Die klaustrophobischen Zustände in der Lockdown Zeit haben – das kann man 2023 konstatieren – eine ganze Menge stinklangweiliger Singer-Songwriteralben entstehen lassen. Diese Ausgeburt hier der Phase ist das genaue Gegenteil vom üblichen Akustikgitarrengezupfe mit Gejammer aus den Kellerstudios dieser Zeit. Denn hier regieren Blues, Soul, Loungebeats, Groove und ein Eimer voll wirklich spannender Musik, in denen ganz viele Zitate aus diversen Ohrwürmern cooler Klassiker der Neuzeit eingebaut sind. Arrangiert, produziert und instrumentiert mit ganz großem Besteck und zu guter Letzt ist Daniel Welbat auch noch ein grandioser Sänger, mit einer Spannweite von Goldkehlchen bis zum Blues-Bariton. Dem Wahl Hamburger ist mit dieser Scheibe ein ganz großer Wurf gelungen, nicht jedes Album darf das Prädikat „No filler, just killer“ tragen und nicht umgekehrt. Daniel ist ansonsten gut im Geschäft, arbeitet als Sprecher bei Hörspielen mit, ist Drehbuchautor und umgibt sich mit den richtigen Leuten. Hat aber genug Zeit, auch textlich zu brillieren. Das Album arbeitet schlechte Angewohnheiten reihenweise ab, ein Konzept, in dem sich jeder gerade am Jahresbeginn selber wieder findet. Wer perfektes und unberechenbares Songwriting gepaart mit Bandsounds a’la Triggerfinger, Beck, Yello, Blur und Popa Chubby mag, MUSS hier zugreifen.
Die scheinbar nicht enden wollende „Jersey Syndicate“-Tournee von 1988/1989 untermauerte den Status von Bon Jovi als eine der größten Bands auf dem Planeten. Sie brachte sie dem Zusammenbruch allerdings auch gefährlich nahe.
Eines Tages im August 1988, irgendwo in 10.000 Metern Höhe über dem Atlantik, bestellte die Stimme des Rock einen Drink: „Ich hätte gerne einen Whiskey & American“, sagte Tommy Vance. Nach langem Kramen in den Schubladen des Getränkewagens erwiderte die Stewardess mit einem bedauernden Lächeln: „Es tut mir leid, Sir, aber American ist uns ausgegangen.“ Die Antwort kam in einem tiefen Brummen: „Ist mir egal, geben Sie mir einfach den Whiskey.“
Es war eine surreale Erfahrung, die Stimme des legendären Moderators nicht aus dem Radio zu hören, sondern vom Sitz neben mir auf einem Flug von London nach New York. Wie so viele Rockfans in Großbritannien hatte ich jahrelang quasi-religiös Vances „Friday Rock Show“ auf Radio 1 verfolgt. Sein Status als König der Rock-DJs war so unantastbar, dass er mal unter der Überschrift „Metal Guru“ auf dem Titel des Magazins „Sounds“ zu sehen war. Und es war im Auftrag ebenjener Zeitschrift, dass ich mit ihm nach New York flog, wo wir beide die zwei Anführer von Bon Jovi interviewen würden. Deren neues Album stand kurz vor seiner Veröffentlichung. NEW JERSEY, benannt nach ihrem Heimatstaat, war der Nachfolger von SLIPPERY WHEN WET, das allein in den USA acht Millionen Käufer gefunden hatte.
SLIPPERY WHEN WET hatte für Bon Jovi alles verändert. Die ersten beiden Alben, das selbstbetitelte Debüt von 1984 und 7800° FAHRENHEIT von 1985, hatten es nicht mal in die Top 40 der amerikanischen Charts geschafft, doch SLIPPERY war ganz an die Spitze gestürmt, ebenso wie die beiden Singles daraus, ›You Give Love A Bad Name‹ und ›Livin’ On A Prayer‹. Es war das meistverkaufte Hardrockalbum in den USA seit Def Leppards PYROMANIA, ZZ Tops ELIMINATOR (beide 1983) und Van Halens 1984, und Bon Jovi wurden auf der ganzen Welt zu Superstars.
Und dieser Erfolg gründete auf mehr als nur ein paar tollen, radiofreundlichen Rocksongs. In der Ära der riesigen Frisuren und von MTV war Jon Bon Jovi, Sänger und Boss der Band, der glattgeleckte, durch und durch amerikanische Vorzeigebursche des Rock’n’Roll, dessen hübsches Gesicht die Titel von Teenie-Gazetten wie „Smash Hits“ ebenso schmückte wie die von Rock- und Metal-Zeitschriften wie „Kerrang!“.
Während des Flugs hörten Tommy und ich Vorab-Kassetten von NEW JERSEY auf Walkmen an. Die erste Single, ›Bad Medicine‹, war eine mächtige, direkt mit dem Refrain beginnende Rockhymne im Stil von ›You Give Love A Bad Name‹ vom Vorgängeralbum. Ich fragte Tommy, was er davon hielt. „Sie werden die größte Band der Welt sein“, sagte er. „Wenn sie das nicht schon sind.“
Manhattan ächzte unter der Sommerhitze, als Jon Bon Jovi und Gitarrist Richie Sambora in einem Apartment mit Blick auf den Central Park Hof hielten. Dies war das Zuhause und Büro von ihrem Manager Don McGhee und die Wände waren voll von Gold- und Platinscheiben für SLIPPERY WHEN WET oder Alben von Mötley Crüe und den Scorpions, die ebenso Kunden von McGhee Entertainment Inc. waren.
Der Meister war heute auf Geschäftsreise – und hatte Glück, überhaupt noch auf freiem Fuß zu sein, nachdem er vier Monate zuvor im Zusammenhang mit dem Fund von fast 20 Tonnen Marihuana durch die United States Drug Enforcement Agency 1982 in North Carolina aufgrund von Drogenhandels verurteilt worden war. Er bekam eine fünfjährige Haftstrafe, ausgesetzt zur Bewährung, musste 15.000 Dollar zahlen und erhielt die Auflage, gemeinnützige Arbeit zu leisten. Es gab einen Running Gag über McGhees Wohnung: Wenn es an der Tür klingelt, wird die Toilettenspülung automatisch betätigt.
Jon saß an McGhees großem, auf Hochglanz polierten Schreibtisch, Richie in einem Ledersessel neben ihm. Beide waren leger gekleidet: Jon in einem weißen Hemd, ausgeblichenen Jeans und Turnschuhen, unfrisiert, Richie in einem grauen Unterhemd und Jeans. Allerdings hatte er einen Cowboyhut mit breiter Krempe dabei, den er für die Fotosession des „Sounds“ trug.
Bon Jovi waren eine eng verbundene Einheit. Das Line-up – vervollständigt durch Schlagzeuger Tico Torres, Bassist Alec John Such und Keyboarder David Bryan – bestand unverändert seit 1983. Doch es war Jons Name auf den Alben und Konzertkarten, und Richie war seine rechte Hand, ein charismatischer Gitarrenheld und sein Co-Songwriter. Im Gespräch wie auf der Bühne spielten sich die beiden die Bälle zu und die Warmherzigkeit zwischen ihnen war offensichtlich. Dies waren definitiv nicht Mick und Keith.
Und dennoch: Als Jon in seinen Sessel sank, verrieten seine Körpersprache und die Müdigkeit in seinen Augen, was er und Richie hinter sich hatten: die gnadenlose Welttournee zu SLIPPERY, die alles auf den Kopf stellende Erfahrung des ganz großen Ruhms – und den Druck, einen weiteren Multimillionenseller abzuliefern. Für Jon, 26, und Richie, 29, war das Leben nun völlig anders als zwei Jahre zuvor.
Jon genoss die Aussicht von ganz oben. „Das ist nicht Scheiße“, sagte er mit einem breiten Grinsen. Und als er von seinem Hunger nach noch größerem Erfolg sprach, offenbarte er, was ihn antrieb: Nach Jahren des Kämpfens kam seine Motivation von der Angst, zu versagen.
„Natürlich gibt es da Angst“, sagte er. „Das hat nichts mit Geld zu tun – ich meine, wie viel Geld kann ein Mann schon brauchen? Es geht darum, dass es keinen größeren Rausch gibt, als zu wissen, dass man mit einem einzigen fucking Anruf drei Abende im Madison Square Garden buchen kann. Das ist wahnwitzig – ein Traum. Es ist ein High, vor einer ausverkauften Halle voller Leute zu spielen, die deine Musik wirklich lieben. Das sei unsere Realität, dachte ich am Anfang der SLIPPERY-Tour. Wir fuhren nach Japan und dachten, klar, wir spielen im Budokan, kein Problem.“
Er hielt effektvoll inne und lachte dann. „Und das ging dann nach hinten los! Wir hatten nur die Hälfte der Tickets dort verkauft und ich tat alles, was ich konnte, um die Kids da reinzubekommen. Da wird einem klar, dass man das ganze Geld sofort zurückgeben würde, nur um diese Halle vollzukriegen. Geld bedeutet einen Scheißdreck! Das war eine Erfahrung, die uns auf den Boden zurückholte.“
Jon und Richie hatten nur einen Monat nach dem Ende jener Tournee im Oktober 1987 in Hawaii mit der Arbeit an NEW JERSEY begonnen. „Wir nahmen noch vor Weihnachten Demos für neue Songs auf“, sagte Jon mit einem müden Gesichtsausdruck. Richie schien engagierter. „Wir sind krank, Mann!“, sagte er lachend. „Zwischen November und Dezember hatten wir 17 Songs geschrieben.“ Richie sagte auch, dass es einfach gewesen sei, das Album zu machen. „Wir spielten das meiste davon live ein. Und schnell.“
Dennoch war es schwer, SLIPPERY WHEN WET zu toppen, und es schien mehr als nur ein wenig unaufrichtig, als Jon behauptete, sie hätten es „nicht bewusst darauf angelegt, es zu übertreffen.“
Am 5. Mai erscheint COLOURS OF ROCK, eine große Special Edition zur Feier der Bandhistorie der Scorpions. 12 Alben wir das Paket auf coloured Vinyl enthalten. Von vier der enthaltenen Platten – FLY TO THE RAINBOW, VIRGIN KILLER, IN TRANCE und HUMANITY (HOUR 1) – wurden erstmals die Originalbänder für die Neuauflage remastert.
Zusammengefasst erscheinen unter dem TitelCOLOURS OF ROCK die folgenden zwölf Alben von 1974 bis 2007:
FLY TO THE RAINBOW (1974): 180g 1LP, gepresst auf transparentem violettem Vinyl
IN TRANCE(1975): 180g 1LP, gepresst auf transparentem Vinyl
VIRGIN KILLER (1976): 180g 1LP, gepresst auf himmelblauem Vinyl
TAKEN BY FORCE (1977): 180g 1LP, gepresst auf weißem Vinyl
TOKYO TAPES (1978): 180g Gatefold 2LP, gepresst auf gelbem Vinyl
LOVEDRIVE (1979): 180g 1LP, gepresst auf transparentem rotem Vinyl
ANIMAL MAGNETISM (1980): 180g 1LP, gepresst auf rotem Vinyl
BLACKOUT (1982): 180g 1LP, gepresst auf kristallklarem Vinyl
LOVE AT FIRST STING (1983): 180g 1LP, gepresst auf silbernem Vinyl
WORLD WIDE LIVE (1985): 180g Gatefold 2LP, gepresst auf transparentem orangenem Vinyl
SAVAGE AMUSEMET“ (1988): 180g 1LP, gepresst auf transparentem hellblauem Vinyl
HUMANITY (HOUR 1)(2007): 180g Gatefold 2LP, gepresst auf goldenem Vinyl
Am 3. März um 22:30 Uhr findet der deutsche Vorentscheid für die Teilnahme beim diesjährigen Eurovision Songcontest im Ersten statt. Neben Pop-Act Frida Gold oder Partyschlagersänger Ikke Hüftgold werden morgen unter anderem auch die theatralischen Lord Of The Lost teilnehmen, eine Rock/Industrialband aus Hamburg.
Wer sich wünscht, mal wieder einen Rockact beim ESC (dieses Jahr in Liverpool) in den Ring zu schicken, der kann bereits jetzt für die Band voten unter https://www.eurovision.de/voting.
Mit ihrem gleichnamigen Album BLOOD & GLITTER sind Lord Of The Lost 2023 übrigens auf Platz eins der Albumcharts eingestiegen. Wer weiß, vielleicht wurde damit ja ein Jahr der Siege eingeläutet.
Sänger und Gitarrist Chris Harms über die Nominierung: „Wir sind eine Band, die sich noch nie bewusst irgendwem oder irgendwas angepasst hat. Keinem Trend, keiner Szene, keiner Erwartungshaltung. Wir haben immer das gemacht, was UNS gefällt, zu jeder Zeit. Dass wir nun mit unserem schrägen Genremix, so authentisch und unverbogen wie wir sind, für die größte Musikshow der Welt in Betracht gezogen werden, ist eine große Ehre und wir freuen uns extrem darauf, den ESC-Vorentscheid in vielerlei Hinsicht ein wenig bunter machen zu können. Ein Song wie „Blood & Glitter“ ist für die deutsche TV- und Radio-Landschaft ein ganz schön hartes Brett – das wird polarisieren. Und da wir Kontraste lieben, macht es das ganze umso spannender für uns. Freunde, am 3. März wird es laut in der ARD!“
Extreme bringen eine neue Platte raus! Und das nach 15 Jahren, in denen die 80er-Institution kein neues Material veröffentlicht hat. Am 9. Juni wird SIX erscheinen, eine erste Single mit dem Titel ›Rise‹ gibt es jetzt schon zu hören.
„Musikalisch ist die neue Platte aggressiv“, so Frontmann Gary Cherone. „Textlich wird ein warnendes Märchen von den beiden Seiten des Ruhms erzählt. Man wird verführt. Sobald du ganz oben bist, wirst du auseinandergerissen und fallen gelassen. Das liegt in der Natur der Sache.“
Heute erscheint die neue Metallica-Single ›If Darkness Had a Son‹, bisher die dritte Auskopplung des kommenden Studioalbums 72 SEASONS. Die Platte erscheint am 14. April.
Passend zum neuen Album präsentiert CLASSIC ROCK „Metallica – Das Sonderheft“. Die 148 Seiten starke Special Edition erscheint am 05. April 2023 überall im Zeitschriftenhandel und versandkostenfrei über www.classicrock.net
Roger Harry Daltrey baute sich seine erste Gitarre mit seinen eigenen Händen. Er war Blechschlosser, spielte Franz Liszt auf der großen Leinwand, betrieb eine Forellenzucht und ist die treibende Kraft hinter der Wohltätigkeitsorganisation Teenage Cancer Trust. Zusätzlich zu einer respektablen Solokarriere ist er der Frontmann von The Who, bei denen er seit über einem halben Jahrhundert Pete Townshends Worte interpretiert, während er versucht, in einer der streitfreudigsten Bands der Rockgeschichte den Frieden zu bewahren.
Glaubst oder hast du jemals an Gott geglaubt? In die Kirche gehen und im Chor singen war ein Teil meines Leben, also habe ich wohl mal an ihn geglaubt, aber heute tue ich das nicht mehr.
Wie hat es sich auf dein Leben ausgewirkt, auf eine „grammar school“ (in etwa äquivalent zum deutschen Gymnasium) zu gehen? Erschütternd gut. (lacht) Es hat mein Leben die Entwicklung nehmen lassen, die es genommen hat, aber es war eine entsetzliche Erfahrung und ich habe damals jeden Moment davon gehasst. Ich hatte nichts mit irgendjemand gemeinsam. Wenn du auf so einer Schule ankommst, wirst du vom Klassensystem ununterbrochen gewatscht und gleichzeitig in die Eier getreten.
Was denkst du ist die größte falsche Vorstellung, die Leute von dir haben? Keine Ahnung, das interessiert mich einen Scheißdreck. Jeder hat seine eigene Meinung und hat ein Recht darauf.
Wie fühltest du dich, als du 1965 bei The Who gefeuert wurdest? Ich wusste, dass wir eine fantastische Chemie zwischen uns hatten, aber alles ging den Bach runter, weil sie sich ständig diese Pillen einwerfen mussten. Es musste sich was ändern, also sagte ich: „Entweder hört ihr auf, Drogen zu nehmen, oder es ist aus mit der Band.“ Ich versuchte, einen Haufen Genies so gut spielen zu lassen, wie sie es wirklich konnten, nicht wie ein paar verdammte Schimpansen. Die Fahrt nach Hause war sehr schweigsam. Niemand sprach mit mir. Dann erhielt ich eine Nachricht aus dem Büro: „Sie werden nicht mehr mit dir zusammenarbeiten, Roger. Du bist nicht mehr in der Band.“ Zwei Tage lang dachte ich dann: Oh fuck, was habe ich getan? Und dann dachte ich: Scheiß drauf. Ich habe diese Band gegründet, also gründe ich einfach eine neue. Und das hätte ich auch getan.
Was kannst du, das niemand sonst kann? Mich im Spiegel sehen, der zurückblickt.
„Es musste sich was ändern, also sagte ich: ‚Entweder hört ihr auf, Drogen zu nehmen, oder es ist aus mit der Band.’“
Haben The Who aufgrund oder trotz des Managements durch Kit Lambert und Chris Stamp durchgehalten? Aufgrund ihres Managements. Ohne sie hätten wir es nicht geschafft. In ihrer kreativen Vision für The Who waren sie genial. Es war unglaublich schmerzhaft, uns von Kit und Chris trennen zu müssen. Ich wollte das nie, sondern nur, dass sie sich im Hintergrund halten und kreativ sind, statt unsere geschäftlichen Angelegenheiten zu regeln.
Was bereust du am meisten? Ich bereue nichts. Das kann ich nicht. Ich habe schlimme Fehler gemacht, aber ich bereue nichts davon, weil sie mich zu dem gemacht haben, der ich heute bin.
Was war der Tiefpunkt deiner Karriere? Als Pete [2003] verhaftet wurde. Ich wusste nicht nur, dass das überhaupt nicht Petes Charakter entsprach, mir taten auch alle leid, die davon betroffen waren. Ich weiß, wie sich das auf meine Familie auswirkte und dachte an seine Familie und die Menschen, die ihn lieben. Das war für uns alle eine unglaublich schmerzhafte Zeit.
Was war das Schlimmste, das Regisseur Ken Russell von dir verlangte? An einer Klippe in 150 Metern Höhe zu hängen für das Ende von „Tommy“. Ich trug Jeans, keine Schuhe, kein Hemd, ich zitterte und hörte: „Halt durch, Roger, wir warten nur auf das Licht.“
Was war deine größte Geldverschwendung? Autos. Sie sind nur Blechklumpen. Wir stehen alle im selben Stau, wen kratzt es also, was du fährst? Aber wenn du dieses jugendliche Ego hast, willst du Ferraris.
Was ist das Geheimnis einer erfolgreichen Ehe im Rock’n’Roll? Eine gute Frau, die das Geschäft versteht. Das tat sie, und wir sind seit 50 Jahren zusammen. Ich habe sie nie angelogen. Gleich zu Beginn sagte ich, ich würde nie ein normaler Ehemann sein, und das akzeptierte sie. Und weil sie das akzeptierte, war ich nicht annähernd so ein Schwerenöter, wie ich es hätte sein können.
Du hast mal gesagt, dass Keith Moon „wusste, welche Knöpfe er drücken musste“, John Entwistle habe eine „sehr gehässige Ader“ gehabt, und dass eine Unterhaltung mit Pete sei wie „ein Gang durch ein Minenfeld in Clown-Schuhen“. Warum liebst du diese Menschen also? Weil sie meine Kumpels waren und ich ihr musikalisches Talent erkannte. Sie waren genial. Das Tolle an ihnen war, dass wir uns gegenseitig anstachelten. Darum ging es immer.
Worauf bist du in deinem Leben am stolzesten? Das ist leicht: Meine Familie, The Who, und dass ich es geschafft habe, dass der Teenage Cancer Trust auch in Amerika für seine Arbeit anerkannt wurde. Das treibt mich heute mindestens genauso an, wie es The Who jemals taten.
Was wird auf deinem Grabstein stehen? „Starb und ging nie zu Harrod’s.“ (lacht) John Entwistle wohnte praktisch bei Harrod’s. Er bestellte egal was, nur damit er seinen Nachbarn damit beeindrucken konnte, dass ihr Lieferwagen vor dem Haus stand.
1968 standen The Who am Scheideweg: Ihre Karriere als glorreiche Singles Band geriet im anbrechenden Psychedelic-Zeitalter ins Stocken, einen Plan B gab es nicht. Erst als es Gitarrist und Songwriter Pete Townshend gelang, seine spirituelle Sinnsuche in einem Projekt mit damals beispiellosen Dimensionen zu kanalisieren, konnte das für seine wüsten Live-Auftritte berühmt-berüchtigte Quartett aus London den Hebel umlegen. Der Weg war frei für die erste wirklich erfolgreiche Rockoper: TOMMY!
Viele Jahre lang hat Pete Townshend den Mythos am Leben erhalten, er habe TOMMY aus reiner Verzweiflung in Angriff genommen. Richtiger ist wohl, dass er den Wandel der Musikwelt nach dem Summer of Love des Jahres 1967 perfekt antizipierte. Zuvor hatten The Who vor allem vor jungen Männern gespielt, die in erster Linie zu den Konzerten kamen, um die Band am Ende ihres Sets das Equipment in Stücke hacken zu sehen. Doch plötzlich schien das kein zukunftsträchtiger Plan mehr zu sein. Die Mod-Bewegung, aus deren Reihen sich ein Gutteil des frühen The-Who-Publikums rekrutiert hatte, verlor zusehends an Schwung, gleichzeitig wuchs auch das Interesse der Hörer am LP-Format.
Mit den Alben A QUICK ONE (1966) und THE WHO SELL OUT (1967) hatten The Who bereits ein Faible fürs Konzeptionelle und Experimentelle angedeutet, in den Augen der breiten Masse waren sie allerdings weiterhin vor allem eine Singles-Band. Doch der Strom brillanter Hits, der 1965 gleich mit der Debütsingle ›Can’t Explain‹ begonnen und nicht viel später mit ›My Generation‹ seinen Höhepunkt erreicht hatte, begann, zu versiegen. ›I Can See For Miles‹ erreichte im Oktober 1967 zwar gerade noch die britischen Top 10, dennoch leitete die Single einen rasanten kommerziellen Abwärtstrend in der Heimat des Quartetts ein: Der inzwischen längst vergessene Nachfolger ›Dogs‹ und das erst Jahre später zu Kultehren gekommene ›Magic Bus‹ tummelten sich in der ersten Jahreshälfte 1968 lediglich in den Niederungen der Hitparade. Es war offensichtlich: The Who passten nicht wirklich ins neue Psychedelic-Zeitalter. „Dass ›I Can See For Miles‹ nicht die Charts stürmte, war ein Schock für mich“, schrieb Townshend in seiner letztes Jahr veröffentlichten Autobiograf ie „Who I Am“. „Ich war davon ausgegangen, dass mein Meisterwerk uns zu ewigem Ruhm verhelfen würde.“
Doch die Band befand sich nicht nur künstlerisch auf dünnem Eis. Lediglich Townshend war als praktisch alleiniger Songwriter der Band durch Tantiemeneinnahmen finanziell abgesichert. Für Sänger Roger Daltrey, Bassist John Entwistle und Drummer Keith Moon dagegen mussten in erster Linie die Konzertgagen als Auskommen reichen wenn sie nicht zuvor in dunklen Kanälen verschwanden oder durch die Zerstörungslust der Musiker gleich wieder verschlungen wurden. Trotz vier nach außen hin sehr erfolgreicher erster Jahre hatte die Band vor der TOMMY-Ära Schulden in geradezu astronomischer Höhe angehäuft. Abendgagen von maximal 300 Pfund sollen damals Verbindlichkeiten in Höhe von bis zu 60.000 Pfund gegenübergestanden haben. Konkrete langfristige Pläne, die Misere zu überwinden, gab es zunächst nicht. „Damals waren wir schon froh, wenn wir das Ende der Woche erreichten, ohne dass die Band auseinanderbrach“, erzählte Daltrey Jahre später dem The-Who-Biografen Matt Kent.