Der griechische Komponist und Musiker Evangelos Odysseas Papathanassiou alias Vangelis ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Am besten bekannt dürfte er vielen durch seine Soundtracks für die Filme „Chariots Of Fire“ und „Blade Runner“ sein. Außerdem wirkte er in seinen frühen Jahren in der griechischen Prog-Band Aphrodite’s Child mit und arbeitete zusammen mit Yes-Mann Jon Anderson.
Larkin Poe: Neues Album BLOOD HARMONY im November
Die Lovell-Schwestern alias Larkin Poe veröffentlichen am 11. November dieses Jahres ihren neuesten Streich BLOOD HARMONY über Tricki Woo Records.
Eine neue Single inklusive Video haut das Roots-Rock-Duo zur Feier des Tages auch noch gleich raus. ›Bad Spell‹ heißt das Stück und erinnert mit seinem bedrohlich-groovigen Vibe an Screaming Jay Hawkins ›I Put A Spell On You‹.
AC/DC: Die Ballade von Bon Scott
Vor seinem Einstieg bei AC/DC war Bon Scott bei den Country-Rockern Mount Lofty Rangers – bis zu einem beinahe tödlichen Unfall. Die zwei Stücke, die sie aufnahmen, galten lange Zeit als verschollen. Bis jetzt.
Bon Scott verpasste selten einen Auftritt, doch am 3. Mai 1974 wusste sogar er, dass er zu besoffen war, um es zu bringen. Nach einem trunkenen Streit mit seiner damaligen Frau Irene sprang der Sänger auf sein Triumph-Motorrad und raste durch halb Adelaide zum Proberaum seiner Bandkollegen bei den Country-Rockern Mount Lofty Rangers. Er wollte ihnen mitteilen, dass er an jenem Abend nicht mit ihnen im Old Lion Hotel auftreten könne. Fahren unter Alkoholeinfluss war das eine, aber Scott wäre nie auf die Bühne gegangen, wenn er nicht seinen Job machen konnte.
Während dieses Kurzbesuchs brach ein Streit zwischen Scott und Ranger-Bassist Bruce Howe aus. Die beiden waren schon zuvor aneinandergeraten – als Mitglieder bei den trinkfreudigen Hippie-Rockern Fraternity hatten sie bei einem der angespannten Jams dieser Band auch schon die Fäuste fliegen lassen –, aber heute Abend braucht es nicht viel, um Scotts Lunte zu zünden. Niemand kann sich erinnern, was ihn ausrasten ließ, aber nach dem daraus resultierenden Zoff stürmte er hinaus und rannte dabei dreimal betrunken gegen die Tür.
„Wir versuchten, ihn aufzuhalten“, erinnert sich Rangers-Keyboarder Peter Head. „Ich weiß noch, wie ich sagte, ‚Bon, geh jetzt nicht, du bist zu besoffen, du kannst nicht fahren‘, aber weil er eben so dicht war, hörte er nicht auf uns. Das“, seufzt er, „war nicht ungewöhnlich.“ Eine Stunde später bekam Head einen Anruf. Nachdem Bon mit seiner Triumph davongebraust war, hatte er einen Frontalcrash mit einem Auto. Er überlebte, aber nur um Haares Breite – der Sänger verbrachte verbeult, zertrümmert und dem Tode nah drei Tage im Koma. Er sollte sehr, sehr lange brauchen, um sich davon zu erholen.
„Wir konnten ihn ein paar Tage nicht besuchen, weil er auf der Intensivstation lag und sie nicht wussten, ob er überleben würde“, so Head. „Als wir dann endlich zu ihm konnten, sah er furchtbar aus – er hatte all seine Zähne verloren, er war ein totales Wrack, übersäht mit blauen Flecken und Kratzern.“
Der Unfall bedeutete das Ende von Scotts Laufbahn bei den Rangers, die ganze vier Monate und zwölf Auftritte überdauert hatte. Im Oktober 1974 zog er nach einem monatelangen Heilungsprozess von Adelaide nach Sydney, wo seine Karriere mit AC/DC begann. Interessanterweise hatte er aber zwei Aufnahmen zurückgelassen, die erst jetzt, 40 Jahre später, das Licht der Öffentlichkeit erblicken.
Peter Head bezeichnet sich selbst als den „musikalischen Direktor“ der Mount Lofty Rangers. Die waren mehr ein Kollektiv gleichgesinnter Musiker als eine richtige Band, denn zwischen 1974 und 1979 gab es an die 240 Mitglieder, darunter der zukünftige Cold-Chisel-Frontmann und Little-River-Band-Sänger Glenn Shorrock. Berühmter als Bon Scott war jedoch keiner.
Die Rangers kamen zusammen, nachdem Heads vorige Band, die Prog-Bluesrocker HeadBand, sich Anfang 1974 aufgelöst hatten. Deren Management war dasselbe wie das von Fraternity – „Wir hatten denselben Tourbus, wir spielten dieselben Gigs zusammen“, wie sich der 67-jährige Head erinnert –, und er und Scott wurden gute Freunde. Die Rangers gründete er, um Langeweile und den Hungertod abzuwenden. Bon war einer von vielen Sängern bei ihnen, von denen die meisten auch Instrumente spielten. „Wir saßen alle herum und waren pleite. Ich dachte, der einfachste Weg, sich durchzuschlagen, wäre eine Country-Rockband“, so Head, der seit 30 Jahren in Sydney lebt. „Wir konnten ein paar Dutzend Drei-Akkord-Country-Songs spielen, ein bisschen Spaß haben und alles schnell auf die Beine stellen.“
ZZ Top: Hot Blues and Righteous
Ihr Album TRES HOMBRES verwandelte ZZ Top von der „little ol’ band from Texas“ in ein Phänomen. Zudem definierten sie damit den Sound des texanischen Blues und setzten den Lone Star State so wieder auf die musikalische Landkarte.
1973 nahmen ZZ Top einen Boogie im Stil von John Lee Hooker für jene Platte auf, die zu ihrem bahnbrechenden dritten Album TRES HOMBRES werden sollte. Angetrieben von einem Rhythmus, der Betonmauern hätte durchbrechen können, wurde ›La Grange‹ seither von Gitarrist und Bandchef Billy Gibbons als „prägender Moment“ beschrieben. Es hätte kaum zu einem besseren Zeitpunkt entstehen können. Blues war in Texas kaum noch präsent, die alte Garde schleppte sich zwischen den immergleichen alten Clubs hin und her und die größte Hoffnung des Lone Star States, Johnny Winter, war nach Norden gezogen, um ein Publikum zu finden. ZZ Top – Billy G, Bassist Dusty Hill und Schlagzeuger Frank Beard –, in der Zeit ohne Bärte, aber mit ihren „Nackt“-Anzügen, waren somit die Letzten, die die Stellung hielten. Und als Gibbons diese Hookeresken „How, how, how, how“s auf ›La Grange‹ intonierte, gab es keine Zweifel daran, dass die „little ol’ band from Texas“ nicht daran dachte, die weiße Fahne zu hissen. TRES HOMBRES brachte den Texas-Blues ins kollektive Bewusstsein – und definierte den Sound des ganzen Bundesstaates für den Rest der Welt. Alles, was die Band bis dato getan hatte, war quasi die Vorbereitung auf die Veröffentlichung jenes Albums gewesen. „Dusty und ich spielten mit American Blues in Dallas, Billy mit den Moving Sidewalks in Houston“, erzählte Beard über die Wurzeln des Trios.
„Wir wussten natürlich voneinander, und als die Zeit kam, in der ich einen Job suchte, fuhr ich in einem Volkswagen mit einem Drumkit nach Houston und sagte: ‚Hey, stellt mich ein!‘ So lernte ich Billy kennen.“ Hill fährt fort: „Ich zog nach Houston und wusste nicht, dass Frank dort war. Als ich in irgendeinem Club spielte, kam er zufällig rein. Er sagte: ‚Du musst vorbeikommen, um mit diesem Typen [Gibbons] zu spielen‘, und ich sagte, ‚okay‘.“ „Später entschuldigte ich mich dafür“, sagt Beard mit einem Lachen. Die Dinge kamen für ZZ Top ins Rollen, als der texanische Musikimpresario Bill Ham sie zufällig entdeckte und seine Dienste als ihr Manager anbot. Zudem wurde er auch zum Produzenten ihrer Alben. „Er lief am Proberaum vorbei und wir machten gerade ordentlich Lärm“, erinnert sich Gibbons. „Ihm gefiel, was er da hörte, gab jedem von uns eine Zigarre und sagte: ‚Jungs, ich werde euch zu Stars machen!‘“ „Dass er zu der Zeit gerade John Mayall als Gast bei sich zu Hause hatte, schadete natürlich nicht“, so Beard. „Das beeindruckte uns.“ Ham sagte die richtigen Dinge und behauptete, dass er ihnen zu einem Vertrag bei London Records verhelfen könnte. „Die Rolling Stones waren bei London gewesen und wir fanden das richtig cool“, so Hill. „Also machte Ham da oben sein Ding und brachte uns auf das Label. Wir nahmen das erste Album auf und gingen damit auf Tour.“ Dank seines neuen Managers fand das Trio ein neues Zuhause in The Warehouse, einer 2.800 m² großen Musikhalle in der
Tchoupitoulas Street in New Orleans. Grateful Dead, Fleetwood Mac und The Flock hatten das Warehouse im Januar 1970 eröffnet, und Jim Morrison hatte dort sein letztes Konzert mit den Doors gespielt. The Dead und die Allman Brothers wurden vom NOPD hochgenommen, als sie in die Stadt kamen, um dort aufzutreten. Mittlerweile abgerissen, war es Erzählungen zufolge ein äußerst lebendiger Laden. „Es war der heißeste Club der Stadt“, erinnert sich der örtliche Musiker Deacon John Moore. „Die Leute zündeten Joints an und niemand sagte etwas. Es war wie im Himmel.“
Gibbons: „Als wir das erste Mal dort spielten, flog das Dach weg …“
Hill: „Wir dachten, das hätten wir verursacht!“
Gibbons: „Ein Hurrikan war über New Orleans gezogen und hat tatsächlich das Dach über unseren Köpfen weggerissen. Wir wussten, dass wir den richtigen Ort zum Spielen gefunden hatten!“
„Bill haute den Besitzer Don Fox übers Ohr, um uns dort spielen zu lassen“, fährt Hill fort. „Er kannte uns nicht wirklich. Und es war Mardi Gras, also war alles in New Orleans ausgebucht. Wir schliefen im Club oben in der Garderobe. Don Fox war misstrauisch und setzte eine Wache auf uns an, damit wir keine Frauen mitbringen konnten.“
ZZ Top hatten vor TRES HOMBRES zwei Alben veröffentlicht: ZZ TOP’S FIRST ALBUM 1971 und RIO GRANDE MUD im Jahr darauf, beide von Manager Bill Ham produziert. Während der Arbeit an ihrem Drittling begegneten sie erstmals dem Produzenten, Songwriter, Fotografen, Tontechniker und Künstler Terry Manning. Ein kurzer Blick auf seinen ausladenden Lebenslauf verrät, dass er Teil des Produktionsteams von Stax Records in Memphis war, das die Staple-Singers-Klassiker ›Respect Yourself‹ und ›I’ll Take You There‹ veredelt hatte. Billy Gibbons fand noch viel besser, dass Manning als Tontechniker am dritten Album von Led Zeppelin gearbeitet hatte. „Ich war ein großer Fan [von ZZ Top]“, erzählte Manning im Magazin The Blues. „Die ersten beiden Platten hatten mir sehr gut gefallen und ich hatte tatsächlich meine Fühler ausgestreckt, um die Band wissen zu lassen, dass ich daran interessiert war, mit ihnen zu arbeiten. Und wie sich herausstellte, hatte Billy Gibbons gehört, dass ich das so erfolgreiche LED ZEPPELIN III als Tontechniker betreut und im Wesentlichen abgemischt hatte. Billy liebte den Klang der Platte und er hatte seinerseits versucht, mit mir in Kontakt zu treten, um eine Zusammenarbeit vorzuschlagen. Ich war also nicht überrascht von der Qualität der Songs, die sie spielten, oder von ihrem Sound. Ich war ja schon ein Fan. Und es ist immer großartig, wenn man an etwas
arbeiten kann, das man so liebt.“ Manning hatte bereits eine klangliche Vision für sein Debüt mit ZZ Top im Kopf.

„Ich wollte, dass sie kraftvoll und tight klingen, und so klar wie möglich. Die Philosophie dahinter war, dass es ganz offensichtlich bluesbasiert war und sie eine Version im Rock’n’Roll-Stil eines so reinen Blues spielten, wie man ihn in dieses Format nur bringen konnte. Und ich denke, dieses ganz bestimmte Ding machen sie besser als jemals irgendjemand sonst. Ich wollte das Blueselement bei- behalten, diese dreckigen, erdigen Klänge, die nicht perfekt sind. Doch ich wollte es in dieses sehr technische Gerüst einbetten, in dem die Dinge in gewisser Hinsicht – klanglich, in ihrem Timing – perfekt sind. Wenn man zwei gegensätzliche Pole so zu verbinden versucht, kann das manchmal zu einem Desaster werden, aber ich denke, in unserem Fall hatten wir Glück und es funktionierte. Für mich ist das Album eine Riesensache, wenn ich es mir heute anhöre. Es ist groß, kraftvoll und es klingt hart. Es erreicht genug klangliche Reinheit, um mich auf dieser Ebene zu befriedigen, aber es ist auch sexy, dreckig und funky. Ich denke, es bringt die beiden Seiten ziemlich gut zusammen. Mein erstes Treffen war mit Billy und Bill Ham gewesen, nicht mit der ganzen Band. Billy brachte die Tonbänder mit. Der Eindruck, den man bekommt, wenn man Billy trifft – damals und wahrscheinlich auch heute –, war immer, dass er ein unglaublich intelligenter Mensch ist. Natürlich ist er ein Verrückter – auf eine gute Art! Wir im Musikgeschäft sind alle Verrückte. Er hat seinen eigenen exaltierten Stil, seine ganz eigene Art, Dinge zu tun, doch dahinter steckt ein sehr intelligenter, philosophisch verwurzelter Mensch, der an der Welt interessiert ist, an den nicht greifbaren Dingen ebenso wie an denen, die man sehen und anfassen kann. Und das zeigt sich meiner Meinung nach in seinem Songwriting und vor allem in seinem Spiel. Das hat große Tiefe. Es war also beeindruckend, ihn kennenzulernen. Und Bill Ham war natürlich dieser unglaublich gerissene Geschäftsmann. Er wusste genau, was er tun wollte, um die Band im Musikbusiness immer weiter aufs nächste Level zu heben.“ (Text: Redbeard & Henry Yates. Aus CLASSIC ROCK #105)
Foo Fighters: Diskussion um Artikel über Taylor Hawkins letzte Tage
Am 16. Mai veröffentlichte der amerikanische Rolling Stone einen Artikel mit der Überschrift „Inside Taylor Hawkins‘ Final Days As A Foo Fighter“. In dem Bericht kamen zwanzig Bekannte des verstorbenen Drummers der Foo Fighters zu Wort, die unter anderem zu Protokoll gaben, dass Hawkins der Tourplan der Foos zuletzt zu viel geworden wäre.
Unter den vom Rolling Stone interviewten Künstlern befanden sich auch Matt Cameron von Pearl Jam und Chad Smith von den Red Hot Chili Peppers. Der Pearl-Jam-Schlagzeuger meinte in dem Gespräch, dass Taylor Hawkins ihm persönlich gesagt hätte, dass er „ein offenes Gespräch mit Dave Grohl geführt“ hätte, in dem er Grohl gesagt hatte, dass er „das verdammt nochmal nicht mehr tun“ könne. Chad Smith erzählte von einem Vorfall, bei dem Hawkins in einem Flugzeug angeblich das Bewusstsein verloren hätte.
Nachdem der Artikel einiges an Aufsehen erregt hatte und das Management der Foo Fighters beide Aussagen als unwahr kommentiert hatte, distanzierten sich nun die beiden Künstler von den darin enthaltenen Aussagen.
Dave Cameron schrieb bei Instagram: „Als ich dem Artikel über Taylor zustimmte, nahm ich an, dass es sich um eine Feier seines Lebens und Werkes handelte. Meine Zitate wurden aus dem Kontext gerissen und zu einem Narrativ geformt, das ich so nicht beabsichtigt hatte. Taylor war ein guter Freund, ein Künstler auf einem ganz anderen Level. Ich vermisse ihn. Ich empfinde nur tiefe Liebe und Respekt für Taylor, Dave und die Familien der Foo Fighters. Es tut mir ehrlich Leid, dass ich bei diesem Interview mitgemacht habe und ich entschuldige mich dafür, dass meine Teilnahme vielleicht diejenigen geschädigt hat, die ich respektiere und verehre.“
David Crosby: Zieht sich aus Live-Geschäft zurück
David Crosby möchte künftig keine Tourneen mehr bestreiten. Das verkündete der Künstler in einem jüngsten Interview mit dem Journalismus-Kurs der Golden High School vor einigen Schülern. Laut Variety meinte Crosby dort: „Ich bin zu alt. Ich habe die Ausdauer nicht mehr, mir fehlt die Kraft.“
Nachruf: Ronnie James Dio (10.7.1942 – 16.5.2010)
Die Rockwelt trauert um eine Legende: Am 16. Mai ist RONNIE JAMES DIO verstorben. Der Sänger, der Elf, Rainbow, Black Sabbath und Heaven & Hell mit seiner Stimme zu Ruhm verholfen hat und zudem als Solokünstler internationale Erfolge feierte, erlag im Alter von 67 Jahren einem Magenkrebsleiden. CLASSIC ROCK blickt zurück auf seine bewegte und bewegende Karriere.
Am 25. November 2009 erscheint eine Meldung auf Ronnie James Dios Website: „Bei Ronnie ist Magenkrebs im Frühstadium diagnostiziert worden. Er wird ab sofort in der Mayo-Klinik behandelt. Nachdem er diesen Drachen getötet hat, wird Ronnie wieder da stehen, wo er hin-gehört – auf der Bühne. Dort wird er das tun, was er am meisten liebt: für seine Fans singen!«
Ein Schock für den Sänger, seine Angehörigen und die Fans weltweit, denn der Schlag kommt unerwartet. Dio ist, im Gegensatz zu vielen seiner gleichaltrigen Musikerkollegen, nie durch Partyexzesse oder dergleichen aufgefallen und hat bis zu diesem Zeitpunkt keinerlei gesundheitliche Beschwerden. Daher zeigt sich der zierliche Frontmann zunächst auch trotz der dramatischen Diagnose zuversichtlich: Er beginnt sofort mit einer Chemotherapie, die anfangs auch gut anschlägt, wie er die Fans Anfang 2010 durch seine Ehefrau Wendy wissen lässt. Auch seine Bandkollegen von Heaven & Hell äußern sich zuversichtlich, ein TV-Team interviewt die Musiker für eine DVD-Veröffentlichung zum 30. Geburtstag von Black Sabbaths HEAVEN & HELL, und sogar eine europäische Festival-Tour für diesen Sommer steht auf dem Programm: Die Daten sind bereits gebucht.
Am 4. Mai lösen sich jedoch alle diese positiven Signale in Rauch auf: Dio muss die Gigs absagen. Er sei gesundheitlich noch nicht fit genug, um eine anstrengende Tournee durchzustehen, heißt es in einem Online-Statement. Da ahnen bereits viele Fans: Es muss wirklich schlecht um den Sänger stehen – Dio hätte sich sonst nie die Gelegenheit entgehen lassen, auf der Bühne für sie (und sich selbst) zu singen. Wenige Tage später verlassen den schmächtigen Frontmann schließlich die Kräfte: Am Nachmittag des 16. Mai verliert Ronnie James Dio den Kampf gegen den Krebs. Er stirbt im Beisein seiner zweiten Ehefrau Wendy im texanischen Houston, wo er bis zuletzt in Behandlung ist. Seither trägt die Rockwelt Trauer, und das Schwarz ist noch schwärzer als gewohnt. Denn mit Ronnie James Dio verliert die Musikszene nicht nur einen Ausnahmesänger, der ganze Generationen von Vokalisten beeinflusst hat, sondern auch einen ganz speziellen Menschen.
Dio hatte viele herausragende Eigenschaften: Am stärksten im Gedächtnis bleiben wird den Fans na-türlich seine markante Stimme, die allen Songs, auf denen er gesungen hat, eine ganze eigene, stets wiedererkennbare Note verliehen hat. Das gilt für seine ersten Aufnahmen mit Ronnie & The Redcaps ge-nauso wie für Elfs ›Carolina County Ball‹, Rainbows ›Man On The Silver Mountain‹, Sabbath-Klassiker wie ›Children Of The Sea‹, ›Falling Off The Edge Of The World‹, die Solo-Hymne ›Holy Diver‹ oder Heaven & Hells ›The Bible Black‹.
Aber auch menschlich gehörte der Mann aus New Hampshire zu denjenigen Künstlern, die sich trotz jahrzehnterlange Szene-Zugehörigkeit und weltweiter Bekanntheit nie arrogant verhalten haben. Jeder, der Dio begegnet ist, schwärmt bis heute von der sympathischen, offenen Art der Sängers, der sich nicht selbst in den Mittelpunkt stellen wollte, sondern im Gespräch immer auf sein Gegenüber einging und auch die Musiker der Vorgruppe keinen Deut schlechter behandelte als seine eigenen Bandkollegen.
Die Kommentare von Musikern, die CLASSIC ROCK im Kasten zusammengefasst hat, sprechen diesbezüglich eine deutliche Sprache. So haben sich zum Beispiel die Mitglieder von Kiss zu Wort gemeldet und Dio posthum geehrt: „Nicht nur Ronnies kraftvolle Stimme war bemerkenswert, er ist uns und allen um ihn herum auch immer mit großer Wärme und Freundschaft begegnet. Wir wer-den ihn vermissen.“
Mit dieser Einstellung zum Leben und zu seiner Leidenschaft, der Musik, ist es Dio gelungen, sich selbst stets den Spaß an den Songs zu bewahren. Zudem hat er für viele Fans und Kollegen Vorbildcharakter. Denn speziell im schnelllebigen Rockbusiness ist es leicht, die Bodenhaftung zu verlieren. Nur zu oft ist es in der Vergangenheit vorgekommen, dass Musiker binnen weniger Monate in den Starhimmel gehoben wurden – nur um dann ebenso schnell wieder unsanft daraus vertrieben zu werden. Dieser Kelch ist an Dio vorbeigegangen. Glück war dabei sicherlich auch im Spiel, vor allem aber war es seinem Talent und seinem Willen zu harter Arbeit zu verdanken, dass er zeitlebens keinen Niedergang erleben musste.
Da Ronald James Padavona, wie Dio mit bürgerlichem Namen heißt, bereits früh Musikunterricht bekommen hatte und neben der Trompete auch Bass spielen konnte, war er gegenüber seinen Instrumentalkollegen nie im Nachteil. Er wusste, wie wichtig ein spannender Songaufbau ist und konnte auch selbst Ideen beisteuern. Das schätzten die Menschen, mit denen er zusammenarbeitete.
Tony Iommi zum Beispiel erinnert sich mit Freuden an die Zeit, als Ronnie James Dio erstmals bei Black Sabbath einstieg: „Bei den Aufnahmen zu NEVER SAY DIE lief alles chaotisch ab. Wir mussten die Songs buchstäblich zusammenkratzen. Sie klangen alle völlig belanglos, ohne jegliche Orientierung. Und dann stieß Ronnie zu uns. Es war, als hätten wir unser Leben zurückbekommen!“
Zudem war Ronnie James Dio nicht nur an der Musik interessiert, sondern auch an Literatur – seit seiner frühesten Kindheit las er gerne Bücher. Seine Texte spiegeln seine Liebe zu Themen wie Mittelalter, Magie, aber auch Science Fiction wider. Zu seinen favorisierten Autoren zählten Walter Scott, Edgar Rice Burroughs, John Carter. Im Gegensatz zu vielen anderen Künstlern vollzog Dio keine strikte Trennung zwischen seinen privaten Interessen und seinem Leben als öffentliche Person. Schwerter, Drachen und Dämonen zierten bei ihm nicht nur die Bühnen, sondern auch das heimische Wohnzimmer.
Dies beweist: Er gab sich seinen Leidenschaften voll und ganz hin – der unbändigen Energie des Sänger verdankt die Musikwelt nicht nur etliche unsterbliche Rockklassiker, sondern auch Verbreitung der „Teufelshörner“, die er zwar nicht erfunden, aber zum international populären und universellen Gruß unter Riff-Freunden gemacht hat. Dio selbst zeigte die Hörner gerne und oft: Sie waren für ihn ein Zeichen der Zusammengehörigkeit – und keineswegs negativ besetzt.
Ähnlich starke Anziehungskraft übte der Drache auf ihn aus. Das mythologische Wesen symbolisierte für Ronnie James Dio den immerwährenden Kampf gegen die Widrigkeiten des Alltags, seien es nun psychische oder rein körperliche Probleme. Mit derselben Zähigkeit und der Unnachgiebigkeit wie das Fabeltier stellte sich auch Ronnie James Dio allen Herausforderungen. „Ich bin niemand, der sich leicht vom Weg abbringen lässt, ich verfolge meine Ziele konsequent“, betonte er in einem Interview – und setzte mit einem verschmitzten, weisen Lächeln nach: „Doch das heißt noch lange nicht, dass ich demselben Pfad folge wie alle anderen Menschen. Denn im Entdecken von neuen Dingen besteht doch der Reiz des Lebens!“
Lebensweg
CLASSIC ROCK zeichnet die wichtigsten Stationen von Ronnie James Dios Rockkarriere nach:
1942: Ronnie James Dio alias Ronald James Padavona kommt am 10. Juli in Portsmouth, New Hampshire, zur Welt.
1947: Auf Drängen von Papa Padavona lernt der Junge Trompete und spielt später auch in der Cortland High Jazz Band. Doch trotz seines unbestreitbaren Talents sattelt er als Teenager auf die Bassgitarre um.
1956: Ronnie tritt erstmals mit der Schülertruppe The Vegas Kings aus Cortland auf.
1958: Seine erste Veröffentlichung kommt auf den Markt – die 7’’-Single von Ronnie & The Redcaps mit den Titeln ›Lover‹ und ›Conquest‹, auf der B-Seite gibt Ronnie seine Gesangspremiere.
1960: Er nimmt den Künstlernamen Dio an. Ob er vom italienischen Wort für „Gott“ stammt oder auf den berüchtigten Mafioso Johnny Dio zurückzuführen ist, bleibt sein Geheimnis. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus beidem.
1967: Die Gruppe Ronnie Dio & The Prophets bricht auseinander, Dio formiert mit Gitarrist Nick Pantas und neuen Musikern The Electric Elves. Musikalisch und optisch brechen die härteren Zeiten an: weniger Pop, mehr knalliger Rock steht auf dem Programm.
1968: Bei einem Autounfall kommt Pantas ums Leben, die anderen Musiker werden z.T. schwer verletzt.
1972: Die Band, die inzwischen nur noch Elf heißt, kann mit Hilfe von Ian Paice und Roger Glover ihr Debüt produzieren und geht mit Deep Purple auf US-Tour.
1974: Das zweite Elf-Album erscheint – in Europa unter dem Namen CAROLINA COUNTRY BALL, in Japan und den USA als LA/59. Ritchie Blackmore, damals Gitarrist bei Deep Purple, wird auf Ronnies Band aufmerksam.
1975: Nach dem Erscheinen des dritten Elf-Albums TRYING TO BURN THE SUN wirbt Blackmore Dio für seine neue Band Rainbow ab. Mit dem Debüt RITCHIE BLACKMORE’S RAINBOW sowie RAINBOW RISING und zwei Live-Alben werden sie international gefeiert.
1978: Dio und Blackmore gehen getrennte Wege, da ihre musikalischen Vorstellungen immer weiter aus-einander driften. Ronnie hält die Musik von Rainbow für zu kommerziell. Er schließt sich ein Jahr später Black Sabbath an, die gerade Ozzy Osbourne vor die Tür gesetzt haben.
1980: Im April geben Sabbath ihr Debüt mit Dio – HEAVEN & HELL erscheint. Die Platte stürmt die Charts und die Herzen der Fans.
1982: Obwohl die Zusammenarbeit mit Black Sabbath erfolgreich verläuft und auch MOB RULES für Furore sorgt, steigt Dio aus und gründet mit Vinny Appice seine eigene Band, mit der er die stilistische Lücke zwischen Rainbow und Sabbath schließt.
1983: Das Dio-Debüt HOLY DIVER erscheint – innerhalb von sechs Jahren erreicht es in den USA Platin-Status.
1986: Nach dem Vorbild von Band Aid bringt der Vokalist Dio unter dem Banner Hear’n’Aid Hardrock- und Metal-Musiker zusammen und nimmt mit ihnen den Song ›Stars‹ auf. Dabei sind unter anderem Queensrÿche-Frontmann Geoff Tate, David Murray und Adrian Smith (Iron Maiden), Rob Halford von Judas Priest, Yngwie J. Malmsteen, Paul Shortino (Rough Cutt), Eric Bloom und Donald Roeser von Blue Öyster Cult, Neal Schon uvm.
1989: Nach einer Reihe von Besetzungswech-seln verlässt auch Appice Dios Band. Für LOCK UP THE WOLVES muss der Sänger eine komplett neue Truppe zusammenstellen, was ihm zwar gelingt, aber nicht den erhofften Ruhm bringt.
1991: Dio kehrt für die Aufnahmen zum 1992er-Album DEHUMANIZER zu Black Sabbath zurück, weigert sich aber, bei einigen geplanten Reunion-Shows mit Ozzy Osbourne die Bühne mit seinem Vorgänger zu teilen. Dio verlässt daraufhin erneut die Band und reaktiviert 1993 seine Solotruppe.
2004: Mit MASTER OF THE MOON erscheint die letzte von Dios Solo-scheiben. Seit der Reformation der Band hat er vier weitere Platten veröffentlicht, STRANGE HIGHWAYS (1994), ANGRY MACHINES (1996), MAGICA (2000) und KILLING THE DRAGON (2002).
2006: Für die Compilation BLACK SABBATH – THE DIO YEARS startet der Sänger einen dritten Anlauf mit Tony Iommi, Geezer Butler und Vinny Appice. Die Chemie stimmt, also entschließen sich die Musiker, 2007 gemeinsam auf Tournee zu gehen – und zwar unter dem Bandnamen Heaven & Hell.
2007: Im Januar wird Dio in die Rock’n’Roll Hall Of Fame aufgenommen.
2009: Am 24. April erscheint das Album THE DEVIL YOU KNOW, das die Band auch ausgiebig live vorstellt. In Deutschland spielen Heaven & Hell unter anderem beim Wacken:Open:Air. Weniger Monate später, am 25. No- vember, gibt Dios zweite Ehefrau Frau Wendy Galaxiola auf der offiziellen Website be- kannt, dass ihr Mann an Magenkrebs er- krankt sei. Dio zögert nicht lange, sondern unterzieht sich sofort einer Chemotherapie.
2010: In mehreren Internetpostings zeigt sich der Sänger optimistisch, dass er seine Krankheit besiegen kann. Die Behandlung schlägt zunächst gut an – Heaven & Hell planen sogar eine Europatour, im Sommer wollen sie unter anderem bei Nova Rock, Graspop Metal Meeting und den Sonisphere-Open Airs auftreten. Am 4. Mai kommt jedoch das Aus – Ronnie ist zu krank, um zu reisen, geschweige denn zu singen, heißt es in einem Statement. Die traurige Wahrheit ist jedoch: Zu diesem Zeitpunkt dürfte bereits abzusehen gewesen sein, dass Dio den Kampf gegen den Krebs nicht mehr gewinnen kann. Am 16. Mai stirbt er im Alter von 67 Jahren im texanischen Houston, bis zuletzt begleitet von Wendy, seinen Fa- milienangehörigen und engen Freunden. Er hinterlässt neben seiner Ehefrau auch einen Adoptivsohn aus erster Ehe, Daniel Padavona (42), seinen Vater Pat sowie zwei Enkelkinder, Joey und Julie.
Kollegen in Trauer:
Lars Ulrich (Metallica):
„Ronnie, ich möchte, dass du weißt, dass du einer der Hauptgründe dafür warst, dass ich es auf die Bühne geschafft habe. Als ich dich 1975 mit Elf im Vorprogramm von Deep Purple erstmals sah, wurde ich total umgehauen von der Kraft in deiner Stimme, deiner Präsenz auf der Bühne, deinem Selbstvertrauen und der scheinbaren Leichtigkeit, mit der du eine Verbindung zu 6.000 dänischen Leuten und einem elfjährigen Jungen mit leuchtenden Augen aufgebaut hast, von denen die meisten die Musik von Elf nicht kannten.”
Ritchie Blackmore (Rainbow):
„Ronnie hatte eine einzigartige und wunderbare Stimme. Die Rock‘n‘Roll-Welt wird ihn schmerzlich vermissen.“
Tony Iommi (Black Sabbath):
„Ich stehe noch unter Schock und kann nicht glauben, dass er uns verlassen hat. Ronnie war einer der nettesten Menschen, die ich kenne. Wir hatten eine fantastische Zeit zusammen. Er liebte es so sehr, Songs zu schreiben und auf der Bühne zu stehen, um die Musik mit seinen Fans zu teilen.”
Geezer Butler (Black Sabbath):
„Ich kenne niemanden, der eine liebevollere Familie und eine treuere Fangemeinde um sich scharen konnte als Ronnie. Er war ein besonderer Mensch, gesegnet mit einer herausragenden Stimme und einer speziellen Aura.“
Iron Maiden:
„Wir bewundern Ronnie: Seit Beginn seiner Karriere mit Elf bis hin zu Heaven & Hell hat er stets aufs Neue seine Genialität als Sänger und Frontmann unter Beweis gestellt und immer alles für seine Fans und seine Musik gegeben.“
Mikael Åkerfeldt (Opeth):
„Ich liebe ihn. Er ist fast wie ein Familienmitglied für mich. Ich fühle mich leer und einsam, seit ich weiß, dass er nicht mehr unter uns ist. Ich habe ein Porträt von ihm an der Wand in meinem Haus – und es wird auch stets als Erinnerung dort hängen bleiben.”
Slash (Velvet Revolver):
„Ronnie James Dio ist zwar am 16. Mai von uns gegangen. Seine Musik aber wird ewig leben.”
Tim Owens (Ex-Judas Priest):
„Ronnie James Dio war nicht nur mein Held, sondern auch mein Freund. Er hat mir als Musiker unglaublich viel beigebracht.”
Petra Schurer
King Crimson: Geniale Tarnung
King Crimson gelten als studierte Virtuosen, doch in den 70ern, als sie ihre brillante Liveshow auf Tour perfektionierten, waren Sex, Drugs & Rock’n’Roll für sie beileibe keine Fremdwörter.
Rom, November 1973, Palazzetto dello Sport. King Crimson haben gerade den Soundcheck für ihr ausverkauftes Konzert am Abend beendet. Während Robert Fripp, David Cross und Bill Bruford in den Backstage-Bereich gehen, um sich vorzubereiten, legt John Wetton noch letzte Hand an seine Einstellungen an. „Der Sound-check war vorbei, ich gab unserem Roadie meinen Bass und wollte gerade die Bühne verlassen, als diese 15-Jährige zu mir kam. ‚Mein Name ist Lorena‘, sagte sie. ‚Mein Bruder ist hier, weil ich einen Aufpasser brauche. Ich würde dich gerne heiraten.‘ Was zur Hölle?“ Damals, in der Heimat wie im Ausland, gab es ganze Legionen von Mädchen, die von Halle zu Halle zogen, um ihrem Lieblings-Popstar ihre unsterbliche Liebe zu erklären. Aber bei King Crimson, so Prog, wie man nur Prog sein kann? John Wetton gestand, dass es nicht so sehr das Anliegen an sich war, das ihn entsetzte, sondern die potenzielle Gefahr der Situation. „Ich lachte etwas nervös, doch sie sagte mir, sie meine es ernst und dass ihr Bruder das bestätigen würde. ‚Ich habe eine formelle Anfrage meiner Familie, dass du mich heiratest.‘
Es gelang mir, den Bruder zu besänftigen, der aussah, als würde er mich an Ort und Stelle umbringen, wenn ich Nein sage, und ein paar Momente lang spielte ich mit. Es war unfassbar. Die Security war noch nicht da, weil es noch mehrere Stunden bis zum Gig waren. Dann ging ich und ließ jemand vom Management dem Mädchen und ihrem Bruder sagen, dass wir diese Anfrage bedenken würden. Sie meinte es wirklich todernst. Das war schon unglaublich. Progressiver Feminismus existierte 1973 in Italien nicht. Männer legten sich da noch auf den Bürgersteig, um unter Miniröcke zu schauen. Dass dieses Mädchen es schaffte, ihren Bruder zum Gig zu schleppen und – mit der Erlaubnis ihres Vaters – offiziell darum zu bitten, dass ich sie heirate … ich meine, das ist schon außerordentlich. Ich war völlig perplex! Aber solche Sachen passierten bei Crimson ständig.“
Trotz ihres Rufes als ernsthafte Intellektuellen-Musiker erlebten auch King Crimson sehr wohl das Berufsrisiko des Tourfiebers. Sie gingen zwar nie so weit, Fernseher in Swimmingpools zu werfen oder Hotelzimmer zu verwüsten, aber sie benahmen sich keineswegs immer wie brave Chorknaben. „Wie damals in Avignon“, sagte Wetton, der sich an den Besuch in einem rustikalen Gasthof am Rand der wunderschönen alten Stadt in Frankreichs Südosten erinnerte. „Crimson waren in demselben Hotel untergebracht, wo ich schon als Mitglied von Family gewesen war und wo wir eine Essensschlacht veranstaltet hatten. Für Family war das jeden Abend die Normalität. Aber nicht für King Crimson.“ Nach dem Einchecken gingen Wetton und seine Kollegen zum Abendessen in den Speisesaal. „Ich erwähnte nur beiläufig diese Essensschlacht mit Family und dann ging das mit Crimson auch los! Alle in der Band und der Crewbewarfen einander mit Essen – Eiscreme, Leberwurst, Foie gras, egal was. Der arme Oberkellner stand nur völlig verwirrt da. Er war nicht wütend, erdachte nur: ‚Was zum Teufel ist mit diesen Typen los? Wir hatten schon mal eine Band aus England hier, die dasselbe tat‘. Zum Glück erkannte er nicht, dass ich das Bindeglied war.
“Solches Benehmen war für Rockbands auf Tour nicht ungewöhnlich, aber King Crimson hatten definitiv einen gewissen Ruf. „Diesbezüglich bekommen wir sehr schlechte Presse“, erklärte Wetton. „Wir wären nicht Rock’n’Roll, wir seien zu streberhaft oder so. Das trifft nicht wirklich zu. Wir taten das nur auf andere Weise, und wenn keine Journalisten anwesend waren, wie in Avignon. Tatsächlich waren Crimson sehr Rock’n’Roll. Da war einiges am Laufen, das versichere ich dir. Sex, Drugs & Rock’n’Roll hatten auch wir, und zwar nicht zu knapp, wenn auch vielleicht nicht in dem Maße wie Black Sabbath. Und wir wurden nicht in diese Schublade gesteckt. Wegen der technischen komplexen Natur unserer Musik dachten die Leute wahrscheinlich, Crimson seien eher bieder und brav. Doch das war nicht der Fall.“
Es gibt noch andere Geschichten von wesentlich ausgefalleneren Backstage-Eskapaden auf der langen Liste aller Crimson-Gigs, die man nicht drucken kann. Doch jeglicher Blick auf die großen Headliner-Bands jener Ära wird unweigerlich offenbaren, dass die zwei engen Verwandten des Rock’n’Roll – Sex & Drugs – nie weit weg waren. Neben all den fleischlichen Vergnügungen wurde das Kokain bald allgegenwärtig – auch wenn man festhalten sollte, dass das nicht für jedes Bandmitglied galt. „Was auf Tour passiert, bleibt auch da“ Das war vielleicht damals für viele Bands eine goldene Regel, doch niemand schien Robert Fripp davon in Kenntnis gesetzt zu haben. Nur wenige Wochen vor Wettons Heiratsantrag in Rom ließ der Anführer und Gitarrist von King Crimson sowohl im „NME“ als auch im „Melody Maker“ verkünden, dass er offen für die Avancen aller jungen Damen sei, die interessiert wären. Und das, obwohl er zugab, dass die Anzahl derer, mit denen er schon Verkehr gehabt hatte, in seinen eigenen Worten „etwas exzessiv“ war.„ Sexualität zieht sich durch meine gesamte Arbeit“, erklärte er damals verdutzten Journalisten. (Text: Sid Smith. Aus CLASSIC ROCK #97)




