Titelstory: Mötley Crüe – Elendes Dreckspack!


Dementsprechend gibt es auch keine Reue?
T: Nein! Alles, was wir durchgemacht haben, hat unsere Persönlichkeit geprägt.
N: Es ging ja auch nicht nur um die Drogen und die Weiber. Unsere ganze Haltung dem gegenüber, was wir wollten, war entscheidend. Wir wollten schon immer eine Stadionband sein, sogar als wir noch im Wohnzimmer von diesem Mädchen mit dem Wasserbett spielten. Auch als wir noch in diesem kaputten Haus lebten, sprachen wir schon so, weil wir mit Stadion­-Künstlern aufgewachsen sind. Nimm Elton John als Beispiel: die ab gedrehten Klamotten, aber auch die Musik, seine Texte. Oder Aerosmith oder die Stones. Wir meinten damals also nicht: Hey, lass uns wie The Knack oder die GoGos sein! Nein, wir wollten nicht ins Schema passen.

Nach der Veröffentlichung von SHOUT AT THE DEVIL wurden Mötley Crüe in die Starliga katapultiert und mussten mit all den Freuden und Leiden angehender Rockgiganten umgehen lernen. Was sie natürlich nicht taten: Man stelle sich vier Kids (okay, Mick war älter) in ihren 20ern vor – einer davon mit einer komplett kaputten Familiengeschichte (Sixx), der zweite ein sexsüchtiger Schönling aus dem Ghetto (Neil), ein anderer im Besitz der Affektkontrolle eines Fünfjährigen (Lee) und der letzte erkrankt an einem Dämon, der seine Wirbelsäule jeden Tag mehr Richtung Boden drückt (Mars). Man gebe diesen vier emotionalen Baustellen nun eine Menge Geld, Ruhm, verfrachte sie auf endlose Tourneen und enthebe sie jeglicher Verantwortung. Die Konsequenzen dürften absehbar sein.

Der erste wirkliche Tiefschlag ereignete sich im Dezember 1984. Bei einer Party in Vince Neils Haus in Redondo Beach geht das Bier aus, er und Hanoi­Rocks-Drummer Razzle steigen völlig besoffen in seinen neuen DeTomaso Pantera – ein heißer Schlitten mit mächtig PS unter der Haube – und rasen zum nächst gelegenen Liquor Store.

Auf dem Rückweg verliert Vince die Kontrolle über seinen roten Sportwagen und kollidiert mit einem entgegenkommenden Auto: Razzle stirbt noch am Unfallort im Alter von 24 Jahren. Dass Mick Mars während dessen klatschnass am Strand liegt und sich fast das Leben genommen hätte, geht im Katastrophenwirbel dieser Nacht unter. Vince Neil wird vorerst zu 25.000 Dollar Bewährungsstrafe und 30 Tagen Haft verurteilt (von denen er nur 19 Tage absitzt) und muss in eine Entzugsklinik.

Von seinen Bandkollegen hörte er in dieser Zeit nur wenig: Sie waren zu beschäftigt mit sich selbst und darüber hinaus voller Vorwürfe ihrem verantwortungslosen Sänger gegenüber. Und das, obwohl es jeden von ihnen hätte treffen können. Sie alle waren schließlich zügellose Alkoholiker und Drogenabhängige, die versuchten, ihre kaputten Beziehungen, Triebe und Wünsche mit gefährlichen Genussmitteln ab wechselnd zu bändigen oder weiter an­ zufachen. Mit Razzles Tod hatten Mötley Crüe damals unbewusst eine Abwärtsspirale losgetreten, die erst viele Jahre später enden sollte. Zwar gingen sie kurze Zeit später wieder ins Studio, um dort in Gedenken an ihren verstorbenen Musiker­lollegen das Album THEATER OF PAIN aufzunehmen, doch die euphorische Unbeschwertheit der Anfangstage hatte sich schlagartig verflüchtigt.

N: Im Nachhinein betrachtet ist es echt hart, dass wir in gewissen Phase nicht füreinander da waren. Ich habe mich durch den Film gefragt: Warum waren wir so in uns gefangen? Ich meine, das mit Vince… Und Mick war so krank und wir haben einfach. (zögert) Wir hatten einfach die Verbindung zueinander verloren.
T: Wir waren ja auch so jung. Der Erfolg und das Geld lässt dich vergessen, was wichtig ist. Nicht direkt vergessen, aber es tritt in den Hintergrund. Du kannst auf einmal Flugstunden nehmen, die sind dann plötzlich wichtiger als die Bandproben. Erfolg ist wundervoll, aber er schickt Leute auch in unterschiedliche Richtungen, er ist ein trennender Faktor. Für Bands, Familien, Freunde.“

Trotz der vor allem für Vince kaum auszuhaltenden Situation innerhalb der Band und trotz Nikkis zunehmender Heroin­paranoia – zu dem Zeitpunkt gab er geschätzt 5.000 Dollar am Tag für Drogen aus – schaffte es die Crüe mit THEATER OF PAIN erneut, eine andere Richtung einzuschlagen: Ihre Outfits wurden glamouröser, das Make­Up feminin und das Album musikalisch betrachtet großteils sehr poppig mit einer für Mötley Crüe bis dato völlig neuen Komponente: einer Ballade.

N: Wir haben uns damals bei THEATER OF PAIN so gewandelt, weil auf einmal alle SHOUT AT THE DEVIL imitierten, also wollten wir weg davon. Deshalb schrieben wir ›Home Sweet Home‹, einen Song, den das Label nicht mal veröffentlichen wollten, und wir spielten das Cover, weil wir das schon immer gern getan hatten. Das waren alles absichtliche Schachzüge. Wir blätterten durch europäische Modemagazine, ich las ein Buch über Komödien und Tragödien. So wollten wir unsere ganze Karriere lang arbeiten, denn wir waren immer begeistert davon, Ideen zu haben und diese dann zum Leben zu erwecken, bloß um beim nächsten Mal wieder alles anders zu machen. Die Essenz unserer Gruppe ist, dass es diese vier skurrilen Charaktere brauchte, um all das möglich zu machen. Es war also ein durchdachtes Konzept hinter THEATER OF PAIN. Viele Leute heute empfinden das als unsere Initialzündung. Aber es war nur ein Teil unserer Reise.

Man schreibt das Jahr 1987. Tommy Lee ist mit Heather Locklear verheiratet und versucht, seine kaputte Ader vor dem blonden Schauspieler-Sweetheart zu verstecken. Vince Neil vergräbt sich und seine Probleme im Fleisch nackter Schlamm­-Wrestlerinnen, ein aufgedunsener Mick Mars mäandert im Zustand akuter Dauertrunkenheit herum und ist – ja, wie ist Mick Mars eigentlich? – und Nikki Sixx sitzt selbstgerecht und völlig verlassen in dem Drogengrab, das er sich selbst schaufelt. Das nächste Album müssen sich Mötley Crüe mühsam aus den Nasen ziehen, vielleicht handelt GIRLS, GIRLS, GIRLS deshalb eher plump vom klassischen Rock’n’RollLebensstil, der sich zwischen Stripclubs, Motorrädern und Kokainhaufen abspielt.

Motley-Crue-Girls-Girls-Girls-Photo

Die folgende Welt­Tournee wird zum monströsen Kraftakt für alle Beteiligten und kulminiert in Japan: Aufgestaute und niemals ordentlich kommunizierte Emotionen treffen auf kindliche Wut und hilflose Übersprungshandlungen. Nicht mal die warnenden Worte ihrer früheren Ikonen, den Toxic Twins von Aerosmith, können Mötley Crüe vorm Ärgsten bewahren: Als die Band über die Weihnachtsfeiertage nach Hause fliegt und sich Nikki Sixx während einer Party mit Slash und Steven Adler von Guns N’ Roses von seinem Dealer Heroin spritzen lässt, stirbt er für zwei ganze Minuten.

Die geplante Europa­Tour wird daraufhin von Doc McGhee abgeblasen, der damals überzeugt war, dass seine Truppe bei ihrem Heimflug in Leichensäcken abgeliefert werden würde. Eine band­übergreifende Entziehungskur stand als Folge auf dem Plan, nachdem die Crüe McGhee wegen seines unglücklichen Bandmanagements bei dem von ihm initiierten „Moscow Music Peace Festival“ gefeuert hatte. DR. FEELGOOD wurde 1989 zur ersten Platte, die das Quartett komplett nüchtern aufgenommen hatte. Mit großem Erfolg…

N: Als wir für DR. FEELGOOD nach Vancouver gingen, war das das Beste überhaupt. Bob Rock hat uns total richtig eingeschätzt und verschanzt. Du wachtest auf und hattest ein Ziel: die Platte machen.“
T: Es regnete jeden Tag. Keinerlei Ablenkung. Und so haben wir unser erfolgreichstes Album aufgenommen. Jeder war höllisch konzentriert. Okay, manchmal gingen wir auch in Stripclubs.“
N: Bob Rock erzählt gerne die Geschichte, wie wir uns mal als Holzfäller verkleidet haben, um unauffällig in eine Nacktbar zu gehen. Das war nämlich ei gentlich verboten…
T: Oh ja, stimmt! (Haut mir auf den Schenkel) Wir hatten falsche Bärte, Flanellhemden, riesige Jacken, damit wir dick aussahen. Dude, das hab ich total vergessen. N: Und wir gingen in das „Orange No. 5“ und das Mädchen am Einlass gleich so: Hey Tommy, hey Nikki! (lacht laut)

DR. FEELGOOD wurde Mötley Crües erstes Nummer-­Eins-Album und schleuderte die eisern nüchterne Truppe abermals in einen erbarmungslosen Tour­-Zyklus, bis die Luft nach über zwei Jahren schließlich komplett raus war: „Das ist wie mit einer Erektion: Für ein paar Minuten fühlt es sich großartig an, aber wenn sie nicht mehr weggeht, tut es richtig weh“, so pflegte Nikki Sixx das ständige Spielen-Müssen zu umschreiben. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass jeder Teil der Band langsam aber sicher wieder in seine alten Muster zurückfiel, um die Endlosschleife, in der man sich gefangen sah, besser ertragen zu können.

Nachdem 1991 die erste Best-Of­-Compilation mit dem Titel DECADE OF DECADENCE erschienen war, wäre es an der Zeit gewesen, wieder ins Studio zu gehen. Doch Vince Neil widmete sich lieber seiner neuen Leidenschaft, dem Autorennen, und versank zudem wieder tief im Alkohol­sumpf. Zu tief. Als er wiederholt völlig zu spät zu den Proben erschienen war, platzte allen der Kragen: Ob Neil kündigte oder rausgeschmissen wurde, daran kann sich keiner mehr so recht erinnern, wahrscheinlich liegt die Wahrheit irgendwo in der Mitte eines explodierenden Wortgefechts.

Als der blonde Engel 1993 deshalb sein erstes Solo­projekt startete, heuerte John Corabi 1994 als neuer Sänger bei der Crüe an, um das kommende Album mit dem schlichten, aber bedeutungsschwangeren Titel MÖTLEY CRÜE gesanglich zu unterstützen. Es war ein Versuch, fokussiert nach vorne zu blicken, zumindest teilweise auf der alles überrollenden Grunge-­Welle zu surfen und sich von den zu Fesseln verhärteten Goldsträhnen der Vergangenheit zu lösen. Erneut wurde Bob Rock engagiert, um das FEELGOOD­-Wunder zu reproduzieren. Doch die angepeilte Rechnung ging nicht auf: Vince Neil mag vielleicht zum Entstehungsprozess der Musik selbst nie viel beigetragen haben – er fungierte „nur“ als Interpret von Nikkis Songs – doch war er eine schillernde Figur, ein energetischer Frontmann mit eigenwilliger Stimme und deshalb, vor allem aus öffentlicher Sicht, ein Herzstück der Crüe.

N: Oh Gott, weißt du, wofür ich mir selbst am liebsten eins in die Fresse gegeben hätte? Nachdem wir John Corabi ins Boot geholt hatten, mussten wir dieses große Interview auf MTV geben. Die Leute dort waren verdammte Arschlöcher! Im Film sieht man ja, wie Vince die Sendung anschaut und ich irgendwas quassle wie (mit verstellter Stimme): „Wir haben ein Viertel aus der Band herausgenommen und durch ein stärkeres Viertel ersetzt.“ So bescheuert! Ich weiß noch, wie ich rumgestopselt habe, weil die Typen uns wirklich gegrillt haben und nicht verstehen konnten, warum diese große Band einfach den Sänger austauscht. Dabei waren wir so stolz auf diese Platte… Ich habe durch den Film nochmal gelernt, dass es dieser Kleinscheiß am Ende echt nicht wert ist. Wir hätten mit Vince da­ mals anders um gehen sollen. Er kam nicht zu den Proben, weil er trank. Wir waren alle trocken und hatten ein Problem damit. Trotzdem hätten wir das freundschaftlich besprechen und das Corabi-­Album als Nebenprojekt laufen lassen sollen. Danach wäre wieder Mötley auf dem Plan gestanden. Dieser Streit hätte die Band nicht auseinanderbringen dürfen.

Als wäre Vince zu diesem Zeitpunkt nicht schon gebeutelt genug gewesen, traf den Sänger doch völlig aus dem Nichts ein weiterer Schicksalsschlag: Seine drei Jahre alte Tochter Skylar wurde mit Blinddarm-­Symptomen ins Krankenhaus eingeliefert, doch dann die Schock­Diagnose: Ein riesiger Tumor wächst im Bauch des Mädchens und Skylar Neil stirbt binnen weniger Wochen. Ihr Vater trinkt nach ihrem Tod mehr denn je. Erst nach einer psychologisch betreuten Entziehungskur rappelt er sich sehr langsam wieder auf. Doch zu richtiger Trockenheit sollte es der ehemalige Sunnboy nie mehr bringen. An diesem Zeitpunkt der Bandgeschichte überschlagen sich die Ereignisse:

Mick Mars zieht sich immer mehr in sein krankheitsbedingtes Schneckenhaus zurück – der „graue Geist“, wie er seine Krankheit nennt, verschlingt ihn – und er verfällt in eine tiefe Depression. Da außerdem die Corabi-­Platte gefloppt war, liegt dem Label und allen Involvierten viel daran, die Originalbesetzung wieder zusammenzubringen und das, obwohl die Fronten noch immer verhärtet sind. Am Ende siegt jedoch die Maschinerie mit Hilfe von Manager Allen Kovacs Fingerspitzengefühl und Überzeugungskraft, was so viel bedeutet wie: Corabi raus, Neil rein. Auch wenn Mötley Crüe auf ihrem nächsten Album GENERATION SWINE von 1997 offiziell wieder vereint sind, so hatten sich die vier auf zwischenmenschlicher Ebene stärker voneinander entfernt als je zuvor.

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