She Rocks: Kate Bush – Running Up That Hill


Jedes ihrer Alben entführte uns in eine cinematische Fantasiewelt, ein Rätsel, eine Beschwörung. LIONHEART, der eilig angeschobene Nachfolger von THE KICK INSIDE, mag sich teils in überkandideltem Märchenkitsch ergießen und sogar einen ziemlich überholten Patriotismus bekunden (ach ja, ihre politischen Ansichten…), doch es fängt immer noch den Klang der Sonnenstrahlen ein, die an einem Nachmittag durchs Fenster scheinen. Es ist eine Welt voller wundersamer Faszination, mit einem Quäntchen Horroratmosphäre. Auf NEVER FOR EVER (oder zumindest dessen Artwork) kamen Schwäne, Katzen und Wale aus ihrem Rock, dazu fanden sich Referenzen an François Truffaut und Henry James. ›Army Dreamers‹ und ›Babooshka‹ wurden zu Hits aus der schrägen Ecke, während der unheimliche, gebärmutterartige Mikrokosmos von ›Breathing‹ zeigte, wie viel tiefer und eindringlicher sie in die Psyche einzutauchen bereit war.

Nach dem selbstproduzierten THE DREAMING von 1982, das sich mit Themen wie Vietnam, Houdini und australischen Ureinwohnern befasste (Peter Ga­­briel war mittlerweile zu einem Freund und Kollegen geworden), richtete sie sich ein Studio in der Scheune ihrer Farm ein. Dieser Scheune verdanken wir einige der erhabensten musikalischen Momente jener Zeit. Der Millionenseller HOUNDS OF LOVE von 1985 brachte ihre beliebtesten und gleichzeitig innovativsten Singles hervor und hatte dennoch Zeit für eine komplette Prog-Konzept-Suite.

Am Gipfel des Videozeitalters wurden ihre Veröffentlichungen schließlich zu Ereignissen. Auf THE SENSUAL WORLD von 1989 – erotisch, wahnwitzig und perfekt abgestimmt in seiner James-Joyce-mäßigen Hemmungslosigkeit – fand sich ›Yes‹, so körperlich und ertastbar wie alles, was Marvin Gaye, Millie Jackson oder Robert Plant je von sich gegeben hatten. THE RED SHOES, ihr erstes Album der 90er, war einer ihrer künstlerischen Höhepunkte, vom trampolinartigen weißen Funk von ›Rubberband Girl‹ zu ihren himmelhochjauchzenden Tränendrüsendrückern: ›Top Of The City‹ und ›Moments Of Pleasure‹. Gerade diese beiden Songs sind so spröde und fließend, wie man nur sein kann, ohne gänzlich zu zerbrechen, und genau das verleiht ihnen ihre massive emotionale Gravitas.

Wann auch immer Bush daneben greift – und das kommt vor –, sollte man sich daran erinnern, dass sie Wunder wie diese vollbringen kann. Sie ist keine kompetente, aber uninspirierte Handwerkerin, sondern ein irrlichterndes Genie, das hin und wieder einen Bauchplatscher hinlegt, aber genauso gut in einem einzigen Satz über ein Gebäude springen kann. Wir gewähren all unseren Lieblingen diese Freiheit, denn wir wollen das Ungewöhnliche, das Unnachahmliche. Oh wie schön es doch ist, verliebt zu sein.

Es gab alle möglichen Gastauftritte auf ihren Platten, von Prince und Elton John über Eric Clapton bis hin zu Stephen Fry und den eher fragwürdigen britischen Schauspielern Lenny Henry und Rolf Harris, und doch ist sie immer noch cool. Es gab diese Pause von zwölf Jahren, doch ab 2005 kamen die überraschenden Comebacks.
„Über die letzten zwölf Jahre fühlte ich mich sehr gesegnet, ein so normales Leben zu führen“, sagte sie damals. „Es ist für mich so wichtig, die Wäsche zu machen, staubzusaugen. Ich habe Freunde im Musikgeschäft, die nicht wissen, wie eine Spülmaschine funktioniert. Das finde ich erschreckend. Ich will in einer Position sein, wo ich als Mensch überlebensfähig bin.“

Sie ist lobenswert bodenständig, ganz entgegen ihres Images, doch wir wünschten uns trotzdem, dass sie abheben wür­de. Das tat sie streckenweise auf AERIALS. Im Prinzip waren das zwei Alben – A SEA OF HONEY und A SKY OF HONEY – voller Vogelgesang, einem Text über eine Waschmaschine und in Form des umwerfenden ›Nocturn/Aerial‹ einer süchtig machenden Neo-Techno-Rave-Konstruktion, die andeutete, dass es in dieser Scheune sogar ein Radio gab.

Sie schien wieder auf den Geschmack des Musikmachens gekommen zu sein und veröffentlichte 2011 hastig DI­­RECTOR’S CUT (durchwachsene Neubearbeitungen früherer Songs, die implizierten, dass die Versionen, die wir jahrelang geliebt hatten, nicht gut genug waren und wir leider so dumm, sie dennoch zu verehren) sowie 50 WORDS FOR SNOW. Auf diesen Spätwerken gab es Durststrecken und Längen, doch das Universum war so froh, Bush wieder zu­­rück zu haben, dass die Kritiker sie trotzdem als genial bezeichneten. Der Mythos hatte nicht gelitten. Und als dann die Live-Rückkehr angekündigt wurde… Nun ja, wir erinnern uns ja an die Aufregung.
„Damit ich den Kreativprozess beginnen kann, brauche ich einen Ort der Ruhe, von dem aus ich arbeiten kann“, sagte sie 2005 in einem Interview. „Und ich führte das Leben eines… Popstars oder was auch immer. Das lenkt zu sehr ab. Da geht es viel zu sehr um die Wahrnehmung anderer Leute von der Person, die du bist. Mir geht es um einen Menschen, der eine Seele hat, ein Empfinden dafür, wer er ist, nicht dafür, wofür einen alle anderen halten. Und ich denke, es ist sehr schwer für Leute, die sehr berühmt werden, das zu erreichen.“

Sie fügte hinzu, dass sie die gegenwärtige Besessenheit von Prominenten „lächerlich“ findet. „Das ist totaler Mist…so seicht.“ Vielleicht fühlte es sich 2014 für ihre wahren Fans wie die Rückkehr einer Magierin an, eines echten Stars. Für alle anderen schien es keinen Sinn zu ergeben, dass alle durchdrehten, um eine Ikone der 70er und 80er mit Mitte 50 live zu sehen, die seit Jahrzehnten kaum in der Öffentlichkeit aufgetreten war. Und diese spektakulären „Before The Dawn“-Konzerte konzentrierten sich auf ihre komplexesten, längsten Albumtracks, während sie die Crowdpleaser fast völlig ignorierten.

Doch praktisch alles an Kate Bush wi­­dersetzt sich dem gesunden Menschenverstand. Selbst diejenigen, die sich immer über prätentiöse Künstler aufregen, machen für sie eine Ausnahme. Sie ist sehr britisch, doch die sehr britische Eigenschaft, „andersartige“ Menschen und ihre hochtrabenden Ideen lächerlich zu machen, wird bei ihr ausgesetzt. Erklärte Prog-Hasser wollen es nicht hören, wenn man sie darauf aufmerksam macht, dass ihre Musik und ihre Ideen, selbst ihre visuellen Konzepte, sehr eng verwandt sind mit wichtigen Phasen in der Karriere von Genesis oder Pink Floyd.

Ihr Einfluss auf andere SängerInnen, MusikerInnen und Performer, die in diesen vier Jahrzehnte in ihrem Fahrwasser folgten, ist immens. Und da sind nicht nur die offensichtlichen Epigonen wie Tori Amos, PJ Harvey oder die offene Verehrerin St. Vincent. Es wäre dumm, nur Künstlerinnen als ihr Vermächtnis zu nennen, als Menschen, die in ihrer Schuld stehen. Schließlich gibt es genauso viele Männer, die ermutigt wurden, dieselbe Autonomie zu verlangen und die sie auch benötigen, um ihr Bestes zu geben. Kate Bushs Genre ist im Wesentlichen Kate Bush. Unter denen, die ihr alles verdanken, sind all jene, die zu ihren eigenen Bedingungen auftauchen oder verschwinden, die Formen er­­schaffen, die zunächst sperrig erscheinen, aber all die gewöhnlichen Mitläufer überdauern werden. Jene, die, na ja, ein bisschen abgehoben sind. Einst sagte sie, dass sie sich fühlte, als würde sie versuchen, eine Tür mit dem falschen Schlüssel aufzusperren. „Also tauschte ich den Schlüssel aus und die Tür begann, sich zu öffnen.“

Seitdem ist sie angelehnt, und diejenigen, die klug und mutig genug sind, werden sich immer durchzwängen und diesen Hügel hinaufrennen.

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