Titelstory: Mötley Crüe – Elendes Dreckspack!

Mötley Crüe - Shout At The Devil Innenseite KlappcoverDas Parents Music Resource Center um Tipper Gore und Susan Baker führte in den 80er-Jahren vier Kategorien ein, um neu erscheinende Alben in der Pop- und Rockwelt zu kennzeichnen. „X“ stand für profane, sexuelle oder explizite Inhalte, „O“ für okkulte Referenzen, „D/A“ kennzeichnete Texte über Drogen und Alkohol, während ein „V“ gewaltverherrlichende Lyrics markierte. Mötley Crüe bemühten sich redlichst, alle davon auf ihre (geschätzt weltweit) 100 Millionen verkauften Platten zu kriegen.

Kurz vor Weihnachten im Jahr 1987. Ein Krankenwagen rast mit Blaulicht durch die Straßen von Los Angeles. Einer der beiden zuständigen Notärzte darin arbeitet unter Hochdruck. Die Schweißperlen laufen ihm über die Stirn, während er panisch und kraftvoll das Herz des jungen Mannes massiert, der tot unter seinen Händen liegt. „Gib’s auf, der ist hinüber“, meint der andere und sieht resigniert auf seine Uhr. Seit zwei Minuten kein Herzschlag mehr und trotzdem rammt sein Kollege dem zerlumpten Kerl eine Adrenalinspritze durch die abgemagerte Brust und mitten ins Herz.

Bei der zweiten Ladung erwacht der Patient wie durch ein Wunder wieder zum Leben, obwohl die Meldung seines Todes bereits durch die Medien jagt und tausende Fans in Tränen ausbrechen lässt. Als der Junkie im Krankenhaus schließlich zu sich kommt, reißt er sich die Schläuche aus Nase, Mund und Venen und verpisst sich wortlos. Zu Hause angekommen setzt sich Nikki Sixx den größten Schuss seiner „Karriere“ und wacht erst am nächsten Tag in seinem eigenen Blut wieder auf. Mit 29 Jahren hatte er den absoluten Tiefpunkt seines Lebens erreicht.

Besagte Szene stellt wohl eines der eindringlichsten Bilder des neuen Films „The Dirt“ über Mötley Crüe dar und mag vielleicht die am meisten erzählte Geschichte aus deren Dunstkreis sein, dabei ist sie nur eine von vielen krassen Stories, die Bassist Nikki Sixx, Sänger Vince Neil, Drummer Tommy Lee und Gitarrist Mick Mars während ihrer Glanzzeiten in den 80ern zu Tage förderten.

Viele Bands haben sich in den letzten Dekaden gegenseitig übertroffen an Skandalen, Exzess und Dekadenz. Mötley Crüe jedoch dürften das Rennen um den Titel des wildesten Kollektivs wahrscheinlich sogar mit einigen Koksnasenlängen Vorsprung ge­wonnen haben. Dies mag wiederum daran liegen, dass nur wenige Gruppen eine derartig exhibitionistische Ader besitzen wie die Crüe. Weder in Interviews, Liedtexten noch Dokumentationen haben diese vier Sonderlinge jemals ein Blatt vor den Mund genommen, das offene Ausleben ihrer diversen Pervertierungen war schon immer fester Bestandteil des Programms.

Den Höhepunkt ihres Seelenstriptease erreichte die Band im Jahr 2001, als ihre schonungslos ehrliche und um Aufmerksamkeit heischende Biographie mit dem passenden Titel „The Dirt“ erschien. In Zusammenarbeit mit Autor Neil Strauss wurde hier metertief im Dreck gegraben und alle medienwirksamen Leichen aus den Kellern der einzelnen Bandmitglieder geholt, um diese in einem abstoßenden und zugleich fesselnden Buch zu bündeln. Nun folgt endlich die lang angekündigte und von Fans herbeigesehnte Verfilmung von „The Dirt“, nicht etwa im Kino, sondern auf der Streaming­-Plattform Netflix.

Eigentlich hätte besagter Streifen schon vor etlichen Jahren erscheinen sollen: Bereits 2006 hatten Paramount und MTV Movies die Rechte daran gekauft, dann aber wenig später irgendwie die Lust an dem Projekt verloren. Nach weiterem, jahrelangem Hin­ und Her mischte sich schließlich Netflix in das Gezeter mit ein, bezahlte für die weltweiten Rechte, und der 2013 angeheuerte Regisseur Jeff Tremaine, der vor allem für die Produktion der „Jackass“­Reihe bekannt ist, konnte mit der Umsetzung seiner Visionen be ginnen. Nachdem „The Dirt“ über eine Dekade lang umhergeschoben wurde, ging der Dreh letztendlich schnell und bemerkenswerterweise ohne Drama in New Orleans vonstatten. Am 22. März wird der Film nun endlich auf Netflix ausgestrahlt, inklusive eines Soundtracks mit vier komplett neuen Songs.

Grund genug für CLASSIC ROCK, den historischen Schauplatz der Geschehnisse aufzusuchen und nach Los Angeles zu fliegen, um gemeinsam mit Bandhirn Nikki Sixx (N) und Bandherz Tommy Lee (T) nochmal ganz genau hinzuschauen: Auf den Film, auf eine Band, deren An trieb sich vor allem aus einem hohen Maße an Dysfunktionalität speiste und auf unglaubliche, teils kranke, teils einfach nur ekelerregende Geschichten, die auch nach dem zehnten Mal noch spannend anzuhören sind. Um diesen Rückblick gebührend und in entspannter Atmosphäre zelebrieren zu können, lädt Nikki Sixx eigens in seine Villa im Westlake Village ein: Ein stattliches Anwesen innerhalb einer umzäunten Stadt in der Nähe von L.A., deren überdurchschnittlich gutbetuchte Bewohner dicke Autos fahren und an jeder Ecke ihre Golfcarts parken.

Nachdem man seinen Ausweis am Sicherheitstor abgegeben hat, wird man an der Haustür lautstark von zwei wuscheligen Golden Retrievern begrüßt, die auf die Namen Houdini und Leica hören und fröhlich bellend und sabbernd an einem hochspringen, während Hundepapa Sixx versucht, den euphorischen Tieren Manieren beizubringen.

Vielleicht aufgrund der erhöhten Lautstärke verpasst Nikki Sixx in diesem Moment, dass es sich bei der besuchenden Dame um „the journalist from Classic Rock Magazine Germany“ handelt – wahrscheinlich hatte er einen Mann in seinem Alter erwartet. Deswegen geht es in der Casa del Sixx erst mal eher leger und offenherzig zu, seine um einige Jahre (also um einige!) jüngere Frau Courtney kommt hereinspaziert, öffnet die Knöpfe ihrer Jeans und zeigt stolz den Bauch, in dem gerade ihr gemeinsames Baby heranwächst – Nikki wird mit 60 zum fünf
ten mal Papa.

Man steht daneben und versucht, sich so unauffällig wie möglich zu verhalten, vor allem als Sixx beginnt, freimütig, aber nicht bösartig über seine Bandkollegen zu sprechen. „Ich hoffe, dass Vince die Premiere des Films als Anlass nimmt, um ein wenig abzunehmen und sich besser anzuziehen. Irgendwie sitzen seine Klamotten einfach nie richtig, früher hat er halt angezogen, was wir ihm vorgesetzt haben.“

Gleich im Anschluss dreht sich der Themenschwerpunkt in Richtung Mick Mars und die Journalistenohren spitzen sich weiter. Selbiger hat seit der abgeschlossenen Reunion-­Tour, die im Jahr 2015 in Los Angeles besiegelt wurde, wohl nicht mehr allzu viel Lust auf Kontakt mit seinen Bandkollegen und verbringt die neugewonnene Zeit lieber mit seiner ebenfalls um einige (also einige!) Jahre jüngeren Frau, einer ehemaligen Miss Schweiz, im Ausland. Es klingt, als müsse man den an Spondylitis Ankylosans erkrankten Gitarristen eventuell so gar mit Hilfe eines Anwalts dazu bringen, seine wohl vertraglich festgelegten Presse­-Pflichten im Rahmen der anstehenden Filmveröffentlichung einzuhalten.

Just in dem Moment schneit Tommy Lee mit seiner um einige Jahre jüngeren (um einige Jahre!) und erst seit kurzem Angetrauten Brittany Furlan zur Tür herein, begrüßt alle Anwesenden mit jugendlichen Handschlägen, in der Linken eine Flasche mitgebrachten Rosés. Während Sixx sich mit zuckerfreiem Red Bull und mich mit Fijiwasser versorgt – Alkohol gibt es im Haus des trockenen Alkoholikers und Ex­Drogensüchtigen nicht viel – haut sich Lee um die Mittagszeit ein Gläschen Wein nach dem nächsten rein. La Dolce Vita eines unverbesserlichen Partyhengstes eben.

Als schließlich langsam klar wird, dass es sich bei der anwesenden Dame um die Journalistin („Oh Dude! You are the journalist?!“) handelt, wird in einem der vielen eher repräsentativen als wohnlichen Zimmer Platz genommen und zwar auf dem Teppich mit Leopardenmuster, weil die Stühle und Sofas wirklich so unmöglich repräsentativ um den mit orangenem Fell bezogenen Couchtisch herumstehen, dass man sich von dort aus nicht wirklich unterhalten kann. Man sitzt nun also am Boden mit einer Hälfte der berüchtigsten Rockband der Welt und lässt die mit Anekdoten gespickte Rückblende geschehen.

Und zwar von Anfang an, ab dem Jahr 1981, als ein räudiges Viererpack sich den Namen Mötley Crüe verpasste – mit den Umlauten ihres Lieblingsbieres „Löwenbräu“ oben drauf – und in ein abgeranztes Apartment in Westhollywood zog, um mit ihrer Musik, vor allem aber ihrem Auftreten, den unmittelbar be nachbarten Sunset Strip unumkehrbar auf den Kopf zu stellen. Kurz zuvor hatte Nikki mit seiner Band London Schluss gemacht, Tommys Suite 19 war die Luft ausgegangen, Vince Neil hatte Zoff mit seiner Cover­Truppe Rockandi und der Blues­vernarrte Mick Mars war sowieso gerade per Anzeige auf der Suche nach lauten, aggressiven Mitstreitern. In Kombination mit den richtigen Zufällen
– von denen lebt die Rockmusik schließlich – war die perfekte Basis für das De­büt TOO FAST FOR LOVE gelegt und ließ die Crue all das ins Unermessliche übertreiben, was die Kids schon bald durchdrehen lassen sollte: Punk­attitüde, harte Riffs, Sex und einen ganz eigenen Stil irgendwo zwischen Kosmetiksalon, Heavy Metal und Kloake. Sleaze eben.

Ihr sogenanntes „Mötley House“ – ein Kakerlaken­verseuchtes Loch nahe dem Whisky A GoGo – zog Kollegen wie David Lee Roth sowie eine Horde paarungswilliger Blondinen magisch an und mauserte sich schon bald zum Afterparty­-Zentrum des Strips: Sodom und Gomorrha, konzentriert auf zwei Zimmer, Küche, Bad. Hier wurde hemmungslos gefickt, geraucht und geschnupft, hier wurden Ohren an Tische genagelt und der völlig utopische Plan geschmiedet, bald als Stadionband brandschatzend und entjungfernd durch die Welt zu ziehen.

Wenn nicht gerade die Wohnung als Sündenspielplatz herhielt, wurde die Party in Tommy Lees Chevy­Van verlegt, der nicht nur seiner Band, sondern auch seiner damaligen Freundin treue Dienste erwies. Besagte Dame besaß ganz be­sondere Fähigkeiten. Fähigkeiten, die gleich zu Beginn des neuen Films mehr als bildgewaltig dargestellt werden.

T: Lustige Geschichte. Ich hatte damals diesen Minibus und diese Freundin. Sie konnte squirten (Squirting beschreibt die Fähigkeit einer Frau, beim Orgasmus Flüssigkeit abzusondern. Anm. der Redaktion) und ich war total besessen davon. Mein Van war innen mit Teppich ausgekleidet, du kannst dir also vorstellen, wie das Zeug da drin kleben blieb, weil wir ständig fickten und sie herumspritzte. Ich werde nie vergessen, wie ich mal meine Mutter abholte und sie auf dem Beifahrersitz schnupperte: „Tommy, es riecht so seltsam hier drin.“ (lacht) Ich wusste natürlich, was es war, aber meinte nur: „Ach, wirklich? Ich riech gar nix.“ Es stank ja nicht, aber es war irgendwie…

…Shrimpig?
N: Shrimpig sagst du? (lacht) Lass uns bei shrimpig bleiben.
T: (lacht) Nein, es roch eben nach Körperflüssigkeiten, nicht fischig. Ich kann es nicht so gut beschreiben, aber es war definitiv etwas beißend.

Vielleicht solltet ihr begleitend zum Film ein Parfüm mit diesem Geruch rausbringen.
N: (lacht) Das wäre eine tolle Marketingidee! Oh Mann, ich erinnere mich gerade daran, wie wir Tommys Schlagzeug in den Van luden, während Vince dieses Mädel auf dem Rücksitz bumste. Und wir nur so: Dude, wir müssen da jetzt rein!

Hattet ihr mal mit dem Gedanken gespielt, gleich einen Porno aus dem Film zu machen?
T: Naja, wir haben uns schon gefragt, wie die Altersbeschränkung ausfallen würde…
N: (lacht) Ich meine, die Anfangsszene, als dieses Mädchen das ganze Zeug durch die Luft schießt.

Kommen da wirklich diese Mengen an Flüssigkeit raus?
N: Jaja! Es gibt einige ganz besondere Frauen da draußen! (lacht) Ich habe gehört, man kann das sogar lernen. Mich würd’s trotzdem nerven. Jedes Mal die Laken wechseln, die Wände neu streichen und ständig dieser Geruch.“ (lacht)

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