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Corrosion Of Conformity

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COC band shots (26)Anvil haben es richtig gemacht. Nach Jahrzehnten des brotlosen Rockens, in denen sie von zahlreichen Thrash-Metal-Kollegen als Überväter des Genres in den Himmel gelobt wurden, aber kaum noch die Wurst auf den Tisch bekamen, sorgten sie mit einem aufsehenerregenden Dokumentarfilm dafür, dass ihnen mit reichlich Verspätung die Anerkennung, volle Hallen und prall gefüllte Kontos zuteil wurden, die ihnen zustanden.

Genauso sollten das vielleicht auch die Südstaatenrocker von Corrosion Of Conformity machen, denn sie teilen ein ähnliches Schicksal. Diverse Platinseller geben in ihren kalifornischen Nobelanwesen zu Protokoll, C.O.C. hätten sie entscheidend geprägt, doch bis auf eine kurze Phase Anfang bis Mitte der Neunziger könnte die Truppe aus North Carolina aber nie kommerziell punkten. Entmutigen ließ sich die Band trotzdem nie, wie das neue Album zum 30. (!) Bandjubiläum eindrucksvoll unterstreicht. Pepper Keenan, der ab 1989 am Mikrofon stand und die größten, na ja, „Hits“ verantwortete, ist hier nicht zu hören, stattdessen stand erstmals seit ANIMOSITY nur das Kerntrio Woody Weatherman, Reed Mul-lin und Mike Dean im Studio.

Die Stärken der Band sind dabei dieselben geblieben: rußschwarzer, ölig poltender Blues-Metal, der Dreck, Voodoo und Rebellion aus jeder vernarbten Pore schwitzt. Klar, die Jungs wissen, was sie tun. Fehlt nur noch der richtige Dokufilmer, damit das endlich mal ein breiteres Publikum mitkriegt.

All Mankind

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All Mankind 2Ihren Bandnamen borgten sich die Australier vom Pearl Jam-Song ›Mankind‹ von deren Album NO CODE. Doch wer jetzt denkt, All Mankind würden auch musikalisch in die Grunge-Spuren des Quintetts aus Seattle treten, der irrt gewaltig. Denn die Australier haben sich ganz und gar dem Alternative-Rock der Marke Coldplay, Muse, Keane, Snow Patrol oder The Killers verschrieben. Eine eigentlich recht unaustralische Musikrichtung, weswegen es auch nicht wundert, dass die vier Musiker aus Sydney für die Aufnahmen ihres Debüts SIMPLE DESIRE ihrer Heimat den Rücken kehrten und sich nach Großbritannien be-gaben, genauer gesagt nach Liverpool. Unter den Fittichen von Produzent Mike Crossey (Artic Monkeys) beschloss das Quartet, das Album auf sehr traditionelle Weise aufzunehmen und auf zu viel modernen Schnickschnack zu verzichten. So nahmen die Musiker alle Songs live im Studio auf. Manchmal reichten wenige Takes, bis alle Beteiligten zufrieden waren. Diese Unbeschwertheit hört man SIMPLE DESIRE auch an. Die Songs sind frisch, natürlich, wenig gekünstelt und sehr ehrlich. Und das scheint sich auszuzahlen. „Die Reaktionen auf das Album sind bis jetzt sehr positiv“, strahlt Sänger Richard Beeston. „Ich bin gespannt, was dieses Jahr so alles auf uns zukommen wird.“

Black Keys

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The_Black_Keys 2011 @ John PeetsEin sonniger Freitag in Nashville. Black Keys-Sänger/Gitarrist Dan Auerbach sitzt in seinen Easy Eye Sound Studios und hat richtig miese Laune. Entweder, weil es um 11 Uhr morgens noch zu früh für ihn ist, weil er zwei Acts gleichzeitig produziert (The Growlers und Dr. John) oder weil er sich erneut mit einem riesigen Medieninteresse konfrontiert sieht – was der 32-Jährige so gar nicht mag. Dabei sind er und sein trommelnder Partner Patrick Carney seit anderthalb Jahren das neue große Ding der US-Rockszene, haben von ihrem sechsten Album BROTHERS über 700.000 Kopien umgesetzt, drei Grammys erhalten und füllen Hallen im 10.000er-Format. Was bei Dan vor allem eins auslöst – ein lautes Stöhnen. „Es ist nicht so, dass ich das nicht zu schätzen weiß, aber es ist schon ein komisches Gefühl. Einfach, weil sich so lange kein Schwein für uns interessiert hat und wir eigentlich auch nichts anderes machen als auf unseren früheren Platten. Trotzdem finden uns plötzlich alle toll. Also alle, denen wir jahrelang völlig egal waren.“

Denn während artverwandte Bands wie die White Stripes oder die Strokes das große Geld scheffelten und in Saus und Braus lebten, mussten Dan und Patrick ihr Hauptquartier in einem alten Kohlekraftwerk in Akron/Ohio aufschlagen (wo sie aufgewachsen sind) und sich mit dem schrottreifen Mischpult der kanadischen Posertruppe Loverboy („kein Wunder, dass ihre Songs so scheiße klangen“), dubiosen Indie-Labels sowie end-losen Trips im klapprigen Mini-Van rumärgern. Was sich nur mit geballtem Idealismus, hehrem DIY-Denken und gesteigertem musikalischen Purismus kompensieren ließ. Nämlich dem traditionellen Blues alter Südstaaten-Schule (Junior Kimbrough, Robert Johnson, Hound Dog Taylor, Son House, etc.), den das Duo mit rudimentärer E-Gitarre, minimalistischem Schlagzeug und verzerrtem Gesang intonierte. Nur um jetzt, nachdem sie mit BRO-THERS die Hälfte der globalen White Stripes-Fanbase übernommen haben, den nächsten Schritt auf der Evo-lutionsleiter zu nehmen: EL CAMINO, erneut produziert von Brian Burton aka Danger Mouse (Gnarls Barkley, Gorillaz), glänzt mit Anleihen bei Glam-Rock, Garagenkrach und 60s-Beat, weist ein breites Instrumentarium nebst großartiger Texte über Engel, Teufel und Schlampen auf bzw. erinnert an einen Bastard aus White Stripes, Queens Of The Stone Age und Led Zeppelin.

Einen Vergleich, den Auerbach nicht wirklich gerne hört. „Ich stand noch nie auf Jimmy Page“, poltert er los. „Einfach, weil ich weiß, woher er seine Riffs hat – und er diesen Wurzeln nie den nötigen Respekt gezollt hat. Außerdem empfinde ich lange Gitarrensoli als musikalisches Onanieren“, spricht‘s und muss sich den Vorwurf gefallen lassen, dass auch er in Stücken wie ›Gold On The Ceiling‹ oder ›Little Black Submarines‹ minutenlang die Saiten malträtiert. Und dabei – das ist noch wichtiger – nicht nur elektrifizierten Blues spielt, sondern (zum ersten Mal) richtig ungeniert drauflos rockt. Sprich: Das Knarzige, Schrullige und Verquere weicht richtig tollen Songs fernab vertrauter Schubladen. „Das ist nichts, was wir groß geplant hätten, sondern es ist einfach passiert“, so Auerbach. „Wir haben das Album während unserer letzten Amerika-Tour aufgenommen und versucht, die Euphorie, die wir da erlebt haben, in Songs umzusetzen. Die sind dann ein wenig schneller, härter und direkter geworden. Eben, weil wir all dieses Adrenalin in uns hatten. Und das musste raus.“

Zum Glück für alle Beteiligten. Die Fans, die seit BRO-THERS auf den Geschmack gekommen sind, erleben das beste Album, das Jack White nie geschrieben hat. Ihr Label kann schon mal den Schampus für die Platinverleihung kaltstellen, und die Band darf sich auch in Europa auf richtig große Hallen freuen – sofern Auerbach diese Gefühlsregung überhaupt kennt: „An solche Hallen haben wir uns längst gewöhnt“, gähnt er bei Er-wähnung der Hamburger Sporthalle und der Berliner Arena, die für Januar 2012 gebucht sind. „Ich meine, natürlich ist das eine Verbesserung zu den 400 Leuten, vor denen wir 2004 im Molotow gespielt haben, aber dafür sind die neuen Songs viel schwieriger, die Produktion ist aufwändiger, und wir verdienen kaum etwas daran.“ Vielleicht sollte er an einem Morgen wie diesem gar nicht erst zum Telefon greifen…

Rückblende: The Doors – Love Her Madly

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Wäre es nach ihrem Produzenten gegangen, hätten die Doors ihre letzte Single vor Jim Morrisons Tod gar nicht aufgenommen. Gitarrist Robby Krieger, der den Song geschrieben hat, erklärt warum.

Doors_Portrait Ganz ehrlich? Ich habe mich gelangweilt.“ Gitarrist Robby Krieger erinnert sich in seinem Haus im Benedict Canyon, Los Angeles, an das Schreiben seines Songs ›Love Her Madly‹, dem zweiten Track auf dem finalen Doors-Album L.A. WOMAN. Es ist September 1970, und die Doors befinden sich in einer prekären Lage. Morrison droht eine Haftstrafe wegen Anstiftung zum Aufruhr und Erregung öffentlichen Ärgernisses im Dinner Key Auditorium in Miami im vergangenen März – und das hat Auswirkungen auf die Band: Konzertveranstalter weigern sich, die Doors zu bu-chen, weshalb Auftritte Mangelware und ausgiebige Tourneen unmöglich sind.

Nach ihrem Gastspiel auf dem Isle Of Wight- Festival am 29. August sind sie nun zurück in Los Angeles. Während Morrison die Berufung gegen sein Urteil zu sechs Monaten Haft und zu einer Geldstrafe von 50.000 US-Dollar vorbereitet, ist der Rest der Band „auf sich allein gestellt“, erinnert sich Krieger. „Aber mir war auch klar, dass wir zurück ins Studio müssen, also ging ich los und kaufte mir eine 12-saitige Gibson 335. Ich schrammelte auf meiner neuen Errungenschaft herum und stolperte über ein nettes Riff und einige Shuff-le-Akkorde. So begann ›Love Her Madly‹ erste Zü- ge anzunehmen.“

Das Texten bereitete Krieger keine übermäßige Schwierigkeit. Immerhin hatte er für die Doors „25 Prozent der Texte und und mindestens 75 Prozent der Musik“ beigesteuert. So war ihr Nummer-eins-Hit ›Light My Fire‹ (versehen mit einem kleinen „funeral pyre“-Einwurf von Jim) sein Song. Außerdem schrieb er ›You’re Lost Little Girl‹ und ›Love Me Two Times‹ für das STRANGE DAYS-Album, ›Wintertime Love‹, ›Yes‹ und ›The River Knows‹ für WAITING FOR THE SUN und alle vier Singles vom 1969er Album THE SOFT PARADE. Diese waren ›Touch Me‹, der von Morrison ungeliebte Top-drei-Hit in den USA, ›Wishful Sinful‹, ›Tell All The People‹ (ein weiterer Würgereiz-Song für Morrison) und ›Runnin’ Blue‹.

„Trotz Miami befanden sich die Doors auf keinem absteigenden Ast“, beurteilt Krieger die Situation seiner Band Ende 1970. „MORRISON HO-TEL und ABSOLUTELY LIVE verkauften sich gut. Das Üble an Jim war nur, dass er, selbst wenn alles gut lief, einen Weg fand, es zu versauen. Das war sein Job.“ Es ist Mitte Oktober, und Robby hat ›Love Her Madly‹ in ansehnliche Form gebracht. „Für gewöhnlich handeln meine Lieder von den vier Elementen: Feuer, Luft, Wasser, Erde. Dieses war untypisch für mich. Textlich hielt ich mich an der Idee von diesem Typen fest, der von seiner Freundin besessen ist. Sie aber lässt ihn ständig sitzen und hält ihn hin. Dieser Kerl war ich. Ich schrieb ›Love Her Madly‹ über meine heutige Frau Lynn.“

Lynn Veres Krieger, das Objekt der Begierde, war Go-Go-Tänzerin in New Jersey. Die Doors trafen sie 1967 in der „Ondine“-Diskothek – ei-nem Club, der häufig von Velvet Underground und Andy Warhols Factory-Leuten besucht wur-de. Zunächst wurde Morrison auf sie aufmerksam, als ihre falschen Brüste aus ihrem BH flutschten. Die beiden hatten eine kurze Affäre, bevor sie sich doch zu Krieger hingezogen fühlte. Robby und sie sollten 1972 heiraten.
Krieger zeichnete ›Love Her Madly‹ nicht auf, da er kein Aufnahmegerät besaß. „Ich kam in un-seren Bandraum am La Cienega Boulevard und sang den anderen den Song vor. Zu diesem Zeitpunkt war es noch eine bluesige, fast folk-rockige Nummer à la Arthur Lee. Ray Manzarek setzte diese großartigen Keyboards im Stil eines Cembalos darauf, und John Densmore fügte eine Mi-litär-Trommel und einen Shuffle hinzu. So be-kam das Lied ein gewisses Latin-Feeling.

Es war ein Easy-Listening-Song, aber Jim liebte das. Er mochte diesen gehauchten Gesang. Wenn er wollte, konnte er singen wie Frank Sinatra, den er sehr oft hörte. Jim machte es ein wenig anders und sogar besser. Seine Lieblingszeile war „All your love is gone, so sing a lonely song/ Of a deep blue dream, seven horses seem, to be on the mark“. Jim riet mir immer: „Du musst etwas einbauen, das den Hörer verwirrt.“ Es bedeutete nicht allzu viel – die sieben Pferde sind wie ein glückliches Omen zu verstehen. Aus seiner Zeit in Florida stammte Jims Leidenschaft für Pferderennen. Der Teil mit den Worten ‚seem to be on the mark‘ passte einfach in den militärischen Rhythmus.“

Einer, der ›Love Her Madly‹ nicht gerade schätzte, war der langjährige Doors-Produzent Paul A. Rothchild. „Während der frühen L.A. WOMAN-Sessions hörte Paul ›Riders On The Storm‹ und ›Love Her Madly‹ und ließ die Bombe platzen: ‚Ich werde das nicht produzieren! Das ist Cocktail-Musik!‘“, verrät Kriegr. „Er hatte gerade die Produktion von Janis Joplins PEARL abgeschlossen, und kurz darauf war sie gestorben. Einige Tage später sah er Jim in schlechter Verfassung und dachte: ‚Es spielt sich wieder genauso ab.‘ In seinen Augen ging es mit uns bergab, und er wollte nicht mit in den Abgrund gerissen werden. Aber Jim war zu dieser Zeit sehr fit. Seine wahren Gründe kenne ich also nicht.“

Krieger übernahm darauf die Produktion zu-sammen mit Ton-Ingenieur Bruce Botnick, und so waren die Arbeiten an ›Love Her Madly‹ Anfang Dezember abgeschlossen. Bei den Aufnahmen spielte kein Geringerer als Jerry Scheff den Bass ein. „Jerry war ein lebendiger Typ. Wir haben ihn geholt, weil er schon mit Elvis getourt hatte – er war einfach heiß. Ich schlug seinen galoppierenden Bass vor, weil ich ihn bei Elvis spielen gesehen hatte, und ich wollte exakt dieses Feeling.“

Als die Doors im Frühjahr 1971 das fertige L.A. WOMAN-Album bei Elektra Records ablieferten, teilte ihnen Boss Jac Holzman mit, dass ›Love Her Madly‹ die erste Single werden sollte. „Ich war nicht allzu glücklich darüber, weil ich den Song für zu kommerziell hielt“, so Robby. „Ich wollte ›Riders On The Storm‹, der hatte mehr Tiefgang. Aber Holzman sagte: ‚Nein. Das FM-Radio wird gerade immer größer, und dort wird er sagenhaft klingen.‘ Und er hatte Recht. Im Februar hörte ich ›Love Her Madly‹ zum ersten Mal übers Radio, als ich gerade durch L.A. fuhr. Es hatte die perfekten Frequenzen für Autoradios – es sprang nur so aus den Lautsprechern, und Scheffs Bass ließ es so richtig dröhnen. Ich erzählte Jerry diese Geschichte einige Jahre später, und er sagte: ‚Oh ja, ich weiß. Wo ist das Geld?‘“

In der Woche der Veröffentlichung von ›Love Her Madly‹, im März 1971, verließ Jim Morrison die Doors, um nach Paris zu ziehen. Außerhalb des Studios hat er ›Love Her Madly‹ nur zweimal gesungen: einmal in der „Dallas State Music Hall“ im zweiten Set der Doors (während des ersten Sets war er zu betrunken, um alle Lieder zu singen) und zuletzt im „New Orleans Warehouse“ am 12. Dezember 1970. Dies waren die letzten Live-Auftritte der Band als vollständige Gruppe.

Während Jim keine vier Monate mehr zu leben hatte, kann Krieger, der den letzten Hit in der Geschichte der Doors geschrieben hat, auf den triumphalen Schwanengesang des getriebenen Sängers zurückblicken.

Rush

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Rush live _ Alex Lifeson und Geddy Lee_ Photographer Andrew MacNaugthanAnhänger der Prog Rock-Ikonen Rush hatten dieses Jahr großen Grund zur Freude. Um den 30. Geburtstag ihres Klassikers MOVING PICTURES zu feiern, begaben sich die Kanadier auf eine ausgedehnte Welttournee. Wer es nicht geschafft hat, zu einem dieser Konzerte zu gehen, kann nun aufatmen, denn die Live-CD/DVD TIME MACHINE 2011: LIVE IN CLEVELAND ist nun für das heimische Wohnzimmer zu haben. Doch auch für die Band selbst war es ein Erlebnis, das Album in voller Länge zu spielen. „Es ist jedes Mal großartig“, schwärmt Gitarrist Alex Lifeson. „Wir wollten beispielsweise ›The Camera Eye‹ bereits bei unserer letzten Tour spielen. Da es jedoch ein sehr langer Song ist, machte es damals wenig Sinn. Jetzt ist er für mich das Highlight an jedem Abend.“

Die Umsetzung stellte für die Band je-doch immer wieder eine Herausforderung dar. „Die Platte ist ein ziemlicher Brocken“, grinst Alex. „Wir spielen das Album immer als Ganzes, also ohne Ansagen zwischen den Songs. Das fordert uns jedes Mal schon sehr.“ Neben weiteren Klassikern der Band gab es auf den Konzerten mit ›Caravan‹ und ›BU2B‹ auch zwei neue Songs zu hören, die einen kleinen Vorgeschmack auf das für 2012 geplante 20. Studioalbum CLOCKWORK ANGELS geben. „Mir gefallen diese beiden neuen Stücke sehr gut“, erzählt Lifeson. „Sie klingen sehr dynamisch. Was sicher auch daran liegt, dass wir sie auf der Bühne schon testen und dadurch immer mehr verfeinern konnten. Ich denke, in diesem Stil wird sich auch das kommende Album bewegen.“

Mystic Prophecy

mystic_prophecy_promopic2Sie sind eine feste Konstante der na­tio­nalen Power Metal-Szene: die schwäbische Truppe Mystic Pro­phecy. Ihr mittlerweile achtes Werk RAVENLORD stellt ein kleines Novum dar: Spielte das Quintett auf den vorangegangenen Releases auch schon mit düsteren Handlungen, präsentiert es nun ein reinrassiges Konzeptalbum mit festem Handlungsstrang. Es geht um die letzte Schlacht auf Erden, an der sämtliche Kombattanten aus allen Kriegen der Historie teilnehmen. Letztendlich erkennen die Kämpfer je­-doch, dass daraus nur der Tod (der von der düsteren Figur Ravenlord verkörpert wird) als Sieger hervorgeht. „Das End­zeit­szenario passt perfekt zu Mystic Prophecy und dem, was wir als Band erreichen wollen: nämlich die Fans sowohl musikalisch als auch textlich zu unterhalten“, erläutert Bandboss Roberto „Lia“ Liapakis. „Zudem spiegelt es die derzeitige weltpolitische Lage in einer utopischen Form wider, wo die Kleinen für den Bockmist der ge­wähl­ten Führer nicht nur finanziell, sondern leider zu oft physisch bluten müssen. Geld und Macht regieren unsere Gesellschaft, Nächstenliebe und Verständnis für andere kommen meist zu kurz.“

Lebenslinien: Paul Rodgers

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Er ist einer der ausdruckstärksten und gefragtesten Sänger der Rockwelt. Mit Bad Company und nicht zuletzt als zwischenzeitlicher Queen-Frontman schrieb Paul Rodgers Musikgeschichte. Aber auch andere Rockgrößen wie The Doors rissen sich einst um das Ausnahmetalent. Jeff Beck und Jimmy Page singen Loblieder auf ihn, und Tony Blair zählt zu seinen größten Fans.

Paul RodgersSeit Ende der sechziger Jahre ist Paul Rodgers nicht mehr wegzudenken aus der Rockmusik-Landschaft. 1970 landete er zusammen mit seiner Band Free und dem Song ›All Right Now‹ seinen ersten internationalen Charterfolg. Die Sieb-ziger waren dann die Hochzeit seiner Erfolgsband Bad Company – und von 2005 bis 2009 unterstützte er Brian May und Roger Taylor bei Queen. Neben vielen Kooperationen und Solo-Alben erfreute mit Sicherheit auch die Reunion von Bad Company im Jahr 2009 die Fans. Dass die alten Herren es immer noch drauf haben, bewiesen sie bei vielen Live-Shows und auf ihrer erst kürzlich erschienen DVD BAD COMPANY – LIVE AT WEMBLEY, das ihr Konzert vom April 2010 im Londoner Wembley Stadion zeigt. Doch Paul Rodgers hat nicht nur eine unverwechselbare Stimme und eine unvergleichliche Karriere vorzuweisen – er kennt auch viele interessante Leute und hat eine Menge zu erzählen.

B.B. King

Als B.B. King seinen Club B.B. King’s Blues Club in New York eröffnete, habe ich mit ihm gejammt. Seinerzeit war das sein erster Club. Ich hatte die große Ehre, mit auf die Bühne zu dürfen. Sie spielten gerade einen Shuffle – wodurch ich unweigerlich an den ersten Song denken musste, den ich damals mit Paul Kossoff ge-spielt habe, als wir gerade die Band Free gegründet hatten. Das war ›Every Day I Have The Blues‹ von B.B. King. Und ich fing also einfach an zu singen: „Every day, every day I have the Blues“. Im Publikum waren vorwiegend Blues-Fans, deswegen erkannten sie den Song sofort und stiegen mit ein. Dann kam B.B. zu mir und fragte, ob ich nicht lieber sein Mikrofon benutzen wolle, da ich in das des Saxofonisten gesungen hatte. Also drückte er mit seins in die Hand, und wir machten weiter. Er ist ein toller Mensch, und der Abend war unvergesslich.

Tony Blair

Ich traf Tony Blair das erste Mal am Tag, bevor die britischen Truppen in den Irak zo-gen. Er kam auf mich zu und sagte, er sei ein großer Fan von mir und vor allem von meinem Song ›Wishing Well‹. Ich bedankte mich und verwies auf den Untertitel des Stücks: „Love In A Peaceful World“. Er sah mich nur etwas verwirrt an und meinte, dass der Song doch ›Wishing Well‹ heiße. Und ich erwiderte: „Ja, aber der Text des Refrains lautet ,Love In A Peaceful World‘“ – und dachte auf einmal: „Verdammt, jetzt bin ich wohl einen Schritt zu weit gegangen.“ Denn unsere Truppen zogen ja am nächsten Tag in den Krieg. Am selben Tag bin ich abends auf dem Parteitag der Labour Party aufgetreten, weil mich Herr Blair darum gebeten hatte. Dort spielten wir auch ›Wishing Well‹. In der Mitte des Songs hörten wir plötzlich auf zu spielen. Genau dort, wo der Text schließlich mit „Love In A Peaceful World“ weitergeht. Und die gesamte Partei sang diese Textzeile immer und immer wieder. Ich stand nur auf der Bühne und dachte darüber nach, wie ironisch dieser Moment doch ist. Heute singen sie vom Frieden und ab morgen sind sie Teil eines Krieges.

The Doors

Ihr Gitarrist Robby Krieger kam vor einiger Zeit zu mir und mein-te, dass sie damals in den 70ern nach England kamen, um mich zu suchen und zu fragen, ob ich nicht ihr neuer Sänger werden möchte. Damals war ich zwar im Land, hatte mich aber sehr zurückgezogen, da zu dieser Zeit viel los war. Wir gründeten Bad Company und hatten damit alle Hände voll zu tun. Krieger und die anderen konnten mich also nicht finden und schoben die Idee beiseite. Als er mir das erzählte, war ich erst einmal sprachlos. Das verblüffte mich einfach. Wenn ich heute zurückblicke, weiß ich auch gar nicht, was ich damals getan hätte. Zu dieser Zeit war ich mehr als beschäftigt. Ich schrieb gerade Songs mit Mick Ralphs, und wir arbeiteten an unserer Vision von Bad Company. Also ist es wohl eher unwahrscheinlich, dass ich damals zugesagt hätte. Aber für mich ist das im Nachhinein immer noch eine große Ehre. Ich meine: Das waren schließlich die Doors.

Jeff Beck

Jeff_Beck_Press_Photo_2Jeff kenne ich schon seit vielen Jahren, und wir haben uns auch immer wieder getroffen. Letztes Jahr wurde ich bei den Awards, die die Kollegen vom britischen CLASSIC ROCK Magazin verleihen, als „Classic Songwriter“ geehrt – und Jeff Beck sollte mir den Preis überreichen. Plötzlich sprang auch Jimmy Page auf die Bühne, und so standen sie beide am Rednerpult. Vor der Show kam Jeff zu mir und sagte, dass er so etwas eigentlich sehr ungern tut, weil er nicht gerne vor Publikum spricht. Er sei es nicht gewohnt, in ein Mikro zu sprechen, sondern Gitarre zu spielen. Als er jedoch mit seiner Rede anfing und merkte, dass es den Leuten gefällt, konnte er auf einmal nicht mehr aufhören. Jimmy stand hinter ihm und versuchte immer wieder, ihm zu verstehen zu geben, dass er auch etwas sagen will. Er kam jedoch einfach nicht zu Wort. Das war eine tolle Nacht.

Bad Company

Hier eine Geschichte aus meinen wilderen Jahren mit Bad Company. An diesem Tag saß ich gerade in unserer Limousine und hatte das erste Mal in meinem Leben Orangenbäume gesehen. Also bat ich den Fahrer, umzudrehen und zu den Bäumen zurückzufahren. Dort pflückte ich dann ein paar Orangen – frisch vom Baum – und wollte sie essen. Also schälte ich die Orangen im Auto und warf die Schalen aus dem Fenster. Als wir dann an der Halle ankamen, in der wir an diesem Abend spielen sollten, hielt ein Auto neben uns. Der Typ darin ließ das Fenster herunter und fragte mich nach meinem Namen. Ich fragte: „Warum? Wer will das wissen?“ Und er sagte nur, dass er mich anzeigen würde, weil ich die Straße verschmutze. Ich sah ihn verwirrt an und argumentierte: „Was ist daran so schlimm? Das ist doch biologisch abbaubar, das schadet doch niemandem.“ Doch er wollte mich trotzdem anzeigen. Aus seinem Mund hing eine Pfeife, und er hatte eine Brille an. Zu dieser Zeit war ich noch sehr rebellisch. Ich habe mich also aus dem Auto gelehnt und gesagt, wenn er mich anzeigen wolle, dann eher deswegen: Ich fegte ihm seine Brille vom Gesicht und schnippte die Pfeife in die andere Richtung. Damals war ich wirklich ein böser kleiner Junge. Danach verschwand ich in der Halle. Kurze Zeit später kam mein Security auf mich zu und meinte, ich solle sofort verschwinden. Ich sagte ihm, dass das nicht geht, da wir mitten im Soundcheck sind. Und er erzählte mir, dass der Typ, mit dem ich mich vorhin gestritten hatte, der Polizeichef der Stadt war. Jetzt war die Po-lizei da, umstellte langsam das Gebäude und wollte mich verhaften.

Also türmten wir durch die Hintertür und fuhren zu unserem Hotel. Ich sollte mich in meinem Hotelzimmer verstecken, aber da gab es kein gutes Versteck. Unter dem Bett oder hinter der Couch hätten sie gleich als erstes nachgesehen. Also öffnete ich das Fenster, riss das Moskitonetz ab, schloss die Vorhänge und hängte mich an das Fenster – im 20. Stock wohlgemerkt. Kurz danach klopfte es an der Tür, und ich hörte sie rufen: „Er muss hier irgendwo sein. Wir kriegen ihn.“ Dann sahen sie aus dem Fenster und da hing ich – aber sie haben mich nicht gesehen. Also sind sie wieder gegangen. Wir mussten dann einen Anwalt engagieren, und es gab viele böse Worte. Letztendlich durften wir dann spielen, mussten aber danach die Stadt verlassen. Das waren meine verrückten Zeiten. So bin ich schon lange nicht mehr. Heute bin ich sehr ruhig, sensibel und lasse die Finger vom Alkohol. (lacht)

Brian May & Roger Taylor

Ich erinnere mich hier besonders an ein Konzert mit ihnen in Kharkov in der Ukraine. Man lud uns ein, auf einem Benefiz-Konzert zu spielen, um auf die Gefahren von AIDS aufmerksam zu machen. Dort ist diese Krankheit immer noch ein großes Problem. Die Bühne war auf dem Platz der Freiheit aufgestellt, einem der größten Plätze Europas. Man hat mir mal erzählt, dass man ihn selbst vom Mond aus sehen kann. Keine Ahnung, ob das stimmt. Auf jeden Fall ist es ein verdammt großer Platz. Es kamen 360.000 Leute, nur um uns zu sehen. Es war kein Festival mit anderen großen Künstlern, nur wir… Genau gegenüber der Bühne stand das Gebäude, in dem früher der KGB seinen Sitz hatte. Das war mal wieder ein sehr ironischer Moment in meinem Leben: Hier stehen wir und spielen Rock’n’Roll für so viele Menschen, und nur einen Steinwurf entfernt steht das alte Gebäude des KGB. Woran ich mich bei diesem Konzert auch noch sehr erinnere, sind die seltsamen Ballons, die über dem Platz schwebten. Ich fragte mich die ganze Zeit, was das sein sollte. Es stellte sich dann heraus, dass das alles Kondome waren, die die Menschen aufgeblasen und in die Höhe gehalten haben. Im Nachhinein kamen wir dann darauf, dass das wohl an einer Aussage von Roger gelegen haben muss. Wir hatten nämlich zuvor einen Fernsehauftritt, in dem wir sagten, dass man sich beim Sex mit Kondomen schützen soll. Während des Konzerts sagte Roger dann zu den Leuten: „Ja, das sollt ihr auf jeden Fall machen. Wir selbst tragen immer welche. Selbst in diesem Moment.“ Ich stand nur da und musste lachen.

Nelson Mandela

Ich spielte 2008 mit Queen auf dem Konzert zu seinem 90. Geburtstag. Damals hatten wir auch die große Ehre, ihn kennen lernen zu dürfen. Wir sind schon etwas früher nach Südafrika gereist und durften etwas Zeit mit ihm verbringen. Dieser Mann hat eine unglaubliche Aura. Überall wo er hingeht, wird er empfangen wie ein Heiliger. Die Leute lächeln und springen vor Freude in die Luft, wenn sie ihn sehen. Es war eine große Ehre für mich, dass er sich die Zeit nahm, um sich mit uns zu unterhalten – von Mensch zu Mensch. Wir haben über alles mögliche miteinander gesprochen. Er ist ein wunderbarer Mensch. Eine Ikone des Friedens.

Levi Stubbs

Das ist jetzt eine sehr rührende Geschichte. Die Four Tops feierten ihr 50. Jubiläum und luden mich ein, mit ihnen zu spielen. Ihr Sänger Levi Stubbs hatte kurz davor einen Schlaganfall und konnte deswegen nicht auftreten. Aber er kam zur Show. Nach der Show gab es ein kleines Treffen. Wir standen so zusammen, und dann kam Levi zu uns. Er saß in einem Rollstuhl und hatte dieses unglaublich tolle glitzernde Outfit an, das perfekt zu den Outfits der anderen Four Tops passte. Auf einmal standen nur noch Levi und ich da, und ich wusste nicht, was ich sa-gen sollte. Er war geistig zwar völlig da, konnte sich aber kaum bewegen und nicht sprechen. Also sah ich ihm in die Augen und sang „The long and winding road that leads to your door“ vom Song ›The Long And Winding Road‹. Danach sah ich ihn an und meinte: „Du hast davon doch einmal eine Version gesungen.“ Er konnte nichts sagen, aber seine Augen sagten: „Ja, bitte sing weiter!“ Also habe ich weitergesungen. Das war ein wunderschöner Moment.

Bryan Adams

Bryan AdamsBryan ist ein wirklich netter kanadischer Bursche. Er hat den Song ›Nature Of The Beast‹ für das Album THE LAW von 1991 für mich geschrieben. Damals haben wir uns kennengelernt. Wir haben uns in Vancouver ein Oasis-Konzert zusammen an-gesehen und vegetarisch gegessen. Er hat immer seinen eigenen Koch dabei, da er sich streng vegetarisch ernährt. Er hat ein wirklich cooles Studio in Vancouver, es nennt sich „The Warehou-se“ – dort haben wir auch zusammen gefuttert.

Deep Purple – Rückkehr nach Montreux

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Die Elder Statesmen des Hard Rock sind wieder auf der Straße – und kehren an den Tatort zurück: Deep Purple gastieren am Genfer See, wo einst MACHINE HEAD entstand. Mit dabei ist ein großes Orchester. Dafür kann die Feuerwehr diesmal zuhause bleiben.

Deep Purple Live At Montreux (23)Montreux im Hochsommer. Deep Purple sind in der Stadt, um mit ihrem Auftritt das jährliche Jazzfestival zu beschließen. Sie sind also zum Tatort zurückgekehrt, zu jenem verschlafenen Schweizer Kurort am Genfer See, den sie 1972 mit ihrem legendären Al-bum MACHINE HEAD auf die Rock-Landkarte setzten. Fast 40 Jahre sind seitdem vergangen, und wenn Deep Purple heute Abend die Strawinsky-Halle rocken, wird die Kamera mitlaufen – der Konzertmitschnitt ist bereits auf DVD erscheinen. CLASSIC ROCK ist exklusiv mit dabei, als die alten Hard Rock-Kämpfer ihr umfangreiches Hit-Repertoire zum Besten geben, begleitet vom Neuen Frankfurter Philharmonie Orchester. Deren Dirigent, Steve Bentley Klein, erweist sich dabei als geigespielender Metal-Head.
Am Nachmittag sind Deep Purple samt Gefolge mit ihrem Privatjet auf dem Genfer Flughafen gelandet. Mit Limousinen huschen Ian Gillan, Roger Glover, Ian Paice, Don Airey und Steve Morse zum protzigsten Hotel am Platze – dem Fairmont Le Montreux Palace, einem güldenen Zuckerbäckerpalast für alten Geldadel und neureiche Emporkömmlinge.

Im Foyer angekommen, ist Ian Gillan ein wenig verstimmt. Seine Frage, warum er die Stunden vor dem Auftritt nicht schlafend in seiner Suite verbringen darf, wird geflissentlich überhört. Zwar ist die Band vorgewarnt, dass ihr abendlicher Auftritt mitgefilmt wird, doch die Erkenntnis, dass ihre Anwesenheit schon jetzt nötig ist, um so lästige DVD-Extras wie kleine Vorab-Interviews aufzuzeichnen, setzt sich erst langsam durch. Die Elder Statesmen des Hard Rock sind mehr oder minder genervt.

Kein Problem für das Team von CLASSIC ROCK. Wir werden in ein halbwegs feudales Zimmer geleitet, in dem gleich das erste Opfer seinen Kurzauftritt vor laufender Kamera absolvieren wird. Ian Paice betritt den Raum, das einzige Gründungsmitglied von Deep Purple, das noch immer dabei ist. Ein leutseliger Typ, wie immer mit blaugetönter Brille und buschigem Pferdeschwanz. Zudem trägt er Birkenstock-Sandalen – das bevorzugte Schuhwerk sämtlicher Deep-Purple-Musiker, wie sich später noch herausstellen wird. Paice sieht aus wie Elton Johns stämmigerer Bruder, er hat sich den trockenen Dialekt seiner Heimatstadt Nottingham ansatzweise bewahrt – wenn auch inzwischen leicht amerikanisch eingefärbt. Schlagzeuger Ian Paice ist der Archivar der Band, darüber hinaus ihr größter Motivator. Auch wenn die Band seit Jahrzehnten vordergründig demokratisch geführt wird, stabil war diese Demokratie eigentlich nie. Und Paice ist der Typ, der ganz genau weiß, wo die Leichen vergraben liegen – und wie man sie wieder ausgräbt.

„Mein Gott, ich weiß gar nicht mehr, wie oft wir hier schon gespielt haben“, eröffnet er das Gespräch. „Als wir an MACHINE HEAD arbeiteten, war das Montreux-Festival noch ziemlich winzig; es dauerte damals nur ein paar Tage. Dank des Erfolges von ›Smoke On The Water‹ wurde die ganze Welt aufmerksam auf diesen kleinen Ort am Wasser, der Montreux heißt.“

Doch dieser aktuelle Besuch ist anders. Paice erklärt, warum Deep Purple diesmal mit einem 38-köpfigen Orchester anrücken: „Nach der nicht enden wollenden RAPTURE OF THE DEEP-Tournee mussten wir einfach etwas Neues ausprobieren. Wir haben schon oft mit Orchestern gespielt und da-durch unseren musikalischen Ansatz erweitert, man denke nur an Jon Lords Konzertstücke. Aber diesmal wollten wir eben nicht diese typische Klassik-trifft-Rock-Nummer abfeiern, sondern kompromisslos rocken, allerdings mit großer Besetzung. Es gibt von allem mehr: mehr Sound, mehr visuelle Aspekte, mehr Leute auf der Bühne. Unsere Fans lieben es, selbst ich kriege immer wieder Gänsehaut, obwohl ich das Material ja nun wirklich kenne.“

Unter dem Motto „The Songs That Built Rock“ werden Deep Purple plus Orchester bis Weihnachten auf Tour sein. „Dann sehen wir weiter, ob darüber hinaus noch Nachfrage besteht“, so Paice. „Es ist zwar nicht unsere Abschiedstournee, aber natürlich können wir nicht ewig weitermachen. Ich habe es immer genossen, bei Deep Purple zu spielen, zumindest meistens, und heute gehen unsere Tourneen glücklicherweise wesentlich komfortabler über die Bühne als in früheren Zeiten. Wir wohnen in netten Hotels, nicht mehr in Ho-liday Inns, wir haben einen Jet und müssen nicht mehr im Bus übernachten. Ich bestehe auf einer gepflegten Nachtruhe, und zwar in einem Bett, das nicht durch die Gegend rollt.“ Die Ansprüche sind gestiegen – und Paice schaltet bei diesem Thema auf stur: „Ich reise nicht mit dem Bus. Das mach ich nicht mehr. Ich hasste es schon in den Sechzigern und lasse es heute einfach bleiben.“

Sobald der kontinentaleuropäische Tour-Ableger beendet ist, werden Deep Purple für vier große Shows nach England zurückkehren: „Wir haben ein paar Überraschungen auf Lager, die niemand erwarten wird. Zwar können wir nicht allzu viel improvisieren, da das Orchester nach Noten spielt, aber ein bisschen was geht immer. Unsere Shows dauern etwa zwei Stunden, da kriegt man für sein Geld doch wirklich was geboten.“ Was wohl auch das Publikum so sieht: Die Nachfrage nach Purple-Konzerten ist in Großbritannien derzeit hoch; „würden wir allen Anfragen nachgehen“, so Paice, „könnten wir jede Woche woanders spielen. Natürlich könnten wir auch Extra-Shows in der Londoner O2-Arena dazwischenschieben, aber wenn man die nicht komplett ausverkauft, dann gilt man schnell als Versager. Mein Motto lautet daher: Man muss sich rar machen, darf die Leute nicht überfüttern.“

In der Lobby des „Fairmont“ hat sich gerade das gesamte Purple-Gefolge versammelt. Beileibe keine glamouröse Hipster-Gesellschaft, dafür wimmelt es nur so von Frauen, Kindern und Plattenfirmenmenschen. Gelinde Panik macht sich breit, denn Ian Gillan ist verschwunden und Roger Glover hat seine DVD-Extras gerade in satten zehn Sekunden abgehakt. „Stell mir doch einfach die üblichen Fragen“, schlägt er dem Regisseur trocken vor, „also, wie lange können Deep Purple noch weiter machen? Nervt es mich, immer wieder ›Smoke On The Water‹ zu spielen? Wann werde ich die Band verlassen?“ Der Regisseur macht gute Miene zu Glovers Spiel, tut brav, wie ihm geheißen, und sieht sich zur Belohung mit eher hysterischen Antworten konfrontiert.

Schließlich wird Ian Gillan ins Zimmer geleitet, begleitet von Sally, seiner blonden Assistentin. Er scheint darüber nicht sonderlich glücklich zu sein. Was los ist? In einer Hand hält er eine Kaffeetasse, in der anderen sein Gesicht, das er zu einer Grimasse verzieht. Nicht sehr vielversprechend. Er sagt erst einmal gar nichts. Sein Haar ist kurz und grau. Tuntige Haarfärbung? Nicht bei Gillan. Sein Gesicht ist ein wenig faltig, dafür aber naturgebräunt. Das Ergebnis eines nordamerikanischen Sommers und eines Ur-laubs in seiner Wahlheimat Portugal, wo Gillan heute mit Frau und Kind zu-hause ist. Sein Landhaus an der Küste von Dorset hat er schon längst verlassen – „das verdammte Klima, schrecklich!“. Er trägt ein indisches Bauernhemd aus Baumwolle, weite weiße Hosen und legere Sandalen, sieht irgendwie aus wie das Mitglied einer Sekte. „Ich war noch immer nicht im Bett“, murmelt er vor sich hin, „dafür im Krankenhaus. Gerade eben erst. Gestern war ich stocktaub, konnte nichts mehr hören. Als hätte ich meine Finger in den Ohren. Einfach gar nichts. Weder die Band noch das Orchester. Musste sie ausspülen lassen.“

Ob er Schmerzmittel nimmt? „Häh? Was? Nö, nehme ich nicht. Was hat das eigentlich mit dieser DVD auf sich? Niemand hat mir was gesagt. Ich weiß, dass sie die Shows hier und in Verona filmen (wo Deep Purple in ein paar Tagen im römischen Amphitheater spielen werden – Anm. der Red.). Mir war aber nicht klar, dass ich heute Nachmittag nicht ins Bett kommen würde.“

Nach ein paar sanften Worten richtet sich Gillan dann doch noch zu voller Größe auf und erweist sich als intelligenter Gesprächspartner mit schrägem Sinn für Humor – sofern ihn die Laune packt. „Ich mag das Orchester. Es war vor allem Ians Idee, ich war anfangs total dagegen. Ich befürchtete, es würde in symphonisches Brimborium ausarten, was es aber nicht tut. Es swingt wie bei Count Basie. Die Bläser sind großartig, und die Streicher sorgen für Farbe und Dynamik. So sieht’s aus. Mit den Arrangements hatte ich nichts zu tun, die stammen von Jon Lord, Don, Steve Morse und unserem Dirigenten Steve Bentley Klein … in dieser Band gibt’s eindeutig zu viele verdammte Steves.“

Gillan, wie Paice und Glover Mitte sechzig, erklärt seine Rolle: „Ich tue, was ich immer tue. Wenn mich was langweilt oder inspiriert, ändere ich was. Ich improvisiere gerne. Meine Interpretationen sind so locker wie immer. Was könnte ich sonst noch tun? Ich latsche auf der Bühne auf und ab, singe und lache. Eine Sache stört mich aber an dieser Tournee: die Konzertposter. Sie sind komplett falsch. Ich mag keinen Bullshit. Diese Dinger sehen aber aus, als würden wir eine Symphonie auf die Bühne bringen, dabei ist es eher so, als ob wir mit der Bläsersektion von Muscle Shoals oder Stax spielen. Da gibt’s überhaupt nichts Symphonisches, abgesehen von den Pauken. Und den Celli, Kontrabässen und Geigen.“

Mit einem Orchester arbeiteten Deep Purple erstmals Ende der sechziger Jahre zusammen, weshalb die aktuelle Kooperation Gillan nicht wirklich in Verlegenheit bringt. „Ich fühle mich davon nicht eingeschüchtert. An einem Konzerttag beginnt mein Lampenfieber gemeinhin während der Mittagspause. Die Bühne ist nun mal ein gefährlicher Ort. Da oben gibt’s keine Routine, auf die man sich verlassen kann. Pavarotti sagte mir mal: ‚Ich höre dich jeden Abend ›Smoke On The Water‹ singen, und jedes Mal ist es anders. Wenn ich das mit einer Opernarie anstellen würde, man würde mich kreuzigen.‘“

Deep Purple Live At Montreux (17)Dass Deep Purple heutzutage jenseits des Mainstreams operieren, ist offensichtlich. Weder genießen sie die Unterstützung einer großen Plattenfirma, noch beschäftigen sie regelmäßig einen Presseagenten. Andererseits sind ihre Konzerte meistens gut besucht, die britischen Shows ihrer aktuellen Tournee wa-ren in Windeseile ausverkauft.

„Aber manche Sachen machen wir heu-te einfach nicht mehr“, gibt Gillan zu, „ei-ne davon sollten DVDs sein. Ich mag sie nicht. Ich mag nicht ihre Entstehung und sehe sie mir später auch nicht mehr an. Warum sollte ich auch? Ich war schließlich dabei. Abgesehen vom ersten Mal, wenn sie gerade frisch aus der Presse kommen, höre ich mir auch unsere Platten nicht an. In die Songs habe ich mich schon vorher vertieft, schließlich muss ich sie den Rest meines Lebens singen. Häufig gefällt mir auch nicht, was ich da so höre, aber dann ist es zu spät. Aber jetzt sage ich dir, was ich wirklich hasse: das Internet! Ich kapier’s einfach nicht. YouTube? Was ist daran so toll? Warum sollte man sich irgendwas auf einem winzigen Bildschirm ansehen, noch dazu mit be-schissenem Sound?“

Gillans Ansichten über YouTube sind zweifellos von schlechten Erfahrungen ge-prägt: „Einer meiner besten Gigs aller Zeiten ging 2009 im Ferropolis über die Bühne, diesem Freiluftmuseum in Deutschland. Ich spielte mit großem Orchester, überall standen diese riesigen Bagger herum, eine Industriebrache, und es pisste wie aus Ei-mern. Ich hatte keinen Wohnwagen. Kleines Publikum. Kälte. Schlechte Laune. Eine miserable P.A., kein Licht. Absolut amateurhaft. Es war so schrecklich, dass wir eine Pause einlegten, Bier und Hot Dogs kauften. Sally entdeckte diesen Stand, der für 2,50 Euro Plastikponchos anbot. Ich war nass bis auf die Knochen, hatte keine Klamotten zum Wechseln, also zog ich mich aus und streifte den Poncho über. ‚Ich gehe jetzt halbnackt auf die Bühne‘, sagte ich, und Sally meinte nur: ‚Na los, das traust du dich eh nicht!‘ Ich ging wieder auf die Bühne, und die zweite Hälfte der Show war grandios, die Atmosphäre hatte sich total gewandelt. Blöd nur, dass irgendein Bastard alles mitfilmte. Mit seiner Telefonkamera, man sieht also nicht allzu viel und der Ton ist absolut beschissen, aber die ganze Welt kann es heute im Internet bewundern. Ich erzähle dir das, weil es eine lustige Geschichte ist. Und der Grund dafür, warum ich YouTube hasse.“

Das Klopfen an der Tür verrät, dass un-sere Zeit abgelaufen ist, doch Gillan po-siert noch schnell für unseren Fotografen. „Das indische Hemd? Hab ich vom Straßenmarkt an der U-Bahnstation Tooting Bec. Ich hab gleich sechs Stück davon ge-kauft, sie waren nicht sehr teuer. Ich glaube, dieses hier trug ich, als ich mit Ronnie James Dio und dem London Symphony Orchestra auftrat.“ Sally wirft ein, dass es nun Zeit für den Soundcheck wäre. Gillan grummelt: „Ich werde garantiert keinen Soundcheck machen.“ Und entfleucht schnell in sein Hotelzimmer.

In der Strawinsky-Halle belegen Deep Purple ein komplettes Stockwerk. Jedes Bandmitglied hat eine eigene Garderobe, dazu gibt es einen Gemeinschaftsraum zum Abhängen. Dass hier und heute wohl kein Rock’n’Roll-Exzess abgehen wird, verdeutlicht ein Blick aufs Buffet: Schokoriegel, langweilige Sandwiches, ein paar eis-gekühlte Getränke. Am Ende der Show wird alles unberührt sein, und auch die persönlichen Garderobenräume bleiben un-verwüstet. Nur Roger Glover, vermutlich das Deep-Purple-Mitglied mit der ausgeprägtesten Rocker-Mentalität, schaut mal kurz vorbei. Begleitet wird er von seiner jungen Schweizer Freundin Myriam mitsamt Baby auf dem Arm, sowie der zweijährigen Tochter Lucinda.

Glover wirkt ein wenig verwirrt: „Ist diese CLASSIC-ROCK-Geschichte für die DVD?“ Nein, dafür war vorhin der Typ mit der Kamera zuständig. „Okay, gut. Warum sagt mir keiner was? Also, dann mach mal weiter mit deiner Retrospektive. Denn das wird es ja wohl sein, wenn man erst einmal so alt ist wie wir, oder?“ Glover ist jenes Purple-Mitglied, dass am stärksten darauf drängt, ein neues Album zu produzieren, doch laut Gillan gibt es derzeit keine konkreten Pläne. „Das Problem ist einfach“, bringt es Glover auf den Punkt, „dass wir keinen Chef haben. Alles wird gemeinsam in der Band entschieden, und zwar seit 1969, als Paice und ich durchsetzten, dass ein Song mehr bedeutet als nur ein Autoren-Credit. Inzwischen leben wir in der ganzen Welt verstreut, in der Schweiz, Portugal, Amerika und England. Sich zu treffen, ist nicht immer leicht, ein neues Album aufzunehmen ist finan-ziell kaum zu stemmen, weshalb die Begeisterung deutlich nachlässt. Ich bin der Meinung, dass wir es dennoch versuchen sollten, immerhin waren wir stets eine Album-Band. Mir ist es auch vollkommen gleich, ob man uns als Retro-Band oder als altmodisch bezeichnet – ein Album repräsentiert einen gewissen Zeitabschnitt, und genau das ist es, was die Fans wollen. Wir haben dutzendweise Ideen, haben immer wieder zusammen gejagt.“

Kurz zuvor äußert sich Ian Gillan auch zu diesem Thema, allerdings hat er eine völlig andere Auffassung. Zwar erwähnt er eine „Songwriting-Session im Februar“, meint aber, ein Album zu veröffentlichen, sei „nicht dringend“. Es fehle „der Zusammenhalt, wir haben zudem keinen Produzenten, bräuchten aber jemanden, den wir alle respektieren. Mit mir zu arbeiten, ist wirklich nicht schwierig, aber ich will unbedingt den richtigen Mann. Quincy Jones wäre ideal. Er würde uns verstehen und das Beste aus uns herausholen. Unser letztes Album, RAPTURE OF THE DEEP (2005 – Anm.d. Red.), wurde in der falschen Umgebung produziert. Es war fürchterlich. Okay, nicht gerade fürchterlich, aber ich mochte es einfach nicht. Aber eigentlich wäre ich für ein neues Album schon zu haben. Man soll nämlich niemals nie sagen.“

Glover nickt bedächtig, als wir ihm die Ansichten seines Sängers unterbreiten. „Da habt ihr’s“, sagt er ruhig, „alles verändert sich, doch manche Dinge bleiben, wie sie sind. Wir verrenken uns nicht für den Erfolg! Ich weiß auch gar nicht mehr, welche Musik mir überhaupt noch gefällt. Meine Stief-kinder haben mein Interesse für den HipHop geweckt, ich mag Eminem. Grundsätzlich liebe ich klassisches Songwriting, und natürlich bin auch ein echter Nostalgiker – Queen, Jeff Lynne, Hendrix, Randy Newman. Hard Rock ist nicht mehr so mein Ding, ich weiß immer genau, wann das Solo anfängt, was mich grundsätzlich langweilt. Heute gibt es offenbar keinen Filter mehr. Wenn du Müll produzierst, kann das sogar richtig hilfreich sein. Ich will aber wirklich erstklassige Songs, denn sie sind der Treibstoff, mit dem das Auto fährt. Selbst Sportwagen sind nutzlos ohne Sprit.“

Um der alten Zeiten willen beantwortet Glover sogar eine Frage zu Ritchie Blackmore, wobei sich aber herausstellt, dass er mit Deep Purples Ur-Gitarristen schon seit Jahren nicht mehr gesprochen hat. „Es gab Streit über einen Quadrophonie-Mix bei einem seiner Gitarrensoli auf ›Smoke On The Water‹ (für das Box-Set LISTEN, LEARN, READ ON von 2002 – Anm. d. Red.), und mir wurde mitgeteilt, dass er nie wieder mit mir sprechen würde. Und zwar, weil ich seine Gitarrenarbeit offensichtlich nicht zu würdigen wüsste. Mir ist das herzlich egal. Es würde mir nichts ausmachen, mit ihm zu reden, aber er hat sich wohl in seinen ganz persönlichen Wahnsinn zurückgezogen. Also: kein Kommentar. Schön, wenn’s ihm dabei gut geht.“ Um halb zehn Uhr abends bringen Deep Purple die Strawinsky-Halle zum Beben. Gillans Ohren und Stimmbänder sind okay. Zwar sind ›Speed King‹ und ›Child In Time‹ inzwischen keine Optionen mehr, doch ›Highway Star‹, ›Hush‹ und ›Black Night‹ bringen das Publikum zum Durchdrehen. Zu den Überraschungen gehören Steve Morses Instrumentalstück ›Contact Lost‹, die narkotisierende Ballade ›Rapture Of The Deep‹ und Lars Ulrichs Lieb-lingsstück ›No One Came‹ – womöglich der beste Purple-Song aller Zeiten.

Gillan und seine Kollegen verlassen die Bühne und werden von Claude Nobs heftig umarmt. Der Festivaldirektor dankt ihnen überschwänglich, dass sie aus einem kleinen Event ein Ereignis gemacht haben, das via DVD weltweite Aufmerksamkeit erregen wird. „Ich würde nicht sagen, dass das nur unser Verdienst ist“, beschwichtigt ein lächelnder Ian Paice, „aber durch uns dringt die Botschaft nach draußen. Montreux ist für uns eben ein magischer Ort.“

Deep Purple Live At Montreux (4)Die Aftershow-Party fällt aus, da sich die Band für die Abreise nach Verona fertig machen muss. Aber als Deep Purple zurück ins „Fairmont“ trotten, hämmert der Pianist in der Hotelbar die Akkorde von ›Smoke On The Water‹, und über dem See explodiert ein Feuerwerk. Roger Glover hält in der Hotellobby kurz inne und grinst breit. „Das war gut, nicht wahr? Siehst du jetzt, warum wir immer weiter machen? Wir waren immer eine Gang. Heute sind wir eben eine ältere Gang.“

MIT PAUKEN UND TROMPETEN

Dem Drang zum großen Orchester gaben Deep Purple schon zu Beginn ihrer Karriere nach: ein Überblick von 1968 bis heute.

England, Ende der sechziger Jahre: Procol Harum landen mit dem von Johann Sebastian Bach inspirierten ›A Whiter Shade Of Pale‹ 1967 einen Welthit, The Nice kontern ein Jahr später mit einer weiteren klassischen Adaption: Keith Emersons Band verwandelt Leonard Bernsteins ›America‹ aus der „Westside Story“ in eine rabiate Abrechnung mit dem großen Bruder jenseits des Atlantiks. Klassische Elemente sind also an-gekommen in der Rockmusik, und die frisch gegründeten Deep Purple schwimmen ebenso auf der „progressiven“ Welle, verwursten für ihr 68er-Debüt SHADES OF DEEP PURPLE Passagen von Rimsky-Korsakoff – mit Orgel, Bass, Gitarre und Schlagzeug. Die Softrocker Moo-dy Blues sind da schon einen Schritt weiter, haben mit DAYS OF FUTURE PASSED bereits 1967 ein Pop-Album mit großem Orchester eingespielt, doch auf ihrem zweiten Werk THE BOOK OF TALIESYN machen auch Deep Purple erstmals ernst mit dem erweiterten Klangkörper – und zwar musikalisch wesentlich profunder als The Moody Blues. ›Anthem‹ heißt der Song, für den Organist Jon Lord, ein ausgewiesener Anhänger von Johann Sebastian Bach, ein barock anmutendes Zwischenspiel komponiert, stilecht dargeboten von einem Streichquartett. Hier wird nicht mehr eine klassische Vorlage zitiert, sondern im barocken Duktus komponiert, was Jon Lord dann schließlich auf dem dritten Album DEEP PURPLE (1969) noch weiter perfektioniert: Der grandiose, zwölfminütige Drei-Akter ›April‹ enthält einen instrumentalen Mittelteil aus Lords Feder, gespielt von einem zwölfköpfigen Kammerorchester.

Ebenfalls anno 1969 er-scheint Lords Rock/Klassik-Experiment CONCERTO FOR GROUP AND OR-CHESTRA, aufgezeichnet mit dem Royal Philharmonic Orchestra in der Londoner Albert Hall – der konzertante Höhepunkt von Deep Purples Flirt mit dem Symphonischen, aber auch sein vorläufiger Schlusspunkt. Wofür seinerzeit zwei Fakto-ren ausschlaggebend sind: War bislang Jon Lord der „musikalische Direktor“, dominiert jetzt zunehmend Ritchie Blackmore die Ausrichtung der Band. Und der bevorzugt eben kompromisslosen Hard Rock. Zudem macht Purples neuer Sänger Ian Gillan beim CONCERTO FOR GROUP AND ORCHESTRA zwar eine gute Figur, er ist als spektakulä-rer „Shouter“ dann aber doch deutlich wirkungsvoller denn als „Crooner“ – ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger Rod Evans.

Cover Shades Of Deep PurpleAuch rein praktische Er-wägungen spielen seinerzeit eine Rolle: Die Rock-meets-Klassik-Nummer ist um 1970 zwar künstlerisch durchaus noch ausbaufähig, kann aber auch in einer Sackgasse münden. Mit großem Orchester auf Tournee zu gehen, ist teuer und riskant, zudem liefert der durchschlagende Erfolg Led Zeppelins Blackmore die richtigen Argumente: Hard Rock ist in den frühen siebziger Jahren die Zukunft, seine klassischen Experimente darf Jon Lord fortan auf Soloalben veröffentlichen.

Etwa auf GEMINI SUITE, deren einzige Live-Aufführung aus dem Jahr 1970, bei der im Gegensatz zur Studioaufnahme die kompletten Deep Purple zu hören sind, seit 1993 auf CD zu haben ist. Doch GEMINI SUITE LIVE bleibt die Ausnahme, die Mark II-Be-setzung mit Ian Gillan und Roger Glover widmet sich in den frühen Siebzigern ganz dem kompakten Hard Rock, feiert mit IN ROCK, FIREBALL und vor allem MACHINE HEAD triumphale Erfolge. An dieser Ausrichtung ändert sich nichts, als 1973 David Coverdale und Glenn Hughes Gillan und Glover ablösen. Tommy Bolin, 1975 als Er-satz für Blackmore rekrutiert, verpasst der Band einen funky Anstrich, doch Orchesterwerke bleiben weiterhin tabu. Sein hörenswertes Barock-Experiment SARABANDE veröffentlicht Lord etwa zeitgleich als Solowerk, kurz darauf sind Purple nach Bolins Drogentod ohnehin erst einmal Geschichte.

Auch nach der Reunion der Mark II-Besetzung anno 1984 bleiben Deep Purple ausschließlich dem Hard Rock treu, erst 1999 rekonstruiert Jon Lord mit dem niederländischen Komponisten Marco De Groeij die verloren gegangene Partitur seines CONCERTO FOR GROUP AND ORCHESTRA. Ein Jahr später erscheint der Mitschnitt LIVE AT THE ROYAL ALBERT HALL mit Neuzugang Steve Morse an der Gitarre, begleitet vom London Symphony Orchestra. Eine weitere Einspielung mit dem New Japan Select Orchestra erscheint 2001 als Bestandteil der Live-CD-Box THE SOUNDBOARD SERIES. Auf LIVE AT THE ROTTERDAM AHOY tauchen ebenfalls 2001 noch Auszüge aus dem CONCERTO auf, diesmal begleitet vom Romanian Philharmonic Orchestra. Nach Lords Ausstieg 2002 ist die Zeit von Klassik-Experimenten bei Purple wohl endgültig abgelaufen. Doch – wie man sieht – schätzt die Band die Vorzüge der Orchesterbegleitung noch heute, wenn auch der musikalische Rahmen mittlerweile ein anderer ist.