Thin Lizzy: Legenden im Sinkflug

Thin Lizzy 1979Valentino war der kalte Schweiß ausgebrochen. Er hatte all sein Geld auf diese letzte Wette gesetzt. Ein nervliches Wrack auf der Suche nach etwas, das ihm vergessen helfen würde.

Das war lose umschrieben Thin-Lizzy-Sänger Phil Lynott, der im 1979er-Hit ›Waiting For An Alibi‹ versteckt seine eigene Situation zusammenfasste. Nicht dass man es gemerkt hätte, wenn man ihn damals traf. „Er hatte mehr Swagger als jeder, den ich je kannte“, erinnerte sich Bono, nachdem U2 im McGonagle’s in Dublin als Vorgruppe für Phils gelegentliche Partyrabauken Greedy Bastards aufgetreten waren. Doch da war noch etwas anderes – „eine Stimmung um ihn herum“ –, das diesem Swagger ein beunruhigendes Element gab.

Das war keine Nebenwirkung seiner seit zwei Jahren eskalierenden Heroinsucht, diese zynische, abstürzende emotionale Kälte, die Junkies so schnell perfektionieren, und dieser Zwang, ihre Sucht geheimzuhalten. Dies war etwas anderes. Dies war Rock’n’Roll-Selbstmord. „Er hatte sich da schon sehr verändert“, erzählte mir Gary Moore einst. „Er sah, wie sich Stars wie Freddie Mercury und Rod Stewart verhielten. Sie waren sehr fordernd und übertrieben, beinahe, als wollten sie die Loyalität der Leute auf die Probe stellen, und das ahmte er nach.“

Auf einer Party, die Phil damals in einem Privatclub organisiert hatte, fragte er mich einmal: „Hast du Spaß?“ „Ja“, erwiderte ich, „aber wohl nicht so viel Spaß wie du.“ „Ah, klar“, sagte er in diesem lässigen Dubliner Akzent. „Niemand darf hier so viel Spaß haben.“ Es waren die Drogen. Aber es waren auch der Ruhm, die berühmten Freunde, der Sex und der Sex mit den Freundinnen berühmter Freunde, das Geld – auch wenn es nie so viel Geld war, wie alle dachten, inklusive Phil selbst. Doch er warf mit Geld für Chauffeurslimousinen und schicke Häuser um sich, für Angestellte, deren einzige Aufgabe es zu sein schien, rumzuhängen, ihm Gesellschaft zu leisten und den Rausch aufrechtzuerhalten.

„Er hatte diese romantische Vorstellung davon, ein Rock’n’Roller zu sein, der jenseits des Gesetzes lebt“, sagte Scott Gorham. „Und Phil war ein Magnet. Er liebte es, Leute um sich zu haben. Man fuhr zu ihm nach Hause und da wa­­ren ständig Leute!“

Scott erinnerte sich daran, wie das „Hammersmith“ wegen Thin Lizzy verbot, dass sich Unbeteiligte am Bühnenrand aufhalten. „Es war kein Gig, wenn nicht auf jeder Seite 50 Menschen waren. Es war kein Gig, wenn nicht beide Seiten feierten. Wir kreuzten dort auf und spielten fünf Abende in Folge mit 100 Leuten, die bei uns auf der Bühne waren. Doch letztlich verfügte der Brandschutzbeauftragte, dass das aufhören müsste, weil es so gefährlich war.“

Dies war die Kulisse, vor der BLACK ROSE: A ROCK LEGEND entstand, das letzte der fast großartigen Alben der klassischen Ära von Thin Lizzy. Dies war der Hintergrund für den Anfang vom Ende.

Die schwarze Rose erscheint in der Mythologie vieler Kulturen und verstecker Historien. Die Iren bezogen in ihren Kriegen gegen die verachteten Briten Kraft aus den Worten von ›The Little Black Rose‹, einem Folksong-Gedicht aus dem 17. Jahrhundert. Dort heißt es:

„The Erne will be strong in flood, the hills be torn
The ocean will be all red waves, the sky all blood
Every mountain and bog in Ireland will shake
One day, before she shall perish, my Roisin Dubh.“

Und es gab einen Märchenaspekt der schwarzen Rose: das tiefe, dunkle Lila des „Schwarz“, das Gefühle mystischer Euphorie hervorrief, eine wundersame Reise von einer Welt in die nächste. Und natürlich war die schwarze Rose auch ein Symbol für Tod und Trauer, für liebevolle Abschiede. Oder für den Tod als Neuanfang: Übergang, Verwandlung. Phil Lynott sah sie als einzigartig irisch, einen Blutseid des Widerstands, der Wahl zwischen Freiheit und Tod. Er verstand noch nicht, das Letzterer oft der Preis für Erstere war. Dass Phil selbst eine schwarze Rose war, verschiedene Farben, dunkel gemacht. Doch er war auf dem Weg, es herauszufinden.

Wie Scott Gorham feststellte: „Phil war einfach einer dieser Typen. Man wusste immer, dass die Party begonnen hatte, wenn er den Raum betrat.“ Er lächelte und schüttelte den Kopf. „Er war nicht nur hart, er war unzerstörbar. Nicht wahr?“ Für den Rest der Welt hatte es im Frühling 1979 sicherlich den Anschein, als BLACK ROSE veröffentlicht wurde. Seit Lizzy mit ›The Boys Are Back In Town‹ und dem folgenden Albumklassiker JAILBREAK drei Jahre zuvor die britischen und amerikanischen Charts gestürmt hatten, waren sie auf einer Achterbahnfahrt gewesen. „Auf und ab wie eine Klobrille.“ So beschrieb Phil selbst diese Reise. Es hatte auch noch weitere Hits gegeben, vor allem das breitbeinige ›Don’t Believe A Word‹ und das wunderbar dezente ›Dancing In The Moonlight‹. Auch zwei weitere Alben hatten sich bestens verkauft: das gute, aber nicht geniale JOHNNY THE FOX und das wesentlich gelungenere BAD REPUTATION, das mit Platz 4 im September 1977 ihre bis dato höchste Position in den UK-Charts er­­reichte.

Andererseits schien das Schiff jedoch schon zum Sinken verdammt, als aufeinanderfolgende US-Tourneen abgesagt wurden, aus Gründen, die für gewöhnlich alle Geldgeber im Musikbusiness nervös werden lassen: die erste, als Lynott Hepatitis C bekam – die Art also, die man sich nicht von einer Klobrille holt, klar? Die zweite, als der milchgesichtige Übergitarrist Brian Robertson am Abend vor der Abreise bei einer be­­soffenen Prügelei in einem Londoner Club seine linke Hand in den Weg einer zerbrochenen Flasche hielt und dabei so schwer verletzt wurde, dass seine gesamte Karriere gefährdet war. „Oh Mann“, kicherte Schlagzeuger Brian Downey, als wir uns später darüber unterhielten. „Da­­mals hatten wir Gefühl, als läge ein Fluch über der Band – zumindest was Amerika anging.“

5 KOMMENTARE

  1. Sehr interessanter Artikel, dennoch ist es doch verwunderlich, wie Phil in seinem offensichtlich zu dieser Zeit schon dramatisch labilen Zustand trotzdem noch Alben wie Chinatown, Renegade und „last but Not least “ Thunder and Lightning zustande brachte.

  2. Die Rock-Musik wäre ohne Thin Lizzy, Rory, Gary und nicht zu vergessen U2 um einiges ärmer. Alle haben einen wichtigen künstlerisch-musikalischen Beitrag geleistet ohne der Verlauf der Rock und Blues Ära der Dekaden zwischen 1970 bis ca. 1985 vermutlich um einiges anders, langweiliger verlaufen wäre. Als Zeit-Zeuge habe ich diese Dekaden in vollen Zügen genießen können. Auch aktuell höre ich mit Respekt und einer gewissen Wermut aus meiner Vinyl-Sammlung gerne die ein oder andere Original-LP an. Es waren für mich die besten Zeiten, musikalisch und gesellschaftlich, ohne den Versuch sie zu Verklären. Die heutigen Musik schaffenden bieten für ihren Klientelen vermutlich ähnliches auf das selbige einmal in ähnlicher Weise wie ich es tue zurück schauen können. Musik in jeglicher Form und Weise ist zeitlos, wird immer subjektiv sein.

  3. Ein sehr guter Artikel. Aber was mich interessieren würde, ist wie Phil in diesem Zustand noch Chinatown, Renegade, Thunder and Lightning und das vor Energie strotzende Life:Live (welches meiner Meinung nach wesentlich besser als Live and Dangerous ist) hinbekommen konnte…

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here