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Start Blog Seite 1238

The Doors – Fulminante App

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13-9„Die Doors waren in allem, was sie taten, den anderen schon immer eine Nasenlänge voraus. Es erschien also ganz natürlich, sie für dieses Projekt zu wählen“, erklärt Jac Holzman, der Gründer von Elektra Records und Produzent der neuen und einzigartigen „The Doors App“. „Außerdem haben sie eine unglaublich interessante und facettenreiche Bandhistorie, die man unbedingt ins digitale Zeitalter bringen musste. Zusammen mit der Band haben wir ein unglaublich großes Archiv zusammengetragen, das auch bis dato unveröffentlichte Fotos, aktuelle Interviews und Behind -The-Scenes-Material enthält. Mit nur einem Download hat man also die komplette Geschichte der Doors in der Hand.“

Man kann unschwer erkennen, dass Holzman viel Herzblut in dieses neuartige Projekt gesteckt hat – und das sieht man ihm gleich an. Die App ist in verschiedene Bereiche unterteilt. Über den Story-Button gelangt man beispielsweise zum Herzstück der Anwendung. Dort können sogar eingefleischte Fans durch Fotos, Videos und Interviews noch Neues über The Doors erfahren. Auch auf die sechs Alben der Band mit Morrisson und die zwei nach seinem Tod erschienenen Werke wird genauestens eingegangen – inklusive Musik natürlich. Zusätzlich gibt es Aufsätze von Patti Smith und Hunter S. Thompson, den Doors-Historikern David Fricke, Greil Marcus und dem Archivar David Dutkowski. Auch die verbliebenen Bandmitglieder Robby Krieger, John Densmore und Ray Mazarek haben in ihren Privatarchiven gestöbert und einige Schätze zur Veröffentlichung freigegeben.

Außerdem bietet die App eine ausführliche Timeline, eine interaktive Landkarte von L.A., die alle wichtigen Orte in der Karriere der Ausnahmeband beleuchtet, Texte zu allen Songs und vieles mehr. Eine wahre Fundgrube für jeden Fan und Interessierten. Was Holzman noch zu seinem Projekt zu sagen hat und was die Band selbst davon hält, erfahrt ihr in der nächsten Ausgabe.

Gogol Bordello

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Gogol Bordello 2010 @ Danny Clinch (1)Stilmix ganz neu definiert: Gypsy-Flair prallt auf Rock’n’Roll und Co.

Eugene Hütz regt sich mächtig auf: „Das ist doch kompletter, verdammter Bullshit.“ Die Rede ist vom ungeschriebenen Gesetz, dass international konkurrenzfähige Musik gefälligst in englischer Sprache gesungen werden muss. Was Hütz, Sänger und Kopf der Band Gogol Bordello, naturgemäß anzweifelt: „Im musikalischen Kontext gibt es keine Sprachbarriere, der Klang übermittelt die Botschaft – das wird dir jeder Wissenschaftler bestätigen.“

Und das wissen selbstverständlich auch all jene Fans, die Gogol Bordello seit über zehn Jahren die Treue halten. Hütz, gebürtiger Ukrainer, gründete die Band 1999 in New York City und betrat sogleich Neuland: Nach westlicher Sichtweise be-schränkte sich Musik aus den Schluchten des Balkans auf herzhaft-virtuose Gypsy-Blasorchester, rumänische Hochzeitskapellen oder die Russendisko – Gogol Bordellos mehrsprachige Mixtur aus osteuropäischer Folklore und west-lichem Punk indes war völlig neu. Ebenso Hütz’ standhafte Weigerung, aus kommerziellen Gründen nur noch englisch zu singen.

Was mittelfristig allerdings sogar belohnt wurde: Hütz avancierte kurzzeitig zum Darling der New Yorker Hipster-Szene, Madonna ließ sich auf der Bühne von Gogol Bordello begleiten, und für das neue Album TRANS-CONTINENTAL HUSTLE konnte sogar Produzent Rick Rubin gewonnen werden. Der während der Aufnahmen gleich noch mit einer weiteren Spielart konfrontiert wurde: Hütz, der die letzten zwei Jahre in Brasilien gelebt hatte, wollte seinen Gypsy Punk jetzt nämlich mit knackigen Latin-Klängen bereichern – was ihm auch gelang. Fehlt nur noch die Musik der Inuit, dann hätte Hütz sämtliche Himmelsrichtungen durch… Dass in seiner Brust mindestens zwei Herzen schlagen, belegt auch seine Lieblingsalben-Liste: Dead Ken-nedys, Fugazi, Sonic Youth und FUN HOUSE von den Stooges. Aber auch Sasha Kolpakovs RODAVA TUT, hierzulande komplett unbekannt, doch laut Hütz die „heilige Scheiße!“ schlechthin. Oder BAND OF GYPSIES von Taraf de Haidouks aus Rumänien: „Das ist Gypsy-Mucke für die wilde Sexparty, feuriger Psycho-Speed, den jeder echte Rocker lieben muss!“

Jochen Schreiber

Bonaparte

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Bonaparte 2010 @ melissa hostetler (1)Berliner mit viel Humor, dem Willen zu Riffs und extravaganter Performance.

“Does humour belong to music?“, fragte einst Frank Zappa, die unzweideutige Antwort darauf fand sich in seinen Songtexten und Bühnenshows: ein kleines bisschen Wahnsinn zwischen Rock’n’Roll, Kabarett und Zirkus. Was das mit der Berliner Band Bonaparte zu tun hat? Jede Menge, denn das Kollektiv um den gebürtigen Schweizer Tobias Jundt lädt bei seinen Rocky Horror-Bühnenshows ebenfalls zum fröhlichen Exzess, wild kostümiert, verstärkt von Feuerschluckern, halbnackten Tänzerinnen und lebenden Skeletten. Womit die Gemeinsamkeiten mit Frank Z. aber auch schon enden, denn musikalisch haben Ihre Majestät völlig anderes im Sinn: Wo bei Zappa virtuos gejazzrockt wurde, setzen Bonaparte auf enorm ruppigen Punk, auf knackige Stakkato-Riffs, hektisch rumpelnde Beats und Jundts deklamatorischen Sprechgesang.

MY HORSE LIKES YOU heißt ihr neues Album, ein hedonistisches Statement mit deutlichem Trash-Appeal. Hinter all der geballten Smartness könnte man leicht die Kopfgeburten urbaner Kunsthoch­schul-Hipster vermuten, doch spätestens auf der Bühne outen sich Bonaparte als erfrischend anarchistische Zirkuskapelle mit Hang zur kompromisslosen Partymusik: Menschen in absurden Tierkostümen, die wild, aber tanzbar abrocken. Das muss man gesehen haben. Gehört natürlich auch.

Jochen Schreiber

Y&T

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Album-Rückkehr der Achtziger-Hardrocker.

Obwohl Y&T nur in den 80er Jahren finanziell abräumen konnten, ist Bandchef Dave Meniketti mit der aktuellen Situation seiner Band zufriedener denn je: „Heute haben wir unser Schicksal selbst in der Hand“, sagt er, „damals waren wir nur die Sklaven der großen Plattenfirmen.“

Die Leibeigenschaft endete, als Meniketti seine Gruppe Anfang der Neunziger auflöste. Grunge überschwemmte seinerzeit den internationalen Markt, keiner wollte mehr den melodischen Hard Rock der US-Riege um Dokken, Ratt, Mötley Crüe oder eben Y&T hören. „Wir waren frustriert, dass ein paar Musiker plötzlich die Szene beherrschten, die wie Holzfäller gekleidet waren, in Konzerten nur auf den Boden starr­ten und ohne Seele spielten.“

Als sich der Grunge-Tsunami zurückgezogen und mehr Schutt als Visionen hinterlassen hatte, kehrten Y&T auf die Bildfläche zurück. Zu-nächst nur als tourende Formation, die mit Compilations ihre Existenzberechtigung zu dokumentieren versuchte. Jetzt jedoch, 13 Jahre nach ihrem letzten Studiowerk, haben Meniketti & Co. ein neues Album veröffentlicht: FACEMELTER, eine prima Rockscheibe, auf der typische Achtziger-Charakteristika reanimiert werden, ohne deshalb antiquiert zu klingen. „Nach etlichen Touren hatten wir das Gefühl, dass wir uns mit einem neuen Album noch vitaler und frischer fühlen werden“, so Meneketti. „Und das tun wir jetzt auch. Natürlich sind wir um ei-nige Erfahrungen reicher, aber das Grundgefühl ist gleich geblieben.“

Matthias Mineur

Demians

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demiansDie Stille ist eines der zentralen Themen des französischen Prog-Projekts von Nicolas Chapel.

Im Bereich atmosphärisch dichter, progressiver Rockmusik tut sich in Frankreich zurzeit einiges: Viele extreme Metalacts, angefangen von Gojira bis hin zu Beispiel Alcest, erreichen ein immer größeres Publikum. Und auch auch im nicht ganz so knüppelharten Sektor passiert viel Spannendes: Demians haben bereits 2008 mit ihrem De-büt BUILDING AN EMPIRE für Furore gesorgt, ab 25. Juni wird nun das zweite Album MUTE in den Lä-den liegen.

Wobei der Begriff „Band“ im Fall von Demians nicht ganz zutreffend ist. Zwar tritt die Gruppe live in einer Mannschaftsstärke von vier Musikern an, doch in Sachen Studioarbeit ist das Ganze ein Ein-Mann-Projekt. Der Kopf von Demians ist Nicolas Chapel – und er hat erneut das Kunststück vollbracht, alle neun Tracks komplett im Alleingang zurechtzufeilen. Das Resultat ist schlichtweg grandios: eine herrlich ausgewogene Mischung aus Alternative Rock-Parts, Ambient-Flair, Prog-Spielereien und harten Riffs.

Und trotz der enormen stilistischen Bandbreite versucht Chapel, die Songs thematisch nicht zu unterschiedlich zu gestalten. Zentrales Thema ist für ihn der menschliche Alltag. „In ›Swing Of The Airwaves‹ beschäftige ich mich damit, dass heutzutage jedes Wesen gezwungen ist, nahezu ununterbrochen zu kommunizieren“, so der Multi-Instrumentalist, „›Feel Alive‹ hingegen setzt sich mit der inneren Wut über sinnloses Warten auf die Entscheidungen anderer Menschen auseinander.“

Petra Schurer

Godsmack

GodsmackHinter der Sphinx von THE ORACLE stecken wenig Geheimnisse. Dafür bieten Godsmack auf ihrem fünften Studioalbum wieder echten Testosteron-Rock.

Text: Melanie Aschenbrenner

Musikalisch gesehen blökt der Kerl einen an. Schüttelt die Faust gen Himmel, hüpft streitlustig von einem Bein aufs andere und wirft sich in die Brust. Ja, Sully Erna ist ein Alpha-Männchen: Kann sein, dass er dir nur bis ans Kinn reicht, aber für seinen rechten Haken ist das von Vorteil. Damit markiert THE ORACLE eine Rückkehr zum prallen Sound der frühen Tage. Als Film hieße die Platte „Godsmack: Das Riff-Imperium schlägt zurück“. „Wir haben alles Überflüssige weggeschält“, erzählt der Frontmann. „Es ist eine Platte für die Fans geworden, ohne Fremdeinflüsse. Schließlich sind wir dann am besten, wenn wir die Songs einfach, stark und taff halten.“ Es dürfte ihre Reaktion auf die Rezeption von GODSMACK IV sein – einem Album, das sich 2006 zwar auf Platz eins der US-Billboard-Albumcharts einnisten, aber nicht alle Hörer überzeugen konnte. Zu diffus, hieß es; von der Blaupause des Eier schaukeln-den Aggro-Rock zu weit entfernt.

Das von Dave Fortman (Slipknot, Mudvayne, Evanescence) sauber und knallig produzierte THE ORACLE korrigiert das mit Songs, die wie durch Metallica gefilterte Alice In Chains klingen. Überhaupt ist Sully bekennender Fan von Layne Staley und einer der letzten, der dessen Stil der Jeremiade perfekt beherrscht – siehe ›Love-Hate-Sex-Pain‹. Bei Songs wie ›Cryin’ Like A Bitch‹, ›Good Day To Die‹ und dem rotzigen ›Forever Shamed‹ wird das Leben zu einer einzigen langen Fahrt durch das Brachland USA, vorbei an rostigen Billboards und gammeligen Tanken, die Zähne gefletscht, die Arm-Tattoos aus dem Fenster gehängt. Sicher, das sind Klischees – aber Sully, Gitarrist Tony Rombola, Basser Robbie Merrill und Ausnahme-Drummer Shannon Larkin haben sie solide umgesetzt.
Dazu haben Mr. Ernas Texte 2010 den Charme eines introspektiven Pitbull. „The Old Me Is Dead And Gone“ zitiert er sich im Booklet. Und wie ist das denn bitte zu verstehen?

„Früher war ich, tja, eine andere Person”, zögert er. „Gedankenloser, mehr außer Kontrolle. Das habe ich abgestellt und mein Leben zum Positiven gewendet. Meine Einstellung geändert, mein Verhalten, alles. Ich will ein besserer Mensch sein. So habe ich mein altes Ich abgelegt.“

Ursprünglich hatte die CD ja SAINTS AND SINNERS heißen sollen, nach dem gleichnamigen Song, in dem Sully growlt: „Ich bin ein Viertel Heiliger, zwei Viertel Sünder, und das letzte Viertel ist noch unklar“, doch dann hatte er keine Lust auf die religiösen Obertöne. Ohnehin verwunderlich, wie munter der praktizierende Wicca mit christlichen Metaphern um sich wirft… „Ich bin einfach spirituell und glaube an das Gute”, wehrt er ab. „Wenn ich positiv bleibe, hilft mir das, die richtigen Leute in mein Leben zu lassen, mich in meiner Haut wohler zu fühlen und gute Musik zu schreiben.“

Sein nach eigenem Dafürhalten bestes Material hält er allerdings noch zurück: sein Solo-Projekt, für dessen Genre ihm glatt die Worte fehlen. „So schwer zu beschreiben! Es ist eklektisch, tribal, hypnotisch und mystisch, voller Melodien mit Flöten, Celli, Klavier… Niall Gregory von Dead Can Dance ist einer meiner Percussionisten. Also auf keinen Fall eine Rockplatte, eher Weltmusik. In Europa könnte das gut ankommen“, hofft Sully Erna. Und wem das nun schon wieder zu exotisch ist, der ist mit der Hausmannskost von ORACLE bestens bedient.

The Gaslight Anthem – Sepia & Kernseife

The Gaslight Anthem - PortraitsIn England bezeichnete man sie schon 2009 als Entdeckung des Jahres – jetzt setzten The Gaslight Anthem mit ihrem neuen Werk AMERICAN SLANG endgültig zum Sprung an.

Text: Melanie Aschenbrenner

Amerikanisches Englisch, heißt es, sei die Sprache der Liebe. Bei The Gaslight Anthem-Gitarrist Alex Rosamilia klingt es eher, als würde er gerade Katzenhaarbälle würgen. Das liegt an niemand Geringerem als Bruce The Boss. „Hör mir bloß auf“, schäumt Rosamilia. „Springsteen dies, Springsteen das! Er ist aus Jersey, wir sind aus Jersey – wow! Ja, wir mögen und schätzen einander, aber wir werden in absehbarer Zeit keine Supergroup gründen, okay?“ Damit singt er ein anderes Lied als sein Sänger Brian Fallon, der den Boss vergangenes Jahr in Glastonbury begleiten durfte und seither aus dem Schwärmen nicht mehr rauskommt. Klar, dass da die Bruce-Fragen nicht abreißen. Die Vergleiche mit ihm auch nicht. Und egal, wie viele Anfälle Rosamilia noch bekommt – völlig aus der Luft gegriffen sind sie nicht. Ob es an Kollege Fallons heiserem Organ liegt? Oder am Sepia-Ton ihrer Songs, die mehr nach „oral history“ aus dem Museum für Arbeiterkultur klingen denn nach tätowierten Punks?
Benannt nach dem legendären „Gaslight“-Club in Greenwich Village, wo einst Dylan, Hendrix und, ähem, Springsteen spielten, haben The Gaslight Anthem sich jedenfalls zu honorigen Geschichtenerzählern gemausert. Das zeichnete sich bereits auf dem Durchbruchs-Album THE ’59 SOUND von 2008 ab, das ein Jahr nach dem Debüt SINK OR SWIM erschien.

Ihr drittes Album AMERICAN SLANG nun ist im Februar mit Ted Hutt in den New Yorker Magic Shop Studios entstanden und klingt so vertraut wie ein altes Samtsofa: ein bisschen fleckig, aber bequem. Fadenscheinig, aber mit Golddollars unterm Kissen. Und lebten wir in einer besseren Welt, würden die Songs von Fallon, Rosamilia, Bassist Alex Levine und Drummer Benny Horowitz längst im Radio rauf und runter laufen, als Antidot gegen das allgegenwärtige Plastik.

Diesen warmen Sound verdankt AMERICAN SLANG vor allem den Vintage-Gitarren aus dem Fundus von Bennys Vater, einem guten Dutzend Röhrenverstärkern und, zur Würze, untypischen Instrumenten wie Mellotron und Harmonium, an denen Alex sich austobte. „Das war grandios!“, erinnert er sich lachend. „Was für ein Sound! Klavier und Wurlitzer habe ich auch gespielt, aber im fertigen Mix hörst du das alles kaum noch; sie sind weit nach hinten gemischt. Sie sollten nur Textur geben.“ Dass der Platte dadurch mehr als nur ein Hauch Nostalgie anhaftet, bestreitet Rosamilia indes: „Unsere Alben entwickeln sich eines aus dem anderen. Gut, du kannst nicht voranschreiten, ohne die Geschichte zu kennen, aber retro sind wir deswegen noch lange nicht.“

Da können der Titeltrack, ›The Queen Of Lower Chelsea‹, ›Boxer‹ und ›The Spirit Of Jazz‹ gern mit Schiebermütze (wahlweise Latzjeans), Karohemd und Dreitagebart ankommen: The Gaslight Anthem betrachten sich unverändert als Punks mit Wurzeln in der Hardcore-Szene. „Auf ihre Art sind die Songs ja immer noch aggressiv“, beharrt der Gitarrist. „Wir sind einfach bessere Musiker geworden. Dadurch fiel nur der erste, rohe Ansatz weg. Sobald du dein Instrument beherrschst, kannst du dasselbe auch in leise sagen, statt gegen drei Akkorde anzuschreien.“ Brians Texten kommt das nur entgegen: Seine Vignetten sind schwanger von der Luft der Hinterhöfe, in denen man seine Träume zusammen mit dem Feinripp zum Trocknen hängt. Wenn das mal nichts von Springsteen hat.

Stone Temple Pilots – Reunierte Zweckgemeinschaft

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Stone_Temple_Pilots_2010 (1)Sie waren eine der größten Rockbands der Neunziger – bis sie an ihren Egos, ihren Exzessen und ihrer Experimentierfreude scheiterten. Neun Jahre später versuchen es Scott Weiland & Co. erneut: mit vielen guten Vorsätzen, aber auch bizarren Anwandlungen, welche die Halbwertszeit des Unterfangens mit einem dicken Fragezeichen versehen.

Text: Marcel Anders

Laut ihrer Plattenfirma ist es die Sensation des Jahres: STP, wie sie sich selbst abkürzen, veröffent­lichen das erste Album seit ihrem Totalflop Shangri-La Dee Da von 2001. Was die Labelbosse zu blumigen Vergleichen wie „die Led Zeppelin des Grunge“ oder „eine der letzten großen amerikanischen Rockbands“ verleitet. Da-bei – und das wird geflissentlich unterschlagen – handelt es sich bei dem Quartett aus Sänger Scott Weiland, den Gebrüdern DeLeo (Gitarre/Bass) sowie Drummer Eric Kretz um ein unkontrollierbares Pulverfass, das jederzeit explodieren könnte. Und dass nur deshalb ein neues Album veröffentlicht, weil es durch Knebelverträge aus den frühen Neunzigern dazu verpflichtet ist.

Denn dass diese Reunion, die 2009 als kurze One-Off-Tour zur Aufbes-serung der eigenen Rente gedacht war, nichts Langfristiges hat, verdeutlicht allein ein Besuch bei Frontmann Scott in Los Angeles. Der 42-jährige Berufsweirdo bewohnt ein unscheinbares Ein-Familienhaus in einer gutbürger­lichen Gegend von Sherman Oaks (Einheimische sprechen vom „Valley“). Vor der Tür parkt eine schwarze Limousine aus Benztown, und das Innere wirkt, als hätte ein durchgeknallter Beverly Hills-Designer die Inneneinrichtungen von David Beckham und Ozzy Osbourne kombiniert: Rockstar-Devotionalien zu grauer Seidentapete, piekfeinen, schwarzen Möbeln, silbernen Vasen sowie Kristall-Kronleuchter. So behaglich wie ein Gefrierfach – aber passend zu einem Menschen, der jeden Sinn für die Realität verloren hat. So lässt er den Besuch aus Deutschland erst mal drei Stunden vor der (geschlossenen) Haustür warten, empfängt dann in seinem Schlafzimmer, wo er vor einem Laptop sitzt, einen Kübel Naturjoghurt löffelt und zig Telefonate mit seiner Ex führt („Ja Schatz, ich nehme die Kinder heute Abend – aber wer bringt sie morgen zurück?“). Die Krönung ist jedoch ein spiritueller Berater namens John, dessen Anwesenheit beruhigend auf seinen Klienten wirken soll – dabei tut er nichts anderes, als in der Küche fernzusehen, über seine übrigen Rock’n’Roll-Kunden wie Steven Tyler und Slash zu sinnieren und die Vorzüge seines Porsches zu preisen. Scheinbar eine lohnenswerte Profession – die der gute Scott bitter nötig hat.

Denn der erklärt mit unglaublicher Arroganz und bar jedem Realitätssinn, wie toll heute alles wäre, dass man sich besser verstünde als je zuvor, und er einfach reifer und weiser geworden sei. Dass sie tatsächlich nur deshalb wieder zusammengefunden haben, weil sie einer Ein-Million-Dollar-Offerte des Coachella-Festivals nicht widerstehen konnten, bleibt ebenso unreflektiert wie Scotts Raus­schmiss bei Velvet Revolver, wo er sich dermaßen daneben benommen hat, dass ihm Drummer Matt Sorum, einer der friedlichsten Typen überhaupt, handfeste Prügel angedroht hat. „Er hat mir vorgeworfen, ich wäre zu sehr mit meinen eigenen Dingen beschäftigt und würde dadurch die gesamte Band zum Stillstand bringen. Was ich mir wirklich nicht sagen lassen muss. Ich habe schließlich 40 Millionen Platten verkauft und kenne das Geschäft in- und auswendig. Deswegen habe ich von der Bühne weg meinen Abschied erklärt – und sie einfach stehen lassen. Wie einst David Bowie die Spiders From Mars.“ Eine Vorgehensweise, über die Slash noch heute flucht wie ein Rohrspatz.

Gleiches könnte auch den Stone Temple Pilots jederzeit passieren. Denn wenn Scott mit etwas unzufrieden ist oder er andere – sprich: bessere – Pläne hat, dann zählen hochheilige Versprechen so viel wie bei der gelb-schwarzen Bundesregierung. Scott ist schlichtweg unberechenbar.

Doch vorerst bemüht er sich zumindest um den schönen Schein und trägt seinen Beitrag zur Wiederbelebung von STP bei. Eine Reanimation, die im Grunde ein kompletter Umbau ist. Denn was einst Post-Grunge, Alternative-Rock oder was auch immer war, ist heute ganz klar im Classic Rock angesiedelt, bezieht sich auf Aerosmith, Beatles, Led Zep, Roxy Music nebst Stones, und klingt genau so, wie man es von vier gestandenen Fourty-somethings erwarten würde, die den Nirvanas und Soundgardens dezent entwachsen sind. Was Weiland, nie bescheiden in seiner Selbstdarstellung, vor allem an den Texten des Vierers festmacht. Da geht es nicht mehr um seinen Kampf gegen den Drogen-Dämon, dem er trotz Gefängnisaufenthalten, Scheidungen und Dutzenden von Reha-Aufenthalten nicht entkommen kann, als vielmehr (weil er seit sechs Jahren clean ist) um abstrakte Verbal-Kunst. „Ich musste etwas Neues probieren – eben um mich selbst zu inspirieren und um inspirierte Musik zu schaffen. Also habe ich eine Menge Dylan und Cohen gehört – echte Geschichtenerzähler. Dabei wurde mir klar, dass nicht jeder Song von mir handeln muss, sondern es kann auch mal eine Allegorie oder eine Metapher sein. Und manchmal ist es, wie Lennon gesagt hat: „Wenn du eine starke Melodie hast, setz ruhig mal ein paar Worte zusammen, die phonetisch gut klingen – auch, wenn sie keine große Botschaft haben.“ Was ja auch bei einigen Beatles-Songs der Fall ist. ›I Am The Walrus‹ ist zum Beispiel ein cooler Groove, in den Lennon einfach ein paar Worte eingestreut hat, die gut klingen.“ Und in dieser Liga spielt er heute – zumindest nach eigenem Empfinden.

Schließlich ist Stone Temple Pilots, das Comebackalbum, für ihn eine todsichere Nummer eins in den Billboard-Charts, die kommende Welttournee findet im Rahmen gigantischer Festivals statt, und nebenbei versucht er sich noch als Buchautor sowie Mode- und Musikmogul. Seine Autobiografie soll im Herbst erscheinen und „tiefe Einblicke“ in sein bewegtes Leben bieten. Seine Modelinie, die sich an klassischen britischen Anzügen der Sechziger und Siebziger orientiert, ist im US-Kaufhaus Nordstrom erhältlich, und sein Label „Softdrive“
veröffentlicht obskure Indie-Bands sowie die chronisch erfolglosen Solo-Ausflüge seines Be­sitzers. Der sich davon aber kaum beeindrucken lässt. Im Gegenteil: Er plant bereits den dritten Alleingang, den er im Spätsommer realisieren will. Und der STP-Fans tiefe Sorgenfalten bereiten dürfte: „Es ist ein Weihnachtsalbum – mit Jazz-Orchester und Standards wie ›Fly Me To The Moon‹ oder ›Funny Valentine‹. Denn das ist die Art von Musik, die ich liebe. Und ich stehe auf Weihnachten. Auch wenn die letzten Festtage eher traurig waren. Eben wegen meiner Scheidung und dem Tod meines Bruders. Aber ganz allgemein empfinde ich das als etwas sehr Positives. Denn es bringt Hoffnung, Erneuerung, wäscht Dinge rein. Deshalb wird das mein nächstes Solo-Album.“

Worüber Robert DeLeo, den Classic Rock zwei Tage später im mondänen Casa Del Mar-Hotel in Santa Monica trifft, nur müde lächeln kann. „Scott ist ein absoluter Chaot. Er fängt tausend Sachen an, führt aber keine einzige davon konsequent zu Ende. Deswegen ist er ständig damit beschäftigt, einen Brand nach dem anderen zu löschen, was ihn unglaublich viel Zeit und Energie kostet. Nur: Er lässt sich eben auch von niemandem helfen. Und das war schon immer so.“ Weshalb er über Scotts „spirituellen Berater“ nur die Augen verdreht, eine Mischung aus Mitleid und Unverständnis für seinen Sänger äußert, und dann eine Frage stellt, die dem Verfasser dieser Zeilen glatt die Schuhe auszieht: „Sag mal, wie sieht es eigentlich bei Scott zu Hause aus?“ – „Wie bitte?“ – „Ja, mich hat er noch nie zu sich eingeladen.“ – „Aber ihr spielt seit 24 Jahren in derselben Band?“ – „Das heißt nicht, dass wir auch privat miteinander zu tun hätten. Wir sehen uns nur dann, wenn es absolut nötig ist – nämlich, wenn wir unserem Job nachgehen.“ Womit der 44-jährige Bassist das Kollektiv STP ganz klar als Zweckgemeinschaft ortet.
Als Zusammenschluss von vier Individuen, die alleine nicht so erfolgreich sind wie im Verbund. Und die genau das verstanden haben – auch, wenn sie sich ansonsten nicht viel zu sagen haben. „Du kannst mir glauben: Über die Jahre gab es zig Situationen, in denen ich ihn am liebsten erwürgt hätte“, so Robert. „Einfach, weil er ein unglaubliches Arschloch sein kann. Nur: Ohne ihn sind wir halt nicht STP, es herrscht nicht dieselbe Chemie, und wir schreiben nicht dieselbe Art von Songs. Das ist die traurige Realität – und mit der muss sich jeder von uns arrangieren.“

Was ihm, der heute in Huntington Beach lebt, nicht immer leicht fällt. Nur: Die letzten Jahre – ohne Scott – waren für den baumlangen und unglaublich netten Familienvater eben alles andere als leicht. Bandprojekte wie Talk Show oder Army Of Anyone (mit Richard Patrick von Filter) endeten bereits nach einem einzigen Tonträger. Tourneen mit Joe Walsh dienten eher dem privaten Vergnügen, und als Songwriter für Ozzy, Aerosmith, Pink und Peter Frampton hat er nie den ganz großen Wurf gelandet. „Was aber nicht nur an mir liegt“, setzt Robert an. „Bei Ozzy war es zum Beispiel so, dass mich sein A&R um drei Balladen gebeten hat, die ich Ozzy dann in einem Studio in Los Angeles vorspielen sollte. Doch er kam rein, hörte sich das einmal kurz an und machte auf dem Absatz kehrt: „Mann, ich brauche Rocksongs, keine verfluchten Balladen. Ich fahre jetzt nach Hause – aber du bleibst hier und schreibst mir was Vernünftiges.“ Das war mir unglaublich peinlich. Genau wie meine erste Begegnung mit Aerosmith, die mich nach Boston einfliegen ließen, damit ich ein paar Songs mit ihnen schreibe. Aber ich war zu überwältigt von der ganzen Situation, mit meinen Helden zu arbeiten – und das auch noch bei ihnen zu Hause. Ich fühlte mich total gehemmt und habe nicht wirklich viel auf die Reihe bekommen.“

Deshalb konzentriert sich Robert, der nach eigenem Bekunden genug Geld mit STP verdient hat, um sich bis ans Ende seiner Tage keine finanziellen Sorgen machen zu müssen, hauptsächlich auf die Arbeit mit Nachwuchsbands. Und zwar in seinem eigenen Studio namens „Homefried“, das sich im Keller seines Hauses befindet, und angeblich höchsten Ansprüchen genügt: „Ich habe da alles, was man braucht – und noch viel mehr.“ Etwa eine riesige Auswahl an Vintage-Equipment, das der leidenschaftliche Sammler über die Jahre zusammengetragen hat, und ihn ein stattliches Vermögen gekostet hat. „Was soll ich machen? Ich bin verrückt nach Musik, und zwar seit jenem Morgen Mitte der Siebziger, an dem ich zum ersten Mal Led Zep gehört habe. Das war ein Moment, den ich nie vergessen werde. Denn es hatte etwas Magisches – es war, als ob sich bei mir mehrere Türen zu einer neuen Welt geöffnet hätten. Mein Leben ergab erst ab diesem Zeitpunkt richtig Sinn. Anschließend habe ich dann Elton John, die Who, die Beatles, die Stones und natürlich Aerosmith entdeckt. Seitdem gibt es für mich nichts anderes – das ist alles, was ich in und mit meinem Leben machen möchte. Leider scheine ich dabei von Leuten abhängig zu sein, die unzuverlässig sind und die mich ein ums andere Mal enttäuschen. Nur: Dagegen kann ich nichts tun, sondern muss irgendwie damit leben.“

Was eine unverhüllte Anspielung auf seinen neuen-alten Frontmann ist und zu der alles entscheidenden Frage nach der Halbwertszeit dieses Comebacks führt: Wie lange gibt er sich und den anderen bis zum nächsten großen Knall? „Das kann ich nicht beantworten. Einfach, weil sich das nicht genau bestimmen lässt. Wer weiß schon, wann Scott seinen nächsten Ausraster hat und ihm andere Dinge wichtiger sind als die Band? Das könnte schon morgen der Fall sein – und es gibt nichts, was wir dagegen tun könnten. Insofern müssen wir immer darauf gefasst sein, dass von einer Sekunde auf die andere wieder alles ganz anders sein kann und wir wieder ohne ihn dastehen und uns überlegen müssen, wie es weitergeht. Aber: Darin haben wir mittlerweile eine gewisse Erfahrung. Und es wird sicherlich nicht noch einmal so weit kommen wie 2002, als wir uns regelrecht geprügelt haben. Wir wissen diesmal nur zu gut, worauf wir uns einlassen. Und wir genießen jeden Moment, den es hält.“

Wozu auch die erste Welttournee seit 14 Jahren zählt, zu der sie Mitte Juni aufbrechen, und auf die sich gerade Robert, sein älterer Bruder Dean und Drummer Eric freuen wie kleine Kinder: „Seien wir ehrlich: Ich hätte nie gedacht, dass ich es als Musiker überhaupt noch mal nach Europa schaffe – und dann noch auf so große Festivals und Bühnen! Das ist wirklich ein Traum. Ich werde ihn in vollen Zügen genießen. Jede einzelne Minute davon. Und das kann mir niemand nehmen. Nicht einmal irgendein Verrückter, der gar nicht weiß, was er an uns und dieser Band hat.“

Ein Seitenhieb, der alles sagt: STP 2010 sind keine Band im klassischen Sinne, sondern eine Zweckgemeinschaft, aus der jeder Beteiligte seinen ureigenen Nutzen zieht. Und zwar nicht langfristig, sondern einzig für den Moment. Für das Hier und Jetzt. Genießt es, so lange ihr könnt…