Ramones: Road To Ruin

Die Ramones im Gespräch, Teil 4
Chefetage von Warner Brothers, London, 22. September 1978

Johnny: Ich habe mich auf dieser ganzen Tour besser gefühlt als früher. Besser als auf den letzten Tourneen. Ich weiß nicht, warum. Normalerweise sind wir ziemlich einsam.
Dee Dee: Ich wollte mich einfach nur umbringen, aber dann sagte ich, „Nein, das werde ich nicht tun, so verrückt bin ich nicht“. Doch mir gingen all diese Dinge durch den Kopf. Mal aus dem Fenster schauen und nachsehen, wie hoch es ist. Aber ich wusste, dass ich es nicht tun würde.

Ist euch in letzter Zeit irgendwas Lustiges passiert?
Dee Dee: Irgendwo im Hinterland des Staates New York wurden wir von ein paar Leuten mit Brecheisen verfolgt, die sagten, „Ihr nehmt das Geld und haut ab, ja?“.
Johnny: Das waren nur Grateful-Dead-Fanatiker. Wir spielten eine Stunde 15 Minuten und sie wollten, dass wir drei Stunden spielen. Sie waren total durchgedreht. Solche Spinner sehen wir jeden Tag! Aber man gewöhnt sich daran.
Dee Dee: Wir haben in letzter Zeit viele Tauben gegessen. In Schweden haben wir nichts als Taube bekommen. Wir dachten, es sei Hühnchen!
Johnny: Joey aß einen Bissen und rannte dann auf die Toilette, um sich zu übergeben. Den Gestank werde ich nie vergessen.
Dee Dee: Er kam ewig nicht raus. Jedes Mal, wenn das passiert, müssen wir in eins dieser Dinger [eine Flasche Tomatensaft] pissen, denn wir können nicht aufs Klo gehen, weil Joey sich weigert, wieder rauszukommen.
Johnny: Wir pissten auch in eine Flasche Miller und es sah ziemlich genau wie das Bier aus. Dann schnappte sich Johnny Rotten diese Flasche, trank davon und sagte, „Mann, das Zeug schmeckt wie Pisse!“ Niemand sollte je irgendwelche Flaschen nehmen, die rumliegen, und davon trinken!

Seid ihr nun alle ziemlich glücklich?
Dee Dee: Wir sind glücklich, das waren wir schon immer. Nur weil wir deprimiert sind, heißt das nicht, dass wir nicht glücklich sind.

Nur, dass sie eben alles an­­dere als glücklich waren. Johnny war im Prinzip der Manager und stellte sicher, dass die Band ihre Zeit mit lukrativen Shows oder Aufnahmen (die nur ein Hindernis für mehr Shows waren) füllten. Er leitete alles wie ein Soldat und setzte seinen furchteinflößenden Blick oder, in Dee Dees Fall, körperliche Gewalt ein, um alle auf Kurs zu halten. Während Joey mit seiner Zwangsstörung kämpfte, fand Marky Trost im Alkohol und Dee Dee in harten Drogen.

Das letzte Mal, dass ich die Ramones live sah, war 1980 im Londoner „Rainbow Theatre“. Sie hatten gerade die traumatischen Aufnahmen ihres fünften Albums END OF THE CENTURY mit dem wahnsinnigen Produzenten Phil Spector hinter sich, aber mit ihrer Version des Ronettes-Klassikers ›Baby, I Love You‹ ihren ersten echten Singlehit gelandet. Die Beziehungen innerhalb der Band waren jedoch an einem neuen Tiefpunkt angelangt. Johnny hatte Joey seine Freundin Lin­da Daniele ausgespannt und dem Sänger damit das Herz gebrochen. Die beiden blieben zwar weitere 16 Jahre zusammen in der Band, sprachen aber nie wieder als Freunde miteinander.

Die Wahrheit war, dass das Feuer, das am Anfang in ihnen gebrannt hatte, 1980 schon erloschen war. Johnny schickte sie zwar weiterhin unablässig auf Tour, doch in den neonglänzenden 80ern fiel es ihnen immer schwerer, ihre Nische zu finden, während sie von echten Pionieren langsam zu einem Anachronismus wurden. Zumindest, bis ihre Musik Ende der 80er, Anfang der 90er Jahre von einer neuen Generation entdeckt wurde. Als bei Joey 1996 Lymphknotenkrebs diagnostiziert wurde, weigerte er sich, wieder zu touren, und die Ramones lösten sich auf. Johnny tobte vor Wut, aber diesmal konnte er Joey nicht mehr bedrängen.

Heute sind sämtliche Gründungsmitglieder tot. Dee Dee, der 1989 ausgestiegen war, starb 2002 an einer Heroinüberdosis. Joey hatte ein Jahr zuvor seinen Kampf gegen den Krebs verloren, beschleunigt durch einen Sturz, der auf seine Zwangsstörung zurückzuführen war. Bewundernswerterweise bot Bono von U2, ein langjähriger Fan der Band, an, Joeys Arztkosten zu übernehmen. Johnny, der sich weigerte, seinen einstigen Kollegen am Sterbebett zu besuchen, erlag drei Jahre später dem Prostatakrebs. Tommy starb 2014 als Letzter. Doch auch wenn die Ramones nicht mehr unter uns weilen, ist ihr Vermächtnis doch unsterblich.

„Es war nicht nur die Musik“, sagte Joey. „Alles wurde besser. Es gab nun eine ganz neue Einstellung. Wir haben dem Rock‘n‘Roll wieder Eier gegeben. Wir haben ganz schön für Aufruhr gesorgt.“

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