Ramones: Road To Ruin

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Ramones: Road To Ruin

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Sie sahen aus wie eine eingeschworene Bruderschaft, doch hinter ihren Haarvorhängen wurden die Ramones von Traumata, Krankheiten und gegenseitigem Mobbing geplagt – vom Anfang bis zum bitteren Ende.

Es ist der 5. Juli 1976 und das markante Schwarzweißfoto vom Cover des kürzlich erschienenen Ramones-Debütalbums ist gerade zum Leben er­­wacht. Vier Typen in vorschriftsmäßigen Lederjacken, T-Shirts, zerrissenen Jeans und Turnschuhen haben sich vor der Dingwalls Dancehall in Camden, London, eingefunden. Sie sehen aus wie eine nicht wirklich zusammenpassende Bikergang aus dem Weltall, die bei Alpha Centauri einmal falsch abgebogen ist und sich auf die Erde verirrt hat.

Die Ramones sind vor wenigen Minuten nach ihrem ersten Headliner-Auftritt auf britischem Boden von der Bühne gekommen und ich soll diese Freaks aus New York für das Magazin „ZigZag“ in­­terviewen. Seit der Veröffentlichung ihres Erstlings im April ist der Hype um sie gewachsen und um uns herum finden sich diverse Schlüsselfiguren aus der gerade entstehenden Londoner Punkszene. Der unverwechselbare Johnny Rotten schleicht an uns vorbei, die vor Kurzem gegründeten Damned toben in ein paar Metern Entfernung lautstark herum. Ein Stück weiter bahnt sich gerade eine Auseinandersetzung zwischen Stranglers-Bassist Jean-Jacques Burnel und Paul Simonon von The Clash an, die am Vorabend ihrerseits zum ersten Mal aufgetreten sind, als Vorgruppe der Sex Pistols in einem Pub in Sheffield. Man spürt, dass sie alle von diesen exotischen Besuchern wahrgenommen werden wollen.

Doch was sich hier abspielt, ist ziemlich zahm im Vergleich zu ihrer Heimat an der Bowery in New York, also nehmen die Amerikaner keinerlei Notiz davon. Der freundliche Schlagzeuger Tommy Ramone – natürlich mit Sonnenbrille – bezeichnet sich als der „Sprecher und Business-Typ“ der Band und setzt sich rechts neben mich. Zu meiner Linken erklärt Gitarrist Johnny Ramone mit seinem Topfhaarschnitt seine Liebe zu Horrorfilmen und John Denver, während der offenbar ständig unter Strom stehende Bassist Dee Dee Ramone sich angeregt mit ein paar Fans unterhält. Vor mir, wankend von Fuß zu Fuß und mit einem seltsamen Lächeln im Gesicht, türmen sich dagen die kompletten zwei Meter Joey Ramone auf. Diese schlaksige zukünftige Ikone aus einer anderen Dimension wird während unseres Gesprächs allerdings nur einen einzigen, sorgfältig geplanten Satz von sich geben.

Eine Stunde zuvor hatte das Quartett einen Auftritt abgeliefert, der weniger eine Sammlung von Songs war als vielmehr ein Frontalangriff auf alle Sinne. Johnny riffte wie eine Kreissäge, Joey klammerte sich am Mikroständer fest, während Dee Dee mit seinem Fender-Precision-Bass um­­hertollte und vor jeder dieser hochoktanigen Soundgranaten sein unsterbliches Intro „one-two-three-four“ bellte. ›Blitzkrieg Bop‹, ›Beat On The Brat‹ und ›Now I Wanna Sniff Some Glue‹ flogen mit solch atemberaubender Geschwindigkeit vorbei, dass es gegen Ende keine Lücken mehr zwischen ihnen gab – außer wenn Dee Dee kurz aussetzte, um eine Bierflasche, die er soeben leergetrunken hatte, über seine Schulter zu werfen. Die komplette Show dauerte 30 Minuten, und wenn es so etwas wie den Ground Zero des britischen Punk gab, war es genau diese halbe Stunde.

40 Jahre, nachdem sie mit ihrem Debüt die Welt veränderten, ist der Status der Ramones als eine der einzigartigsten und einflussreichsten Bands aller Zeiten unbestritten. Sie waren die Ersten, die dem Rock sagten, dass er fett, aufgeblasen und langweilig geworden war und präsentierten dann eine explosive neue Blaupause, um ihn zu ersetzen. Ihre Geheimwaffe dabei war es, der Vergangenheit Tribut zu zollen, statt sie zerstören zu wollen. Dazu tauchten sie in das Pop-Vermächtnis ihrer Heimat New York ein, reduzierten es auf das Wesentliche, beschleunigten es und transportierten das alles dann in eine Zeichentrickwelt, die von ausgelachten Nazis, Schwachköpfen, Perversen und Punkerinnen namens Sheena und Judy bevölkert war. Sie waren die ultimative Rock‘n‘Roll-Gang – die originalen „Bros“.

Nur, dass das eben nicht wirklich wahr ist. Wie ich herausfand, als ich sie in den 70ern auf Tour begleitete, steckte hinter den Ramones weit mehr als ein lärmender Blitzkrieg, mit dem uns diese vier liebenswerten Comicfiguren mit demselben Nachnamen attackierten, und nicht alles davon war angenehm. Hinter der Albernheit und den fesselnden Konzerten versteckten sich kaputte Beziehungen untereinander, psychologische Trümmerfelder und lebenslange Traumata.

Das Image der starken Einheit war schlicht und einfach eine Lüge. „Nach außen hin bildeten sie diese gemeinsame Front, die niemals durchbrochen wurde, doch tatsächlich gingen sie als Individuen getrennte Wege“, sagt Mick Houghton, ihr erster Pressesprecher für den britischen Markt. „Sie wa­­ren völlig unterschiedliche Menschen.“

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