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Start Blog Seite 1289

Jethro Tull – Keine Dünnbrettbohrer

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Als Jethro Tull vor 40 Jahren ihr Album THICK AS A BRICK veröffentlichten, wollte Mastermind Ian Anderson vornehmlich seinem Ärger gegenüber einigen Kritikern Luft machen, die die Band Anfang der 70er in die Schublade des bombastischen und übertriebenen Effekt-Progs steckten. Dass dieses Werk schon wenige Jahre später von vielen als die Mutter aller Konzeptalben angesehen wurde, erwartete niemand. Nun führt Ian Anderson die Geschichte um Wunderkind Gerald Bostock fort – und spart auch hier nicht an Kritik.

Jethro Tull 2012 @ Martyn Goddard (12)Die beste Nachricht zuerst: Gerald Bostock lebt! Das mag im Vergleich zu dringenden Fragen der globalen Klimaerwärmung, der atomaren Bedrohung durch so genannte Schurkenstaaten, des seit Monaten drohenden Finanzkollaps westlicher Länder oder der vermeintlichen Selbstbedienungsmentalität deutscher Staatsoberhäupter zu-nächst wie eine unbedeutende Marginalie klingen. Doch für Fans der britischen Rockband Jethro Tull gehört diese Auskunft zu den erfreulichsten Meldungen der zurückliegenden 40 Jahre. Denn parallel mit dem aktuellen Situationsbericht über den Verbleib der fiktiven (Roman-)Figur Bostock geht die Veröffentlichung von THICK AS A BRICK 2 einher. Es ist die lang ersehnte und immer wieder eingeforderte Fortsetzungsgeschichte eines der wichtigsten Konzeptalben der Rockgeschichte.

THICK AS A BRICK 1 aus dem Jahr 1972 gehört fraglos zu den 100 wichtigsten Rockscheiben aller Zeiten und hält Vergleiche mit Konzeptklassikern wie TOMMY (The Who), THE WALL (Pink Floyd), LAMB LIES DOWN ON BROADWAY (Genesis) oder OPERATION MINDCRIME (Queensrÿche) mühelos stand. Die Geschichte um das große dichterische Talent des acht-jährigen Helden Bostock wurde damals in allen Details so wirklichkeitsnah erzählt, dass der Erfinder der Figur, Jethro Tull-Sänger/Flötist Ian Anderson, zunächst sogar im Verdacht stand, den Namen Bostock als Pseudonym für seine eigene Lebensgeschichte zu verwenden. Kein allzu abwegiger Gedanke, auch wenn Anderson heute behauptet, dass „von mir nur etwa 20 Prozent im Charakter des Titelhelden zu finden sind. Der Rest basiert auf Beobachtungen anderer Menschen und ihrer Schicksale. Und die reichen von Ian Fleming bis zu William Shakespeare.“

Doch die Aufmachung der Original-LP im Stile der lokalen Tageszeitung „St. Cleve Chronicle“ war so realistisch und überzeugend – zumal die Bostock-Meldung geschickt als kleine Meldung verpackt wurde und damit die Glaubwürdigkeit der Geschichte noch zusätzlich steigerte –, dass man vieles durchaus für bare Münze halten konnte, was eigentlich nur den Hirnwindungen Andersons entsprungen war.

Und auch die musikalische Ausrichtung der ‘72er Kultscheibe mit ihrer Mischung aus Rock, Folk, Blues und progressiven Anleihen besitzt alles, was ein schlüssiges Konzeptwerk braucht, inklusive aller notwendigen Details, Widerhaken und bewussten Antagonismen. Vieles von dem, was man seinerzeit auf THICK AS A BRICK 1 zu hören bekam, konnte man später in mehr oder minder deutlichen Zitaten auf artverwandten Klasse-scheiben wie THE SNOW GOOSE (Camel) oder auch MISPLACED CHILDHOOD (Marillion) wiederfinden. Man sollte THICK AS A BRICK vielleicht nicht gleich als Mutter aller Konzeptalben bezeichnen, aber zumindest als große Tochter oder Schwägerin.

Hufschmied als Namensgeber

Als Anderson im Herbst 1967 die Band gründete, konnte er natürlich nicht ahnen, wie viele Rock-Klassiker er in den folgenden Jahren an den Start bringen und auch noch lange nach der Jahrtausendwende Massen von Musikfans in seine Konzerte locken würde. Der Name Jethro Tull geht auf einen 1674 geborenen englischen Landwirt und Schriftsteller zurück, von dem 1731 das Buch „The New Horses Hoeing Husbandry“ (zu Deutsch etwa: „Wie man Pferde richtig beschlägt“) veröffentlicht wurde. So skurril die Namenswahl, so bunt und einfallsreich auch die Geschichten, die Anderson in musikalische Form brachte. Neben der Wunderkind-Erzählung auf THICK AS A BRICK schlüpfte er auf MISTREL IN THE GALLERY in Kostüme des Elisabethanischen Englands, ergriff in SONGS FROM THE WOOD Partei für die bedrohte Natur oder betrachtete die Rolle zeitgenössischer Musik in TOO OLD TO ROCK’N’ROLL mit einer gehörigen Portion kritischem Humor. Dabei ließ sich die Band stilistisch nie einer bestimmten Spezies zuordnen. „Es gab die unterschiedlichsten Phasen in unserer Karriere“, wundert sich auch Anderson selbst über die breite Palette verschiedenartiger Grundströmungen. „Heute würde ich Jethro Tull als riesiges Gemälde mit vielen De-tails sehen“, sagt er. „Es gab Zeiten, da waren wir eine Blues Band, wir haben Progressive Rock gemacht, es gibt Stücke mit Hardrock-Einflüssen, mit asiatischen Elementen und Einflüssen des Mittleren Ostens. Und natürlich war immer auch das Folk-Element herauszuhören.“ So bunt die musikalische Darreichungsform der Gruppe, so vielseitig die Interessen des 65-jährigen Engländers, der aber dennoch bekennt: „Ich fühle mich als Musiker rein akustischer Instrumente, der zusammen mit Rockmusikern zur Arbeit geht. Das ist manchmal ganz schön hart, aber genau das ist es, was den Reiz dieser Band ausmacht.“

Website statt Tageszeitung

Ian Anderson ist seit 45 Jahren Chefdenker und Galionsfigur von Jethro Tull. Der Mann gilt als eigenwillig und schwierig, gleichzeitig aber auch als blitzgescheiter Zeitgenosse, gewiefter Geschäftsmann (seine Lachsfarmen in Schottland bringen millionenschwere Umsätze) und kritischer Beobachter der Auswüchse von Größenwahn, Ignoranz und Maßlosigkeit. „Das öffentliche Leben hat sich stark verändert“, sagt er mit Blick auf seine Fortschreibung der Bostock-Vita, „und damit die Lebensbedingungen der heutigen Jugend. In den frühen Siebzigern, als THICK AS A BRICK 1 entstand, herrschte in England noch große wirtschaftliche Not, viele Menschen waren arbeits- und obdachlos und rutschten ob ihrer misslichen Lage in die Drogenabhängigkeit. Heute gehören Sex und Drogen im Internet auch zum täglichen Leben der Mittelschicht. Man kommt automatisch damit in Kontakt, ob man will oder nicht. Man kann sich das heutige Leben ohne Internet und Cyberspace nicht mehr vorstellen. Diese Medien sind mittlerweile zu einer parallelen Wahrheit neben der tatsächlichen Realität gewachsen, egal ob man das nun gutheißt oder nicht.“ Anderson berücksichtigt diese Tatsache auf THICK AS A BRICK 2 und funktioniert den „St. Cleve Chronicle“ kurzerhand in eine tatsächlich existierende lokale Website ( HYPERLINK https://www.stcleve.com) um, inklusive der offenkundigen Unvollkommenheit vieler solcher Seiten. Gedacht ist diese Website als Forum für fiktive Nachrichten und als soziales Netzwerk für Kommunikationsfreudige. Dass Andersons Webseitenauftritt dabei nicht gerade den neuesten Stand der Internetentwicklung repräsentiert ist seinem Alter geschuldet – und vermutlich auch dem seiner Zielgruppe. Denn auch die Wiederaufnahme der Poetenchronik um Gerald Bostock ist ausschließlich in traditionelle Rockmusik gekleidet – zum Glück.

Jethro Tull 2012 @ Martyn Goddard (5)Kein Urlaub auf Neptun

Sechs Jahre lang reifte der Gedanke der Bostock-Fortsetzungsgeschichte in Anderson. Immer wieder seien Plattenfirmen mit dem Wunsch an ihn herangetreten, eine Neuauflage des ‘72er Klassikers zu schreiben. „Aber der Gedanke daran schien mir zunächst unattraktiv, da zu wenig zeitgemäß, zu stark nostalgisch verbrämt und somit langweilig.“ Doch irgendwann habe er sich selbst dabei erwischt, wie seine Gedanken immer häufiger um das Schicksal seines einstigen Helden zu kreisen begannen. „Es fing an mich zu interessieren, was aus Gerald Bostock wohl geworden sein könnte. Und aus dieser Neugier entstand dann genau die Aktualität, die ich brauchte, um Spaß an einer Fortsetzung zu haben.“ Im Herbst 2010 seien erste kleine Manuskripte und Textfragmente entstanden, inklusive der Idee, auch das vermeintliche Relikt einer auf Papier gedruckten Tageszeitung in ein modernes Kommunikationsforum zu transformieren: „Ich war ja nicht 20 Jahre lang auf dem Planeten Neptun in Urlaub. Deshalb weiß ich natürlich, was gegenwärtig in einer Welt los ist, in der sich junge Menschen kaum noch orientieren können.“

Anderson kennt dieses Gefühl von Ziellosigkeit, Unsicherheit und Zukunfts-angst. Und er weiß nur allzu gut, wie stark Zufälle in die persönliche Vita von Menschen hineinspielen. Ihn beschäftigt beispielsweise die Frage, was wohl aus seinem eigenen Leben geworden wäre, hätte der Stationsvorsteher einer Polizeidienststelle in Blackpool Mitte der Sechziger seine Bewerbung angenommen, anstatt ihn zunächst auf die Universität zu beordern. „Damals hatte ich mir in den Kopf gesetzt, Polizist zu werden. Ein abstruser Gedanke? Ich denke nicht. Ich schätze, dass ich sogar ein sehr guter Polizist geworden wäre. Doch der Chef der Dienststelle lehnte meine Bewerbung ab und erklärte, dass ich als 17-Jähriger noch zu jung sei und erst mal drei Jahre auf die Uni gehen und mich dann noch einmal bewerben solle. Wer weiß, ob ich nicht heute ein Polizist im Ruhestand wäre, wenn man mich damals angenommen hätte.“

Bostock als Investmentbanker

Eine fast deckungsgleiche Erfahrung musste Anderson wenig später auch bei einer englischen Zeitungsredaktion machen, bei der er sich beworben hatte. Auch dort riet man dem jungen Mann, sich zunächst an der Uni zu immatrikulieren und die Bewerbung erst nach abgeschlossenem Studium zu erneuern. „Es sind mitunter nur zwei, drei Sekunden, die über den weiteren Verlauf des Lebens entscheiden und die einem immer wieder neue Perspektiven eröffnen“, sagt der Tull-Boss, „ich jedenfalls glaube nicht an Schicksal oder Fügung, sondern daran, dass es im Leben immer wieder Situationen gibt, an denen man sich neu entscheiden kann.“ Es scheint fast, als ob Anderson seinen Titelhelden Gerald Bostock auf THICK AS A BRICK 2 gewissermaßen an seiner Stelle die vielen Möglichkeiten des Lebens ausschöpfen lässt. Mal sieht man Bostock als Soldaten, dann als korrupten evangelischen Pastoren oder als einfachen Mann, der einen kleinen Kiosk betreibt und in seiner Freizeit mit Modelleisenbahnen spielt. Aber es gibt Gerald Bostock 2012 auch als egoistischen Investmentbanker, sozusagen als „personifiziertes Übel unserer Tage“, wie Anderson genau weiß, um ihn sofort anschließend auch in der Rolle eines Gescheiterten zu beschreiben, dessen Leben komplett aus den Fugen geraten ist. „Für mich ist wichtig, dass man erkennt, dass all dieses auch uns selbst passieren könnte. Es ist oftmals nur die Winzigkeit eines Augenblicks, einer Intuition, die uns für die eine oder andere Richtung entscheiden lässt.“ Andersons Entscheidung, nach den abgelehnten Bewerbungen ab 1964 am Blackpool College Of Art Kunst zu studieren, erwies sich jedenfalls als Glücksgriff.

Tausche Gitarre gegen Flõte

An einen weiteren, für ihn wegweisenden Moment kann sich Anderson noch besonders gut erinnern: der Tag, an dem er zum Flötisten wurde. Oder besser: als er aus der Not heraus seine Gitarre gegen eine Flöte tauschte, ohne zu wissen, was er eigentlich damit machen solle. „Im Grunde genommen war ich in Geldnot, also beschloss ich, meine 1960er Fender Stratocaster zu verkaufen. In einem kleinen Musikgeschäft entdeckte ich diese wunderbar golden glänzende Flöte. Ich weiß nicht mal mehr, weshalb sie mich so sehr faszinierte, aber die Sonne schien so klar und hell durch die Fensterscheiben und ließ die Flöte geradezu erstrahlen.“ Anderson entschloss sich zu einem Tausch: Er bekam 150 britische Pfund für seine Fender und musste im Gegenzug für die Flöte und ein dazu passendes Mikrophon 30 Pfund berappen. Mit 120 Pfund Bargeld, einem Mikro und einem neuen Instrument verließ er das Ge-schäft wieder. Fast ein halbes Jahr wusste er mit der Flöte nichts anzufangen, dann begann er sich damit zu beschäftigen und wurde in wenigen Jahren zum berühmtesten Rock-flötisten der ganzen Musikgeschichte. „Aber“, so der gewitzte Geschäftsmann Anderson mit leicht wehmütiger Stimme, „besser wäre es gewesen, die Gitarre zu behalten und sich das Geld für die Flöte zu leihen, denn mittlerweile wäre eine Fender Stratocaster aus dieser Bauphase locker bis zu 40.000 Dollar wert.“

Flõtenräuber

Über den heutigen Preis seiner ge-schichtsträchtigen Flöte hingegen verliert Anderson kein Wort. Aus gutem Grund, denn vielleicht war ja so manch einer, der im Mai eine der aktuellen Konzerte der britischen Rock-Legende besuchen wird, schon 1977 mit dabei, als Anderson bei ei-nem Konzert in der Bremer Stadthalle sein Instrument gestohlen wurde. In jenen Tagen hatten Jethro Tull gerade ihr Album SONGS FROM THE WOOD veröffentlicht und befanden sich auf großer Welttournee. Anderson selbst erinnert sich mit Schrecken an diesen Abend: „Beileibe kein Kavaliersdelikt, sondern das Schlimmste, was einem Musiker passieren kann. Einem Musiker sein Instrument zu stehlen, ist, als ob du ihn seiner Frau beraubst. Manchmal sogar noch schlimmer als das. Ich würde mit Sicherheit ins Gefängnis gehen, wenn ich einem solchen Dieb das antun würde, was ich in solchen Momenten gefühlt habe.“

Zum Glück hat der Ehemann und Vater zweier erwachsener Kinder (Sohn James ist Musiker, Tochter Gael arbeitet in der Filmindustrie) sein heiß geliebtes Instrument zurückbekommen, so dass er die legendäre Flöte möglicherweise auch mit auf die 2012er Tour nehmen könnte.

Ab Mai werden unter dem Namen Jethro Tull feat. Ian Anderson beide Teile der THICK AS A BRICK-Historie komplett aufgeführt. Vergessen also sind die Enttäuschungen der TAAB 1-Konzerte in den frühen Siebzigern, als Anderson die Reaktionen des amerikanischen Publikums so sehr störten, dass er das Konzeptwerk nie wieder in voller Länge aufführen wollte. „In England und Nordeuropa war alles okay, in diesen Ländern hatten die Zuschauer das Gespür, in ruhigen Passagen leise zu sein und das Album in seiner Gesamtheit auf sich wirken zu lassen. In Italien und Amerika dagegen war es ausgesprochen mühsam. Die Leute dachten scheinbar, jetzt kommt Deep Purple mit Flöte, keiner wollte die ruhigen Nummern hören, alle wollten nur feiern und tanzen. Doch zum Glück hat sich dies geändert, seit etwa zehn Jahren versteht das Publikum mein Anliegen in THICK AS A BRICK, und man kann auch leisere Nummern ohne nennenswerte Störung spielen.“

Jethro Tull feat. Ian Anderson

Die Ausweitung des Projektnamens, nämlich Jethro Tull feat. Ian Anderson, sei diesbezüglich ein bewusster Hinweis ans Publikum, um deren Erwartungshaltung auf einen ausschließlich rockigen Abend zu zügeln, behauptet das Tull-Oberhaupt. Diese Erklärung jedoch gehört vermutlich ähnlich ins Reich der Fabeln wie das Bostock-Abenteuer. Fakt ist, dass sich Anderson und Original-Tull-Gitarrist Martin Barre zerstritten haben. Barre tourt seither mit seiner neuen Band New Day und einem Programm mit Jethro Tull-Stücken der ersten vier Alben, während Anderson für seinen langjährigen Weggefährten das deutsche Talent Florian Opahle verpflichtet hat und nun dokumentieren will, dass er allein der Urheber der Bostock-Reanimation ist: „Vielleicht ist es ja immer auch ein gewisser Egoismus, der einen Künstler antreibt, vergleichbar mit dem von Roger Waters und seiner THE WALL-Tour ohne Pink Floyd. Ich möchte einfach, dass die Leute wissen: THICK AS A BRICK 2 ist mein Baby! Und deshalb soll mein Name dem ganzen Projekt vorangestellt sein.“ Der Mann ist halt auch ein britischer Starrkopf.

Titelstory: Bruce Springsteen

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Auf seinem 17. Studioalbum präsentiert sich „der Boss“ als radikaler Rock-Revoluzzer, der gegen die Reichen, Gierigen und Korrupten wettert, klare Worte an Politiker, Kirche nebst Wall Street richtet und seine „fellow Americans“ auf einen neuen Kurs einschwört: Eigenverantwortung, Weltoffenheit und Zivilcourage sind oberste Bürgerpflicht zum Aufbau einer wirklich demokratischen USA. Und für die ist es allerhöchste Eisenbahn.

Opener_Bruce Springsteen 2012c @ Danny ClinchEine Vision, der Bruce Frederick Joseph Springsteen aber auch Taten folgen lässt. Denn noch nie war der Mann aus Long Branch, New Jersey, so explizit politisch, so klassenkämpferisch und vor allem so kompromisslos wie 2012. Mit Forderungen nach gesellschaftlichen Veränderungen, die er auf seinem neuen Werk WRECKING BALL ganz unmissverständlich formuliert, und die selbst Lenin, Marx, Engels und Luxemburg mit Stolz erfüllen dürften.

Einfach, weil er sich die Freiheit nimmt, mitten in der Hochburg des Turbokapitalismus eine staatliche Kontrolle der Wirtschaft, einen weit reichenden Schutz der Arbeiterklasse und zudem Sanktionen gegen die Missachtung von allgemeingültigen ethisch-moralischen Vorstellungen zu fordern. Das hätte ihm unter McCarthy glatt eine Anklage wegen kommunistischer Volksverhetzung beschert, ist aber heute – im Zeitalter von Occupy Wallstreet – geradezu ultra hip. Genau wie sein erdiger, bodenständiger Sound, der mehr Folk-Elemente aufweist als die Avett Brothers oder Mumford & Sons – und mehr schnörkellosen Rawk’n’Roll als Gaslight Anthem oder Rise Against. Womit „der Boss“ seine Relevanz für alle Altersgruppen und Genres unterstreicht, wirklich einer für alle ist, und das auch optisch zum Ausdruck bringt. Denn irgendwie scheint er dasselbe Berufsjugendlichen-Gen zu be-sitzen wie sein deutscher (und längst nicht so cooler) Kollege Peter Maffay – Jeans, T-Shirt, Lederjacke, schwere Boots und Sturmfrisur. Eben als käme er frisch von der Schicht und müsse noch kurz die Welt retten, ehe das rustikale familiäre Abend-essen auf dem Tisch steht. Eine kniffelige Aufgabe, die er lieber musikalisch als verbal löst. Trotzdem nimmt er sich bei seinem Blitzbesuch in Paris fast eine Stunde Zeit, um den Fragen von CLASSIC ROCK Rede und Antwort zu stehen. Und dabei mit einer beeindruckenden Offenheit zu glänzen. Auch, wenn ihm die sieben Flugstunden, die er am Vormittag absolviert hat, merklich in den Knochen stecken…

Bruce, du siehst müde aus…

(lacht trocken) Das bin ich auch! Ich bin heute Morgen aus New Jersey eingeflogen, habe ein paar Stunden geschlafen und muss morgen früh direkt zurück.

Warum der Stress?
Weil wir mitten in den Proben zur Tour stecken. Und weil ich die Jungs nicht so lange allein lassen kann. Wer weiß, was die ohne mich machen. (lacht) Und ihr wollt ja schließlich eine vernünftige Show sehen, oder? Also: Dafür müssen wir proben, richtig intensiv so-gar. Einfach, weil sich die Songs ja nicht von alleine spielen, sondern nur dann, wenn alle Beteiligten topfit und 100prozentig bei der Sache sind.

Wie denn, auch nach 40 Jahren Musikgeschäft herrscht da immer noch keine Routine, kein bisschen laissez faire?
Oh nein, jedenfalls nicht bei mir. Ich bin jemand, bei dem alles auf harter körperlicher Arbeit und unbändigem Willen basiert. Einfach, weil mir nichts zugefallen ist, sondern ich musste für alles, was ich erreicht habe, hart arbeiten. Nur so habe ich es zu etwas gebracht. Eben, indem ich den Kampf angenommen und mich nicht versteckt habe. Ich hab mich durchgebissen. Und so ist es bis heute. Schließlich haben wir auf dieser Tour 15 Musiker dabei und müssen zugleich zwei großartige ersetzen, was wirklich nicht leicht ist. Wenn man da nicht probt und versucht, das Optimum herauszuholen, kann das nur schief gehen.

Damit spielst du auf den Tod deiner langjährigen Weggefährten Danny Federici und Clarence Clemons an. Wie kompensierst du diesen Verlust?
Der lässt sich nicht kompensieren – erst recht nicht bei Clarence. Ich meine, man kann keine Stadt durch ein Haus ersetzen. Und Clarence war eine Macht – und zudem noch einer meiner besten Freunde. Schließlich haben wir zusammen Musik gemacht, seit ich 22 war, was eine Ewigkeit ist. Und wir hatten eine ganz besondere Chemie, wir waren ein Team, eine Einheit. Wir haben alles zusammen erlebt – Höhen wie Tiefen, Freude und Schmerz. Ihn zu verlieren ist, als ob da plötzlich etwas ganz Elementares fehlt – wie die Luft oder der Re-gen. Insofern bin ich stolz, dass er auf ›Land And Hope And Dreams‹ mit seinem letzten, unverkennbaren Solo vertreten ist. Das ist ein ganz besonderer Moment auf diesem Album. Und ich bin nicht minder stolz, dass wir jetzt seinen Neffen Jake dabei haben, den Clarence mir vor ein paar Jahren vorgestellt hat und der seinen Part übernimmt. Der Junge ist wirklich gut…

Lässt dich das auch über deine eigene Sterblichkeit bzw. Halbwertszeit nachdenken? Schließlich bist du 62. Und das in einer Branche, die gemeinhin als „a young man´s game“, als etwas für junge Leute, bezeichnet wird.
Natürlich mache ich mir Gedanken. Und manchmal spüre ich mein Alter sehr wohl. Zum Beispiel, wenn ich mal kurz nach Paris fliege. (lacht) Aber im Großen und Ganzen muss ich sagen, dass ich eigentlich ganz gut in Form bin. Also ich bin in der Lage, eine längere Tournee zu bestreiten und dabei allabendlich drei bis vier Stunden auf der Bühne zu stehen, die richtigen Töne zu treffen und den Leuten eine gute Show zu bieten. Und wenn ich mir Tony Bennett ansehe, der das auch mit 85 hinkriegt, dann bin ich eigentlich guter Dinge, dass ich da noch ein paar Jahre vor mir habe. Zumal es ja nicht so ist, als ob ich kein Publikum mehr hätte. Sondern die Leute scheinen mich weiterhin zu mögen. Und ich habe ja auch etwas Konkretes zu sagen. Ich gehe da raus, weil ich ihnen etwas mitteilen möchte, von dem ich denke, dass es wichtig ist.

Das wäre?
Ich will sie wachrütteln, ihnen die Augen öffnen und Anstöße geben. Schließlich läuft in diesem Land so viel falsch, dass es höchste Zeit wird, dass wir etwas dagegen tun. Und mit „wir“ meine ich nicht unsere Politiker, die schon seit Jahrzehnten durch völlige Inkompetenz und Lethargie glänzen, sondern die Menschen in diesem Land, in den USA. Sie müssen die Ärmel hochkrempeln und etwas gegen die eklatanten Missstände tun, die sich da offenbaren – die sinnlosen Kriegseinsätze, die Wirtschaftskrise, die soziale Ungerechtigkeit, die immer größere Kluft zwischen Arm und Reich und vieles mehr. Was das betrifft, hat die Politik versagt. Sie hat keinerlei Kompetenz oder Verantwortung gezeigt, sondern sich einfach selbst bereichert. Auf ganz schamlose und widerwärtige Weise.

Springsteen Pressekonferenz @ Yann Orhan (1)Das klingt ziemlich bissig und wütend…
Das soll es auch sein. Ich bin schließlich angepisst. Sehr sogar. Und ich habe kein Problem damit, meine Meinung zu sagen: Es ist einfach unverantwortlich, wie sich einige Menschen gegenüber der Allgemeinheit verhalten. Und die müssen endlich zur Verantwortung gezogen werden.

Weil sich die Reichen und Mächtigen der USA – um den Albumtitel zu bemühen – am „Wrecking Ball“, an der Abrissbirne von Rechts, vergangen haben?
Ganz genau. Sie haben alles, was dieses Land so lebenswert gemacht hat, in Schutt und Asche verwandelt, aus blühenden Wiesen und historischen Gebäuden Parkplätze gemacht und dabei – auf Kosten der Allgemeinheit – richtig abkassiert. Wobei ich mich frage, wie es soweit kommen konnte und warum sie niemand aufgehalten hat. Das ist es, was ich nicht verstehe, und von dem ich mir wünsche, dass sich da möglichst bald etwas ändert.

Demnach sind Stücke wie ›We Take Care Of Our Own‹ so etwas wie mentale Brandbeschleuniger?
(lacht) Ja, ich mache den Leuten Feuer unterm Hintern – damit sie endlich aktiv werden. Zumindest hoffe ich das…

Wäre das ein Lösungsansatz – mehr individuelle Verantwortung, mehr Zivilcourage?
Zumindest ist es das, was ich für einen Ausweg halte. Und was ich meinem Publikum sage. Einfach, weil ich wütend bin – genau wie sie. Ich bin ein 62-jähriger Familienvater aus New Jersey, der es nicht fassen kann, was da passiert. Der die Hände über dem Kopf zusammenschlägt und genauso hilflos dasteht wie alle anderen. Aber: Ich habe die Musik. Was mir die Möglichkeit gibt, meine Gedanken zu formulieren und öffentlich zu machen. Und das tue ich, weil ich es muss. Weil sich das in mir aufstaut und ich es nicht in mich hineinfressen, sondern loswerden will. In der Hoffnung, dass es jemanden erreicht, der genauso denkt und fühlt wie ich.

Wobei du zum ersten Mal seit 15 Jahren nicht mit deinem Stammproduzenten Brendan O´Brien gearbeitet hast. Wie kommt´s?
Ganz einfach: Er war beschäftigt. Denn natürlich habe ich ihn gefragt, aber er war nicht verfügbar. Was jedoch nicht schlimm ist. Ich meine, ich hatte ja erst gar nicht vor, diese Art von Album zu machen, sondern habe an etwas ganz anderem gearbeitet. Nämlich einer reinen Akustik-Platte, die sich aber nicht so entwickelt hat, wie ich mir das vorgestellt habe. Sprich: Ich konnte sie nicht fertig stellen, weil irgendetwas fehlte. Ich weiß bis heute nicht, was es war, aber es schien irgendwie nicht komplett.

Worauf meine Frau meinte, ich solle doch mal diesen Typen anrufen, der ihre Platten betreut: Ron Aniello. Er schaute dann auch tatsächlich vorbei, um mir ein bisschen zu helfen und ein paar frische Impulse zu geben. Dabei sind dann einige komplett neue Songs entstanden, die sehr frisch und sehr spannend klangen und in eine völlig andere Richtung gingen. Eine, die mir sehr gefiel. Also habe ich Nägel mit Köpfen gemacht und das alte Material verworfen, um Platz für neues zu schaffen. Was nicht das erste Mal ist, dass ich das tue. Und ich hatte das Gefühl, dass es wichtig ist, noch einmal von vorne anzufangen. Wobei mir Ron allein dadurch geholfen hat, dass er über diese riesige Bibliothek an Sounds verfügt, die von elektronischen Sachen bis zu HipHop-Beats reicht. Wir haben etliche davon eingesetzt und mit Samples gearbeitet, was eine ganz neue Erfahrung für mich war – eine überaus positive, weil das Ganze dadurch viel atmosphärischer und dichter geworden ist.

Klingt, als hätte die moderne Technik bei dir Einzug gehalten?
So ungefähr. Denn es sind ja nicht ich und die Band, die im Studio stehen und jammen, sondern ich baue da ein Album mit einem Produzenten. Sprich: Es sind Ron und ich – und zwar bei mir Zuhause. Dabei fingen alle Songs als Folk-Nummern mit akustischer Gitarre an – das war es, was ich ursprünglich vorhatte. Doch dann haben wir halt alles andere darüber gelegt – Schicht für Schicht. Was nicht heißt, dass es besser oder schlechter ist als das, was ich mit Brendan hinbekommen hätte. Aber es hat eine ganz andere Dynamik und einen vielschichtigeren Klang. Es ist so, als ob ich im Hier und Jetzt angekommen wäre. Wonach ich aber nie gestrebt habe. Im Sinne von: Ich wollte technisch nie auf der Höhe der Zeit sein, sondern vor allem gute Musik machen. Und diesen Ansatz verfolge ich immer noch.

Wen hast du an Gästen oder an externen Musikern dabei?
Tom Morello von Rage Against The Machine, der ein guter Freund von mir ist und dessen Nightwatchman-Projekt ich einfach toll finde. Er hat Gitarre bei ›This Depression‹ und ›Jack Of All Trades‹ gespielt. Suzy und meine Frau Patti haben gesungen, Max hat bei einem Stück mitgewirkt, Clarence ist auf ›Land Of Hope And Dreams‹ dabei. Keine Ahnung, ob ich jetzt noch jemanden vergessen habe. Ich denke, das war’s.

Wobei das Ergebnis an eine Mischung aus Stadionrock und den folkigen SEEGER SESSIONS von 2006 erinnert – wenn auch mit einem stark militaristischen Unterton.
Richtig. Es erinnert an die Marschmusik aus dem Bürgerkrieg – weil es damals wie heute um die Zukunft des Landes geht. Eben um unser aller Freiheit wie Glück. Kann sein, dass das ein bisschen dramatisch klingt, aber ich finde, man kann es gar nicht krass genug formulieren. Denn es soll ja etwas bewirken. Es soll eine Reaktion auslösen.

Eine Revolution?
Oder zumindest ein kollektives Umdenken. Ich meine, ich will keine Anarchie in dem Sinne, dass ich die Demokratie und die bestehende Ordnung abschaffen will. Aber ich möchte doch, dass vieles anders gemacht und neu geregelt wird. Wozu ein neues Wahlrecht, eine gerechtere Besteuerung und eine Gesetzgebung gegen skrupellose Manager gehören. Ich wünsche mir einfach ein faires Amerika. Eines, das wir vielleicht mal hatten. Eben das Land mit dem „Traum“ vom schnellen gesellschaftlichen Aufstieg, von persönlicher Freiheit und Selbstverwirklichung. Der ist nicht mehr existent – weil diejenigen, die ihn für sich verwirklicht haben, gierig geworden sind und alle Türen hinter sich zugeschlagen haben. Aus Angst vor Nachzüglern und um ihre Position. Dagegen muss etwas getan werden – weil das nicht OK ist, weil es die Ideale unseres Landes in ihren Grundfesten zerstört.

Springsteen Pressekonferenz @ Yann Orhan (2)Welche Rolle übernimmst du dabei? Und welche Ambitionen verfolgst du mit deinem Engagement?
Ich bin Musiker. Mehr nicht. Und als solcher vergleiche ich das aktuelle Amerika, in dem ich lebe, mit dem Amerika, das es eigentlich sein sollte. Mit dem „home of the brave“, dem „land of the free“ und „God’s own country“ – all diese mystischen Begriffe, die ja quasi in unserer Verfassung verankert sind. Das ist meine Aufgabe, wenn man so will. Und es ist das, was ich mein Leben lang getan habe – weil Rockmusik ein gutes Ventil für Wut ist. So lange ich mich damit befasse, werde ich auch diesem Ansatz folgen. Wobei ich aber nicht predige und nicht mit dem Zeigefinger auf bestimmte Leute zeige, sondern versuche, Anstöße zu geben, wachzurütteln und Türen zu öffnen. Eben Türen zu einem besseren Amerika und zu einer besseren Welt. Denn dass die nicht perfekt ist, dürfte eigentlich jedem klar sein. Auch denjenigen, die sich daran bereichern.

Kannst du dich demnach mit der Occupy-Bewegung identifizieren?
Voll und ganz! Ich meine, ich weiß nicht, wie sie sich weiterentwickelt und ob sie ihre Ansprüche und ihr Vorgehen auf Dauer aufrechterhalten kann. Denn seien wir ehrlich: Sie steht massiv unter Beschuss und zwar von mächtigen, reaktionären Kräften, denen sie ein Dorn im Auge ist, und die alles tun, um sie unschädlich zu machen. Deshalb auch diese Gerüchte von wegen Drogenkonsum, Vergewaltigung und Vandalismus, die nicht zuletzt auf einer gezielten negativen PR-Kampagne und vielleicht auch einer systematischen Unterwanderung durch V-Leute basiert. Ich weiß es nicht genau, aber ich traue gewissen Leuten in diesem Land nahezu alles zu, um ihre Position zu schützen. Dabei ist Occupy die erste richtige Bürgerrechtsbewegung seit den 60ern. Es ist das erste Mal, dass ganz normale Menschen auf die Straße gehen, um für ihre Ansichten zu kämpfen, sich gegen bestehende Missstände zu wehren und ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. Was meiner Meinung nach überfällig war – so etwas musste endlich wieder passieren. Das amerikanische Volk hat sich jahrzehntelang einlullen lassen und in falscher Sicherheit gewogen. Eben, dass alles OK ist, die Regierung das Beste tut und die Interessen der Bevölkerung oberste Priorität genießen. Was aber nicht der Fall war. Sondern man hat die Menschen via Konsum, Propaganda und falschen Versprechen mutwil-lig getäuscht. Man hat sie nach allen Regeln der Kunst betrogen und belogen. Und zwar nicht erst unter Bush. Doch da wurde es so offensichtlich, dass auch der letzte erkannte: „Moment mal, hier stimmt etwas nicht.“ Trotzdem haben sie sich dann wieder von der Tea Party und neuen rechten Demagogen einfangen lassen – und glauben nun eine Stimme gefunden zu haben, die aber genauso manipuliert wird. Denn die Rechte hat sich auf das neue Klima eingestellt und versucht sich die Wünsche und Träume der Menschen auf neue Weise zu eigen zu machen. Ich meine, heute stellt sich zum Beispiel Newt Gingrich hin und be-schimpft Mitt Romney als kapitalistischen Geier. Was schon fast wieder komisch ist. Nur: Diese Terminologie hätte er früher nie verwendet. Das ist ein ganz klares Zugeständnis an Occupy und an ein neues öffentliches Denken, das mir per-sönlich sehr viel Mut macht.

Was ist mit Obama, den du 2008 im Wahlkampf unterstützt hast? Hat er deine Erwartungen erfüllt?
Das hat er – weil mir von vornherein klar war, dass er gegen einen übermächtigen Feind kämpft und längst nicht alles erreichen kann, was er sich vornimmt. Aber: Er hat Sachen geschafft, die Bush komplett ignoriert hat. Er hat das Gesundheitssystem reformiert, was die Kassen prompt zu absurden Beitragserhöhungen genutzt haben. Er hat General Motors gerettet und den Abzug aus Afghanistan und dem Irak eingeleitet. Dafür ist es ihm aber nicht gelungen, Guantanamo zu schließen, was ich bis heute nicht verstehe. Er hat diesen Dieben von der Wall Street keinen echten Riegel vorgeschoben. Und er hat seine ehrgeizigen Pläne im Bezug auf Umweltschutz und erneuerbare Energie unter den Tisch fallen lassen, was ich sehr bedauerlich finde. Nur ganz ehrlich: Es gibt leider niemanden, der anders oder besser wäre als er. Sondern jeder Politiker passt sich den Gegebenheiten an und geht permanente Kompromisse ein. Da wären die Republikaner kein bisschen besser. Mehr noch: Sie haben ja nicht mal einen halbwegs akzeptablen Kandidaten. Jemanden, der auch nur einen Hauch von Führungspersönlichkeit besitzt. Sondern das sind alles Witzfiguren und Marionetten. Es wäre peinlich für Amerika, wenn sie das oberste Amt im Staat belegen sollten.

Heißt das, du unterstützt den Präsidenten auch bei seiner nächsten Kandidatur?
Ich glaube, ich werde so schnell für niemanden mehr eintreten. Einfach, weil ich mich ein bisschen ausgenutzt und missbraucht fühle. Ich meine, ich habe mich 2004 für John Kerry engagiert, weil man mich gefragt hat, und weil ich es für wichtig hielt, dass Bush nicht noch weitere vier Jahre im Amt bleibt. Darum ging es auch 2008 – es war allerhöchste Zeit für einen Wechsel. Und deshalb habe ich mich dafür stark gemacht, dass er eintritt. Aber eben nicht, weil ich ein persönlicher Freund von Obama wäre oder die De-mokraten per se unterstütze. Ich habe lediglich meine Meinung gesagt. Genau wie ich es auch heute wieder tue. Aber ich werde mich nicht noch einmal für irgendwen oder irgendwas einspannen lassen. Denn das wird ständig versucht. Die unterschiedlichsten Gruppen wollen dich für ihre Zwecke gewinnen und damit auf Stimmenfang gehen. Nach dem Motto: „Bruce Springsteen unterstützt dies oder das – und das solltest auch du tun.“ Was grundlegend falsch ist. Und deswegen ›We Take Care Of Our Own‹ – weil endlich jeder nach seiner eigenen Überzeugung und seinen eigenen Vorstellungen reagieren und sich von nichts und niemandem einspannen lassen soll. Denkt endlich selbst, werdet aktiv, ändert was. Aber nicht: Wählt xyz, und alles wird besser. Das erinnert mich zu sehr an die katholische Kirche…

Mit der du aufgewachsen bist. Ein traumatisches Erlebnis?
Oh ja, das Haus meiner Eltern stand direkt neben einer Kirche. Was bedeutet: Ich habe alle Trauungen, Beerdigungen und Gottesdienste mitgemacht und eine strenge Erziehung genossen. Wobei man mir eine regelrechte Gehirnwäsche verpasst hat, unter der ich bis heute leide. Deshalb verwende ich in meinen Texten oft biblische Metaphern. Eben, weil ich gar nicht anders kann. Es ist wie bei Al Pacino in „The Godfather“: Ich versuche da auszubrechen, werde aber immer wieder zurückgezogen – weil das so tief in mir verwurzelt ist und ich sie nicht loswerde. Genau wie viele Amerikaner aus der Arbeiterklasse und der Mittelschicht. Wir sind so vollgepumpt mit Schuldgefühlen, dass wir wahnsinnige Probleme mit unserer Sexualität haben. (lacht) Einmal katholisch, immer katholisch. Und das äußert sich auch in unserem politischen Bewusstsein – indem wir nur folgen statt selbst aktiv zu werden.

Aber als Rockstar mit 120 Millionen verkaufter Alben bist du doch weder Arbeiterklasse noch Mittelschicht, sondern zählst eher zu den oberen Zehntausend, zu dem berühmten „ein Prozent“?
Das stimmt. Ich schlafe in einem verdammt großen und sehr bequemen Bett, und mir mangelt es an nichts. Aber trotzdem habe ich ein Gewissen und ein Bewusstsein. Ich sehe diesen ganzen Blödsinn, der um mich herum passiert, und habe das Bedürfnis, mich zu wehren bzw. meine Meinung zu sagen. Das ist schließlich etwas, das ich von meinen musikalischen Vorbildern wie Bob Dylan und Woody Guthrie gelernt habe. Eben, dass man sich nicht zurücknehmen, nicht anpassen oder gar verstecken darf, sondern sich ganz gezielt an sein Publikum wendet. Also um Türen zu öffnen, um Wissen und Erkenntnisse zu vermitteln. Eben, damit es „klick“ bei ihnen macht. Damit auch sie aufwachen und nach etwas anderem streben. Das ist so etwas wie die Jobbeschreibung eines Musikers: Gib den Leuten etwas, das sie im Leben weiterbringt. Und darin sehe ich meine Aufgabe – selbst, wenn ich in einem bequemen Bett schlafe. Rock’n’Roll ist schließlich harte Arbeit. (lacht)

Bruce Springsteen 2012e @ Danny ClinchWie steht es mit politischen Ambitionen? Könnte sich Bruce Springsteen vorstellen, selbst einmal ein öffentliches Amt zu bekleiden? Etwa als Gouverneur von New Jersey?
Niemals! Daran habe ich kein Interesse. Einfach weil ich nicht glaube, dass ich sonderlich gut darin wäre. Und weil ich Politik für ein ziemlich schmutziges Geschäft halte. Ich denke, als Musiker kann ich viel mehr erreichen. Und viel ehrlicher zu mir sein. Ich möchte mit nichts und niemandem tauschen.

Nicht einmal mit Gitarrist Steven Van Zandt, der in deiner erklärten Lieblings-TV-Serie „The Sopranos“ den Nachtclubbesitzer Silvio Dante gegeben hat?
(lacht) Steven ist einfach brillant. Ich meine, ich wusste immer, dass er lustig ist und eine erstklassige Mafioso-Parodie hinkriegt, aber dass er so gut ist, hätte ich nie erwartet. Ich weiß noch, als ich ihn das erste Mal im Fernsehen gesehen habe und es gar nicht glauben konnte, wie er da aussieht und was er von sich gibt. Das war zum Totlachen, und ich denke, dass ich wirklich jede einzelne Folge der Sopranos gesehen habe – einfach, weil ich die Serie so toll finde. Eine Zeit lang war es sogar das Ein-zige, was wir auf Tour mit der E Street Band gemacht haben: Wir haben uns das gemeinsam angeschaut, genauso gesprochen, uns Perücken aufgesetzt und Poker gespielt. Ein Riesenspaß. Ich wurde auch mal gefragt, ob ich Lust auf ei-nen Gastauftritt hätte. Nur: Ich habe mich nicht getraut. Eben, weil ich kein Schauspieler bin und nicht glaube, dass ich mich in meiner Lieblingsserie sehen möchte. Das könnte sie für immer ruinieren.

Und wie stehen deine Kinder zu deiner Musik? Halten sie Bruce Springsteen für cool?
Na ja, ich denke sie wissen sie schon zu schätzen. Hoffe ich zumindest. Sie haben ihre Mutter und mich ja schon oft genug im Studio wie auf der Bühne erlebt. Als Teenager haben sie uns sogar mal auf Tour begleitet und fanden das – glaube ich – auch sehr spannend. Nur mittlerweile sind sie ein bisschen älter, führen ihr eigenes Leben und lieben ihre eigene Musik. Mein Ältester ist zum Beispiel 21, geht aufs College und hört Sachen wie Rise Against, Gaslight Anthem, Kings Of Leon und Mumford & Sons. Womit ich durchaus etwas anfangen kann. Und wir waren auch schon zusammen bei einigen Gigs, was ich sehr genossen habe. Ich meine, es hält mich auf dem Laufenden und zeigt mir gleichzeitig, dass sich eigentlich nichts verändert hat: Jede Generation hat ihre Version von Rock’n‘ Roll, aber im Grunde ist es immer dasselbe, nur in anderer Verpackung. Und meine Helden hatten definitiv nicht so viele Tattoos wie heute.

Aber er schämt sich nicht für seinen Vater, oder?
Warum sollte er? Ich bezahle ihm schließlich das College und gebe ihm alles, was er will – und was ich nie hatte. Ich kümmer mich um ihn und die anderen beiden. Ich habe immer ein offenes Ohr und versuche es anders zu machen als mein Vater, der nie für mich da war. Nur: Ich kann verstehen, dass es komisch für sie sein muss, wenn sie mich vor 50.000 Menschen erleben, die mir zujubeln. Vermutlich hätte ich es an ihrer Stelle auch lieber, wenn jemand buhen würde. (lacht) Nach dem Motto: „Geigt dem Alten da oben endlich mal die Meinung.“ Das ist einfach so.

Also kindliches Rebellentum?
Ganz genau. Und ich meine, bei mir war es ja noch schlimmer. Ich habe offen gegen meinen Background rebelliert, viele Sachen getan, auf die ich heute so gar nicht stolz bin, und bin dafür auch öfter mit dem Gesetz in Konflikt geraten. Ich war ein Rumtreiber, ein Taugenichts, der sich bewusst mit allen angelegt und allem verweigert hat – von der Armee bis zu einer Berufsausbildung. Ich hatte wirklich nur die Musik, und die war alles für mich. Ich meine, die ersten 20 Jahre meines Lebens habe ich nur damit verbracht, Bier zu trinken, Songs zu schreiben und darüber zu diskutieren, wer der größte Rock’n’Roller ist – Elvis, Dylan oder John Lennon. Darüber hatten Steven und ich endlos lamentiert. Aber schau, was aus uns geworden ist: Heute sind wir über 60, schreiben immer noch Songs und führen immer noch dieselben Diskussionen – nur, dass wir richtig Geld damit verdienen. Irre, oder?

Iamdynamite

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IAMDYNAMITE (2)Wer sein Debütalbum SUPERMEGAFANTASTIC nennt, scheint entweder ein großes Selbstbewusstsein zu besitzen oder in extrem euphorischer Stimmung zu sein. Im Falle der Band IAMDYNAMITE kommt auch noch eine gute Prise Mut hinzu, denn die beiden amerkianischen Musiker sind Freunde des Minimalismus und beim Musizieren lediglich mit Gitarre und Schlagzeug bewaffnet.

Doch beginnen wir am Anfang: Sänger und Gitarrist Chris Martin und Schlagzeuger Chris Phillips kennen sich schon seit Schulzeiten. „Chris und ich sind beide in der Nähe von Detroit in der kleinen Stadt Raleigh aufgewachsen“, blickt Martin grinsend zurück. „Kennengelernt haben wir uns jedoch erst recht spät. In der Highschool wollte ich zusammen mit ein paar Freunden eine Band gründen. Uns fehlte nur noch ein Drummer. Und da es in unserem Örtchen gerade mal drei Schlagzeuger gab und Chris davon der einzige war, der ein eigenes Schlagzeug und einen Übungsraum besaß, fiel die Entscheidung sehr schnell.“

Doch diese Entscheidung war alles andere als eine Notlösung. Die beiden Chrisses merkten schnell, dass sie musikalisch auf einer Wellenlänge lagen und beschlossen, als Duo weiterzumachen. „Man kann uns jedoch nicht mit einer traditionellen Zwei-Mann-Band vergleichen, da wir nicht wie ein Duo klingen“, betont Chris Martin. „Wir sind nämlich alles andere als leise. Wir sind laut, eingängig und versuchen das beste aus unseren Möglichkeiten zu machen – und das schaffen wir äußerst gut.“

Da ist es, das Selbstbewusstsein, doch keinesfalls von übersteigerter Natur. Denn die zehn Songs ihres Debüts klingen wirklich nicht nach einem Duo. Vor allem der fehlende Bass fällt absolut nicht ins Gewicht. Die Songs besitzen Druck – und zwar mächtig. Der oft zweistimmige Gesang verleiht den Stücken eine ungewöhliche Art von Tiefe und besondere Atmosphäre. Die beiden Chrisses wissen wirklich, wie sie die ihnen gegebenen Mittel perfekt in Szene setzen können.

Okay, SUPERMEGAFANTASTIC mag vielleicht noch ein bisschen übertrieben sein – aber fantastisch sind IAMDYNAMITE auf jeden Fall schon mal.

Axel Rudi Pell

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axel-rudi-pell-circle-oath-2920Mitunter scheint es, als ob sich Axel Rudi Pell auf einem Kreuzzug durch die internationalen Musik-Instanzen befindet. Motto: Tod allen Rock-Ignoranten! Pell ist ein Kind der Siebziger, beeinflusst von den großen Pionieren der Rockmusik, insbesondere Deep Purple, Rainbow, Black Sabbath und Led Zeppelin. Der Bochumer steht zu seiner Musiksozialisation und bezeich-net Veröffentlichungen wie MACHINE HEAD (Deep Purple) oder RISING (Rainbow) als die perfekten Scheiben schlechthin. „Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich mich in den Jahren 1968/69 zunächst mit deutschem Schlager beschäftigte“, blättert er in seinem fiktiven Tagebuch schlappe 40 Jahre zurück, „damals gab es vor allem Dieter-Thomas Heck und die ZDF Hitparade mit all ihren Gästen. Ich weiß noch genau, dass Cliff Richards Hit ›Congratulations‹ meine erste eigene Schallplatte war.“

So richtig losgegangen sei es für ihn aber erst in den Siebzigern als Fan von Mungo Jerry. Damals trommelte Pell auf Waschmittelbehältern herum, denn zunächst wollte er Schlagzeuger werden. „Dann hörte ich FIREBALL von Deep Purple und war dermaßen fasziniert, dass ich sofort beschloss, selbst Gitarre zu spielen. Zum Geburtstag bekam ich von meinem Cousin MACHINE HEAD, und von da an war‘s um mich geschehen.“

Sein erstes Rockkonzert besuchte der dauerblonde Gitarrist im Juli 1974 in seiner Heimatstadt Bochum: UFO mit Michael Schenker und Paul Chapman, auch Thin Lizzy sollten spielen, trafen aber wegen einer fehlenden Einreisegenehmigung nicht rechtzeitig ein. Pell: „Am 23. März 1975, einem Ostermontag, sah ich dann Deep Purple auf einem Festival in der Dortmunder Westfalenhalle, dieses Konzert gab mir den Rest, von da an war ich fürs Leben infiziert.“

Solche Erinnerungen erklären nicht nur Pells private Vorlieben, sondern auch den Kurs, den er auf seinen bis dato 13 Soloalben ebenso verfolgt wie auf seinem neuesten Werk CIRCLE OF THE OATH. Pseudomoderne Strömungen und innovative Aufnahmeverfahren sucht man auf Pell-Scheiben vergeblich, hier regieren pure Tradition und das gesunde Empfinden für eingängige Rocknummern. Die schreibt der Bochumer ausnahmslos allein („Ich würde mal sagen: Der Erfolg gibt mir Recht. Wenn ich bei den Kompositionen jemand Außenstehenden mit einbeziehen würde, wären es nicht mehr die gleichen Resultate, weil jeder seinen eigenen Stil umsetzen und die Pell-Handschrift verwässern würde. Da aber mein Name vorne draufsteht, sollen die Songs zu hören sein, die ich mir vorstelle“), nur zur Umsetzung ruft er anschließend eine Handvoll bewährter und exzellenter Instrumentalisten zu sich ins Studio. Neben dem amerikanischen Ausnahmetrommler Mike Terrana ist dies vor allem der US-Sänger Johnny Gioeli, auf dem die Erfolge der Pell-Hymnen fußen. Auch hier folgt Pell dem Grundsatz „Never change a winning team“: „Von mir aus hätte auch die eine oder andere frühere Besetzung länger halten dürfen“, gibt er zu, konnte einen notorischen Wanderhirten wie Jeff Scott Soto (Toto, Journey) aber ebenso wenig halten wie den umtriebigen Bob Rock.

Egal, denn seine Band anno 2012 ist sowieso die erfolgreichste ARP-Formation aller Zeiten. Die Alben verkaufen sich sogar in Zeiten rückläufiger Zahlen stets überdurchschnittlich gut, und die Konzerte entwickeln sich immer mehr zu Wallfahrten eingefleischter Rock-Jünger. Allein die Zeche in Bochum ist Anfang Mai gleich an drei Abenden der CIRCLE OF THE OATH-Tour restlos ausverkauft.

Ledfoot

Ledfoot 1Der Teufel ist ja Traditionalist. Auch 73 Jahre nach Robert Johnson lauert er noch da, wo die Straßen sich kreuzen, egal ob in Memphis oder Oslo. Hier betreibt er seinen Handel mit Seelen, Zigaretten und Kleinartikeln, und sein liebstes Medium ist nach wie vor: der Blues.

Timothy Scott McConnell alias Ledfoot mag im Lauf seines Musikerlebens schon oft an dieser Kreuzung gestanden haben, aber die Konditionen waren offenbar beschissen. Anders lässt sich kaum erklären, dass Tim nicht längst gut von den Tantiemen seiner Bands The Rockats und The Havalinas, den Tourneen mit Dylan oder den Springsteen-Versionen seiner Songs leben kann, oder? „Erklär du‘s mir, Honey!“, schmunzelt Tim. Da sitzt er, der 53-jährige Rockabilly-Veteran aus Florida, seit den 90ern Wahl-Norweger, 200 Tage im Jahr auf Tour, sehnig, zutätowiert, die Zwölfsaitige auf den Knien, und kann nicht anders. „Vielleicht war mein Problem, dass ich mich ständig verändern und Neues probieren wollte, statt auf Nummer Sicher zu spielen. Das hat wohl gegen mich gearbeitet.“

Den Charakter seines 2005 angeschobenen ‚Gothic Blues‘-Projekt Ledfoot hat es dafür gestärkt. Wobei Tim unter Gothic nicht SM-Wurstpellen und Haarteile verstanden haben möchte, sondern den diskreten Reiz des Verfalls. „Ich mag diese großen Gemälde, diese Atmosphären“, schwärmt er. „Das Gefühl, dass etwas Intimes, einem nahe Gehendes so viel Kraft haben und so groß werden kann. Darauf konzentriere ich mich.“ Mit seinen aufs Allernötigste reduzierten Stücken, dem hypnotischen Blues-Stomp (daher der Name Ledfoot, ‚Bleifuß‘), irrlichterndem Fingerpicking und Gesang zwischen manisch und klagend zieht er alle Sumpf-Register. Man denkt an alte Farmhäuser, Fusel und Obsessionen, an Kirchen, wo sie sonntags noch in Zungen reden. Man denkt an John Lee Hooker, Leadbelly und Bukka White, an Jeffrey Lee Pierce, Johnny Dowd und – klar – 16 Horsepower. Während deren Sänger noch hartnäckig mit Gott ringt, ist Ledfoot allerdings „bekennender Atheist“: Der Plastik-Jesus auf dem Armaturenbrett (aus ›Save My Ass‹) rettet nicht, die ›Purgatory Road‹ führt ins Nichts, und Hölle, das sind die anderen, singt Tim im ›Wicked State Of Mind‹. „Jeder Mensch hat Dämonen“, sagt er. „Da ist es egal, ob man seine Probleme in einen religiösen Kontext setzt, das Ganze als Seelensuche verkauft oder ‚I‘m fucked up!‘ brüllt – im Grunde läuft es auf dasselbe hinaus.“

Kein Wunder, dass Ledfoot-Konzerte für alle Beteiligten zu Schweiß treibenden Exorzismen geraten. „Meine einzige Währung ist Ehrlichkeit“, erklärt Tim das Phänomen. „Wenn man keine Show abzieht, wird es schnell intensiv. Es ist die Essenz, auf die die Leute reagieren; das möchte ich in ihren Gesichtern sehen. Von daher spiele ich auch nie dieselbe Show zweimal! Das Publikum verschmilzt für mich zu einer einzigen Person, mit der ich kommuniziere. Und wenn das mal nicht klappt, dann gehe ich unter die Leute und schnappe sie mir am Kragen!“

Die Vorstellung bringt ihn zum Lachen – ein schönes, volles Lachen, tiefer als seine Singstimme. Es ist also nicht alles Doom & Gloom im Hause McConnell? „Nee!“, lacht er. „Und wenn mich etwas wirklich belastet, würde ich es wahrscheinlich nicht publik machen. Alles andere kann man getrost rauslassen. Katharsis ist schließlich das Thema des echten, des originären Blues. Ich habe aber auch fröhliche Songs!“ Echt jetzt? „Naja, einer unter Hundert“, druckst er. „Für einen kompulsiven Songwriter wie mich stellt das aber einen guten Schnitt dar!“

Kissin’ Dynamite

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Mit ihrem dritten Album MONEY, SEX AND POWER wollen die jungen Hair Metaller von Kissin‘ Dynamite einen großen Karriereschritt tun. Hannes Braun, Frontmann der jungen Schwaben-Band, gibt im Interview mit CLASSIC ROCK Auskunft über das neue Werk und seine Erfahrungen im Rock-Business.

Kissin' Dynamite 2012 (2)Der Titel MONEY, SEX AND POWER könnte vermuten lassen, dass ihr unter die politischen Bands gegangen seid.
Nicht wirklich. Wir waren gerade im Studio zur Zeit der Strauss-Kahn und Berlusconi-Affären. Ich sah dieses Magazin, das mit „Geld, Sex und Macht“ titelte. Die Power dieser Überschrift traf mich wie ein Schlag. Dabei geht es aber weniger um aktuelle Politik als um die niederen Instinkte der Menschheit, die die Welt regieren.

Was hat sich denn in musikalischer Hinsicht auf dem neuen Album geändert?
Wir besinnen uns auf die Rock‘n‘Roll-Anteile der beiden Vorgänger, packen diese aber in ein härteres Sound-Gewand. Auch gesanglich haben wir experimentiert. Ich bin nicht erst kürzlich in den Stimmbruch gekommen, wie manche meinen. Wer sagt denn, dass Hair Metal immer nur hohen Gesang haben muss? Besonders in die sehr ruppigen Strophen passt der neue tiefe Shouter-Gesang sehr gut. Wir haben endgültig den wahren KD-Stempel gefunden, den auch die kommenden Alben tragen werden.

Es heißt, ihr seid reifer geworden. Welche Erfahrungen haben euch besonders geprägt?
In den fünf Jahren, in denen wir jetzt schon dabei sind, haben wir einen guten Einblick in das Musikgeschäft bekommen. Wir waren nicht naiv, mussten aber auch erst lernen, dass manchmal ein starker Konkurrenzkampf unter den Bands herrscht. Was mich in den letzten Jahren aber am meisten angepisst hat, ist das Label-Thema. Mit AFM sind wir nun zufrieden. Davor waren wir bei einem Major-Label. Da wirst du als Band in einer Schublade abgelegt und verrottest dort.

Euer Styling stößt häufig auf Unverständnis. Wie geht ihr mit diesbezüglichen Beleidigungen um?
Natürlich gibt es minderbemittelte Leute, die unseren Look als tuntig bezeichnen. Besonders die jüngere Fraktion begreift nicht, dass wir nicht Tokio Hotel kopieren, sondern – wenn überhaupt – Mötley Crüe. Ich mache ihnen aber keinen Vorwurf, denn sie wissen eben gar nichts von all den 80s-Bands.

Auf eurem letzten Album hattet ihr einen Gastauftritt von Udo Dirkschneider. Mit wem ist diesmal zu rechnen?
Diesmal gibt es kein Featuring, denn auf dem so entscheidenden dritten Album muss zu 100 Prozent Kissin‘ Dynamite zu hören sein. Bei Udo war das eine Herzensangelegenheit. Zum einen ist er unser großer Jugendheld, zum anderen stand er uns immer mit Rat und Tat zur Seite. Udo war unser „Metal-Opa“.

Wovon habt ihr derzeit am meisten: Geld, Sex oder Macht?
Geld fehlt einem als Musiker in unserem Stadium immer. Sex, tja, ich kann damit leben. Generell glaube ich, dass wir von allem noch nicht zuviel haben. (lacht)

Slash

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Slash @ Travis Shinn 2Saul Hudson – in der Musikwelt besser bekannt als Slash – zählt seit knapp drei Jahrzehnten zu den bessten und meist bewundertsten Gitarristen der Rockwelt. Mit Guns N‘Roses schrieb er Musikgeschichte, mit seinen außergewöhnlichen Kooperationen (wie etwa mit Michael Jackson) zeigte der Musiker, dass er auch gerne mal über den musikalischen Tellerrand blickt.

Vor zwei Jahren veröffentlichte Herr Hudson schließlich sein erstes Soloalbum und ließ es dabei gleich richtig krachen. Denn die Gästeliste von SLASH liest sich wie das Who-Is-Who der Rockwelt. Größen wie Alice Cooper, Ozzy Osbourne, Chris Cornell, Iggy Pop, Kid Rock und Myles Kennedy liehen dem Ausnahmegitarristen ihre Stimme. Kennedy wurde sogar Sänger der folgenden Welttournee.

Diese Zusammenarbeit schien mehr als gut gelaufen zu sein. Denn am 18. Mai soll Slashs zweites Solowerk er-scheinen, und zwar mit Myles Kennedy als festem Sänger. Dass Slash klarstellen möchte, dass APOCALYPTIC LOVE das Ergebnis einer Band und keines Einzelnen ist, zeigt schon der Titel des „Projekts“: Slash featuring Myles Kennedy and The Conspirators. Große Namen wie auf dem Debüt fehlen völlig. Dieses Mal möchte Saul Hudson das musikalische Kollektiv sprechen lassen.

„Ich bin sehr gespannt, wie das Album ankommen wird. Ich persönlich finde es grandios“, schwärmt Slash. „Als ich Myles vor ein paar Jahren das erste Mal traf, hätte ich niemals gedacht, dass sich daraus eine so tiefe Freundschaft und fruchtbare musikalische Zusammenarbeit entwickeln würde. Auch Todd Kerns und Brent Fitz sind großartige Menschen und Musiker. Es hat wahnsinnigen Spaß gemacht, das Album mit den Jungs zu machen. Anfangs war es als weiteres Soloalbum geplant. Doch ich bin mehr als froh, dass es nun ein Album der Band geworden ist. Darauf bin ich sehr stolz.“

Stolz ist Slash auch auf das Coverartwork. „Der Künstler, der es entworfen hat, heißt Frank Maddocks“, verrät der Gitarrist. Maddocks entwarf schon Artworks für Disturbed, Mastodon und Linkin Park „Ich hatte eine bestimmte Idee in meinem Kopf. Ich sprach mit mehreren Designern darüber, aber keiner konnte sie so verwirklichen, wie ich sie mir ausgemalt hatte. Also rief ich Frank an. Wir schickten uns ein paar Entwürfe hin und her, und nach einem Monat hatten wir die finale Idee.“

Anfang Mai starten Slash featuring Myles Kennedy and The Conspirators ihre Tournee, die sie im Juni zusammen mit Mötley Crüe auch nach Deutschland führen wird.

Dragonforce

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Dragonforce 2012 (3)Zwei Jahre hat es die Speed Metaler von DragonForce gekostet, bis sie ihr Album THE POWER WITHIN im Kasten hatten. Seit ihrem 2008er Werk ULTRA BEATDOWN hat sich aber auch einiges bei den Briten getan. „Ich weiß, dass unsere Fans sich vielleicht gewundert haben, was wir die ganze Zeit getrieben haben. Wir lagen aber nicht auf der faulen Haut, sondern arbeiteten hart an einem möglichst aufregenden und lebendigen Album“, erklärt Gitarrist Herman Li.

Neben den eigentlichen Arbeiten an der neuen Platte und der Gründung eines bandeigenen Labels mussten DragonForce eine weitere große Hürde nehmen. Die Suche nach einem neuen Sänger hatte nach dem künstlerisch begründeten Weggang von ZP Theart vor zwei Jahren oberste Priorität für Li und die Band: „Das war ein langer Prozess. Zunächst schränkten wir die Auswahl auf 100 Sänger ein. Dann veranstalteten wir eine Menge Vorsingen. Marc Hudsons Stimmumfang überzeugte uns, also besuchten wir eine Show seiner damaligen Band. Erst danach nahmen wir die ersten Demos mit ihm auf.“

Die Besetzungsänderung wirkte sich auch positiv auf die Songs von THE POWER WITHIN aus. „Mit Marc, der bis da-hin Amateur war, ins Studio zu gehen, verlieh uns eine ganz neue Energie. Es fühlte sich beinahe so an wie zu Anfangszeiten der Band.“ Und nicht nur das Gefühl beim Songwriting änderte sich dadurch. Auch musikalisch haben sich DragonForce weiterentwickelt. „Auf dem Album haben wir mit ungewohnten Sounds experimentiert. Außerdem finden sich darauf sowohl einige Mid-Tempo-Nummern als auch der schnellste Song, den wir je geschrieben haben: ›Fallen World‹“, kündigt Li an.

Die Veröffentlichung des neuen Langspielers verpflichtet natürlich auch Dragon Force zu ausgiebigen Konzertreisen. Ab diesem Monat beginnen sie ihre Tour, die sie auch nach Deutschland führen soll. Vorbereitet sind die Jungs um Herman Li jedenfalls: „Wir haben sehr konzentriert an der bestmöglichen Show gearbeitet. Durch die neuen Songs bieten sich uns jetzt ganz neue Möglichkeiten.“

Wer es in den kommenden Monaten nicht zu einer der Konzerte schaffen sollte, darf beruhigt auf die geplante Live-DVD warten: „In diesem Jahr wollen wir dafür möglichst viel hochwertiges Material in den unterschiedlichsten Städten sammeln“, verrät Li.