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Caligola – Verrückte Klangsekte

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Caligola Press_candlesBjörn Dixgård und Gustaf Norén, die beiden Vordenker von Mando Diao, begeben sich auf verrücktes Neuland. Bei Caligola musizieren die Schweden im Künstlerkollektiv und zeigen sich dabei seltsamerweise zugänglicher denn je.

Düstere Gestalten in schwarzen Kutten, die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen: Die Jungs von Caligola geben sich wirklich alle Mühe, auf den Pressefotos nicht auf den ersten Blick erkannt zu werden. Hinter dem Projekt stecken verschiedene Musiker, allen voran Björn Dixgård und Gustaf Norén, die beiden Frontmänner von Mando Diao. Das letzte Album der Band, GIVE ME FIRE, erschien vor drei Jahren und stürmte damals die Album-Charts in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Seitdem ist es ruhig um sie geworden. Doch die Schweden waren alles andere als untätig. In Stockholm und New York arbeiteten sie gemeinsam mit dem Produzenten-Duo, den Beat-Bastlern Salla und Masse Salazar, die bereits für GIVE ME FIRE hinter den Reglern standen, in den letzten zweieinhalb Jahren am Debütalbum von Caligola.

Dabei handelt es sich nicht um eine Band im herkömmlichen Sinne, sondern um ein ziemlich ominöses globales Künstlerkollektiv, das von einer Frau namens Violetta in den 70ern ins Leben gerufen wurde. „Sie wollte die bisherigen künstlerischen Normen sprengen“, dröhnt Björns tiefe Stimme. Er hat es sich für den Promotion-Tag in einem Berliner Hotel gemütlich ge-macht, denn auch Künstlergemeinschaften wollen Platten verkaufen. „Es geht bei Caligola um Freiheit. Es gibt keine Regeln, jeder beteiligte Künstler – egal ob Musiker, Filmemacher, Maler oder Autor – soll sich frei entfalten können.“ Über Freunde wurden die Mando-Diao-Jungs auf das angeblich internationale Netzwerk (über das im Internet keine zuverlässigen Quellen zu fin-den sind) aufmerksam und wollten schließlich ihren eigenen Beitrag leisten.

Getreu dem Caligola-Manifest von kreativer Demokratie gab es dabei keine stilistischen Grenzen. So prallen auf dem Album BACK TO EARTH Rock, Pop, HipHop, Jazz und jede Menge Soul aufeinander. Nicht einmal vor Dance schrecken die Musiker zurück. Star-DJ Paul van Dyk wird einige der Songs Remisen.

Insgesamt waren über 30 Leute an dem Album beteiligt, darunter Mando-Diao-Bassist CJ Fogelklou, US-Gospel-Diva LaGaylia Frazier, Rastafari-Toaster Nutty Silver, Johnossi-Drummer Oskar Bonde und Popsängerin Agnes. „Sie wollte unbedingt mitmachen und passte sehr gut dazu, denn das Album ist poppiger als alles, was wir bislang gemacht haben“, schwärmt Björn. Tatsächlich ist fast jeder der 15 Songs ein potenzieller Radiohit. Über die rumpelnden Beats der Salazar-Brüder, die in Schweden als HipHop-Pioniere gelten, schrieben die Mando-Diao-Bandleader ihre eingängigen Melodien. Die beiden Musiker lassen dieses Mal weniger die „Rockermacker“, sondern die „Soulbrothers“ raushängen. Die Songs erinnern stark an die Produktionen von Mark Ronson. „Viele Leute sehen Gustaf und mich als Indie-Rocker, aber wir sind zwei Musiker mit einem breiten musikalischen Spektrum“, stellt Björn klar. „Mit Caligola können wir endlich eine andere Seite von uns zeigen.“

Wichtig ist ihnen dabei, dass sie aufgrund ihrer Bekanntheit nicht im Vordergrund stehen. Deshalb auch die Kutten und Kapuzen, damit vor allem die prominenteren Caligola-Mitglieder nicht auf Anhieb zu erkennen sind. „Wir sind keine verrückte, düstere Sekte“, lacht Björn. „Viele Leute tragen ihren Teil zum Gesamtprojekt bei, und jeder Künstler bei Caligola soll gleichwertig behandelt werden. Das Ganze hat uns großen Spaß gemacht und war eine neue Herausforderung für uns, denn sonst stehen wir ja immer mit unserer eigenen Band im Studio.“ Mando-Diao-Fans müssen sich aber keine Sorgen machen: „Caligola und Mando Diao sind wie zwei Verwandte“, meint Björn. „Sie mögen sich und existieren nebeneinander.“

Accept – Der russische Winter kehrt zurück

Nachdem Accept mit BLOOD OF THE NATIONS der große Wurf gelang und das erfolgreichste Album in der Bandhistorie abgeliefert wurde, sind die Erwartungen zum Nachfolger STALINGRAD entsprechend hoch. Heavy Metal-Urgestein Wolf Hoffmann gewährt Classic Rock einen Einblick in den Schlachtplan.

Accept2012f @ Dave BlassDie Herren aus Solingen befinden sich seit dem besagten Vorgängeropus auf einem wahren Höhenflug. Abschiedsgedanken vom Musikgeschäft, wie es die Kollegen von den Scorpions zelebrieren, sind ihnen vollkommen fremd: „Seit dem einschlagenden Erfolg von BLOOD OF THE NATIONS erleben wir unseren zweiten Frühling, warum sollten wir also gerade jetzt das Handtuch werfen? Natürlich ist dies alles mit Stress verbunden. Die zwei Jahre auf Tour, bei der wir den kompletten Erdball beackert haben, sind nicht spurlos an uns vorbeigegangen, aber dank der Reaktionen unserer alten und vor allem neuen Fans nehmen wir diese Strapazen gern in Kauf. Der Hunger nach diesen Erlebnissen ist noch lange nicht gestillt, und deshalb sitzen wir bald wieder im Bus, um STALINGRAD auch live zu präsentieren.“

Eine kleine Kampfansage an die Konkurrenz, die mittels einer erneut brillanten Scheibe felsenfest untermauert wird. Schon allein der Titel ist martialisch und lässt Großes vermuten, wobei man als Konsument schnell in die Irre geleitet wird und dieses Werk als Konzeptalbum ansehen kann. Dazu Wolf: „Anfangs hatten wir die Idee, die Songs komplett unter das Banner des Russlandfeldzugs zu stellen, was wir aber relativ schnell wieder verwarfen. Es gibt Stücke, die sich mit der Kriegsthematik beschäftigen. Im Ganzen betrachtet überwiegen jedoch die für Heavy Metal typischen Klischees. In den, nennen wir es mal militärisch geprägten Liedern, zeigen wir auf unsere eigene Weise, welche Schrecken beziehungsweise welches Leid Auseinandersetzungen mit Waffengewalt für die Menschen bedeuten. Eine Verherrlichung von solchen Ereignissen liegt uns absolut fern – selbst der Titelsong ist keine historische Berichterstattung, sondern eine rein fiktive Geschichte von zwei verfeindeten Soldaten, die sich letztendlich die Hand reichen anstatt sich gegenseitig zu töten.“

Eine Antikriegsbotschaft, die Accept seit jeher verbreiten, auch wenn in der Vergangenheit Missverständnisse auftraten: In Frankreich kam die Gruppe Anfang der 80er aufgrund des ›Fast As A Shark‹-Intros zu dem lächerlichen Ruf einer Band mit nationalsozialistischem Hintergrund. In der Hoffnung, dass die Ketzer von damals mittlerweile des Lesens mächtig sind, beschließen wir dieses dunkle Kapitel der Accept-Geschichte – zurück zu STALINGRAD.

Getreu dem Motto „Never change a winning team“ holte man sich erneut wieder Andy Sneap als Produzenten ins Boot – ein geschickter Schachzug, was der Songqualität anzumerken ist, wobei der Druck für Werk Nummer zwei nach der Reformierung enorm hoch war: „BLOOD OF THE NATIONS hat die Messlatte für uns sehr hoch gelegt, die es jetzt zu übertreffen gilt. Eine Pause zwischen der Tournee und der nächsten Scheibe kam für uns nicht in Frage. Wir wollten schnell neues, aber qualitativ ebenso hochwertiges Material zügig hinterherschicken. Wir wollten und wollen mit diesem Werk in die gleiche Kerbe schlagen und diese sogar noch vertiefen. Dazu haben wir uns auch auf keine Experimente hinsichtlich des Komponierens eingelassen: Die Stücke stammen wieder komplett aus Peters Baltes’ und meiner Feder, wo-hingegen Mark alleine die textliche Gestaltung übernommen hat.“ Ob dieses Vorhaben gelingt, entscheidet letztendlich der Konsument, festgehalten werden muss jedoch, dass Accept mit STALINGRAD auf dem besten Weg sind, eine weitere Sprosse auf der Karriereleiter emporzuklettern.

The Stranglers – Ghetto-Mentalität

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Seit The Stranglers Ende der Siebziger auf der Bildfläche auftauchten, galten sie als Raufbolde und tabulose Zeitgenossen, die auch gerne mal einen Pressevertreter an den Eiffelturm fesselten. Und auch wenn die Briten heute um einiges erwachsener geworden sind, haben sie sich stets ihren schwarzen Humor bewahrt.

The Stranglers_credit by David BonismallIm Grunde genommen liegen JJ Burnell und seine Kumpels seit weit mehr als 30 Jahren mit der Presse über Kreuz. Zu oft mussten The Stranglers lesen, dass sie nichts können, dass ihre Songs von schlechtem Sound, aggressiver Monotonie und nur wenig klaren Musikkonturen gekennzeichnet seien. „Wir waren immer die Aussätzigen in einer Art Apartheit, die The Clash oder Sex Pistols feierte und uns die Existenzberechtigung absprach“, schimpft Burnell, ein Mann mit französischen Vorfahren und einem derart rabenschwarzen Humor, wie ihn nur Briten haben können. Auf dem Höhepunkt seiner Fehde mit den un- geliebten Pressevertretern riss er dem französischen Journalisten Philippe Manoeuvre die Kleider vom Leib und band ihn mit Gaffa-Tape an einem Pfeiler im ersten Stock des Pariser Eiffelturms fest. Eine Riesengaudi erster Kajüte, fanden er und seine Kumpane jedenfalls. Leider konnte Manoeuvre, Herausgeber des Magazin „Métal Hurland“, der vermeintlich humorigen Einlage nichts Positives abgewinnen und war fortan erster Mann an der Spritze, wenn es darum ging, ganze Kübel voller Hass und Ablehnung über die britische Band auszugießen. „Vor drei Jahren haben wir uns endlich vertragen, nach immerhin 25 Jahren“, zwinkert Burnell mit dem Auge. „Er hat mir vergeben.“

Nicht überliefert ist dagegen, ob auch all die anderen Opfer Burnell’schen Schabernacks dem Stranglers-Bassisten verziehen haben. Beispielsweise jene unglückliche Gestalt, deren Sattelgurt er beim Reiten gelockert hatte, sodass der Mann im hohen Bogen vom Pferd fiel. Einem anderen flößte er gläserweise schottischen Whisky ein und schob anschließend den halb Ohnmächtigen via Rollstuhl in die Mitte eines offiziellen Pressefotos. „Nicht jeder mag derartig derbe Späße, aber, hey, wer will sich beschweren? Mit uns wurde ja auch hart umgegangen.“

Wen wundert’s: In ihren frühen Tagen galten The Stranglers als Raufbolde, Großmäuler und tabulose Zeitgenossen. 1977 schaffte es ihre Ode an den praktizierten Oralverkehr nicht nur in die Charts, sondern vor al- lem auch auf den englischen Index. Ein anderes Mal zogen sich die Musiker Priestergewände an und ließen das Video zu ihrem Song ›Duchess‹ in einer Kirche drehen. Wieder waren die Moralhüter auf den Plan gerufen.

Derlei Eskapaden hätten der Band 1980 fast die Existenz geraubt. In Nizza wurde die Gruppe nämlich auf offener Bühne verhaftet, wenig später kam es bei einer Show in Belgien zu einer Massenschlägerei unter den 25.000 Zuschauern. „Die Sache geriet außer Kontrolle, aus dem ursprünglichen Spaß wurde innerhalb weniger Monate blutiger Ernst. Die Folge war, dass Veranstalter in ganz Europa uns nur noch mit spitzen Fingern anfassten beziehungsweise die Zusammenarbeit ablehnten.“ Sogar Kollegen distanzierten sich von den Stranglers: „The Cure weigerten sich, auf den gleichen Festivals wie wir zu spielen. Ein Desaster, das uns beinahe zum Aufgeben gezwungen hätte.“

Dass sich Burnell und Co. letztendlich nicht vom Markt vertrieben ließen, verdanken sie ihren großen Hits. Der bekannteste heißt ›Golden Brown‹, ein 1981 verfasster Gegenentwurf zum Drogen-Pamphlet ›Brown Sugar‹ von den Rolling Stones, musikalisch allerdings weit mehr in der Pop-Ecke angesiedelt. ›Golden Brown‹ war ein Radiosong par excellence und dokumentierte vor allem eines: Mit der stilistischen Ausrichtung des Punks hat diese Band nichts zu tun. „Wir haben immer schon das reali-siert, was uns gefiel, und uns nie auf eine bestimmte Richtung festlegen lassen“, erklärt Burnell. „Ich mag die Idee, die hinter dem Punk steht, näm-lich die absolute Freiheit bei allem, was man macht. Musikalisch bin ich dagegen von ganz anderen Bands beeinflusst. Ich liebte Peter Greens Fleet-wood Mac und den Blues und ich sah Free, noch bevor sie sich überhaupt Free nannten. Vor allem aber bin ich ein riesiger Fan der Doors.“

All dieses hört man auch auf GIANTS, dem neuesten und insgesamt 17. Album der Band. GIANTS ist ein Kleinod an simplen Strukturen, feinen Hooks und moderater Härte. Es hat nicht mehr den rauen Charme der frühen Stranglers-Demos, auf denen überbordende Energie die technischen Mängel kaschierte. Anno 2012 dagegen sind The Stranglers eine profunde Rockband, bei der jeder Ton sitzt und die sich mit technischen Schwierigkeiten nicht mehr rumschlagen muss. „Natürlich sind wir heute bessere Musiker als damals“, weiß Burnell nur allzu gut, „aber schlechter als in unseren Anfangstagen konnte man ja auch kaum sein. 24 Plattenfirmen erzählten uns damals, dass wir scheiße sind, und verweigerten uns einen Vertrag. Aber wir haben uns nicht entmutigen lassen, sondern sind Schritt für Schritt unseren Weg gegangen. Wir waren die ersten, die mit Patti Smith spielten, die ersten, die mit den Ramones auftraten. Und wäh-rend die Presse uns zerfleischte, wurde unsere Zielgruppe immer größer. Der Grund? Wir haben uns nie in unser musikalisches Konzept reinreden lassen.“

Sogar dem Versuch amerikanischer Geschäftspartner, die Ecken und Kanten ihrer Songs auf dortige Radiohörgewohnheiten abzuschmirgeln, widerstanden die Briten. Burnell: „Sie sagten: ,Wenn ihr nicht das macht, was wir wollen, ist dies das Ende eurer Karriere in den USA.‘ Aber uns war’s egal, wir haben sowieso eine ausgeprägte Ghetto-Mentalität. An- deren Musikern geht es um Erfolg und finanzielle Vorteile, wir dagegen lassen uns unsere künstlerische Freiheit nicht wegnehmen.“

Diese haben sich The Stranglers in der Tat bis heute bewahrt. GIANTS ist nun nicht gerade das, was man ein Erdrutsch-Album nennen kann. Aber es dokumentiert eindeutig die Philosophie der Gruppe. „Wenn man Musik wirklich liebt, dann möchte man möglichst viele verschiedene Stile ausprobieren“, erläutert Burnell die Tatsache, dass neben Rock- und Popsongs auch ein waschechter Tango auf GIANTS zu finden ist. Für Burnell ist es eine Genugtuung, dass er und seine drei Mitstreiter Jet Black, Dave Greenfield und Baz Warne auch eine solche Nummer locker aus dem Är- mel schütteln können. Es sei, so Burnell, heute eine andere Motivation, die ihn und seine Kumpels jedes Mal aufs Neue beflügelt: „Früher war die schlechte Presse der perfekte Ansporn, immer besser zu werden und allen zu zeigen, dass diese Schmierfinken Unrecht haben. Jetzt, da wir das endgültig bewiesen haben, geht es nur noch darum zu dokumentieren, wie gut The Stranglers immer noch sind.“

Zu dieser Nabelschau gehört auch die Europa-Tournee im Frühjahr, auf die sich Burnell und seine Freunde bestens vorbereitet haben. „Auf Tour zu gehen ist ein wenig wie in den Krieg zu ziehen: Man bereitet sich mental und physisch gezielt darauf vor, um unterwegs nicht kalt erwischt zu werden. Denn von solchen Erlebnissen hatten wir weiß Gott genügend in unserer Karriere.“

Flying Colors – Gesegnet

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FlyingColors @ Joey_PippinMit den Flying Colors setzt eine weitere Supergroup zum Spring an. Die Akteure: die Rockveteranen Steve Morse, Dave LaRue, Neal Morse, Mike Portnoy sowie Jungspund Casey Mc- Pherson, der den alten Herren etwas Dampf unterm Hintern machen will. Deep Purple-Gitarrist Steve Morse plaudert ein wenig aus dem Nähkästchen.

Black Country Communion, Chickenfoot, Them Crooked Vultures, SuperHeavy – die wirtschaftliche Not der Musikindustrie treibt namhafte Künstler in Allstar-Bands zusammen, die sich früher vermutlich nur argwöhnisch beäugt, niemals jedoch gemeinsame Sache gemacht hätten. Neuestes Konglomerat illustrer Rockstars: die Formation Flying Colors mit Deep Purples Steve Morse, seinem Bass spielenden Dixie Dregs-Kumpel Dave LaRue, Keyboarder Neal Morse (Ex-Spock’s Beard) und dem bei Dream Theater ausgemusterten Schlagzeuger Mike Portnoy. Sie alle zusammen frönen einer Musik, die den Prog Rock-Gedanken der letzten 40 Jahre aufgreift.

Das alles klänge vermutlich kreuztraditionell und relativ vorhersehbar, hätte die Band nicht mit dem vergleichsweise unbekannten Casey McPherson (Alpha Rev) einen Sänger verpflichtet, der verkrustete Strukturen aufbricht und den Songs mit seiner moderaten Stimmlage eine angenehme Frische verleiht. „Mike schlug Casey vor, sagte aber gleich, dass er nicht die logischste Option sei“, erklärt Steve Morse, der die knapp bemessene Deep Purple-freie Zeit nutzte, um mit Neal Morse an Songs zu arbeiten. „Beim ersten Mal hatten wir nur eineinhalb Tage Zeit, aber das Resultat dieser Session war so ermutigend und erfolgreich, dass wir gleich ein zweites Treffen arrangierten, um die Sache zu komplettieren. Manche Songs entstanden in verblüffend kurzer Zeit, ständig flogen irgendwelche Ideen und Änderungsvorschläge im Raum herum. Wir hätten sicherlich drei Alben auf einmal schreiben können.“

Doch die beiden hatten die Rechnung zunächst ohne McPherson gemacht. Denn auch der entpuppte sich als patenter Songschreiber mit klaren Vorstellungen. „Casey spricht mit seiner Stimme eher jüngere Zuhörer an, was wir alle natürlich toll finden“, gesteht Steve, „andererseits macht er uns alten Säcken ganz schön Dampf unterm Hintern. Sein häufigster Einwand: ,Mag ja ganz toll klingen, aber findet ihr das nicht ein bisschen zu altmodisch?‘“
Für den Deep Purple-Gitarristen ist dieses – nennen wir es mal demokratische – Procedere ziemlich ungewohnt. Andererseits: „Für mich sind Flying Colors eine echte Herausforderung, denn wir haben gleich mehrere Songschreiber – und jeder kämpft natürlich um seine Ideen. Daraus ergeben sich zwar viele Diskussionen, aber eben auch unzählige Variationsmöglichkeiten. Jeder ist in alles involviert – was die Sache ungemein spannend, wenn auch ein wenig anstrengend macht.“

Aber diese Mühen nimmt der 57-jährige Amerikaner gerne in Kauf, denn Morse ist offen für neue Inspirationen und genießt vor allem auch die Zusammenarbeit mit Drummer Mike Portnoy: „Es macht riesigen Spaß, zumal er sich ziemlich grundlegend von Purples Ian Paice unterscheidet. Ian hat mehr Swing in seinem Spiel, bei ihm mischen sich Jazz-Shuffles mit Rock-Attitüden. Mike dagegen ist ein reiner Rock- und Metal-Schlagzeuger, sehr kraftvoll, sehr aktiv und wirklich erstklassig, wenn’s um komplizierte Passagen geht. Für mich ist es ein wahrer Segen, mit einem weiteren Weltklasse-Drummer spielen zu dürfen.“

Ob diese Band auch auf Tour gehen wird, ist zurzeit noch unklar. Der randvolle Terminkalender aller Beteiligten könnte diesem Vorhaben im Weg stehen, zumal vor allem Steve noch 2012 ein neues Deep Purple-Album in Angriff nehmen wird. Dies widerspricht zwar allen bisherigen Gerüchten, ist jetzt aber offiziell bestätigt: „Ich weiß nicht, wer behauptet hat, dass wir nie wieder ein neues Album produzieren wollen“, wundert sich Morse. „Tatsache ist, dass die Songs bereits geschrieben sind und diesen Sommer aufgenommen werden.“ Das Material gehe back to the roots und soll deutlich simpler klingen als auf den letzten Purple-Scheiben: „Ich will nicht zu viel verraten, aber es geht in Richtung DEEP PURPLE IN ROCK!“ Es bleibt also spannend!

Unisonic – Schmaler Grat zwischen Rock und Metal

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Unisonic 2012 (2)Ende der Achtziger schrieben Michael Kiske und Kai Hansen zusammen bei Helloween Musikgeschichte. Nun machen sie nach mehr als 20 Jahren als Unisonic wieder gemeinsame Sache. Doch die beiden wollen nicht die „guten alten Zeiten“ wieder aufleben lassen, sondern einfach miteinander rocken.

Die geschäftliche Idee ist vielversprechend und clever zugleich: Man nehme die namhaftesten Musiker dreier renommierter Bands und backe daraus eine neue Formation. Bei Unisonic heißen die Protagonisten Michael Kiske und Kai Hansen (beide ehemals Helloween), Dennis Ward und Kosta Zafiriou (beide Pink Cream 69) sowie Mandy Meyer (vormals Krokus und Gotthard). Ähnliche Konstellationen gab es in den zurückliegenden Jahren bereits diverse, vor allem um Bassist und Produzent Dennis Ward fanden sich immer wieder Projekte zusammen, die es zwar selten gemeinsam auf die Bühne schafften, im Studio jedoch eine erstaunliche Homogenität an den Tag legten. Soweit das Tagesgeschäft.

Bei Unisonic liege der Fall anders, schwören alle Beteiligten. Denn mit den beiden Hamburgern Kiske und Hansen treffen sich bei Unisonic zwei Musiker mit einer ganz besonderen gemeinsamen Historie wieder: Beide waren am Helloween-Klassiker KEEPER OF THE SEVEN KEYS beteiligt – jenem Album, das die Speedmetaller Ende der Achtziger über Nacht zu internationalen Superstars machte und heute als Genre-Klassiker gilt. KEEPER OF THE SEVEN KEYS begründete also die Karriere der beiden Norddeutschen, war jedoch nicht nur die erfolgreichste Scheibe in der gesamten Karriere beider Künstler, sondern gleichzeitig auch ihre bis dato letzte Zusammenarbeit. Die Hoffnungen der Öffentlichkeit an die Wiederaufnahme der Geschäftsbeziehungen sind dementsprechend riesig. Doch insbesondere Kai Hansen warnt: „Wenn man sich im Internet mal anschaut, welche Erwartungen an Unisonic teilweise geknüpft werden, weiß man, dass so mancher Fan möglicherweise enttäuscht sein wird. Denn Unisonic ist definitiv mehr Rock als Metal!“

Für Insider ist diese Erkenntnis keine Überraschung, denn dass Sänger Kiske seine jahrzehntelang offen kundgetane Aversion gegen Heavy Metal plötzlich ablegen würde, war ziemlich unwahrscheinlich. Kiske sieht das perfekte Einsatzgebiet seiner hellen, klaren Stimme deutlich stärker in Mainstream- und moderaten Rocknummern – anstatt als Gegenveranstaltung zu schneidigen Gitarren und polternden Drums. Insofern existieren durchaus neuralgische Punkte zwischen ihm und Gitarrenirrwisch Hansen mit seinen Vorlieben für handfeste Metal-Kompositionen. Drummer Kosta Zafiriou, der die neue Band zeitgleich auch als Manager betreut, gibt jedenfalls unumwunden zu: „Das Interesse der Öffentlichkeit an Unisonic durch die Kombination Kiske/Hansen ist natürlich größer als etwa bei einer Band wie Place Vendome ohne Kai. Aber musikalisch macht es die Sache nicht unbedingt leichter.“

Ob es nun also die Not eines dramatisch schrumpfenden Marktes oder tatsächlich die wiederentdeckte Freude am gemeinsamen Musizieren war (Hansen: „Es macht einfach unheimlich viel Spaß, nach so vielen Jahren wieder mit Michi auf der Bühne zu stehen. Zwischen meinem Gitarrenspiel und seinem Gesang entsteht immer wieder eine ganz einzigartige Chemie“), sei dahingestellt. Fakt ist, dass sich vor allem Hansen des schmalen künstlerischen Grades bewusst ist, auf den sich alle Bandmitglieder in einem Burgfrieden-ähnlichen Abkommen geeinigt haben. Obwohl er als Hauptkomponist des Debütalbums eigentlich federführend sein müsste, ordnet sich der Kreativkopf der Gruppe komplett den Wünschen Kiskes unter. „Michi ist der Chef!“, erklärt Hansen konziliant und fügt hinzu: „Ich nenne das, was wir machen, härteren Hard Rock. Das darf dann entsprechend auch gerne flexibel und variantenreich sein – Hauptsache, alles klingt wie aus einem Guss.“

Paul Weller – Romantiker

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Aufmacher_Paul WellerBeinahe kein Künstler hat den Brit Pop derart geprägt wie Paul Weller. Viele behaupten sogar, er hätte ihn erfunden. Doch obwohl Weller natürlich stolz auf seine vergangenen Erfolge ist, möchte er sich nicht auf diesen ausruhen, sondern mit konstanter Qualität glänzen. Dass er das problemlos schafft, beweist auch sein neuestes Werk SONIK KICKS.

Seinen Spitznamen „Modfather“ hört Paul Weller nicht gern. Das Wort an sich ist es nicht, was ihn stört. Denn Auszeichnungen wie diese füttern ja durchaus seine Eitelkeit. Und die kann – mit Blick auf seine tadellose Garderobe – nicht eben unterentwickelt sein. Nein, es ist der Beigeschmack von Retrospektive, schlimmer noch: von Nostalgie, den er so ungern mit sich in Beziehung stellt. Denn zu einem wirklich eitlen Künstler gehört, dass er jederzeit – sprich: J-E-D-E-R-Z-E-I-T – hohes Ansehen genießt. Also auch und vor allem in der Gegenwart. Das Wort „Modfather“ hingegen stammt noch aus einer früheren Epoche. The Jam, Style Council, erfolgreiche Soloscheiben – Weller hat ab 1977 kräftig mit geschraubt am großen Rad, das sich da Brit Rock nennt und nach The Jam unter anderem so groß-artige Bands wie Oasis an die Oberfläche gespült hat. „Die Gallagher-Brüder sind liebenswürdige Jungs, beide“, behauptet Weller und betont das Wort „both“, also „beide“, mit einer so unmissverständlichen Deutlichkeit, dass eines klar wird: Er, Weller, ist mit Noel und Liam befreundet, egal wie unversöhnlich sich die beiden exzentrischen Ge-schwister wieder mal in den Haaren liegen.

> Unter Freunden

Kein Wunder, denn erst kürzlich kreierte er für Liam und dessen aufstrebende Modemarke Pretty Green eine erste eigene Kollektion. Fortsetzung nicht ausgeschlossen. Und Noel, der gemeinhin als der besonnenere der Gallagher-Brüder gilt, vor allem aber als der bessere Musiker, spielt auf seinem neuen Studioalbum SONIK KICKS. Weller nennt dieses Unterfangen „no big deal“, zumindest wenn es sich auf den organisatorischen Aufwand bezieht: „Ich rief ihn an, fragte, ob er Lust hat, und ein paar Tage später stand er schon bei mir im Studio. So wie das halt unter guten Freunden üblich ist.“ Mehr als nur einmal in ihrer nicht eben kleinlaut geführten Karriere erklärten Oasis, dass Paul Weller eines der größten Vorbilder ihrer Jugend gewesen sei. Nun also sind sie Kollegen, der ältere der beiden Zankhähne und der schnieke Weller. „Ich stellte ihm die gesamten Aufnahmen vor, und er durfte sich die Tracks auswählen, auf denen er spielen wollte.“ Also packte Noel Gitarre und Bass aus und öffnete sein schier endlos sprudelndes Füllhorn an Ideen. „Es war deutlich mehr als wir brauchten, aber so konnten wir aus vielen tollen Ideen auswählen. Ein echter Luxus.“ Als solchen empfindet Weller auch die Beiträge von Graham Coxon, dem Gitarristen und Mitbegründer von Blur. Coxon (übrigens 1969 in Niedersachsen geboren) spielte auf SONIK KICKS Orgel und Gitarre. Wir erinnern uns: Das Gerangel zwischen Blur und Oasis gilt als die Mutter aller Bandfehden. Bis zur Ankunft von Oasis waren Blur die unumstrittenen Pop-Könige in England, doch mit der aggressiven Öffentlichkeitsarbeit der Gallagher-Brüder und einigen wirklich beeindruckenden Singles schrumpfte der Vorsprung schnell zusammen. Auf dem Höhepunkt des Hahnenkampfes veröffentlichten beide Bands ihre aktuellen Singles am gleichen Tag. Punktsieger waren Blur (›Country House‹ landete auf Platz 1, ›Roll With It‹ von Oasis auf Platz 2), doch die anschließenden Albumverkäufe dokumentierten dann die wahren Sieger: Während (WHAT’S THE STORY) MORNING GLO-RY satte 15 Millionen Mal über die Ladentheke ging, schaffte das parallele Blur-Werk THE GREAT ESCAPE gerade mal zehn Prozent dieses Wertes.

Paul Weller beobachtete diese Hahnenkämpfe seinerzeit aus sicherer Distanz, lächelte als edler statesman des Brit Rock milde und beschloss, sich nicht auf eine der beiden Seiten zu schlagen. Deshalb ist er heute mit ihnen allen befreundet, mit Coxon und Damon Albarn ebenso wie mit Liam und Noel Gallagher. Dass untereinander nach wie vor spitze Giftpfeile ausgetauscht werden ist ihm ziemlich egal.

3. Seite_Paul Weller 3> Vielsagende Schnappschüsse

SONIK KICKS ist der direkte Nachfolger von WAKE UP THE NATION (2010), ein vergleichsweise wütendes Pamphlet über die gesellschaftlichen Auswüchse im dem seiner Meinung nach hoffnungslos saturierten England. Von einem politisch motivierten Album wollte Weller vor zwei Jahren zwar nicht sprechen („wenn, dann nur mit kleinem ,p‘ geschrieben“), sehr wohl aber von einem Werk voller sozialkritischer Aussagen. Das Antiraucher-Gesetz, Truppenstationierung in Krisengebieten, die immer flacher werdenden Botschaften in der zeitgemäßen Popmusik – England sei auf dem besten Weg, zu einem Volk meinungsloser Lemminge zu verkommen, die jedem Unsinn der Politiker teilnahmslos zunicken. Eigentlich hatte Weller für sich bereits in den Achtzigern das Ende politischer Schelte be-schlossen, doch angesichts der Kriege im Nahen Osten habe er sich einfach nicht mehr zurückhalten können. Für WAKE UP THE NATION wurde er zwar nicht – wie zwei Jahre zuvor bei 22 DREAMS (2008) – mit einem „Brit Award“ ausgezeichnet, aber es war ohne Zweifel dennoch das inhaltlich wichtigere Album.

Wo er dagegen SONIK KICKS einsortieren soll, weiß Weller momentan selbst noch nicht so genau. Wie üblich hatte er sein kleines Notizbüchlein immer eng am Körper ge-tragen, irgendwo an der gefühlten Stelle zwischen Kopf, Herz und Magen, die für einen Musiker wohl wichtigsten Körperteile. In dieses kleine Büchlein trägt er ständig seine Beobachtungen ein. Dinge, die ihm gefallen. Dinge, die ihn ärgern. Dinge, die sich prima als Textfragmente, als Überschriften oder wiederkehrende Allegorien verwenden lassen. Was sich dann im Laufe der Zeit zusammengetragen hat, findet Einzug in seine Lieder. Man könnte also sagen, dass SONIK KICKS das Leben des Paul W. (53) aus Surrey, England in den Jahren 2010 bis 2012 reflektiert? „Ja, könnte man“, so sein lakonischer Kommentar. Und wie ist sein Leben in den zurückliegenden zwei Jahren verlaufen? „Gegenfrage: Wie ist deines verlaufen? Was ich damit sagen will: Das Leben durchzieht ein ständiger Wechsel von Höhen und Tiefen, es hat romantische Momente, aber auch Situationen voller Wut oder Aufregung. Insofern sind einzelne Songs immer nur ein kurzer Schnappschuss von Situationen.“

Doch auch Schnappschüsse können vielsagend sein. Dass die vordergründig anheimelnde Nummer ›When Your Garden’s Overgrown‹ nicht nur vom Rosenzüchten und Unkrautjäten handelt, ist unüberhörbar. Und auch das anklagende ›Sleep Of The Serene‹ jagt mit seinen stechend-spitzen Streicherklängen bewusst Widerhaken in die Ohrmuscheln. Weller nennt SONIK KICKS „moderne psychedelische Musik“ und beschreibt sie als „klangliche Abenteuerreise ohne festes Konzept“. Mal sei es schroff und widerborstig, an anderer Stelle warm und romantisch. So hat er beispielsweise seine Tochter Leah (aus erster Ehe mit der Style Council-Sängerin Dee C. Lee) und Sohn Mac (den er mit seiner aktuellen Lebensgefährtin Hannah Andrews gezeugt hat) dazu animieren können, ihm bei ›Be Happy Children‹, einer anrührenden Ode an seinen verstorbenen Vater, zu helfen. „Es ist ein sehr optimistischer Song“, erläutert Weller, „er dokumentiert die unumstößlichen Gesetze unseres irdischen Daseins, den Kreislauf des Lebens, das ständige Kommen und Gehen.“

> Der Kreis schließt sich

Er selbst sieht sich in diesem Kreislauf erst auf halber Strecke angekommen. Höchstens. Die wilden Jahren von The Jam, der geschmeidige Soul Pop mit Style Council, als er mit ›Shout To The Top‹ an eben jener exponierten Stelle landete und sich und seine Songs in den Kontext großer Soul-Vorbilder stellen konnte. Später dann realisierte er mit UNDER THE INFLUENCE einen Sampler seiner bevorzugten Soul-Klassiker, von Little Richard über Charles Mingus bis zu den Blind Boys Of Alaba-ma, um mit LOST & FOUND – REAL R’N’B AND SOUL nachzulegen und darauf mit dem eigenwilligen Soul-DJ Keb Darge zu kooperieren. Der Schotte Darge gilt als einer der wichtigsten Vinyl-Sammler Englands, ein Hobby, dem auch Weller frönt. Allerdings geht Darge geradezu pedantisch vor und begutachtet viele seiner Schätze ausschließlich nach Kriterien von Seltenheit und Sammlerwert, während Weller – eben ein echter Musiker – seine Sammlung vorzugsweise unter geschmacklichen Gesichtspunkten vergrößert. Dass sich darunter auch Scheiben der Beatles befinden ist für Weller natürlich absolute Ehrensache. „Die Beatles sind der wichtigste Einfluss meiner Jugend“, verrät er, „von ihnen konnte man lernen, dass Musik niemals eindimensional sein darf. Bei den Beatles findet man avantgardistische Ansätze, aber auch reine Popmusik und romantische Songs.“ Romantik, so der Brite, sei quasi das Bindeglied zwischen Beatles, The Jam, Style Council und seinem neuesten Album. „Auch The Jam waren nicht ausschließlich ungehobelt und wild, sondern schrieben damals ebenso auch romantische Nummern wie beispielsweise ›English Rose‹.“

Es schließt sich demnach also ein Kreis mit SONIK KICKS – ein Werk, dem Weller auch das Attribut „nostalgisch“ zuordnet, neben allen anderen Umschreibungen, die seine Veröffentlichungen generell auszeichnen. „Es würde mich sehr schnell langweilen, wenn ich immer nur über das gleiche Thema singen müsste“, sagt Weller, „zumal mein natürlicher Impuls auf Vielschichtigkeit geeicht ist. Für meine Kreativität spielt es keine Rolle, ob ich einen Song aus Ärger, aus Sehnsucht, aus Liebe oder Kummer schreibe. Immer werden die gleichen Moleküle in meinem Körper angeregt: Leidenschaft, Hingabe, Kompromisslosigkeit.“

Von eben dieser Ausrichtung möchte er auch nicht abrücken, wenn es demnächst wieder auf Tournee geht. Das komplette Album wolle er spielen, auch wenn die Liste an Klassikern länger ist, als dass man sie an einem Abend allesamt abhandeln könnte. Doch Weller sieht sich anno 2012 auf einer Mission: „Es gibt in England zurzeit so viele Bands, die mit einem reinen Retrokonzept durch die Landen ziehen. Sie spielen ihre kompletten Alben von vor 20 Jahren, vergessen dabei aber, dass die Gegenwart viel wichtiger ist als die Vergangenheit. Ich werde deshalb den Spieß umdrehen: Die erste Hälfte der Show wird ausschließlich aus Nummern von SONIK KICKS bestehen. Man kann die zweite Hälfte dann ja immer noch dazu nutzen, die Songs zu spielen, die man von mir erwartet.“ Wobei: Erwartungen hat man an Weller nur hinsichtlich seiner Authentizität. Und die ist anno 2012 nicht geringer als in den zurückliegenden 35 Jahren.

The Mars Volta – Keine Nacht den Drogen

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The_Mars_Volta_New_Press_Picture_6668Eine allzu große Zukunft in den Charts wollte man Omar Rodriguez-Lopez und Cedric Bixler-Zavala nicht unbedingt prophezeien, als sie 2001 unter lautem Getöse At The Drive-In implodieren ließen – just als die Band vor dem ganz großen Durchbruch stand. Das Duo spuckte ziemlich große Töne darüber, wie kreativ eingeschränkt man gewesen sei und dass die anderen Mitglieder eine viel zu banale Entwicklung anstrebten. Viel böses Blut, das wie eine extradicke Portion Hochmut vor dem unvermeidlichen Fall anmutete.

Dieser Fall kam jedoch nie, im Gegenteil. Entgegen aller Erwartungen, nicht zuletzt der beiden selbst, fand ihr neues Projekt The Mars Volta schnurstracks den Weg in die oberen Regionen der US-Albumcharts, während Sparta, der Gegenentwurf der anderen ATDI-Mannen, rohrkrepierte. Angesichts dessen, was Omar und Ce-dric von Anfang an auf ihren Alben – und noch viel mehr live – einem ungläubig staunenden Publikum kredenzten, eine ziemlich monumentale Überraschung. Denn dass die beiden Texaner den Mund nicht zu voll nahmen, bewiesen sie umgehend: Ihre neue Musik war kaum noch in klassische Genrekorsetts zu zwängen, Songstrukturen konnte man nur mit einigem Wohlwollen erkennen – wer jemals eine Flucht vor vorhersehbarem Radiorock suchte, wurde hier fündig. Und das taten offenbar Tausende.

Dass solch fiebrig exaltierter Psycho-Jam-Rock nicht unbedingt aus nüchternen Gehirngängen entsprang, musste man gar nicht erst vermuten, denn was ihren titanischen Drogenverbrauch betraf, stellten The Mars Volta ihr Licht ganz sicher nie unter den Scheffel. Im Gegenteil, Cedric gab in Interviews zu Protokoll, dass er kaum mit Menschen kommunizieren, geschweige denn arbeiten könne, deren Geist nicht „von LSD berührt“ sei. Das Resultat, das man gerne mal mit Grateful Dead auf Speed vergleichen konnte, durfte insofern nicht überraschen. Der Erfolg, der damit erzielt wurde, allerdings schon.

Spätestens 2008 mit THE BEDLAM IN GOLIATH hielten dann aber doch nachvollziehbare Melodieverläufe und Tracks von unter acht Mi-nuten verstärkt Einzug, und siehe da: Cedric gab zu, kein LSD mehr zu nehmen. Hört man nun die nochmals deutlich reduzierteren Klänge auf dem neuen NOCTOURNIQUET, könnte man fast meinen, der gute Mann sei endlich komplett von seinem jahrelangen Dauertrip runtergekommen. „Das ist richtig“, gibt er zu, „ich nehme seit einiger Zeit überhaupt keine Drogen mehr. Zu BEDLAM-Zeiten hatte ich zwar mit dem LSD aufgehört, habe dafür aber 24 Stunden am Tag gekifft. Jetzt bereue ich die Dinge, die ich früher so von mir gegeben habe. Ich glaube zwar nicht, dass ich für mich persönlich die falschen Entscheidungen getroffen habe, aber es war ziemlich dumm, mit so leichtfertigen Aussagen möglicherweise Leute dazu zu animieren, haufenweise Drogen zu nehmen, die eben nicht damit umgehen können. Und in Bezug auf die Musik weiß ich heute: Für einen Musiker sind Drogen wie Steroide für einen Athleten. Letztlich lernst du, dass du eben auch ohne ans Ziel kommen kannst.“

Dieses Ziel lautet: Musik, die sich immer noch jeglichen Konventionen verweigert, aber deutlich schlüssiger, weniger konfrontativ, weniger gezwungen anders klingt. Und wieder mal mit einem schönen Wortspiel aufwartet … das umso passender ist, als diese Platte tatsächlich ein wenig so klingt, als würde einem nachts das Blut abgebunden. Einen dauerhaften Richtungswechsel will Cedric darin aber nicht erkennen. „Musik reflektiert immer die Stimmung, in der du dich gerade befindest. Das ist doch einfach menschlich: An einem Tag hast du Lust auf Pizza, am nächsten eben nicht. Und was die kürzeren Stücke angeht: Aus mehreren kurzen Stücken lässt sich auch eine große Story zusammensetzen. Und vor Melodien hatten wir noch nie Angst. Außerdem war ich schon immer ein geheimer Power-Pop-Fan!“

Ganz so echt war die hochnäsige Abfuhr an die ehemaligen Bandkollegen damals also vielleicht doch nicht? Immerhin hat man sich nach Jahren der gegenseitigen Funkstille wieder versöhnt und zu einer großen Reunion zusammengefunden. „Wir haben Mars Volta damals gegründet, um uns endlich normal zu fühlen und nicht mehr wie die Freaks in der Gruppe, die keiner versteht. Dabei haben wir Leute verloren, die wir zu dem Zeitpunkt auch verlieren wollten. Aber rückblickend wurde mir klar, dass wir uns nicht sehr reif verhalten haben. Man hätte die Situation sicher erwachsener handhaben können. Dass wir uns doch wieder versöhnt haben nach so langer Zeit, ist großartig. Beide Bands gleichzeitig zu betreiben, macht riesigen Spaß, so können wir alle unsere Vorlieben ausleben. Und es ist toll, die Chance zu bekommen, sich zu rehabilitieren und wieder von vorn anfangen zu können.“

Was menschlich zutreffen mag, professionell dagegen eher nicht, denn Cedric geht heute weit weniger blauäugig an die geschäftliche Seite seines Berufs heran. „Wir haben immer gesagt, dass Erfolg uns egal ist, aber das sagt sich leicht, wenn man ihn hat. Heutzutage haben wir riesigen Respekt vor den Fans, die uns all die Jahre schon unterstützen. Und auch die Industrie ist nicht so böse, wie das so viele Bands und Fans immer wieder behaupten. Klar, wenn du nur Wert darauf legst, in den fünf Boroughs von New York bekannt zu sein, brauchst du kein Label, das dich pusht. Aber wenn du es richtig angehst, kannst du deren Ressourcen nutzen, um deine Ziele zu erreichen. Denn egal, was so viele sagen: Das Internet erreicht längst nicht alle Menschen! Es ist großartig, auf YouTube Sachen zu entdecken, aber nicht jeder hat diese Crate-Digging-Mentalität der 90er, die ihn zu neuen Acts führt, die noch völlig unbekannt sind. Irgendwas müssen wir aber auf jeden Fall richtig gemacht haben, denn immerhin haben wir mittlerweile schon zwei Generationen Boybands überlebt. Ich vermute mal, für jeden Justin Bieber-Fan da draußen gibt es jemand, der genau die Antithese dazu sucht. Und die sind wir!“

Sollte also noch irgendjemand den Beweis da-für suchen, dass man seinen eigenen Weg gehen kann, ohne zu ewiger Obskurität verdammt zu sein, der möge sich an diesen Jungs ein Beispiel nehmen. Nur nicht unbedingt an deren Laufbahn in Sachen bewusstseinserweiternde Mittel…

Deexpus – Die Freiheit nehm ich mir

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DeeExpus_Full BandWas vor vier Jahren als Feierabendprojekt begann, kann 2012 auf prominente Unterstützung zählen. Und für niemand war das überraschender als für Bandkopf Andy Ditchfield selbst.

In einer Musikrichtung, die nicht gerade dafür bekannt ist, sich kurz zu fassen, sollte es nicht verwunderlich sein, dass ein Album auch mal vier Jahre in Anspruch nehmen kann. Dabei war DeeExpus-Kopf Andy Ditchfield sogar überdurchschnittlich motiviert von den wohlwollenden Reaktionen auf sein Debüt HALFWAY HOME von 2008. „Ja, das war eine sehr angenehme Überraschung. Ich hatte die Platte ja nur allein mit einem Haufen Equipment aufgenommen und komplett selbst finanziert. Mit dem Mixen habe ich auch wenig Zeit verbracht, ich wollte es einfach nur rausbringen und sehen, was passiert. Und dann kamen plötzlich lauter gute Kritiken, es wurde sehr gut aufgenommen, gerade bei euch in Deutschland. Das hat mich angespornt, gleich weiterzumachen. Na ja, nun hat es doch vier Jahre gedauert, aber ich wollte unbedingt ein besseres Album als das erste machen.“

Dafür brachte er auch Opfer, vorrangig in Form von Schlaf. „Ich arbeite tagsüber als Verkäufer von Büromöbeln. Ich bin immer so um halb sieben nach Hause gekommen, habe was gegessen, bin vorm Fernseher eingeschlafen, dann gegen Mitternacht wieder aufgewacht und habe dann sechs, sieben Stunden an der Platte gearbeitet und bin wieder in die Arbeit. Das ging fünf, sechs Monate so und war ziemlich anstrengend.“

Gelohnt hat es sich aber, denn KING OF NUMBER 33 wird wieder mit reichlich Lorbeer bedacht werden. Mit einem 26-minütigen Epos im Mittelpunkt erfüllt das Album zwar die übelsten Prog-Klischees, doch das ficht Andy nicht an: „Ich habe kein Problem damit, Prog genannt zu werden. Es gibt eine ungeheure Vielfalt in diesem Genre, und mit die besten Musiker des Planeten. Der Begriff kommt zwar aus den 70ern, als jeder mit 20-minütigen Keyboard-Soli genervt hat, aber im Prinzip gibt er dir jegliche Freiheit, zu machen, was du willst. Und genau das tue ich.“ Es sei an dieser Stelle erwähnt, dass man KING OF NUMBER 33 auch genießen kann, wenn man sich nichts aus Tangerine Dream oder Spock’s Beard macht, denn ab-gesehen von einigen klassischen Klangmerkmalen hört man hier vor allem eines: intelligente, komplexe, aber stets zugängliche, gar eingängige Rockmusik der nur leicht psychedelisch angehauchten Art. „Ich war noch nie so drauf, dass ich die Melodie einer Klanglandschaft opfern würde.“

Faszinierend auch die Mitstreiter, denn sowohl Marillion-Keyboarder Mark Kelly als auch der einstige 80s-Popstar Nik Kershaw sind hier zu hören. Wie es dazu kam? Aus reinem Jux! „Ich habe einen Freund in den USA, der eine Radioshow und ein prall gefülltes Adressbuch hat. Er fragte mich mal aus heiterem Himmel, mit wem ich gerne zusammenarbeiten würde. Zum Spaß sagte ich Mark Kelly, denn ich bin schon lange ein Riesen-Marillion-Fan, und dann noch Nik Kershaw. Und ein paar Wochen später hatten sie beide zugesagt! Ich kann es bis heute nicht fassen. Und Mark machte mir ein wunderschönes Kompliment: Er fragte doch glatt, was genau er tun solle, wo ich doch schon alles perfekt selber eingespielt hätte. Mittlerweile sind wir ziemlich gut befreundet…“

Während Kelly absolut in seinem Metier ist und dem ausladenden Klangkosmos die entsprechende Gravitas verleiht, hätte niemand vermutet, dass Nik Kershaw, der mit ›Wouldn’t It Be Good‹ einst die Charts stürmte und dann als Songwriter und Produzent Popsternchen wie Boyzone, Chesney Hawkes oder Let Loose seine Brötchen verdiente, Interesse an einem solchen Projekt haben könnte. Doch „Memo“, Abschluss des Albums und als einziges mit seinen Vocals versehen, ist doch tatsächlich der Höhepunkt der Platte.