Thin Lizzy: Legenden im Sinkflug

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Thin Lizzy: Legenden im Sinkflug

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Der Opener – und die zweite Hitsingle – ›Do Anything You Want To‹ war Phil als Elvis, mit Brians fast erotischem Schlagzeug, während Scott und Gary darüberbrettern. Es war ansteckend, wenn auch etwas belanglos.

Und dann ›Sarah‹, die dritte Single und das wirkliche Überraschungspaket als Song von Gary und Phil, der auf einem der Soloalben der beiden hätte sein können – und sollen. Gorham und Downey waren beide ersetzt wurden, durch Mark Nauseef und Huey Lewis, auch wenn Scott als einziger neben Phil in dem folgenden, lieblichen Video auftauchte.

Der Rest variierte zwischen gelegentlich genial und generell überkandidelt. ›Got To Give It Up‹, noch ein Weit-von-daheim-Melodram, kraftvoll, aber altbekannt, wie von der Stange. Das völlig überdrehte Titelstück ›Róisín Dubh (Black Rose): A Rock Legend‹, ein unheilvolles Sieben-Minuten-Epos, das mit einem donnernden keltischen Riff be­­ginnt. Phil, der auf einem Berg die Geister anfleht: „Tell me the legends of long ago“, bevor jedes irische Klischee, das man je gehört hat, ausgepackt wird, um dann nicht in ein nennenswertes Crescendo zu münden, sondern eine Reihe schwacher Lynott-Witze – „the joy that Joyce brought me“, „Oscar, he’s going Wilde“, „George knows Best“, „Van is the man“ und, am peinlichsten von allen, „Ah sure, Brendan where have you Behan?“. Was zum Teufel sollten wir damit anfangen?

Dann waren da die Songs, die schlicht und einfach nicht gut genug waren. Die Füller, mit denen die Lücken gestopft wurden, etwa der Pseudo-Punk von ›Toughest Street In Town‹, der blasse Donner von ›Get Out Of Here‹, der eher schlaffe Funk von ›S&M‹, und was auch immer das leblose ›With Love‹ darstellen sollte.

Trotzdem tat es BLACK ROSE nach seiner Veröffentlichung am 13. April 1979 (einem Freitag) LIVE AND DANGEROUS gleich und stieg auf Platz 2 in den UK-Charts ein, diesmal von THE VERY BEST OF LEO SAYER von der Spitze ferngehalten. Es war zwar ganz sicher nicht the very best of Thin Lizzy, aber ein brauchbarer Abgesang auf die Band, die nun schon am Rand der Selbstzerstörung war.

Sie waren schon immer dem Burnout nahe gewesen, aber hatten es immer geschafft, irgendwie zu überleben, angetrieben von Phil Lynotts unaufhaltsamer Leidenschaft und seinem schierem Ehrgeiz. Doch jetzt, wo er ein Opfer seines eigenen Erfolgs geworden war, so berauscht, dass sich Downey heute wundert, „wie er es an manchen Abenden überhaupt auf die Bühne schaffte“, begann für Lizzy eine steile Abwärtsspirale, die nur vier Jahre in ihrer Auflösung enden sollte.

Moore stieg wenige Wochen nach Erscheinen von BLACK ROSE als Erster aus, bekanntermaßen nach der Hälfte einer weiteren ruinierten US-Tournee. „Ich verließ die Band, weil ich es schlicht und einfach nicht mehr aushielt“, er­­zählte er mir später. „Ich war der wirklich nervige Typ bei Thin Lizzy, weil ich nüchtern war, und das mochten die Leute nicht.“

Er sprach darüber, wie die gesamte Crew auf jener schicksalshaften letzten Tournee ebenfalls auf Heroin war. Wie Big Charlie, Phils persönlicher Roadie, darüber prahlte, „neulich Abend eine dicke Line für den Boss gelegt“ zu haben. „Es war, als würden die Lizzy-Tourneen einfach nie enden. Sie gingen einfach bei Phil zuhause weiter. Es wurde zu einer fortwährenden, exzessiven Party. Und ich denke, da verlor er die Kontrolle.“

Die schwarze Rose, außer Kontrolle und tobend über den zeitlich äußerst unpassenden Abgang des einstigen Freundes, verlor plötzlich ihren Glanz. Lynott versuchte weiterhin, Thin Lizzy wieder aufzubauen, während er gleichzeitig an seiner Solokarriere arbeitete, doch es war einfach nichts mehr so wie früher.
Als ich mich Jahre später mit ihm über Garys damaligen Weggang unterhielt und die vielen Male, die Lizzy in Amerika versagt hatten, machte ich den gravierenden Fehler, ihn zu fragen, ob er irgendetwas bereue. Es folgte sein typisches Lachen. „Oh yeah“, keuchte er. „Aber das ist so, als würdest du bereuen, nie Kate Bush gefickt zu ha­­ben. Ich meine, was soll ich jetzt daran ändern?“Darüber denke ich bis heute nach. Wie wir alle, die im Bann der kurzlebigen, aber immer noch wunderschönen schwarzen Rose gelebt hatten.

5 Kommentare

  1. Sehr interessanter Artikel, dennoch ist es doch verwunderlich, wie Phil in seinem offensichtlich zu dieser Zeit schon dramatisch labilen Zustand trotzdem noch Alben wie Chinatown, Renegade und „last but Not least “ Thunder and Lightning zustande brachte.

  2. Die Rock-Musik wäre ohne Thin Lizzy, Rory, Gary und nicht zu vergessen U2 um einiges ärmer. Alle haben einen wichtigen künstlerisch-musikalischen Beitrag geleistet ohne der Verlauf der Rock und Blues Ära der Dekaden zwischen 1970 bis ca. 1985 vermutlich um einiges anders, langweiliger verlaufen wäre. Als Zeit-Zeuge habe ich diese Dekaden in vollen Zügen genießen können. Auch aktuell höre ich mit Respekt und einer gewissen Wermut aus meiner Vinyl-Sammlung gerne die ein oder andere Original-LP an. Es waren für mich die besten Zeiten, musikalisch und gesellschaftlich, ohne den Versuch sie zu Verklären. Die heutigen Musik schaffenden bieten für ihren Klientelen vermutlich ähnliches auf das selbige einmal in ähnlicher Weise wie ich es tue zurück schauen können. Musik in jeglicher Form und Weise ist zeitlos, wird immer subjektiv sein.

  3. Ein sehr guter Artikel. Aber was mich interessieren würde, ist wie Phil in diesem Zustand noch Chinatown, Renegade, Thunder and Lightning und das vor Energie strotzende Life:Live (welches meiner Meinung nach wesentlich besser als Live and Dangerous ist) hinbekommen konnte…

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