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X – History

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X, STUDIO, 1980, NEIL ZLOZOWER.Photo Credit: NEIL ZLOZOWER/ATLASICONS.COMSie machten da weiter, wo ihre Helden The Doors aufgehört hatten: In den späten 70ern beleuchteten die Roots-Punk-Unruhestifter X die wenig glamouröse Schattenseite Kaliforniens. Dies ist die Geschichte der größten Kultband von Los Angeles.

Im Juli 1979 las der ehemalige Doors-Keyboarder Ray Manzarek die Tageszeitung „LA Reader“, als ihm etwas darin ins Auge fiel: ein Artikel unter dem Titel „Sounds Like Murder“, der einen Überblick über die boomende Punkszene von Los Angeles gab und näher auf freche Anwärter wie die Alley Cats, The Screamers, The Plugz und The Last einging.

Doch es war eine andere Band namens X, die ihn wirklich aufhorchen ließ. Bei Manzarek – einem Mann, der einige Erfahrung mit Sängern mit poetischen Anwandlungen hatte – traf der Text zum X-Lied ›Johnny Hit And Run Paulene‹ sofort einen Nerv: „He got a sterilised hypo, to shoot a sex machine drug/He got 24 hours, to shoot Paulene between the legs“. „Das ist kein Text“, dachte er sich, „das ist Poesie.“

Wenige Tage später besuchte der neugierig ge- wordene Manzarek ein X-Konzert im Whisky A Go Go, jenem Schwitzkasten am Sunset Strip, in dem sich die Doors mehr als ein Jahrzehnt zuvor ihren Namen gemacht hatten. Kurz nach Beginn des Gigs kam ihm ein Song ziemlich bekannt vor. „Es war ›Soul Kitchen‹ von den Doors bei 1000 Meilen pro Stunde“, sagt Manzarek heute. „Ich war hin und weg. Es war, als stünde man hinter einer 747 mit vollem Schub auf den Triebwerken.“

Nach dem Konzert ging er backstage und stellte sich vor: „Ich bin Ray Manzarek von den Doors. Habt ihr einen Produzenten? Ich würde euch gerne produzieren.“ Als Doors-Fans waren X – Sängerin Exene Cervenka, Bassist John Doe, Gitarrist Billy Zoom und Drummer DJ Bonebrake – genauso begeistert. „Genau dann und dort in der Umkleide des Whisky A Go Go trafen wir unsere Abmachung per Handschlag“, sagt Manzarek.

Wenige Bands davor oder seitdem haben den Klang und die Atmosphäre von Los Angeles so gut getroffen wie X. Wie ihre Urväter im Geiste, die Doors, wuchsen sie über die Szene, aus der sie erwuchsen, hinaus, um die dunklen Seiten so- wohl ihrer Heimatstadt als auch des modernen Amerika im Allgemeinen zu beleuchten. Ihre beiden Meisterwerke – LOS ANGELES von 1980 und UNDER THE BIG BLACK SUN von 1982 – klangen wie nichts anderes. Ihre anfängliche Punk-Wut wich raketenbefeuertem Rockabilly.

Manzarek war nicht der einzige Fan. Red Hot Chili Peppers-Bassist Flea nennt X neben den Doors und Love als eine der L.A.-Bands, „die die Zeiten in ihrer Musik sowohl erfassen als auch definieren“. Jeff Ament von Pearl Jam bezeichnet X und Jane’s Addiction als „die zwei L.A.-Bands, zu denen wir am meisten aufsahen“. Für Henry Rollins sind sie schlicht „eine der besten Live-Bands aller Zeiten“. Wie X-Bassist John Doe sagt: „Wenn du den Namen X erwähnst, sagen Leute entweder: ‚Ihr habt mein Leben verändert‘ oder ‚Wer?‘.“

Auf ihrer Suche nach musikalisch Gleich-gesinnten gaben John Doe und Billy Zoom 1977 in derselben Woche Anzeigen in der L.A.-Zeitung „Recycler“ auf. Obwohl beide in Illinois geboren waren, hatten sie auf sehr un- terschiedlichen Wegen nach L.A. gefunden.

Nach seinem High School-Abschluss in Baltimore zog Doe (bürgerlicher Name John Nommensen Duchac) erst nach New York, bevor er nach Westen ins Land seiner literarischen Helden Raymond Chand-ler und Nathanael West aufbrach. Bei seiner Ankunft in L.A. fand Doe eine Stadt vor, deren einstiger Glanz am Verblassen war. „Hol-lywood war auf dem abstei-genden Ast“, sagt er. „Der Tennessee Williams in mir sagte: Jawoll! Der perfekte Moment! Direkt im Herz der Bestie, während gerade alles zusammenbricht.“

Zoom – geboren als Tyson Kindell – war Spross einer Musikerfamilie: Sein Vater hatte beim Jazzstar Django Reinhardt Klarinette gespielt. Versiert auf diversen Instrumenten, hatte Zoom eine Karriere als Jazzsaxofonist erwogen, bevor er sich auf die Gitarre konzentrierte.

Nachdem er in den 60ern nach L.A. gezogen war, spielte er als Sessionmusiker und bei ver-schiedenen Bands, etwa auf einer Sommertour mit Gene Vincent. Doch es war der simplistische Ansatz der Ramones, der Zoom dazu inspirierte, eine Band zu gründen, und ihre ähnlich lautenden Anzeigen, die ihn und Doe zusammenbrachten. „Da stand in etwa: ‚Suche jemanden, der keinen Mist spielt‘“, erinnert sich Doe, der die damalige Musikszene von L.A. als „ziemlich tot“ beschreibt.

Die 20-jährige Christene Cervenka wollte so dringend aus Tallahassee/Florida entkommen, dass sie per Anhalter nach Kalifornien fuhr. Sie kam mit 80 Dollar in der Tasche in L.A. an und fand schnell einen Job und eine Unterkunft bei Beyond Baroque, einem berühmten Literatur- und Kunstzentrum. Und dort, bei einem Dichter-Workshop, saß sie eines Tages neben Doe.

„Sie sagten, wir sollten eine Liste unserer zehn Lieblingsdichter machen“, sagt sie. „Ich kannte nicht wirklich viele Dichter. Ich sah rüber zu ihm und bemerkte, dass er John Lennon zweimal genannt hatte. Ich sagte: Entschuldigung, aber du hast John Lennon zweimal aufgeschrieben.“

Keine sehr vielversprechende Erstbegegnung, was die beiden allerdings nicht davon abhielt, ein Paar zu werden.
Cervenka hatte ihren Namen schon zu Exene geändert nach dem Schema „Christmas=X-mas“, also „Christene=Exene“. Obwohl sie Doors-Fan war, seit sie mit zwölf ›Light My Fire‹ gehört hatte, sah sie sich mehr als Autorin denn als Song-writerin. „Mir war nie auch nur der Gedanke gekommen, nach L.A. zu kommen und Musik zu machen“, sagt sie.

Einen Song, ›I‘m Coming Over‹, hatte sie al- lerdings schon geschrieben. Doe war so beein-druckt, dass er sie fragte, ob er ihn für die Band, die er gerade formierte, verwenden dürfte. „Nein, du kannst meinen fucking Song absolut nicht haben!“, giftete Cervenka empört zurück. Also lud Doe sie zu einer Bandprobe ein, wo sie ihn singen sollte und „sehen, wie es läuft“.

Zoom war nicht gerade begeistert von der Idee, Does Freundin in die Band aufzunehmen. „Ich dachte, John und ich sangen gut genug – und dass wir keine weitere Sängerin brauchten.“ Und die Zweifel, die er schon vorher hatte, verstärkten sich, sobald Cervenka anfing, zu singen. „Ich dachte damals nicht, dass Exene besonders gut war“, erinnert sich Zoom.

„Exene singt wirklich unkonventionell“, gesteht Doe. Doch die Kombination von ihrem schluck-aufartigen, hochtönigen Gesang und Does vollem Bariton gaben X ihre unverwechselbare Identität. „Wenn John und Exene zusammen singen, ent-steht daraus ein einzigartiger Klang“, wie Henry Rollins sagt. „Es ist unglaublich.“
Trotz der eigenen Zweifel wurde Zoom schnell bewusst, dass ihr Publikum keine hatte. „Sie riefen: ‚Exene, Exene, Exene!‘ Es war offensichtlich, dass die Leute einfach etwas an ihr mochten.“

X setzten sich so praktisch sofort von den an- deren Bands ab, die sich bevorzugt im Dunstkreis des Masque aufhielten, jenem siffigen Club und Proberaum in Hollywood, der die Keimzelle der L.A.-Punkszene bildete. Mit ihren Retro-Klamotten und dem Second-Hand-Künstler-Chic war Exene Welten von den anderen Frauen dort entfernt. Und was noch viel wichtiger war: X konnten tatsächlich spielen. Zooms Rockabilly-Gitarre, Bonebrakes streuendes Schlagzeugspiel und die schiefen Gesangsharmonien von Doe und Cervenka waren in einer ganz anderen Liga als der geradlinige Punk von Zeitgenossen wie The Germs und The Avengers.

„Es machte uns nicht besser, wir waren einfach nur anders als einige der Bands“, sagt Cervenka. „Es gab viele herausragende Leute in dieser Szene. Aber ich denke mal, dass wir drei so talentierte Musiker hatten, ließ uns herausstechen.“

1978 veröffentlichte das gerade ins Le- ben gerufene Label Dangerhouse die X-Debütsingle ›Adult Books‹. Ein Jahr später packte dasselbe Label den Klassiker der Band, ›Los Angeles‹, auf einen Sampler namens YES L.A. – eine direkte Antwort auf das von Brian Eno produzierte Album NO NEW YORK, auf dem die aufstrebende No Wave-Bewegung des Big Apple präsentiert wurde.

Der Hype um diese beiden Platten war es, der Ray Manzarek dazu bewegte, X bei ihrer Be- gegnung im Whisky A Go Go seine Dienste als Produzent für ihr Debütalbum anzubieten. Trotz der Aufbruchsphilosophie des Punk hatte Doe keinerlei Vorbehalte, mit einem Mitglied der alten Garde zusammenzuarbeiten. „Das war mir egal. Ray sah viele Parallelen zwischen uns und den Doors; dass wir eine dunklere Seite von L.A. zeigten. Das waren nicht die Beach Boys.“

Mit einem schmalen Budget von 10.000 Dollar, vom neuen Label Slash vorgestreckt, gingen X und Manzarek ins Studio. Für Manzarek war die Rolle des Produzenten ungewohnt. „In gewisser Weise wurde ich von X entjungfert“, scherzt er.

Rückblickend hat Bonebrake nichts als Lob für Manzareks Beitrag: „Er glaubte an das, was wir taten, und versuchte nicht, uns zu verändern, und genau das brauchten wir.“ Für Manzarek war es wichtig, das Element der Band zu betonen, das ihn erst zum Fan gemacht hatte: „Ich wollte, dass diese Texte gehört werden, also standen Johns und Exenes Stimmen absolut im Vordergrund.“

Das Ergebnis dieser Sessions, das Album LOS ANGELES, erschien 1980 auf dem bahnbrechenden Indie-Label Slash. Es war ein Meilenstein, verwurzelt in der Punkszene der Zeit, aber gleichzeitig etwas Älteres und etwas Progressiveres kanalisierend. Manzareks Orgelspitzen erinnerten bewusst an seine frühere Band, während Doe und Cervenka klangen wie die Nach-fahren von Johnny und June Carter Cash. Und gleichzeitig nahm das Album den Roots-Rock-Boom des folgenden Jahrzehnts voraus. Das Album fand sich letztlich auf den Jahresbesten-listen vieler Kritiker und verkaufte sich im ersten halben Jahr 100.000 Mal – eine nie dagewesene Zahl im Punkbereich.
Der Nachfolger WILD GIFT, 1981 wieder von Manzarek produziert, zementierte den Ruf der Band. „Das beste Album einer US-Band dieses Jahr“, befand der „Rolling Stone“. Doch während Kritiker begeistert waren, konnten Radiosender weniger mit ihnen anfangen. Big Business-Amerika hatte die Stationen fest in seiner Kontrolle, und die rohe, kompromisslose Musik von X passte nicht zu deren konservativen Playlisten. „Stadionrock regierte damals das Top 40-Radio, also hatten X keine Chance“, glaubt Manzarek.

Obwohl der Mainstream sie komplett ignorierte, konnten X Hallen wie das Greek Theatre in Los Angeles mit einer Kapazität von 6500 Plätzen ausverkaufen und weckten das Interesse der großen Plattenfirmen. Gleichzeitig war die Band zunehmend frustriert von ihrem Label. Autogrammstunden in Plattenläden wurden zur Lachnummer, denn die Fans konnten zwar die Band treffen, aber nicht deren Alben kaufen. „Wir waren über das Label Slash hinausgewachsen“, sagt Cervenka. „Sie hatten einfach nicht die nötige Maschinerie verfügbar.“

Nach mehreren Angeboten unterschrieb die Band bei Elektra, der einstigen Heimat der Doors. Und auch wenn Manzarek sich des begrenzten kommerziellen Potenzials der Band bewusst war, wusste er auch, dass Coolness für ein Majorlabel genauso wichtig sein kann wie Kohle. „Sie auf ihrem Label zu haben, würde sie verdammt hip machen.“

Mit einem großzügigen Budget von 100.000 Dollar gingen X wieder ins Studio. UNDER THE BIG BLACK SUN ersetzte den rohen Punkrock mit einem furiosen Rockabilly-Sound, der X wiederum mehrere Schritte von ihren Zeitgenossen entfernte.

Für Cervenka sollte das Album eine besondere Bedeutung erhalten. 1980 war ihre Schwester Muriel auf dem Weg zu einem X-Konzert im Whisky bei einem Autounfall ums Leben ge- kommen. Sie erfuhr es, kurz bevor sie auf die Bühne gehen sollte, drehte sich zu Manzarek um, der mit ihnen auftreten sollte, und sagte: „Du bist doch so fucking kosmisch. Was soll ich jetzt tun?“

Sie spielten die Show, und Cervenka schüttete später ihr Herz in ihren Texten aus. Zwei der Lieder auf UNDER THE BIG BLACK SUN – ›Riding With Mary‹ und ›Come Back To Me‹ – handelten direkt von ihrer Schwester. Bis heute ist es Cervenkas Lieblings-X-Album. „UNDER THE BIG BLACK SUN ist einfach viel emotio-naler und kommt direkt von der Quelle des Schmerzes und der Freude am Leben“, sagt sie.

Als weder UNDER THE BIG BLACK SUN noch sein 1983er Nachfolger MORE FUN IN THE NEW WORLD den unverzichtbaren Hit lieferten, schlug Elektra vor, für das nächste Album den Mötley Crüe-Produzenten Michael Wagener zu verpflichten. Das Album, das sie zusammen machten, AIN’T LOVE GRAND, wird von der Band einhellig verabscheut.
„Das Schlimmste, was wir je taten, und das einzige, was ich in Sachen Karriere in meinem Leben bereue, ist diese Platte“, hält Cervenka fest. Doe ist kaum weniger kritisch: „Ich kann es mir nicht anhören. Das war auch schon kurz nach den Aufnahmen so, denn es klang einfach nicht nach uns.“

Laut Doe hatten sie sich von Wagener erhofft, dass er ihre Platten etwas klarer klingen lassen würde. „Wir dachten: Was wäre, wenn wir den Metal-Sound und die Welt des Punkrock zusammenbringen? Aber das war keine gute Idee.“

Obwohl die Single ›Burning House Of Love‹ im Radio gespielt wurde, konnte AIN’T LOVE GRAND nicht das größere Publikum erschließen, wie man gehofft hatte. Statt zum Durchbruch der Band zu werden, zerbrach die Band daran. „Wir hatten es eben einfach nicht geschafft“, sagt Zoom. „Ich fühlte, dass es an der Zeit war, sich einen richtigen Job zu suchen.“

1985 war Doe und Cervenkas fünfjährige Ehe gescheitert. Schon vor AIN’T LOVE GRAND war die Stimmung innerhalb der Band angespannt gewesen, doch der Flop war für Zoom der letzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Er verließ die Band. Daraufhin wechselten sich Dave Alvin von den Blasters und Tony Gilkyson von Lone Justice auf Tour und im Studio an der Gitarre ab, doch die diversen Alben, die X mit ihnen veröffentlichten, blieben ebenfalls erfolglos. Während dieser Zeit wurde die Band zweimal auf Eis gelegt, aber nie tatsächlich aufgelöst – was sie heute bereuen. „Wir hätten uns trennen sollen“, findet Cervenka. „Aber nein, wir machten weiter, und das funktionierte überhaupt nicht gut.“

1997 veröffentlichte Elektra zum 20. Bandjubiläum BEYOND AND BACK: THE X ANTHOLOGY. Die Doppel-CD beinhaltete zuvor unveröffentlichte Tracks sowie Demos und Live-Aufnahmen. Bei seinem Erscheinen gaben X eine Autogramm-stunde bei Tower Records in Hollywood. Als Zoom und Doe einander trafen, war es das erste Mal in mehr als zwölf Jahren, dass sie sich be- gegneten. Auf die Frage, was sie damals zueinander sagten, lacht Doe. „Weißt du, das war so typisch für viele Männer. So in etwa (gleichgültig): ‚Oh, was geht?‘ Und das war’s.“

Aber wo die beiden X-Männer eher indifferent ob ihres Wiedersehens waren, konnte man das-selbe von der riesigen Menge kaum behaupten. „Es war unglaublich“, lächelt Bonebrake. „Wir müssen drei Stunden dort gewesen sein. Die Schlange ging um den Block.“

Die begeisterte Reaktion auf BEYOND AND BACK führte zu lukrativen Angeboten für zwei Reunion-Shows. Nach all den Jahren weg von der Band fand Zoom es seltsam, wieder in die turbulente Welt von X zurückgeworfen zu wer-den. „Das alles schien mir mehr wie ein Film, den ich als Kind gesehen hatte, als mein tatsächliches früheres Leben.“ Die ersten Konzerte in San Francisco und L.A. waren ausverkauft, wonach weitere Termine angesetzt wurden – und Zoom gewöhnte sich wieder ein. „Als wir wieder an- fingen, regelmäßig aufzutreten, kam das alles ziemlich schnell wieder zurück.“

Seitdem haben X nicht aufgehört, zu spielen, auch wenn sie bislang nur ein neues Lied aufge-nommen haben: passenderweise eine Cover-version von ›Soul Kitchen‹ von den Doors für den Soundtrack des „Akte X“-Films von 1998. Die langjährigen X-Fans Pearl Jam nahmen die Band kürzlich als Vorgruppe auf ihre Südameika-Tournee mit, und im Juni und Juli, exakt 30 Jahre nach Erscheinen von UNDER THE BIG BLACK SUN, eröffneten sie auch in Großbritannien und Deutschland für Eddie Vedder und Co.

Cervenka, bei der letztes Jahr MS diagnostiziert wurde, ist überrascht, dass sie immer noch tourt. „Ich habe weiß Gott eine Menge Dinge getan, an denen ich hätte sterben sollen“, sagt sie. Doe ist philosophisch über den Status der Band: „Ich bin nicht enttäuscht“, sagt er, „denn die Kehrseite des Erfolgs ist doch: Je höher du steigst, desto tiefer wirst du fallen.“ Manzarek ist direkter: „Nein, sie haben nie die Anerkennung bekommen, die sie verdienen, absolut nicht.“

X mögen keine Bestseller geworden sein, aber ihr Einfluss hat sich auf andere Art und Weise bemerkbar gemacht: Sie haben für andere Bands die Türen aufgestoßen, haben eine Generation junger Musiker beeinflusst und haben eine Zeit und einen Ort auf den Punkt gebracht, wie das nur wenigen Bands je gelungen ist.

„Wir haben Los Angeles sicher keine Schande bereitet, soviel steht fest“, sagt Cervenka bescheiden. „Wir sind ein Soundtrack für Los Angeles, und das ist eine große Sache.“

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Party Tipps

In den letzten Jahren war es – vor allem hier in Europa – recht still um X. Doch richtig weg war die Band nie. Im Juli waren sie mit Pearl Jam auf Europa-Tour und machten in Berlin Station. Sängerin Exene Cervenka und Sänger/Bassist John Doe sprechen über den Punkrock an der amerikanischen Westküste, Eheprobleme, Hippies – und beantworten die Frage, wie man eine gute Party feiert.

Bessere Arbeitsbedingungen sind kaum vorstellbar. Die größte Sportarena Berlins ist an zwei Tagen mit jeweils 14.000 Fans ausverkauft. Im Catering-Bereich gibt es eine Riesenauswahl an verschiedenen Gerichten, in der geräumigen Garderobe quellen die Plastikwannen über vor eisgekühlten Getränken. X, die wohl meist respektierte Punkband der US-Westküste, sind zu Gast auf der Pearl Jam-Tour. „Unsere Hartnäckigkeit und die Tatsache, dass wir überlebten, hat uns die Gigs eingebracht“, grinst Basser/Sänger John Doe. „Alle Pearl Jam-Mitglieder mögen X. Schon 1999 haben wir mit ihnen vier Shows gespielt. Wir verstehen uns gut! Es ist die gleiche Musik, gemacht von verschiedenen Generationen.“ X tritt in Originalbesetzung auf, also mit der energischen Frontfrau Exene Cervenka, Gitarrist Billy Zoom, Trommler D.J. Bonebrake und besagtem John Doe.

Im Frühjahr 2012 habt ihr als Duo eine Platte namens SINGING & PLAYING veröffentlicht, auf der ihr Songs nur zur Akustik-Gitarre singt.
„Wir mochten Folk und Country eigentlich immer. Parallel zu X hatten wir The Knitters, eine Folkband. Tatsächlich haben Punk und Folk viel gemein: einfache Akkordfolgen und oft soziale Texte, die meist von den üblen Dingen handeln, die einem passieren“, so Exene. „Ich höre zurzeit die Carter Family“, ergänzt John. „Bei ihnen ist alles so schrecklich hoffnungslos, aber irgendwie trotzdem unterhaltsam. Was Country angeht, mag ich Merle Haggard und Buck Owens.“

Natürlich greifen auch die Texte von SINGING & PLAYING soziale Themen auf, wie etwa in ›Never Enough‹. „Es geht um den Konsumismus: Alles wird billig in China hergestellt oder von billigen Arbeitssklaven. In den USA können die Leute nicht genug von dem Müll kriegen. Im zweiten Vers geht es um Fanatismus, um Bomben-werfer wie Timothy McVeigh und die Terroristen aus dem Nahen Osten. Der dritte Vers handelt von Bänkern, die jeden beklauen und selbst beklaut werden. Wie gut kann man essen? Wie gut kann man leben?“, schüttelt Doe den Kopf über den sinnlosen Luxus. „Die entscheidende Frage ist doch: Bist du mit dir selbst glücklich? Magst du dich?“

In ›Because I Do‹, einem alten X-Titel, der für SINGING & PLAYING nochmal rausgeholt wurde, singt Cervenka über die Ehe. „Ich möchte meinen Mann an meiner Seite, aber trotzdem weiter suchen“, erklärt Exene den provokanten Text und öffnet sich ein Bier, das sie in langen Zügen erstaunlich schnell leert. „Ich glaube nicht mehr an die Ehe und nicht an Beziehungen mit Männern. Ich sage den Frauen, die Künstlerin oder Musikerin werden wollen: Heiratet nicht! John und ich waren eine Zeit lang verheiratet, wir hatten ja auch die Band zusammen. Das war gut für mich, denn er holte mich buchstäb-lich von der Straße. Doch generell behindern Männer die Frauen, das ist die Wahrheit! Kinder sind nicht für alle gut. Ich bin jedenfalls nicht mehr verheiratet“, betont Exene, die nach der Ehe mit Doe den Schauspieler Viggo Mortensen heiratete und mit ihm einen Sohn hat, sich aber 1997 scheiden ließ.

In dem Buch „Lexikon Devil“ von Brendan Mullen über die Germs sagt Exene an einer Stelle, Punk sei eine Fortsetzung der Hippie- und Beatnik-Bewegung gewesen. „Beide Bewegungen ent-standen im Abstand von 20 Jahren, es waren große revolutionäre Bewegungen mit dem Drang nach Freiheit und Kreativität. Von 1950 bis 1970 gab es Beatniks und Hippies. Jim Morrison starb 1971, 1975 kamen die Ramones. Die Punks hassten die Hippies, weil die Hippies in Radiostationen und Plattenfirmen saßen und alles Neue ignorierten. Ich war weder das eine noch das andere, ich war ein Bohemian mit Kleidern aus Second Hand-Läden, da ich die alten Zeiten vermisste.“
„Damals war ich kein Hippie, aber heute bin ich einer“, lacht John. „Ich lebe nördlich von San Francisco und versuche, so wenig wie möglich zu konsumieren, so viel wie möglich zu recyceln. Was mich an Hippies immer noch nervt, ist die Tatsache, dass sie faul rumliegen, immer stoned sind und übel riechen. Man sollte schon etwas Style haben. Was Punks und Hippies eint, ist ihr Zusammenhalt in der Gruppe. Sie finden, es sei wichtiger, eine gute Party zu feiern und gemein-sam zu singen, als ein neues Auto zu kaufen.“

In den USA war der Hass von Punks auf Hip-pies nie so extrem wie in England und Rest-Europa. Den Beweis lieferten X, die ihre ersten vier Alben von Ray Manzarek, Keyboarder der Doors, produzieren ließen. „Ray suchte nach etwas Neuem und stieß auf uns. Er ist Jazz-Fan und liebt Klassische Musik, aber bei X mögen wir alle Jazz und Klassik“, ruft Cervenka. „Ray ist ein smarter Typ, und wir sind eine smarte Band. Er ließ uns machen, was wir wollten, so gab es keine Probleme.“ Doe erinnert noch an eine andere Parallele. „Die Beziehung, die X zu ihren Fans hatten, war ähnlich wie die der Doors zu ihren Anhängern. Es gab keine Trennung zwischen Band und Publikum. Das gefiel ihm, genau wie unsere Poesie. Ray ließ uns X sein. Auf der ersten Platte spielte er noch Orgel, aber als er merkte, dass sie nicht zu uns passt, ließ er das bleiben.“

Die Punks der US-Ost- und Westküste unterschieden sich, erzählt Doe, in einigen wichtigen Punkten. „In New York gab es erheblich mehr Wettbewerb unter den Bands. Bei uns in L.A. mussten wir zusammenhalten; es galt Clubs zu finden, um überhaupt aufzutreten zu können. Damals kämpften wir gegen die großen Konzerne, wir dachten, sie seien der reine Wahnsinn und es könne nicht schlimmer kommen. Das war von heute aus betrachtet sicher naiv.“ Nach Exenes Meinung war der amerikanische Punkrock durchaus politisch, „einfach weil mehr Frauen involviert waren als in allen anderen musikalischen Bewegungen vorher und nachher.“

Unser Gespräch geht langsam zu Ende, X’s Auftritt naht. Letzte Frage: In Interviews hat Exene immer wieder von den tollen Parties erzählt, die sie gefeiert hat. Wie macht man eine gute Party? John überlegt kurz: „Ich tanze gerne, auch gerne eng, auch gerne Walzer. Dazu braucht man gute Musik.“ Und Cervenka meint: „Ich war ein ,Party Animal‘, das stimmt. Man braucht intelligente Leute, die sich unterhalten. Und jemanden, der die Party schmeißt.“

Royal Republic – Königliche Audienz

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royal_republic_hansa_studio008Mit den altehrwürdigen Hansa Studios zu Berlin haben sich Royal Republic einen kreativ geschwängerten Arbeitsplatz für die Aufnahmen zu ihrem zweiten Album ausgesucht. SAVE THE NATION ist noch nicht einmal ganz fertig, da wollen sie die ersten Bruchstücke präsentieren. Sicherlich auch, um stolz das Studio zu zeigen, in dem schon Meisterwerke von U2, David Bowie, Iggy Pop oder Depeche Mode entstanden sind, laden die vier Schweden feierlich zur Listening Session. CLASSIC ROCK ließ es sich nicht entgehen, im Regieraum vorbeizuschauen und zu sehen, was es von Frontmann Adam Grahn, Gitarrist Hannes Irengård und natürlich dem neuen Album so zu hören gibt.

Irgendwie sehen die Musiker erschöpft aus, nachdem sie der versammelten Presse die ersten Lieder ihres neuen Werkes vorgespielt haben. „Wir haben sehr viel Energie – naja eigentlich alles – in dieses Album gesteckt. Jetzt, da die Arbeiten daran zu Ende ge-hen, fühle ich mich erleichtert, aber auch leer“, meint Gitarrist Hannes mit den stahlblauen Au-gen. Besonders Adam Grahn, dem Frontmann mit der Elvis-Tolle, war anzumerken, dass ihm die Präsentation der ersten Single ›Addictive‹, die eine wahre Tanznummer ist, und fünf weiterer Songs nicht ganz angenehm war. Mit Schweiß auf der Stirn wippte er angespannt hin und her und kommentierte jedes Lied, während seine Bandkollegen auf einer Couch lungerten. „Das war eine wirklich merkwürdige Situation. Ich bin gewöhnlich nie nervös. Ich spiele vor 30.000 Menschen, und es macht mir nichts aus. Diesmal konnte ich nichts tun. Wenn ich auf der Bühne stehe und ei- ne bestimmte Reaktion der Leute erzeugen will, dann kann ich etwas dafür tun. Heute muss-te ich hier still sitzen. Am liebsten hätte ich ständig unterbrochen: ‚Das ist ja noch eine Rohfassung, und das ist eigentlich noch nicht fertig, und das wird noch anders und …‘“

Den vieren, die jahrelang mit ihrem Debüt WE ARE THE ROYAL unterwegs waren und sich eine immer größere Fangemeinde erspielt haben, ist bewusst, dass sie unter hohem Druck stehen. „Ich glaube, dass die Leute, die uns kennen, sehr viel erwarten“, so Grahn. Einschüchtern lassen sie sich aber nicht. Vielmehr ist sich Hannes seiner Sache sehr sicher: „Im Gegensatz zum ersten Album sind es jetzt richtige Lieder. Unser Debüt war großartig, aber es waren mehr Songideen als vollwertige Lieder.“

Was ein echter Song ist, kann Adam erklären: „Als ich meine Gesangsübungen für die Aufnahmen zu ›Everybody Wants To Be An Astronaut‹ machte, lief ich mit meiner Akustik-Gitarre im Studio auf und ab. Da merkte ich, dass die Songs auch so funktionieren, ohne sie umarrangieren zu müssen.“ Hannes kann das nur bestätigen. „Ja, das ist die goldene Regel des Songwritings: Wenn du ein Lied so spielst und es klingt gut, dann ist es ein echter Song.“
So sehen die sympathischen Herren aus Malmö auch ambitioniert in die Zukunft. „Ich bin super, super stolz auf diese Aufnahmen. Wir haben jetzt unseren ganz eigenen Sound gefunden“, meint Grahn. „Die Songs sind stärker und klingen größer. Wir haben sie auch für größere Zuschauermassen und Bühnen geschrieben, während WE ARE THE ROYAL perfekt für kleine, verschwitzte Rock-Clubs war.“ Bei dieser Entwicklung spielte auch ein gewisser Michael Ilbert eine tragende Rolle. Der Produzent, der bereits mit Künstlern wie The Hives und Herbert Grönemeyer gearbeitet hat, verlangte den Newcomern einiges ab. „Da kam dieser mollige Typ mit Bart und einem riesigen Pulli in unseren Proberaum, setzte sich hin und meinte nur: ‚Spielt mal was!‘ Wir wussten nicht, was wir tun sollten und waren total nervös. Während ich versuchte zu singen, sah er ganz un-beteiligt zu. Danach meinte er nur, dass dieser und jener Teil keinen Sinn macht. Das war ein Weckruf für uns alle, weil uns in dem Moment klar wur-de, dass wir faul geworden waren. Wir hatten die alten Lieder so oft gespielt, bis wir wie eine Ma-schine funktionierten. Das neue Material aber hatten wir kaum geprobt. Also gingen wir nach Hau-se, übten und rissen uns die Ärsche auf. Als wir dann ins Studio kamen, fand er uns endlich gut genug“, erinnert sich Grahn.

Die Arbeiten an SAVE THE NATION nahmen sie so ernst, dass sie außer ihrem Produzenten kaum jemanden zu Gesicht bekamen. „Wir waren schon ziemlich abgeschottet“, so Hannes. In den Hansa Studios aufzunehmen war nicht nur eine große Ehre, sondern auch eine bewusste Entscheidung, erklärt Adam. „Als ich erfuhr, dass wir womöglich hier recorden würden, war ich echt aufgeregt. Ich bin ein riesiger U2-Fan. Trotzdem überlegten wir lange, ob wir nicht zu Hause in Malmö aufnehmen sollten. Es war aber gut, weg zu sein. So konnten wir uns von möglichen Ablenkungen fernhalten. Dafür ist jetzt mein Budget für diesen Sommer komplett aufgebraucht, weil wir jeden Tag mit Michael in Gourmet-Restaurants gehen mussten. Es gab feines Essen, Limoncello und Wein. Er ist ein wahrer Feinschmecker, aber wer bitte schön bestellt eine Flasche Wein für 200 Euro und trinkt dann nur ein Glas?“
Gelohnt haben sich die Ausgaben allemal. Denn herausgekommen sind zwölf Songs, über die sich nicht nur die Fans freuen können. Auch die Band kann es kaum erwarten, sie live zu spielen. „Es ist wohl die größte Befreiung überhaupt! Drei Jahre lang waren wir mit den alten Liedern auf Tour. Ich hasse es, wenn sich bei mir zu große Routine breit macht. Neulich bei einer Show dachte ich mir: ‚Verdammt, an genau dieser Stelle des Songs stelle ich meinen Fuß auf die Monitorbox – und zwar seit sechs verfickten Monaten.‘ Es kotzte mich an.“

Mit Royal Republic ging es stetig bergauf – was aber nicht nur Vorteile mit sich bringt. Das exzessive Touren hinterließ seine Spuren. Besonders Hannes, der im Laufe des Gesprächs immer ausgelaugter wirkt, scheint unter dem Wanderleben zu leiden: „Uns ist inzwischen klar geworden, dass wir nie mehr zuhause sein werden, niemals“, sinniert er mit brüchiger Stimme und verstummt. Nach einer kurzen Pause wird ihm dann klar, dass die Stimmung wieder gehoben werden sollte. „Oh, das war jetzt aber sehr traurig, oder? Naja, aber es ist wohl auch ein Zeichen für unseren Erfolg. Wenn die Leute uns überall sehen wollen, dann muss das wohl gut sein. Das ist schon in Ordnung so.“
Es ist auch besser, dass sich Hannes mit seinem Schicksal abfindet, denn sein Chef Adam macht gleich klar, dass sich in naher Zukunft nichts ändern wird. „Wir wollen möglichst viel von zu Hause weg sein“, scherzt Grahn. „Jetzt mal im Ernst, wir touren von September bis Weihnachten durch Eu-ropa und werden einige Shows mit großen Künstlern wie Blink 182, Social Distortion und Die Toten Hosen spielen.“

Und wo sehen sich die beiden in einigen Jahren? „Zu Hause!“, schießt es unter Lachen aus Hannes heraus. „Ja, alle kommen zu uns nach Malmö, um unsere Gigs zu besuchen“, meint Adam. „Yeah, wie zu Celine Dion in Las Vegas“, scherzt Hannes, be-vor Adam nochmal ernst wird: „Ich glaube, es wird nie einen Punkt in meinem Leben geben, an dem ich vollkommen zufrieden bin. Hätte mir jemand vor einigen Jahren gesagt, wo wir heute sind, dann hätte ich damals gesagt: ‚Ich habe alles erreicht. Wir haben ein Platin-Album und sitzen in den Hansa Studios. Jetzt könnte ich sterben!‘ Aber Träume entwickeln sich mit der Zeit eben weiter.“

Serj Tankian – Quo Vadis, Menschheit? Erst mal den Bach runter…

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Serj_Tankian_Press_Picture_32011 sei das produktivste Jahr seines Lebens gewesen, sagt Serj Tankian. Und ausgerechnet das aufsehenerregendste Produkt dieses Kreativschubs war dabei gar nicht geplant gewesen. Doch die Ereignisse verlangten nach einer gebührenden Umsetzung.

Eigentlich könnte Serj Tankian sich längst zur Ruhe setzen, schließlich hat er mit System Of A Down wohl nicht nur seine Schäfchen ins Trockene gebracht, sondern auch in künstlerischer Hinsicht wie in Sachen Gutmensch-Karma-Bilanz ein beachtliches Vermächtnis geschaffen, das viele Musiker in vielen Jahrzehnten nicht anzuhäufen vermögen. Doch ein wahrer Künstler hört nie auf, zu erschaffen, und auch wenn Millionen Fans seit Jahren nach neuem SOAD-Material dürsten, das sich nach wie vor nicht mal am Horizont abzeichnet, kann niemand behaupten, dass der Amerikaner mit armenischen Wurzeln sie nicht mit genug Futter versorgen würde.

Seinen beiden exzellenten Soloalben ELECT THE DEAD (2007) und IMPERFECT HARMONIES (2010) waren zwar nicht annähernd die Charterfolge seiner Stammband beschieden, dafür wurden sie ob ihres Ausbruchs aus gängigen Rock-Konventionen von der Kritik gelobt und gaben Serj ein Ventil, um das auszuleben, was bei SOAD keinen Platz findet. Und das ist offenbar eine ganze Menge, denn neben seiner ganz individuellen Interpretation von Rockmusik ließ er 2011 das Rockmusical „Prometheus Bound“ vom Stapel und schrieb drei Alben, die mit Rock überhaupt nichts zu tun haben: JAZZ-IZ-CHRIST erklärt sich wohl von selber, ORCA ist symphonische Orchestermusik, während zusätzlich noch eine Elektronikplatte mit dem Projekt Fuktronic ansteht.

Letzteres ist es, das zumindest in Sachen Produktionsweise den größten Einfluss auf HARAKIRI hatte, denn Serj hat es quasi „zusammengebaut“ aus Versatzstücken existierenden Materials. Recycling ist gut für die Umwelt, wieso also nicht? „Mit meinen elektronischen Sachen arbeite ich schon seit Jahren so“, erklärt Serj. „Aus all der Musik, die ich über die Jahre gemacht habe, entstand eine Art Beat-Sammlung, auf die ich jederzeit zurückgreifen kann. Wenn ich ein neues Stück schreibe und denke, da brauche ich nun diesen oder jenen Effekt, kann ich mich daraus bedienen. Das heißt natürlich nicht, dass ich immer nur dieselben Sachen verwurste, daraus entsteht immer wieder etwas Neues. Und das funktioniert so gut, dass ich diesen Prozess erstmals auch bei einer Rockplatte angewendet habe.“

Einer Platte, die wie gesagt eigentlich gar nicht hätte entstehen sollen, aber das Leben kümmert sich nicht um unsere Pläne, es inspiriert uns, ob gewollt oder nicht. „Es war Anfang 2011, als ich hörte, dass sich an verschiedenen Orten der Welt Millionen von Vögeln und Fischen offenbar gezielt umgebracht hatten. Das hat mich aufgerüttelt. Man fand zwar lokal plausible Erklärungen für die jeweiligen Ereignisse, doch ich fand es ziemlich unheimlich, dass das praktisch zeitgleich und tausende Meilen voneinander entfernt geschah. Das war der Tag, an dem ich begann, dieses Album zu schrei-ben. Erst war es nur ein Song, aber es wurde mehr daraus und nach vier Monaten wurde mir plötzlich klar, fuck, ich habe hier ein ganzes Rockalbum beisammen! Es war wie eine ungeplante Schwangerschaft.“

Erstaunlich ist an HARAKIRI nicht nur, dass es praktisch aus dem Nichts entstand, sondern auch, dass es nach den ersten beiden Soloalben, die zunehmend Abstand von harten Gitarren und aggressiven Rhythmen nahmen, deutlich zurück Richtung Riffattacke schwenkt. Noch viel erstaunlicher ist aber, dass es ohne Umschweife das Beste ist, was je aus Herrn Tankians Feder geflossen ist. ›Cornucopia‹, ›Occupied Tears‹, ›Weave On‹, ›Reality TV‹, ›Butterfly‹, das Titelstück und vor allem das gewaltige ›Forget Me Knot‹ sind hymnenhafte Glanzleistungen, die erstmals die Frage erlauben, ob man System Of A Down eigentlich noch wirklich vermissen muss. Gerockt hat Tankian seit 2005 jedenfalls nicht mehr so. „Stimmt, so was Hartes habe ich lange nicht mehr geschrieben, aber das musste sein. Diese Ereignisse kann man nicht in eine nette Popnummer verkleiden, diese Dringlichkeit in Ton und Botschaft musste gebührend zum Ausdruck gebracht werden.“

Denn eine Botschaft findet sich in allem, was dieser Mann aus dem Hut zaubert, und das Endzeitszenario, das diesem Album auf den Weg half, hat natürlich auch inhaltlich seine Spuren hinterlassen. Besonders interessant hier die Idee von ›Uneducated Democracy‹. Ist Demokratie wirklich so toll, wenn die Wählenden keine Ahnung haben? „Man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass Diktatur unter einem erleuchteten Herrscher wohl manchmal vorzuziehen wäre“, gibt Serj zu. „Beachtlich ist, dass die USA statistisch gesehen viel mehr für Bildung ausgeben als die meisten Länder. Und dennoch…die meisten Amerikaner glauben ihren Politikern, dass das Land für Freiheit steht. Dass Amerika den Schah in Iran oder Pinochet in Chile eingesetzt hat, weil es ihren Zielen diente, ist ihnen gar nicht bewusst. Wer sowas nicht weiß, kann aber keine richtigen Entscheidungen treffen. Letztlich ist repräsentative Demokratie Augenwischerei, denn es ist Demokratie über Mittelsmänner, und das bedeutet fast zwangsläufig Machtdenken, Korruption und hat nichts mit den Interessen des Volkes zu tun.“

Dass sich daran so bald etwas ändert, bezweifelt selbst der prinzipiell optimistische und ausnehmend freundlich-fröhliche Serj: „Wir haben uns so sehr von der Natur abgekapselt, dass wir die großen Umwälzungen, ob ökologisch oder politisch, gar nicht mehr mitbekommen. Es muss erst eine gewaltige Katastrophe eintreten, die wirklich große Massen von Menschen ihrer Heimat beraubt, bis wir aufwachen.“

Einen besonders schalen Geschmack hinterließ diesbezüglich sein Auftritt in Beirut 2011 bei ihm. „Ich bin dort geboren, aber mit sieben Jahren weggezogen. Nun bin ich zum ersten Mal wieder zurückgekehrt und habe meine Eltern mitgenommen, was wunderbar war. Wir haben alte Verwandte getroffen, ich habe mich auch an Orte aus meiner Kindheit erinnert. Das Konzert mit dem libanesischen Nationalorchester war ebenso eine tolle Erfahrung. Aber ich habe keinerlei Verbindung mehr zu diesem Land gespürt, null. Und am schlimmsten war, dass die Leute dort ganz beiläufig sagen, ‚es wird Krieg geben‘. So, als würden sie sagen, ‚es wird heute regnen‘. Es ist für sie einfach so normal, dass es sie gar nicht mehr groß berührt. Es war sowohl bemerkenswert als auch schockierend, zu sehen, an was sich Menschen gewöhnen können.“

Serj Tankian wird das nicht davon abhalten, unermüdlich für die Sache zu kämpfen – und Musik zu machen. Und wenn HARAKIRI ein Vorgeschmack auf das gibt, was in Zukunft noch so von ihm zu erwarten ist, gibt es wenigstens noch einen kleinen Funken Hoffnung für die Menschheit!

The Darkness – Back in Bunt

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The DarknessSie gaben dem Gitarren-Rock den Bombast, Glamour und große Gesten zurück, Theatralik, Feuerzauber, Spandexhosen. Als Zugabe gab’s ein Augenzwinkern. Nach sechs Jahren Achterbahnfahrt zwischen Reha und Reunion wollen es The Darkness nun noch einmal wissen. Und mit HOT CAKES haben sie ein verdammt leckeres Teil in der Röhre.

„That’s Horseshit“.
Unmissverständliche Ansage von Justin Hawkins, begleitet von einem Lachanfall, der einem Wiehern nicht unähnlich ist. Die voraus gegangene Frage betraf sein astrologisches Interesse inklusive hellseherischer Fähigkeiten. So sehr der voll-tätowierte Fronter sich auch wiehernd windet, die Zukunft seiner Band hat er tatsächlich beängstigend exakt voraus gesagt. „Wir machen ein sensationelles Debüt, dann einen Okay-Nachfolger, dann lösen wir uns auf und danach folgt die glorreiche Reunion.“ So orakelte er 2002, also noch vor der Veröffentlichung des Mega-Debüts PERMISSION TO LAND. Bist jetzt ist alles eingetreten. Eine Band perfekt im Zeitplan. „Stimmt“, grübelt Hawkins, „das habe ich damals zu unserem Freund Michele gesagt. Es hat sich als wahr erwiesen! Ist schon seltsam, wenn man etwas so dahin sagt – und das dann tatsächlich wahr wird.“ Nur was die weitere Zukunft betrifft, da zieht er die Achseln gen Norden.

Justin, der ältere der beiden Hawkins-Brüder, räkelt sich im Luxusleder der Berliner Hotelsuite unweit des Gendarmenmarktes. Feinste Adresse, feinstes Wetter. Auch Hawkins hat sich fein ge-macht: rotes Shirt, buntes Halstuch, quietschgelbe Hose, braune Schuhe, Pilotenbrille, Sommerhütchen. Ein Styling wie dieses – das bringen nur Briten. Mit seinen langen Locken und dem kecken Spitzbärtchen sieht er aus wie die moderne Ausgabe von Errol Flynn und könnte problemlos in jedem Mantel-und-Degen-Film mitmischen, wenn da nicht die farbenprächtig tätowierten Arme wären, die kein Fleckchen blasse Britenhaut mehr frei geben. Rock’n’Roll-Sonnenschutz, sozusagen.

Hawkins ordert Kaffee und Wasser, checkt sein Smartphone und die Möblierung der gestylten Suite. Auch er macht heute einen aufgeräumten Eindruck. Gestern ist er in Hamburg um die Alster gejoggt. Heute Morgen hat er bereits Work-outs in der Fitness-Lounge gemacht. Und doch ist der 37-Jährige spindeldürr, dass man sich Sorgen machen würde, wüsste man nicht: Hawkins ist clean, trocken und mit sich im Reinen.

Das war lange Zeit nicht so. Seit 2005 kämpft er mit seiner Gesundheit, seinem Leben, seiner Band, dem Universum und dem ganzen Rest. Die erste Weltumrundung fordert ihren Tribut. The Darkness sind ausgepowert und drohen der dunklen Seite des Rock zu verfallen. Permission to drugs. „Wir hatten nach der Tour Probleme, wieder runterzukommen“, gesteht Brüderchen Dan seinerzeit. „Wenn du vor 70.000 Menschen spielst, ist eine Menge Adrenalin im Spiel. Da ist es nicht so einfach, mit einer Tasse Tee ins Bett zu gehen.“

Justin indes geht nicht ins Bett, sondern begibt sich freiwillig in eine geschlossene Therapie-Einrichtung. Die britische Regenbogenpresse weiß von Kokain im Wert von 1.000 britischen Pfund, das er sich wöchentlich durch die Nase zieht. Andere Blätter wissen, er gebe fast das Gleiche noch einmal für Alkohol aus. Heute kann Hawkins darüber schmunzeln. „Ich war anfangs 28 Tage in einer geschlossenen Reha-Klinik, später noch einmal sechs Wochen. Bevor ich in die Klinik ging, hatte ich selbst schon die verschiedensten Sachen probiert, denn ich wusste ja, was ich da tat. Ich war bei den Anonymen Alkoholikern, war bei anderen Einrichtungen, hatte Einzeltherapien und war auch bei Leuten in der Musikindustrie, die sich mit diesen Problemen auskennen. Ich hatte das komplette Programm durch. Aber nichts half. Im Gegenteil, es machte mich nur noch paranoider und alles noch viel schlimmer. Also entschied ich, mich in eine Klinik einweisen zu lassen. Ich tat das, weil ich der Band eine echte Chance geben wollte. Also entschloss ich mich zu einer vorübergehenden Trennung, weil keiner wusste, wie lange das dauern würde. Da ist es am fairsten, wenn du deiner Band sagst, dass es vorbei ist. Ich ließ offen, ob ich zurückkommen würde. Ich wusste nicht, wann das sein würde. Sechs Monate? Sechs Jahre? Nie?“

Heute sitzt Hawkins da und plaudert mit entwaffnender Offenheit über die dunkelsten Stunden seines Lebens, wo andere Musiker längst „next question“ geraunt hätten. Auch mit seinem Bruder Dan hat er sich längst ausgesöhnt. Die Hawkins sind freundlich, unkompliziert, offen und nicht nachtragend. Da gibt’s in England ganz andere Beispiele brüderlicher Hassliebe. „Wenn wir nicht respektvoll miteinander umgehen würden, hätten wir The Darkness schon wesentlich früher aufgelöst“, sagt Justin. „Es lag nicht nur an uns, dass wir die Band aufgelöst haben. Wenn wir so weiter gemacht hätten, hätte es vermutlich zwei Tote in dieser Band gegeben. Umso schöner ist, dass wir heute wieder zum klassischen Line-up zurückkehren können. Wenn wir uns nicht getrennt hätten, wären wir vermutlich nie wieder zu dieser Formation zurückgekehrt. Wir waren ein Flugzeug im dramatischen Sinkflug und sind im letzten Moment mit dem Fallschirm ab-gesprungen. Voll im Bond-Style. Und jetzt haben wir ein neues Flugzeug und starten wieder steil nach oben.“ Was einen neuerlichen Absturz be-trifft, sagt er: „Ich weiß nicht, wie erfolgreich meine Therapie war. Bis heute klappt es jedenfalls. Dennoch kenne ich einige Leute, die große Probleme mit Alkohol haben – und leider nicht allzu viele, die trocken geblieben sind.“

Auf den Tragflächen des neuen Band-Jets steht indes „Hot Cakes“. Es ist der dritte Longplayer der Band. In Originalbesetzung, wohlgemerkt, mit Schlagzeuger Ed Graham und Bassist Frankie Poullain, dessen Suchtstatus im Logbuch heute ebenfalls als „clean“ geführt wird. The Darkness sind zurück. Dabei hatte Justin noch im Juli 2010 via Twitter gelästert, alle Gerüchte um die Reunion von The Darkness seien Bullshit. „Was ich tatsächlich gesagt habe, war: Wenn das Gerücht über unsere Reunion wahr wäre, wäre es ja kein Gerücht mehr“, korrigiert der Spitzbart spitzfindig. „Daraus hat die britische Presse die üblichen Verdrehungen gemacht, bis sie eine Schlagzeile hatten. Aber ernsthaft: Es nervte, ständig diese eine Frage gestellt zu be-kommen. Also habe ich denen gesagt: alles Bullshit. Wenn es etwas über The Darkness zu vermelden gibt, dann sagen wir das schon. Anson-sten: fuck off – and leave us alone!“

Hawkins nippt am Kaffee und ist bester Dinge. Klar, seine Karriere im Zeitraffer basiert auf Superlativen. Zwei Alben reichen, damit Britanniens Pressevertreter geschlossen Orden verteilen, auf denen unter anderem „Best British Band“, „Best Live Act“, und „Best Album“ graviert sind. Nicht allzu lang davor kurvten Dan und Justin noch in einem klapprigen blauen Volkswagen-Transporter durch England, um in Bars und Pubs zu ro-cken. „Eine coole Zeit“, findet Justin. „Wir haben den Bus damals für 500 Pfund gekauft. Ein Bekannter gab mir die Hälfte dazu. Er arbeitete als Werbemanager und zog gerade seine eigene Firma auf. Er beschriftete den Bus mit seinem Firmennamen und installierte Außenlautsprecher an den Seiten. Wenn wir mit dem Bus unterwegs waren, haben wir dann die Leute mit AC/DCs ›Stiff Upper Lip‹ beschallt.“

Vom unbekannten Kneipen-Act über den Support von Meat Loaf und den Rolling Stones zum Headliner, Brit-Award-Gewinner und Platin-Seller in nur 24 Monaten: ein Musterbeispiel für ei-nen Crash-Kurs „Rock-Biz für Senkrechtstarter.“ „Es ist ein Gefühl, als ob du als Kind ins Spielzeugparadies kommst, und der Spaß hört einfach nicht auf“, bekennt Justin 2003, als der Debütknaller PERMISSION TO LAND auch noch Pop-Diva Beyoncé ruck-zuck auf Platz 2 der UK-Charts befördert. Dabei mutet das Quartett aus dem ostenglischen Badeörtchen Lowestoft für viele bizarr und kitschig an. Zu pathetisch, protzig und peinlich sind die Bühnenshows mit putzigen Spandex-Anzügen, Konfetti, Feuerwerk und weißen Stoff-Leoparden, auf denen Justin durch die Konzerthallen schwebt. „Meinen die das wirklich ernst?“, fragt anfangs das britische Boulevardblatt mit den größten Buchstaben. Die Antwort der Band ist unmissverständlich. „Fuck off! Wenn wir das hier nicht ernst nehmen würden, würden wir keinen guten Job machen.“ Den machen die dunklen Dudes tatsächlich exzellent. Das Quartett entwickelt sich von der anfänglich belächelten Pub-Band zu einem Arenen-Act, den selbst hartnäckige Verweigerer nicht länger ignorieren können.

Nach der höflichen Anfrage auf Landeerlaubnis konsolidiert die Band mit dem zweiten Al-bum ONE WAY TICKET TO HELL …AND BACK den Erfolg. Man lässt sich die Songs von Queen-Produzent Roy Thomas Baker veredeln. Wenn schon groß, dann richtig. „Er ist ein Produzent, der nichts unversucht lässt und aus jedem Song das Optimum herausholt“, schwärmt Brüderchen Dan. Der Song ›Blind Man‹ wird ihr persönliches ›Bohemian Rhapsody‹. Die Band besitzt nun auch Songs in Stadiongröße. Schade nur, dass es The Darkness nicht mehr gibt. 2006, nur wenige Monat nach Release, berichtet The Sun den Split der Band aufgrund des unpässlichen Justin Hawkins.

Was folgt, sind halbherzige Soloprojekte der beiden Brüder. Dan gründet die Stone Gods, Justin British Whale und Hot Legs, beide Acts sind halbherzig, halbgar und werden von Kritikern und Fans gleichermaßen abgelehnt. „In beiden Bands steckte jeweils zu viel von einem von uns“, analysiert Justin, „während wir uns bei The Darkness perfekt ergänzen und in der Balance halten. Wir schätzen den Input des Anderen sehr. Ich bewundere Dinge, die ich nicht kann, die aber Dan drauf hat. Für mich ist es toll, Ideen an jemanden heranzutragen, der sie sofort versteht, einen ähnlichen Geschmack hat und doch eine andere Herangehensweise, um etwas Eigenes daraus zu machen. Ganz selten trifft man einen Menschen, mit dem so eine künstlerische Arbeit möglich ist. Und ich bin auch noch mit so jemandem verwandt!“ Liam und Noel dürften grün im Gesicht werden.

Jetzt, nach fast sechs Jahren Pause, beginnen The Darkness mit HOT CAKES bei Null. Es herrschen erschwerte Bedingungen. Die „neue Rock-Sensation“ ist nun nicht mehr neu. Der Newcomer-Bonus ist verblasst. Und natürlich backen The Darkness auch diesmal wieder aus Zutaten wie AC/DC, Queen, Kiss, Boston und Thin Lizzy ein heißes Rock-Küchlein. Ebenso selbstverständlich singt Justin die neuen Nummern wieder mit unverkennbarem Falsett und rockiger Röhre, als habe er Freddie Mercury und Steven Tyler verschluckt. Dennoch ist HOT CAKES rundherum „mehr“ geworden: mehr Melodien, mehr große Gesten, ergreifendere Balladen, griffigere Gitarren-Riffs. Selbst die Titel sind noch provokanter. ›Every Inch Of You‹ – eine phallische Anspielung, die Justin, obwohl der Song bereits seit zwölf Jahren zum Live-Repertoire der Band gehört, noch immer sichtlich Spaß macht. Noch expliziter wird es nach der ersten Strophe: „…and every man wan-na try / wants to suck my cock!“ Justin grinst von Ohr zu Ohr und ist sich sicher: „Die Fans werden das wie auch schon live lieben. Die sagen sich: cool, die albernen Kerlchen haben immer noch Arsch in der Hose, um so freche Sachen zu singen. ›Every Inch Of You‹ ist mein absoluter Lieblingssong.“

Mit ›Nothing’s Gonna Stop Us‹ befindet sich ein weiteres Stück auf dem Album, das die Band bereits seit einer Dekade live rockt. Was da vermeintlich an Queen erinnert und ein übersteigertes Selbstbewusstsein suggeriert, ist eigentlich nur die lustige Geschichte eines geklauten Fahrrads und einem damit verbundenen nächtlichen Ausflug – lange her, als Teenager in Lowestoft. „Wir haben das Fahrrad genauer gesagt geborgt, denn wir haben es wieder zurückgegeben“, berichtigt Justin. „Der Typ, der dann das animierte Video dazu gemacht hat, hatte allerdings keine Ahnung, wie mein Kumpel aussah, und nannte ihn ,Doug‘. In Wirklichkeit heißt er James, und wir sind im-mer noch Freunde. Er sitzt heute allerdings im Gefängnis. Wegen Fahrraddiebstahls…“ Und da ist es wieder, Justins Wiehern.

Egal, ob man den Falsettgesang Justins mag oder nicht: Bei keiner anderen Band gröhlen die männlichen Fans bei den Konzerten nicht nur, sondern singen tatsächlich mit – oder versuchen es zumindest. Ein Phänomen, das es seit Queen nicht mehr gegeben hat. „Wir registrieren beides, um ehrlich zu sein“, so Juror Justin. „Am Anfang animieren wir die Jungs zum Gröhlen, und später singen sie dann tatsächlich hübsch mit. Ich finde das wirklich überraschend, dass sie sich bei uns so viel Mühe geben. Und es sind wirklich auffällig viele, die mitsingen. Es sind ein paar echte Talente da draußen.“ Und klar: Da auch noch de-ren Freundinnen mitsingen, schlussfolgert Justin: „Wir sind eine Pärchenband!“

Überhaupt dreht sich auf HOT CAKES vieles um Liebe, Zuneigung, Zweisamkeit und Spaß miteinander. Etwa in ›Forbidden Love‹, in dem es „um die Tatsache geht, dass etwas Verbotenes nur dazu führt, dass man es umso mehr will. Das ist die Grundidee dieses Songs. Es geht dabei gar nicht so sehr um Tabus oder so. Einfach nur un-angemessene Liebe.“ Eine solche Steilvorlage führt natürlich unweigerlich zu den immer wieder im Internet auftauchenden Diskussionen um die sexuellen Präferenzen des Sängers. Es gibt zahlreiche Spekulationen über Justins Privatleben, ob er nun ein verheirateter Familienvater oder doch schwul sei. Der quittiert die Frage mit einem weiteren Wiehern. „Ist ja lustig! Ich werde jetzt sicherlich nicht meinen eigenen Namen googeln, aber da lache ich mich wirklich schlapp. Meine sexuelle Überzeugung ist ausschließlich meine Sache. Und ich bin sehr einfach zu überzeugen! Aber ernsthaft: An diesem Gerücht ist überhaupt nichts dran. Ich bin nicht schwul.“ Auch wenn die Brüder nicht nur Brüste, sondern auch schon mal Männerhintern signieren. Zudem hat Justin gerade eine schmerzhafte Trennung von seiner Freundin hinter sich. Geblieben sind ihm die beiden Hunde Bonnie und Buddie – während sein Bruder unlängst geheiratet hat und zweifacher Familienvater seiner Töchterchen Darcy und Mathilda ist. Vor diesem Hintergrund ergibt das Finale ›Love Is Not The Answer‹ dann auch einen Sinn. „Ich versuche immer noch herauszufinden, was genau Liebe ist und ob sie nicht überbewertet wird“, erklärt Justin. „Wir alle suchen danach, ja-gen sie, hetzen ihr hinterher. Es ist eben mal kein Jubel-Song nach dem Motto: Ey, Liebe ist geil! Ich wollte einfach mal klarstellen: Das ist die Liebe nämlich nicht!“

Abgesehen davon ist Justins Leben – abseits der Regenbogenpresse – in Lowestoft beschaulich. Das verschlafene Seebad hat gerade einmal 65.000 Einwohner und ist höchstens für seine Porzellanherstellung seit 1760 bekannt – bevor The Darkness Landerlaubnis erbaten. „In Lowestoft kennt uns jeder. Die Leute wissen, wer wir sind. Aber die lassen uns in Ruhe, bewahren eine höfliche Distanz. Das ist prima so.“ Nicht um-sonst meiden die Hawkins das hektische London so wie Justin den örtlichen Spirituosenladen.

Stattdessen dreht er lieber lustige Autofahrkurse fürs englische Fernsehen. Er ist begeisterter Rennfahrer und fährt voller Stolz einen weißen 1972er Lotus Esprit. „Ich liebe Autos“, bekennt er, „und es macht Spaß, hier zu fahren. Lowestoft ist ein Rentnerstädtchen. Die Leute haben hier eher Boote als Autos. Außerdem ist es ein Seebad, mit all den viktorianischen Häusern an der Promenade. Da darf man eh nirgends parken.“

Dass Justin jedoch nicht nur mit PS protzt, sondern auch bei diesem Thema Humor besitzt, zeigt, dass zu seiner Autosammlung auch ein „Plastic Pig“ gehört, ein alter Reliant Regal. Jenes dreirädrige Vehikel, das in der TV-Serie von Mr. Bean stetig umgeworfen, angerempelt oder aus Parklücken geschoben wird. In so ein Teil würde sich Jamiroquai nicht mal reinsetzen.

Aber bekanntlich sind The Darkness für jeden Spaß zu haben. Als Justin zum ersten Mal sein Abbild in Madame Tussaud’s Wachsfigurenkabinett sah, reagierte er schlagfertig: „Immerhin entschädigen die überproportionalen Genitalien für meine mickrige Größe.“ Oder als ein Smartphone-Hersteller anfragt, ob The Darkness be-reit wären, in einem Werbespot zu rocken, ist die Band sofort dabei. Die Ausstrahlung des Spots beim American Superbowl dürfte zusätzliche Überzeugungskraft besessen haben. „Wir rannten zur Botschaft, um unsere Visa zu beantragen“, sagt Justin. „Meins ging problemlos durch – ich weiß bis heute nicht warum –, aber die der anderen Jungs nicht, was echt enttäuschend war. Also düste ich allein rüber und spielte in dem Clip mit. Ich vermute, mein Catsuit trug dazu bei, dass sie mich länger im Clip zeigten, als sie ursprünglich geplant hatten.“ Justins StraßenPerformance von ›I Believe In A Thing Called Love‹ in Denver, Colorado, im grell pink-weiß-gestreiften Candy-Catsuit gehört zu den Highlights auf der nach oben offenen Lustigkeitsskala der Band.

Und nicht zuletzt dürften es gerade Justins Bühnen-Outfits sein, die der Band 2004 tatsächlich zum ELLE-Style Award als „Most Stylish Band“ verhalfen. Justin wirft den Kopf in den Nacken, ballt die Faust und schreit: „Yeah!“ Eine pikante Situation, angesichts der Tatsache nämlich, dass The Darkness nun gemeinsam mit Fashion-Ikone Lady Gaga auf Tournee sind. Die Pop-Diva zierte inzwischen zwar so ziemlich jedes Frauen-Magazin – einen Award konnte sie indes nicht verbuchen. „Wir werden unsere Trophäe mit auf Tour nehmen und auf unsere Verstärker stellen“, verspricht Justin. „Wir werden goldene Schärpen über unseren Schultern tragen! Diademe im Haar! Sticker auf unseren Gi-tarren!“

Und wem die Personalunion mit der Pop-Lady auf den ersten Blick eher unpassend scheint, dem entgegnet Justin: „Ach, sie ist doch bekannt dafür, dass sie immer wieder Rock-Bands mit auf ihre Tourneen nimmt, Airborne zum Beispiel. Sie mag Rock-Acts. Und ihre Show ist ja auch ziemlich rockig. Na ja, mit elektronischen Parts, halt.“

Vielleicht gar kein schlechter Schachzug von The Darkness. Denn mehr als sechs Jahre Pause seit dem letzten Studioalbum sind eine Ewigkeit im Musikbiz. Das entspricht im Grunde einer gesamten Musikgeneration. Es dürfte durch-aus Kids geben, die HOT CAKES für das Debütwerk von The Darkness halten und noch nie zuvor von Justin, Dan und ihren lustigen Liedern gehört haben. „Selbst, wenn es Kids geben sollte, die noch nie von uns gehört haben, wird uns die Lady Gaga-Tour mit diesen Kids in Kontakt bringen“, weiß Justin. „Ich habe sowieso nicht die geringste Ahnung, warum vier Männer mittleren Alters so angesagt bei jungen Menschen sind.“

Robert Cray – Nur die Liebe zählt

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Robert Cray  3 @ Jeff_KatzEr ist einer der größten Blueser der Gegenwart, darf fünf Grammys sein eigen nennen und ist seit letztem Jahr stolzes Mitglied der Blues Hall Of Fame. Doch auch wenn sich Robert Cray natürlich über diese Erfolge freut, geht es für ihn vornehmlich um die Musik selbst, was er auf seinem neuen Album NOTHIN BUT LOVE wieder unter Beweis stellt.

Auf der Highschool entdeckte Robert Cray seine Liebe zum Blues. Bereits mit Zwanzig hatte er viele seiner Idole, wie Freddie King und Muddy Waters gesehen. Da war es nur natürlich, dass er schnell eine eigene Band gründete. 1978 veröffentlichte er seine erste CD WHO‘S BEEN TALKIN‘. Heute – 34 Jahre später – mischt er ganz an der Spitze des Blues-Genres mit. Aus einem leidenschaftlichen Fan wurde ein Idol, aus einem jungen aufstrebenden Musiker ein erfolgreicher Blues-Veteran, der 2011 als jüngstes lebendes Mitglied in die Blues Hall Of Fame aufgenommen wurde, was er auch heute noch nicht so richtig begreifen kann. „Ich habe erst bei der Aufnahmezeremonie erfahren, dass ich das jüngste lebende Mitglied bin“, erinnert sich der 59-Jährige. „Natürlich schmeichelt mir das. Aber nach der Veranstaltung konnte ich mich eigentlich nur verwundert am Kopf kratzen und fragen, wie ich zu dieser Ehre kam, während viele meiner Helden es noch nicht geschafft haben.“

Robert Cray ist allgemein sehr bescheiden, was seinen Erfolg angeht. Auch die fünf Grammys, die er mittlerweile gewonnen hat, sind ihm nicht so wichtig. „Man denkt wirklich nicht jeden Tag an solche Auszeichnungen“, grinst Cray. „Die Grammys habe ich auf ein recht verstecktes Regal in meinem Büro gestellt. Es ist zwar hin und wieder schön, sie zu sehen, aber ich bewundere viel lieber die großartige Aussicht aus meinem Bürofenster. Im Grunde geht es doch darum, Musik zu machen und Freude daran zu haben.“

Und das beweist der Blueser Ende August wieder, wenn sein mittlerweile 16. Album NOTHIN BUT LOVE veröffentlicht wird. Produziert hat es Produzentenlegende und Joe Bonamassa-Schöpfer Kevin Shirley. „Wir kamen durch unser Label Provogue zu ihm“, erzählt Cray. „Kevin hat dort schon mit vielen Künstlern gearbeitet. Also schlug man uns vor, uns mal mit ihm zu treffen. Wir kamen ein paar Mal zusammen und sprachen über Musik und unsere Aufnahmegewohnheiten. Die Arbeit mit ihm hat sehr gut funktioniert. Wir arbeiten beide gern schnell und wenn etwas nicht so funktioniert, wie wir uns das vorstellen, dann versuchen wir einfach etwas anderes und halten uns nicht lange mit dem Problem auf.“

Was Robert Cray sehr wichtig ist und oft in den Hintergrund tritt, ist, dass er kein Solokünstler, sondern Gitarrist und Frontmann einer Band ist. „Auf dem neuen Album hat jeder Musiker seinen Teil beigetragen“, betont er. „Ich selbst habe etwa fünf von den zehn neuen Stücken selbst geschrieben. Unser Bassist Richard Cousins hat auch einige komponiert. Unser Schlagzeuger Tony Braunagel hat zusammen mit unserem Keyboarder Jim Pugh einen Song beigesteuert und einen hat Jim alleine geschrieben. Jeder hat jedoch seine Ideen zu allen Songs eingebracht.“

Am liebsten stehen die Musiker jedoch auf der Bühne, um ihre Stücke live zu spielen. „Im Schnitt geben wir zwischen 120 und 125 Shows jedes Jahr“, erzählt Cray. „Ich denke durch die Veröffentlichung des neuen Albums werden es dieses Jahr ein bisschen mehr werden. Dabei ist jeder Abend eine neue Herausforderung – der Blues bleibt immer eine Herausforderung. Man versteht ihn zwar immer besser, je älter man wird, aber das Komponieren und Spielen von Bluesnummern wird nie einfacher. Doch genau das ist das schöne daran. Ich liebe diese Musik und hoffe, dass ich sie noch lange Zeit machen kann. Das ist mein größter Wunsch.“

Beardfish – Von der Aufwärmphase zur Vollendung

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Beardfish 2012 (1)Mit THE VOID haben die Schweden ihren Stil gefunden.

Während die Vorgängerscheibe MAMMOTH (2011) die Grenzen zwischen Progressive Rock und Metal nur halbherzig und eher vorsichtig auslotete, scheinen Beardfish mit ihrem aktuellen Album THE VOID spürbar couragierter zu Werke gegangen zu sein. Letzte Unsicherheiten über den gewünschten Härtegrad wurden über Bord geworfen und all das in die ge-meinsame Waagschale geworfen, was die einzelnen Bandmitglieder an privaten Vorlieben mitbringen. Sänger/Keyboarder Rikard Sjöblom erklärt das wahrlich treffend: „Man entdeckt quasi all das, was wir selbst gerne hören. Wir schleudern etwas von Elliot Smith in Richtung der Riff-lastigen Gitarrenarbeit á la Mastodon oder Iron Maiden und verknüpfen dies mit einer Art 60’s-Vibe im Stil von Pretty Things` Konzeptalbum SF SORROW. Hinzu kommen schwedische Volksmusik und eine Prise echter Wahnsinn, denn unser Drummer Magnus (Östgren) hat sein Schlagzeug beim Einspielen geradezu zerlegt. Wir haben sogar die Leslie-Box der Hammond B3 mikrophoniert, die Gitarrenverstärker bis an die Oberkante hochgefahren und Robert (Hansen) mit seinem Bass hemmungslos loslegen lassen. Das Ergebnis: ein typisches Beardfish-Album.“

Sjöbloms Worte und das vielschichtige Treiben auf THE VOID passen zusammen: Hier existieren Prog Rock und Metal nebeneinander, hier geht trotz so manch derber Klänge niemals das melodische Element der Musik verloren. Sjöblom: „MAMMOTH war sozusagen zum Aufwärmen, THE VOID ist jetzt die Vollendung.“

Katatonia – Menschheit in der Sackgasse

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Katatonia @ Linus PetterssonEndzeit-Szenarien und Progrock passen bestens zusammen, finden die Schweden Katatonia und präsentieren berauschenden Rock ohne Happy End. Es ist eines dieser „angesagten Künstlerhotels“ in Berlin-Mitte, in dem hippe junge Menschen ein- und ausgehen. Anders Nyström und Jonas Renske sitzen an einem Tisch in der Lobby und machen gute Miene zum blöden Spiel der Wichtigtuer, die durch den Empfangsraum wieseln. Dazu läuft ödes Elektro-Gedudel im Hintergrund. Die beiden Masterminds von Katatonia ignorieren die ideenlose Computermucke und blicken zurück auf ihre eigene musikalische Reise. Vokalist Renske und Gitarrist Nyström bilden den Kern der schwedischen Kapelle, die bereits über 20 Jahre existiert. „Wir begannen 1990 als junge Teenager und wollten so hart wie möglich sein. Deshalb wählten wir die extremste Musik, die wir finden konnten, Death Metal. Wir machten ein paar Alben und entwickelten uns weiter. Anfang des neuen Jahrtausends fanden wir unseren Sound“, referiert Nyström ihre musikalische Entwicklung kurz.

Seit kurzem liegt ihr jüngstes Album Dead End Kings vor, das definitiv zum Genre Progressive Rock zu zählen ist. „Wir wuchsen mit Heavy Metal auf, aber zwei Jahrzehnte Metal zu spielen, ist ziemlich eindimensional. Da wir bessere Musiker wurden, bekamen wir mehr Möglichkeiten. Wir mögen auch noch andere Stile und diese wollten wir integrieren.“ Als wichtige Einflüsse nennen Renske und Nyström die Redhouse Painters, Tori Amos und Tool. Passend dazu entdeckten sie die immensen Möglichkeiten der Keyboards. „Mit ihnen kann man von einer miauenden Katze bis zur kreischenden Gitarre alle Klänge erzeugen. Die Tasten können deinen Sound so viel reicher machen“, findet Renske. Allerdings hat alles seine Grenzen, so Nyström, „bei aller Liebe zu den Keyboards würden wir sie nie in den Vordergrund stellen, wir bleiben eine Gitarrenband.“

Dead End Kings (auf deutsch etwa: Könige ohne Ausweg) ist ein recht pessimistischer Titel, räumt Renske ein. „Aber wir finden ihn ziemlich realistisch. Die Menschheit ist wahrscheinlich das Schlimmste, was auf der Erde bislang zugestoßen ist – und zugleich das Beste! Aber wir konzentrieren uns auf die dunklere Seite. Katatonia ist unser Weg, den Menschen zu zeigen, was passiert.“ Der Vokalist ist verantwortlich für die eher pessimistischen Texte und den düsteren Albumtitel. „Man muss sich nur umgucken, keiner kümmert sich um die Natur. Diese Reflektionen passen gut zu unserer Musik. Als Rockmusiker tragen wir unseren Teil zum Desaster bei, kein Zweifel, aber wir denken darüber nach.“

Kaipa

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Kaipa (2)Mit Sicherheit kein Retortenprojekt. Mit VITTJAR liefern Kaipa ein Album voller Atmosphäre.

Hans Lundin gehört nicht zu jener Spezies Mensch, für die früher alles besser war. Der schwedische Musiker weiß die Errungenschaften moderner Technologien zu schätzen, gleichwohl gehören die 1970er für ihn zu den aufregendsten Epochen der Musikgeschichte: „Damals kamen Un-mengen an neuen Instrumenten, Effektpedalen und Equipment auf den Markt“, schwärmt er, „für mich als Keyboarder war dies eine riesige Herausforderung.“

Mittlerweile, so Lundin, habe sich das Tempo der Entwicklung verlangsamt und fokussiere sich vor allem auf Computer und digitaler Technologie. Auf VITTJAR, dem neuen Album seiner Band Kaipa, ist von dieser raumgreifenden Digitaltechnik jedoch nur wenig zu hören. Kaipa zelebrieren ihren tiefmelodischen Prog Rock ähnlich archaisch wie zu Beginn ihrer Karriere vor 40 Jahren. Da wirkt nichts gehetzt, nichts gegen den Strich gebürstet oder pseudoprogressiv dem vermeintlichen Zeitgeist geschuldet. VITTJAR ist ein Album voller Atmosphäre, schöner Momente und sphärischer Klangwelten. „In meinem Hirn fließt ein endloser Strom von Worten, Ideen, Bildern und Melodien, es fühlt sich mitunter an, als ob eine stumme Band in meinem Kopf spielt“, erklärt Lundin die Entstehung seiner Songs. Bis 2008 hatte er in einem Plattenladen in Uppsala gearbeitet und ist seit der Schließung quasi Privatier. Doch auch der unfreiwillige Vorruhestand als CD-Verkäufer hat sein Gutes, findet der Tastenvirtuose: „So bleibt mir mehr Zeit, mich noch stärker auf Kaipa zu konzentrieren.“