Man kann es als ironisch verdrehte Kampfansage werten, wenn eine Band ihr Album mit ALL FILLER NO KILLER betitelt. Genau das Gegenteil erwartet einen nämlich, wenn man die elf neuen Songs der Baits hört, die das Beste der alternativen 90er verwirbeln und mit einem satten Pop-Anstrich zum Glänzen bringen. „Einerseits ist der Titel eine blöde Art von Understatement, unsere Art von Humor. Aber auch Kritik an der KI-getriebenen Entwicklung in der Musik. Mainstream-Charts z.B. kann ich gar nicht hören, weil das Dosenmusik ist, Fertigware.“; so Sängerin, Gitarristin und Songwriterin Sonja im Interview. Die österreichische Band hatte sich einiges vorgenommen für ihren Debütnachfolger, vor allem, nachdem die Entstehung des Erstlings dem Quartett als eher unangenehme Erfahrung im Gedächtnis geblieben ist: „Wir wollten einen großen Schritt wagen und ich glaube, das ist uns gelungen. Wir klingen jetzt viel kompakter und klarer. Im Vergleich zum ersten Album lief der ganze Prozess wesentlich entspannter ab, weil wir dazu gelernt haben und wissen, worauf es ankommt.“, führt die sympathische Künstlerin aus und ergänzt lachend: „Das Schöne ist, dass wir viel Vertrauen ineinander haben. In der Preproduction haben wir viel probiert. Wir spielen uns da, wie Kinder im Bällebad.“
Auf Kompaktheit und Qualität, eben der Absenz von schnödem Füllmaterial, lag das Hauptaugenmerk während der ambitionierten Arbeiten am von Drummer FAZO666FAZO produzierten ALL FILLER NO KILLER: „Uns war wichtig, dass jeder Song für sich stehen könnte, oder, um in Spotify-Terms zu sprechen: dass jeder Song eine Single sein könnte. Aber eben auch, dass das Album als Ganzes, sowie in A- und B-Seite aufgeteilt, funktioniert.“ Die oft sozialkritischen Themen der Platte – „Alltagssexismus“, „Echokammern“, „der Duck des Endzeitkapitalismus“ – betten die Wiener auf einen eingängigen Klangmix, der von den 90er Jahren inspiriert, aber modern und eigen interpretiert ist: „Wir sind mit unterschiedlichen Strömungen dieser Ära groß geworden, mit Grunge, der Riot-Grrrl-Bewegung, Skate Punk. Das war damals überall, es war neu, frech und spielerisch. Man durfte sein wie man ist, ohne in das klassische Lederjacken-Schema passen zu müssen. Das haben wir mitgenommen: den Spaß an der Musik, einen gewissen Humor. Die Welt steht in Flammen, man kann gefühlt nichts dagegen tun, da wird es für uns immer wichtiger, ein Ventil zu haben, eine Fluchtmöglichkeit in die gute Zeit. Die Leute brauchen schwitzige Rockkonzerte!“ Von diesen Konzerten stehen bei den Baits 2024 noch viele auf dem Plan und auch sonst ist einiges los: „Gerade sind wir in der Kategorie „Hard & Heavy“ beim österreichischen Musikpreis „Amadeus Award“ nominiert. Wir hoffen natürlich, dass wir den abholen dürfen. Außerdem wollen wir viel live spielen, auch in anderen Ländern. Es wäre toll, mal einen großen Act in Europa supporten zu dürfen. Und wir wollen uns nicht zu lang Zeit lassen mit dem dritten Album, weil wir gerade gut in Fahrt sind.“
Das Telefon klingelt und ein gut aufgelegter Corey Glover ist dran. Er hat gerade eine lange US-Tour mit seiner Hauptband Living Colour hinter sich gebracht, zusammen mit Extreme. „Es ist nach der langen Corona-Phase nicht mehr so, wie es früher einmal war. Es fehlt die Unbeschwertheit – du musst als Band schon sehr vorsichtig und behutsam agieren. Und über jedem Tag schwebt so ein unsichtbarer Nebel, der dir sagt, dass das Leben endlich ist – und nicht unendlich lang.“ Glover hat kürzlich mit Sonic Universe eine Zweitband aus dem Zylinder gezaubert, in der er mit Gitarrist Mike Orlando (Adrenaline Mob) und Bass-Mann Booker King (bekannt von Santana, Paul Simon und Billy Cobham) zusammenspielt. „Booker kenne ich schon ganz lange“, sagt Glover, „er war ja bei meinen früheren Solo-Projekten auch schon mit von der Partie.“ Mit ihrem Longplayer IT IS WHAT IT IS haben sich Sonic Universe dem 1990er-Jahre-Crossover verschrieben – im Vergleich zu Living Colour bricht die Band aber mehr in jazzige oder auch Heavy-Metal-Gefilde aus. „Da liegt jetzt kein großartiger Masterplan dahinter – wir gehen in den Proberaum, jammen herum und am Ende entsteht das, was aus uns Musikern herausfließt.“ Ähnlich funktioniert Glover auch als Musikhörer: „Ich mochte schon immer alle möglichen Arten von Musik – es kommt zum Beispiel nicht selten vor, dass ich erst BITCHES BREW von Miles Davis auflege und danach was von Metallica. Für mich ist das völlig normal.“
Eher wenig bekannt ist, dass Corey Glover Mitte der 80er als Schau- spieler gut gebucht war. Er spielte etwa zusammen mit Hochkarätern wie Charlie Sheen, Johnny Depp oder Willem Dafoe im Vietnam-Drama „Platoon“ unter der Regie von Oliver Stone. „Wir hatten damals die vielleicht beste Zeit unseres Lebens. Wir waren gemeinsam mehrere Wochen im Dschungel, eine unvergleichliche Erfahrung.“ Gab es später keine Pläne, wieder als Schauspieler aufzutreten? „Doch“, verrät er, „nur fand das auf anderen Ebenen statt. Ich bin in ein paar unbekannten Independent-Filmen aufgetreten und eine Zeit lang mit einem ‚Jesus Christ Superstar‘-Musical durch kleine Theater getourt.“ Glover wurde im November 1964 in New York geboren – und hat einen Blick auf seine Heimatstadt, der mittlerweile mehr als ein halbes Jahrhundert umfasst: „Der ‚Big Apple‘ hat einem früher viel mehr Leben eingehaucht, als es heute der Fall ist. Es gab noch viel mehr kreative Räume, um sich auszuprobieren. Man konnte leichter Orte finden, an denen man sich zusammen mit anderen Künstlern austoben konnte. Aber man darf auch nicht vergessen, wie viele brutale Gangsterbanden es in den 70er-Jahren auf den Straßen gab, da ist es heute schon sicherer.“ Dafür gibt es andere Gräuel – denn ein New Yorker Schurke namens Donald Trump könnte wieder Präsident werden. Glover glaubt das allerdings nicht: „Die Leute werden merken, dass sie nicht mehr so einem übermächtigen Dorftrottel hinterherlaufen dürfen. Aber gut, falls dieser Idiot doch wieder gewählt werden sollte, ist klar, dass die Leute sich nicht in Richtung Zukunft bewegen wollen. Sie wollen dann zurück in die Vergangenheit – und das wäre natürlich eine Tragödie.“
Der Begriff „Classic Rock“ muss einst wohl für Bands wie die Black Crowes erfunden worden sein. Denn die 1989 von den Brüdern Chris und Rich Robinson in Atlanta, Georgia, gegründete Truppe gehörte in den 90er-Jahren zu jenen Bands, die nicht wie ehedem die Musik ihrer Vorbilder genommen und weiterentwickelt, sondern ganz bewusst versucht haben, Glanz und Gloria der Sixties und Seventies neu aufleben zu lassen, aber eben nicht zu modernisieren. Im Falle der Black Crowes waren das Helden wie die Faces oder die Rolling Stones, angereichert mit einem gehörigen Südstaaten-Schuss Soul, Gospel und Country. Was die Black Crowes aber immer schon ausgezeichnet hat, ist die Tatsache, dass sie dieses Nachempfinden und Wieder-Auflebenlassen meisterhaft wie nur wenige andere Genre-Bands beherrschen und dabei vor allem auf einen grandiosen Song- und Riffkatalog zurückgreifen können.
All das konnte man bei der mitreißenden Rock’n’Roll-Show in Berlin nun wieder am eigenen Leib erleben. Hier stimmte auch atmosphärisch einfach alles: Der Pappaufsteller von Chuck Berry am linken Bühnenrand, ein aus Vintage Amps gebautes, stufenförmiges Podest für die beiden Backing-Sängerinnen links, die Keyboads rechts und das hoch über den Köpfen der Band thronende Schlagzeug, dazu eine schmutzig lärmende Gitarrren-Breitseite, ließen keinen Zweifel daran, dass die Black Crowes nach wie vor absolute Meister ihres Faches sind. Auch können sie es sich als spielfreudige Band mit von Show zu Show wechselnden Setlists leisten, eine Hymne wie ›Wiser Time‹ wegzulassen, dafür aber sechs der zehn Songs aus dem großartigen, aktuellen Album, HAPPINESS BASTARDS, zu spielen, und auch zwei überraschende Coverversionen einzustreuen: ›White Light/White Heat‹ von Velvet Underground und den Jerry-Lee-Lewis-Fetzer ›Highschool Confidential‹ als letzte Zugabe. Ein weiteres Highlight war das Jam-Schlachtross ›Thorn In My Pride‹, bei dem auch der erst 2023 zur Band gestoßene Gitarrist Nico Bereciartua (der als Argentinier gleichsam eine andere Art Südstaaten-Herrlichkeit ins Musikerkollektiv einbringt) sich im Dialog mit Rich Robinson an den sechs Saiten völlig ausspielen durfte. Schade nur, dass die Black Crowes für ihren Classic Rock, wie er viel klassischer kaum geht, mit einer viel zu knappen Konzertlänge von exakt 90 Minuten auch eine ganz klassische Show-Länge gewählt haben.
Juni 1972: Mit einer opulenten US-Tour zementieren die Rolling Stones ihren Starstatus.
Der grenzenlose Hedonismus steckte schon im inoffiziellen Titel der Unternehmung, deren Start sich auf den 3. Juni 1972 im Pacific Coliseum im kanadischen Vancouver datiert: „Stones Touring Party“. Zum Teil hemmungslose Partys umflorten permanent die mehr als zweimonatige Konzertreise samt grandiosem Finale von vier ausverkauften Gastspielen im New Yorker Madison Square Garden, das letzte am 26. August, Mick Jaggers 29. Geburtstag. Insgesamt 48 Konzerte absolvierte die von Saxofonist Bobby Keys, Trompeter und Posaunist Jim Price, Pianist Ian Stewart und Nicky Hopkins verstärkte und mit Tour-Support Stevie Wonder komplettierte Gruppe. Mick Jagger leistete sich erstmals eine vom Londoner Designer Ossie Clark gestaltete eigene Bühnenkollektion aus samtenen Overalls und antiken Levi’s-Jeansjacken und schrieb damit Fashion-History. Erstmals diente auf der von Tour-Manager Peter Rudge organisierten und von Dr. Feelgood Laurence Badgley betreuten Tour ein eigens geheuertes Flugzeug als Transportmittel. Eigentlich erhoffte man sich ja, so schneller ans Ziel zu kommen – was sich aber als Folge des Drogenimages der Stones durch mitunter stundenlanges Filzen der Zollbehörden als Fehlschluss erwies.
Als größtes Sorgenkind galt Keith Richards, seit damals drei Jahren auf Heroin. Um seinen Erfindungsreichtum, immer neue Verstecke für seinen Stoff auszuhecken, ranken sich bis heute Mythen. Es war auch Keith, der, zumeist im Gespann mit Kumpel Bobby Keys, wie ein Vanadale hauste: TV-Geräte flogen aus dem Fenster, zerlegte Hotelzimmer, wüste Drogenparties nach Mitternacht. Alles festgehalten in Wort und Bild: US-Kultautor Truman Capote sollte einen exzessiven Tourbericht schreiben, litt aber an einer Schreibblockade. Terry Southern lieferte hingegen, ebenso wie sein Autorenkollege Robert Greenfield. Der TV-Talkshow-Host Dick Cavett machte in New York ein Ein-Stunden-Special. Diverse als LP geplante Konzertaufzeichnungen blieben indes ebenso unveröffentlicht wie Regisseur Robert Franks laszive Kinodoku „Cocksucher Blues“ im Cinéma-Vérité-Style mit lüsternen Backstagepartys, herbem Drogenkonsum und handfestem Groupievernaschen. In die Kinos kam stattdessen „Ladies And Gentlemen: The Rolling Stones!“ von Regisseur Rollin Binzer, ein von 16mm auf 35mm aufgeblasener Konzertfilm, aufgezeichnet von Bob Freeze und Steve Gebhardt bei vier Shows der Stones in Texas.
Obwohl sie auf den ersten Blick nicht unterschiedlicher wirken könnten, so strahlen Sam, Jan und Sascha im Interview doch denselben Feuereifer, dieselbe Leidenschaft für The Pill aus – jene Band, die sie erst vor kurzem gemeinsam aus der Taufe gehoben haben. „Durch Sams Anwesenheit in der Band habe ich viel dazugelernt, vor allem was die Kommunikation untereinander betrifft. Unter Männern trinkt man gerne mal was weg oder man klopft sich nur kurz auf die Schulter, jetzt sprechen wir wirklich miteinander. Das ist etwas ganz Wundervolles!“, so Bassist Jan ehrlich erfreut über die psychologische und künstlerische Dynamik des Quintetts aus Frankfurt. Die Instrumentalisten von The Pill kennen sich lange, haben seit den 90ern gemeinsam in Hardcore-Bands gespielt und ihre Jugendjahre in aufgeheizten Clubs und stickigen Vans verbracht. Nach einer längeren Pause juckte es Sascha, Jan, Tobias und Philipp erneut in den Fingern, während Corona fanden sie deswegen musikalisch wieder zueinander. Doch ein entscheidendes Puzzle-Teil wollte sich auch nach diversen Casting-Versuchen nicht finden lassen: eine passende Person hinter dem Mikro – da man laut Drummer Sascha „nicht diese*n klassische*n Hardcore-Shouter*in“ suchte. Geklickt hat es erst – Obacht: digitales Märchen im Anmarsch – als sich beide Seiten in letzter Verzweiflung bei einer Musik-Dating-App anmelden und durch den Hashtag #blackflag zueinander finden.
„Als wir uns zum ersten Mal im Proberaum trafen, war das für mich wie eine Offenbarung. Innerhalb kürzester Zeit hatten wir alle ein richtig fettes Lächeln im Gesicht, weil jeder gespürt hat, dass hier gerade etwas Besonderes passiert. Ich dachte mir nur: ‚Oh Gott, hoffentlich fühlen die das auch, hoffentlich wird das was.’“, erzählt Sängerin Sam, die auf den ersten, klischee-behafteten Blick nicht zwingend wie die Frontfrau einer Hardcore-Band wirkt. Die Künstlerin und Influencerin strahlt neben Lebensfreude und Selbstbewusstsein eine gewisse Zerbrechlichkeit aus, doch wenn sie das Mikrofon an die Lippen führt, wird ein gewichtiger Kontrast zu diesem zarten Eindruck zementiert. Sie kann shouten, singen, dem Publikum vokal eins auf die Fresse geben, all dies mit kritischen Texten, die gesellschaftliche Fassaden einreißen. In Kombination mit den vier Männern eine ungewöhnliche, dabei absolut authentische und energiegeladene Mischung, die dazu führte, dass The Pill schon nach sechs Monaten gemeinsamer Sache ihr erstes Album HOLLYWOOD SMILE aufnahmen. Zehn Tracks in DIY-Manier, 20 Minuten, „kein Ballast“, keine Umwege. „Klar haben wir uns kurz gefragt, ob es zu früh ist, eine Platte aufzunehmen. Doch dann dachten wir uns: ‚Scheißegal, was später ist, wir wollen dieses Momentum einfangen, das wir gerade haben.‘ Wir wussten: so ein Gefühl, das kriegen wir vielleicht nie wieder. Sturm und Drang sozusagen.“, erklärt Jan und Sascha ergänzt: „Ich bin total froh, dass diese Band in der Lage war, diesen Moment zu erkennen. Als wir die Platte zum ersten Mal gehört haben, war uns allen klar: Wir haben noch nie so geile Musik gemacht!“ Seitdem läuft es für das kreative Kollektiv: das Quintett hat das Hamburger Label Sounds Of Subterrania von sich überzeugen und schon nach ein paar Konzerten große Support-Shows an Land ziehen können, die selbstgedrehten Videos werden zehntausende Male bei Youtube geclickt – kurzum: die Menschen haben Bock auf eine Band wie The Pill.
50 Jahre Mitglied einer Band zu bleiben, ist eine Leistung; dabei beinahe 50 Mitmusiker kommen und – manche für immer – gehen zu sehen, unglaublich. Drummer Fito de la Parra ist dies sowie ein wunderbares neues Album mit „seinen“ Canned Heat gelungen.
Es sagt schon viel aus, wenn eine Band 1965 gegründet wurde und „bereits“ 1975 über United Artists eine „The Very Best Of…“-Langspielplatte auf den Markt kam. Ihre Hits zierten zahlreiche Filmsoundtracks, wenn es um ikonische Untermalung der Hippiejahre ging. Wichtig: Sie waren auch in Woodstock dabei. 2024 kommt nun ein neues, frisches Album, abermals mit zeitlosem Trademark-Boogie und -Blues. Wir sprachen mit Drummer Fito aka Adolfo de la Parra – er ist seit 1967 im Boot, die anderen „klassischen“ Mitglieder mit Spitznamen wie „Die Eule“, „Der Bär“, „Sonnenblume“, „Die Schlange“ oder „Der Maulwurf“ leben leider nicht mehr und machen im Himmel wahrscheinlich gerade Boogie-sessions. Insgesamt waren 48 Musiker bei der Band, die aktuelle Besetzung mit dem rührig um den Fortbestand der Gruppe engagierten Fito legt mit FINYL VINYL jetzt noch mal unkaputtbaren und vitalen Boogie/Blues auf Höhe der Zeit vor. Abwechslungsreich und gewürzt mit neurotisch-humorvollen Texten, kam das zweideutig betitelte Album pfeilgerade am 5. April raus – als man sich also bereits hochoffiziell legal seinen ersten Joint in aller Zweisamkeit vor dem kreisenden Plattenspieler anzünden durfte. Als der mexikanische Emigrant Fito damals gefragt wurde, ob er bei Canned Heat einsteigen wollte, beantwortete er das Angebot übrigens mit einem bescheidenen: „Aber gerne, ich bin sozusagen dafür geboren, bei Canned Heat zu spielen!“ Er denkt auch als „ewiges“ Mitglied – 57 Jahre – nicht daran, in Rente zu gehen. „Ach was, Musiker gehen nicht in Rente. Musiker sterben irgendwann einfach. Alle Musiker, die ich bewundere, spielten, bis sie 70 oder 80 waren. Und dann gingen sie irgendwann von uns. So wird es bei mir wohl auch sein. Ich bin jetzt 78 und liebe meinen Job über alles, warum also sollte ich damit aufhören? Und ich mache Aerobic: Das Schlagzeugspielen erfordert viel Energie, dafür schlafe ich immer tief und fest!“ Rückblickend betrachtet, sagt er, habe jedes Jahrzehnt seine glücklichen Momente gehabt, aber gerade die letzten Jahre waren wegen des Weltgeschehens nicht einfach. Nach der Pandemie läuft es aber wieder, allein im letzten Jahr war die Gruppe dreimal live in Europa unterwegs. „Nur das Reisen wird immer schlimmer, vor allem die Flüge. Dauernd gibt es Verspätungen, Flüge werden gestrichen, du kannst dich auf niemanden mehr verlassen. Wenn du aus Vergnügen in den Urlaub fliegst, nimmst du dann vielleicht den nächsten Flug, aber bei uns ist das was anderes. Letztes Jahr konnten wir zum Beispiel nicht in Bilbao auftreten, weil mein Flug mit sechs Stunden Verspätung startete, dadurch verpasste ich alle weiteren Verbindungen.
Seit der Pandemie ist eigentlich alles schlechter geworden. Dabei war Fliegen früher purer Spaß! Alles flutschte, man wurde an Bord gut versorgt und hatte Platz. Dann kam Reagan und hat die staatliche Regelungen für Fluggesellschaften aufgehoben. Seitdem regiert der Kapitalismus, es wird nur noch gespart. Versteckte Aufpreise und so, für maximal viel Geld geben sie dir so wenig wie möglich. Auch nach 9/11 ist alles nur noch schlimmer geworden.“ Wo wurde die neue Platte aufgenommen? Fito: „In Burbank, Kalifornien. Das Studio heißt Paul And Mike’s Recording. Man denkt erstmal, es sei nicht größer als eine Garage. Aber Paul du Gré ist ein echt guter Aufnahmetechniker, mit ihm haben wir schon zwei andere Platten gemacht. Drinnen ist das Studio vielleicht nicht so geräumig und auch nicht so schick wie all diese Luxusstudios, es kommt aber halt auf die Person an, die drin arbeitet. Und Paul hat es einfach drauf. Er benutzt digitales und analoges Equipment, ich weiß nicht, wie er das macht, aber es klingt herausragend. Er ist ein Genie!“ Gerade als älterer Musikhörer weiß man das zu schätzen, das Album hat – legt man es zu Hause auf einer guten Anlage auf – wirklich das ganze Frequenzspektrum und besitzt einen schön ausbalancierten, transparenten Sound. Aber der Konsument hört heutzutage Musik halt leider meist nur unterwegs, vor allem die jüngeren. Fito: „Ja, die hören Musik nur noch über ihr Smartphone, über Plastik. Und ja, es klingt dann auch nach Plastik! Ich als Drummer bilde ja in einer Band mit dem Bassisten eine solide Einheit, aber über moderne Wiedergabegeräte geht einfach die Hälfte der ganzen Musik verloren. Ich vermisse dabei vor allem den Bass, man hört oft nur hohes Gizirpe. Aber die Industrie arbeitet daran, ich hoffe es wird in Zukunft besser.“ Die Aufnahmen selbst sind bei einer derart erfahrenen Gruppe flott erledigt. „Wir proben relativ wenig und machen auch nicht viele Takes eines Songs im Studio. Sonst kann es passieren, dass der Track seine Frische verliert. Der erste Take ist meistens der beste. Schau dir mal Leute an wie John Lee Hooker: Der brauchte maximal zwei Takes. Mit ihm als Gast brauchtest du im Studio was anderes gar nicht erst versuchen. Er sagte dir dann, beim dritten Versuch käme eh nur Scheiße raus.“ Dazu kommt, dass der Blues, wie auch der Jazz, live vor allem von der Improvisation lebt. Genauso lebt ein Livekonzert von Canned Heat davon, dass die Lieder variabel gespielt werden. Mit ein paar Ausnahmen: „Unsere Hits spielen wir im Gegensatz dazu immer originalgetreu. Das erwartet das Publikum einfach von dir. Oder wie es Strawinsky einmal gesagt hat: ‚People don’t know what they like, they like what they know!‘“
Im Sommer sind Canned Heat wieder in Europa unterwegs. Deutschland ist für Fito das Lieblingsland zum Touren: Alles ist gut vorbereitet, die Verpflegung stimmt, die Locations sind schön und die Bühnentechnik ist meist hochklassig. Und nicht zuletzt flutscht hier einfach alles. Auch wenn wir Letzteres hierzulande vielleicht anders sehen, aus Sicht einer Band auf Tour macht es bei uns offensichtlich einfach mehr Spaß als an den meisten Orten sonst auf der Welt. „Wir haben da diesen Running Gag, von wegen ‚Touring Heaven‘ und ‚Touring Hell‘. Der ‚Touring-Himmel‘ ist Deutschland, wenn es um die Organisation geht. Wenn es um das Essen geht, ist Frankreich himmlisch. Die ‚Touring-Hölle‘ ist, wenn die Italiener organisieren. In Deutschland ist es übel, wenn es um die Polizei geht, und in Sachen Essen sind eindeutig die Engländer die Hölle auf Erden.“ Was die Zukunft der Musik betrifft, ziehen für Fito dunkle Wolken auf. „Ich kann es mir einfach nicht vorstellen, dass ein Computer Musik komponiert, auch wenn das bereits passiert. Ich bin ja schon sehr alt und hoffe nicht, noch miterleben zu müssen, wie eine KI unsere Musik kopiert und daraus neue Lieder macht. Computer haben unser Leben viel einfacher gemacht, aber wenn es um Kreativität geht, kann ich mir nicht vorstellen, dass ein Computer das lernen kann. Wer weiß, was in 15 Jahren sein wird, ich werde es wohl nicht mehr mitbekommen. Aber ich wünsche allen jüngeren Leuten, dass die Menschheit und die wichtigsten Entscheider auf dieser Welt Kunst und Kreativität von künstlicher Intelligenz fernhalten.“ Fito ist übrigens geistig f itter als offenbar sein Landsmann Joe Biden, der schon mal den aktuellen französischen Premier Macron mit dem seit 30 Jahren verstorbenen Mitterand oder erst kürzlich Merkel mit Kohl verwechselt. „Mit Deutschland verbinde ich auch ein Stück Geschichte, das ich miterleben durfte“, sagte er. „Wir haben mit Canned Heat sogar schon in Ostdeutschland gespielt, als die Mauer noch stand und es unter kommunistischer Kontrolle war. Adenauer war damals Staatsoberhaupt im Westen. Es war ein großes Abenteuer, damals nach Ost-Berlin zu kommen und dort zu spielen.“
Bei den Rolling Stones gab es zum Juni-Start immer gleich zwei Feierlichkeiten: Ronnie Wood wird heute 77 Jahre alt und Charlie Watts hätte morgen seinen 83. Geburtstag gefeiert. Wir gratulieren!
Dieses Wochenende feiern wir mit den Rolling Stones gleich doppelt Geburtstag. Heute, am 01. Juni, wird Ronnie Wood stolze 77 Jahre alt. Am 02. Juni, also morgen, hätte Gentleman Charlie Watts sein 83. Wiegenfest gefeiert. Leider vertsarb der legendäre Schlagzeuger am 24. August 2021.
Grund genug, einem der etwas neueren Klassiker der Stones Tribut zu zollen. ›Anybody Seen My Baby‹ stammt aus ihrem 1997 erschienenen Album BRIDGES OF BABYLON. Im Video ist auch Schauspielerin Angelina Jolie zu sehen. Die damals 22-Jährige spielt eine Stripperin, die durch New York streift.
Mit HUMANOID präsentieren die ursprünglich aus Solingen kommenden, mittlerweile aber seit vielen Jahren in den USA (Tennessee, Florida, New Jersey) angesiedelten Heavy-Rocker einen weiteren Meilenstein ihrer Laufbahn. Wir sprachen mit Frontmann Mark Tornillo.
„Weißt du was?“, beginnt Tornillo unser Zoom-Interview. „Das hier ist bereits mein sechstes Album mit Accept. Im Mai werden es 15 Jahre, seit die Jungs mich damals fragten, ob ich einsteigen wollte. Das ist viel, viel länger, als die meisten Leute Teil irgendeiner Band sind – ob erfolgreich oder nicht. Und wir sind zum Glück sehr erfolgreich. (lacht) Trotzdem fühlt es sich noch immer verdammt frisch und neu an. Ich sehe mich wirklich als einen Glückspilz, dass mir diese Möglichkeit so spät in meiner Karriere noch gegeben wurde.“ HUMANOID ist ein echter Brecher geworden. Accept kehren hier stilistisch in die 1980er zurück – das 1985er-Werk METAL HEART dürfte wohl der nächste Verwandte der Scheibe sein. Das tun sie allerdings, ohne dabei doof auf „retro“ zu machen oder – noch schlimmer – altbacken und gestrig zu klingen. Die Produktion hat erneut der Brite Andy Sneap (Judas Priest, Saxon, Amon Amarth) übernommen. Eingespielt wurde alles im Studio von Gitarrist und Accept-Mastermind Wolf Hoffmann in Nashville. „Andy weiß genau, was wir soundmäßig brauchen“, erklärt Tornillo die Rolle des Mischpultartisten. „Er ist wie ich seit BLOOD OF THE NATIONS dabei und wird im Studio zu unserem fünften Beatle.“
Sneap dürfte es zu verdanken sein, dass HUMANOID trotz seiner Oldschool-Ausrichtung komplett nach 2024, vielleicht sogar nach 2025 klingt. Fetter und kompakter, dabei filigraner und doch voluminöser kam bisher jedenfalls kaum ein Accept-Longplayer daher. Herz des Ganzen sind aber natürlich die Kompositionen. Und da haben die Herren einmal mehr erstklassig aufgefahren. Während jedes Stück klar als Accept-Nummer mit für die Gruppe typischen Charakteristika identifizierbar ist, gibt es dennoch immer wieder Abweichungen von der Norm, die jedem Track seinen individuellen Charme geben. ›Diving Into Sin‹ etwa hat einen orientalischen Touch, während der Titeltrack – passend zum futuristischen Text – mit einem roboterhaften Groove glänzt und der Stampfer ›Man Up‹ ungewöhnliche Harmonien bietet, die subtil in Richtung Jazz tendieren. ›The Reckoning‹ wiederum enthält einen brillanten Slow-Part, kurz bevor die Soli einsetzen, der Züge von Bach und anderen Klassik-Idolen hat – ebenso wie der Einstieg in das abschließende ›Southside Of Hell‹.
„Das ist alles Wolf“, lacht Tornillo und beginnt, über seinen Gitarristen, das einzig verbliebene Original-Mitglied der Gruppe, zu schwärmen. „Er hört privat fast ausschließlich klassische Musik und nimmt diesen Einfluss immer wieder in unsere Lieder hinein. Wolf ist ein fantastischer Musiker. Ich bin nun schon so lange bei Accept und er überrascht mich dennoch wieder und wieder. Er ist so einfallsreich und dazu noch so talentiert, dass er all diese Ideen im Kontext unseres Sounds umsetzen kann. Ich glaube, diese kleinen, immer neuen, immer anderen Besonderheiten spielen eine enorme Rolle, warum die Fans uns schon so lange treu sind und nicht nur die alten Hits, sondern auch kontinuierlich neue Musik von uns hören wollen.“ Tornillo kann es kaum erwarten diese – natürlich zusammen mit den unsterblichen Gassenhauern, von ›Fast As A Shark‹ bis ›Balls To The Wall‹ – auf der Bühne vorzustellen. Die Tour zu HUMANOID startet Ende April in Südamerika, bevor die europäischen Festivals dran sind. Ab Oktober steht dann die hiesige Hallentournee an.