Jesse Hughes ist ein absolutes Unikat. Eine kleine Kostprobe davon gefällig, wie der Fronter der Eagles Of Death Metal drauf ist? Okay, aber bitte erst hinsetzen. Gut. Hier also nun Jesse „The Devil” Hughes über die Heransgehensweise an sein erstes Solowerk HONKEY KONG: „Es enthält Songs, zu denen man tanzen kann. Ich wollte eine Rockplatte machen, die eher zu George Clinton tendiert als zu Ted Nugent. Und genau das bringt es auf den Punkt“, so der passionierte Schnauzbartträger – und setzt dann zu einer gewagten Metapher an: „Ich habe George Clinton genommen, ihn vornübergebeugt und mit Gary Numan (Electro-Pionier – Anm.d.R.) die Scheiße aus ihm rausgevögelt. Wobei übrigens Little Richard als Schwanz zum Einsatz kam.“ Klar, redet der 38-Jährige nur über Musik, aber trotzdem ist man erstmal baff. Immerhin lässt Jesse sich selbst nicht außen vor. Er hat mit Produzent Tony Hoffer das Konzept verfolgt, „von Wundern vergewaltigt” zu werden. „Dabei belästigst du dein inneres Kind und schändest gleichzeitig deine feminine Seite – und zwar inmitten eines Schallwirbels.” Wenn er meint. Jedenfalls lassen wir uns die Drogen, die Hughes nimmt, besser nicht andrehen…
Boots Electric
Kasabian
VELOCI-was? Genau wie bei ihrem letzten Album WEST RYDER PAUPER LUNATIC ASYLUM von 2009 haben Kasabian für Album Nummer vier einen nicht gerade eingängigen Titel gewählt: VELOCIRAPTOR. Das ist kein Gefährt, sondern eine gefrässige Dinosaurier-Gattung, bekannt aus Steven Spielbergs Kino-Hit „Jurassic Park“. „Das war Toms Idee“, grinst und lacht Bassist Chris Edwards, der es sich in einem Hotelzimmer in Ungarn gemütlich gemacht hat, ins Telefon. Sänger Tom Meighan wollte seine Band ursprünglich The Velociraptors nennen. Die in Rudeln jagenden Dinosaurier waren angeblich die Einzigen, die es mit dem Tyrannosaurus Rex aufnehmen konnten. „Stimmt, aber eben nur in der Gruppe“, erklärt Edwards. „Genau wie Kasabian: Solange wir zusammen Musik machen, können wir es auch mit den großen Jungs aufnehmen.“
Kasabian scheinen offenbar eine eingeschworene Truppe zu sein. Was Edwards bestätigt: „Wir sind wie Brüder. Ohne die anderen würden wir uns wohl ein bisschen verloren fühlen“, sagt er. Verständlich, denn seit über zwölf Jahren musizieren die vier Rocker gemeinsam. Seit dem Release ihres Debüts im Jahr 2004 avancierten sie zum Aushängeschild des Brit-Rock. In ihrer Heimat können Kasabian zwei Nummer-eins-Alben sowie zahlreiche Musikpreise vorweisen. Doch nicht nur mit ihrer Musik machten sie von sich reden. Insbesondere Fronter Meighan neigte dank seines ausgeprägten Selbstbewusstseins in der Vergangenheit öfter zu abfälligen Verbalattacken gegen andere Künstler wie Bloc Party oder Pete Doherty.
Größenwahn hin oder her, Kasabian scheinen einiges richtig gemacht zu haben. Viele Rockbands, die im letzten Jahrzehnt Erfolge feierten, sind längst Geschichte. Kasabian behaupten sich nach wie vor zwischen rauschebärtigen Schwerenötern, die aussehen, als kämen sie direkt aus einer Waldhütte, und schillernden Megastars wie Lady Gaga. Das Erfolgsrezept von Kasabian? „Wir entwickeln uns mit jedem Album weiter“, meint Chris Edwards. „Man darf keine Angst vor Veränderungen haben. Sonst wird man schnell zu den Nachrichten von gestern.“
Kasabian machen keinen gewöhnlichen Rock‘n‘Roll. Die vier Musiker, die Indie-Rock einst als „langweilige, stumpfe Jingle-Jangle-Musik“ bezeichneten, verbinden verschiedene Einflüsse miteinander. „Man muss ein bisschen mit Musik herumspielen“, sagte Sänger Tom Meighan schon beim Release des ersten Albums.
Diesem Konzept bleiben Kasabian auch auf ihrem neuen Werk treu. Unüberhörbar ist der Einfluss von Hip-Hop. Kein Wunder, die Wurzeln von Dan „The Automator“ Nakamaru, der bereits die vorherige Kasabian-Scheibe produzierte, liegen in der afroamerikanischen Subkultur. Auch Gitarrist und Songschreiber Serge Pizzorno, aus dessen Feder ein Großteil der Kasabian-Songs stammt, steht auf Acts wie den Wu-Tang Clan oder Cypress Hill. Darüber hinaus kamen Kasabian bereits als Teenager mit elektronischer Musik in Berührung. Anfang der Neunziger entwickelte sich in und um Leicester, wo die vier Musiker aufgewachsen sind, eine pulsierende Rave-Szene. Die Jungs waren aber nicht jedes Wochenende in einer leerstehenden Fabrikhalle und haben sich die Seele aus dem Leib getanzt. „Dafür waren wir viel zu jung“, erinnert sich der heute 30-jährige Chris Edwards. „Wir haben uns mehr für die Musik interessiert und uns die Mix-Tapes gekauft.“
Diese spielerische Lust auf verschiedene, auf den ersten Blick konträre Genres haben sich Kasabian bis heute beibehalten. So erinnert etwa der Beat der Teaser-Single ›Switchblade Smiles‹ an Björks Song ›Innocence‹, der wiederum von Timbaland co-produziert wurde, während die Gitarrenriffs Rage Against The Machine zitieren. Auch ›Days Are Forgotten‹ ist ein solches von Hip-Hop-Beats getragenes Mash-up-Monster. Wohin wird diese Vorliebe für Musikrichtungen aller Art noch führen? „Wer weiß, vielleicht machen wir in fünf Jahren Folk-Musik, und Tom rappt dazu“, so Edwards. Kasabian sind jedenfalls noch lange nicht fertig mit uns.
Aber: Bis die vier Briten den Status von Rock-Dinosauriern wie den Rolling Stones oder U2 erreicht haben, ist es noch ein langer Weg. Fest steht, dass es Kasabian gemeinsam auch mit T-Rex Gaga aufnehmen: „Lady Gaga ist keine Gefahr für uns“, stellt Chris Edwards selbstbewusst klar. „Unsere Fans würden wahrscheinlich nie ihre Musik kaufen. Und letztendlich ist genug Platz für alle da.“
Puscifer
Maynard James Keenan ist eingeladen. Und wenn der Frontmann von Tool und A Perfect Circle hofiert wird, kommt er natürlich gerne – auch an einem Montagmorgen in eine amerikanische Radioshow. Zusammen mit seinen Kollaborateuren Matt McJunkins und Jeff Freidl stand er einem US-Sender Rede und Antwort zur neuen Puscifer-Platte CONDITIONS OF MY PAROLE. Und wie immer, wenn Keenan irgendwo aufschlägt, hat er auch dort ein bisschen Anarchie verströmt. Auf den Albumtitel angesprochen (der übersetzt „Meine Bewährungsauflagen“ lautet), reagierte der 47-Jährige mit einer Gegenfrage an den Moderatoren: „Bist du eigentlich vorbestraft?“ Der erwiderte locker: „Nein, da dürfte mir auch mein Bewährungshelfer zustimmen.“ Das beruhigte Keenan: „Gut, dann kann ich auch weiterhin mit dir in diesem Raum sein. Ich musste das fragen, das ist Teil meiner Bewährungsauflagen.“
So plötzlich kann‘s gehen, dass man in den Genuss von Keenans verqueren Humor und damit auch in den Genuss der „Puscifer-Experience“ kommt. Puscifer soll schließlich nicht nur eine simple (Ambient-)Rock-Band sein, sondern eine multimediale Erfahrung (für die Konsumenten) und ein Ventil (für den ach so unruhigen und umtriebigen Geist Keenans). Nicht wenige eingefleischte Tool-Fans waren darüber schon 2007 irritiert. Das Puscifer-Debüt V IS FOR VAGINA entpuppte sich als sperriges Werk, das von monotonen Songstrukturen und dem Umstand geprägt war, dass Keenan selbst kein Harmonie-Instrument spielen kann. Obendrein wussten viele nicht, was sie von den zahlreichen skurrilen Merchandise-Artikeln halten sollten, die über die Puscifer-Webpage vertrieben werden. Kosmetika aus dem Hause Keenan? Das war vielleicht das Guten etwas zu viel.
CONDITIONS OF MY PAROLE dürfte nun weniger Menschen vor den Kopf stoßen, schließlich sollte nun durchgedrungen sein, wohin Keenan – musikalisch und darüber hinaus – mit seinem Nebenprojekt will: wo immer es ihn hinträgt. Einfach war es für den gestandenen Progrock-Sänger nicht, diesen Stil zu finden, werkelte er doch insgesamt rund zehn Jahre am Puscifer-Sound sowie am ersten Album. „Ich war schon lange in Tool und A Perfect Circle – für Puscifer setzte ich mir vor allem das Ziel, dass es anders sein soll als alles, was ich bisher gemacht hatte“, entsinnt sich der Glatzkopf. „Das war einfach eine große Herausforderung für jemanden, der mehr als ein Jahrzehnt musikalisch das gemacht hat, was er immer macht. Dieses Mal war die Herausforderung nicht ganz so groß, denn wir hatten ja schon eine Identität.“
Puscifer sind sich ihrer selbst bewusst – das schafft Freiräume. So tüfteln Keenan & Co. u.a. an einer ausgefallenen Live-Show, die vielleicht optisch nicht ganz so aufwendig wie Tool-Gastspiele produziert sein wird, aber eine ganz eigene Dramaturgie haben soll. Eine Mischung aus Rockshow, Stand-up-Comedy und Performance-Art soll es sein, glaubt man den Ankündigungen im Hörfunk. „Wir haben dem Projekt den Spitznamen ‚Twin Peaks in der Wüste‘ gegeben“, plaudert Keenan aus dem Nähkästchen. „Darin vorkommen werden alle möglichen Daseinsformen: Geister, Außerirdische, mit Perlen besetzte Handtaschen, Republikaner, Demokraten, Hippies, Bauern… All diese Charaktere sind von Menschen inspiriert, die wir tagtäglich sehen: in Arizona, in dieser unheimlichen Stadt Cornville, wo ich lebe und mein Studio habe, in diesem unheimlichen Tal.“
Apropos Arizona: Dort baut Keenan seit mehr als einem Jahrzehnt zusammen mit Geschäftspartner Eric Glomski Wein an. „Caduceus Cellars“ heißt ihre Kellerei. Auf einem seiner Weinberge hat der bevorzugt Cowboyhüte tragende Keenan die Asche seiner 2003 verstorbenen Mutter Judith Marie verstreut. Den 2007er Jahrgang benannte er nach ihr: Er heißt „Nagual del Judith“.
Doch zurück zu Puscifer: Sollte das Kollektiv im Zuge der Veröffentlichung von CONDITIONS OF MY PAROLE ein paar Deutschland-Konzerte zustande bringen, darf man sich auf unterhaltsame Abende freuen. Im Radio präsentierten die drei Puscifer-Jungs auch den ersten fertigen Song ›Man Overboard‹. Maynard James Keenan wollte zu dem Stück selbst nichts sagen: „Ich finde es besser, wenn jemand das Lied erklärt, der nicht darauf zu hören ist.“ Jeff wendet ein: „Ich habe eigentlich schon ein bisschen was dafür eingespielt.“ Doch Keenan weiß es besser: „Das haben wir rausgeschnitten.“
Evanescence
Düster, dezent depressiv und kathartisch – das dürften die gängigsten Eigenschaften sein, mit denen man das bisherige Werk von Evanescence beschreiben kann. Alles andere als spaßig also. Doch genau das haben Amy Lee die Arbeiten am dritten Album (das in wenigen Tagen erscheint) gemacht: Spaß. „Das ist eine vollkommen neue Erfahrung für uns“, pflichtet die Bandchefin bei. „Immer, wenn ich mir unsere alte Musik anhöre, erinnere ich mich daran, wo ich zu dieser Zeit in meinem Leben stand. Bis hierhin war es eine lange, manchmal harte Reise. Diesmal geht‘s uns darum, alles weniger ernst zu nehmen.“
Evanescence, das war eigentlich immer eine Gruppe im ständigen Umbruch: Auf einer Europatour im Jahr 2003 wurde Gründungsmitglied Ben Moody geschasst, 2007 erwischte es Drummer Rocky Gray und Gitarrist John LeComp. Folglich hielten sich hartnäckig Gerüchte, Amy Lee führe ein (vielleicht zu) straffes Regiment. Derzeit herrscht aber ein harmonisches Klima bei den Emo-Rockern. „Ich habe mich noch nie so unterstützt von meinen Bandmitgliedern gefühlt“, erzählt Lee. „Wir haben uns wirklich aufeinander verlassen. Dass jeder von Grund auf an einem Album partizipiert hat, ist eine komplett neue Erfahrung für uns. Wir sind viel mehr eine richtige Band als jemals zuvor.“
Um dahin zu kommen, mussten Evanescence erst einen Produzenten verschleißen: Im Frühling 2010 enterte das Quintett mit Starproduzent Steve Lillywhite (u.a. U2, Peter Gabriel, Morrissey) das Studio. Das Ziel: eine etwas elektronischere Richtung einzuschlagen. „Aber es fügte sich nicht ineinander, Steve passte nicht. Wir experimentierten herum, ich hatte einige Songs in dieser Richtung geschrieben – doch wir konnten diese zwei Welten nicht vereinen.“
Nach Abbruch der Sessions stand die Zukunft von Evanescence eine Zeit lang sogar auf Messers Schneide, wie Lee gesteht: „Ich wusste nicht, ob wir überhaupt noch ein Album machen würden.“ Dann jedoch raufte sich die Truppe zusammen. Gitarrist Terry Balsamo, Bassist Tim Mc-Cord, Drummer Will Hunt und Elektroniker Will Hunt (die tragen wirklich beide ein und denselben Namen) zogen bei Amy ein, und gemeinsam schliff man am Material. Mit Rockproduzent Nick Raskulinecz (Foo Fighters) gelang dann vollends die Kehrtwende: „Wir lieben es, mit ihm zu arbeiten. Es macht so viel Spaß mit Nick.“
Poisonblack
DRIVE ist ein perfekter Titel für das Album“, findet Poisonblack-Sänger und -Gitarrist Ville Laihiala. „Denn die Lieder wurden allesamt im Namen des Rock‘n‘ Roll aufgenommen. Beim Hören entsteht unweigerlich das Gefühl, dass man sich fortbewegt.“ Also eine Platte, die wie gemacht ist für Autofahrten. Die Finnen vermengen auf ihrem fünften Album Blues mit Metal – ähnlich wie Metallica auf LOAD und RELOAD. Hinzugefügt hat Laihiala noch ein paar knackige Hooklines im Stile von den Landsmännern HIM. Das Ergebnis verströmt für Poisonblack-Verhältnisse ein ungewohnt positives Grundfeeling. Zurückzuführen ist dies auf die Willensstärke des 38-jährigen Bandchefs. „Wie immer habe ich die Lieder auf meiner Couch mit Hilfe meiner alten, beschissenen Akustikklampfe geschrieben. Dieses Mal kamen dabei aber energiegeladenere und weniger verzweifelte Stücke heraus. Das liegt wohl daran, dass ich vor einem Jahr mit dem Trinken aufgehört habe. Von daher stellte sich diese Alkohol-induzierte Depression einfach nicht mehr ein“, lacht Laihiala. Der neue Frohsinn hat sich auch in den Geschäftsbeziehungen von Poisonblack niedergeschlagen. Mit dem 2010 veröffentlichten OF RUST AND BONES hat das Quartett seinen alten Vertrag erfüllt und nun bei einem finnischen Label angeheuert. „Wir waren der Überzeugung, etwas verändern zu müssen, um diese Band am Laufen zu halten“, erklärt Ville den Entschluss. „Ich fühle nichts als Respekt für meine früheren Verbündeten und bin dankbar, dass sie den Job über all die Jahre erledigt haben. Doch wir wollten ein einheimisches Label und Management. Das macht es leichter, sie aufzuspüren und die Scheiße aus ihnen rauszuprügeln, sollten sie uns verarschen.“ Wie schön, dass Laihiala nur so sprüht vor Energie…
Hard-Fi
Vier Jahre nichts von sich hören lassen und dann sein Album direkt KILLER SOUNDS zu nennen, zeugt mindestens von Selbstbewusstsein. Immerhin: KILLER SOUNDS beschreibt die aktuelle Version von Hard-Fi vortrefflich. Frontmann Richard Archer hat nie ein Geheimnis aus seiner Vorliebe für die Musik der Achtziger gemacht – nun haben die Briten auf ihrem dritten Studioalbum Synthie-Pop mit New Wave verschmolzen. Maßgeblich daran beteiligt war Stuart Price – in der Indie-Szene mit seiner Kapelle Zoot Woman anerkannt, im Mainstream mit allerlei Produzentencredits ausgestattet. Zu seinen Schützlingen zählten bisher u.a. Madonna, die Scissor Sisters und die Killers. Mit ihm diskutierte Archer seine ersten Kompositionen: „Es war echt nett, mit einem Außenstehenden, der nicht auf Befindlichkeiten innerhalb der Band Rücksicht nehmen muss, darüber zu reden und zu erfahren, ob er z.B. jenen Refrain für groß genug hält.“ Zusammen mit Price, Alan Moulder und Greg Kurstin hat Archer KILLER SOUNDS produziert. Die Entscheidung, mit dem vielbeschäftigten Stuart Price ins Studio zu gehen, ist mitunter auch für die lange Wartezeit auf die Platte verantwortlich, offenbart Archer: „Letztendlich mussten wir uns neun Monate lange gedulden. Wenn du mit guten Leuten arbeiten willst, wartest du eben – weil du weißt, das sie das Warten wert sind.“
Jethro Tull: Hanau, Amphitheater
Ian Anderson & Co. zeigen, was Zeitlosigkeit ohne Patina bedeutet.
Ungebrochene Lust gealterter Rock’n’Roll-Ikonen auf immer neue Tourneen versüßt nicht nur der ersten Garde wie den Rolling Stones, Bob Dylan oder Neil Young lukrativ das Pensionsalter. Auch ein ehemals zottelhaariger Bürgerschreck namens Ian Anderson, der sich längst ein zweites Standbein mit Lachszucht im heimatlichen Schottland aufgebaut hat, lebt frei nach dem Credo des seligen Ganovenjägers Pater Brown: „Er kann’s nicht lassen.“
Pünktlich wie Beamte treten die Veteranen ihren abendlichen Dienst im proppevollen Hanauer Amphitheater an. Binnen Sekunden verwandelt sich Ian Anderson vom freundlichen älteren Herren, der noch eben angeregt hinter der Bühne plauschte, in einen mittelalterlichen Spielmann mit Kratzfuß, Querflöte und Akustikgitarre. Zum Auftakt gibt es ›Living In The Past‹, und das bleibt nicht der einzige Klassiker im Repertoire aus der Glanzzeit der Band, der lautstark bejubelt wird. ›Thick As A Brick‹ in Überlänge und das Instrumental ›Bourée‹ folgen. Selbst wenn in der Komparserie das mannshohe Kaninchen Harvey, ein Dirigent in Unterhosen und das weibliche Streicherquartett mit gepuderten Perücken fehlen, die Jethro Tull in den siebziger Jahren auf Tourneen zu begleiten pflegten – der Funke springt dennoch sofort über.
Anderson ist fast der Alte, auch sein (Ein-)Bein-Ritual bleibt, schließlich hat es sich längst zum Markenzeichen entwickelt. Mit launigen Plaudereien in akkuratem Hochenglisch unterhält Anderson zwischen den Evergreens. Gestattet seinen vier Mitstreitern, von denen der seit 1969 amtierende Gitarrist Martin „Lancelot“ Barre der dienstälteste ist, die künstlerische Freiheit der Improvisation – denn Jethro Tull halten die Fahne der künstlerischen Rechtschaffenheit nach wie vor hoch. Weitgehend originalgetreu lässt das Quintett zum 40. Jubiläum den Meilenstein AQUALUNG wieder auferstehen: ›Up To Me‹, ›Mother Goose‹, ›Hymn 43‹, ›My God‹, der Titelsong und als Zugabe ›Locomotive Breath‹ transportieren Zeitlosigkeit ohne Patina.
Kyuss Lives: Dortmund, FZW
Intensiv trotz Line-up-Veränderung.
Der Spaß ist ungebrochen. Bereits zum dritten Mal kehrt die reformierte Kyuss-Brigade nach Europa zurück, neben Gigs auf den großen Festivals stehen auch einige kleinere Hallenshows auf dem Programm. Und so ist die Schlange beim Einlass des FZW doch ordentlich, als die Wüstensöhne zur Huldigung aufrufen. Die spielen heute in anderer Besetzung als bei ihrer Tour vor einigen Monaten: Neben John Garcia, Brant Bjork und Bruno Fevery ist Scott Reeder am Bass dabei, da Nick Oliveri nach einem Beziehungsstreit verhaftet worden ist und eine Auslandsreise daher erst mal nicht auf dem Programm steht. Der Barfuß-Fetischist ist jedoch ein würdiger Ersatz, zeigt vollen Einsatz und verhilft Kyuss Lives zu einer ähnlich überzeugenden Performance wie bei den Gigs Anfang des Jahres. Höhepunkte sind nicht einzelne Songs, sondern die Art, wie die Band nach und nach ein dichtes Spannungsfeld aufbaut, das sich in ›Green Machine‹ entlädt.


