ZZ Top sind seit Ende der 60er Jahre im Business und eigentlich die einzige Band im großen Rock’n’Roll-Zirkus, die ein halbes Jahrhundert ohne Besetzungswechsel durchgestanden hat. Die Maschine und der Witz, der ZZ Top ausmacht, funktioniert nur so: mit den beiden bärtigen Dusty Hill und Billy Gibbons sowie dem bartlosen Frank Beard, der das legendäre Markenzeichen der Gesichtsbehaarung dafür im Namen trägt. Warum das bei dem Dreigespann so gut funktioniert hat, verriet Billy Gibbons im Interview mit CLASSIC ROCK.
Was hat dich, Dusty und Frank so lange zusammenbleiben lassen?
Das haben wir auch schon miteinander besprochen. Es ist einfach ein sehr ungewöhnlicher glücklicher Umstand, dass wir immer wieder über das Unerwartete stolpern. So ist das fünf Jahrzehnte lang frisch geblieben. Dieses Jubiläum ist ziemlich unglaublich, aber wir haben immer noch Spaß bei dem, was wir tun. Das ist nicht wirklich eine Herausforderung. Es ist nicht mal eine Aufgabe. Wir nennen es unsere langjährige Überraschung. Das ist ein Teil der Magie – dass wir immer noch darauf stehen.
Die Stones sind immer noch unterwegs, aber viele andere Rockveteranen beenden ihre Karriere – Deep Purple, Kiss, Rush. Wie lange wird es ZZ Top noch geben?
Nun, ich mag den Bezug auf die Stones, denn Keith Richards sagte ja bekanntermaßen: „Wenn wir Glück haben, können wir in die Fußstapfen von Muddy Waters treten, der das machte bis zu dem Tag, an dem er starb.“ Das ist ein bewundernswertes Ziel.
Gibt es nach all den Jahren in dieser Band etwas, das dich daran nervt?
Das Touren ist ziemlich anstrengend. Von zuhause weg zu sein, in diesem großen Brotkasten mit vier Rädern wohnen… das wird irgendwann verrückt. Es gefällt uns immer noch, denn es ist die Plattform für das, was wir am liebsten tun. Durch bessere Planung beim Touren sind einige der furchtbaren Schattenseiten davon verschwunden. Doch sie haben immer noch keinen Weg gefunden, eine Meile von A nach B kürzer zu machen. Man muss nach wie vor diese Distanz zurücklegen.
Kannst du dir ein Leben ohne ZZ Top vorstellen?
Irgendjemand hat Dusty gerade die-selbe Frage gestellt. Er sagte, er wäre wahrscheinlich lieber Apotheker. Dem schließe ich mich an.
Wenn es mit ZZ Top irgendwann mal vorbei ist, wie willst du, dass man sich an die Band erinnert?
Sie waren drei Typen, denen es Spaß machte, die Bretter zu beackern und Lärm zu machen.
Aus dem sensationellen Keyboarder-Dreigestirn, das in den 70er-Jahren internationale Rockmusikgeschichte geschrieben hat, ist der Engländer Rick Wakeman der letzte Überlebende. Vor ihm gegangen sind bereits seine Landsleute, Deep Purples Jon Lord und Keith Emerson vom genialen Trio Emerson, Lake & Palmer. Der inzwischen 71-jährige Wakeman erfreut sich gottlob nicht nur bester Gesundheit, sondern fügt seinem enorm großen Arsenal an Veröffentlichungen auch heute noch ständig neue Exponate hinzu. Und die zeigen: Wakeman hat nichts verlernt!
Rick, hast du angesichts diverser namhafter Todesfälle, auch in deinem persönlichen Umfeld, das Gefühl, dass die Einschläge immer näher kommen?
Oh ja, absolut. David Bowie, Keith Emerson, Jon Lord, Lemmy und Chris Squire: Man wird sich auf drastische Weise seiner eigenen Sterblichkeit bewusst. Bei Chris war es zudem völlig unerwartet. Man spürt also, dass es einen jederzeit erwischen kann.
Ist es für dich daher tröstlich und ein schönes Gefühl, gleich zwei Söhne zu haben, die in deine musikalischen Fußstapfen getreten sind?
Ja, natürlich. Ich bin megastolz auf Oliver und Adam. Sie sind ganz wundervolle Söhne und nicht nur talentiert, sondern auf ihre Sachen sehr fokussiert. Was mich aber am meisten freut: Sie machen ihr eigenes Ding, haben beide eine eigene musikalische Handschrift entwickelt und müssen sich hinter dem Schatten ihres Vater nicht verstecken.
Seht ihr euch regelmäßig?
Adam sehe ich leider nicht ganz so häufig, aber Oliver und ich treffen uns oft. Das Verhältnis ist aber zu beiden Jungs gleichermaßen gut.
„David Bowie, Keith Emerson, Jon Lord, Lemmy und Chris Squire: Man wird sich auf drastische Weise seiner eigenen Sterblichkeit bewusst.“
Erinnern die beiden dich an deine Jugend, als alles neu und aufregend war? In den 70ern warst du mit Yes ja der absolute Superstar.
Das stimmt, und an diese Zeit erinnere ich mich auch immer noch sehr gerne. Weißt du, wir hatten ja im Grunde genommen überhaupt keine Ahnung, was wir da damals machten. Es kam einfach so aus uns heraus. Die Alben FRAGILE und CLOSE TO THE EDGE, also die beiden wichtigsten Veröffentlichungen von Yes, waren im Grunde genommen das Ergebnis eines hemmungslosen Experimentierens, mit den technischen Möglichkeiten, die sich uns damals eben boten. Für mich stellen die Jahre 1972 bis 1974 die goldene Ära des Prog Rocks dar. Synthesizer waren neu, es gab unendlich viel zu entdecken, und wir versuchten permanent, unsere künstlerischen Grenzen so weit wie möglich auszudehnen, immer auf des Messers Schneide mit der damals vorhandenen Technologie. Das war enorm spannend, hat mächtig viel Spaß gemacht und zu Ergebnissen geführt, über die ich mitunter heute noch staune.
Die geniale Naivität der Jugend?
Exakt, das ist es, was ich meine. David Bowie hat seine Songs allesamt auf einer Akustikgitarre geschrieben, ganz einfach, mit einer Unbedarftheit, die für junge Musiker ja typisch ist. Aber Bowie wie auch wir bei Yes haben damit pure Magie erzeugt, wie man sie nicht planen kann. Wie gesagt: Ich wundere mich noch heute über so manchen Geniestreich und freue mich, dass ich damals daran beteiligt gewesen bin.
Inwieweit hat sich aus deiner Sicht das Business verändert?
Nun, vor allem die Technologie hat sich natürlich enorm weiterentwickelt. Damals war das Meiste analog, heute geht es ohne digitale Medien gar nicht mehr. Die technischen Möglichkeiten für heutige Künstler sind geradezu grenzenlos, mit all ihren Vor- und Nachteilen. Ich bin mir nicht sicher, ob dadurch auch ein wenig die Seele der Musik verloren gegangen ist. Aber vielleicht sind das ja auch nur die Ansichten eines alten Mannes… (lacht)
Die Kanadierin, deren neues Album Anfang 2022 erscheinen soll, hat aus der Pandemienot heraus ein paar neue Tracks aufgenommen, unter anderem ein Cover von Tom Petty und Stevie Nicks ›Stop Dragging My Heart Around‹. Weiterhin sind ihre beiden Songs ›Best Boy‹ und ›Mercy‹ Teil des des Werks, abgerundet mit drei bis dato unveröffentlichten Liedern.
Was das neue Album bringen wird, bleibt es abzuwarten. WILDE ist laut eigener Aussage vor allem als Fluchtmöglichkeit gedacht, um sich in bessere Zeiten zu träumen.
Die Katastrophe hatte sich angekündigt – aufzuhalten war sie nicht: Nur einen Tag vor dem Start seiner ersten US-Tournee, am 18. Mai 1980, erhängte sich Ian Curtis, Sänger der aufstrebenden englischen Band Joy Division, in der Küche seines Hauses in Macclesfield nahe Manchester.
Das Haus riecht seltsam frisch. Kein Zigarettendunst wie sonst. Sie schließt die Haustür. Ihr Blick fällt auf den Zettel auf dem Kaminsims, ihr Herz macht einen Sprung. Er hat an sie gedacht, eine Nachricht hinterlassen. Vielleicht wird doch noch alles gut werden. Am Abend zuvor haben sie gestritten. Sie sprach von Scheidung, er beteuerte, das mit der anderen zu beenden. Nun ist er wohl doch aufgebrochen, um mit den Jungs nach Amerika zu fliegen. Stille. Dass er noch im Haus ist, oben in der Küche, kann sie nicht ahnen. Sie steigt die Treppe hinauf.
Es ist der Morgen des 18. Mai 1980, als Deborah Curtis ihr kleines Reihenhaus auf der Barton Street in Macclesfield, Cheshire, betritt und wenig später ihren Ehemann Ian, Sänger bei Joy Division, erhängt in der Küche vorfindet. Es ist das Ende einer Geschichte, die sich wohl nur in düsteren Schwarzweiß-Tönen erzählen lässt.
Manchester Mitte der 70er-Jahre. Die Metropole im Norden Englands, zu Beginn der Industrialisierung ein europäisches Zentrum der heraufdämmernden Moderne, ist nun nichts weiter mehr als ein postindustrielles Armageddon. Nirgendwo offenbart sich Großbritanniens wirtschaftliche Depression schonungsloser: heruntergekommene Mietskasernen, vermüllte Industriebrachen, Autowracks in der vom ewigen Regen aufgeweichten Asphaltwüste.
Wohl mehr noch als in London muss der Punk hier auf fruchtbaren Boden fallen. Die ersten Auftritte der Sex Pistols, von The Clash und The Damned entzünden 1976 dann auch eine Szene, die Manchester zum Hotspot der Popkultur machen wird. Ian Curtis ist einer der zornigen jungen Männer, die dafür sorgen werden, Gitarrist Bernard Sumner und Bassist Peter Hook desgleichen.
„Sonderbar, dass wir erst nach Ians Tod auf seine Texte gehört haben – erst da wurde uns seine innere Zerrissenheit klar.“ (Bernard Sumner)
Geboren wird Ian Curtis am 15. Juli 1956. Ein hagerer Junge mit kurzgeschorenen Haaren, kantigem Kinn, sinnlichen Lippen und eindringlichem Blick aus tiefgrauen Augenhöhlen. Sein Start ins Leben verläuft vielversprechend. In der Schule wird er mehrfach ausgezeichnet, lebhaft interessiert er sich für die schönen Künste. Er schreibt Gedichte, verehrt Jim Morrison und David Bowie und schafft es ohne Schwierigkeiten ans St. John’s College, wo er mit 16 ein Studium der Geschichte und Theologie aufnimmt.
Bald schon aber steigt er aus, das akademische Leben widert ihn an. Erste Experimente mit Drogen folgen, auf seine Jacke malt er vier Buchstaben: H-A-T-E. Er jobbt, zunächst in einem Plattenladen, später dann kümmert er sich in einer staatlichen Einrichtung um Menschen mit Handicap. 1975 heiratet er seine Jugendliebe Deborah, noch keine 20 ist er da.
Ein Jahr später, es ist der 4. Juni, steht er in der Free Trade Hall von Manchester und erlebt, wie die Sex Pistols den Mythos des etablierten Rock pulverisieren. Rüpelharte Gitarren, scheppernde Drums, donnernder Bass und das wütende Keifen dieses dürren Kerls mit den roten Haaren – Johnny Rotten legt dort eine neue Saat. Zu der gehören einige, die an diesem Abend im Publikum stehen. Neben Curtis sind das Howard Devoto (Magazine), Pete Shelley (Buzzcocks), Morrissey (The Smiths) und Mark E. Smith (The Fall).
Einer der wichtigsten und eigentümlichsten deutschen Rocker feiert heute Geburtstag: Udo Lindenberg!
Udo Gerhard Lindenberg wird heute stolze 75 Jahre alt. Der in Gronau in Nordrhein-Westfalen geborene Künstler kann auf eine lange und bewegte Karriere zurückblicken, sich zu den Größten hierzulande zählen und hat doch noch lange nicht genug vom Musikzirkus.
Erst kürzlich veröffentlichte der Panikrocker und Dauerresident im Hotel Atlantic in Hamburg ein neues Best-of-Album und lieferte somit erneut UDOPIUM fürs Volk. Neben altbewährten Klassikern enthält die Platte auch einige neue Songs, einer davon erschien vor wenigen Tagen und heißt ›Mittendrin‹. Mittendrin ist Udo auch nach 75 Jahren noch und dabei so cool wie eh und je. Happy Birthday, Udo Lindenberg!
Rock’n’Roll ist Bauchsache. Also haben The Vintage Caravan aus Island einfach mal weniger nachgedacht und mehr gefühlt. Herausgekommen ist MONUMENTS, ihre fünfte und mit Abstand stärkste Platte, ein essenzielles Stück Rockmusik zwischen Vintage und Gegenwart.
Óskar Logi Ágústsson hat eine sehr präzise Vorstellung von Rockmusik: „Wir spielen jede Note, als wäre sie unsere letzte. Wenn du in dieser Musik einen bleibenden Eindruck hinterlassen möchtest, ist das der einzige Weg.“ Davon erzählen die vielen gerissenen Saiten und Blutflecken auf seiner Telecaster, ein Instrument, das er augenzwinkernd als „nicht besonders hygienisch“ beschreibt. Wenn ein junger Kerl wie Ágústsson, keine 30, so etwas sagt, ist man versucht, ihn als altklug abzustempeln. Wenn man aber weiß, dass er The Vintage Caravan mit zwölf Jahren startete und bis zur Volljährigkeit mehr Konzerte gespielt hat als manch gestandener Altrocker, dann bekommt die ganze Geschichte eine andere Dimension.
Seit 2014 operiert das Trio international, eine der ersten Reisen führte die Jungspunde aufs Wacken Open Air. Mittlerweile ist man bei Album fünf angekommen, MONUMENTS, ein großes Stück Rockmusik, das an eine Zeit erinnert, als Refrains noch strahlten, Soli noch im Studio improvisiert wurden und es hinter dem Mikrofon um Leben und Tod ging. „Wir lassen immer genügend Raum für Improvisation“, sagt der Sänger und Gitarrist. „Im Studio wird es sonst gern mal steif, wenn man sich zu strikt an die Vorgaben hält. Also spielen wir jeden Take anders als den vorherigen. Manchmal funktioniert es, manchmal nicht. Und genau das ist das Aufregende!“
Umgeben von ihrer Armada aus Vintage-Equipment fühlen sich die Isländer am wohlsten – im Studio wie auch auf der Bühne. Insbesondere die Live-Show stand bei den drei Burschen von Anfang an an erster Stelle. Die Band zog sogar von Island nach Dänemark, um in Europa mehr Shows spielen zu können. „Mit den teuren Flügen wären sonst nicht halb so viele Shows drin gewesen“, ist sich Ágústsson sicher. Außerdem würde man nicht so wahnsinnig kompakt, geölt und eigenständig klingen. „Wenn man anfängt, Musik zu machen, will man erst mal so klingen wie all seine Vorbilder, das ist normal“, so der Frontmann. „Über die Jahre experimentierten wir mehr, wuchsen als Songwriter und Spieler und wurden immer offener.“
Das zeigt sich auch in dem einen oder anderen Acht-Minuten-Epos, das seinen Weg auf MONUMENTS gefunden hat. „So etwas haben wir uns bisher nicht getraut. Bei diesem Album fühlten wir uns sicher genug, es mal zu versuchen – eingängige Songs mit Wendungen und Überraschungen.“ Er lacht: „Ich liebe nun mal Gentle Giant und Abba“.
Mehr denn je nutzten The Vintage Caravan das Studio als zusätzliches Instrument – ganz im Sinne großer Vordenker wie der Beatles, Pink Floyd oder Jimi Hendrix. „Wir wollten einen warmen, druckvollen Sound. Als die Platte vom Mixen kam, hörten wir sie uns auf drei verschiedenen Geräten an, bis wir sicher waren, dass sie gut klingt. Außerdem investierten wir sehr viel Zeit und Geld in das Mastering. Und na ja, ich sammle alte Verstärker. Der jüngste, den man auf MONUMENTS hört, ist 50 Jahre alt. Das schadet natürlich auch nicht.“ Ohne gute Songs bringt das natürlich alles nichts. Die gibt es auf dem Album. Und wie! „Uns war ganz egal, was am Ende dabei herauskommen würde“, berichtet Ágústsson, „solange es die beste Platte wird, die wir je gemacht haben. Also haben wir möglichst wenig nachgedacht und unserem Instinkt das Feld überlassen.“ Hat sich gelohnt.
Nach der Veröffentlichung der Songs ›You Hear Georgia‹, ›Hey Delilah‹ und ›Ain’t The Same‹ gibt es jetzt auch ein Video zu ›All Rise Again‹ von Blackberry Smoke. Gedreht wurde das Ganze in Nashville. Der ersten Song, den die Southern Rocker für ihr neues Album schrieben, ist eine Kollaboration mit Warren Haynes (Allman Brothers Band). Nach einem Telefonat zwischen ihm und Sänger Charlie Starr war klar: Nach dem Lockdown schreibt man zusammen.
Zum zwanzigjährigen Bandjubiläum erscheint am 28. Mai das Album YOU HEAR GEORGIA. Zwei Jahre nach dem letzten Studioalbum waren Blackberry Smoke aber keinesfalls untätig: Neben einem Livealbum mit DVD gab es auch eine Cover EP.
Vivian Campbell hatte die Musik noch vor seinem Einstieg bei Dio geschrieben, doch sie wurde zu einem Teil des Albums, das Ronnie James Dio als „eine der stolzesten Errungenschaften meines ganzen Lebens“ bezeichnete.
Ein Jahr vor seinem Tod 2010 sagte Ronnie James Dio zu mir: „In einer weltbekannten Band zu sein ist mehr, als sich die meisten Musiker erträumen können. In zweien zu sein, dieser Wunsch grenzt fast an Gier. Aber sich DREIMAL in einer erfolgreichen Formation wiederzufinden – vor allem, wenn dir das mit deiner eigenen Band passiert –, nun … ich kann mich extrem glücklich schätzen.“ Tatsächlich hätten nur wenige Menschen vorhergesagt, dass Dio seinen Rausschmiss bei Rainbow 1979 überleben würde – dafür, dass er sich „weigerte, kommerziellen Pop-Rock-Mist wie ›Since You Been Gone‹ zu singen“.
Schließlich war er der Sänger auf einem der größten Albumklassiker überhaupt gewesen, RAINBOW RISING. Als bekanntgegeben wurde, dass er Ozzy Osbourne bei Black Sabbath ersetzen würde, dachten die meisten, es wäre der letzte Nagel im Sarg dieser Band, schlichtweg undenkbar. Stattdessen ließ seine Ankunft deren Karriere wiederauferstehen und sie nahmen gemeinsam HEAVEN AND HELL auf, das heutzutage ebenfalls als monumentaler Rockklassiker gilt. Als er Sabbath verließ, gelang Dio sein erstaunlichster Geniestreich: sein erstes Soloalbum, HOLY DIVER. In einem Jahr, in dem sowohl Rainbow (mit dem grottenschlechten BENT OUT OF SHAPE) als auch Black Sabbath (mit dem lächerlichen BORN TO DIE) endgültig am Ende zu sein schienen, blickte HOLY DIVER aus sehr größer Höhe mit Verachtung auf sie herab.
Neben dem legendären Titelstück war ›Rainbow In The Dark‹, die wichtigste Single des Albums, das große Highlight darauf. Dio-Gitarrist Vivian Campbell sagte, das Monster-Riff „war mal ein Song von Sweet Savage namens ›Lady Marianne‹“. Sweet Savage hieß die Band in Belfast, die Campbell als Teenager gegründet hatte, bevor er mit 20 den Job im noch taufrischen DioLine-up ergatterte. „Ich dachte im Hinterkopf wahrscheinlich, dass Sweet Savage nicht weiter existieren würden, weil ich so sehr Teil von ihnen war. Doch die gesamte Musik von ›Rainbow In The Dark‹ kam von jenem Sweet-Savage-Song, den ich mit 16 geschrieben hatte.“ Campbell erinnerte sich an die Entstehung des Dio-Stücks aus einer losen Jam-Session. Er hatte zum Spaß mit Bassist Jimmy Bain und Schlagzeuger Vinny Appice gejammt, als Ronnie im Proberaum ankam. „Es herrschte immer ein bisschen mehr Anspannung im Raum, wenn Ronnie zu den Proben erschien. Er war definitiv der Boss.“
Dio hatte erstmals bei Rainbow mit Bain zusammengearbeitet, Appice war gegen Ende von Ronnies Zeit bei Sabbath deren Drummer gewesen. „Jimmy, Vinny und ich spielten einander einfach Riffs zu. Wir fingen zu spielen an und Vinny gab dem Ganzen dann seine eigene Note. Niemand auf dem Planeten spielt Schlagzeug so wie Vinny Appice. Er hat den Beat erfunden. Wann immer ich etwas schrieb, dachte ich beim Spielen, die Snare müsse hier hin, die Bassdrum da hin. Und in neun von zehn Fällen tat Vinny genau das Gegenteil. Das machte er dann auch bei ›Rainbow In The Dark‹. Wir spielten es Ronnie vor und der fing praktisch sofort an, die Melodie darüber zu singen. In einer Pause ging Jimmy dann zu seinem kleinen Yamaha-Keyboard, das wir aufgebaut hatten, und ließ sich das kleine Synthie-Motiv einfallen. Und das war’s – wir hatten den ganzen fucking Song innerhalb von zehn Minuten geschrieben.“ Dieses „kleine Synthie-Motiv“ von Bain war ursprünglich die Improvisation eines Keyboard-Parts für ein Lied namens ›Criminal Tendencies‹ gewesen, das er für seine vorige Band Wild Horses geschrieben hatte.
Doch nichts von alledem hätte musikalisch je funktioniert ohne Dios Gabe für Melodien – ein Talent, das er in seiner Kindheit entwickelt hatte, als er lernte, Trompete zu spielen – und natürlich seine löwenstarke Stimme. Auch der Text war einer seiner besten: „I cry out for magic, I feel it dancing in the night/It was cold, I lost my hold, to the shadows of the night …“ „Er war komplett anders als die meisten Rocksänger, denen ich begegnet war“, erinnert sich Ronnies Frau und Managerin Wendy Dio. „Er war intelligent und las jeden Tag ein Buch.“
Die Entstehung von ›Rainbow In The Dark‹ war ein weiterer Beweis dafür, wie viele reflektierte Gedanken er sich um seine eigene Band zu Beginn gemacht hatte. „Es wäre ein Leichtes für mich gewesen, einfach ein paar Überflieger vom Sunset Strip aufzugabeln und eine Gruppe zusammenzustellen“, sagte er mir später. „Aber ich hatte bei Rainbow und Sabbath mit so vielen großartigen britischen Musikern zusammengearbeitet und wollte diese Mischung aus amerikanischem und britischem Rockstil beibehalten.“ Hauptsächlich aus diesem Grund nahm Ronnie die Chance nicht wahr, den jungen Jake E. Lee ins Line-up zu holen, der sich später als StarGitarrist in Ozzys Soloband einen Namen machte. Vor Bains Ankunft hatte es Gespräche mit dem Australier Bob Daisley, ehemals Bassist bei Rainbow, gegeben – der seltsamerweise neben Lee ebenfalls bei Ozzy einsteigen sollte. Bain war es dann, der den damals völlig unbekannten Gitarristen Vivian Campbell vorschlug.
„Mir schwebten zwei Typen vor“, sagte Bain. „Der eine war John Sykes, der andere war Vivian.“ Sykes hatte schon bei Whitesnake zugesagt, also gab Dio Campbell eine Chance – und so war eines der essenziellen Line-ups des 80er-Metal geboren. Der blauäugige 20-Jährige konnte sein Glück nicht fassen: „Ich war ein großer Fan von Rainbow und hatte HEAVEN AND HELL rauf und runter gespielt. Dio war für mich ein großer Star und es war seltsam, überhaupt mit ihm in einem Raum zu sein.“
Innerhalb weniger Wochen war das neue Quartett in Los Angeles und arbeitete im Sound City Studio in Van Nuys. Dort gab es auf einer Seite des Hofs einen Proberaum und auf der anderen ein Studio. Im Lauf der Jahre wurden viele Albumklassiker dort aufgenommen. „Wir gingen jeden Abend da rein und hatten sehr viel Spaß“, erinnert sich Campbell. „Wir rauchten viel Gras, Freunde kamen vorbei. Es war eine tolle Atmosphäre.“
Sie beendeten die Arbeit an den Songs und nahmen sie dann oft noch am selben Abend auf. „Wir bauten das Equipment nicht mal ab, sondern rollten es einfach über den Parkplatz ins Studio.“ Das Endergebnis, auf den Punkt gebracht von ›Rainbow In The Dark‹, war „eine der besten Errungenschaften meines ganzen Lebens“, schwärmte Ronnie. „Rock, aber nicht nur Lärm. Ein toller Song mit tollen Darbietungen.“