Titelstory: Mötley Crüe – Elendes Dreckspack!

Tommy und Vince hassten sich bis aufs Blut, zudem spurtet ersterer von einem Gerichtstermin zum nächsten, um das geklaute und hinter seinem Rücken veröffentlichte Urlaubs-­SexTape von ihm und seiner Frau Pamela Anderson zurückzuklagen. Als Sahnehäubchen oben drauf musste er wenig später außerdem eine viermonatige Haftstrafe wegen häuslicher Gewalt ab­ sitzen. Immerhin be­suchte ihn Nikki Sixx wöchentlich, vor allem, um den Schlagzeuger vor einem endgültigen Austritt aus der Band abzuhalten, da sich Lee musikalisch in eine andere Richtung entwickeln wollte. Nach seiner Entlassung ließ er sich dazu bewegen, seine neue, von Hip­Hop beeinflusste Band – die Methods Of Mayhem – als Nebenprojekt anzulegen und trotzdem seine Pflichten bei Mötley Crüe zu erfüllen. Vorerst.

Nach einer weiteren Eskalation mit Vince schmeißt er schließlich das Handtuch. Auf dem folgenden Album NEW TATTOO, das via „Mötley Records“ veröffentlicht wird, ist Ozzy­-Osbourne-­Schlagzeuger Randy Castillo an den Drums zu hören, auf der Tour trommelt jedoch Samantha Maloney, da Castillo wenig später seiner Krebserkrankung erliegt. Danach gehen alle vier bzw. drei vorerst getrennte Wege und halten nur gelegentlich Absprache, um ihre geplante Bandbiographie im Jahr 2001 planmäßig veröffentlichen zu können.

Auf 426 Seiten beschreibt „The Dirt“ die aufregende Achterbahnfahrt der Crüe schonungslos ehrlich aus den jeweiligen Einzelperspektiven der Bandmitglieder, Manager und engen Vertrauten. Das Buch führte damals zahlreiche Bestseller­Listen an und verleitete sowohl hartgesottene Fans als auch harsche Kritiker zu ekstatischen Jubelstürmen. Erst 2004 trat die Crüe wieder in Fleisch und Blut an die Öffentlichkeit: Nachdem Konzert­Promoter Mags Revell im Namen aller Mötley­Fans nachdrücklich nach einer Reunion verlangt hatte, ließen sich alle Originalmitglieder zu einer gut besuchten Tournee hinreißen, die zunächst vor allem aus geschäftlichen Gründen in Angriff genom
men wurde.

Motley Crüe Press

Die im Zuge dessen erschienene Best-Of-Compilation mit dem Titel RED, WHITE & CRÜE war immerhin mit drei neuen Aufnahmen gespickt und machte Hoffnung auf eine weitere musikalische Zusammenarbeit der vier. Dieser Wunsch wurde 2005 und 2006 prompt mit der ausgedehnten „Carneval Of Sins“-Tour erfüllt. Ganze acht Jahre nach NEW TATTOO dann ließen sich Mötley Crüe zu einem neuen und letzten Album hinreißen: SAINTS OF LOS ANGELES basierte auf den Geschichten der Bandbiographie und wird von vielen bis heute als Comeback-Platte betrachtet, obwohl bis dato nie offiziell von einer Auflösung die Rede war. Diesen Schritt ging die wohl berüchtigste Rockband der Welt erst im Jahr 2014, als sie bei einer Pressekonferenz in Hollywood ihre Abschiedstour unter dem Motto „All Bad Things Must Come To An End“ ankündigten und diese sogar vertraglich bindend festsetzten – den Fans sollte so die Sicherheit gegeben werden, dass Mötley Crüe wirklich aufhörten und nicht nur die Ticketverkäufe ankurbeln wollten. (An dieser Stelle ein Gruß an die Scorpions!)

Am Silvesterabend 2015 gaben sich die vier im Staples Center in Los Angeles zum allerletzten Mal live die Ehre, inklusive technischem Zwischenfall auf Tommy Lees Schlagzeug-­Achterbahn. Ob der kommende Film und die neuen Songs, die mit Bob Rock in Vancouver aufgenommen wurden, nun das wirklich sichere Ende der Fahnenstange bedeuten, wird die Zukunft zeigen.

T: (An Autorin) Hat dir der Film eigentlich gefallen?

Ja, sehr gut sogar. Ich hätte gerne noch länger geschaut...
N: Als die Rechte noch bei Paramount lagen, hatten wir Angst, dass der Film in die Richtung von „Rockstar“ gehen könnte. Wir wollten, dass er die Textur von „Boogie Nights“ und das Temperament von „Good Fellas“ vermischt. Dir ist vielleicht aufgefallen, dass bei uns sehr viel Narration vorkommt, das rührt von diesen Inspirationsquellen.
T: Als wir eine Auswahl an Regisseuren trafen, war Jeff auch vor Ort und ich war recht voreingenommen, weil ich dachte: Das ist nicht der richtige Typ für uns, denn unsere Geschichte ist keine Komödie. Klar sind viele coole Sachen passiert, aber auch viel Tragisches. Er ist ja bekannt für „Jackass“ und das ganze verrückte Zeug, das er so dreht. Aber er meinte nur: „Ihr habt keinen blassen Schimmer, ich werde euch verdammt stolz machen!“ Und ich dachte mir: Wow, der Dude nimmt das echt ernst. Als Nikki und ich nach New Orleans flogen, um das Set zu besichtigen… Fuck!
N: (nimmt seinen kindlich begeisterten Kollegen verbal etwas an die Hand) Worauf Tommy anspielen will ist, dass der Typ kapierte, worauf es bei uns ankommt. Als wir aufwuchsen, waren alle Autos aus den 70ern, die Leute sahen aus wie aus den 70ern. Wir hatten zwar lange Haare, aber unsere Fans sahen noch nicht aus wie wir. Unser Publikum bestand aus Punks, New Wavern und den Valley­Kids, die den nächsten Trend suchten. Den fanden sie nicht bei den GoGos oder bei The Knack. Und das war die Geburt von Mötley Crüe. Ich finde, das kommt in dem Film gut raus.

Habt ihr durch den Dreh eure Geschichte nochmal durchleben können oder sogar müssen?
T: Ja! Als ich am Set der ersten Szene anwesend war, quasi in unserem alten Apartment, dachte ich mir: Das ist so verfickt, geil, real, seltsam und cool! Früher waren da haufenweise Kakerlaken, die wir dann immer mit unserem Haarspray abgefackelt haben. Darum waren am Set auch überall diese Brandspuren, und natürlich war da auch dieser verdammte Tisch, auf dem Nikki diesem Punk einen Nagel durchs Ohr gehämmert hat. Mega!
N: Zu anderen Bewerbern mussten wir klar sagen: Leute, das ist keine Komödie, sondern eine echte Geschichte. Ein Kampf dieser einzigartigen vier Charaktere. All das zusammengenommen hat die Musik befeuert. Wir trieben uns immer weiter an und da schlagen halt auch mal die Köpfe gegeneinander. Auch das kommt im Film vor, der Streit mit Vince und alles. Als ich ihn zum ersten Mal sah, ist mir manches echt unangenehm aufgestoßen. Wir wussten natürlich, was passiert, aber oft war es wie ein Schlag in die Eingeweide: Das mit Vinces Tochter, der Autounfall mit Razzle…

Das geht tief, ja. Wie sehr könnt ihr euch eigentlich mit den Schauspielern identifizieren?
N: Naja, ich habe Machine Gun Kelly für Tommys Rolle ausgesucht, weil er es einfach ist! Wir hatten schon andere Schauspieler, die sich Monate lang vorbereitet hatten, aber ich bin so froh, dass wir uns für ihn entschieden haben: Es ist total verrückt, er hat die gleiche Figur, einfach alles…

(Zu Tommy) Geht’s dir da genauso?
T: Ja! Stell dir mal vor, wie Nikki und ich nebeneinander sitzen und die Schauspieler vor unseren Nasen mimen. Sie hatten sich alle Nuancen unserer Bewegungen angeeignet, verdammt verrückt! Am Set dachte ich mir: Fuck! Als hätte ich gerade meinem blutjungen Ich zugesehen! Machine Gun Kelly meinte zu mir, dass er zwei Monate vor Drehbeginn jeden verdammten Tag geübt hat. Er hat all meine Bewegungen studiert. Ständig kam er zu mir und fragte mich aus: „Wie hast du dies und das gemacht.“ Er ist komplett eingetaucht, weil er mich stolz machen wollte. So viel Hingabe habe ich schon lange nicht mehr gesehen.
N: Ja, als wir in New Orleans beim Essen waren, schaue ich rüber zu Douglas und merke, wie er mich einfach nur anstarrt und jede meiner Bewegungen studiert. (lacht) T: Und sie haben uns gefragt: Was habt ihr euch dabei gedacht, verfickt noch eins!? Weil sie ständig in High Heels rumlaufen mussten. (lacht)

Ihr wart ja als Co­Produzenten mit an Bord. Wie viel Mitsprache hattet ihr beim Plot?
N: Wir hatten überall ein Auge drauf. Gerne hätten wir mehr aus Micks Kindheit erzählt, aber der Platz ist einfach so begrenzt. Ich liebe dafür den Moment im Film, wenn Tommy und ich uns kennenlernen. Genau da entstand das Band zwischen uns, das bis heute existiert. Ich kenne ihn länger als all meine Familienangehörigen, Freunde, Frauen. Wir haben jetzt fast 40 Jahre hinter uns.
T: Das wird dir erst bewusst, wenn du einen Schritt zurückgehst und nicht mehr in der Sache drin steckst. Und alle leben noch! Wann siehst du schon Bands, deren Gründungsmitglieder noch alle da sind? Vielleicht bei Aerosmith…

Müsstet ihr die Rolle eines jeden Mitglieds von Mötley beschreiben, was würdet ihr sagen?
T: (deutet auf Nikki) Der Typ ist der verdammte…
N: Oh, was kommt jetzt? „Der verdammte Idiot der Band“? (lacht)
T: Nee, eher der verdammte Präsident! (lacht)
N: Oh, aber nicht wie DER Präsident! (lacht)
T: Nein, nicht wie Trump. Aber du bist ein Typ, der immer alles im Blick hat.
N: Ich würde sagen, ich bin die Mama.
T: (knufft mich lachend in die Seite) Eine ganz schön heiße Mama, oder?

Eine echte Milf! (Abkürzung für „Mom I’d Like To Fuck“. Anm. der Redaktion)
N: Gut, ich bin die Milf der Band! (lacht) Ich habe immer darauf geachtet, dass alles fair abläuft. Alles musste gleichberechtigt sein, immer vier! Oft ist das eine saudumme Rolle, weil du dein Bestes geben und zugleich deine Kompetenzen nicht überschreiten willst.
T: Und manche Leute schimpfen dich dann einen Kontrollfreak, das ist aber völliger Schwachsinn. Man kann sich über so viel unwichtige Scheiße aufregen…

Wie lief das eigentlich mit den neuen Songs ab? Habt ihr da wirklich zusammengearbeitet oder einfach nur die Dateien rumgeschickt?
N: Wir haben die Demos aufgenommen, dann haben Tommy und ich sie praktisch zusammen eingespielt und alles geschnitten. Danach gingen Vince und Mick ins Studio. Kurz und schmerzlos. Eigentlich hatte ich jeden Song ›The Dirt‹ genannt und nur durchnummeriert. Das Label wollte alle Tracks veröffentlichen, unter der Bedingung, dass wir die Refrains neu schreiben. Ich daraufhin nur so: „Äh, okay, wird gemacht.“ Dann habe ich Tommy angerufen und gemeint: „Wir schreiben den Refrain nicht neu! (lacht) Wir ändern einfach nur die Titel!“ ›The Dirt 2‹ heißt jetzt halt ›Crash And Burn‹ und so weiter. Wir haben uns also nicht an die Regeln gehalten.

Wieder mal!
T: Genau. (lacht) Noch besser war, als Nikki ankam: Dude, ich habe diese verdammte Idee, aber ich trau mich nicht mal, sie dir zu zeigen, weil du es hassen wirst.
N: Ich wollte mich im Bad verstecken, während er es sich anhörte.
T: Dieses Madonna­Cover. Er hatte so Recht damit, denn wenn er mir das einfach erzählt hätte, hätte ich sofort „Nein“ gesagt.
N: Während eines Spaziergangs dachte ich: Was, wenn Mötley Crüe ›Like A Virgin‹ covern würden? Und Vince singt „like a Virgin, touched for the very first time“ mitten in der #metoo­Debatte! Dann sagte ich mir: Witzig, aber eine schreckliche Idee. Dennoch rief ich Bob Rock an, aber er war nicht überzeugt. Dann habe ich einfach eine Demoversion aufgenommen und sie Tommy vorgespielt. Er mochte es!
T: Totaler Killer, Dude! Und es ist trotzdem heavy und klingt nach Mötley. N: Und da ist dieser Wink Richtung ›Enter Sandman‹, eine Hommage an Bob Rock und Metallica.

Was denkt ihr eigentlich von der heutigen Rockszene so?
N: Ich habe mich letztens mit einem Freund von mir, einem Tourmanager, unterhalten über all die jungen Bands. Ich wollte wissen, wie es heute so abgeht, Rock’n’Roll­Lifestyle eben. Er meinte nur: „Alles brav: keine Drogen, kein Alk.“ Ich fragte: „Warum sind die dann überhaupt in einer Band? Am Ende kommen die auch noch gut miteinander aus. Und machen Yoga.“ (lacht)
T: Wie langweilig. (lacht) Gestern fragte mich jemand nach neuen Rockstars und mir fiel niemand ein. Ein Rockstar muss doch irgendwie verrückt sein, einer, bei dem man nie weiß, ob er es zur nächsten Show schafft oder vorher doch noch an einer Überdosis kollabiert. Solche Leute müssen wandelbar sein, dich immer wieder überraschen.
N: Ich finde, Rapper haben den Staffelstab übernommen.
T: Ja total. Die schmeißen mit Geld um sich, überall dicke Titten! N: Und dann kommt unser Label und hat Bedenken wegen der neuen Songs, weil sie von Koks, Sex und Brüsten handeln. Ich verstehe ja, dass man da eine zensierte Version fürs Radio machen muss, aber wir leben in einer Streaming-­Welt und niemand würde auf die Idee kommen, diesen Rappern zu sagen, sie sollen ihre Texte bitte an Nancy Reagans Vorstellungen anpassen. Interessant, dass Rockbands das scheinbar tun müssen…

Das Verwegene ist ein wenig aus dem Rock’n’Roll verschwunden…
N: Vielleicht hilft unser Film ja. T: Für einige Leute wird es ein Trip direkt zurück in die 80er sein, vielleicht denken die sich ja dann: Fuck, so geil war es damals? Das sollten wir auch machen!

Oder lieber nicht! Sagt mal, habt ihr eigentlich die Bücher des anderen gelesen?
T: Ähm… In Nikkis habe ich sicherlich reingeschaut, aber das von Vince habe ich nicht gelesen.
N: Als ich die Bücher bekommen habe, habe ich schon mal reingelesen. Hier und da….
T: (will sich jetzt dringend rechtfertigen) Hey, halt mal! Ich habe mit diesen Typen gelebt, getrunken, gegessen, gefickt…
N: Genau, wir müssen das Buch des anderen nicht lesen.

Gute Ausrede! (lacht)
T: (lacht) Das ist keine Ausrede. Außerdem hasse ich es, zu lesen.
N: Von jetzt an nur noch Hörbücher. Und Yoga! (lacht)
T: Genau! So, und jetzt verpiss dich endlich, Jacky! Kleiner Scherz. (Knufft mich lachend)

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here