechs Monaten fertig gestellt. Ganz schön fix!
Das kann man wahrscheinlich damit erklären, dass wir richtig danach gierten, unsere musikalische und kreative Energie in dieses Album zu stecken. Sobald dann die Idee stand, eine Sommer-Scheibe aufzunehmen, ging alles ganz schnell. THE BIG EASY ist von diesem Standpunkt her fast schon ein Konzeptalbum, ohne ein Konzeptalbum zu sein. Außerdem arbeiten wir bei John Diva & The Rockets Of Love grundsätzlich recht zügig – sobald die Maschine mal läuft, läuft sie gut. Wir haben drei Songwriter in der Band, alle waren höchst motiviert.
Könnt ihr eure Egos gut in Schach halten?
Ja, endlich! Wenn man sich das Genre mal ansieht, denkt man ja, dass es im Grunde nur um große Egos geht. Doch abseits der Bühne gehen wir respektvoll miteinander um und wir wissen, wenn einer eine Idee wirklich heiß und innig verteidigt, ist sie einen Versuch Wert. Manche der Tracks auf THE BIG EASY gäbe es vielleicht gar nicht, wenn einer von uns nicht dafür gekämpft hätte. Die erste Version von ›Wild At Heart‹ klang beispielsweise zu sehr nach David Bowie, vor allem J.J. konnte sich das nicht im John-Diva-Kontext vorstellen. Doch dann schaltete sich Snake ein und meinte: ‚Stellen wir uns doch vor, wie die Idee in den 80ern mit Tico Torres an den Drums klingen würde.‘ Und am Ende waren alle zufrieden.
Was ist der Unterschied zwischen euch und Steel Panther?
Oberflächlich betrachtet mag es da einige Übereinstimmungen geben, aber im Grunde sind wir komplett unterschiedlich. Steel Panther machen eine Comedy-Show – sie liefern großartig hab, haben sich jedoch selbst ziemlich eingeschränkt. Irgendwie sind sie in einer Spirale aus immer mehr…
… Pussy-Witzen gefangen?
Ganz genau. Wir hingegen sind eine sehr romantische Band, auch wenn unsere Outfits ein bisschen nach Bühnen-Clown aussehen. Bei uns geht es um Gefühle, die alle miteinander verbinden, die alle einschließen und respektieren. Wenn man heutzutage Glam Rock macht, braucht man kein Macho-Gehabe, das ist nicht mehr zeitgemäß.
Mir ist sofort aufgefallen, dass es auf THE BIG EASY sehr wenig Macho-Gehabe zu hören gibt, auch kein „drip, drip let me drown in your honey“ mehr. Warum?
Das war wahrscheinlich eine bewusste Entscheidung, die im Moment des Schöpfungsprozesses Sinn machte. Wir wollten keinen Schritt zurück machen und eine gute Linie finden.
Statt mehr heteronormativer Lyrics habt ihr einen Song wie ›Boys Don’t Play With Dolls‹ aufs Album gepackt. Die Kernaussage des Tracks ist ja alles andere als machomäßig.
Letztens wurde ich gefragt, ob eine Band wie John Diva politisch sein kann. Eigentlich würde ich das verneinen, doch wenn man in Tracks wie ›Boys Don’t Play With Dolls‹ zwischen den Zeilen liest, spürt man doch eine klare Botschaft, auch wenn wir eine Truppe voller heterosexueller, weißer Dudes sind.
Das zeigt, dass man bei aller Ehrerbietung an eine gewisse Zeit nicht alles hirnlos kopieren muss. Der Glam-Sound funktioniert auch gut mit anderen Texten.
(lacht) Klar ist John Diva irgendwie ein hypersexueller Charakter, aber als Künstler kannst du deine Botschaft selbst auswählen. Ich freue mich, dass du das so siehst und dass unsere Intention da draußen Anklang findet. Es tut gut, darüber zu sprechen. Wie oft fragt man eine Glamrock-Band schon nach ihren Texten? Im Grunde könnte der Track eine B-Seite sein, doch je nach eingenommener Perspektive könnte man auch sagen, dass er das Kernstück auf THE BIG EASY ist.
›Back In The Days‹ hingegen ist ein Nostalgie-Song. Woher der Drang, ein solches Lied zu schreiben?
Als ich ein Teenager war, liebte ich diese Art von Songs, was witzig ist, weil man als junger Mensch ja noch gar keine Nostalgie verspüren kann. Irgendwie wurde dieses Gefühl trotzdem transportiert und ich wollte schon immer an einen Punkt in meinem Leben gelangen, wo es mir möglich ist, so einen Track selbst zu schreiben. Und irgendwann war dieser Punkt mit zunehmendem Alter erreicht. (lacht) Ich komme immer wieder zurück auf großartige Songwriter wie Bruce Springsteen, ein großartiger Geschichtenerzähler. Ich wollte einen Text schreiben, den ich mir selbst abnehme und der für andere einen Anknüpfungspunkt liefert. So wird die eigene Fiktion zur Fiktion aller. Eine echte Herausforderung, das mit nur wenigen Zeilen zu schaffen.
Wo stehen John Diva & The Rockets Of Love mit ihrer dritten Platte?
Wir versuchen, nicht darauf zurückzublicken, was wir durch die Pandemie verloren haben. Heute sind viele Bands froh, wenn sie die Hälfte der Leute von früher ziehen. Wir werden so viel spielen wie möglich, neue Fans gewinnen, für unsere alten Fans da sein. John Diva & The Rockets Of Love müssen wieder regelmäßig auf die Bühne, ohne funktioniert eine Rockband einfach nicht.
Titelstory: Mötley Crüe – Elendes Dreckspack!

Das Parents Music Resource Center um Tipper Gore und Susan Baker führte in den 80er-Jahren vier Kategorien ein, um neu erscheinende Alben in der Pop- und Rockwelt zu kennzeichnen. „X“ stand für profane, sexuelle oder explizite Inhalte, „O“ für okkulte Referenzen, „D/A“ kennzeichnete Texte über Drogen und Alkohol, während ein „V“ gewaltverherrlichende Lyrics markierte. Mötley Crüe bemühten sich redlichst, alle davon auf ihre (geschätzt weltweit) 100 Millionen verkauften Platten zu kriegen.
Kurz vor Weihnachten im Jahr 1987. Ein Krankenwagen rast mit Blaulicht durch die Straßen von Los Angeles. Einer der beiden zuständigen Notärzte darin arbeitet unter Hochdruck. Die Schweißperlen laufen ihm über die Stirn, während er panisch und kraftvoll das Herz des jungen Mannes massiert, der tot unter seinen Händen liegt. „Gib’s auf, der ist hinüber“, meint der andere und sieht resigniert auf seine Uhr. Seit zwei Minuten kein Herzschlag mehr und trotzdem rammt sein Kollege dem zerlumpten Kerl eine Adrenalinspritze durch die abgemagerte Brust und mitten ins Herz.
Bei der zweiten Ladung erwacht der Patient wie durch ein Wunder wieder zum Leben, obwohl die Meldung seines Todes bereits durch die Medien jagt und tausende Fans in Tränen ausbrechen lässt. Als der Junkie im Krankenhaus schließlich zu sich kommt, reißt er sich die Schläuche aus Nase, Mund und Venen und verpisst sich wortlos. Zu Hause angekommen setzt sich Nikki Sixx den größten Schuss seiner „Karriere“ und wacht erst am nächsten Tag in seinem eigenen Blut wieder auf. Mit 29 Jahren hatte er den absoluten Tiefpunkt seines Lebens erreicht.
Besagte Szene stellt wohl eines der eindringlichsten Bilder des neuen Films „The Dirt“ über Mötley Crüe dar und mag vielleicht die am meisten erzählte Geschichte aus deren Dunstkreis sein, dabei ist sie nur eine von vielen krassen Stories, die Bassist Nikki Sixx, Sänger Vince Neil, Drummer Tommy Lee und Gitarrist Mick Mars während ihrer Glanzzeiten in den 80ern zu Tage förderten.
Viele Bands haben sich in den letzten Dekaden gegenseitig übertroffen an Skandalen, Exzess und Dekadenz. Mötley Crüe jedoch dürften das Rennen um den Titel des wildesten Kollektivs wahrscheinlich sogar mit einigen Koksnasenlängen Vorsprung gewonnen haben. Dies mag wiederum daran liegen, dass nur wenige Gruppen eine derartig exhibitionistische Ader besitzen wie die Crüe. Weder in Interviews, Liedtexten noch Dokumentationen haben diese vier Sonderlinge jemals ein Blatt vor den Mund genommen, das offene Ausleben ihrer diversen Pervertierungen war schon immer fester Bestandteil des Programms.
Den Höhepunkt ihres Seelenstriptease erreichte die Band im Jahr 2001, als ihre schonungslos ehrliche und um Aufmerksamkeit heischende Biographie mit dem passenden Titel „The Dirt“ erschien. In Zusammenarbeit mit Autor Neil Strauss wurde hier metertief im Dreck gegraben und alle medienwirksamen Leichen aus den Kellern der einzelnen Bandmitglieder geholt, um diese in einem abstoßenden und zugleich fesselnden Buch zu bündeln. 2019 folgte endlich die lang angekündigte und von Fans herbeigesehnte Verfilmung von „The Dirt“, nicht etwa im Kino, sondern auf der Streaming-Plattform Netflix.
Eigentlich hätte besagter Streifen schon vor etlichen Jahren erscheinen sollen: Bereits 2006 hatten Paramount und MTV Movies die Rechte daran gekauft, dann aber wenig später irgendwie die Lust an dem Projekt verloren. Nach weiterem, jahrelangem Hin und Her mischte sich schließlich Netflix in das Gezeter mit ein, bezahlte für die weltweiten Rechte, und der 2013 angeheuerte Regisseur Jeff Tremaine, der vor allem für die Produktion der „Jackass“Reihe bekannt ist, konnte mit der Umsetzung seiner Visionen be ginnen. Nachdem „The Dirt“ über eine Dekade lang umhergeschoben wurde, ging der Dreh letztendlich schnell und bemerkenswerterweise ohne Drama in New Orleans vonstatten. Am 22. März wurde der Film endlich auf Netflix ausgestrahlt, inklusive eines Soundtracks mit vier komplett neuen Songs.
Grund genug für CLASSIC ROCK, den historischen Schauplatz der Geschehnisse aufzusuchen und nach Los Angeles zu fliegen, um gemeinsam mit Bandhirn Nikki Sixx (N) und Bandherz Tommy Lee (T) nochmal ganz genau hinzuschauen: Auf den Film, auf eine Band, deren An trieb sich vor allem aus einem hohen Maße an Dysfunktionalität speiste und auf unglaubliche, teils kranke, teils einfach nur ekelerregende Geschichten, die auch nach dem zehnten Mal noch spannend anzuhören sind. Um diesen Rückblick gebührend und in entspannter Atmosphäre zelebrieren zu können, lädt Nikki Sixx eigens in seine Villa im Westlake Village ein: Ein stattliches Anwesen innerhalb einer umzäunten Stadt in der Nähe von L.A., deren überdurchschnittlich gutbetuchte Bewohner dicke Autos fahren und an jeder Ecke ihre Golfcarts parken.
Nachdem man seinen Ausweis am Sicherheitstor abgegeben hat, wird man an der Haustür lautstark von zwei wuscheligen Golden Retrievern begrüßt, die auf die Namen Houdini und Leica hören und fröhlich bellend und sabbernd an einem hochspringen, während Hundepapa Sixx versucht, den euphorischen Tieren Manieren beizubringen.
Vielleicht aufgrund der erhöhten Lautstärke verpasst Nikki Sixx in diesem Moment, dass es sich bei der besuchenden Dame um „the journalist from Classic Rock Magazine Germany“ handelt – wahrscheinlich hatte er einen Mann in seinem Alter erwartet. Deswegen geht es in der Casa del Sixx erst mal eher leger und offenherzig zu, seine um einige Jahre (also um einige!) jüngere Frau Courtney kommt hereinspaziert, öffnet die Knöpfe ihrer Jeans und zeigt stolz den Bauch, in dem gerade ihr gemeinsames Baby heranwächst – Nikki wird mit 60 zum fünf
ten mal Papa.
Man steht daneben und versucht, sich so unauffällig wie möglich zu verhalten, vor allem als Sixx beginnt, freimütig, aber nicht bösartig über seine Bandkollegen zu sprechen. „Ich hoffe, dass Vince die Premiere des Films als Anlass nimmt, um ein wenig abzunehmen und sich besser anzuziehen. Irgendwie sitzen seine Klamotten einfach nie richtig, früher hat er halt angezogen, was wir ihm vorgesetzt haben.“
Gleich im Anschluss dreht sich der Themenschwerpunkt in Richtung Mick Mars und die Journalistenohren spitzen sich weiter. Selbiger hat seit der abgeschlossenen Reunion-Tour, die im Jahr 2015 in Los Angeles besiegelt wurde, wohl nicht mehr allzu viel Lust auf Kontakt mit seinen Bandkollegen und verbringt die neugewonnene Zeit lieber mit seiner ebenfalls um einige (also einige!) Jahre jüngeren Frau, einer ehemaligen Miss Schweiz, im Ausland. Es klingt, als müsse man den an Spondylitis Ankylosans erkrankten Gitarristen eventuell so gar mit Hilfe eines Anwalts dazu bringen, seine wohl vertraglich festgelegten Presse-Pflichten im Rahmen der anstehenden Filmveröffentlichung einzuhalten.
Just in dem Moment schneit Tommy Lee mit seiner um einige Jahre jüngeren (um einige Jahre!) und erst seit kurzem Angetrauten Brittany Furlan zur Tür herein, begrüßt alle Anwesenden mit jugendlichen Handschlägen, in der Linken eine Flasche mitgebrachten Rosés. Während Sixx sich mit zuckerfreiem Red Bull und mich mit Fijiwasser versorgt – Alkohol gibt es im Haus des trockenen Alkoholikers und ExDrogensüchtigen nicht viel – haut sich Lee um die Mittagszeit ein Gläschen Wein nach dem nächsten rein. La Dolce Vita eines unverbesserlichen Partyhengstes eben.
Als schließlich langsam klar wird, dass es sich bei der anwesenden Dame um die Journalistin („Oh Dude! You are the journalist?!“) handelt, wird in einem der vielen eher repräsentativen als wohnlichen Zimmer Platz genommen und zwar auf dem Teppich mit Leopardenmuster, weil die Stühle und Sofas wirklich so unmöglich repräsentativ um den mit orangenem Fell bezogenen Couchtisch herumstehen, dass man sich von dort aus nicht wirklich unterhalten kann. Man sitzt nun also am Boden mit einer Hälfte der berüchtigsten Rockband der Welt und lässt die mit Anekdoten gespickte Rückblende geschehen.
Und zwar von Anfang an, ab dem Jahr 1981, als ein räudiges Viererpack sich den Namen Mötley Crüe verpasste – mit den Umlauten ihres Lieblingsbieres „Löwenbräu“ oben drauf – und in ein abgeranztes Apartment in Westhollywood zog, um mit ihrer Musik, vor allem aber ihrem Auftreten, den unmittelbar be nachbarten Sunset Strip unumkehrbar auf den Kopf zu stellen. Kurz zuvor hatte Nikki mit seiner Band London Schluss gemacht, Tommys Suite 19 war die Luft ausgegangen, Vince Neil hatte Zoff mit seiner CoverTruppe Rockandi und der Bluesvernarrte Mick Mars war sowieso gerade per Anzeige auf der Suche nach lauten, aggressiven Mitstreitern. In Kombination mit den richtigen Zufällen
– von denen lebt die Rockmusik schließlich – war die perfekte Basis für das Debüt TOO FAST FOR LOVE gelegt und ließ die Crue all das ins Unermessliche übertreiben, was die Kids schon bald durchdrehen lassen sollte: Punkattitüde, harte Riffs, Sex und einen ganz eigenen Stil irgendwo zwischen Kosmetiksalon, Heavy Metal und Kloake. Sleaze eben.
Ihr sogenanntes „Mötley House“ – ein Kakerlakenverseuchtes Loch nahe dem Whisky A GoGo – zog Kollegen wie David Lee Roth sowie eine Horde paarungswilliger Blondinen magisch an und mauserte sich schon bald zum Afterparty-Zentrum des Strips: Sodom und Gomorrha, konzentriert auf zwei Zimmer, Küche, Bad. Hier wurde hemmungslos gefickt, geraucht und geschnupft, hier wurden Ohren an Tische genagelt und der völlig utopische Plan geschmiedet, bald als Stadionband brandschatzend und entjungfernd durch die Welt zu ziehen.
Wenn nicht gerade die Wohnung als Sündenspielplatz herhielt, wurde die Party in Tommy Lees ChevyVan verlegt, der nicht nur seiner Band, sondern auch seiner damaligen Freundin treue Dienste erwies. Besagte Dame besaß ganz besondere Fähigkeiten. Fähigkeiten, die gleich zu Beginn des neuen Films mehr als bildgewaltig dargestellt werden.
T: Lustige Geschichte. Ich hatte damals diesen Minibus und diese Freundin. Sie konnte squirten (Squirting beschreibt die Fähigkeit einer Frau, beim Orgasmus Flüssigkeit abzusondern. Anm. der Redaktion) und ich war total besessen davon. Mein Van war innen mit Teppich ausgekleidet, du kannst dir also vorstellen, wie das Zeug da drin kleben blieb, weil wir ständig fickten und sie herumspritzte. Ich werde nie vergessen, wie ich mal meine Mutter abholte und sie auf dem Beifahrersitz schnupperte: „Tommy, es riecht so seltsam hier drin.“ (lacht) Ich wusste natürlich, was es war, aber meinte nur: „Ach, wirklich? Ich riech gar nix.“ Es stank ja nicht, aber es war irgendwie…
…Shrimpig?
N: Shrimpig sagst du? (lacht) Lass uns bei shrimpig bleiben.
T: (lacht) Nein, es roch eben nach Körperflüssigkeiten, nicht fischig. Ich kann es nicht so gut beschreiben, aber es war definitiv etwas beißend.
Vielleicht solltet ihr begleitend zum Film ein Parfüm mit diesem Geruch rausbringen.
N: (lacht) Das wäre eine tolle Marketingidee! Oh Mann, ich erinnere mich gerade daran, wie wir Tommys Schlagzeug in den Van luden, während Vince dieses Mädel auf dem Rücksitz bumste. Und wir nur so: Dude, wir müssen da jetzt rein!
Hattet ihr mal mit dem Gedanken gespielt, gleich einen Porno aus dem Film zu machen?
T: Naja, wir haben uns schon gefragt, wie die Altersbeschränkung ausfallen würde…
N: (lacht) Ich meine, die Anfangsszene, als dieses Mädchen das ganze Zeug durch die Luft schießt.
Kommen da wirklich diese Mengen an Flüssigkeit raus?
N: Jaja! Es gibt einige ganz besondere Frauen da draußen! (lacht) Ich habe gehört, man kann das sogar lernen. Mich würd’s trotzdem nerven. Jedes Mal die Laken wechseln, die Wände neu streichen und ständig dieser Geruch.“ (lacht)
Hollywood Vampires: Neues Live-Video zu ›People Who Died‹
Am 02. Juni erscheint das neue Live-Album der Hollywood Vampires mit dem Titel LIVE IN RIO. Heute haben die Vampire ein neues Video zum Song ›People Who Died‹ vom Album RISE (2019) für uns.
Der Clip wurde 2018 auf dem Hellfest in Frankreich aufgenommen und erscheint nun zum ersten Mal. ›People Who Died‹ stammt ursprünglich von der Jim Carroll Band.
John Fogerty: ›Lookin‘ Out My Back Door‹ mit Jimmy Fallon
In Jimmy Fallons „Tonight Show“ war nun zuletzt John Fogerty an der Reihe, um auf Kinderinstrumenten einen seiner Songs zu interpretieren. Zusammen mit der Begleitband The Roots performte der CCR-Kopf den Song ›Lookin‘ Out My Back Door‹. Seht hier den witzigen Auftritt der Kombo:


