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Start Blog Seite 1374

Kula Shaker – PILGRIM’S PROGRESS

Kula-Shaker-Pilgrims-ProgressDie werden ja immer besser: das vierte Album der häufig unterschätzten Britrocker.

Nein, gegen die Smartness von Blur, die Feuerzeugschwenker von Oasis und den damit verbundenen Hype konnten Kula Shaker in den 90er Jahren wenig ausrichten. Dabei war ihr Debütalbum K mit seinen indischen Einflüssen, die massiv an George Harrisons Liebhabereien erinnerten, ein ziemlich großer Wurf: Neo-Psychedelic-Rock mit quengelnden Wah Wahs, dickem Mellotron und klasse Songwriting.

Danach ging’s dann leider bergab, Album Nummer zwei enttäuschte, und die Reunion vor drei Jahren samt brauchbarem Comeback-Album fand nahezu unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Und jetzt das: PILGRIM’S PROGRESS präsentiert die Band um Crispian Mills so fokussiert wie zu den Tagen von K, die Songs – changierend zwischen Folk, Rock, Psychedelic und von typisch britischer Machart – funktionieren einzeln so gut wie als Gesamtkunstwerk. Natürlich schimmern noch immer die Beatles der Spätphase durch, doch das ist gewiss alles Mögliche – nur ein Nachteil mit Sicherheit nicht.

Kottak – ROCK & ROLL FOREVER

kottakDrittes Solo-Album des Scorpions-Drummers – als Sänger/Gitarrist.

Eigentlich sollte man meinen, James Kottak wäre gerade beschäftigt genug. Doch der 47-jährige Amerikaner – ganz der clevere Geschäftsmann – nutzt den Medienrummel um den Scorps-Abschied für ein klein bisschen Eigenwerbung.

Was das dritte Album seiner Hobbyband Kottak auch bitter nötig hat. Schließlich glänzt er hier mit Songs der Marke ›Rock ’n’Roll Forever‹, ›Sunset Blvd‹, ›Super Pricks‹ und ›Drunk Uncle Pete‹, die an lyrischen Peinlichkeiten aka billigen Klischees und schlechten Schüttelreimen („Lost my money – killed my honey“, „Stripper shoes – porno news“) kaum zu überbieten sind. Und auch die Musik, die er selbstironisch als „Cheap Trick meets Green Day on a bad day“ verkauft, ist nicht mehr als durchschnittlicher Punk-Pop, wie ihn derzeit Tausende von Blink 182/Sum 41-Klone bieten.

Ein musikalisches Trauerspiel – daran können auch noch so viele Posen, Sturmfrisuren und Tattoos wenig ändern. Einzig das Cover von ›Holiday‹ (1:30 Minuten kürzer als das Original) ist okay. Drummer, bleib’ bei deinen Stöcken!

Sabaton – COAT OF ARMS

Sabaton-Coat-Of-ArmsDer Kampf mit dem schlechten Geschmack geht weiter.

Auch mit ihrem vierten Album bleiben unsere schwedischen Banger den bewährten Werten treu: Stampfender Power Metal wird mit choralen Passagen aufgepeppt, bleibt dabei melodisch-bieder und wird von Sänger Joakim Brodén mit einer derart kantigen, bellenden Intonation vorgetragen, dass das Ganze wie eine Mischung aus schwedischem Rammstein-Englisch und russischen Bahnhofsdurchsagen klingt.

Thematisch wird hier abermals der Streitkraft-Stiefel durchgezogen: Fast alle Songs beschäftigen sich (pseudo-)historisch mit berühmten Schlacht- und anderen Kriegs-Ereignissen der Menschheitsgeschichte. Extrem grenzwertig wird das vor allem bei ›The Final Solution‹ und ›Wehrmacht‹. Den Holocaust oder psychische Soldaten-Studien sollten plakative Power Metal-Bands vielleicht besser nicht lyrisch aufbereiten. Da ist man für den Rausschmeißer ›Metal Ripper‹, ein Zitat-Mashup von AC/DC bis Ozzy, fast schon dankbar. Er macht die Band zwar musikalisch auch nicht besser, verursacht jedoch wenigstens kein beschämtes Kopfschütteln. Tarn-Kutten-Kaspermucke für Metal-Martialisten, die mittelmäßige Musik mit Panzer-, Kriegs- und Stahlhelm-Symbolik für cool und männlich halten.

Holmes – HAVE I TOLD YOU LATELY THAT I LOATHE YOU

Holmes_Have_I_Told_You_Lately_That_I_Loathe_You_coverSkandinaviens Antwort auf Americana bleibt im Herzen verdammt Young.

Wäre dieses Album ein Post-Edward Hopper-Bild, hätte man die Szenerie und den Farbton für die Beschreibung schnell gefunden: eine in grauen Zwischentönen gehaltene, öde Motel-Bar im speckigen Spät-Fünfziger-Interieur an einem längst verloren geglaubten Highway irgendwo im Mittleren Westen. Draußen in der Dämmerung bricht ein weiterer tragisch-leerer Tag an. Während der ehemalige Kleinstadt-Chef-Mixer mit den weißen Schläfen sinnentleert die Gläser poliert, lümmeln Holmes auf der Eck-Couch und klimpern ihre traurigen, aber tief empfundenen Americana- und Folk-Weisen vor sich hin.

Von der blutenden Steel Guitar über die behutsamen Piano-Pflaster bis hin zum wunderbar wimmernden Neil Young-Gesang und frühen Wilco-Gedenkmomenten überzeugen die Schweden auf ihrem zweiten Album mit klischeefreien Country-Adaptionen. HAVE I TOLD YOU LATELY THAT I LOATHE YOU bietet nicht nur erstklassige Songs, sondern auch geradezu traumwandlerische, erlesene Elegien, durch deren luftigen Raum das Tumbleweed weht. Wunderschön verzweifelt und dabei zweifellos wunderschön.

Hole – NOBODY’S DAUGHTER

HoleCourtney Loves Rückkehr mit Schunkel- und Balladen-Grunge.

Da haben wir ja alle so unheimlich ungeduldig und total gespannt drauf gewartet: Hole machen die Wiedervereinigung. So mit den Bandmitgliedern der späten Neunziger, aber auf jeden Fall mit Mitgründer/Gitarrist/(Neben-)Songwriter Eric Erlandson und Bassfrau Melissa Auf Der Maur. Und Courtney Love auch, wenn’s denn schon sein muss.

Ganz schön geschnitten haben wir uns da. Von der klassischen Besetzung bleibt nämlich nur die Cobain-Witwe, die sich mit Erlandson im vergangenen Jahr offenbar auch noch um die Namensrechte gestritten hat. Madame Love hat offensichtlich ihren Hitzkopf durchgesetzt.

Am Kompositionsbrett sitzen mit ihr nun drei neue Köpfe. Da wäre zum einen der 23-jährige Brite Micko Larkin, der Erlandson im Bandkontext an der Gitarre ersetzt. Außerdem hatten Pink-Songschreiberin Linda Perry und Smashing Pumpkin Billy Corgan bei einigen Tracks ihre Finger respektive Akkord- und Harmonie-Schemata im Spiel. Dem Comeback-Album hat die Unterstützung der beiden Langzeit-Profis durchaus gut getan. NOBODY’S DAUGHTER hat alles, was ein Hole-Album braucht: Bretter, Midtempo-Schwofer, Abgründiges, Balladen. Lieder wie ›Someone Else’s Bed‹ und ›For Once In Your Life‹ funktionieren bestimmt auch mit Pink als Interpretin.

Courtney Loves Qualität scheint allerdings ausgerechnet bei ›Letter To God‹, dem einzigen allein von Linda Perry verfassten Song, durch: Nichts transportiert Kaputtheit so gut wie Courtney Loves abschmierendes und übersteuertes Gröl-Organ (die 45-Jährige muss nach der Gesangsaufnahme mehrere Tage keine Stimme gehabt haben).

Von dieser Warte aus ist die vierte Hole-Platte durchaus zu begrüßen. Insgesamt ist jedoch zu viel Durchschnittsware aus dem Grunge-Versandhauskatalog dabei. Von daher: Nett, dass Courtney Love mit Hole zurück ist, aber mehr auch nicht.

The Hold Steady – HEAVEN IS WHENEVER

holdsteady_heaven_cover_20100315_1301241Bitte immer mehr von diesem hochgradig ausgereiften Singer/Songwriter-Rock.

Wie entgeht man der Falle, Rezensionen zu alten Platten einer Band noch einmal in irgendeiner Form aufzuwärmen? Vor allem im vorliegenden Fall erscheint das ziemlich schwierig. Treue Anhänger von Craig Finns Band The Hold Steady dürften ahnen, warum: wieder ein vorzügliches Album mit den gleichen altbekannten Zutaten. Treibender Singer/Songwriter-Rock à la Springsteen oder Arcade Fire, ein paar klassische Riffs, Licks und Solos sowie ein kräftiger Schuss Americana, wie man ihn etwa von Wilco kennt. All das garniert mit unfassbar großartigen Texten und vorgetragen mit einer Leidenschaft, der man sich nur mittels grob fahrlässiger Ignoranz entziehen kann. Könnte so auch in einer der Kritiken zu den vorherigen zwei Alben stehen.

Ist es also an der Zeit, den guten alten Stillstand auf hohem Niveau aufzuwärmen? Besser nicht. Die Medizin, die The Hold Steady verabreichen, reift nur mit jedem neuen Longplayer noch mehr aus.

Pretty Maids – PANDEMONIUM

pretty maidsTrotz Krise und Beinahe-Pleite sind die dänischen Melodic Metaller musikalisch in bester Stimmung.

Es ist kein Zufall, dass Sänger Ronnie Atkins in Interviews immer wieder eine Affinität zwischen ihrem neuen Album PANDEMONIUM und dem Klassiker FUTURE WORLD (1987) herausstellt. Es sind nämlich die gleichen Zutaten, die gleiche Intensität und die gleiche Begeisterung, die beide Werke auszeichnen.

Vergessen sind die harten Jahre, in denen die Maids durch die Pleite ihres Managements um etliche Konzerteinnahmen gebracht wurden und kurz vor dem Ruin standen. Die Dänen konnten die wirtschaftlichen Dinge neu sortieren und haben jetzt offenkundig den Rücken wieder frei, um genau so zu rocken, wie es sich die Fans wünschen. Wichtigster Impulsgeber ist dabei die fast gleichberechtigte Koalition aus Gitarre, Gesang und Keyboards, die einst FUTURE WORLD zu Rasse und Klasse verhalf und auch jetzt wieder für eitel Sonnenschein sorgt.

Tom Petty & The Heartbreakers – MOJO

TomPettyReif und souverän: Tom Petty und die Herzensbrecher, Ausgabe 2010.

Die Heartbreakers haben ihre Wurzeln in Gainesville, Florida, also im Norden des Sonnenstaats, wo das Leben mehr von Georgia, Alabama und der musikalischen Tradition des klassischen Südens geprägt ist als von der karibischen Leichtigkeit der Keys. Man tut gut daran, sich dies in Erinnerung zu rufen, wenn man MOJO verstehen will. Und noch etwas: MOJO ist kein Soloalbum, sondern das Produkt der Interaktion von sechs gleichberechtigten Musikern. Und die – das klingt in jeder einzelnen Note von MOJO durch – müssen rein gar nichts mehr beweisen. Singles, Hits, Radioplay – so what?

Stattdessen traten die Heartbreakers in ihrem Rehearsal Studio in Los Angeles, wo das Album weitgehend live und in ersten Takes eingespielt wurde, eine Reise durch die unterschiedlichsten Landschaften des klassischen Southern Rock an: Der psychedelische Blues von ›First Flash Of Freedom‹ erinnert an die Allman Brothers und Jerry Garcias verspielte Gitarren-Exkursionen, der swingende Swamp Boogie von ›Candy‹ grüßt Altmeister J. J. Cale – und der rustikale Drive von ›I Should Have Known It‹ bedient sich bei Lynyrd Skynyrd und deren mächtigen Riff-Gewittern. Weiter reicht die Palette vom archaischem Country-Blues (›U.S. 41‹) und leichtfüßigem Swing (›Let Yourself Go‹) bis hin zum lyrischen Lullaby ›Something Good Coming‹.

Wer kein neues ›Free Fallin’‹ oder ›American Girl‹ erwartet, wird auf MOJO über­reich belohnt – und zwar mit anspruchsvollen, durchdachten Songs und der in Jahrzehnten gereiften souveränen Musikalität einer Band, die ihren Job noch immer mit jeder Menge Lust und Freude verrichtet.