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Das letzte Wort: Michael Sadler (Saga)

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saga_2012-sadler-stageMichael Sadler über Heimat, Glück und das Familienleben eines Rockstars.

Der Weltbürger Michael Sadler war 30 Jahre lang Frontmann der kanadischen Prog-Meister Saga. Mit seiner Band verkaufte der ausgesprochen charismatische Glatzkopf über 8 Millionen Platten. Trotz aller Erfolge verließ er Saga 2007 für seine Familie, die dem getriebenen Musikus erstmals eine gewisse Erdung schenkte. Nur vier Jahre später feierte er seine Rückkehr zu seiner ältesten Liebe mit dem mittlerweile 20. Saga-Album. Dennoch schafft er es, ein guter Vater zu sein und ein Leben zu leben, das ihn glücklich macht.

Du hast beinahe überall auf der Welt gelebt. Gibt es für dich überhaupt so etwas wie Heimat?
Für mich ist Zuhause dort, wo meine Familie ist. Natürlich ist Wales der Ort, wo ich meinen Ursprung habe, aber in Kanada wuchs ich auf. Ich lebte einige Zeit in London, auf den Bahamas und verbrachte ganze acht Jahre in Saarbrücken. Ich konnte daher niemals wirklich Wurzeln schlagen. Das geschah erst, als ich Vater wurde. Wenn dein Kind erst mal zur Schule geht, musst du dich einfach damit auseinandersetzen.

Verletzte es dich als Musiker nicht, dass deine Musik in deiner kanadischen Heimat nicht auf die selbe Gegenliebe stieß, wie es in Deutschland oder auch Puerto Rico der Fall war?
Es war nicht wirklich verletzend. Ich war eher perplex. Hätte ich nicht gewusst, warum das so war, hätte mich das sicher hart getroffen. Aber ich verstand es: Wenn du anfängst Musik zu machen, denkst du zunächst nicht darüber nach, wem es gefallen könnte oder nicht. Wenn du dann die ersten Platten verkaufst, folgst du natürlich der Nachfrage. Du gehst dorthin, wo die Leute deine Musik hören wollen. So war das bei uns mit Deutschland. Wir verbrachten also sehr viel Zeit dort. Wenn Saga im kanadischen Radio läuft, denken die Leute auch heute noch, wir seien eine deutsche Band. Das kann schon frustrierend sein.

Wie schwer fiel dir die Entscheidung, deinen bürgerlichen Job zu kündigen, um dich am Anfang deiner musikalischen Karriere vollkommen Saga widmen zu können?
Ich arbeitete damals als Vertreter für eine Firma für Grafikkameras. Ich trug also meinen Dreiteiler und fuhr mit dem Firmenwagen in der Gegend herum, als mich Jim anrief und mich bat, einige Lieder zu singen, die er geschrieben hatte. Und um ganz ehrlich zu sein, das war eine sowas von leichte Entscheidung. Jim, seine Frau, meine Frau und ich trafen uns zum Abendessen. Danach fuhr ich mit meiner Frau nach Hause. Noch im Auto sagte ich ihr, dass es das sei, was ich machen müsse. Sie sagte gar nichts dazu. Als ich am nächsten Tag aus der Arbeit kam und mich im Spiegel sah, war mir klar: „Das bin nicht ich!“ Also kündigte ich direkt. Es gab da keinerlei Zögern oder Zweifeln.

Nach 30 Jahren bei Saga hast du die Band verlassen, um Zeit für deine Familie zu haben. Wie schwierig war dieser Schritt für dich?
Es fiel mir wahnsinnig schwer. Es ging dabei um mein Familienleben. Ich sagte immer, dass ich sehr gerne Kinder haben wolle. Als es dann soweit war, wollte ich nicht dieser Musiker auf Tour sein, der am Telefon von seiner Frau erfährt, dass sein Sohn seine ersten Schritte gemacht oder sein erstes Wort gesprochen hat. Diese Erlebnisse sind viel zu wichtig, um sie zu verpassen. Dennoch war das sehr hart für mich, aus kreativen wie auch persönlichen Gründen. Die Jungs in der Band sind ja meine Freunde. In meinem Hinterkopf ließ ich mir immer die Tür offen, vielleicht eines Tages wieder zu Saga zurückzukehren, aber damals sollte das eine endgültige Entscheidung sein.

Ist es überhaupt möglich, zugleich ein guter Vater, Ehemann und Vollzeit-Musiker zu sein?
Oh ja, das mit dem Vater sein ist möglich, aber eine Seite wird immer darunter leiden und es ist sehr schwer, das unter einen Hut zu bringen. Wenn du erst mal verheiratet bist, ist das mit dem Musikerdasein kein so großes Problem. Dann kennt dich deine Frau und beide haben sich dafür entschieden, gemeinsam dieses Leben zu leben. Mit einer Freundin ist das so eine Sache (lacht). Wenn zwei Menschen einander wirklich dafür lieben, wer sie sind, wird eine Freundin auch nichts dagegen haben, dass man als Musiker oft weg und auf Tour ist, denn das macht einen wahren Musiker zu einem großen Teil aus. Das ist nicht nur ein Job. Man ist es. Wenn man mit jemandem zusammen ist, der sich darüber beschwert, ist es ganz einfach die falsche Person. Aber nicht, dass sich jetzt alle jungen Musiker von ihren Freundinnen trennen! Versteht mich nicht falsch (lacht)!

Es ist bekannt, dass du in den neunziger Jahren große Probleme mit Alkohol hattest. Wie gerietst du in diesen Strudel?
Nicht, dass das unbedingt vererblich wäre, aber mein Vater war Alkoholiker. Und ich habe dieses Gen wohl auch. Das Trinken ist ohnehin nur das Syndrom eines Problems, das tief in einem steckt. Ich bin auch noch immer Alkoholiker, denn nur weil ich nicht mehr trinke, heißt das nicht, dass diese Krankheit vorbei ist. Das mit dem Trinken begann früh bei mir und es wurde immer mehr. Ich denke, in den Neunzigern nahm es dann extreme Ausmaße an.

Was half dir aus dieser Phase?
In erster Linie war es meine Angst vor dem Tod (lacht). Es war so schlimm, dass ich innerhalb einiger Stunden mehrere massive Anfälle erlitt und die Ärzte nur darauf warteten, dass ich ins Koma fallen würde. Ich musste mich dem Dämon in mir stellen und darüber sprechen, also ging ich zu den anonymen Alkoholikern. Seit genau zehn Jahren bin ich jetzt trocken. Als ich ein Jahr lang abstinent war, besuchte ich wieder ein Treffen der Selbsthilfegruppe. Dort kam ein großgewachsener irischer Mann zu mir und sagte etwas, das ich nie vergessen werde. Er meinte: „Darf ich ihnen gratulieren? Sie stehen dort, wo Tausende gefallen sind.“ Das ist eine so schöne und poetische Art es auszudrücken und es ist wahr.

Hattest du jemals Angst vor Krankheiten oder Verletzungen, die deine Karriere als Sänger beenden könnten?
Ähm, ich habe mir bis gerade eben niemals Gedanken darüber gemacht. Vielen Dank, jetzt hast du mich dazu gebracht (lacht)! Natürlich, jederzeit kann man einen Virus bekommen, der die Stimme kaputt macht. Bis jetzt hatte ich immer Glück. In den 30 Jahren, in denen ich jetzt unterwegs bin, musste ich nur eine einzige Show absagen. Lass uns einfach so tun, als wäre diese Frage nie gestellt worden (lacht)!

 

Giant Giant Sand: Frankfurt, Zoom

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7154eC8JGZL._SL1425_Größer als groß

Howe Gelb, seit 1985 Chef des in Tucson, Arizona ansässigen Musikerkollektivs Giant Sand, findet neuerdings Gefallen an Doppelt-Gemoppeltem: Um seine ambitionierte Country-Rock-Oper TUCSON im Frankfurter Club Zoom in Szene zu setzen, erweitert der umtriebige Gelb kurzerhand seine Formation auf Orchestergröße und betitelt mit Hang zur Gigantomanie das Ensemble in Giant Giant Sand um.

Bis zu elf Musiker, Musikerinnen und Vokalisten und Sängerinnen tummeln sich auf der Bühne, wenn der 56 Jahre alte Sänger, Komponist, Gitarrist und Produzent Howe Gelb sich einen Wunschtraum erfüllt. Zwischen bisweilen gar bizarren Coverversionen wie Jeanettes ›Porque te vas‹, Skeeter Davis’ ›The End Of The World‹ sowie The Bands ›Out Of The Blue‹ entfaltet die Truppe ein Sammelsurium an Stilanleihen: Von Rock’n’Roll über Americana bis hin zu Latin, Mariachi, Tex Mex und schummrigem Bar-Jazz reicht die Palette.

Auf die Idee zu TUCSON kam Howe Gelb bei einem Festival vergangenes Jahr in Berlin, als er erstmals erweitert um Sergio Mendoza Y La Orkesta mit jenen famosen Musikern auftrat, die das neue Konzept bereichern: Brian Lopez, Gabriel Sullivan und Jon Villa. Triebfeder dürfte auch der massive Erfolg seiner ehemaligen Bandmitglieder Joey Burns und John Convertino sein, die als Calexico Giant Sand längst übertrumpft haben. Howe Gelbs Hang zur Ironie, Kauzigkeit und Sarkasmus faszinierte ja seit Anbeginn.

Bis zu fünf Gitarren vereinen sich im Bombardement aus Trompeten, Akkordeon, Stehbass, Bratsche, Violine und E-Piano. Doch auch die umgekehrte Variante funktioniert, wenn sämtliche Beteiligte sich in spartanischer Instrumentierung zurücknehmen und wunderbare Momente der Entspannung den Raum erfüllen. Howe Gelbs stets philosophisch angehauchte Textprosa lässt sich als Weltumrundung mit zahllosen Etappenzielen interpretieren. Freilich ohne jemals anzukommen oder gar sesshaft zu werden. Ob diese Tour mit Giant Giant Sand eine Ausnahme bleibt, kann man momentan noch nicht sagen. Hoffentlich jedoch nicht! Denn diesen außergewöhnlichen Musiker in diesem noch außergewöhnlicheren Rahmen zu sehen, ist ein absolutes Erlebnis.

 

 

Queen: London, Hammersmith Apollo

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Queen with Adam LambertDie Rockveteranen tun sich mit einem neuen Sänger zusammen, um ein ehrfürchtiges Publikum mit einer majestätischen Darbietung zu begeistern.

Ein Nebeneffekt der vielen Pop-Talentshows im Fernsehen ist die schrittweise „Cartoonisierung“ des Rock. In einer Woche muss man Bruno Mars singen, in der nächsten ist ›Whole Lotta Love‹ dran. Für eine ganze Generation von Kids ist Rockmusik nichts weiter als ein Kostümwechsel, ein bisschen Eyeliner und ein Paar Lederhosen. Brian May und Roger Taylor haben seit dem Debüt des WE WILL ROCK YOU-Musicals ihren eigenen Beitrag zu dieser Entwicklung geleistet, aber vor zehn Jahren hätten selbst sie sich nie träumen lassen, dass Adam Lambert einen Tag lang Freddie spielen könnte. Lambert hat eine dieser flinken Popstimmen, die klingen, als wäre Auto­tune schon vorinstalliert. Er wurde 2009 Zweiter bei „American Idol“, hat Stil, ist wandelbar und kann verdammt noch mal alle Töne treffen – Freddie konnte das ironischerweise oft nicht. Dessen Metamorphose von zartem Falsett im Studio zum muskulösen, bellenden, testosteronstrotzenden Tenor auf der Bühne war einfach ein Teil des Vergnügens. Adam Lambert ist dagegen ein Bild von kurviger Kastraten-Perfektion in seiner engen Hose und Federboa.

Doch trotz dieser Inkongruenz ist dies ein eigenartig fesselnder Abend. Lambert ist nur bei ca. 70 % der Stücke auf der Bühne, eine respektvolle junge Arbeiterbiene, die paradiesvogelhaft durch die Freddie-Zone wirbelt, ohne je zu versuchen, sie auszufüllen. Roger Taylor singt ›Under Pressure‹ und seine Stimme ist kräftiger und weniger metallisch als gewohnt. Es gibt ihn jetzt außerdem im Zweierpack, nämlich im Duett an zwei Drumkits mit seinem 21-jährigen Sohn Rufus, der offenbar von Dave Grohl und Taylor Hawkins beeinflusst ist… Brian Mays Zeitreiseklassiker ›39‹ wird vor einer stimmungsvollen Hintergrundprojektion von Raumschiffen und Sternen vorgetragen, während die Falsettparts von Spike Edney (dem „fünften Mitglied“ von Queen) in Synthie-Passagen übersetzt werden. Es ist eine von wenigen musikalischen Innovationen des Abends, auch wenn es nach wie vor ein Mysterium bleibt, wie ein so phänomenaler Gitarrist auch nach 35 Jahren noch keinen eigenen Solopart entwickelt hat. Heute ist es die Gelegenheit, aufs Klo zu gehen. Zwischenzeitlich liefert Sessionmusiker Neil Fairclough ein flottes Bassline-Medley der kontroverseren Funk/Disco-Experimente wie ›Get Down Make Love‹ und ›Dragon Attack‹ ab. Die leeren Blicke in den Gesichtern vieler Besucher deuten an, dass sie wohl erst spät zu Queen bekehrt wurden. Andererseits genügt ein einziges Bild von Freddie auf der Bühne, um sie fast zu Tränen zu rühren. Bei ›Love Of My Life‹ schließlich sagt May: „Als wir anfingen, waren wir etwas hochnäsig, was das Mitsingen betrifft. Heute denke ich, wir sind uns wohl alle einig, dass das Publikum viel, viel wichtiger ist als die Band.“ Queen wissen genau, was sie tun.

 

 

Zeus

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zeus_final_000006330030Gute alte Zeiten oder schöne neue Welt? Egal! Zeus finden sich in beiden problemlos zurecht.

Neil Quin, einer von drei Sängern/Multiinstrumentalisten von Zeus, steht zu 100 % zum Retro-Sound seiner Band: „In einer Plattenkritik stand, wir seien schamlose Kopisten. Da mussten wir herzlich lachen. Äh, klar sind wird das, ist das nicht offensichtlich genug, um darauf noch einen Kommentar zu verschwenden? Nichts ist doch mehr wirklich neu. Und was ist so falsch daran, sich auf die 70s zu berufen? Das waren noch echte Virtuosen damals!“

Wobei man Zeus Unrecht tut, wenn man sie als reine Nachspieler abtut, denn ihr zweites Album „Busting Vi­sions“ ist zwar in der Tat durchtränkt vom Geist vergangener Dekaden, aber gleichzeitig ein so komplexes Labyrinth aus mehreren Klangschichten, unzähligen verspielten Details und ineinander verschachtelten Harmoniebögen, dass man zeitweise glaubt, es liefen drei Platten gleichzeitig – in perfekter Symbiose. „Tja, wir haben eben unser eigenes Studio, da hat man Zeit, alles etwas ausladender zu gestalten… So klingt es, wenn sich vier schräge Vögel einsperren und wochenlang nicht mehr rauskommen.“

A propos Symbiose: Das Zusammenspiel von Musik und Kommerz hat für die jüngste Generation von Kreativköpfen offenbar nichts Anstößiges mehr. War es früher der sichere Killer für die „street cred“, in einem Werbespot zu hören zu sein, gilt das heute als erstrebenswert. „Moby war diesbezüglich wohl das Opferlamm, aber heutzutage…? Ich würde liebend gerne unsere Musik an BMW oder so verkaufen, das ist mir scheißegal. Hauptsache, wir können irgendwie weitermachen!“

 

The Tamper Trap: Backstage Werk, München

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perou@perou.co.ukIn kleinem Rahmen ganz groß

Seit drei Jahren sind The Temper Trap ein kleiner Geheimtipp in der Indierockszene. Die Australier um Frontmann Dougy Madagi haben in diesem Jahr ihr selbstbetiteltes zweites Album veröffentlicht, das in ihrer Heimat sogar die Spitzenposition der Charts eroberte. Dieser Erfolg will ihnen in Deutschland noch nicht vergönnt sein. Das Album platzierte sich zwar in den Top 70, aber eine extreme Fanbasis bescherte ihnen das nicht. So wurde ihr Konzert am 19. September in München aufgrund zu geringer Nachfrage von der Tonhalle ins kleinere Backstage Werk verlegt. Zusätzlich wurde ein Teil der Location noch mit Vorhängen abgehängt und eine Bar weniger besetzt, so dass selbst hier das Maximalpotenzial ungenutzt blieb. Doch Fans lassen sich bekanntlich von nichts so schnell abschrecken und so freuten sich die Hartgesottenen über die gemütliche Clubatmosphäre. Auch The Temper Trap selbst scheint die Verlegung nicht im Geringsten zu stören. Sie stürmen die Bühne und geben von der ersten Sekunde an alles, was den Fans natürlich mehr als imponiert. Schon beim zweiten Stück ›I Need Your Love‹ wird in die Hände geklatscht, gesprungen, gegrölt und gejubelt. Das spornt die Australier noch mehr an. Auch der Soundtechniker hat sichtlich Spaß an der Arbeit. Er lässt die Bässe wummern, die Gitarren strahlen und das Schlagzeug hämmern. Und mittendrin die Stimme von Dougy Mandagi, glasklar, lupenrein – als käme sie direkt vom Band. Am Ende des Konzerts ziehen die Fans mit einem breiten Lächeln auf dem Gesicht ihrer Wege. Und wer weiß: Vielleicht hat man The Temper Trap das letzte Mal in diesem intimen Rahmen gesehen.

 

 

Toto: Schlossplatz, Coburg

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OLYMPUS DIGITAL CAMERAGanz großes (Lukather-)Kino

Coburg, 36 Grad, die Sonne brennt unerbittlich. Die oberfränkische Vestestadt erlebt heute ihren heißesten Tag des Jahres. Dementsprechend sind kurz nach Einlass nur ein paar hartgesottene Die-hard-Fans in der vielleicht schönsten deutschen Konzert-Location anzutreffen. Die Kulisse aus Ehrenburg (einst Coburger Domizil von Queen Victoria), Landestheater, Altstadt, Arkaden und Kriegerkrypta (die unlängst als Londoner Underground Station für einen Veronica Ferres-Film herhalten durfte) hat ihre ganz eigene und sehr spezielle Atmosphäre, die in der Vergangenheit selbst Legenden wie Elton John, José Carreras, Deep ­Purple oder Neil Young beeindruckte.
Als die Bühne den ersten schützenden Schatten an diesem Tag wirft, ist es Zeit für Ludwig Zwo…oder besser für einen Bummel über den Schlossplatz, denn die Deutsch-Indierocker passen ungefähr so gut zur anwesenden Zielgruppe wie Senf zu Erdbeereis. Nach über einer Stunde (!) – die einem noch unsäglich viel länger erscheint – ist endlich Schluss mit dem in grüne Turnhosen gekleideten Spuk.

Danach kommen endlich die Herren, auf die alle schon den ganzen Abend sehnlichst gewartet haben. Und Toto schaffen es zum Glück schon während der ersten Sekunden von ›Only The Children‹ aus ihrem 1988er Hitalbum THE SEVENTH ONE, diese Audiostrapaze vergessen zu machen. Steve Lukather, David Paich, Steve und Mike Porcaro und Williams samt Begleitmusiker sind überaus gut gelaunt und hängen schon während des Openings die Messlatte für die kommenden 175 Minuten ex­trem hoch. Egal ob Interaktion mit dem 4500 Besucher starken Publikum, kleine Witzchen und Jams auf der Bühne oder schlichtweg die unglaubliche Spielleistung der Akteure – hier stimmt einfach alles. Herausragend ist allerdings zu jeder Sekunde – selbst wenn er gerade nicht im Rampenlicht steht – Steve Lukather. Songdienlich und gleichzeitig virtuos kombiniert mit einer Prise Coolness zelebriert Luke Riffs, Licks und Soli des reichhaltigen Hitrepertoires. Bei dieser Performance muss man zwangsläufig an Eddie Van Halens Antwort auf die Frage, wie es sei, der beste Gitarrist der Welt zu sein, denken: „Frag Steve Lukather“.

Das reguläre Set endet mit ›Hold The Line‹, welches im Gegensatz zur Konservenversion in einer zehnminütigen Jam Session über den Schlossplatz donnert. Mit den beiden – ebenfalls stark verlängerten – „Rausschmeißern“ ›Africa‹ beziehungsweise ›Home Of The Brave‹ und dem Versprechen „we‘ll come back“ verabschieden sich Toto in die inzwischen angenehm laue Sommernacht.

 

ROCKSMITH – Authentic Guitar Games

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Rocksmith_PlayStation3Echte Saiten statt Plastik.

Eine Konsole, ein Gitarrenimitat – dank erfolgreicher Videospielserien wie GUITAR HERO und ROCK BAND durften in den vergangenen Jahren selbst unmusikalischste Menschen bekannte Songs der Rockgeschichte „nachdrücken“. Der Haken: Wer in den richtigen Momenten die richtigen Tasten aktivierte, wurde auf dem Bildschirm gefeiert, konnte aber noch lange nicht wirklich Gitarre spielen.

ROCKSMITH ändert diesen Missstand nun, erfolgt hier doch die Steuerung mit einer echten Sechssaitigen: Mittels eines mitgelieferten Adapterkabels können Spieler jede beliebige E-Gitarre an Mac, PC, PlayStation 3 oder Xbox 360 anschließen und das Gitarrenspiel erlernen beziehungsweise bereits vorhandene Kenntnisse erweitern.
Zunächst erklärt ROCKSMITH Elementares wie Stimmtechniken, Plektrum- und Gitarrenhaltungen. Anschließend folgen zahlreiche Übungen. Durch präzise Spielverhaltensanalysen stellt sich das Programm auf die individuellen Schwächen und Stärken seiner Benutzer ein: Bitten Bildschirmhinweise anfangs nur zum Nachspielen einzelner Töne, fordern sie nach und nach Akkorde, Tremolo Picking, knifflige Tricks und makelloses Nachspielen kompletter Lieder ein.
Der Weg zum Erfolg fällt im Vergleich zu den eingangs erwähnten Mitbewerberprodukten steiniger aus. Schließlich versteht sich ROCKSMITH als anspruchsvolle Lernsoftware. Und das auch mit dicken Saiten, denn die Software enthält einen zusätzlichen Bass-Modus. Praktisch: Wer keinen Viersaiter besitzt, emuliert das Instrument einfach per Gitarre.

Für Belohnung und Motivation garantieren neben echtem Spielgefühl Mehrspieler-Modi (hier greifen Gitarristen und Bassisten auf Wunsch gleichzeitig in die Saiten), Mikrofon-Einbindung, pfiffige Minispiele, freischaltbare Kulissen, Gitarren, Verstärker und Effektpedale sowie eine höchst CLASSIC ROCK-kompatible Songauswahl: Von Bowie und Clapton über Franz Ferdinand, Interpol und Lynyrd Skynyrd bis zu den Stones, Strokes oder White Stripes geben sich alte und neue Helden die Ehre.

 

Boardwalk Empire

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51F6dOSFahLMit dem Erfolg steigt der Anspruch. Gutes bis hervorragendes Fernsehen zu produzieren reicht den Verant-wortlichen von HBO schon lange nicht mehr. Man will richtig großes Kino in Serie produzieren. Fantasy-Extravaganz „Game Of Thrones“ zeigte das schon eindrücklich und wird mit seiner opulenten Austattung viele Konkurrenten vor Probleme stellen. Weit weniger offensichtlich, vom betriebenen Aufwand aber sogar weit größer konzipiert Martin Scorsese seine ausladende True-Crime-Saga „Boardwalk Empire“. Während der amerikanischen Prohibitionszeit schwingt sich der Bootlegger und wieslige Politiker Enoch „Nucky“ Thompson (Steve Buscemi) dabei im noch beschaulichen Küstenstädtchen Atlantic City an die Macht. Basierend auf der bemerkenswerten kriminellen und politischen Karriere des realen Nucky Thompson entspinnen Scorsese und sein Team ein komplexes Geflecht an Charakteren und Interessen, die zusammen mit exzellentem Produktionsdesign ein umfassendes und schillerndes Zeitporträt schaffen. Angefangen vom Nachbau des berühmten Piers auf einem Gelände in Brooklyn über kleine aber wichtige Details wie Inneneinrichtung und Kleidungs-accessoires bis hin zur Entscheidung die Serie im Super 35 mm-Format zu drehen, zeigt sich „Boardwalk Empire“ als hochambitioniertes Projekt, für das HBO keine Kosten scheute. Gewiss ein Risiko, in Hinblick auf die ersten beiden Staffeln jedoch ein erfolgreich eingegangenes. Denn Season zwei knüpft direkt an die Spannungsfrequenz der vorhergehenden Epsioden an und zeichnet ein vielschichtiges und faszinierendes Bild der eherenwerten Gesell-schaft der Ostküste. Dabei wird deutlich, warum Scorsese seine Liebe für das Fernsehen nur bei HBO wiederentdecken konnte: Die Möglichkeit, ein derart aufwändig umzusetzendes und waghalsiges Projekt in dieser Qualität frei von den Zwängen der Quote umzusetzen, ist ein Geschenk für Scorsese und die Zuschauer.