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John Garcia plays Kyuss – Kind der Wüste

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John Garcia 2John Garcia hat dem Stoner Rock-Genre zu Ruhm und Ehren verholfen, selbst davon aber nur wenig abbekommen, zumindest in monetärer Hinsicht: Nun ist der Sänger zurück – mit alten Kyuss-Songs und neuen Mitmusikern. Wie er 15 Jahre nach dem Split der Band auf diese Idee gekommen ist, verrät er im CLASSIC ROCK-Interview.

Text: Petra Schurer

John Garcia ist erleichtert: „Bislang hat noch niemand mit Tomaten nach mir geworfen!“ Puh, die Rock-Welt braucht also doch noch Kyuss-Songs. Und dabei ist es sogar egal, ob da nun ein Josh Homme, Nick Oliveri und Scott Reeder mit Garcia auf der Bühne stehen oder drei neue Mitstreiter, nämlich der Belgier Bruno Fevery (Gitarre; auch bei Monza) plus die beiden Holländer Jacques de Haard (Bass) und Rob Snijders (Drums; beide Ex-Celestial Season, jetzt Agua De Annique).

Doch im Vorfeld der Europa-Shows, die gerade unter dem Banner „Garcia plays Kyuss“ gelaufen sind, gab es ordentlich böse Kommentare in den Riff-Foren: „Ausverkauf“ und „Geldgeilheit“ zählen da noch zu den nettesten verwendeten Vokabeln.

Logisch, dass John Garcia darüber wenig erfreut ist und alles daran setzt, sein Projekt zu verteidigen. „Ich bin nicht pleite“, betont er, „denn wie schon zu Kyuss-Zeiten arbeite ich als Veterinärtechniker, habe also einen geregelten Job. Und der macht mir ebenso viel Spaß wie mein Musikerdasein. Es ist schön, gebraucht zu werden – da macht es mir auch nichts aus, wenn ich nachts um 3 Uhr angerufen werde, um bei einer komplizierten Operation zu helfen.“

Nun hat sich Garcia jedoch ein Sabbatical gegönnt. Er will sich nämlich nicht nur auf Kyuss-Songs stürzen, sondern plant auch ein Soloalbum. Unter dem Banner Garcia vs. Garcia möchte der 39-Jährige zu alter Stärke zurückfinden. Denn, so ehrlich ist er auch selbst, mit Slo-Burn, Unida und Hermano hat er zwar Erfolge gefeiert, doch die be-ruhen hauptsächlich auf seinem Post-Kyuss-Ruhm.

Den nutzt Garcia auch heute noch aus: Die jetzige Tour „dient dazu, Garcia vs. Garcia bekannt zu machen“, gibt er offen zu. „Doch im Grunde ist das auch nicht anders als das, was Josh Homme damals mit dem Kyuss-/Queens Of The Stone Age-Split gemacht hat: Er wollte das Album als Sprungbrett benutzen, was ja auch geklappt hat. Nur musste er im Gegensatz zu mir keine Prügel dafür einstecken.“

Was jetzt ein bisschen nach gekränkter Künstler­ehre klingt, ist in Wahrheit allerdings weniger dramatisch für Garcia, als man denken würde. Denn er ist, schließlich sind 15 Jahre seit dem Split von Kyuss ins Land gezogen, inzwischen deutlich erwachsener und abgeklärter als früher. Zudem hat sich auch der Drogennebel weitgehend verzogen. Daher blickt er nun auch mit gesunder Distanz auf die Neunziger zurück und freut sich darüber, Teil einer derart einflussreichen Band gewesen zu sein. „Mir macht es heute nichts mehr aus, über Kyuss zu sprechen – das sah vor zehn Jahren noch völlig anders aus“, bekennt der Kalifornier freimütig. „Ich habe erkannt­, welch enormen Status diese Band immer noch hat. Und es er-füllt mich mit Stolz, dass ich meinen Teil dazu beitragen konnte. Ich denke gerne an die alten Zeiten zurück, auch wenn ich mich nicht mehr an alles erinnern kann – vor allem nicht an die Nächte, die ich mit Nick Oliveri verbracht habe…“

Die wilden Partyjahre liegen heute hinter Gracia. Zwar ist er auch 2010 kein Kind von Traurigkeit, doch mit Anfang 20 rockt man eben doch etwas wilder als mit knapp 40. Was nicht heißt, dass der Sänger die Zeit zurückdrehen möchte. „Früher war ich ein ganz anderer Mensch“, sagt er nachdenk-lich. „Daher kann ich auch keinen Vergleich anstellen zwischen früheren Kyuss-Auftritten und den heutigen Shows. Die Atmosphäre ist nicht mehr dieselbe. Das liegt an den neuen Leuten, jedoch eben auch an mir selbst. Aber ich finde es 2010 noch immer genauso aufregend, auf der Bühne zu stehen wie damals Anfang der Neunziger.“

Zudem, und das lassen die Garcia-Kritiker außer Acht, bietet sich nun für jüngere Fans zum ersten Mal die Gelegenheit, Wüstenhymnen wie ›Gardenia‹, ›Green Machine‹ oder ›Demon Cleaner‹ live zu sehen. Sicherlich wäre es schöner, wenn die Stücke vom Original-Line-up runtergerifft würden. Doch seien wir ehrlich: Sie klängen weder großartig anders – noch wäre ein solches Szenario im Moment realistisch. Das sieht auch John Garcia so: „Josh und ich mailen zwar hin und wieder, mit Alfredo Hernandez telefoniere ich öfter, ebenso mit Scott und Brant. Aber wir sind nicht sehr eng befreundet. Es ist, wie es ist. Und ganz ehrlich: Ich habe auch kei-nen der alten Weggefährten gefragt, ob sie am jetzigen Projekt beteiligt sein wollen. Denn das wäre auch unfair gewesen, da ich ja auch Stücke von Slo-Burn, Unida oder Garcia vs. Garcia spielen will. Außerdem glaube ich nicht, dass Josh Ja gesagt hätte. Und er ist einzige Person, die Kyuss wieder zusammenbringen könnte. Wer das möchte, muss also ihn fragen. Ich warte auf seinen Anruf!“, setzt er lachend nach.

Doch so richtig viel Zeit, um neben dem Telefon zu sitzen, bis endlich mal Hommes Nummer im Display zu sehen ist, hat Garcia ohnehin nicht. Er brütet gerade über der Wunschgästeliste für sein Soloalbum, das Ende 2011 erscheinen soll. Da steht natürlich Josh Homme drauf, ebenso die alten Kyuss-Mitstreiter Nick Oliveri und Brant Bjork. Zudem möchte Garcia gerne mit Dave Wyndorf und Ed Mundell von Monster Magnet arbeiten, und auch sein alter Hermano-Weggefährte Dave Angstrom soll nach Möglichkeit mit von der Partie sein. Noch ist nichts im Detail durchgesprochen, er hat auch noch keine Einladungen verschickt, doch in Garcias Kopf sind die Positionen für die einzelnen Songs bereits vergeben. Sein Ziel ist es, für jeden Musiker einen passenden Part zu finden, in dem er seine Talente am besten entfalten kann und zudem durch seine Mitrocker zu neuen kreativen Höhenflügen inspiriert wird. Garcia selbst sieht sich in der Tradition der großen Solokünstler, die es schaffen, Emotionen in ihren Songs zu transportieren, dabei nie ihren eigenen Charakter verleugnet ha-ben und ihre Energie eben auch aus unterschiedlichen Line-ups gezogen haben. „Ich liebe Musik, die mich persönlich berührt und dazu bringt, selbst aktiv zu werden oder Bilder in meinem Kopf erzeugt. Dabei ist es egal, ob ich danach Lust dazu habe, mit dem Auto durch die Gegend zu fahren und die Einsamkeit zu genießen oder den Mut fasse, ein Mädchen ansprechen. Johnny Cash ist einer der Musiker, die bei mir immer etwas ausgelöst haben. Ich liebe seinen Bariton. Mein Vater und ich haben oft gemeinsam seine Platten angehört. Leider leben beide nicht mehr, aber Cashs Musik erinnert mich immer an diese wunderschönen Momente mit meinem Dad.“

Und da ist er wieder, der Nostalgiker in John Garcia. Doch lähmende Schwermut schwingt nicht in seiner Stimme mit. Er spricht sehr ruhig und deutlich, wägt die Worte sorgsam ab. Seine schwarze Sonnenbrille dient nicht, wie so oft bei Musikern, als Versteck, sondern wirklich nur als Schutz vor den grellen Mittagsstrahlen. Es wirkt tatsächlich so, als ruhe er in sich – und das, obwohl er in wenigen Stunden beim Roadburn-Festival vor mehreren Tausend Menschen auftreten wird und daher allen Grund zur Nervosität hätte.

Vielmehr lehnt er sich entspannt zurück und erzählt von seinen musikalischen Helden – neben Cash sind das zum Beispiel Earth, Wind & Fire, The Cult, Johnnie Taylor oder The Ohio Players. Ein spannender Kontrast zu dem, was seine damaligen Kyuss-Kollegen gut fanden – deren Lieblingsmusik war Punk Rock. Streit gab es deswegen jedoch keinen, im Gegenteil: Die Musiker interessierten sich für die Helden des jeweils anderen. Und dieses Interesse bildete die Basis für den Sound von Kyuss. Isoliert von den Musikszenen in Los Angeles, San Diego oder New York, entwickelten die Rocker in Palm Desert, 150 Kilometer südöstlich von LA, ihre Songs: Der Wüstenrock war geboren.
Geplant hatten die Musiker das nicht. Sie spielten einfach ohne Hintergedanken drauflos, wie Teenager das eben tun. Entstanden sind die Stücke in den Schlafzimmern und Garagen der Familien Bjork und Homme. „Ich bin glücklich, dass ich Brant und Josh zur damaligen Zeit kennen gelernt habe. Denn so, wie ich die beiden erlebt habe, wird sie nie wieder jemand sehen. Es war schon etwas Besonderes, das wir gemeinsam geschaffen haben“, sinniert Garcia. „Und heute ist mir klar: Nichts kommt an die Zeit bei Kyuss heran. Die Band ist wie meine erste Liebe – ihr gehört für immer ein Teil meines Herzens. Alle Projekte, die ich danach gemacht habe und in Zukunft angehen werde, müssen sich dem Vergleich mit Kyuss stellen.“

Danko Jones

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Danko_Jones_2010 1 @ Dean_KarrDanko Jones lebt den Rock’n’Roll. Wenn er nicht gerade auf Tour ist, als Kolumnist für Musikmagazine schreibt oder als Radiomoderator arbeitet, redet er ununterbrochen über Musik – und zwar nicht nur über seine eigene. Obwohl sein neues Album BELOW THE BELT reichlich Gesprächsstoff bietet.

Text: Thorsten Zahn

Danko, wenn du die neue Platte BELOW THE BELT mit deinem letzten Album, dem 2008er-NEVER TOO LOUD, vergleichst: Was fällt dir auf?
NEVER TOO LOUD entstand in Los Angeles, in dem weltbekannten Studio 606 mit Nick Raskulinecz (Rush, Velvet Revolver) als Produzenten. Das fühlte sich wie eine pompöse Rock-Nummer an. Als ich 2007 mein erstes Vorgespräch mit Nick Raskulinecz hatte, antwortete ich auf die Frage, in welche Richtung das Album vom Sound her gehen sollte, dass es nach Kiss, Thin Lizzy und UFO klingen sollte – aus Scherz. Er war begeistert und meinte, dass wären genau seine Lieblingsbands. Er war kein bisschen abgeschreckt, aber eigentlich wollte ich genau das erreichen. Nun ja, dann haben wir mit NEVER TOO LOUD eine Scheibe aufgenommen, die viele als das Stadion-Rock-Album von Danko Jones bezeichneten. Da war was dran, schließlich waren die Songs langsamer als früher, und ich hatte mir auf dem Album eine Stimme mit Melodie zugelegt. Kannte ich gar nicht von mir, und bei den Aufnahmen zu BELOW THE BELT konnte ich die nicht mehr ablegen. Ich versuchte, zu den guten alten Schreien zurückzukehren, war aber nicht möglich. Deshalb ist BELOW THE BELT sehr melodisch von den Gesangsharmonien, aber die Stücke an sich sind schneller und härter.

Du wolltest mit BELOW THE BELT also nicht nur beweisen, dass du noch schnelle, harte Songs schreiben kannst?
Nein, wir hatten richtig Bock drauf. Persönlich höre ich von ZZ Top bis Goatwhore alles, es gibt für mich keine Grenzen. Ich höre viele neue Alben, aber am Ende lande ich immer wieder bei Thin Lizzy oder Whitesnake, denn ich liebe Classic Rock. Ich mag es, wenn du ein Album hörst, und immer mal wieder einen Moment zum Durch-atmen bekommst. Ozzy, Lizzy, Sabbath haben das perfektioniert. Da steckt mehr Konzept hinter, als man denken mag.

Anfang des Jahres warst du mit Sebastian Bach und Guns N’Roses in Kanada auf Tour. Welche Erfahrungen hast du bei diesem Rock-Zirkus gemacht?
Ich war schon immer ein Sebastian Bach-Fan, er ist aus Toronto und er besitzt eine unwiderstehliche Stimme. Vor der Tour habe ich mir Gedanken gemacht, wie das wohl werden würde. Danko Jones sollten mit Sebastian Bach und Axl Rose abhängen? Unmöglich, dachte ich. Am ersten Tourtag mussten mich meine Bandkumpels zurückhalten, dass ich Axl im Band-Catering nicht belästigten. Sebastian Bach hingegen outete sich bei unserer ersten Begegnung als Danko-Fan. Am Ende der Tour ließ ich mir auch meine Skid Row-Platten signieren. Bei der Show in Saskatoon rutschte mir dann mein Herz in die Hose. Axl hat mich einfach auf die Bühne holen lassen, um mit ihm ›Nightrain‹ zu singen. Da stand ich dann. Ich hatte total Angst, dass ich alles versaue und wir von der Tour geworfen würden – meine Band hätte mich umgebracht! Wir durften die Tour aber bis zum Schluss mitfahren, und Axl entpuppte sich als wirklich netter und angenehmer Typ. Ich wäre gern das ganze Jahr mit ihm auf Tour gegangen.

Glaubst du, dass diese Tour euch auf dem Weg nach oben geholfen hat?
Zu dem Zeitpunkt, als die Tour angekündigt wurde, waren wir in Brasilien, und die Fans dort wussten davon. Das hat weltweit eingeschlagen, und nach der Tour gab es in der „Global Mail“, der größten kanadischen Tageszeitung, einen Artikel, der bestätigte, dass Axl sich uns ausgesucht hatte. Das machte mich sehr stolz, denn es gab bestimmt Tausende von Bands, die sich als Support beworben haben. Die positiven Folgen der Tour waren, dass uns die Leute jetzt auf einer breiteren Ebene wahrnehmen. So war ›Full Of Regret‹, die erste Auskopplung aus unserem aktuellen Album, in den ersten zwei Wochen der meistgespielte Song im kanadischen Radio – und hatte damit mehr Einsätze als Stone Temple Pilots und Christina Aguilera zu verzeichnen. Die Tour hat unseren Status verbessert in unserem Heimatland, und jetzt tun wir alles, dass das so bleibt.

Habt ihr aus diesem Grund auch das ›Full Of Regret‹-Video mit namhaften Gästen wie Elijah Wood, Mike Watt oder Lemmy Kilmister von Motörhead besetzt?
Ja, wir hätten gerne noch mehr Cameo-Auftritte gehabt. Am Tag des eigentlichen Videodrehs überlegten wir, wen wir in Los Angeles noch kurzfristig anrufen könnten… Aber dann wäre alles zu viel geworden und hätte den Dreh in die Länge gezogen.

In dir stecken drei Persönlichkeiten: der Musiker, der Musik-Fan und der Musik-Journalist. Wie gehst du damit um?
Ich bin wie elektrisiert, wenn ich auf der Bühne stehen kann. Ob da 100 oder 15.000 Zuschauer kommen ist mir egal. Dann könnte ich vor Energie platzen, der Adrenalinspiegel steigt und ich bin total aufgedreht…

…und spielst den unnahbaren, coolen Rocker.
Klar, das sieht aber nur so aus. Nur wenn du extrem betrunken bist und mich nach der Show anlallst, werde ich zum wütenden Arsch. Mit allen anderen rede ich gerne, am liebsten über Musik. Denn im Kern bin ich ein langweiliger Normalo, der Rock’n’Roll liebt. Wenn ich mit Freunden zusammen bin, die über „normale“ Sachen re-den, schlafe ich meist ein, bis jemand das Wort „Rock“ erwähnt.

Hättest du jemals gedacht, dass Rock als Profession ein solch harter Job ist?
Das Härteste ist, dass du dich durch intensive Tourneen komplett von Familie, Freunden und dem regulären Leben entfernst. Das Wichtigste auf Tour, neben der Show, ist essen, kacken, duschen. Du kommst dir vor, als wärst du auf einem immerwährenden Camping-Trip. Schlimm sind die Heulsusen, die das Rock-Leben aufgeben, weil sie es nicht mehr ertragen, es ist ihnen zu anstrengend. Dann geht doch zu eurem Acht-Stunden-Job zurück, den ihr eigentlich hasst! Das macht mehr Spaß? Natürlich ist nicht jeder Moment angenehm, aber da muss man durch.

Pain Of Salvation – Im Alleingang

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Pain Of Salvation 2010Auf ihren neuen Album ROAD SALT ONE mischen Pain Of Salvation Rock, Blues und Gospel. Der eindringliche Sound ist das Ergebnis von Homerecording.

Text: Matthias Mineur

Es gibt nur wenige Vergleiche, die Band-Chef Daniel Gildenlöw so sehr hasst wie die mit der typischen Progressive Metal-Fraktion um Fates Warning oder Queensrÿche. „Das Problem dabei ist: In dem Moment, in dem du dieser Szene zugerechnet wirst, hören bestimmte Leute auf, sich für dich zu interessieren“, schimpft der Macher von Pain Of Salvation. „Unsere Musik könnte weitaus mehr Menschen ansprechen. Ich kann mich noch gut an ein einschneidendes Erlebnis Mitte der Neunziger in unserer Heimatstadt erinnern. Nach einem Konzert kam eine ältere Frau zu mir und sagte: „Ich höre normalerweise nicht diese Art von Musik, aber es war wirklich unglaublich beeindruckend.“ Um auch solche Leute zu erreichen, muss man Festivals und TV-Shows spielen, denn in den regulären Konzerten trifft man sie nicht an.“

Gesagt, getan: Im vergangenen Herbst bewarben sich Gildenlöw und seine Mitstreiter beim Melodifestivalen, der schwedischen Vorausscheidung zum Eurovision Song-Contest, und schafften es prompt bis ins Finale. Vor einem Millionenpublikum präsentierten Pain Of Salvation das Stück ›Road Salt‹ und damit den Titelsong ihrer neuen Scheibe, die seit wenigen Wochen in den Geschäften steht. So viel Aufmerksamkeit hatte die Band in den zurückliegenden knapp 20 Jahren nie erlangt. „Jeder in Schweden schaut den Wettbewerb oder nimmt zumindest Notiz davon“, erklärt Keyboarder Fredrik Hermansson, dem das Wagnis vorher durchaus bewusst war, denn wer sich bei einem solchen Event blamiert, kann die Karriere anschließend vergessen. Pain Of Salvation jedoch überzeugten, ohne sich zu verbiegen. Hermansson: „Wir durften einen eigenen Song präsentieren, und zwar in der Form, wie wir auch normalerweise klingen. In Schweden gibt es deshalb bei diesem Wettbewerb zunehmend mehr ernsthafte Künstler.“ Die Teilnahme am Melodifestivalen könnte sich also als medialer Geniestreich herausstellen, zumal Pain Of Salvation mit ROAD SALT ONE eine stilistische Wundertüte geöffnet haben, in der tatsächlich für fast jeden Geschmack etwas dabei ist. Gekonnt mischt die Band Rock, Blues und Gospel, fügt Anleihen aus Metal und Sleaze hinzu, um vor allem in punkto Intensität kaum Wünsch offen zu lassen. Verantwortlich für diese prickelnde Eindringlichkeit ist unter anderem die von technischem Schnickschnack befreite, ungemein authentisch klingende Produktion. Aus Kostengründen hatten Pain Of Salvation ein reguläres Tonstudio gegen ihren Proberaum getauscht, hatten Mikrofone sowie einen leistungsstarken Laptop angeschafft und ROAD SALT ONE in Eigenregie aufgenommen. „Wir wussten nicht, ob dieses Experiment gelingt“, gibt Hermansson zu, „aber wir haben aus einer wirtschaftlich schwierigen Situation das Beste gemacht und unser bislang persönlichstes Album aufgenommen.“

Vanden Plas – Theaterstunden

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_MG_2143 andyfin1-4Wer vielschichtigen Progressive Metal liebt, findet ihn bei Vanden Plas in Vollendung: Besser als THE SERAPHIC CLOCKWORK können Platten aus dieser Musikrichtung kaum klingen.

Text: Matthias Mineur

Schlag auf Schlag ging es bei Vanden Plas nur zu Beginn der Karriere: 1995 mit dem vielversprechenden Debüt COLOUR TEMPLE gestartet, hatte die Band um Sänger Andy Kuntz (sein Bruder ist der frühere Fußballbundesliga-Profi Stefan Kuntz) schon vier Jahre später drei weitere Veröffentlichungen im Rennen: ACCULT (1996), THE GOD THING (1997) und FAR OFF GRACE (1999). Dann entdeckte das Pfalztheater Kaiserslautern die Bandmitglieder für sich, und umgekehrt, seither liegt der Hauptfokus der Gruppe auf Musical- und Theater-Engagements. Mittlerweile haben Vanden Plas neben den eigenen Musicals „Abydos“, „Ludus Danielis“ und „Christ O“ auch aktiv an Aufführungen von „Jesus Christ Superstar“, „Hair“ und „Der Herbst des Winter­königs“ teilgenommen. Kein Wunder also, dass es erneut geschlagene vier Jahre dauerte, bis nun endlich der Nachfolger von BEYOND DAYLIGHT (2002) und CHRIST O (2006) in die Geschäfte kommt. Andy Kuntz sucht nach Worten der Entschuldigung: „Wenn man innerhalb von drei Jahren gleich drei verschiedene Rock-Opern für große renommierte Häuser schreiben kann, muss man das einfach machen“, erklärt er.

Dennoch klingt die neue Scheibe THE SERAPHIC CLOCKWORK alles an-dere als halbherzig oder mühsam dazwischengeschoben. Gewohnt engagiert haben sich Vanden Plas thematisch und stilistisch an neue Horizonte herangewagt und zeigen sich kompositorisch durchaus auf Augenhöhe mit Szene-Fürsten wie Dream Theater oder Symphony X. „Ich hatte die Vision von einer etwas härteren Vanden Plas-Variante, die für meine Begriffe auch entstanden ist, ohne dass wir unsere musikalische Basis entscheidend verändert haben“, analysiert Gitarrist Stephan Lill die neue Scheibe und fügt hinzu: „Ich denke, das wir auf THE SERAPHIC CLOCKWORK unsere musikalischen Grenzen weiter ausgedehnt haben. Die Songs sind teilweise noch härter, noch zerbrechlicher, noch komplexer arrangiert und noch orchestraler.“

Passend dazu die vielschichtige und hochinteressante Geschichte des Konzeptalbums, die aus der Feder von Andy Kuntz stammt. Sie erzählt von der Zeitreise eines im 16. Jahrhundert in Rom lebenden Mannes, der aufgrund einer Vision vom Ende der Welt in die Mühlen einer alttestamentarischen Prophezeiung gerät. Der Mann reist zurück ins Jerusalem des Jahres 33 n.Chr., um festzustellen, dass er der Fügung nicht entkommen kann. „Es geht darum, sich seiner gottgewollten Bestimmung zu stellen“, erläutert Kuntz – und ist wie sein Kollege Lill sicher, dass sich dieses Thema ebenfalls hervorragend fürs Theater eignet: „Natürlich versuchen wir, THE SERAPHIC CLOCKWORK auch auf die Theaterbühne zu bekommen. Die Story ist dafür prädestiniert. Zudem haben wir schon im Vorfeld darauf geachtet, dass das Konzept alle Voraussetzungen erfüllt, um im Theater bestehen zu können.“

Grand Magus – Eiserne Jäger

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Photographer Linda kerberg +46 (0) 70 - 755 52 27  linda@lindaakerberg.comDie Schweden Grand Magus gehören zu den heißesten Eisen, die momentan im Heavy Metal-Feuer geschmiedet werden. Mit ihrem neuen Album HAMMER OF THE NORTH will sich das Trio endgültig als Speerspitze des Genres etablieren.

Text: Petra Schurer

Grand Magus sind eine Band, die Symbole liebt. Das Metaphorische liegt ihnen im Blut. Die drei Rocker, die seit rund 15 Jahren in der Hauptstadt Stockholm die Riffkeule schwingen, lieben starke Bilder: Hammer, Gebirge, Raben, Schnee – all das ist martialisch und mystisch zugleich. Von zentraler Bedeutung für Grand Magus ist insbesondere der Wolf, das Wappentier der Gruppe.

Stilistisch lässt sich die Band mit ihrem neuen Werk HAMMER OF THE NORTH zwischen Judas Priest, Dio und Unleashed verorten. Die Platte, die mit krachenden Hymnen wie ›Ravens Guide Our Way‹ oder ›Northern Star‹ aufwartet, wird vor allem all diejenigen begeistern, denen zeitgemäßer Metal zwar vom Sound her zusagt, denen aber die Abkehr vom Traditionellen nicht gefällt. Grand Magus schaffen es, diese Lücke zu schließen. Dank der Produktion von Jens Bogren (unter anderem Opeth, Amon Amarth) klingt HAMMER OF THE NORTH so, dass man die Songs nicht erst unter einer Staub-schicht suchen muss. Gleichzeitig aber berufen sich Frontmann Janne Chris-tofferson und seine Mitstreiter Fox Skinner (Bass) und Sebastian Sippola (Drums) auf die Heavy-Werte der Siebziger und Achtziger. „Deep Purple, Black Sabbath, Rainbow, Nazareth, Uriah Heep“, so sprudelt es aus Christofferson heraus, „das sind die Bands, mit denen ich aufgewachsen bin. Schon als kleines Kind habe ich die Platten gehört, denn meine beiden älteren Brüder sind ständig mit neuen LPs nach Hause gekommen, die mich natürlich auch brennend interessiert haben – ich wollte ihnen nacheifern.“

Später, als der Schwede selbst in Clubs gehen durfte, kamen die ersten Extrem-Acts in Mode: Venom und Bathory zählen daher auch heute noch zu den Lieblingsbands des Sängers und Gitarristen, der bis vor kurzem auch noch bei den Spiritual Beggars hinterm Mikro stand. Nun konzentriert sich der Skandinavier aber ausschließlich auf seine Hauptband, und wenn alles weiterhin so gut läuft, könnte er sich auch vorstellen, für Grand Magus den geregelten Job hinzuwerfen und Profimusiker zu werden. „Ich will mich später schließlich nicht ärgern, dass ich es nicht versucht habe“, betont er. „Doch zunächst wollen wir einen Schritt nach dem anderen machen. Ich genieße ohnehin am liebsten jeden einzelnen Tag so, wie er kommt.“

Im Moment steht für den Sänger erst einmal Erholung auf dem Programm. Der Naturliebhaber ist vor wenigen Monaten aus der Stockholmer Innenstadt weggezogen und lebt nun auf dem Land. „Das tut mir sehr gut“, erzählt er. „Ich merke jetzt erst, dass es mir viel leichter fällt, den Alltag hinter mir zu lassen, wenn ich nicht ständig von hektischen, unbekannten Menschen umgeben bin.“ Umso passender, dass viele seiner Texte genau von diesem Thema handeln, von der Notwendigkeit des Innehaltens, der Bedeutung von Gemeinschaft für den Einzelnen und der Demut im Angesicht der Macht der Natur. Denn wie die Wölfe wissen auch Grand Magus: So kräftig und stark sie als Individuen auch sein mögen – erst in ihrem eigenen Rudel werden sie zu gefährlichen und erfolgreichen Jägern.

Masterplan – Die Königsmacher

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MasterplanDas Sänger-Intermezzo mit Mike DiMeo währte nur ein Album lang, jetzt steht wieder Jørn Lande am Ruder von Masterplan. Übrigens fester denn je, wie das neue Album TIME TO BE KING beweist.

Text: Matthias Mineur

Das größte aller Komplimente mag Band-Chef Roland Grapow gar nicht hören: „Viele sagen, dass TIME TO BE KING ähnlich wie unser Debüt klingt. Ich kann das nicht so richtig nachvollziehen, außer dass es nun einmal wieder der gleiche Sänger wie damals ist.“ Zur Vorgeschichte: 2003 waren Masterplan, die neue Band des ein Jahr zuvor bei Helloween geschassten Gitarristen, mit einem furiosen Erstwerk gestartet. Das Album bekam überragende Kritiken, avancierte zum meistverkauften Metal-Debüt des Jahres und katapultierte die Gruppe aus dem Stand an die vorderste Front der Szene. Das neue Metal-Traumpaar schien gefunden zu sein: auf der einen Seite der Hamburger Grapow, ein fantastischer Gitarrist und überdurchschnittlicher Songschreiber; auf der anderen Seite Jørn Lande, Norweger und mit einer Stimme gesegnet, wie es sie seit Dio oder Coverdale keine mehr gegeben hatte.
Doch bereits nach dem folgenden Album, dem ebenso starken AERONAUTICS (2005), zerfiel das Duo. Lande konzentrierte sich fortan auf sei-ne Solokarriere, während Masterplan wohl oder übel mit dem Amerikaner Mike DiMeo einen Nachfolger aus dem Hut zaubern mussten, der auf dem dritten Werk MKII (2007) zwar überzeugte, die Bühnenprobe aber nicht bestand: „Es steht mir nicht an, jetzt schmutzige Wäsche zu waschen, aber so präsent Mike im Studio war, so wenig überzeugend zeigte er sich in Konzerten. Es war einfach ein Riesen-Unterschied zu Jørn. Als die Tour mit Mike zu Ende war, hatte ich das Gefühl, dass uns die Shows mehr geschadet als genützt hatten.“
Frustriert und reichlich desillusioniert ließ Grapow anschließend die Bandaktivitäten ruhen und betätigte sich zunächst einmal als Produzent für andere Metal-Formationen. Gleichzeitig rief er sich Stück für Stück bei Lande wieder in Erinnerung: „Der Kontakt zu Jørn war ja nie ganz abgebrochen, aber zunächst mussten erst einige Missverständnisse ausgeräumt werden, die seinerzeit zum Split geführt hatten.“

Natürlich ging es dabei auch um geschäftliche, sprich: finanzielle Belange, jedoch nicht ausschließlich. Grapow: „Jørn forderte mehr Mitsprachemöglichkeiten, wollte musikalisch und künstlerisch größeren Einfluss haben. Das haben wir ihm gewährt, ich habe ihm zugesagt: ,Du und Axel (Mackenrott, Keyboarder und Komponist der Band, Anm. d. Autors), ihr seid meine Partner, mit euch werde ich alle wichtigen Entscheidungen absprechen.‘“

Seither ist Lande zurück an Bord. Und siehe da: Schon jubiliert die Presse einhellig und attestiert dem neuen Album TIME TO BE KING, dass die wichtigsten Stilmittel der Gruppe hier endlich wieder bedient werden. „Es war Jørns Wunsch, die Produktion möglichst pur zu halten, also gibt es daher weniger Overdubs als früher, so dass sich die Songs noch besser auf der Bühne umsetzen lassen“, erläutert Grapow die Veränderungen und setzt noch hinterher: „Ich denke, dass dadurch dieser lebendige Eindruck entstanden ist. TIME TO BE KING ist genau der Neustart für Masterplan, auf den alle gewartet haben.“

The Rolling Stones – Der Exilant

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The Rolling Stones 21971 ist das vielleicht aufregendste Jahr in der an Aufregungen nicht eben armen Bandhistorie der Rolling Stones: Die Musiker ziehen aufgrund von Steuerschulden von Großbritannien nach Südfrankreich um und nehmen dort EXILE ON MAIN STREET auf.

Besagtes Album ist vor wenigen Tagen in remasterter Form und in diversen Formaten neu aufgelegt worden. Zudem gibt es seit 11. Juni die DVD STONES IN EXILE zu kaufen: Regisseur ­Stephen Kijak zeichnet in seiner Doku die Entstehungs­geschichte des Werks nach. Für CLASSIC ROCK erinnert sich Stones-Gitarrist Keith Richards (dunkel) an die damalige Zeit zurück.

Text: Ian Fortnam

eith Richards ist kurz davor, die Fassung zu verlieren. Er sitzt total voll­gedröhnt im Auto, auf dem Weg nach „Bowden House“ außerhalb Londons, wo Anita Pallenberg gerade eine Entziehungskur macht. Richards muss das Lenkrad rumreißen, um in letzter Sekunde einem Laster zu entgehen. Als er mitten über das Rondell des Kreisverkehrs schießt und gegen die Gartenmauer eines Häuschens in Wembley kracht, gehen ihm die potenziellen Konsequenzen seiner Amokfahrt durch den Kopf. Sterben wird er zwar nicht, denn sowas passiert nur den anderen. Allerdings trägt er so viel chemikalische Substanzen bei sich, dass das Herz jedes strebsamen Polizisten vor Freude einen Sprung machen würde. Also greift er, kaum dass sein dicker Bentley die Mauer platt gemacht hat, in alle möglichen Taschen und sucht nach dem prekären Stoff. Und ist wie vom Donner gerührt, als er plötzlich eine bekannte Stimme hört: „Hey Keith, was machst du denn hier?“ Es ist Nicky Hopkins, der Keyboarder der Stones: Ihm gehört der beschauliche Garten.

„Mein qualmender Bentley steht also mitten in seinem Rosenbeet“, erinnert sich Keith 39 Jahre später, „und ich schmeiße hektisch alle Pillen weg, weil ich schon in der Ferne die Polizeisirene höre, und Nicky sagt: ›Komm doch rein und trink einen Tee, bis die Polizei da ist!‹ Spätestens da wusste ich, dass Gott auf meiner Seite ist.“

Es sollte nicht das letzte Mal sein, dass Gottes Beistand hochwillkommen war im Leben von Mr. Richards. Keith fuhr so oft Autos zu Schrott, dass er sich auf keine Zahl festlegen kann. „Wenn man viel rumkommt, knallt man schon mal wo rein“, sagt er schulterzuckend. „Jedenfalls kam ich aus der Nummer sauber raus, zumal meine Zeit in England ohnehin abgelaufen war. Eine Woche später zogen wir nach Nellcôte.“

Auf ins Exil…

Die Aussage, dass Keith Richards ein berüchtigter Ruf vorauseilt, ist wahr. Und mehr noch: Sie ist eine grobe Untertreibung. So brachte Anfang der Siebziger die noch junge Rock-Journalismus-Gilde eine wilde Wortneuschöpfung nach der anderen hervor, nur um den Mann adäquat zu beschreiben, der CLASSIC ROCK gleich ein Interview geben wird. Keith Richards war (und ist) das Maß aller Dinge. Entweder die zerrupfte Krähe, die sich auf deinem Rasen niederlässt und die Nachbarn dazu veranlasst, sich schleunigst nach einer neuen Bleibe umzusehen. Oder der Zigeuner, der Pirat, der durchgeknallte Lebemann, der Mann auf der Flucht oder auch das mit Jack Daniel’s vollgepumpte Insekt. Und manchmal einfach nur „der personifizierte Mr. Rock’n’Roll“.

Doch das war damals. Heute sind wir in New York, um mit ihm über die schillernden Tage zu sprechen, in denen die Stones ihr Meisterwerk EXILE ON MAIN STREET aufnahmen. Aber auch, um uns ein Bild davon zu machen, ob Keith Richards anno 2010 überhaupt noch mit seinem me­dialen Alter Ego zusammenpasst. Wie schlägt sich „Mr. Rock’n’Roll“ heute, wo die fiese 70 bereits lange Schatten wirft? Keith ist längst eine lebende Karikatur geworden, sein unnachahmlich eiernder Gang, die braunen Augen, die innerhalb einer Sekunde vom sympathischen Strahlen in eisiges Durch­bohren umschalten können. Dann dann wäre da noch die berühmteste ­Schmuck-Kollektion der Musikwelt, angefangen vom Handschellen-Armreif (als Erinnerung, dass ­physische Freiheit nicht immer selbstverständlich ist) bis zum Totenkopf-Ring (das Symbol des „großen Gleichmachers“, wie Keith es nennt).
Er hat einen durchsichtigen Plastikbecher in der Hand, in dem die Eisstücke klackern, wenn er seine Aussagen mit einer ausladenden Handbewegung unterstreicht. Mit Hilfe eines dekorativen Strohhalms soll wohl der Eindruck erweckt werden, er schlürfe einen Softdrink. Aber davon lassen wir uns nicht täuschen. Nein, es passt einfach nicht. Offensichtlich möchte Keith seinen Alkoholkonsum nicht mehr unnötig an die große Glocke hängen. Was jedoch seine lebenslange Liebe zum Nikotin angeht, so bemüht er sich gar nicht erst um ein Feigenblättchen.
Allerdings ist ihm die Funktion des Aschenbechers über all die Jahren verborgen geblieben: Wenn er mit seinen Armen wild durch die Gegend fuchtelt, ist der Kippenbehälter nämlich der letzte Ort, in dem die Asche landet.

Als wir uns hinsetzen, um per Zeitmaschine ins Jahr 1971 zu reisen, zündet er sich mit dem Rolling Stones-Zippo schnell noch eine weitere Fluppe an und ist – vom frischen Nikotin in den Lungen offensichtlich animiert – sofort bei der Sache. „Wir nannten das Album EXILE ON MAIN STREET, weil man uns aus England rausgeworfen hatte. Wir mussten das Land verlassen – oder hätten als Straßenfeger weitermachen können.“

Das mag überdramatisch klingen, aber tatsächlich hatten die Stones 1971 ernsthafte finanzielle Probleme. Allen Klein, ihr damaliger Manager, gab ihnen nämlich jahrelang das Gefühl, mehr auf dem Konto zu haben, als es tatsächlich der Fall war. Daher standen sie beim englischen Fiskus, der damals einen Spitzensteuersatz von 93 Prozent kassierte, knietief in der Kreide. Die laufenden Einnahmen reichten bei Weitem nicht aus, um die Schulden zu begleichen. Keith, der schon mehrfach unschöne Begegnungen mit der Staatsgewalt hatte, nahm die Forderungen des Finanzamts persönlich. „Sie konnten mich nicht wegen Drogen einlochen, also versuchten sie es auf diese Tour – der klassische Zangengriff. Das ärgerte uns, also wollten wir ihnen zeigen, was eine Harke ist. Wir schauten uns alle an und beschlossen: ›Okay, dann machen wir uns eben einfach aus dem Staub!‹“

Halb wild entschlossen, halb verunsichert, packte die Band samt Anhang die Koffer, um ihre Zelte in Südfrankreich aufzuschlagen. „Und wenn man schon dorthin zieht, dann sollte es schon die Riviera sein.“ William Somerset Maugham bezeichnete diese einmal als „sonnigen Platz für zwielichte Gestalten“ – was im Fall der Stones also durchaus passte. Keith zog in die Villa Nellcôte in Villefranchesurmer, die während der deutschen Besatzungszeit als Gestapo-Hauptquartier diente. Da es keine annehmbaren Studios in der Umgebung gab, entschlossen sich die Musiker, Keiths Keller umzubauen, ergänzt von ihrem so genannten „Mobile Recording Studio“, das in einem umgebauten Transporter untergebracht war, der einfach hinter der Villa Nellcôte abgestellt wurde. „Das Gefährt kam uns sehr gelegen, weil es einen kompletten Kontrollraum hatte. Was aber trotz zahlreicher Versuche nie richtig hinhaute, war die Verbindung zwischen Truck und ­Keller. Apropos Keller: Ich kann ihn heute noch riechen. Jedes Mal, wenn ich aufs Cover schaue, kriecht mir dieser staubige, muffige Gestank in die Nase.“

Auch wenn die Kommunikation mit dem Produzenten Jimmy Miller und Toningenieur Andy Johns, die Kontrollraum saßen, nicht optimal funktionierte, trugen die Sessions im Sommer 1971 endlich Früchte. „Viele Songs entstanden aus einer spontanen Idee heraus. Mick spielte zum Beispiel Mundharmonika, und jemand anders stieg ein. Schon hatten wir ein Song-Gerüst, auf das wir aufbauten konnten. Doch damit war ein Track natürlich noch lange nicht fertig. Wir wollten nichts überstürzen. Denn wie mein Vater immer sagte: ›Keith, es ist ein Unterschied, ob man sich am Arsch kratzt oder sich den Arsch aufreißt!‹“

Mick war oft weg, weil er sich um seine schwangere Frau Bianca kümmerte, die er kurz vorher geheiratet hatte. Der Rest der Band sorgte sich vor allem um den Drogen-Nachschub, der zunächst Probleme bereitete. Das sollte sich aber rasch ändern. Tommy Weber, Playboy, Rennfahrer und Dealer, reiste mit dem „Hochzeitsgeschenk für Mick und Bianca“ an: Er brachte ein Kilo Koks mit, das er unter den T-Shirts seiner beiden Kinder über die französische Grenze geschmuggelt hatte. Das Geschenk kam bei dem glücklichen Paar aller­dings nie an. Das wiederum war nicht verwunderlich, denn Keiths Freundin Anita hatte den Plan ausgeheckt – und zwar noch während ihrer Entziehungskur in London.

Die Sache lief noch mehr aus dem Ruder, als Keith und Tommy Weber zu einer Go-Kart-Bahn fuhren. Dort passierte prompt ein Malheur: „Ich blieb mit einem Vorderrad meiner Karre an seinem Hinterrad hängen. Mein Wagen kippte, und ich riss mir die linke Seite meines Rückens auf. Das war eine ganz neue Erfahrung für mich…“ Gerüchten zufolge sollen Richards Schmerzen nach dem Unfall der Anlass dafür gewesen seien, dass in Nellcôte schon bald Heroin auf den Tisch kam. Doch davon will Keith nichts wissen. „Alles Blödsinn“, knurrt er. „Die Leute saugen sich aus den Fingern, welche Drogen ich angeblich genommen habe oder welche nicht. Sie haben keinen blassen Schimmer.“

Und plötzlich ist da ein Ausdruck in seinem Gesicht, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Ian McLagan – einst bei den Faces, danach aushilfsweise Keyboarder bei den Stones – erzählte einmal, dass Keith immer eine 38er bei sich trug. Und dass er seinem früheren Kumpel Tony Sanchez (alias „Spanish Tony“), als dieser ungefragt das Buch „Up And Down With The Rolling Stones“ schrieb, nur wortlos die Knarre gezeigt habe anstatt ihn anzuschreien.

Bis zu diesem Moment unseres Gesprächs ist Keith die Leutseligkeit in Person – ein netter, etwas durchgeknallter Onkel mit einem braunen Filzhut. Nachdem er inzwischen auch seine Piratenlocken gekappt hat und nicht mehr versucht, die grauen Haare nicht zu verbergen, wirkt er wie ein altersweiser Mann, der nicht mehr den Don Corleone des Rock’n’Roll mimen will. Aber dieser Blick, den er einem plötzlich mit seinen verkniffenen, mit Kajal umrandeten Augenschlitzen zuwirft, ist das psychische Pendant zur stummen Demons­tration eines Revolvers. Willkommen bei „His Satanic Majesty“.

„Ich bin mal runter und mal wieder drauf“, knarzt er. „Doch das spielt keine Rolle. Entzugserscheinungen? Kenne ich nicht. Sicher macht eine Entgiftung keinen Spaß, aber ganz ehrlich: Ich war damals nicht krasser drauf als die anderen. Charlie hing an der Cognac-Flasche, Mick soff Wein, aber mit welchem Sprit man fuhr, war völlig egal – Hauptsache, man hatte am Ende ein annehmbares Resultat in den Händen.“ Mit einem energischen Eiswürfel-Klackern lehnt sich Keith zurück. Das Thema ist abgeschlossen.

Auch wenn die Villa Nellcôte primär das Musik- und Party-Hauptquartier der Stones war, so verbrachten Keith und Anita auch ihre Freizeit hier – sie wohnten schließlich dort. Manchmal verschwand Richards daher für einige Stunden aus dem Aufnahmeraum und ging nach oben, selbst wenn er im Keller gerade dringend gebraucht wurde. Nicht etwa um exotische Drogen mit Anita zu testen, sondern um den damals gerade anderthalbjährigen Sohn Marlon zu Bett zu bringen. „Kinder können sich auf vieles einstellen“, kommentiert er die Aktion achselzuckend. „Und was wäre denn die Alternative gewesen? Hätte ich ihn in eine bescheuerte Uniform stecken und auf eine britische Vorschule schicken sollen? Es war nun mal das Leben, das sein Vater lebte. Er wurde mein Steuermann – mit fünf Jahren konnte er schon Straßenkarten lesen. Wenn wir uns einer Grenze näherten, gab er mir ­Bescheid, damit ich rechtzeitig die Drogen aus dem Auto werfen konnte…“

Keiths vollmundige Erzählungen werden regelmäßig fünf Worten gewürzt: „You know what I mean.“ Die nimmt man irgendwann gar nicht als Begriffe wahr, sondern als amorphe Wortmasse. Sie klingen so, als würde jemand bei einem alten Lastwagen einen Gang hochschalten. Und Richards schaltet oft. Zum Beispiel, wenn er Anekdoten über seinen französischen Koch ausgräbt:

„Der dicke Jacques, ja, der war auch ein Dealer. Jeden Donnerstag fuhr er nach Marseilles, um sich…“ (Er stoppt mitten im Satz und lacht ein röchelndes Lachen). „Er setzte sogar einmal die gesamte Küche in Brand. Einige dieser Geschichten wären wirklich guter Stoff für einen Comic. You know what I mean.“

Doch trotz aller Skandalstories: Richtig ernst wurde es für Richards & Co. in Frankreich nie. Er hatte nur ein einziges Mal mit der Polizei zu tun. Eine Begegnung, die ihm nachhaltig im Gedächtnis geblieben ist: „Ich war mit Spanish Tony in Beaulieu unterwegs, der nächsten Stadt in der Umgebung, und wir bekamen Ärger mit dem Hafenmeister und seinem Bootsmann, beides riesige Kerle. Sie brachten uns in ihr Büro, und Tony ahnte, dass was im Busch war und warnte mich: ›Pass auf! Sie wollen uns einbuchten!‹ ›Alles klar‹, antwortete ich. ›Ich halte dir den Rücken frei.‹ Tony schritt also zur Tat. Dazu sage ich nur: Bruce Lee! You know what I mean. Spanish griff sich einen Stuhl, sprang auf den Tisch, und zwei Sekunden später lagen die beiden Kerle auf dem Boden und heulten rum: ›Zut alors!‹ oder ›Mon dieu!‹ oder ›Sacre bleu!‹ oder was man sonst so auf Französisch jammert. Ich stand nur dumm da, während Tony ihnen den Rest gab. Und dann verpissten wir uns.“

Ende der Geschichte? Nicht ganz. „Eine Woche später klopfte es an der Tür. Vor uns stand ein freundlicher Gendarm mit seinem hübschen Käppi und ein paar Papieren. Natürlich hatten die Typen Anklage erhoben. Die französischen Gerichte sind wirklich komisch: Man ist dort so lange schuldig, bis man das Gegenteil beweisen kann. Wirklich eine seltsame Einstellung, you know what I mean. Am Ende war es aber auch egal, denn die Sache löste sich schnell wieder in Luft auf.“

Lösen sich solche Angelegenheiten wirklich einfach in Luft auf? Das muss doch jemand nachgeholfen haben – denn warum sonst ist in früheren Schilderungen des Vorfalls von einigen signierten Stones-Covern die Rede, welche die Wogen der Empörung geglättet haben. In Verbindung mit rund 10.000 Euro Strafe für Tony Sanchez übrigens, bezahlt aus der Portokasse von Mr. Richards.

Zudem hatte Keith wohl noch ein weiteres Mal Kontakt mit der Staatsmacht, zumindest erinnert sich Bill Wyman daran, dass Richards sein Auto mit einigen italienischen Touristen kollidierte. Aber wer will hier schon kleinlich sein…

Doch zurück zu EXILE ON MAIN STREET: Ein wesentlicher Grund für die magische Wirkung des Albums ist die Beziehung zwischen Richards und Gitarrist Mick Taylor. Das Duo mochte sich von Anfang an und intensivierte den Kontakt im Laufe der Zeit weiter. Die beiden verstanden sich fast blind. „Mit Mick war es ganz anders als mit Brian (Jones – Anm.d.Red.). Früher gab es bei den Stones keine Trennung zwischen Lead- und Rhythmus-Gitarre. Aber Micks Stil war der geborene Lead-Gitarrist, darauf musste ich mich erst einstellen. Doch es gefiel mir, und ich liebte es, mit ihm zusammenzuspielen. Deshalb war ich wohl auch derjenige, der sich am meisten darüber gewundert hat, dass er uns 1974 wieder verlassen wollte. Ich fragte ihn: ›Bist du verrückt? Was in Gottes Namen willst du denn sonst machen, Alter?‹ Und wie ich befürchtet hatte: Er machte nichts mehr.“

Einer der wichtigsten Besucher im französischen EXILE ON MAIN STREET-Sommer war Gram Parsons, für Keith ein Bruder im Geiste. Parsons hoffte insgeheim darauf, dass die beiden gemeinsam ein Country-Album aufnehmen würden. „Ja, diesen Plan gab es“, bestätigt Keith, „aber es kam nicht Konkretes dabei raus. Aber es entwickelte sich eine dicke Freundschaft zwischen Gram und uns Stones-Mitgliedern. Vor allem ichbin viel mit ihm rumgehangen, während Mick ihm gegenüber ein wenig miss­trauisch gewesen ist. Herr Jagger mag es nämlich nicht, wenn ich mit anderen Musikern unterwegs bin. Immer, wenn ich sagte: ›Hey Mick, hier ist ein guter Kumpel von mir!‹, antwortete er (Richards imitiert einen snobbischen Mick Jagger): ›Wer bist du denn bitte?‹ Vielleicht wollte er ja nur mein Bestes, aber eventuell war auch ein Hauch von Eifersucht mit dabei, you know what I mean. Wahrscheinlich beides.“

Zudem hätte ein mögliches Projekt zum Eklat führen können, denn zu diesem Zeitpunkt galt in der Band das ungeschriebene Gesetz, dass Rolling Stone-Mitglieder keine Solo-Alben machen durften.„Das war nicht drin, denn es hätte bedeutet, dass jemand mit den Stones unzufrieden war. Erst später haben wir unsere Meinung geändert. Mick fing damit an“, so Richards. „Im Nachhinein betrachtet war das gut, denn er zwang mich quasi dazu, selbst eines zu machen. Und ich ziehe TALK IS CHEAP und MAIN OFFENDER seinem Album SHE’S THE BOSS vor“, gluckst Keith, während das Eis im Becher klackert. „Mick dachte nämlich, er könnte das ohne Probleme stemmen – und musste feststellen, dass dem nicht so war. Er hatte einfach nicht einkalkuliert, was die Stones wirklich bedeuten. Mick mit seinem überdimensionalen Frontmann-Ego war vorher der Ansicht: ›Ach, das sind ja nur Begleitmusiker‹. Und das führte schließlich zum Dritten Weltkrieg.“

Diese Fehleinschätzung scheint Programm zu sein bei Jagger – auch bei EXILE ON MAIN STREET ging er mit unrealistischen Vorstellungen an das Album heran. Deshalb scheint er bis zum heutigen Tag ein gespaltenes Verhältnis zu der Platte zu haben. So sieht das auch Richards: „Das ist nun mal Mick. Er wird diesbezüglich nie die Wahrheit sagen. Weil er nicht mal weiß, was die Wahrheit ist – oder ob es so was wie Wahrheit gibt. Da liegen eine Menge kontroverser Gefühle und Visionen im Clinch miteinander… Aber was will man auch von zwei Typen erwarten, die sich seit über 40 Jahren gegenseitig beharken? Sich ohne Grund in die Haare zu kriegen, ist natürlich bescheuert“, gibt Keith zu, setzt aber mit einem dicken Lächeln hinterher: „Doch wenn dadurch am Ende ein perfektes Resultat entsteht, ist es den Kampf wert.“

Ein Kampf, der sich auf jeden Fall gelohnt hat – schließlich be-zeichnen viele Fans EXILE ON MAIN STREET als bestes Album der an Höhepunkten wahrlich nicht armen Stones-­Karriere. Doch der Erfolg des Albums ist nicht allein auf die nerven­aufreibenden, wenngleich produktiven Zankereien zwischen Richards und Jagger zurückzuführen.

„Was bei EXILE ON MAIN STREET durchschlug“, so Keith, „war die Tatsache, dass wir in vorangegangenen acht Jahren Amerika kennengelernt hatten. Wir saugten diese dortige Kultur auf. Das Prinzip ist einfach: Wenn du gut bist, alles gibst und richtig spielst, lieben sie dich dort.“

Richtig (und gut) spielt Keith nun seit vier Jahrzehnten: der englische Tunichtgut, der aus seiner Heimat vertrieben wurde und sich in Amerika niederließ, der archetypische Schalk mit dem Totenkopf­ring, den eigentlich alle lieben. Unter den oberflächlichen Dellen, die er sich durch die verschiedenen Drogen zuzog, steckt noch immer der charmante Quertreiber, der in Dartford die Schule schwänzte.

Alles, was aus seinem Munde kam, wurde begierig kolportiert: dass die ersten Worte seines Sohnes Marlon „room service“ gewesen seien, die Mär vom Blutaustausch in der Schweiz oder davon, dass er die Asche seines Vaters geschnupft hätte. „Erstaunlich, auf was die Leute anbeißen. Aus meiner Perspektive ist das alles unglaublich lustig. Und so lange sie überhaupt noch über uns reden, interessiert mich das einen feuchten Dreck, you know what I me-ahh-ahh-nnnnng-ah… (Sein Lacheln mutiert in ein perverses Jodeln, dazu klackert das Eis, die Asche fliegt, die Arme rudern – klassischer Keith.)

„Ich bin ein Familienmensch“, sagt er dann ganz nüchtern. „Und das war ich, seit ich 26 bin. Natürlich kenne ich die Leute, die es sich einfach machen und sagen: ›Klar, Keith ist ein Wüst­ling!‹ Das kann ich ja durchaus sein, wenn mir der Sinn danach steht – wobei ich schon etwas in die Jahre gekommen bin und entsprechend kürzer trete. Ich liebe meine Familien – und ja, ich habe mehrere, und sie lieben sich alle. Ich habe unglaublich Glück gehabt mit meinen Damen, die – dem Himmel sei Dank! – alle miteinander klar kommen.

Wenn ich zu Hause bin, kann ich der geborene Gentleman sein: ›Ja, Lieb­ling, nein, Liebling!‹, genau wie jeder andere Mann auch. Unnötigen Kon­flikten geht man eben lieber aus dem Weg. Doch gleichzeitig weiß ich, dass ich – wenn sich die Gelegenheit anbietet – immer noch demonstrieren kann, was dieser Keith Richards alles drauf hat. (Er rollt die Augen, springt aus dem Stuhl und torkelt wie ein Pirat durchs Zimmer.) Aber ich bin nicht Keith Moon, der sich mit seinen Exzessen jedesmal übertreffen musste – bis er den Bogen prompt überzog. Wenn ich Bock habe, gut drauf zu sein, dann mache ich es. Und ich nehme immer ein paar Leute mit, die mir dann hinterher erzählen können, was ich angestellt habe. Manchmal glaube ich es selbst nicht, was da alles passiert sein soll, aber wenn einem 59 Leute erzählen, dass es wirklich so war, dann kann man dagegen nicht anstinken. Aber ich halte mich nicht für unkaputtbar. Nun ja, vielleicht ein bisschen. Doch ich verspürte nie den Drang, mir das selbst zu beweisen. Ich kann ein echtes Schnurrkätzchen sein. Wenn es sein muss, lasse ich mein Image allerdings gerne mal aufblitzen – vor allem, wenn ich im Restaurant eine Reservierung tätigen will.“

Damit erhebt sich Mr. Rock’n’Roll, legt den Finger zum Gruß an die Hutkrempe, schüttelt noch einmal die Eiswürfel – und ist verschwunden…

Ozzy Osbourne – Rock als Lebenselixier

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Ozzy Osbourne @ Joseph CulticeEr ist 61 Jahre alt und hat schon so manches Mal mit einem Bein im Grab gestanden.Doch Ozzy Osbourne konnte sich immer wieder aufrappeln – die Musik spielte dabei stets eine wichtige Rolle, sie gab und gibt im Kraft. Das beweist auch sein neues Album SCREAM, auf dem erstmals der 2009 eingestiegene Gitarrist Gus G. zu hören ist.

Text: Thorsten Zahn

Das Dorchester Hotel im noblen Londoner Stadtteil Mayfair gehört zu den besten Häusern der Stadt. Es herrscht gediegene Opulenz, barockes Mobiliar und goldener Stuck bestimmen die Optik. Die livrierten Angestellten sprechen mit ge-dämpfter Stimme und lesen ihren Gästen jeden Wunsch von den Augen ab. Tradition verpflichtet schließlich: General Dwight Eisenhower logierte bereits hier. Heute geht die Hollywood-Prominenz dort ein und aus. Von Richard Burton und Marlene Dietrich über Johnny Depp, Michael Jackson bis hin zu Britney Spears und Lady GaGa – die Liste der Stars ist lang. Und nun Ozzy Osbourne. Der „Madman“, wie er gerne genannt wird – wahlweise auch „Prince Of Darkness“. Dabei ist Osbourne alles andere als ein verrücktes Monster. Er erinnert eher an einen liebenswerten Patenonkel, so wie er sich mit seinem Kaffeebecher in den Sessel kauert und bedächtig den Fragen lauscht. Ab und an nimmt er einen Schluck – aber da seine Hände zittern, ist die Tasse vorsichtshalber nur halbvoll eingeschenkt worden, damit sich Ozzy nicht vollkleckert. Während des Gesprächs ist der Sänger nie allein: Stets wuseln mindestens drei Plattenfirmenangestellte durch den Raum, und im Hintergrund ist Tony Dennis zur Stelle, Ozzys langjähriger Assistent, den der ehemalige Black Sabbath-Frontmann gerne als seinen „besten Freund“ bzeichnet. Von Sharon und dem Rest des Osbourne-Familienclans ist nichts zu sehen, und auch seine Musiker sind zu Hause in den USA geblieben. Ozzy will sich ohne Unterstützung seiner Mit-Rocker ins Gespräch über das neue Album SCREAM stürzen. Viel Zeit bleibt nicht für einen Plausch, denn der Termin dauert gerade mal eine Viertelstunde…

Ozzy…
Warte mal. Bist du wirklich allen Ernstes für ein 15-minütiges Interview extra von Deutschland nach London geflogen?

Ja, klar. Ich wäre auch für fünf Minuten gekommen…
Oh, das ist aber nett.

Danke, kein Problem. Aber lass uns doch die Zeit nutzen und schnell über dein neues Album SCREAM sprechen. Du hast 2009 einen neuen Gitarristen in deine Band aufgenommen, Gus G. von Firewind. Hat er dazu beigetragen, dass sich SCREAM von deinem letzten Album BLACK RAIN unterscheidet?
Ich finde nicht, dass es große Unterschiede zwischen den Platten gibt. Schließlich habe ich wieder mit demselben Produzenten zusammengearbeitet, Kevin Churko. Aber wenn man auf die Details achtet, entdeckt man Elemente, die es auf BLACK RAIN nicht gab. Für mich persönlich hören sich einige Passagen stark nach Black Sabbath an, woran auch immer das liegen mag. Wir sind mit SCREAM einfach unserem Instinkt gefolgt, ein anspruchsvolles Album zu machen – es gab kein Kalkül.

War es dennoch anders für dich, nicht mehr mit Zakk Wylde, sondern mit Gus G. zu rocken?
Gus hat ja nicht alles allein gemacht, die meiste Arbeit hat der Produzent Kevin Churko geleistet. Von ihm stammen die meisten Gitarrenspuren und damit die Basis des Albums. Gus hat nur noch die Schnörkel drangesetzt. Ich weiß, dass Zakk Wylde große Schuhe hinterlassen hat, in die er nun schlüpfen muss. Aber man sollte ihm eine Chance geben! Ich brauchte einfach mal frischen Wind in der Band und auch in meinem Sound, deshalb haben wir uns auf die Suche nach einem neuen Gitarristen gemacht. Das war nicht leicht, es dauerte Monate. Deshalb haben sich auch die gesamten Arbeiten an SCREAM so ewig lange hingezogen. Wenn ich mich recht erinnere, haben wir insgesamt 18 Monate gebraucht, bis die elf Songs komplett fertig waren.

Hat dich Gus G. inspiriert, immerhin ist er jung und sehr talentiert?
Ja, er hat mich angespornt und motiviert. Seine Arbeit im Studio war fabelhaft, das hört man dem Ergebnis auch an. Ich war natürlich noch nicht auf einer langen Tour mit ihm, also kann ich nicht sagen, wie das werden wird. Mit Zakk lief es live immer fantastisch. Überhaupt war Zakk mehr als nur ein Gitarrist für mich: Er ist ein wundervoller Mensch und ein Freund. Es wurde viel geschrieben darüber, wie wir auseinander gegangen sind, aber ich kann dir sagen: Nichts davon ist wahr. Ich habe ihn angerufen und gesagt, dass ich einen neuen Gitarristen angeheuern möchte, und er hat es verstanden. Unser Verhältnis geht weit über die Musik hinaus. Zakk Wylde ist ein Teil meiner Familie.

Und er spielt mit Black Label Society auf der kommenden Ozzfest-Tour – da kann der Abschied nicht so schlimm gewesen sein.
Richtig. Ich werde Zakk immer in allem unterstützen, was er tut. Und wenn wir noch mal auf Gus zurückkommen: Er versucht nicht, der nächste Zakk Wylde zu werden. Gus ist Gus, und wir hatten in meiner Band schon weitaus krassere Wechsel. Ich kann mich noch daran erinnern, als Jake E. Lee das erste Mal vor mir stand, um den verstorbenen Randy Rhoads zu ersetzen.

SCREAM zeichnet sich vom Sound her durch seine metallische Schwere und seine düstere Stimmung aus. In den Texten stellst du öfter als sonst eine Verbindung zu Gott und Jesus her. Wie passt das zusammen?
Ich sehe einfach keine Hilfe von oben. Besonders deutlich wird das im Song ›Diggin’ Me Down‹: Alle warten auf den Erlöser. Aber wo ist er denn? Wann kommt er denn aus seinem Himmelreich auf die Erde und rettet uns alle? Die Zustände auf der Erde werden immer schlimmer, doch Gott oder Jesus lassen sich nicht sehen. Wir sind auf uns selbst gestellt, aber das haben immer noch nicht alle kapiert. Sie warten weiterhin auf ein Wunder.

Wer oder was hat dich beim Schreiben von SCREAM inspiriert?
Kevin Churko und ich schrieben den Titelsong ›Let Me Hear You Scream‹ direkt nach dem Tod von Michael Jackson. Erst wussten wir nicht genau, in welche Richtung wir thematisch gehen sollten und rätselten ein bisschen herum: Ein Song mit dem Titel ›Peter Pan Is Dead‹? Nein, gefiel uns nicht. ›Superman Is Dead‹? Auch keine gute Idee. Dann half uns Michael Jackson posthum auf die Sprünge, seine frühere Energie hat uns inspiriert.

Überhaupt lief bei den Aufnahmen von SCREAM vieles ganz klassisch ab, so wie früher bei Black Sabbath. Die Band traf sich im Studio, und es wurde Stück für Stück erarbeitet. Wir haben gejammt, dann eine Melodielinie ge-funden, anschließend weiter rumprobiert. Ich habe dann ein paar Songzeilen dazu geschrieben. Wir wollten schließlich ein organisch klingendes Album, kein Stückwerk. Ich finde, das ist uns aufgrund der guten Zusammenarbeit zwischen allen Beteiligten auch gelungen. Den ganzen Technik-Quatsch haben wir außen vor gelassen. Ich hasse das. Schließlich bin ich der totale Technik-Amateur, das Gefummel inspiriert mich in keinster Weise. Die Arbeit mit Menschen spornt mich an, dort bekomme ich die Kraft, um ein Album wie SCREAM zu schreiben.

Eigentlich müsstest du dir den Stress doch nicht mehr antun. Du bist Rock-Superstar, TV-Star und hast deine Kinder erfolgreich groß ge-zogen. Warum hörst du nicht auf?
Ich kam vor 42 Jahren das erste Mal intensiv und bewusst mit Musik in Berührung – damals war ich noch ein junger, knackiger Kerl (lacht). Doch auch heute fühle ich beim Singen immer noch das gleiche Feuer in mir wie früher. Wenn meine Stimme nicht mehr so mitmacht, wie ich das gerne hätte, würde ich am liebsten im Erdboden versinken und bin tierisch genervt. Denn es gibt für mich nichts Besseres, als eine perfekte Rock’n’Roll-Show zu spielen. Ich liebe es, für meine Fans zu spielen, das ist alles, worum es geht. Das kann man mit nichts auf der Welt vergleichen, und darum will auch niemand freiwillig damit aufhören!

Die Zeiten haben sich aber auch für jemanden wie Ozzy Osbourne verändert. Was vermisst du heute im Vergleich zu früher?
Früher war die Rock-Community kleiner, und die Zeit schien nicht langsamer zu vergehen. Heute ist alles so riesig und unübersichtlich geworden, es gibt einfach unglaublich viele Bands. Jede Woche werden mindestens 500 Newcomer unter Vertrag genommen. Ich kann mich noch an meine erste Goldene Schallplatte erinnern, das war ein Mega-Spektakel für mich. Mittlerweile sind solche Auszeichnungen für viele Bands scheinbar keine große Sache mehr. Es hat sich viel verändert in den letzten 40 Jahren. Beim Ozzfest merke ich immer, wie lang ich schon dabei bin. Manche Musiker werfen sich vor mir auf den Boden und sagen, dass sie nicht würdig seien, mit mir die Bühne zu teilen. Geht’s noch? Sicher, speziell Black Sabbath haben viele Menschen geprägt, aber es ist trotzdem nur eine Band. Darum rate ich allen jungen Leute: Geht auf die Bühne, nehmt das Mikrofon und schreit rein! Auch ihr könntet die nächsten Black Sabbath sein!

Während jede Menge Nachwuchstalente bereitstehen, um den Rock-Olymp zu erobern, treten auch etliche ab. Manche sterben, manche möchten schlicht ihren Ruhestand genießen. Hast du je darüber nachgedacht, wie du deine Karriere am liebsten beenden würdest?
Ich hoffe, dass ich irgendwann auf der Bühne sterbe, am besten am Ende des Zugabenteils. Und selbst dann kann es gut sein, dass mich Sharon in einem Rollstuhl zurück auf die Bretter schiebt, mit einer Bandmaschine auf dem Rücken!

Du willst also nicht schrittweise in Pension gehen, wie es die Scorpions gerade tun?
Mann, das ist kein Job wie in einer Fabrik! Im Rock’n’Roll gibt es keine Rente! Es ist das Einzige, was mich am Leben hält. Ich kann mich noch ganz genau an den Tod meines Vaters erinnern. Er wollte nie in den Ruhestand gehen, denn die Arbeit beflügelte ihn – sie machte etwas aus ihm. Als er schließlich gezwungenermaßen in Rente ging, starb er kurze Zeit später. Sein Körper hatte sich so sehr an Arbeit gewöhnt, dass er es nicht verkraften konnte, plötzlich nichts mehr zu tun. So will ich nicht enden. Ich sage immer zu Sharon, dass ich noch so lange weitermachen möchte, wie die Leute mich sehen wollen. Sollte das nicht mehr der Fall sein, würde ich mich zurückziehen – aber erst dann!

Dann kann dein Karriere-Ende noch ein bisschen auf sich warten lassen, immerhin bist du in den letzten Jahren als Solo-Künstler immer erfolgreicher geworden – hohe Chartplatzierungen und gute Verkäufe belegen das.
Exakt! Ich bin jetzt 42 Jahre im Geschäft und habe vor kurzem in Deutschland eine Goldene Schallplatte für die Single ›Dreamer‹ erhalten. Der Track ist nach ›Close My Eyes Forever‹, dem Duett mit Lita Ford, der zweite Song, mit dem ich bei euch richtig erfolgreich war.

Was bedeutet es für dich, dass du unzählige Künstler und Bands beeinflusst hat?
Berühmtheit interessiert mich nicht. Ich bin froh, dass ich noch atme! Schließlich habe ich mir im Laufe meiner Karriere so viele Drogen reingezogen, dass allein das schon an ein Wunder grenzt.

Mittlerweile hast du dem ja abgeschworen und bist unter die Gesundheitsfanatiker gegangen. Wie hältst du dich fit?
Mit Gymnastikübungen und Radfahren. Als ich vor wenigen Tagen in London ankam, war mein Körper durch den langen Flug aus den USA in solch schlechter Verfassung, dass ich erstmal ein paar Trainingseinheiten machen musste. Das hat mir auch über den Jetlag hinweggeholfen.

Als Ausgleich zu dieser körperlichen Anstrengung hast du dich auch geistig betätigt – nämlich beim Schreiben deiner Autobiografie „I Am Ozzy“ , die im Herbst 2009 erschienen ist. Wie kamst du auf die Idee?
Ich wollte das schon lange machen. Chris Ayres, der Autor des Buches, hat mir geholfen, das Projekt zu vollenden. Ich habe ihm in etlichen Gesprächen Geschichten aus meinem Leben erzählt, und immer wenn er einen Part für interessant hielt, hat er mich so lange dazu befragt, bis ich mich wieder an alles erinnern konnte – egal, ob es um meine Heimat, meine Familie oder meine Band ging. Mir war wichtig, dass das Buch einen humorvollen Unterton bekommt. Nur wenn man über sich selbst lachen kann, wird die Welt mit einem lachen.

Gibt es denn auch Phasen in deiner Karriere, die du völlig vergessen hast?
Klar, aber frag mich jetzt nicht nach Details – die weiß ich schließlich nicht mehr (lacht). Nach der Fertigstellung von „I Am Ozzy“ haben wir allerdings festgestellt, dass ich noch so viele Geschichten auf Lager habe, dass wir da-raus locker ein zweites Buch schreiben könnten. Zu-mindest der Titel stünde schon fest: „I Am Still Ozzy“.

Hat deine Frau Sharon deine Biografie gelesen?
Ja. Und sie hat die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen. Da sie aber selbst schon ein Buch geschrieben hat und meine Kinder auch, war es nichts Besonderes für meine Familie. Sänger, TV-Star, Buchautor: Jetzt fehlt nur noch, dass ich Schauspieler werde. Das ist mein nächstes Projekt – ein Film über mein Leben.

Stimmt es, dass du Johnny Depp für die Rolle des Ozzy Osbourne vorgeschlagen hast?
Nein, das wurde mir angedichtet. Ich habe zwar größten Respekt vor Johnny Depp, aber ich lasse mich bestimmt nicht von einem Amerikaner spielen. Ich möchte, dass mich jemand aus Birmingham spielt. Schließlich bin ich Engländer, kein US-Bürger…

Was geht dir durch den Kopf, wenn du heute deine Heimat Birmingham besuchst?
Bei meinem letzten Besuch dort habe ich mich zu dem Haus fahren lassen, in dem ich aufgewachsen bin. Der Besitzer bat mich herein. Ich habe sofort an meine Kindheit zurückgedacht: Damals, als ich noch ein kleiner Junge war, kam mir das Haus riesig vor, die Steinwände fühlten sich so massiv wie die einer Burg. Doch nun kam mir alles vor wie ein verdammter Schuhkarton, es ist ein klitzekleines Haus. Und da haben wir mit acht Leuten gelebt? Sechs Kinder und meinen Eltern! Unfassbar.

Gibt es noch Freunde oder Bekannte von dir, die in Birmingham wohnen?
Nein, da leben mittlerweile nur noch alte Leute. Heute ist Tony, mein Assistent, mein bester Freund. Im Grunde genommen eigentlich schon seit fast 30 Jahren.

Hast du eigentlich ein Lebensmotto?
Ich versuche, zu überleben… Ja, das wird es wohl sein. Und ich möchte aus jedem neuen Tag einen besseren machen, als es der vorherige war. In meinem Alter ist es außerdem enorm wichtig, Stress zu vermeiden, denn der bringt einen auf Dauer um.

Aber ein Ozzy Osbourne lässt sich doch nach so vielen Jahren im Musikbusiness nicht mehr stressen, oder?
Doch, sicher! Jede Plattenveröffentlichung ist für mich der pure Stress. Promo machen, um die Welt reisen und ein Album zu bewerben, das ist Wahnsinn! Ich habe gestern insgesamt 23 Interviews gegeben. Außerdem leide ich immer noch unter Lampenfieber. Jeder Auftritt treibt mich an den Rand der Verzweiflung. Jedes Mal bekomme ich Panik, dass mir die Stimme wegbleibt.

Trainierst du deine Stimme denn noch?
Logisch, denn das wird im Alter immer wichtiger. Ich arbeite daher schon mehrere Wochen vor einer Tour mit meinem persönlichen Gesangslehrer in Los Angeles ein spezielles Programm aus.

Letzte Frage: Was siehst du, wenn du dich morgens im Spiegel anschaust?
Mein Gesicht. Doch leider muss ich zugeben, dass ich meinen Babyface-Teint inzwischen verloren habe. Aber ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste…