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Special: Rock Art – Seitensprünge (Teil 2)

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Viele namhafte Musiker gehen fremd und beackern künstlerische Felder, die mit ihrem Hauptberuf rein gar nichts zu tun haben. Standen im ersten teil primär Maler, Fotografen und Schriftsteller im Mittelpunkt, so sind diesmal ausschließlich Bild-Künstler an der reihe ein kunterbunter Mix.

Gruppengründungen nach Kunststudium

Einer professionellen Betätigung als Bildender Künstler geht häufig eine entsprechende Ausbildung voraus. Gewiss überproportional viele Kunst-, Architektur und Designstudenten haben namhafte Bands gegründet: Ray Davies etwa (schrieb 1995 die semifiktionale Autobiographie „X-Ray“), Absolvent des Londoner Hornsey Col-ege Of Art, rief The Kinks ins Leben. Kunststudent Eric Burdon gründete The Animals. Roger Waters lernte während des Architekturstudiums an der Polytechnischen Hochschule in London Richard Wright und Nick Mason kennen – die Basis für Pink Floyd. Brian Eno besuchte vor der Formierung von Roxy Music die Ipswich Art School und Winchester School of Art, wogegen Bandkollege Bryan Ferry ein Kunststudium an der Universität von Newcastle upon Tyne vorweisen konnte und sogar als Kunstlehrer angestellt war. Mark Almond (belegte Kurse für Kunst und Design am Southport College) formierte Soft Cell. Kevin Godley und Lol Creme (aktuell bei der Supergruppe The Producers aktiv), die späteren Gründer von 10cc, kamen auf einer Kunstschule miteinander in Kontakt. Dort lernten sie das nötige Handwerk, um später Regie zu führen bei wegweisenden Musikclips für The Police, Duran Duran, Frankie Goes To Hollywood und die rabenschwarze, irrwitzige Rockbusiness-Comic- Satire „The Fun Starts Here Out-Takes From A Rock Memoir“ zu realisieren. The Talking Heads waren mit David Byrne, Chris Frantz, Tina Weymouth sogar hochkarätig akademisch besetzt, nachdem sie Mitte der 70er Jahre an der gemeinsam besuchten Rhode Island School Of Design zusammengefunden hatten.

BAP-Boss Niedecken: Kunst als Zufallsproduckt

Der Anteil der Art-School-Absolventen im Musikbiz hat sich im Laufe der Jahrzehnte kaum verändert. So ist der in Rinteln/Niedersachsen geborene Blur-Gitarrist Graham Coxon ebenfalls ein ehemaliger Kunststudent, während The Farm-Saitenspezialist Carl Hunter Graphik studiert hat. Gleiches gilt für Wolfgang Niedecken. Jahre vor der Gründung von BAP im Jahre 1976 studierte der Kinks-Fan zwischen 1970 und 1974 Freie Malerei an der Fachhochschule Köln. Dem Examen folgte eine fünfjährige Tätigkeit als freischaffender Künstler, inklusive eines Auslandsaufenthaltes bei Larry Rivers und Howard Kanowitz in New York. Rivers, einer der Gründerväter der Pop-Art, und Kanowitz, der mit seinen fotografischen Vorlagen in ungewöhnlichen Ausschnitten zu den wichtigsten Vertretern des Fotorealismus zählt, wurden stilprägend für Niedecken. Deshalb bezeichnet der Kölner er verfasste „Vom Umgang mit Material und Farbe“, Untertitel des Buches „Pissjääl & Kackbrung“ (Steidl Verlag) selber seine oftmals dreidimensionalen Arbeiten, die mitunter Polaroidfotos, Briefpapier und alltägliche Objekte beinhalten, als „eine Mischung aus Concept Art, Collagen und Malerei“. Ein Bild entsteht bei ihm „nicht durch zwanghaftes Nachdenken, sondern rein zufällig“. Das gilt ebenfalls für „Liebe Inge, Schöne Grüße“ „eine Art in sich geschlossenes Tagebuch, welches bekritzelte Tageszeitungen und Postkarten an meine Galeristin beinhaltet“. Während das ein Meter 50 mal zwei Meter 50 große Original längst für rund 9.000 Euro verkauft wurde, ist es als Cover von Niedeckens Solo-Einstand SCHLAGZEITEN wesentlich preiswerter zu erwerben.

02_Coverkunst The WhoCoverkunst selbstgemacht

Wer Bildnachweise und Danksagungen auf den Hüllen vieler Alben eingehender betrachtet, der wird oftmals feststellen, dass die Artworks von den Musikern selber kreiert worden sind. Ein paar Beispiele, bunt gemischt: Bassist John Entwistle zeichnete das Cover des Longplayers THE WHO BY NUMBERS, Nick Mason das der frühen Pink-Floyd-Compilation RELICS. Cat Stevens malte TEASER AND THE FIRECAT, Kurt Cobain gestaltete das Cover der Nirvana- CD INCESTICIDE, dEUS-Gitarrist Rudy Trouve die Verpackung ihres Debüts WORST CASE SCENARIO. Sinead O’Connor griff zu Farbstiften für UNIVERSAL MOTHER. Aus Joan Baez’ Feder stammt nicht nur das Cover zu ANY DAY NOW, die Folk-Ikone illustrierte auch jeden der darauf enthaltenen „Songs Of Bob Dylan“. Elvis Costello verantwortet das Artwork zu BLOOD & CHOCOLATE. Chris Rea zeichnet nicht nur für den BLUE GUITARS-Einband verantwortlich, sondern auch für die vielen Gemälde in der mit elf CDs plus DVD bestückten Box (earBOOKS/edel). Die US-Singer/Songwriterin Joni Mitchell wiederum hat diverse Hüllen ihrer Alben selbst gemalt, was zur Folge hatte, dass sie ihre künstlerischen Arbeiten mittlerweile längst international ausstellen kann. Auf ihrer Homepage erklärt sie: „Ich bin zuerst Malerin und dann Musikerin“. Auf vielen Hochzeiten tanzt auch Helge Schneider. Die Zeichnungen des bekanntlich vielseitig begabten Unterhaltungskünstlers, für die Einfachheit und ein rasanter Stil typisch sind, finden sich auf den Cover fast all seiner CDs (häufig zudem auf Konzertplakaten), wobei Lieder oft illustriert oder Bandmitglieder karikaturhaft porträtiert werden.

Gitarrist John Squire (konzentriert sich seit 2007 ausschließlich auf die Malerei) bediente sich für das Cover der Stone-Roses-Alben unübersehbar bei Jackson Pollock. Der Grund ist einfach: Angesichts der Tatsache, dass Pol- locks Gemälde „No. 5, 1948“ das derzeit teuerste Bild der Welt sein soll, lässt Squire wissen: „Wir konnten uns die Originale nicht leisten!“

Ganz andere Beweggründe trieben Perry Farrell um. Der Sänger ließ sich für die Motive auf den CD-Hüllen der Alternative-Rocker Jane’s Addiction von Skulpturen und Collagen inspirieren, die er erstellt hat. Die Motive sind stets unkonventionell und ziehen dadurch Aufmerksamkeit auf sich. Sie stellen den weiblichen Körper in den Mittelpunkt und drehen sich um die bigotte Moraleinstellung der Amerikaner. Um das Schocken geht es auch Paul Allender. Der Gitarrist sowie Komponist von Cradle Of Filth entfremdet am PC mit dem Photoshop-Programm die Aufnahmen der Fotografin Cindy Frey. So entsteht die zum Black-Metal-Sound der britischen Band passende ebenso düster-brutale, wie verführerische Verpackung. Damit alles aus einem Guss ist, kümmert sich Allender auch um das Erscheinungsbild ihrer Webseite, die animierten DVDs und das spezielle T-Shirt-Design.

03_Bob_Dylan -Self_PortraitBob Dylan: Zeichnen, was man sieht

Ganz altmodisch hingegen ging 1970 Bob Dylan vor und machte kurzen Prozess. Seinen Worten zufolge fertigte er binnen fünf Minuten das Cover von SELF PORTRAIT. Zwei Jahre früher hatte er schon das Cover für das Debüt-Album MUSIC FROM BIG PINK seiner langjährigen Begleitgruppe The Band gemalt. 1973 veröffentlichte Dylan das 368 Seiten starke Buch „Writings And Drawings“, das neben Texten auch Zeichnungen von ihm enthält. Zeichnungen, die er während seiner „Never-Ending-Tour“ durch die USA, Mexiko, Europa und Asien zwischen 1989 und 1992 erstellt hat, sind in „Drawn Blank“ (1994) zusammengefasst. Das 2008 erschienene „The Drawn Blank Series“ bietet auf 287 Seiten Kolorierungen (mit Aquarellfarben und Gouache) jener Bilder des Vorgängerbuches, die ursprünglich vorwiegend in Bleistift und Kohle angefertigt worden waren (2007 in den „Kunstsammlungen Chemnitz“, zu sehen; 300-Seiten-Katalog dort für € 25 zzgl. Versand erhältlich). Wie Dylan dabei ursprünglich verfahren ist, schildert er im Vorwort der Erstausgabe. Verwiesen wird dort auf einen Kunstprofessor, der ihm empfohlen hat, ganz einfach das zu zeichnen, was er sieht und zwar auf eine Art und Weise, die unmissverständlich alles ausdrückt, wozu einem die Worte fehlen. Sprachlos waren viele Dylan-Fans 2011, als sich bei der ersten Ausstellung von ihm in New York (Titel: „The Asian Series“) Folgendes herausstellte: Konträr zu Dylans Behauptung, dass eigene Beobachtungen die Grundlage seiner 18 Gemälde von Reisen durch Japan, China, Vietnam und Korea gewesen seien, hatte er offensichtlich in sechs Fällen bei dem Bilderportal Flickr bereits existente Fotographien als Vorlage benutzt und diese schlichtweg kopiert!

Paul Roberts: Geschichtenerzähler

Mit eigenen Arbeiten die Hüllen seiner Tonträger zu gestalten, das tut Paul Roberts, seitdem er Platten einspielt. Sein Bild „Fickle Heart“ zierte bereits das gleichnamige Debüt seiner Band Sniff’n’ The Tears. Als die Single-Auskopplung ›Driver’s Seat‹ 1978 erstmalig in die Charts schoss, wurde der Sänger/Gitarrist zusätzlich als Maler europaweit bekannt. Breitenwirksam ist Roberts’ Gemälden nicht abzusprechen. „Ich erwarte von einem Bild, dass es mich als Betrachter magisch anzieht und sofort fesselt“, betont das Multitalent. Genau das möchte der Sohn einer Künstlerfamilie („Meine Eltern haben beide gemalt“) mit seinen meist zwei mal zwei Meter großen Werken erreichen. Vorbilder sind für ihn, der sich als realistischer Maler versteht, Diego Velasquez, Otto Dix, George Grosz und Francis Bacon: „Ich versuche gleichzeitig etwas zu dramatisieren wie zu vereinfachen“.

Paul Roberts hat in seiner künstlerischen Entwicklung verschiedene Phasen durchgemacht. „Während der späten 70er beeinflussten mich Comicstrips und Groschenromane; deswegen war meine Sichtweise damals sehr durch Bildausschnitte geprägt. Außerdem habe ich viel mit Models gearbeitet, eine Situation fotografiert und diese Vorlage als Ausgangspunkt meiner Malerei benutzt. Weil mir das jedoch irgendwann zu eintönig war, habe ich von der konstruierten Darstellung mehr zu einem vielleicht etwas zynischen Karikatur-Stil gewechselt.“

Interessant ist, dass der Brite zwischen Bildender Kunst und Musik keine Verbindung sieht, sondern sie sogar als grundlegend unterschiedliche Ausdrucksformen betrachtet: „Etwas Gemaltes kann entweder inspirierend oder schlicht dekorativ sein, aber es bleibt stets nur der bildliche Weg des Informationstransfers. Musik dagegen ist, weil sie sofort ins Ohr geht, der wesentlich emotionalere Weg für Kommunikation.“ Da hat er zweifelsohne Recht, obwohl gerade seine Songtexte eine hohe visuelle Qualität auszeichnet. Würde dieses Argument mit in Betracht gezogen werden, „dann könnte man durchaus sagen, dass ich mit Hilfe von Worten Bilder entwerfe“. Seine Gemälde wiederum reizen den Betrachter, sich dazu Geschichten auszumalen. Der Kreis schließt sich.

Hatte Roberts er bevorzugt Ölfarben auf Leinwand lange die Themenschwerpunkte „Menschen im Verhältnis zu ihrer Umwelt und der Einfluss der Massenmedien auf das Leben“ favorisiert, so beschäftigen ihn seit geraumer Zeit Rollenspielsituationen oder wie er sagt „menschliche Ängste und die Schwierigkeiten, mit sich selbst und anderen klarzukommen.“ Keine Probleme indes hat die renommierte Galerie von Nicolas Treadwell in Aigen im Mühlkreis/Österreich mit dem Absatz von Paul Roberts’ zwischen zwei und siebentausend Pfund teueren Bildern. Da die Nachfrage größer ist als das Angebot, kann sich Roberts sicher sein, „immer dann mit der Malerei meinen Lebensunterhalt zu verdienen, wenn ich nicht gerade im Studio oder auf Tournee bin.“ Dennoch steht für ihn fest: „Bei mir wird die Musik immer vor der Malerei kommen!“

Captain Beefheart: Nur die Kunst zählt

Eine eindeutige Entscheidung für die Kunst hat indes Captain Beefheart getroffen. Dem wegen seiner unorthodoxen Techniken wie Malen in völliger Dunkelheit bekannten und für Acts wie Tom Waits, Talking Heads, Sonic Youth, XTC & Co. einflussreichen Avantgardisten/Egozentrikers gelang unter seinem bürgerlichen Namen Don Van Vliet, was den wenigsten als Musiker bekannten Malern beschieden war: Lob seitens der offiziellen Kunstkritiker! Sie hielten ihn wegen seiner abstrakten Bilder, die eine wilde Mischung aus Expressivität und kindlichem Trotz kennzeichnet, für einen der kreativsten zeitgenössischen Künstler. Gegenüber „ME/ Sounds“ erklärte der Kalifornier: „Ich habe mehr als ein Dutzend Platten veröffentlicht, das reicht eigentlich für zwei Leben. Ab und zu spiele ich für mich auf meiner Bass-Oboe, aber mit dem Malen bin ich viel glücklicher. So leiste ich mir den Luxus, zwei Drittel meiner Bilder nach dem Malen weg zu schmeißen und die restlichen für ein Schweinegeld zwischen 10.000 und 35.000 US-Dollar zu verkaufen!“

Paul Stanley: Drei Millionen US Dollar Umsatz

Bis zu 50.000 US-Dollar teuer sind die Originale jener Gemälde, die Paul Stanley herstellt. Der Gitarrist/-Sänger von Kiss, der die High School Of Music And Arts in New York besucht hat, beschäftigt sich seit 2001 wieder intensiver mit der Malerei. „Ich habe fernab der Musik einen Weg gesucht, mich auszudrücken“, erklärte er im Interview mit einem amerikanischen Fernsehsender. „Am Anfang malte ich nur so zum Spaß für mich. Als ich dann ein nicht signiertes Werk von mir daheim aufgehängt hatte, wurde ich erstmals gefragt, ob es zu verkaufen sei. So begann alles“. Mittlerweile ist für Stanley aus seiner musikfernen, künstlerischen Beschäftigung ein einträgliches Geschäft geworden. Allein 2008 wurden Gemälde und Skulpturen aus seiner Werkstatt in einem Gesamtwert von drei Millionen Dollar verkauft – meist an professionelle Sammler! Als Maler ist der Amerikaner, der neben Portraits der Kiss-Kollegen primär geometrische Formen fertigt, dem abstrak- ten Expressionismus der 40er und 50er Jahre zuzuordnen einer Kunstrichtung, die von Meistern wie Kandinsky, Mondrian und Paul Klee geprägt wurde.

Stu Stutcliffe: Malen statt Bass spielen

Zugunsten einer Künstlerkarriere traf dagegen Stu Sutcliffe (1940-1962) eine folgenschwere Entscheidung: Der nicht sehr talentierte Bassist beendete seine kurzzeitige Mitgliedschaft bei den Beatles und konzentrierte sich ganz auf seine Aktivitäten als Maler, dessen Stil sich anfangs am abstrakten Expressionismus orientierte und später gefühlvoller wurde. Talent war vorhanden, eine Karriere im Kunstbetrieb wurde leider durch seinen frühen Tod durchkreuzt.

05_Klaus Voormann @ Klaus VoormannKlaus Voormann: Bass spielen statt malen

Den umgehrten Weg, vom Graphiker zum Musiker, wollte Klaus Voormann gehen. Er kaufte Ende 1961 den Höfner-Bass von Stuart Sutcliffe, als sich dieser aus der Musik zurückzog. Der gebürtige Berliner hoffte, bei den Beatles einzusteigen. Daraus ist bekanntermaßen nichts geworden. Voormann, der dann in der Band von Manfred Mann spielte, wurde dennoch einer ihrer engsten Freunde und durfte bei diversen Soloprojekten von John Lennon (IMAGINE), Ringo Starr (RINGO) und George Harrison (ALL THINGS MUST PASS, CON- CERT FOR BANGLA DESH) den Viersaitigen spielen. Voormann, geboren 1938, der erst in Berlin, dann in Hamburg Kunst studiert hatte und als grafischer Designer sowie Illustrator arbeitete, entwarf 1966 während seiner Zeit in London das Cover für das Beatles-Album REVOLVER, auf dem er selbst am rechten Rand der Titelcollage zu sehen ist und das ihm 1967 einen Grammy für die beste Schallplattenhülle einbrachte. Was jener Deutsche, der unter anderem auf dem Lou-Reed-Album TRANSFORMER mitwirkte und von dem das markante Bass-Intro zu Carly Simons Hit ›You’re So Vain‹ stammt, alles erlebt hat, ist auf den 328 Seiten des reich bebilderten Buches „Warum spielst du Imagine nicht auf dem weißen Klavier, John?“ (Heyne) nachzulesen.

Bowie als bildender Künstler? Unfähig!

Der Griff zu Pinsel, Griffel, Kamera, Keramik oder sonstigen Materialien konfrontiert erfolgsverwöhnte Stars oft mit bis dahin unbekannten Realitäten. Dann nämlich, wenn sie auf Kritikerlob hoffen oder ihre Werke in Bargeld umsetzen wollen. Beispielsweise erzielten Kunstdrucke der depressiv-expressionistischen Bilder von David Bowie 1991 bei einer öffentlichen Versteigerung in New York mit 500 US-Dollar das schlechteste Ergebnis. Auch die Londoner „Mini-Retrospektive 1975-95“ des ehemaligen Art-School-Absolventen, der inzwischen auch Computergraphiken mit afrikanischen Motiven (inspiriert durch seine zweite Frau, das somalische Model Iman Abdulmajid), verchromte Kopfskulpturen, futuristische Kohlezeichnungen im Stil des provokanten, extrem teueren Gegenwartskünstlers Damien Hirst sowie traditionelle Blümchenmuster-Tapeten für das Einrichtungsunternehmen Laura Ashley gefertigt hat, stieß auf wenig Gegenliebe. Die renommierte Tageszeitung „The Guardian“ bescheinigte dem Macher, der sich an Egon Schiele, Gustav Klimt, Oskar Kokoschka und Marc Chagall orientiert, „Seelenlosigkeit, mangelnde Originalität, kurz: ziemlich unfähig“ zu sein. „Bowies Kunst ist ein Rückfall in den groben Expressionismus der 80er Jahre mit aggressiver Gestenmalerei, auf die viele Maler zurückgreifen, um ihre technische Unzulänglichkeit zu verdecken. Insofern ist Bowie kein besserer Maler als Prinz Charles. Beiden mangelt es zwar an Seele und Originalität, aber zumindest ist der Thron- folger technisch vollendet.“ Der gnadenlose Verriss des Kunstkritikers James Hall hinderte den schwerreichen Werbeguru und Kunsthändler Charles Saatchi allerdings nicht daran, zwei Originale von Bowie zu erwerben. Letzterem geht es bei seinen Aktivitäten als Bilden- der Künstler nicht um eine neue Einnahme- quelle, gilt er doch mit einem geschätzten Vermögen von 900 Millionen Euro als einer der reichsten Künstler weltweit. Bowie („Ich bin kein Sonntagsmaler! Kunst ist ein wesentlicher Bestandteil meines Lebens!“) engagiert sich gerne sozial. Deshalb stiftete er eines seiner Werke für die „War Child Charity“ eine spezielle Aktion, bei der alle zu diesem wohltätigen Zweck eingereichten Arbeiten in Verbindung zu einem Musiker oder einer Band stehen mussten. Das Ganze unterstützt haben Bono, Kate Bush, Bryan Ferry, Lou Reed und Yoko Ono sowie Paul McCartney.

06_Dieter Meier_portrait (1)Dieter Meyer: Kreatives Multitalent

Bereits bevor Dieter Meier als Sänger der 1979 gegründeten Elektro-Pop-Pioniere Yello inter- national populär wurde, war er als Künstler in vielen Bereichen kreativ: Theaterautor, Poet, experimenteller Filmemacher und Performance-Artist, der beispielsweise zum Concept-Art-Programm der documenta 5 in Kassel 1972 einen Beitrag lieferte. Der schwerreiche Sohn einer Schweizer Bankiersfamilie, der heutzutage in Argentinien die Ojo de Agua-Farm besitzt, dort Fleisch und Wein (beides mit Bio-Zertifikaten) produziert sowie in Zürich die moderne Brasserie „Bärengasse“ unterhält und zur Kon- zeptkunstgruppe Association des Maîtres de Rien gehört, war seit seiner Geburt 1945 höchst facettenreich produktiv. Welch enorme Band- breite sein vielfältiges Schaffen umfasst, machen „Out Of Chaos ein autobiographisches Bilderbuch“ (Edel, € 36) und die mit einer DVD bestückte Monographie „Works: 1968 2011 and the Yello Years“ (Buchhandlung Walther König, € 58) anschaulich. Über sein Schaffen sagt der geistreich charmante Künstler: „Alles dient der Freude an der Selbsterkenntnis im Sinne des wunderbaren Michel de Montaigne.“

McCartney als Maler? Unbekannt!

Der Ex-Beatle beschäftigt sich, weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit, seit 1983 mit Öl- und Acrylmalerei. „Beeinflusst durch die amerikanische Avantgarde des Abstrakten Expressionismus, seinen Freund Willem de Kooning, einem Wegbereiter des Action Pain- tings, und seine Verehrung für den Surrealis- ten René Magritte“, weiß Wolfgang Suttner als Ausstellungsinitiator, „entstanden in McCart- neys Ateliers mittlerweile Hunderte von groß- formatigen Gemälden. Sie tragen zum Teil autobiographische Züge. Neben abstrakten Bildkompositionen bilden Portraits und Land- schaften, aber auch Karikaturen den themati- schen Kern seines Schaffens.“ Von Pauls welt- weit erster, allgemein zugänglicher Präsentati- on der „Paintings“ (1999 im Kunstforum Lÿz, Siegen) sind noch Plakate (6 Euro) sowie der 142-seitige Katalog (20 Euro, jeweils zzgl. Ver- sand, Kontakt: Tel. 0271.333-2590) erhältlich.

08_John Lennon Brief 6_An Stuart Sutcliffe @ John Lennon Letters © Yoko Ono Lennon 2012 (2)John Lennon: Karrikaturen & Satire

Yoko Ono, zweite Ehefrau von McCartneys Beatles-Partner John Lennon, hatte einen ganz anderen künstlerischen Ansatz. Die japanisch-amerikanische Künstlerin, Filmemacherin, Komponistin experimenteller Musik und Sängerin gilt als eine der bedeutendsten Vertreterinnen der Fluxus-Bewegung. Dort zählt nicht das Kunstwerk im herkömmlichen Sinne, sondern einzig die schöpferische Idee. Zu Lebzeiten beteiligte sich Lennon, zusammen mit Yoko, verschiedentlich an solchen Projekten. Sie standen in krassem Gegensatz zu dem, was er einst gemacht hatte. Bereits im Kindesalter hatte John Lennon gezeichnet (vielfach Karikaturen) und meist satirische Texte voller Wortspiele geschrieben. Ein paar Jahre, nachdem er aus dem Liverpooler College Of Art geworfen worden war, veröffentlichte Lennon 1964 sein erstes Buch: „In His Own Write“ versammelt Kurzgeschichten, Gedichte, Schauspiele und Zeichnungen. „Bemerkenswert und außergewöhnlich lustig“, urteilte „The Times Literary Supple- ment“. 1965 erschien „A Spaniard In The Works”. Nach Lennons Tod am 8.12.1980 wurden diese Bücher veröffentlicht: „Skywriting By Word Of Mouth“ (deutsche Ausgabe: „Zwei Jungfrauen oder wahnsinnig in Dänemark“, Econ Verlag), „Ai: Japan Through John Lennon’s Eyes: A Personal Sketchbook“ und „Real Love: The Drawings For Sean“. Das Booklet zu THE BEATLES ANTHOLOGY beinhaltet ebenfalls Zeichnungen sowie Schriftstücke aus seiner Feder. Dass John selbst seine privaten Briefe, Postkarten und Notizen als kleine Kunst- werke gestaltete, ist auf den 414 Seiten des Prachtbandes „The John Lennon Letters“ (Piper Verlag, € 39,99) zu bewundern, der zahlreiche außergewöhnliche Fotos und Faksimiles enthält.

Ringo Starr: Zeitvertreib am PC

Nicht unerwähnt darf im Beatles-Kontext bleiben, dass ihr Schlagzeuger Ringo Starr ebenfalls künstlerisch aktiv ist. „Ich erstelle meine Werke hauptsächlich am Computer“, erklärt der Bewunderer von Rembrandt, van Gogh und des Pop-Artisten Peter Max. „Angefangen habe ich damit in den späten Neunzigern, während ich auf Tournee war. Dank dieser Beschäftigung hatte ich während des Aufenthalts in Hotels etwas zu tun.“ Bemerkenswert ist, dass sämtliche Erlöse aus dem Verkauf von Ringo Starrs Bildern an die Lotus Foundation Charity gespendet werden.

Superseller Summer

Während Bowie als Künstler kein Kassenknüller ist, konnte Donna Summer zu Lebzeiten voll absahnen. Was die Disco-Ikone oft auf die Schnelle im Tourbus an „Hot Stuff“ in Acryl oder Wasserfarben produzierte, vergleichen Kunstkenner nicht nur mit Picasso oder Degas, sondern ist zu Preisen zwischen 15.000 Euro (Ölgemälde) und 100.000 Euro (Skulpturen) auch ein Objekt der (Kauf)Begierde. Nach ihrem Ableben am 17. Mai 2012 soll ein Summers-Werk sogar den Spitzenpreis von einer Million US-Dollar erzielt haben! Urteil der Münchner Galeristin Andrea Tschechow: „Promi-Kunst ist Fetisch! Leute, die solche Summen zahlen, stammen nicht aus der Kunstszene. Dort hat Donna Summer nämlich keinerlei Bedeutung.“ Die Frau, die das feststellt, muss es wissen. Andrea Tschechow hat 1988 mit der Ausstellung von 30 Zeichnungen (um 1.500 Euro) sowie zehn Öl-Gemälden (ab 10.000 Euro) der Jazz-Trompeter-Legende Miles Davis bundesweit für Furore gesorgt. Die Davis-Arbeiten waren bei ihr nicht deswegen zu sehen, weil bekannte Namen ein zugkräftiges Aushängeschild für Galerien sind, „sondern weil sie uns in ihrer freien Art gefallen haben“. Trotz der enormen Publicity sind schätzungsweise nur rund drei Prozent der Besucher reine Musikfans gewesen!

09_Marilyn MansonMarilyn Manson: Appetitmacher

Zu dem Thema, dass bei derartigen „Trophäenbildern“ die Prominenz des Künstlers oft höher bewertet wird als die tatsächliche handwerkliche Qualität und allein dadurch bisweilen hohe Preise erzielt werden, meint Tschechow: „Leute, die deswegen etwas kaufen, geht es nur um die Person. Ihnen ist es egal, ob es ein Hemd oder Gemälde des VIPs ist.“ Einen ganz anderen Aspekt erkennt indes Marilyn Manson. Im Gespräch mit dem „Metal Hammer“ über seine Aquarell-Malerei, deren Originale für Preise zwischen 2.500 und 40.000 Euro über die eigene Homepage zu erwerben sind, wies der Schock-Rocker auf eine mögliche positive Nebenwirkung seiner Werke hin: „Ich bin ziemlich stolz darauf, dass sich meine jüngeren Fans so für meine Kunst interessieren. Sie wären sonst eventuell nie zu einem derart frühen Zeitpunkt mit Kunst in Berührung gekommen. Vielleicht wird sie das ermutigen, sich auch andere Sachen anzuschauen!“

Titelstory: Black Sabbath – Es ward Licht

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Black Sabbath 2013 (1a)Nach 35-jährigem Sabbat kehren Toni Iommi, Geezer Butler und Ozzy Osbourne (leider ohne Ur-Drummer Bill Ward, aber mit Rage-Against-the-Machine-Trommler Brad Wilk- immerhin bleiben die Initialen gleich) glücklich wiedervereint zurück. Und das stärker denn je: ihr neues Album 13 präsentiert alles andere als eine altersschwache, ausgelaugte Ansammlung von Rock-Veteranen, die ihren Zenit längst überschritten haben. Black Sabbath 2013 klingen so frisch und faszinierend wie am Anfang ihrer Karriere und wurden obendrein tiptop von Meister Rick Rubin produziert. ende gut, alles gut wären da nur nicht die schwelende Ungewissheitt ob Toni Iommis Krebserkrankung. Und der personifizierte Wahnsinn namens Ozzy Osbourne.

Back Sabbath. Diesen Bandnamen umweht etwas Magisches. Zum einen, weil er auch nach 40 Jahren noch immer zu den prägnantesten, bedeutungsschwangersten und unheilvollsten der Musikgeschichte zählt. Zum anderen, weil Black Sabbath wohl wie kaum eine zweite Rockband den Anti-Sabbat zelebriert haben: Dass alle Ur-Mitglieder dieser Band im Jahr 2013 noch über die Erde wandeln, ist erstaunlich. Findet auch Ozzy Osbourne, erster und vermutlich auch letzter Sänger der Band: „Dass wir alle noch leben, ist ein Wunder“, sagt er im Interview.

Und dann auch das noch: Anfang 2012 wird bei Toni Iommi Lymphdrüsenkrebs diagnostiziert nur zwei Monate nach der von Rockfans auf dem ganzen Erdenrund frenetisch gefeierten Verkündung der Sabbath-Reunion mit Ozzy am Mikro. Und anderthalb Jahre nach dem Tod eines anderen großen Sängers der Band, Ronnie James Dio durch Krebs, wohlgemerkt. Steht die jüngste Wiedergeburt dieser legendären Band unter einem dunklen Cancer-Stern? Haben Sabbath ihre sieben Leben aufgebraucht?

Schwarzer Sabbath in der Sonne Malibus

Das Szenario unseres Treffens mit Black Sabbath will so gar nicht zur Aura passen, die diese legendäre Band umströmt: An einem herrlichen Januar-Sonnentag (mit knapp 30° Celsius) haben Ozzy Osbourne und Geezer Butler zur Audi(o)enz in die legendären Shangri-la Studios in Malibu geladen, wo 13 gerade unter der versierten Knute von Star-Produzent Rick Rubin zu einem blutrot funkelnden Edelstein geschliffen wird. Wenn man vom zotteligen Teufel spricht: Da kommt der wandelnde Bart, der auf diesem Anwesen unter anderem Metallicas DEATH MAGNETIC, The Gossips MUSIC FOR MEN, ZZ Tops LA FUTURA und Adeles Überalbum 21 produziert hat, auch schon um die Ecke geschlurft. In kurzen Hosen und Badelatschen und mit einem freundlichen „Hi.“ auf den (überwucherten) Lippen ein Bild für die Ewigkeit und doch so angenehm normal auf dieser skurrilen Audio-Ranch, auf der die Zeit stillzustehen scheint. Vom vielleicht 500 Meter entfernten Ozean kriechen eine angenehme Brise und sanftes Meeresrauschen die Hügel hinauf. Hier lässt es sich gut aushalten: Irgendein unerkannter Musiker setzt sich mit seiner Gitarre in die Mittagsglut und spielt eine lässige Weise, Rubin selbst fläzt sich auf den Rasen und lässt sich die Sonne auf den Wanst braten. Aber lässt sich hier auch gut das sehnlichst erwartete Comeback-Album der vielleicht einflussreichsten Rockband der letzten 40 Jahre ausbaldowern? Ist hier nicht alles ein bisschen zu Laissezfaire für die Genesis des neuen Höllenwerks der Rock- und Metal-Ikone Black Sabbath?

0 RBegegnungen der 3.Art

Auch der Interviewraum ist so gar nicht Black Sabbath: Die Wände sind mit dem grellsten Weiß gestrichen, das der Baumarkt hergab. Kein Wunder, dass Ozzy eine Sonnenbrille trägt. Der Prince of Darkness hat sich in die rechte Ecke eines Dreiersofas gequetscht und guckt, als würde er gerade keinem Journalisten, sondern einem Außerirdischen vorgestellt. Komisch, dabei ist es doch eigentlich er, der wie ein Alien wirkt: Mit einer Melone auf der

Birne, violett verspiegelten runden Brillengläsern und dem Arm in einer gigantischen Armschlaufe er hatte kürzlich eine Hand-OP. Hinzu kommt, dass er mit einem außerirdischen Dialekt „spricht“, den man wohl nur mit einem Babelfisch im Ohr komplett dechiffrieren kann. Kein Wunder, dass an diesem Tag selbst muttersprachliche Interviewer unter Ozzys „Black Sabbelth“-Kauderwelsch ächzen. Der Verständlichkeit auch nicht gerade zuträglich ist zudem, dass der Melonenmann in den ersten Minuten des Interviews genüsslich einen Apfel kaut, wäh- rend er spricht. Irgendwie wartet man nur darauf, dass sich endlich jemand von der „Versteckten Kamera“ zu erkennen gibt vergebens. Immerhin: Geezer ist ja auch noch da und hockt in der äußersten linken Ecke besagten Sofas. Mit diesem maximalen Sicherheitsabstand wirken die beiden fast wie ein entfremdetes Paar beim Eheberater. Der Sabbath-Bassist bestellt sich erst mal einen Tee mit Sojamilch (light!) und kann sich ein ums andere Mal das Schmunzeln nicht verkneifen, wenn Kollege Ozzy in fremden Zungen nuschelt. Gitarrengott Toni Iommi ist leider nicht im sonnigen L.A., sondern hat sich aus Genesungsgründen ins arschkalte England begeben. Alle sechs Wochen musste das einzige ständige Black-Sabbath-Mitglied nach seiner Lymphdrüsenkrebsdiagnose im vergangenen Jahr zur Chemo-und Strahlentherapie. Und hat die Krankheit hoffentlich bald endgültig besiegt. „Jedes Mal, wenn er von der Chemo kam, war er für eine Woche ausgeknockt“, erinnert sich Geezer. „Doch dann zog es ihn sofort wieder ins Studio zurück, wo wir dann gemeinsam weiter an den Songs arbeiteten. Das gab ihm die Möglichkeit, sich vom Krebs abzulenken. Und für uns war es inspirierend, ihn mit dieser ‚Ich werde ihn besiegen‘-Einstellung am neuen Album arbeiten zu sehen.“ Auch Ozzy ist immer noch beeindruckt, mit welchem Willen sich das Sabbath’sche Mastermind gegen die tückische Krankheit stemmte: „Toni hat den Krebs akzeptiert. Er hat sich nicht in die Ecke gesetzt und geheult ‚buhuhu, ich habe Krebs‘, sondern hat seinen Arsch in Bewegung gesetzt und gekämpft. Und ich denke, er hat gesiegt dank seines Willens und guter Ärzte. Ich bewundere ihn dafür, dass er so tapfer ist. Früher dachte ich immer, Krebs wäre ein Todesurteil. Nicht viele Leute haben diese Krankheit überlebt.“ Vor 40 Jahren mag es so gewesen sein, heutzutage ist eine Krebsdiagnose dank Früherkennung und fortgeschrittener Medizin aber glücklicher weise nicht immer automatisch mit einem Todesurteil verbunden, wie Ozzy bereits vor zehn Jahren erfahren durfte, als bei seiner Frau (und Managerin) Sharon Darmkrebs festgestellt wurde. Eine Zeit, in der auch er kurz vor dem Abgrund stand mal wieder. „Ich dachte, sie stirbt, da ich niemanden kannte, der Krebs überlebt hatte“, erinnert sich der Sänger an eine ziemlich finstere Episode in seinem an finsteren Episoden nicht eben armen Leben.

The Prince of Drugness

Wie Ozzy am 16. April auf seiner Facebook-Seite beichtete, ist die letzte davon gar nicht lange her: „In den letzten anderthalb Jahren habe ich getrunken und Drogen genommen. Ich war an einem sehr finsteren Ort und habe mich gegenüber den Menschen, die ich am meisten liebe, wie ein Arschloch verhalten: meiner Familie. Ich kann nun aber guten Gewissens behaupten, seit 44 Tagen nüchtern zu sein. (…) Ich möchte mich bei Sharon, meiner Familie, meinen Freunden und meinen Bandkollegen für mein verrücktes Verhalten während dieser Zeit entschuldigen… und bei meinen Fans.“ Und vielleicht auch noch beim CLASSIC ROCK-Journalisten, dem er Mitte Januar noch stolz erzählte: „Wir haben ungefähr fünfmal versucht, uns wieder zusammenzutun. Diesmal hat es funktioniert, weil keiner von uns Drogen genommen oder gesoffen hat.“ 16. April minus 44 Tage gleich Anfang März 2013 als wir Sabbath also Mitte Januar auf der Shangri-la Ranch in Malibu trafen, muss Herr Osbourne noch kräftig hingelangt haben bei den einschlägigen Substanzen. Wer weiß, ob der Osbourne’sche Hausbrand, der zwei Tage vor dem Interview aus- brach und Ozzys Augenbrauen versengte, tatsächlich durch eine von Sharon vergessene brennende Kerze ausgebrochen ist. Flunkerei hin oder her: Wenn Ozzy die letzten anderthalb Jahre unter Alkohol- und Drogen-Einfluss stand, muss demnach auch das komplette 13-Album in diesem Zustand entstanden sein. Vielleicht erinnert es mit seiner umwerfenden Unmittelbarkeit und seiner düsteren Wucht ja auch deswegen an große Sabbath-Werke wie PARANOID von 1970 oder das ein Jahr später veröffentlichte MASTER OF REALITY. Schließlich hat die junge Band damals alles geraucht und eingeworfen, was ging. „Du hast vier Jungs, die in Backstage-Räumen leben. Gib ihnen ein bisschen Geld und sie fragen sich ‚Sparen oder ausgeben?‘ Wenn sie es ausgeben, kaufen sie sich Crack oder Bier etwas, womit sie Spaß haben. So war es auch bei uns damals, wir dachten ‚Super, wir können Bier, Alkohol und Pot haben alles, was wir wollen!‘ Wir haben einfach diesen Lebensstil gelebt, das ist ein ganz normaler Vorgang. Ich sage natürlich nicht, dass es eine gute Idee ist, sich jeden Tag eine Unze Kokain reinzuknallen, aber wenn sich dein Lebensstil gewandelt hat, du aus bitterer Armut kommst und plötzlich Geld, ein Auto und ein Haus hast, glaubst du, dass dir die Welt zu Füßen liegt, und beginnst damit, dir ein bisschen Spaß zu verschaffen. Wenn du das überlebst, fragst du dich irgendwann: ‚Moment mal, ich dachte, dass Kokain schnupfen Spaß macht? Was war nicht in Ordnung mit mir?‘ Das gehört aber ein- fach zum Erwachsenwerden dazu.“ Auf den Einwand, dass regelmäßiger Drogenmissbrauch sicher nur im Rock’n’Roll- Business zum Erwachsenwerden dazugehört und nicht jeder Normalbürger in seiner Jugend mit Kokain in Kontakt kommt, hat Ozzy eine plausible Erklärung parat: „Für dich war einfach nichts mehr übrig das haben wir schon alles genommen.“ Und er lacht, herrlich. Vermutlich muss man Black Sabbath also dankbar sein, dass sie den anderen damals einen Großteil des vorhanden Kokains weggeschnupft und sie so vor einer unheilvollen Drogenkarriere bewahrt haben. Danke, Sabbath!

sabbath24 Minuten Gänsehaut

Aus der Vergangenheit zurück in die Gegenwart, zur Shangri-la Ranch. Dort befindet sich, von dornigen Ranken über- wachsen, ein geschichtsträchtiges, stillgelegtes Vehikel: Der alte Tourbus des großen Bob Dylan, der inzwischen zum „Studio B“ des Anwesens umfunktioniert und mit tonnenweise Mischpults und Boxen vollgepumpt wurde. Hier bekommen die wenigen handverlesenen Journalisten aus aller Welt die ersten Töne von 13 zu hören, namentlich die Songs ›End Of The Beginning‹, ›Epic‹ und ›God Is Dead?‹, der im April als erste Singleauskopplung veröffentlicht wurde und weltweit bei Fans und Kritikern Begeisterung auslöste. Ein langsamer, bedrohlicher Track, der mit seiner morbiden Faszination und ominösen Schwere an jene Black Sabbath erinnert, die sich Anfang der 70er Jahre aufmachten, eine der einflussreichsten Bands der Rockgeschichte zu werden. Nach dem schleichenden Beginn explodiert der neunminütige Track plötzlich mit einem Iommi-Monster-Riff. Kein Wunder, dass Ozzy in höchsten Tönen von Tonis Arbeit schwärmt: „Ich bin verflucht, wenn ich weiß, wie er auf diese ganzen Riffs und alles gekommen ist ich an seiner Stelle wäre so mit dem Gedanken an Krebs beschäftigt gewesen, dass ich nichts auf die Reihe bekommen hätte. Seine Arbeit ist einfach fantastisch, dieser Kerl hat Erstaunliches auf diesem Album abgeliefert. Ich habe zu ihm gesagt ‚Scheiße, ich hole mir auch ein bisschen von deinem Krebs, vielleicht fällt mir dann eine bessere Gesangslinie ein‘.“ So ist er, der Prince of Darkness: Nimmt nie ein Blatt vor den Mund, wirkt dabei zwar manchmal etwas unsensibel und daneben, aber dennoch irgendwie liebenswert. Wie heißt es so schön: Lachen ist die beste Medizin.

Auch die zweite Album-Kostprobe, ›End Of The Beginning‹, klingt wie eine Selbst-Hommage an die Sabbath-Anfangstage: Mit bis zur Unerträglichkeit gedrosseltem Tempo walzt der mit acht Minuten ebenfalls überlange Track durch den Ohrkanal und erweist sich als vielschichtiges Songepos mit gewaltig donnernder Grandezza, dessen Riffs einem die Gedärme verknoten. Dritter fertig produzierter Song im Bunde ist der programmatisch

betitelte Siebenminüter ›Epic‹, der sich mit Tonis matschig wummernden Riffs und Geezers verspielten Bass-Lines zu einer bombastischen Wall of Sound hochschaukelt, die alles niederreißt, was sich ihr in den Weg stellt. Ein unheilvoller, irgendwie aber auch erhebender Song, obwohl Texter Geezer das etwas anders sieht: „Auf jedem der Tracks geht es um die dunklen Seiten des Lebens, um unser aller Sterblichkeit was natürlich auch von Tonis

Kampf mit dem Krebs beeinflusst ist. Erhebend oder hoffnungsvoll ist hier nichts.“ Hier ist alles tot selbst Gott. Stichwort Sterblichkeit: Was kommt nach dem Tod, Ozzy? „Du stirbst, verrottest und verschwindest. Ich glaube nicht, dass es ein Leben nach dem Tod, einen Himmel oder eine Hölle gibt. Wenn es einen Gott gäbe, müsste der inzwischen doch total angepisst sein, wenn da Tag für Tag Abertausende vor seiner Tür stehen und fragen ‚Darf ich rein?‘ der wäre doch nur am Arbeiten!“ Und wenn einer eine Ahnung davon hat, wie es nach dem Tod weiter geht, dann doch wohl Ozzy, schließlich hat er dem Sensenmann oft genug ins Auge geblickt. „Ich hatte bestimmt mehr Nahtoderfahrungen als Evil Knievel“, glaubt Ozzy.

Hohe Erwartungen

Unsterblich sind Black Sabbath ohnehin schon längst. Stellt sich die Frage, warum sie nach all den Jahren und unzähligen Besetzungswechseln nun noch einmal in Urbesetzung ein weiteres Album aufnehmen. Besser gesagt: aufnehmen wollten schließlich ist Trommler Bill Ward entgegen ursprünglicher Bekundung nun doch nicht mehr dabei. Nach eigener Aussage, weil ihm kein akzeptabler Vertrag vorgelegt wurde. Ein Thema, zu dem sich Ozzy eher bedeckt hält. „Unglücklicherweise hat es mit Bill nicht geklappt, was mir sehr leid tut. Aber ich habe mit dem Business nichts zu tun, ich bin Sänger in einer Band namens Black Sabbath. Meine Frau ist meine Managerin, sie konnten sich nicht einigen, ich habe keine Ahnung, warum, und möchte darin auch nicht verwickelt werden. Ich liebe Bill, er ist mein Bruder. Aber das Leben geht weiter, so ist das Geschäft. Im Ernst: Ich mische mich da nicht ein und habe keine Ahnung davon. Ich bin keiner Rock’n’Roll-Band beigetreten, um Buchhalter zu werden.“ So sind es dann also doch nur drei Viertel der Sabbath-Gründer, die sich 45 Jahre nach ihrer Band-Geburt (als The Polka Tulk Blues Band) zu neuen Heldentaten aufschwingen. Und wenn schon nicht mit Bill Ward an den Drums, dann doch immerhin mit einem überaus fähigen (Studio-)Ersatzmann: Brad Wilk hat als Schlagwerker von Rage Against The Machine und Audioslave schließlich ebenfalls Kultstatus erlangt. Freilich keinen so großen wie jener Mann, der bei zehn der ersten elf Sabbath-Alben am Kit saß. Praktisch: Immerhin bleiben die Spind-Initialen die gleichen.

Bedenken, den großen Erwartungshaltungen einer Reunion mit Ozzy am Mikro nicht gerecht werden zu können oder das große Erbe dieses Line-ups mit einem Flop zu schmälern, hatten die drei Rock-Veteranen dabei nicht. „Das ist ein gutes Album. Wenn es das nicht wäre, würden wir es nicht veröffentlichen. Uns ist klar, dass uns auch viele dafür kritisieren werden, aber du kannst einfach nicht jeden zufrieden- stellen. Alles, was zählt, ist, dass du dich selbst zufriedenstellst und dir selbst treu bleibst. Ob sich die Platte dann einmal oder eine Million Mal verkauft, ist Nebensache. Den gleichen Impact wie damals kannst du ohnehin nicht mehr haben, weil es nicht mehr den Schock des neuen hat!”

Allerdings hat 13 oder zumindest die 24 (von insgesamt 53) Minuten von 13, die wir hören durften den Schock des Unerwarteten: Dass Sabbath mit Mitte 60 und unter diesen verheerenden Umständen etwas derartig Gewaltiges abliefern würden, davon konnte jeder Rock- und Metal-Fan nur träumen. „Mir scheint es so, als würden die Leute denken, dass wir uns hingestellt und gesagt haben ‚Okay, lasst uns die 2013-Version von Black Sabbath machen’“, meint Ozzy. „Aber wir hatten wirklich Spaß daran, wussten instinktiv, dass wir da etwas Gutes erschufen, und haben all unsere Zeit und Energie in dieses Album hineingesteckt, um das Beste aus uns herauszuholen. Spaß haben und ein gutes Album machen, das war mein Motto, als ich ins Studio gegangen bin. Wenn ich mich schlecht fühle, funktioniert das nicht dann liefere ich den größten Scheiß aller Zeiten ab.“

Der Rubin Faktor

Ein wesentlicher Faktor dafür, dass 13 das geworden ist, was es geworden ist, trägt einen wild wuchernden, grauen Rasputin-Bart. Zwar hatten Sabbath bereits 2001 einen Versuch unternommen, gemeinsam mit Rick Rubin ein Reunion-Album zu machen. Doch glaubt man Geezer, ist es ganz gut, dass die Ergebnisse dieser Sessions nie das Licht der Welt erblickt haben und für immer in der Gruft versenkt wurden. Wenn Musiker nicht mit Haut und Haar bei der Sache sind, kann selbst ein Meister-Produzent wie Rick Rubin nichts Brauchbares aus ihnen herauskitzeln auch dann nicht, wenn es sich um Musikgötter wie Toni Iommi, Geezer Butler und Ozzy Osbourne handelt. Beim zweiten Versuch war nun alles anders, zum Glück. „Als wir uns diesmal mit Rick trafen, hat er uns zunächst unser Debütalbum vorgespielt und gesagt: ‚Denkt an dieses Album, wenn ihr die neuen Songs schreibt. Kopiert oder parodiert es nicht, sondern versucht einfach nur, diesen Geist wiederzufinden als würdet ihr die Songs live in einem Pub spielen.‘ Und genau so sind wir die Sache dann auch angegangen. Einiges hat funktioniert, anderes nicht, doch als wir uns einmal eingegroovt hatten, lief alles wie am Schnürchen.“ Wie schon bei so vielen anderen Künstlern fungierte Rubin auch bei den Fürsten der Finsternis als perfekte Schnittstelle zwischen Mensch und Maschine und verpasste den Songs einen herrlich kernigen Sound, der einen wunderbaren Antipol zum auf Hochglanz polierten und deswegen oft viel zu klinischen Klang vieler anderer Rock-Alben der jüngeren Zeit darstellt. Stichwort: Pro Tools Software, von der Ozzy eigentlich kein großer Freund ist. „Pro Tools kann dich wie aus einer anderen Welt klingen lassen. Rick hat das Album damit aber so aufgenommen, als würde er es auf Tape aufnehmen. Er war stets darauf bedacht, dass man hört, dass da eine Person ist, die das Instrument spielt Finger, die auf dem Steg auf und ab gleiten oder die Saiten bedienen, Dinge, die real klingen. Nicht dieses elende Polieren eines Albums, damit es möglichst perfekt klingt. Wie es zum Beispiel die Produzenten von Def Leppard immer gemacht haben. Das waren großartige Alben, keine Frage, aber sie waren einfach zu glattpoliert.“ Ozzy spricht: Die Perfektion liegt in der Imperfektion. Und was Ozzy spricht, ist Gesetz. Es sei denn, er flunkert mal wieder.

Als weiterer Vorteil beim Schreiben von 13 stellte sich heraus, dass Toni anders als bei früheren Unterfangen bereits mit einem dicken Sack voller Riffs ins Studio kam und man ausnahmsweise mal nicht bei Null anfangen musste. Gemeinsam diskutierte man seine Ideen, erweiterte sie, jammte ein bisschen und hatte einen Song. Und ein mächtiges Album, mit dem sich ein Kreis schließt. „Ich wollte das alles schon immer mit der Original-Band beenden“, erklärt Geezer. „Das war immer mein Ziel: Das alte Lineup für ein letztes Album und eine letzte Tournee zusammenzutrommeln.“ Moment mal, stehen die Zeichen etwa schon wieder auf Abschied? „Mal sehn, vielleicht kommt noch mehr“, beruhigt der Bassist. Und Dollar-Zähler Ozzy ergänzt: „Wenn es ein Erfolg wird, machen wir noch eins.“

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Triskaidekaphobiker können Black Sabbath jedenfalls nicht sein, sonst hätten sie ihr Wiedervereinigungswerk nicht 13 genannt. Doch… warum dann? Es ist nicht ihr 13. Studioalbum, soviel steht fest. Berechnungen von Historikern zufolge müsste es eher ihr 19. sein. Ursprünglich hatte man zwar 13 Songs zur Auswahl und dem Ganzen daher den Arbeitstitel 13 verpasst, doch Anfang des Jahres ist diese Zahl noch angewachsen, wie Ozzy bekräftigt. „Wir haben 16 Songs, aus denen wir wählen können.“ Dann bleibt ja nur das Geburtsjahr des Babys – doch wenn das der einzige Hin- tergrund dieses Titels sein soll, dann ist er eher schwach. Findet auch Ozzy: „Ich möchte es nicht 13 nennen, damit fühle ich mich überhaupt nicht wohl. Außer- dem haben Megadeth schon ein Album mit diesem Titel rausgebracht. Ich denke, wir können uns etwas Besseres einfallen lassen als 13. Vielleicht 666?“ Ein Vorschlag, der bei seinen Kollegen anscheinend nicht auf Gegenliebe stieß: Das neue Album von Black Sabbath heißt nun offiziell 13. Entweder hat sich Ozzy breitschlagen lassen oder er scheint als verlorener Sohn nicht so viel Einfluss auf seine Band zu haben, dass diese sein Unwohlsein bezüglich des Titels respektiert hätte. Überhaupt muss man sich fragen, wie die Ur-Sabbath nach all den bewegten Jahren, in denen auch Geezer die Band diverse male verlassen hat, funktionieren. Kann man nach all dem einfach so wieder Vertrauen zueinander fassen? „Die Leute denken immer, dass wir 30 Jahre nicht miteinander gesprochen, uns nie gesehen und einander gehasst hätten. All das stimmt.“ Und da ist es wieder, dieses seltene, trockene, aber irgendwie charmante Ozzy-Lachen. „Nein, wir haben immer noch miteinander gesprochen und uns gesehen, wir haben ja auch nicht in unterschiedlichen Ländern gelebt. Dass die Band viele Jahre mit anderen Sängern unterwegs war, kümmert mich nicht mehr so etwas passiert. Zum Glück sind wir alle noch am Leben. Ich denke nicht mehr an die Vergangenheit. Das war ein anderes Ich, ich war damals ständig voll.“ Gut, das war der Prince of Darkness wohl auch dieses Mal, aber bei 13 scheint es immerhin einen positiven Einfluss auf die Kunst von Black Sabbath gehabt zu haben. Doch es sollen tatsächlich keine alten Zwistigkeiten aufgekommen sein? Immerhin hatten sich Toni und Ozzy 2009 noch gegenseitig über die Verwendung des Namens Black Sabbath verklagt. „Er hat mich verklagt, ich hab ihn verklagt, er hat mich verklagt das ist Schnee von gestern. Das Schöne an dieser Reunion ist, dass wir sehr ehrlich miteinander umgehen.“ Wahre Männerfreundschaften sind eben unkaputtbar. Manchmal.

Dio

Eine echte Männerfreundschaft pflegten Ozzy Osbourne und Ronnie James Dio, Sänger bei den Alben HEAVEN AND HELL (1980), MOB RULES (1981) und DEHUMANIZER (1992) und 2007 auch bei der gefeierten Sabbath-Inkarnation Heaven And Hell dabei, wohl nie. Dio starb am 16. Mai 2010 an Magenkrebs und wurde am 30. Mai im Rahmen eines öffentlichen Gedenkgottesdienstes beige- setzt, der im Internet übertragen wurde. Ozzy schaute zu und war „entsetzt, wie diese Jesus Freaks sein Begräbnis entweiht“ hätten (genau genommen waren es ein paar Hasser von der Westboro Baptist Church). „So etwas Respektloses habe ich noch nicht erlebt“, schnauft Ozzy. „Dieser Mann ist tot und kann ihnen nicht mal ein ‚fickt euch!‘ entgegnen. So was hat auch nichts mehr mit freier Meinungsäußerung zu tun die haben ihn als Schwuchtel und Satanisten beschimpft. Bei seinem Begräbnis, das ist absolut widerlich. Ronnie James Dio hat keine Schwarze Magie praktiziert, genau so wenig wie Black Sabbath das je getan haben. Es geht um Theatralik, um Entertainment! Ronnie war ein großartiger Sänger diese Menschen sind abscheulich. Dieses Land dreht durch.“ Geezer wirft ein: „Stell dir vor, was erst bei deiner Beerdigung los sein wird.“ „Ich werde brennen“, sagt Ozzy und beißt einer lebenden Taube den Kopf ab. Okay, jetzt haben wir ein bisschen geflunkert. Im Sinne der Theatralik. So oder so: Lang leben Black Sabbath!

Queens of the Stone Age – Einmal Hölle und zurück

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Sechs Jahre nach ERA VULGARIS meldet sich Josh Homme mit einem Paukenschlag zurück: Auf dem fünften Album der Queens tummeln sich Gäste wie Elton John, Dave Grohl und Trent Reznor – und tiefentherapeutische Texte, die die schlimmste Phase seines Lebens reflektieren.

QOTSA by Nora LezanoEr ist ein Baum von einem Kerl: Joshua Michael Homme, gerade 40 geworden, misst nicht nur stattliche 1,90 Meter, sondern hat auch die Statur eines Holzfällers: Breitschultrig, muskulös, mit dezentem Bauchansatz. Und natürlich erscheint er nicht im Sportwagen, Hybrid-Familienfahrzeug oder per Limo, sondern kommt mit einer Falcon angeknattert. Ein Nachkriegsmotorrad, auf dem er mit silbernem Helm, hellen Lederhandschuhen, offenem Hemd und breitem Grinsen etwas geradezu Diabolisches hat. „Die einzige Möglichkeit, den Straßenverkehr von Los Angeles zu überleben, ist den Leuten Angst zu machen. Nur dann verhalten sie sich entsprechend vorsichtig.“

Eine Philosophie, die er nicht nur auf dem heißen Asphalt, sondern in allen Bereichen seines Lebens wie Musizierens anwendet. Denn der Mann aus Palm Desert ist ein Unikum: ein Dickkopf, Querdenker und Totalverweigerer. Obwohl er durch seine Arbeit mit Kyuss, Them Crooked Vultures, den Queens sowie zahlreichen Gastauftritten bei berühmten Kollegen längst Promi-Status genießt, hält er sein Privatleben mit Ehefrau Brody Dalle (Spinnerette) und zwei kleinen Kindern komplett unter Verschluss, ist nicht Teil des Hollyweird Way Of Life und verweigert sich konsequent den Mechanismen der Musikindustrie. Sprich: Er produziert seine Alben im eigenen „Pink Duck“-Studio, schielt nicht auf die Welt der Charts und Mehrzweckhallen und veröffentlicht lieber bei einem Renommier-Indie als einem Major-Label, wo er permanenten Ärger wittert. „Ich habe keine Lust auf diese unsinnigen Diskussionen, wie ein Album klingen muss, um sich auf dem Markt zu behaupten, oder welch cleverer Marketingstrategien es dazu Bedarf. Das ist doch alles Blödsinn, der das Wichtigste komplett übersieht: Die Qualität der Songs und die Umsetzung der künstlerischen Vision. Das ist es, worauf es ankommt. Aber nicht, welches Supermodel sich in deinem Video räkelt, wer das Ganze remixt oder ob da Will.I.Am mitwirkt.“

Starke Worte, denen er auf …LIKE CLOCKWORK, dem ersten Queens-Album seit 2007, ebensolche Taten folgen lässt. Nämlich zehn Songs, die zum einen ein breites Spektrum zwischen Garagenrock, 70s Glam, New Wave, Cabaret, bewusstseinserweiternder Psychedelia, bombastischen Balladen und purer Avantgarde abdecken, aber auch das wahrscheinlich Intimste, Persönlichste und Therapeutischste sind, was Homme je veröffentlicht hat. Aus gutem Grund: Die Jahre 2008 bis 2011 waren die schwierigsten seines Lebens. Angefangen bei endlosen Touraktivitäten zu ERA VULGARIS über die Rolle als Sänger/Gitarrist und Texter der Supergroup Them Crooked Vultures (mit Dave Grohl und John Paul Jones) bis hin zu einem schweren Motorradunfall und atmosphärischen Spannungen innerhalb der Queens. „Ich rede nicht gerne darüber. Einfach, weil ich nicht wie eine gottverdammte Sissy rüberkommen will, die gar nicht weiß, wie gut sie es im Leben hat. Außerdem sprechen die Texte für sich: Ich habe noch nie so viel über meine Unsicherheit und Zweifel verraten. Wer ein bisschen Zeit investiert und genauer hinhört, merkt sofort, wie verwundbar und fertig ich zu der Zeit war, als sie entstanden sind. Denn ich lasse da wirklich alles raus und verstecke mich nicht. Ich erzähle, wie wichtig mir meine Familie ist, wie ich nach Ruhe und Geborgenheit suchte, wie ausgepowert ich vom Touren und der Doppelbelastung zweier Bands war und welchen Effekt der Motorradunfall hatte, bei dem ich 2010 fast gestorben wäre. Das sind alles Sachen, die wirklich heftig waren.“

Also düsterer Stoff, der aber auch helle, witzige und selbstironische Momente aufweist. Wie den Albumtitel, der einen fast zweijährigen Studioaufenthalt samt diversen fehlgeschlagenen Anläufen, personellen Umbesetzungen (Ausstieg von Drummer Joey Castillo) und wachsender Verzweiflung ganz lakonisch mit einem „alles im Zeitplan“ kommentiert. „Es ist purer Galgenhumor“, lacht Josh. Wobei die Sessions, die ihn mehr als einmal an seine Grenzen geführt haben, aber auch zahlreiche Höhepunkte hatten. Darunter die Gastauftritte von Trent Reznor (NIN), Alex Turner (Arctic Monkeys), Mark Lanegan sowie Sir Elton John. „Sein Chauffeur ist ein ehemaliger High-School-Buddy von mir. Und weil Elton scheinbar gerne die Queens beim Autofahren hört, bot er ihm an, mich einfach mal anzurufen. Was dazu führte, dass ich irgendwann Elton John am Hörer hatte, der mir erzählte, dass er unbedingt etwas mit mir machen wolle. Zuerst hielt ich das für einen Scherz und war sehr kurz angebunden. Aber dann meinte er mit seinem urenglischen Akzent: „Es wird höchste Zeit, dass bei euch mal eine echte Queen mitspielt.“ Da musste ich lachen. Und ein paar Tage später war er dann bei uns im Studio, hat sich zuerst wie eine richtige Diva benommen, die tausend Sonderwünsche und zig Assistenten im Schlepptau hatte, aber dann auch fast sechs Stunden mit uns jammte. Eben wie ein richtiger Musiker, der quasi auf Zuruf spielt, ein extrem breites Spektrum beherrscht und tolle Ideen hat. Ich habe die Zeit mit ihm sehr genossen – genau wie Dave, der ebenfalls dabei war, und ein großer Fan von ihm ist. Ich meine, Elton John auf einem Queens-Album zu haben, ist in etwa so, wie mit Rob Halford oder Freddie Mercury zu singen. Eine echte Sternstunde.“

Davon, so der Elektrozigarettenraucher, soll es in Zukunft noch möglichst viele geben. Schließlich plant er derzeit nicht nur ausführliche Touraktivitäten, sondern auch ein zweites Them Crooked Vultures-Album, eine Compilation mit Coversongs der Marke ›What Have You Done For Me Lately?‹ (Janet Jackson), ein Duett mit „drinking buddy“ Florence Welsh (›Jackson‹) sowie Soundtracks für „No Reservations“, die TV-Show von Sternekoch Antony Bourdain, dem er auch sein neuestes Hobby verdankt: „Ich verbringe das Wochenende zuhause in der Küche – mit meiner Frau, meinen Kindern, viel Wein und gutem Essen. Meine Spezialität ist Chicken Cordon Bleu nach dem Rezept meiner Mutter. Das ist unglaublich lecker. Und ich esse gerne… Ich meine, das sieht man mir an. Aber es ist auch ein wichtiger Ausgleich zu dem ganzen Stress, den ich so habe. Denn es gibt leichtere Jobs auf der Welt, als seinen Lebensunterhalt mit Rockmusik zu verdienen. Wer mir das nicht glaubt, soll mal zwei Jahre auf Tour gehen. Dann reden wir weiter.“

Wolfmother: Capitol, Offenbach

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Wolfmother LiveAuf die Zwölf

Beim Karrierestart im Jahr 2000 schon polarisierte die australische Formation Wolfmother mit Nachdruck die Gemüter. Ein Umstand, der in seiner stoischen Hartnäckigkeit an die Langzeitüberlebenden Uriah Heep zu ihren Glanzzeiten erinnert. In bedingungslose Befürworter und vehemente Gegner spaltet seither das neuerdings zum Quintett aufgestockte Bandvehikel um Vokalist, Gitarrist, Komponist und Bandgründer Andrew Stockdale. Ungeniert bedient sich das facettenreiche Konzept von Wolfmother beim angloamerikanischen Rock-Status-Quo der Ära von 1969 bis 1974: Led Zeppelin, Black Sabbath, Deep Purple, Pink Floyd, Aerosmith und T. Rex – irgendwie müssen sämtliche Rockikonen aus jener Zeit als Blaupause herhalten.

Durchweg enthusiastisch reagiert das überwiegend jugendliche Publikum auf seine favorisierten Helden im proppevollen Offenbacher Capitol. „This show is officially sold out. So it’s just Wolfmother and you – no one else”, blökt Andrew Stockdale zum Auftakt voller Selbstbewusstsein vertrauensselig ins Mikrofon und schüttelt wie ein Rennpferd vor dem Start seine üppige Afromähne, bevor er unmittelbar Taten folgen lässt. Mit manischem Rockriff und Stockdales schriller Stimme beschwört ›Woman“ die Vorzüge der vielseitigen Damenwelt. Von da an befindet sich das Wah-Wah-Gerät im Dauereinsatz. Hingebungsvoll röhrt sich der Frontmann durch die famosen Hymen ›Dimension‹, ›New Moon Rising‹ und ›Cosmic Egg‹.

In rund zwei Stunden führen Schlagzeuger Hamish Rosser, Rhythmusgitarrist Vin Steele, Bassist und Keyboarder Ian Peres sowie Elliott Hammond an Perkussion und Orgel durch ein Arsenal an Attitüden, Posen und Klangimpressionen, die es braucht, um die Vergangenheit für die Gegenwart aufzubereiten. Johann Sebastian Bachs „Toccata“ fungiert als Orgel-Intro. Stockdale packt die doppelhalsige Gibson SG aus – schließlich spielte Jimmy Page auch mal so ein Angebermodell. Elliott Hammond, letzter Band-Neuzugang, der immer wieder hingebungsvoll das Tanzbein schwingt und auch noch seine Congas bearbeitet, bläst gleich mehrmals eine scharfe Blues-Mundharmonika. Mit aller Kraft, Inbrunst und Intensität hauen Wolfmother auf die Zwölf.

NEED FOR SPEED: MOST WANTED

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NeedForSpeed-MostWantedGrenzenloses Fahrvergnügen.

In der Großstadt Fairhaven agieren Spieler völlig frei: MOST WANTED gibt lediglich Start- und Zielpunkte eines Autorennens vor, die besten Routen, Abkürzungen und Sprungrampen dazwischen gilt es selbst herauszufinden. Dabei muss die kürzeste nicht die optimale Strecke sein: Da an jeder Ecke verfolgungswütige Polizisten lauern, erweisen sich Umwege oft als äußerst effektiv. Ganz besonders, weil Gegner und Gesetzeshüter im Vergleich zu früheren NEED FOR SPEED-Ablegern hartnäckiger und intelligenter agieren sowie große Resistenz gegenüber Abdrängmanövern, Nitro-Verwendung und anderen Gemeinheiten demonstrieren. MOST WANTED beinhaltet einen Solomodus, legt seinen Schwerpunkt aber eindeutig auf Mehrspieler-Interaktion: Die überarbeitete 2.0-Version des Sozialnetzwerksystems Autolog speichert Fortschritte und Ergebnisse und führt Benutzer aus aller Welt mit ausführlichen Ranglisten, Statstiken und Rennempfehlungen zusammen. Ob man Freunde zu selbst erstellten Ereignissen einlädt oder sich mit Fremden auf der Piste verabredet, um Punkte einzuheimsen und unzählige Belohungen freizuschalten – die Möglichkeiten sind unbegrenzt.

ASSASSIN’S CREED III (dt. Version)

AssassinsCreedIIINeue Besen fegen (noch) besser.

In dem Action-Adventure ASSASSIN’S CREED III übernehmen Spieler vor, nach und inmitten der Zeit der Amerikanischen Revolution (1753-1783) die Kontrolle eines neuen Hauptcharakters. Ratohnhaké:ton getauft, nennt er sich der Einfachheit halber Connor Kenway und gerät zwischen die Fronten der amerikanischen Kolonien und der Britischen Krone.

Im Vergleich zu seinen Vorgängern profitiert der Mohawk-Indianer von einem gewachsenen Waffenarsenal mit Assassinenklingen, Bögen, Pistolen, Bomben, Tomahawks und anderen Nettigkeiten, einem dynamischeren Kampfsystem, erweiterten Fähigkeiten und neuen Aktionsmöglichkeiten. Knipst er nicht gerade gewieften Gegnern die Lebenslichter aus, hangelt er an Fassaden entlang, springt über Dächer, erledigt frei wählbare Nebenaufträge und interagiert mit Nicht-Spieler-Charakteren. Die offene, riesige Spielwelt lädt mit unzähligen Details und konkurrenzloser Weitsicht zu stundenlangen Erkundungstouren ein. Das Geschehen aktiv beeinflussende Naturschauspiele, detailraiche Animationen, professionelle Sprecher, bombastische Musik und Surround-Effekte erschaffen eine intensive Stimmung, die Michael Manns DER LETZTE MOHIKANER (1992) in nichts nachsteht. Abrundend bitten diverse Mehrspieler-Modi mit neuen Karten, Charakteren und Fertigkeiten zu munterem Meucheln in Gesellschaft.

John Hiatt: Folkfestival, Rudolstadt

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JohnHiatt-PR-DavidMcClisterJohn Hiatt in Bestform.

Ja, man mag es kaum glauben: Das Folkfestival in Rudolstadt ist schon seit Jahrzehnten eine Institution und gilt heute als größtes Folk- und Roots Rock-Festival Europas. Und da passt John Hiatt natürlich perfekt ins Bild. Im Heinepark betritt er mit seiner dreiköpfigen Band die riesige Bühne und schmettert erst einmal ›Master Of Desaster‹. Schon von der ersten Minute an rockt der fast 60-jährige Ausnamemusiker mit ganzer Leidenschaft.
Auch seine Mitmusiker in Hochform. Gitarrist Doug Lancio (der sich einen Namen als langjähriger Produzent und Saitenmeister bei Grammy-Preisträgerin Patty Griffin machte) zaubert auf seinen sechs Seiten wunderschöne Kläne. Bei besagten Opener kann er Neil Young getrost die Hand reichen, bei ›Tennessee‹ hat er dem Publikum ein unglaubliches Slide-Solo um die Ohren und zeigt bei ›Real Fine Love‹ Gefühl, indem er es mit einem wunderschonen atmosphärischen Intro versieht.

Hiatt liefert ein großartiges Greatest Hits-Set und spielt lediglich zwei Songs aus seinem aktuellen Album DIRTY JEANS & MUDSLIDE HYMNS. Von seinem Meisterwerk SLOW TURNING aus dem Jahre 1988 spielt er ganze fünf Songs. Während die Zeit immer weiter voranschreitet, geben auch die Musiker immer mehr Gas, werden lauter und ungestümer. Nur ›Feels Like Rain‹ lässt einen mal kurz verschnaufen.

Hiatt ist mehr als gut drauf. Das sieht man nicht nur an seinem Spiel, sondern auch an seiner humorvollen Präsentation. Mit der Nashville-Hymne ›Memphis In The Meantime‹ ist das Set dann plötzlich zu Ende. Doch die Leute haben noch nicht genug von Hiatt und fordern eine Zugabe, die er mit ›Rinding With The King‹ gewährt. Ein schöner Abend!

007 LEGENDS (dt. Version)

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007LegendsAction-Feuerwerk zum 50. Bond-Jubiläum.

In 007 LEGENDS erleben Spieler Ereignisse aus sechs legendären Bond-Filmen nach – angefangen bei GOLDFINGER (1964), IM AUFTRAG IHRER MAJESTÄT (1969) und MOONRAKER (1979) über LIZENZ ZUM TÖTEN (1989) und STIRB AN EINEM ANDEREN TAG (2002) bis zum aktuellen Blockbuster SKYFALL.Obwohl der von Renn-, Rätsel- und Schleich-sequenzen, Quick-Time-Events, attraktiven Damen, (freispielbaren) Gimmicks, trockenem Humor und exotischen, frei erkundbaren Schauplätzen in aller Welt gewürzte Shooter verschiedene Epochen des Martini-Schlürfers bereist, präsentiert er sich nicht als loses Flickwerk: Daniel Craig als durchgehender Hauptdarsteller, eine neue Rahmenhandlung aus Bruce Feirsteins Feder sowie ein Soundtrack von David Arnold und Kevin Kiner verknüpfen die Szenen zu einer zusammenhängenden Geschichte im 21. Jahrhundert.Neben Craig leihen auch andere Schauspieler ihren digitalisierten Alter Egos Aussehen und Stimmen: Unter anderem geben sich Judi Dench, Richard Kiel, Naomi Harris, Toby Stephens, Carey Lowell oder Rory Kinnear die Ehre – nicht nur in der Solokampagne, sondern auch in adrenalinhaltigen Mehrspieler-Schießereien.