She Rocks: Kate Bush – Running Up That Hill

Kate Bush mit Rose1978 rekonfigurierte ein 19-jähriges katholisches Mädchen aus Süd-London die Rocklandschaft. Ein seltsames Phänomen, das auch 40 Jahre später noch anhält…

Drei Monate sind seit dem Erscheinen von NEVER MIND THE BOLLOCKS vergangen, als eine 19-Jäh­rige aus einem südöstlichen Vorort von London, die ihren Ge­­burtstag mit Emily Brontë teilt, bei „Top Of The Pops“ über die Bühne schwebt und dabei von Heathcliff und Cathy singt – das perfekte Abbild düsterer Romantik, mit reichlich Interpretationstanz und gestikulierenden Händen.

›Wuthering Heights‹, ihre Debütsingle im Januar 1978, wurde verschoben, weil die Sängerin unzufrieden mit dem Foto auf dem Cover war. So vermied sie es glücklicherweise, von der alles andere verdrängenden Weihnachtshymne ›Mull Of Kintyre‹ der Wings erstickt zu werden. Damit wies sie auch das britische Chartdebüt einer anderen Sängerin – ›Denis‹ von Blondie – in die Schranken und stieß im März ABBA vom Thron. Dort hielt sie sich dann einen ganzen Monat. Wir hatten sie durchs Fenster hereingelassen und nun widersetzte sie sich allen Gesetzen der Logik, der Schwerkraft und des Punk. Und das tut sie bis heute.

Lange Zeit später, im März 2014, kündigt Kate Bush 22 Konzerte von August bis Oktober im Hammersmith Apollo in London an, wo sie 35 Jahre zuvor zum letzten Mal live aufgetreten war. Die Karten gehen innerhalb von 15 Minuten weg und in jenem Herbst wird sie zur ersten Künstlerin, die jemals gleichzeitig acht Alben in den britischen Top 40 platzierte. Nur die Beatles und Elvis übertreffen diese Zahl, und David Bowies Tod bringt ihn später ebenfalls in diesen illustren Kreis. Diese Konzerte sind der gehypte Event des Jahres, noch bevor sie stattgefunden haben. Als sie dann endlich über die Bühne gehen, regiert sie sämtliche Titelseiten, obwohl sie kaum einen ihrer Hits spielt. Und all das, obwohl sie sich konsequent wie nur wenige andere von den Medien ferngehalten hat.

Kate Bush ist heute als nationales Kulturgut und ewiges Mysterium etabliert. In einer Karriere, in der sie meistens das genaue Gegenteil dessen tat, was logisch gewesen wäre, hat sie sich einen einzigartigen Status als innig verehrte musikalische Pionierin bewahrt und sich weit über ihren anfänglichen Ruf als schräges Hippie-Mädel mit der kieksigen Stimme hinweggesetzt. Für folgende Künstlerinnen war sie natürlich ein auf alle Zeiten unverrückbarer Einfluss, doch Bushs Be­­deutung hat rein gar nichts mit ihrem Geschlecht zu tun. Ihre Kunst und ihre Haltung ermutigten alle exzentrischen Kreativen, die sich nicht an Formeln halten. Sie bleibt ihre ganz eigene Institution, und wir gewähren ihr die Bewunderung – und gelegentlich die Vergebung –, die nur den wahrhaft Einzigartigen vorbehalten ist. Sogar, dass sie Theresa May als „wundervoll“ bezeichnete, hat sie überlebt. Die Regeln und der gesunde Menschenverstand haben in ihrer Welt nun mal nichts verloren. Wie hat sie das nur geschafft?

Kate Bush war immer eine Art Wunderkind. Vor bald 41 Jahren brachte ›Wuthering Heights‹, die erste Nr. 1 in den britischen Single-Charts, die von einer Sängerin selbst ge­­schrieben worden war, eine frische, ehrliche neue Stimme in die Musik. Wenige Wochen später folgte ihr Debütalbum THE KICK INSIDE, dessen Großteil sie schon in ihren mittleren Teenager-Jahren verfasst hatte. Die Songs strotzten nur so vor prätentiösen Referenzen (was in diesem Fall gut so war). Brontë und Gurdjeff wurden mit jener aufrichtigen Ernsthaftigkeit erwähnt, die junge Menschen an den Tag legen, die noch nicht viele Bücher gelesen haben, aber dafür wirklich intensiv auf die wenigen reagiert haben, die sie schon gelesen haben. Und genau so reagierten die meisten von uns auf Bushs Musik.

Ihre direkten Ausführungen über Lust und Erotik aus einer weiblichen Perspektive waren damals etwas aufregend Neues. Natürlich gab es davor auch schon Bessie Smith und Joni Mitchell, aber die Norm war das bei Weitem nicht. Und in einer Zeit, in der Punk groß wur­­de, war sie – zumindest auf dem Papier – das exakte Gegenteil. Ihre Stimmungen, ihre Akkorde und ihre Theatralik (be­­treut von ihrem Mentor David Gilmour) hatten mehr mit dem Prog gemeinsam. Ihre Songs schwelgten und seufzten mit Romantik und Verlangen – nichts, das in jener Zeit besonders angesagt gewesen wäre. Doch eines teilte sie mit dem Punk: ihren Freigeist, die Ambition, die Dinge auf ihre Art zu tun. Dieselbe junge Generation, die Schlange stand, um sich von The Damned anspucken zu lassen, schloss sie ins Herz.

Gilmour war begeistert vom Erfolg seines jungen Schützlings: „Kate ist absolut einzigartig“, sagte er. „Mir fällt niemand ein, der so ist wie sie. Joni Mitchell ist auch einzigartig, ein Original, aber Kate ist völlig anders.“ Auf dem Debüt hatte sie keine Selbstkontrolle walten lassen. Die Songs waren ungefiltert und überschwänglich. Bedürfnisse, Fieber, Visionen, alles ungeschönt. Irgendwie setzte sie sich über die gewöhnlichen Kategorien des Hier und Jetzt hinweg.

Sie war atypisch und völlig aus der Zeit gefallen. Pansexuell. Wir wissen alle, was für eine beeindruckende Karriere sie seither hatte, in der sie sich diese Andersartigkeit und diesen Individualismus immer bewahrt hat. Auf diesem Weg hat sie sich von einem Stammgast im Unterhaltungsfernsehen zu einem zufälligen Sexsymbol und schließlich zur wohl rätselhaftesten Einsiedlerin im gesamten Business entwickelt, die stets nur zu ihrem eigenen, exzentrischen Rhythmus marschierte.

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