Wie fasst man eine Bandhistorie zusammen, die über ein halbes Jahrhundert und mehr als 25 Mitglieder umspannt? Wie bringt man ein so vielschichtiges, spannungsgeladenes Drama auf ein paar Magazinseiten, das eigentlich eine ganze Romanreihe füllen könnte? Man fragt am besten einen, der es wissen muss. Und im Falle von Uriah Heep ist das Mick Box. Anlässlich der Veröffentlichung des 25. Studioalbums CHAOS & COLOUR klingelt man bei dem sympathischen Briten durch, hangelt sich mit dem einzig verbliebenen Gründungsmitglied durch einige Stationen der Bandgeschichte und muss sehr viel lachen mit diesem Gitarrenhelden, wie er da bodenständig eine Anekdote nach der nächsten zum Besten gibt.
Doch selbst mit einem, der es wissen muss, wird der Umfang zum Problem. Haarklein die gesamte Heep-Geschichte niederzuschreiben ist fast unmöglich. Deswegen soll im Folgenden nur ein grober Überblick über eine unübersichtliche Band-Vergangenheit gegeben werden, bevor wir das Wort Mick Box überlassen.
Selbiger traf übrigens im Jahr 1967 auf Sänger David Garrick, der sich wenig später in David Byron umbenennen sollte, und zusammen mit Bassist Paul Newton und Drummer Alex Napier gründeten sie die Band Spice. Nach ersten lokalen Erfolgen stellte Newtons Vater den Kontakt zu einem Mann her, der essenziell für den Erfolg der Band werden sollte. Sein Name war Gerry Bron, ein Manager und Produzent, dessen Kontaktnetze sich durch die ganze alternative Szene Englands zogen. Noch im Jahr 1969 wurden die Lansdowne Studios in London gebucht, um erste Songs aufzunehmen. Während dieses Prozesses entschied die Gruppe auf Vorschlag Byrons hin, sich in Uriah Heep umzubenennen, nach einem Charakter aus Charles Dickens Geschichte „David Copperfield“. Als die Hälfte des Debütalbums eingespielt war, wollte Mick Box – ein großer Fan der Orgel von Vanilla Fudge – unbedingt ein Keyboard in das musikalische Œuvre der Band einstreuen.
Und so integrierten Heep auf der Platte schließlich Session-Musiker Collin Wood, in der Band dann Ken Hensley an den Tasten. Auch wenn sich Hensley in den folgenden Jahren bis zu seinem Ausstieg 1980 zum Hauptsongschreiber mausern sollte, so stammten die Songs auf dem Debüt VERY ‚EAVY… VERY ‚UMBLE (1970) hauptsächlich aus den Federn von Box und Byron. Auf Seiten der Presse rief der Erstling gemischte Reaktionen hervor, trotzdem legten Uriah Heep vor allem mit dem brachialen Opener ›Gypsy‹ mit seinen mehrstimmigen Harmonien, der bedrohlichen Orgel, dem stampfenden Rhythmus und den heavy Gitarren eine mehr als solide Basis für die Ausrichtung ihrer musikalischen Karriere. Und schafften es gleich mal in die Top 30 in Deutschland, einem ihrer künftig wichtigsten Märkte. Auf den Songs vom Nachfolger SALISBURY wirkte Hensley durchgehend, oft in kompletter Eigenregie, mit – und sorgte so beispielsweise für den Überhit ›Lady In Black‹.
Das ebenfalls 1971 erschienene, soundtechnisch sehr stringente LOOK AT YOURSELF mit dem großartigen ›July Morning‹ war das letzte Album mit Newton und Drummer Iain Clark, sie wurden durch Gary Thain und Lee Kerslake ersetzt. In diesem Line-Up brachen goldene Zeiten für Uriah Heep an. Mit dem mystischen DEMONS AND WIZARDS inklusive ikonischem Artwork von Roger Dean fand die Gruppe vollends zu sich selbst – ein Meilenstein der Heep-History, der sie mit brillanten Songs wie ›The Wizard‹ und ›Easy Livin’‹ in die Liga der großen, internationalen Rock-Acts katapultierte. Der Nachfolger THE MAGICIAN’S BIRTHDAY schlug in eine ähnliche Kerbe und wurde von vielen Fans sogar noch mehr gefeiert als das kommerziell erfolgreichere DEMONS AND WIZARDS. Der Melody Maker adelte Box und Co. zu dieser Zeit mit Zeilen wie „Früher hatten Heep ein Image, jetzt haben sie Charakter“. URIAH HEEP LIVE (1973) war ein deutlicher Beweis für diese Charakterstärke jedes einzelnen Mitgliedes – ein Konzerterlebnis vom Format einer Rock’n’Roll-Kernschmelze. Doch eben jene Charakterstärke war es auch, die wenig später einen emotionalen Schwelbrand im Getriebe der Band auslöste. Während SWEET FREEDOM (1973) noch als solide Scheibe inklusive kleinerem Hit (›Stealin‹) gehandelt werden kann, hatten sich bei WONDERWORLD (1974) schon tiefe Risse in die Rock’n’Roll-Fassade gefressen. Im selben Jahr dann wurde Gary Thain in Dallas, Texas auf der Bühne von einem elektrischen Schlag getroffen und starb 1975 an den Folgen des Unfalls, die mit seiner selbstzerstörerischen Heroinsucht kollidierten. Ein tragisches Ereignis, dem die Band mit ihrer Platte RETURN TO FANTASY zu trotzen vermochte – immerhin belegten Heep mit diesem Album Platz 7 der UK Charts und erlangten so ihre bis dato beste Position in der Heimat.
Das Blues-Soul-Kollektiv der Tedeschi Trucks Band hat die Isolation der Pandemie und eine klassische arabische Geschichte über eine zum Scheitern verurteilte Liebe zu einem vier Alben umfassenden Projekt verwoben, das so episch wie intim ist.
Als die Tedeschi Trucks Band im Juli 2019 LAYLA REVISITED aufnahm – eine Live- Neuinterpretation des Albumklassikers von Derek And The Dominos –, erwies sich das Unterfangen als ein liebevoller Blick zurück und ein unerwartetes Sprungbrett in ihre Zukunft. „Ich fühle mich mit dem LAYLA-Album auf seltsame Art verbunden“, erzählt Gitarrist Derek Trucks. „Das war ein Eckpfeiler in jener Ära der Rockmusik und fühlt sich wie ein Teil meiner DNA an. Zum einen, weil ich nach diesem Album benannt wurde. Und dann spielte es mein Dad mir und meinem Bruder zum Einschlafen vor. Als ich dann als Junge lernte, Gitarre zu spielen, war ich besessen von Duane Allmans Slide-Spiel. Und meine Frau Susan kam an dem Tag auf die Welt, als die Platte veröffentlicht wurde, was ziemlich verrückt ist. Mich mit diesem Material zu befassen, das die Wurzel von allem ist, fühlt sich wie etwas an, das ich schon längst hätte tun sollen, aber nie getan hatte.“ Diese archäologischen Ausgrabungen machten aber bei dem Originalwerk von 1970 noch lange nicht Halt. Letztlich führten sie die Mitglieder der Tedeschi Trucks Band durch mehrere Epochen hindurch zurück zu einer Geschichte aus dem 12. Jahrhundert des persischen Poeten Nizami Ganjavi namens „Madschnūn Lailā“ (im Englischen: „Layla & Majnun“). Was Lord Byron einst als „Romeo und Julia des Orients“ beschrieb, ist die tragische Geschichte unglücklicher Liebe und Trennung, die einen jungen Mann namens Qais in den Wahnsinn treibt („Majnun“ ist ein arabisches Wort für eine verrückte Person; Madschnūn Lailā, wie Qais genannt wird, bedeutet „der von Laila Besessene“). In den finstersten Momenten des Lockdowns wurde diese Erzählung zu einem Fluchtpunkt und zum Fundament für das bislang ambitionierteste Projekt der Band: eine Serie von vier Alben mit begleitenden Filmen unter dem Titel I AM THE MOON. „Die Grundidee für dieses ganze Konzept kam von unserem Sänger Mike Mattison, der die Geschichte von Nizami wieder gelesen hatte und die Frage stellte: ‚Was dachte Layla über all das? Was hielt sie von diesem liebeskranken Psychopathen, der durch die Wildnis wanderte?‘“, sagt Trucks mit einem Lachen. „Das war ein Glühbirnen-Moment. Mike schickte eine E-Mail in die Gruppe und sagte: ‚Ich hatte da diesen Gedanken. Vielleicht sollten wir alle ‚Layla & Majnun‘ lesen und dann Songs darüber schreiben.‘“
Mattisons Idee sprach Gitarristin und Sängerin Susan Tedeschi, Trucks’ Ehefrau und Kreativpartnerin, an aufgrund des Potenzials, die Entwicklung weiblicher Rollen zu erkunden. „In der ursprünglichen Geschichte“, so Tedeschi, „gibt es eine Passage: ‚Wenn Layla der Mond ist, wer soll dann den Mond gewinnen?‘ Es schien, als wollten die Männer sie eher in ihre Gewalt bringen, sie besitzen und behalten. Als sei sie eine Abstraktion statt einer Person. Heutzutage haben Frauen endlich eine Stimme und erheben sich wirklich. Die Menschen wussten schon immer, wie wichtig Frauen sind, doch gleichzeitig bekamen sie nicht immer den Respekt und die Plattform, zu sagen, was sie fühlten und dachten. Dieses Projekt war also ein schöner Weg, um diese Story zu würdigen, aber auch, sie in die moderne Welt zu übertragen und zu sagen: ‚Hey, man kann die Dinge aus zwei verschiedenen Blickwinkeln betrachten.‘“ Der Anfang der Arbeiten an I AM THE MOON im März fiel auf die ersten Tage der Pandemie. Eine treffende Parallele zu der Geschichte, in die sie nun schon eingestiegen waren. „Das fühlte sich sehr aktuell an“, so Trucks. „Da hat man dieses Bild von Layla, die eingesperrt wurde und nicht mit dem Menschen zusammen sein kann, den sie liebt. Und dann denkt man an alle Menschen auf der Welt, die damals nicht ihre Eltern besuchten durften, die nur ein paar Meter die Straße hinunter wohnen, weil sie Angst hatten, sie nur durch das Atmen in ihrer Nähe umzubringen.“ „Und da war Majnun, der in der Wüste den Verstand verliert“, führt Tedeschi die Analogie fort, „und man denkt: ‚Wie viele Menschen sind auf verschiedene Arten während dieser Pandemie verrückt geworden?‘ Sehr viele. Um die psychische Gesundheit des Planeten ist es nicht gut bestellt.“
„Es gab viele Parallelen zwischen dieser tausend Jahre alten Geschichte und unserer Zeit, die sich seltsam relevant anfühlten“, hält Trucks fest. „Aber auf einer elementareren Ebene gab sie der Band diesen virtuellen Treffpunkt, an dem wir weiter atmen konnten. Wenn man als Band nicht auf Tour zusammenlebt, braucht man etwas, das einen verbindet, und das war das Schöne an dem Konzept hinter diesem Projekt.“ Trucks und Tedeschi, Mattison, Schlagzeuger Tyler „Falcon“ Greenwell und Keyboarder/Sänger Gabe Dixon, das neueste Mitglied der Formation, arbeiteten jeweils zu Hause an ihren Interpretationen von Nizamis alter Erzählung, jeder auf seine eigene Art. „Es ist wirklich schön, fünf Kreative auf dieser Platte zu haben“, so Tedeschi. „Das zeigt sowohl die Vielfalt im Songwriting als auch dessen Kohärenz. Es erzählt diese Story, hat diese ganz spezielle Energie und zeigt, wie originell und unglaublich diese Band ist. Es gibt viele verschiedene Stärken und Facetten.“
Vom Southern-Soul-Slowburn von ›Hear My Dear‹ und dem wehklagenden ›Circles Round The Sun‹ über das Allmanseske Instrumental ›Pasaquan‹ und den staubigen Delta-Blues von ›So Long Savior‹ bis hin zu dem feinen Fingerpicking auf ›I Can Feel You Smiling‹ und dem Bayou-Stampfer ›Gravity‹ ist der 24-Song-Zyklus von I AM THE MOON eine grandiose Bühne für die überragenden Talente, welche die Tedeschi Trucks Band zu Meistern des Jams gemacht haben. Seit ihrem Debüt von 2010 bewegen sie sich gekonnt zwischen den Genres. Bezeichnenderweise gab das bewegende Titelstück, schon früh von Gabe Dixon geschrieben, dem Projekt nicht nur das, was Trucks als „Gravitationskraft“ beschreibt, sondern half der Band auch, nach einem kolossalen Verlust auf persönlicher wie professioneller Ebene zu heilen. Ein Jahr vor der Pandemie erlag der langjährige TTB-Keyboarder Kofi Burbridge im Alter von 57 Jahren einem Herzleiden. „Als wir Kofi verloren, überdachten wir alles, was wir taten, bis in die Grundfeste“, sagt Trucks. „Er war ein so riesiger Teil von uns, und er stand fast 20 Jahre an meiner Seite, Schulter an Schulter. Er war ein so unglaublicher Mensch und ein Genie, wirklich einzigartig.“
In derart große Fußstapfen zu treten war sicher nicht einfach, doch der Pianist Dixon aus Nashville stellte sich der Herausforderung, ein Solokünstler von einigem Renommee, der mit diversen großen Acts gearbeitet hat, etwa Paul McCartney und Supertramp. „Gabe hatte natürlich sehr großen Respekt und enorme Ehrfurcht für Kofi und sein Spiel. Aber er selbst ist auch eine starke Persönlichkeit“, so Trucks. „Er setzte sich auf diesen Stuhl, als gehöre er ihm, aber anders, mit absolutem Respekt für das, was dort passiert war. Hätte sich da jemand hingesetzt und versucht, wie Kofi zu sein, hätte uns etwas daran abgestoßen. Gabe hatte einfach etwas eigenes, mit einer anderen Aura. Und je mehr ich mich in seine Solowerke vertiefte, desto mehr dachte ich: ‚Dieser Motherfucker ist grandios!‘ Als Sue zum ersten Mal Gabes Demo von ›I Am The Moon‹ hörte, weinte sie. Dann lief sie während der Pandemie die meiste Zeit herum, spielte es auf der Akustischen und sang dazu. Das war ihr Lockdown-Jam.“ Tedeschi ergänzt: „Da ist diese eine Zeile, ‚I’m up here spinning alone, you’re a star, but I’m a stone‘. Ich dachte: ‚Heilige Scheiße, das ist tiefgründig.‘ Ich glaube, wir nehmen den Mond manchmal als selbstverständlich. Menschen sind so emotionale Kreaturen aus Wasser. Der Mond übt ja in Form von Flut und Ebbe seine Anziehungskraft auf all unsere Ozeane aus, also bewegt er natürlich auch uns, emotional. Unsere Gefühle sind also eng mit dem Mond verbunden. Darüber denken wir nie nach, und uns ist nicht bewusst, wie wichtig er ist.“ Im Herbst 2020, nachdem sich alle hatten testen lassen, traf sich der kreative Kern der Gruppe endlich wieder in einem Studio in Georgia und alle präsentierten ihre Ideen rund um die Geschichte von Layla und Majnun.
„Als wir begannen, sie durchzuspielen, wurde uns klar, dass es einen ernsthaften roten Faden zwischen ihnen gibt“, sagt Trucks. „Das war inspirierend.“ Tedeschi fügt hinzu: „Und wir begriffen schon früh, dass das zu viel für eine Platte war. Wir fragten uns, ob wir alles aufnehmen und die besten Sachen herauspicken sollten. Aber als wir das dann taten, stellten wir fest: ‚Nichts davon ist Füllmaterial!‘ (lacht) Wir standen damals alle total auf die Serie ‚The Mandalorian‘ und ich liebte den Gedanken von Episoden. Das fesselt die Leute. Es ist eine Tik-Tok-Welt und die Leute haben nicht mehr die Zeit um sich groß zu konzentrieren. Also konnten wir die vier Alben natürlich nicht alle auf einmal machen. Als wir uns dann über unsere Lieblingsplatten aus unserer Jugend unterhielten, sagte Derek: ‚Sieh dir AXIS: BOLD AS LOVE an, das dauert 34 Minuten. Das ist die perfekte Länge, bei der man die Aufmerksamkeit der Leute noch behält, aber auch viel Inhalt reinpacken kann.‘“ „Ich dachte auch an Coltranes A LOVE SUPREME“, fährt Trucks fort. „Etwas an dem Album gibt einem das Gefühl, als würde man da in etwas Großes einsteigen. Das hatte ich im Hinterkopf, als wir davon zu sprechen begannen, das alles in kleinere Stücke und Akte aufzuteilen.“
Den Stars von morgen eine Plattform bieten. So lautet das Motto dieser neuen Roadshow. Mit dabei in der ersten Edition: DeWolff, The Picturebooks und Mother’s Cake.
Fokussiert, kreativ, ambitioniert. Diese Adjektive fallen einem ein, wenn man das hypnotische COSMIC CONNECTOR – passend benannt nach halluzinogenen Pilzen – durchhört und 3/5 von Smokemaster im Zoom-Interview kennenlernt. Schließlich haben die jungen Kölner Psychedelic bzw. Stoner Rocker eine klare Vision von ihrem künstlerischen Schaffen. Wahrscheinlich geht es auch gar nicht anders, denn trotz ausgiebiger Jam-Vibes sind die sechs Songs auf ihrem Debütnachfolger, allen voran der neunminütige Opener und Titeltrack sowie das zehnminütige ›America Dreamt‹, strukturell durchdacht, komplex arrangiert und hörbar organisch gewachsen. „Im Grunde durchlaufen unsere Songs mehrere Veredelungsstufen“, so Sänger und Gitarrist Björnson Bear. „Bevor sie aufs Album kommen, probieren wir die Nummern live aus, um die Reaktionen abzuchecken, Feedback einzuholen und nachzubessern. Gerade beispielsweise schreiben wir schon aktiv an der dritten Platte und werden auf der anstehenden Tour schon ganz neue Songs spielen, bevor wir sie dann aufnehmen.“ Als weitere Veredelungsstufe wird das Sounddesign benannt, da Smokemaster mit zahlreichen Effekten und verschiedenen Texturen arbeiten. Weil sich mit Organist Tobias „Tacki“ und Drummer Lukas laut Björnson „zwei Technikfreaks“ in der Band befinden, hat sich das Quintett ein weiteres Mal dafür entschieden, im eigenen Proberaum zu produzieren.
Tacki dazu selbstbewusst: „Alleine an der Schlagzeug-Mikrofonierung haben wir vier Wochen gearbeitet. Doch das lohnt sich, unserer Ansicht kann sich COSMIC CONNECTOR nicht nur im Vergleich zu unserem ersten Album, sondern auch im Vergleich zu vielen anderen Platten echt hören lassen. Viele konnten gar nicht glauben, dass wir die neuen Songs in diesem winzigen Zimmer produziert haben.“ Lukas ergänzt: „Der Faktor Zeit ist sehr wichtig. Gehe ich in ein Studio, zahle ich dort viel Geld – zwar habe ich dann ne tolle Qualität, bin aber eben sehr limitiert. So sind uns keine Grenzen gesetzt, was sehr wichtig für uns ist, um unsere Sounds vernünftig auszuchecken.“ Neben den technischen Fachkenntnissen und dem kundigen Songwriting bestechen Nummern wie ›War Piece‹ auch mit emotionalen, nachdenklichen Texten und einem intensiven Musikvideo, für welches Smokemaster dem iranischen Regisseur Saba Moghadami, der angesichts der aktuellen Lage unter widrigsten Umständen arbeitete, absolute künstlerische Freiheit ließen: „›War Piece‹ ist weit vor dem Ukraine-Krieg entstanden, denn Kriege gibt es ja ständig, auch wenn die Thematik nun noch mehr Gewicht hat. Ich hatte Kontakt zu Bundeswehrsoldaten, die krasse Dinge erlebt haben. Ihre Erzählungen und Ansichten haben mich lange Zeit emotional begleitet, also habe ich versucht, diese Geschichten in dem Song zu verarbeiten.“ Bis zum dritten Album wünschen sich Smokemaster, „weiter Qualität abzuliefern, mehr Möglichkeiten zu schaffen und Kontakte zu knüpfen.“ Oder wie Björnson es auf den Punkt bringt: „Wir sind gekommen, um zu bleiben.“
Blicken wir zurück auf das beeindruckende Werk eines Künstlers zurück, der seiner Zeit so weit voraus war wie nie wieder jemand nach ihm.
Unverzichtbar
PURPLE RAIN (Warner, 1984)
Auch kommerziell mit 25 Millionen Einheiten sein unbestrittener Zenit, gilt dieses Album als der Klassiker in der Vita des kleinen Amerikaners mit der großen Persönlichkeit, der hier nicht nur aufgrund seiner barocken Outfits als „neuer Jimi Hendrix“ ausgerufen wurde. ›Let‘s Go Crazy‹ und die tituläre Monumentalballade machten ihn zum ersten schwarzen Rockstar seit dem Tod der Gitarrenlegende, der bassfreie Superhit ›When Doves Cry‹ lässt sich bis heute nicht wirklich kategorisieren, ›Take Me With U‹ formulierte erwachsenen Pop völlig neu, ›I Would Die 4 U‹ verkörperte Discorock in einer zuvor nicht gekannten Dimension. Auch der Film wurde zum Hit – seinem ersten und letzten.
SIGN ‘O’ THE TIMES (Warner, 1987)
Für Prince selbst war das Doppelalbum ein Kompromiss, musste er doch sein geplantes Dreifachalbum auf Drängen des Labels eindampfen, doch auf Kritikerseite ist dies sein unangefochtenes Karriere-Highlight. In Amerika unverstanden, wurde es in Europa als Meilenstein abgefeiert. Vielseitiger hatte man den Meister zuvor nie auf einer Veröffentlichung gehört, vom skeletthaften Minimalismus des Titelstücks über straighten Rock (›The Cross‹, ›I Could Never Take The Place Of Your Man‹) über schrägsten Avant-Pop (›If I Was Your Girlfriend‹) bis zu fiebrigem Elektro (›Housequake‹) und wummerndem Doom-Dance (›Hot Thing‹) reichte hier das Spektrum. Überragend.
Wunderbar
1999 (Warner, 1982)
Nur ein Monat blieb diesem Album, um seinen Claim abzustecken, bevor THRILLER über jegliche Konkurrenz hinwegwalzte. Mit Vierfachplatin war 1999 dennoch Princes großer Durchbruch in den USA, die Anti-Atomkraft-Hymne gleichen Namens bescherte ihm auch seinen ersten Erfolg im Ausland. Es war jedoch die zweite Single ›Little Red Corvette‹, die nicht nur die Brücke zum folgenden Megaseller baute, sondern ihn auch nachhaltig im weißen Mainstream etablierte. Der Hype nahm Fahrt auf, die Massen begriffen allmählich, welches Talent hier anrollte.
AROUND THE WORLD IN A DAY (Warner, 1985)
Der Geniestreich: Nach dem Riesenerfolg von PURPLE RAIN gelang es Prince doch tatsächlich, sich neu zu erfinden, seinen Superstarstatus zu festigen und dabei jegliche Erwartungen zu ignorieren. Zunächst ohne Singles, Videos oder Promotion verzauberte dieser kunterbunt psychedelische Reigen aus Hippie-Ästhetik, exaltierter Esoterik und Barock‘n‘Roll dennoch die Massen. ›Raspberry Beret‹ brachte den Artpop in die Charts, ›Pop Life‹ rechnete mit der Celebrity-Kultur ab, bevor es den Begriff überhaupt gab. Ein meisterhaft geschlagener Haken.
PARADE (Warner, 1986)
Während der dazugehörige Film „Under The Cherry Moon“ vernichtet wurde, konnte dieses letzte Album mit The Revolution weiter mächtig abräumen. Mit dem staubtrockenen Funk-Twang von ›Kiss‹ ent-hielt es zwar nur einen Hit, dafür einen der allergrößten des gesamten Jahrzehnts. Viel interessanter dagegen war die so liebevoll detaillierte wie episch dichte Klangwelt, die sich auf dem Rest des Albums entsponn. ›Mountains‹ war grandioser Dreampop, mit ›Sometimes It Snows In April‹ gelang Prince allerdings die bewegendste Ballade seines gesamten Schaffens.
LOVESEXY (Warner, 1988)
Als Gegenstück zum „bösen“ BLACK ALBUM, das Prince kurz vor Erscheinen zurückzog, kam dieses Juwel und festigte seine Liebesaffäre mit Europa. In den USA auch wegen des Covers komplett ignoriert, zementierte es hier seinen Status als Superstar mit Dauerabo auf Feuilleton-Lobpreisungen. ›Alphabet St.‹ als einziger Hit blieb relativ konventionell, mit dem abgehobenen ›I Wish U Heaven‹, dem dräuenden ›Anna Stesia‹ oder der Psychopophymne ›Glam Slam‹ erfand er jedoch abermals eine neue, einzigartige Klangwelt. Das missverstandenste seiner Meisterwerke.
Anhörbar
DIRTY MIND (Warner, 1980)
Die Achtungserfolge von FOR YOU und PRINCE hatten schon mit Anzüglichkeiten kokettiert, doch die volle Breitseite sexueller Provokation wurde erst hier abgefeuert. Ob Albumtitel, Cover oder die unverhohlen schmuddeligen Texte – Prince, der besessene Super-Satyr, war geboren. Aber auch Prince, der furchtlose Grenzgänger, trat hier erstmals formvollendet auf den Plan, spielte mit bedrohlichem Discopop (›Dirty Mind‹), schwülem Erotomanen-Funk (›Head‹), aber auch fast schon banal eingängigem Rock (›When You Were Mine‹). Die Welt konnte zu dem Zeitpunkt noch nicht ahnen, was da auf sie zukommen sollte…
CONTROVERSY (Warner, 1981)
Der aufsteigende Stern am Firmament begriff früh, dass er nicht nur auf Schockwerte und Hooklines bauen konnte, und betätigte sich hier auch als eloquenter Kommentator des Weltgeschehens. Die spannende Reflexion des eigenen Ruhms im Titelstück wurde ergänzt vom Antikriegslied ›Ronnie, Talk To Russia‹, auch wenn er weiterhin genüsslich der Matratzenakrobatik huldigte (›Do Me, Baby‹, ›Jack U Off‹). Musikalisch nicht ganz so gelungen wie der Vorgänger DIRTY MIND, wurde der Sound jedoch auch hier zusehends differenzierter mit einem eindeutigen Hang zur eher dunklen Seite.
BATMAN (Warner, 1989)
Für seinen ersten Soundtrack zu einem Film ohne eigene Beteiligung steckte Prince reichlich Kritik ein, der Hype um den wiederbelebten Fledermausmann brachte ihn nach dem LOVESEXY-Flop aber wieder in den US-Mainstream zurück. Wo der hektische Sample-Verschnitt ›Batdance‹ kaum mehr als ein Kuriosum darstellt, hatte das Album dennoch hörenswertes Material zu bieten, das bis heute nicht wirklich geschätzt wird. Zum einen die wunderschöne Ballade ›The Arms Of Orion‹ mit Sheena Easton, vor allem aber das erfrischend packende, knackig-düstere ›Electric Chair‹.
Sonderbar
DIAMONDS AND PEARLS (Warner, 1991)
Es ist unmöglich, aus dem Post-80er-Dickicht durchwachsener Werke eines auszuwählen, deswegen wagen wir uns mit einer kontroversen Wahl ins Sperrfeuer entrüsteter Fans. Ja, dies war ein Hitalbum, enthielt mit ›Cream‹ seine letzte US-Nr.-1 und dem Titelstück einen Balladenklassiker. Bis auf das kantige, räudige und unverwechselbare ›Gett Off‹ war es aber auch etwas, das man von Prince zuvor nicht erlebt hatte: gewöhnlich. Bezeichnenderweise zeigten die Bildschirme vor Beginn der 1992er Konzerte immer wieder die Worte „Wendy and Lisa, please phone home“.
WORKING CLASS HERO heißt das neue Album des ehemaligen „The Voice Of Germany“ Staffelsiegers Andreas Kümmert – ein herrlich organischer Mix aus Blues, Rock und Songwriter-Material. „Der wesentlichste Unterschied zu den Vorgängerplatten ist, dass ich beim Schreiben nicht mehr allein war, sondern wir die meisten Songs als Gruppe komponiert haben“, erklärt uns Kümmert. „Einmal pro Woche bin ich die etwa 200 Kilometer von meinem Zuhause nach Bad Dürkheim gefahren und dann haben wir den ganzen Tag zu dritt an neuen Ideen gearbeitet. Das war eine extrem fruchtbare Situation. Wir haben sehr viel gute Musik geschrieben und nebenher auch noch Spaß miteinander gehabt.“ Mit „wir“ meint Kümmert sich selbst und den Kern seiner Liveband: Bassist/Gitarrist Stefan Kahne und Schlagzeuger Michael Germer. Zusammengeschweißt wurde das Trio zuvor auch durch die Pandemie. Das mag jetzt erst einmal seltsam klingen, da ja für lange Zeit keine regulären Konzerte möglich waren. Kümmert und seine Jungs hatten aber eine tolle Idee, indem sie sich einen Lieferwagen kauften und den Innenraum zu einer mobilen Bühne ausbauten. Im Lauf der Zeit konnten die drei so knapp hundert Shows für WGs, Firmen oder Familien spielen, wie der Sänger erzählt. „Wir fuhren mit dem Sprinter vor, parkten im Vorgarten, an der Straßenecke, oder wo auch immer Platz war. Dann schoben wir die hintere Tür auf und legten los – alles vom zugegebenermaßen zahlenmäßig immer recht kleinen Publikum weit genug distanziert und komplett innerhalb der Vorgaben.“
So konnte Kümmert nicht nur aus der Isolation des Heimstudios ausbrechen, sondern den für ihn wichtigen Kontakt zu seinen Fans halten, und nebenbei – auch alles andere als unwichtig! – zumindest ein paar Euro verdienen. Die Gagen für diese jeweils knackig-kurzen, aber gerade zu dieser Zeit sehr intensiven Auftritte fielen natürlich nicht besonders hoch aus. Aber allein durch die Menge der Shows kam zumindest ein wenig Geld rein, während andere Kollegen komplett auf dem Trockenen saßen und – abgesehen von Online-Aktivitäten – keine Gelegenheit hatten, mit ihren Anhängern zu interagieren. So zu einer Einheit verschmolzen, erschufen die Musiker dann wunderbare neue Stücke zwischen erdigem Blues und eingängigem Rock, die sie auch gleich an Ort und Stelle aufnehmen konnten. Hielten sie diese Sessions doch in Kahnes eigenem Studio ab, der zudem als Produzent fungierte. Das spürbare Gefühl von Authentizität, Wärme und Lebendigkeit des ohrwurmverdächtigen ›Leave The Radio On‹ oder auch des emotionalen ›I Don’t Know‹ dürfte durch diese Art der Entstehung verstärkt worden sein. Ein Song auf WORKING CLASS HERO ist dennoch im Alleingang entstanden. „›Spaceship‹ habe ich für meinen neugeborenen Sohn geschrieben“, berichtet der stolze Jungvater Kümmert. „Als wir endlich wieder regulär touren durften, saßen die anderen eines Abends gerade beim Essen im Backstagebereich, als ich noch auf meiner Gitarre klimperte. Da kamen mir spontan die Ideen für die Melodie und auch gleich den Text. So schrieb ich das Lied mehr oder weniger dort an Ort und Stelle.
Aktuell werden zahlreiche verschiedene Mitschnitte des TV-Formats „The Midnight Special“ bei Youtube hochgeladen. Die Show, die zwischen den 70er und frühen 80er Jahren im amerikanischen Fernsehen lief, beherbergte zahlreiche prominente Musiker und Musikerinnen.
Nun ist ein schöner Auftritt von Genesis aus dem Jahr 1974 online. Zwei Songs spielte die Band, einmal ›The Musical Box‹, den Opener des Albums NURSERY CRYME von 1971 sowie ›The Watcher Of Skies‹ von FOXTROT.
Country und Americana fristen bei uns immer noch ein Nischen-Dasein – ganz anders sieht es natürlich in den USA aus. Aktueller Beweis: das noch junge aber mittlerweile riesengroße RAILBIRD Festival in Lexington, Kentucky. Gut und gerne 40.000 Zuschauer strömten Anfang Juni zur Red Mile-Pferderennbahn, um auf drei großen Bühnen über 30 Acts aus den traditionellen Genres zu erleben. Headliner am zweiten Tag: Tyler Childers aus dem Country- State Kentucky. Er zeigte, dass es für gute Musik nicht so viel braucht. Im Zweifel reichen eine Gitarre, eine Stimme, gute Melodien und Worte, die in die Herzen treffen. Weitere Glanzlichter setzten am ersten Festivaltag Marcus Mumford, Sheryl Crow, Weezer, Charley Crockett, Whiskey Meyers und Zach Bryan. Am zweiten Tag buchten die Veranstalter ein Programm, weitab des Country-Mainstreams. Acts wie Scaggs & Kentucky Thunder, Nickel Creek, Amos Lee sowie die umjubelten, hierzulande aber noch eher unbekannten Nathaniel Rateliff und The Head And The Heart verwiesen mit ihren Performances gleichzeitig auf die Tradition und die Zukunft dieser Musikrichtung.