0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Start Blog Seite 1252

Rod Steward – Neu entdeckte Muse

0

Rod Stewart 2013a

 

Im letzten Jahrzehnt veröffentlichte Rod Stewart nur noch Cover-Songs. Bald glaubte jeder, dass er einfach kein neues Album mehr schreiben könnte – auch er selbst. Bis ihn plötzlich wieder die Muse küsste.

Vor anderthalb Jahren habe ich Sie hier um die Ecke beim Hard Rock Calling im Hyde Park spielen sehen. Damals waren Ronnie Wood von den Rolling Stones und Stevie Nicks von Fleetwood Mac als Gäste mit dabei.
Oh ja, das war ein guter Gig. Aber Ronnie kam zu früh auf die Bühne, ich musste ihn wieder wegschicken. Ich sagte zu ihm: „Hau ab, ich habe dich noch nicht mal angekündigt!“ Denn er wanderte schon dort herum, als ich mit meinem Song noch nicht fertig war.

Was gibt es Ihnen, mit Ihren alten Freunden die Bühne zu teilen?
Mit Ronnie ist es großartig, jetzt, wo er dem Alkohol abgeschworen hat. Er wird zu einem verantwortungsvollen, verlässlichen Mann. Stevie ist nicht wirklich eine enge Freundin, jedenfalls nicht so wie Ronnie. Aber es macht Spaß, mit ihr zu arbeiten. Sie ist liebenswert und wie eine zerbrechliche Blume.

Warum haben Sie dennoch 2009 die Reunion mit den Faces ausgeschlagen und zugelassen, dass Mick Hucknall als Sänger bei Ihrer ehemaligen Band einspringt?
Das ist ganz einfach: Ronnie kann sich so lange für die Faces verpflichten, wie die Rolling Stones nichts anderes machen als nur die Festivals, die sie dieses Jahr angekündigt haben. Aber ich kann nicht ein Jahr meiner Zeit für die Faces opfern, wenn Ronnie dann plötzlich sagt: „Oh wartet, die Stones machen ein neues Album, ich kann jetzt doch nicht mehr.“

Sie sehen da keine Chance für zukünftige Projekte?
Doch, ich glaube, wir kriegen es bald auf die Reihe mit einer gemeinsamen Tour. Denn ich denke nicht, dass die Stones noch ein neues Album machen werden. Eine Faces-Reunion mit mir könnte also klappen. Bei der Aufnahme der Faces in die Rock‘n‘Roll Hall Of Fame hätte ich gesungen, wenn ich nicht krank geworden wäre. Aber Mick Hucknall hat einen großartigen Job gemacht.

Nun haben Sie ja erst mal ein eigenes Album – das erste seit 13 Jahren mit Songs aus Ihrer eigenen Feder. Wieso kommen Sie ausgerechnet jetzt damit?
Ich erzähle Ihnen, wie es angefangen hat. Vor einigen Jahren kam mein guter Freund Jim Cregan bei mir zum Mittagsessen vorbei und spielte Gitarre. Er sagte: „Komm, lass uns einen Song schreiben.“ Und ich meinte: „Ach nein, ich kann keine Lieder mehr schreiben, die Muse hat mich verlassen, das ist vorbei.“ Aber er blieb hartnäckig und sagte: „Wir probieren es einfach mal.“ Also sang ich einige „La-di-das“ zu ein paar Gitarrenakkorden. Er nahm die Aufnahme davon mit und schickte mir den Song mit mehr Gitarren drauf zurück. Ich fing an, am Text zu feilen und das Stück zu singen, und es wurde ›Brighton Beach‹ daraus. Das war der erste Song, den wir geschrieben hatten.

Und ab da wussten Sie, dass es ein neues Rod-Stewart-Album geben würde?
Ich war immer noch nicht sicher, was daraus werden würde. Mir fehlte einfach das Selbstvertrauen. Ich machte trotzdem weiter mit dem Schreiben. Als nächstes kam dann ›Can’t Stop Me Now‹ heraus, in dem es ausschließlich um meinen Dad, der 1990 verstorben ist, und meine Anfänge im Business geht. Ab da spürte ich, dass es jetzt erst richtig losgeht. Das Lied hat so was Ermutigendes.

Wie sind Sie damit umgegangen, dass Sie sich durch die AMERICAN SONGBOOK-Aufnahmen im letzten Jahrzehnt eher den Ruf als seichter Coversong-Sänger zugelegt und an Kredibilität verloren haben?
Mir ist bewusst, dass ich mein Image als Rocksänger geschädigt habe, obwohl ich so in den 70ern angefangen habe. Aber die AMERICAN SONGBOOK-Alben haben sich unglaublich gut verkauft, genauso wie die Weihnachtsplatte, die letzten Winter erschien. Und nun drehen wir das Blatt eben wieder um. „Rod The Mod“ ist wieder da, und wir werden sehen, was die Leute von diesem Album halten. Ich für meinen Teil bin unglaublich stolz darauf.

Schlägt das Album also auch ein neues Karrierekapitel für Sie auf?
Ich betrachte es in der Tat als eine neue Tür, durch die ich gehe. Es war nicht geplant. Es passierte einfach. Meine Autobiografie erschien letzten Winter zur gleichen Zeit wie das Weihnachtsalbum. Dieses Album war zu der Zeit schon fertig. Ich war also schon in den Startlöchern. Als das Label dann sagte, lass es uns zurückstellen für vier oder fünf Monate und erst das Weihnachtsalbum herausbringen, habe ich noch weitere Lieder geschrieben. Es entstanden ›Sexual Religion‹ und ›She Makes Me Happy‹. Ich habe wirklich wieder Blut geleckt und will weiterhin Songs schreiben.

Geht es Ihnen auch darum, sich im Herbst Ihres Lebens noch mal als Songwriter in Erinnerung zu bringen, der qualitativ gute Lieder schreibt?
Ja, absolut. Ich will ein Vermächtnis hinterlassen. Ich glaube, dass es vielen Künstlern in meinem Alter so geht, dass sie noch mal etwas sagen möchten. Man muss sich nur David Bowie ansehen, der gerade ein grandioses Comeback feiert. Aber ein Vermächtnis ist es für mich auch auf andere Weise: Ein Lied wie ›Pure Love‹, das für meine Kinder ist, habe ich auch mit der Intention im Kopf geschrieben, dass es noch da ist, wenn ich nicht mehr hier sein werde. Wenn meine Kids den Song dann spielen, denken sie an ihren Dad. Das ist ein schöner, hoffnungsvoller Gedanke. Außerdem sind in dem Stück auch ein paar Ratschläge für sie enthalten, wie die Füße am Boden zu behalten.

Was haben Ihre Kinder denn gesagt, als sie das Lied hörten?
Sie haben es noch gar nicht gehört! Erst wollte ich unbedingt, dass sie das Lied so schnell wie möglich hören. Ich war richtig aufgeregt deswegen. Aber dann dachte ich: Nein, lass sie den Song selbst entdecken. Ich freue mich schon, wenn sie zu mir kommen, einer nach dem anderen, denn ich habe ja ein ganzes Rudel davon. Und dann werden sie mich fragen: „Daddy, handelt der Song von uns?“

In Ihrer Autobiografie schildern Sie, wie Sie mit Ronnie Wood Kokain über den Hintern konsumiert haben.
Herrje, ja, es stimmt. Ich hatte Angst, wenn ich es schnupfen würde, dass es mir meine Stimme versaut. Es war ein anderer Weg, Drogen zu konsumieren. Das ist aber nichts, worauf ich stolz bin. Aber es hat auch keine negativen Auswirkungen auf mein Umfeld gehabt. Ich war nie abhängig von dem Zeug.

Auf der Platte blicken sie fröhlich in die Zukunft, aber auch nostalgisch zurück. Waren das die zwei dominierenden Gefühle bei Ihnen in den letzten Jahren?
Ja, genau so war’s. Was mich selbst am meisten überrascht hat, ist, dass ich so persönlich werden kann auf einer Platte. Ich hätte das nie für möglich gehalten. Speziell der Song ›It’s Over‹, der von meiner Scheidung von Rachel Hunter handelt, offenbart so viel.

Würden Sie sagen, Sie haben immer die richtigen Entscheidungen getroffen?
Puh, da waren wirklich viele Entscheidungen zu fällen in meinem Leben, gerade auch beruflich. Ich denke, wie oftmals im Leben, brauchst du bei einer Karriere auch das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Auch im Sport braucht man immer ein bisschen Glück. Der Weg muss sich für dich ebnen, Leute müssen sich auf deine Seite schlagen. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Ja, ich glaube, dass ich die richtigen Entscheidungen getroffen habe. Ganz einfach deshalb, weil sie oftmals für mich gefällt wurden. Ich meine, was wäre gewesen, wenn ich das Ray Davies Quartett, aus dem später The Kinks wurden, nicht verlassen hätte? Was wäre aus mir geworden, wenn ich mich nicht mit Jimmy Powell überworfen hätte? Es war fast schon Schicksal.

Im Internet kursiert ein Video von Ihnen, wo Sie auf der Tribüne weinen, als Ihr Fußballteam Celtic Glasgow den FC Barcelona besiegte.
Es sollte Männern gestattet sein, zu weinen, ohne sich dafür schämen zu müssen. Der Gewinn hat mir so viel bedeutet. Ich musste dabei auch an meinen Dad denken, und dann überkam es mich. Anfangs war ich peinlich berührt, als ich begriff, dass es vermutlich das am meisten heruntergeladene YouTube-Video des Tages war – gleich nach Präsident Obama, der an dem Tag wiedergewählt wurde. Das Video hatte anderthalb Millionen Klicks in 24 Stunden, weil alle den weinenden Rod sehen wollten. Letztendlich habe ich mit dem Clip dann doch meinen Frieden geschlossen, weil es die Menschen aufmerksam macht auf das Fußballteam, das ich liebe.

Katja Schwemmers

Deep Purple

0

DeepPurple_band_1_credit by Jim RaketeKeine Band tourt öfter und härter als die britischen Hard-Rock-Veteranen.
Fast hätte das Quintett dabei vergessen, dass sein letztes Studioalbum bereits acht Jahre zurück liegt. Und wäre Produzent Bob Ezrin nicht gewesen, hätten die Fans vermutlich noch länger warten müssen.

1260. Auf diese Zahl kommt Schlagzeuger Ian Paice, wenn er alle Konzerte seiner Band seit 2005 addiert, dem Jahr des letzten Studioalbums von Deep Purple. Eine beachtliche Anzahl, die selbst junge Acts erst mal ohne gesundheitliche Kollateralschäden durchstehen müssen. Zumal die Herren Gillan, Paice, Glover, Morse und Airey stolze 325 Lebensjahre auf die Bühne bringen. Da darf man durchaus von einer gestandenen Truppe sprechen. Rein rechnerisch haben diese Herren mindestens ein Dutzend Verzweifelter des berüchtigten „Club 27“ überlebt. Doch diese freundlichen, grauhaarigen Herren sind weder depressiv noch drogengeplagt, sondern in einem geradezu beängstigend guten Fitnesszustand. „Wir sind gut in Form“, weiß auch Trommler Paice, der gerade das Rentenalter erreicht hat und dessen Beats, Strokes und Rolls auf jedem Schlagzeug-Workshop noch immer regelmäßig jungen Drummern die Kinnlade runterfallen lassen.

„Die Muskeln spielen mit und das Gehirn bringt noch alles zusammen“, scherzt „Paicey“. „Wir arbeiten hart, aber wir passen auch auf uns auf, achten darauf, unser Leben unter Kontrolle zu haben, dass wir genug schlafen und gut essen. Die alten Fehler müssen wir ja nicht wiederholen. Wenn du eine Nacht durchsäufst, hängst du als Teenager eben am nächsten Tag durch. In unserem Alter brauchst du jedoch drei Tage, um wieder fit zu werden, um das zu machen, was normalerweise 21-jährige Kids tun.“ Klar: auf der Bühne herumspringen und rocken. „Live zu spielen, ist für mich der absolute Kick“, übernimmt Tieftöner Glover. „Es geht nichts darüber, mit Freunden auf der Bühne zu stehen, vor einem Publikum, das dich liebt. Das ist wie eine Droge. Und ich bin süchtig danach.“

Und das schon eine ganze Weile. Irgendwie sind die lila Jungs gefühlt seit ihrer Gründung 1968 permanent auf Tour. In wechselnden Besetzungen zwar, die die Fans mit den Jahren liebevoll durchnummerierten. Dennoch schnurrt das Familienunternehmen über die Jahre so unbeirrbar wie ein Aston Martin: beständig, sympathisch, verlässlich. Nicht weniger als 18 Studioalben haben Deep Purple eingespielt. Live-Scheiben übrigens genau so viele. Erstaunlicherweise werden die Fans nicht müde, ihre Helden anzufeuern. Bis heute füllen die Herren mühelos große Hallen, und das weltweit. „Wenn ich uns so anschaue“, sagt Glover mit der Lebenserfahrung seiner 68 Jahre und dem ihm eigenen Humor, „sind wir alle Junkies und durch unsere Sucht untrennbar miteinander verbunden. Und es gibt einen einfachen Grund dafür: Wir lieben halt, was wir machen.“

Es fällt nicht schwer, dies Basszauberer Glover zu glauben, wenn er solche Sätze mit gutmütiger Gandalf-Stimme sagt. Verständlich, dass die Fans nicht müde werden, bei Konzerten Klassiker wie ›Highway Star‹, ›Child In Time‹, ›Strange Kind Of Woman‹ und ›Fireball‹ zu fordern. Und natürlich jenen unverwüstlichen Evergreen, der bis heute bei jedem Konzert gesetzte Familienväter und biedere Bankangestellte in enthemmte Luftgitarristen verwandelt: ›Smoke On The Water‹. Doch selbst angereichert mit Songs der sogenannten „MK III“-Periode mit David Coverdale am Mikro und Glenn Hughes am Bass und Songs wie ›Burn‹ und ›Strombringer‹ ist trotz solcher Asse im Ärmel die Anzahl der Karten im Blatt limitiert. Auch wenn die Musiker sie vor jeder Tour noch so gut mischen.

Neue Songs mussten her. „Der Grund ist offensichtlich“, erklärt Glover: „Jede Band möchte eine möglichst große Auswahl an Stücken, die sie live spielen kann. Nun beruht unser Ruhm auf Songs, die wir sehr früh geschrieben haben. Natürlich müssen wir die bringen und ich werde auch nicht müde, die zu spielen. Ich bin stolz darauf und sie machen mir Spaß.“ Dennoch hält sich seit Jahren das Gerücht, Deep Purple langweilen sich, die immer gleichen Stücke zu spielen. Mr. Paice antwortet darauf ganz diplomatisch. Er lächelt und schweigt. Nickt dann aber kurz. Immerhin: „Wir versuchen, die Klassiker bei jeder Show leicht zu variieren, um es spannend für uns zu halten“, sagt er. „Und es macht Spaß, zu sehen, wie wichtig sie den Leuten noch immer sind.“

2005 veröffentlichten Deep Purple RAPTURE OF THE DEEP, ein nicht übermäßig erfolgreicher Longplayer, der in der britischen Heimat mit Platz 81 der Albumcharts abgestraft wurde. In Deutschland, der zweiten Heimat des Quintetts, erreichte es dagegen Platz 10. Doch seitdem hält man sich bedeckt. Kein neues Werk in Sicht. Ist etwa alles gesagt? Glover führt Soloprojekte als Zeitfaktor an, wobei dies dann die Alleinschuld von Gitarrist Morse wäre, der 2012 sein Supergroup-Projekt Flying Colors mit Mike Portnoy, Dave LaRue und Neal Morse an den Start brachte. Der will halt spielen – verglichen mit seinen Purple-Kollegen ist Morse mit 59 Jahren geradezu das Nesthäkchen. Doch Glover umschifft die Album-Zeitdiktat-Kausalkette schließlich mit dem unschlagbaren Argument der Bequemlichkeit: „Wir leben halt alle an unterschiedlichen Ecken dieser Welt. Wenn eine Tour vorüber ist, trennen sich unsere Wege und wir sind froh, bei unseren Familien zu sein. Danach alle wieder in ein Studio zu kriegen, ist nicht einfach.“ Dann spricht Glover aber geradeheraus noch den kommerziellen Aspekt an: „Heutzutage ein Album zu machen, kostet Geld. Verdienen tust du damit so gut wie nichts. Es sei denn, du bist gerade tierisch angesagt!“

Es hält sich sogar das hartnäckige Gerücht, die Musiker wollen nie wieder ein Studioalbum aufnehmen, was aus ihrer Sicht sogar nachvollziehbar wäre. Besonders, wenn das Denkmal einer Band auf einem unverrückbaren Fundament aus Klassikern ruht, gegen die neue Nummern kaum bestehen können. „Vor ein paar Jahren haben wir tatsächlich so gedacht“, gesteht Gillan. „Warum sollten wir eine neue Platte machen? Früher hast du eine Tour gespielt, um dein Album vorzustellen. Heute spielst du eins ein, um deine Tour zu bewerben. Früher konntest du von den Albumverkäufen leben. Das ist schon lange nicht mehr so. Also bist du viel unterwegs. Aber einen Zirkus wie Deep Purple um die Welt zu schicken, mit einer großen Crew, gutem Sound und Licht, kostet eine Stange Geld. Außerdem hatten wir keine Lust auf den Druck, eine CD in drei, vier Wochen einzuspielen und eine Deadline zu haben. Es sollte Spaß machen und keine Notwendigkeit sein.“

Kritiker mögen entgegnen, nach vier Dekaden seien den Kreativköpfen schlichtweg die Ideen ausgegangen, das Füllhorn sei leer. Für so manchen Fan ist das sogar seit dem Abgang des launigen wie genialen Ritchie B. der Fall. „Neue Musik zu schreiben, macht Spaß, dies muss allerdings aus den richtigen Beweggründen heraus geschehen“, meldet sich Sänger Gillan zu Wort. „Einfach mal irgendwann in ein Studio gehen und ein paar Stücke runterspielen, funktioniert nicht. Wir müssen mental und gefühlsmäßig bereit sein, spüren, dass es der richtige Zeitpunkt ist. Als wir 2011 das erste Mal darüber sprachen, weil wir wussten, dass wir 2012 nur drei Monate auf Tour sein würden – da überlegten wir, was wir mit der freien Zeit anstellen wollen. Da gab es ernsthafte Überlegungen, ob wir in diesem Zeitfenster ein Album angehen wollen.“

// Come Taste
The Band

Doch Gillan und seine Mitstreiter tun sich schwer mit neuen Nummern. Im Herbst 2011 verabredet man sich auf einer spanischen Finca in der Nähe von Marbella zu einer ersten Songwriting-Session. Man will schauen, ob der kreative Fluss nach so langer Abstinenz noch funktioniert. Das Ergebnis ist deprimierend. Von Songs „aus dem Ärmel schütteln“, wie es Künstler der Presse gerne ins Merkheft diktieren, kann hier kaum die Rede sein. „Es fiel uns nicht gerade leicht, um ehrlich zu sein“, gesteht Paice. „Wir hatten am Ende sogar das Gefühl, wir seien gar nicht voran gekommen. Es war ein ziemlicher Fehlschlag.“ Nach sechs vagen Songskizzen fahren die Musiker nach zwei Wochen enttäuscht mit zwei halbgaren Stücken nach Hause, die sie weiter verfolgen wollen – um sie später doch zu verwerfen. Die Stimmung ist alles andere als gut.

Für 2012 verabredet man sich erneut. Diesmal im nordrhein-westfälischen Provinznest Verne, wo die Band von einem P.A.- und Sound-System-Verleih eine Halle mietet. Im Gegensatz zu den intimen Wohnzimmer-Sessions von Marbella wollen die Musiker diesmal bei Bühnenlautstärke proben. „Wir hatten einfach keine Lust auf einen kleinen, miefigen Proberaum, wir wollten eine große Halle und ordentlich Krach machen. Wir wollten rocken!“ Man verabredet 14 Tage. Alle jetten nach Verne, bis auf Paice: Der leidenschaftliche Fan deutscher Automobilbaukunst lässt es sich nicht nehmen, persönlich hinzufahren – in seinem VW Golf. Was für Dave Gahan gut ist, reicht auch für „Paicey“. Die Generation Golf mag in die Jahre gekommen sein, doch der fahrbare Untersatz ist bei Briten scheinbar ungebrochen beliebt. „Ich liebe deutsche Autos“, lächelt Paice, „und eure Autobahnen! Leider gibt es heute viel mehr Tempolimits als früher, aber auch genügend Strecken, wo man mal Spaß haben kann.“

Auch die Sessions „Made In Germany“ laufen gut. An Tag 1 beginnen Deep Purple zum Warmspielen mit einem 12-Takt-Blues, „zum Lockerwerden und um zu sehen, was sich so daraus entwickelt“, erinnert sich Glover. „Die Sessions liefen sofort gut, besonders zwischen Steve und Don. Ihr Dialog, die Art, wie sie Melodien und Akkorde verbinden, macht Spaß, weil es so unangestrengt wirkt. Je länger du probierst, desto mehr kannst du einen Song auch kaputt spielen.“

Man verständigt sich darauf, den neuen Stücken möglichst viel Live-Charakter zu verpassen, so soll auch das Album später klingen. Anstatt vorproduzierte Home-Recordings zu proben, verständigt man sich darauf, gemeinsame Sessions zu spielen und zu schauen, ob der berühmte Funke zündet. „Es steckt eine gewisse Magie in der ersten Betrachtung eines Songs, die man nie wieder reproduzieren kann“, schwärmt Glover. Also stellen Airey und Morse ihre Basic-Tracks vor „und auf einmal gelangen uns plötzlich eine Menge neuer Songs, einer nach dem anderen. Am Ende dieser Sessions fühlten wir uns deutlich besser. Wir hatten 14, 15 Ideen, die wir dann auf zwölf destilliert haben. Schon nach zwei Tagen in Verne wussten wir, dass wir auf dem Weg zu einem neuen Album sind. Jede Idee, die auf den Tisch kam, besaß eine gewisse Magie, bei der alle Lust hatten, mitzuspielen. Das war ein gutes Zeichen, denn für eine Band mit so erfahrenen Musikern ist das nicht selbstverständlich. Aber hier war jeder Tag aufregend.“ Alle sind begeistert. Selbst Ian Gillan, der in seinem Feriensitz an der portugiesischen Algarve Texte schreibt und deshalb nicht miterlebt, wie Paice nach Feierabend in seinem Golf die Stereoanlage aufdreht und am Lenkrad zu den neuen Songs headbangt. „Es dröhnte über den ganzen Parkplatz und Ian nickte mit dem Kopf zum Jam von ›Body Line‹“, gluckst Glover. „Das war der Beginn von NOW WHAT?!.“

Fehlt eigentlich nur ein Produzent. Die Wahl fällt auf Bob Ezrin, einen akribischen Arbeiter mit einem sensationellen Gehör, der die Erfahrung von Produktionen für Pink Floyd, Kiss und Alice Cooper mitbringt. Der 64-jährige Studioveteran weiß, wie man ein klassisches Rockalbum mixt. Man verabredet ein Treffen nach einem Konzert in Toronto, um zu erörtern, ob sich die Vorstellungen gleichen. „Bob kam am nächsten Morgen zum Frühstück und wollte wissen, was für ein Konzept wir uns vorstellten. Wir merkten schnell, dass wir in dieselbe Richtung dachten, nämlich im Studio die Spontaneität und Energie einer Live-Show einzufangen. Bon wollte keine normale Platte machen, sondern eine Art Live-Studio-Album.“ Gesagt, getan. Ezrin bucht sein eigenes Studio in Nashville.

// Going To Nashville

Man entschließt sich zu einer Woche Vorproduktionszeit in Nashville, um Equipment aufzubauen, einzustellen, Sounds zu suchen und Mikros zu posi­tionieren. Dann bekommen alle Songideen eine grobe Struktur, dazu werden Gillans Texte besprochen. „Das war wie ein 9-to-5-Job“, erklärt Gillan, „wir fingen mittags an und arbeiteten jeden Tag bis abends um sechs – natürlich mit einer Teepause um drei. Wir haben vor allem geschaut, ob die Tonarten für meinen Gesang passen, und haben vielleicht noch hier und da an den Arrangements gebastelt. Diese Jungs sind großartig! Die können stundenlang spielen, aber bringen dennoch nichts in eine starre Form. Das mag ein Effekt vom jahrelangen Touren sein. Bob rief mich eines Morgens ins Studio und spielte mir eine ältere Live-Aufnahme von uns vor. Er meinte, die Improvisationen in den Songs seien großartig. Genau das wollte er einfangen. ›Uncommon Man‹ ist so ein Beispiel: Wir besprachen, dem Song ein Intro voranzustellen, hatten lediglich Tonart und Akkordwechsel. Sonst war nichts abgesprochen. Was daraus entstand, war magisch: Eine Gruppe von Menschen, die wie ein Gehirn denkt, die intuitiv zusammen spielt, die ein blindes Verständnis untereinander spürt – das ist ein Resultat der vielen Konzerte.“

„Wir hatten Zeit, die Ideen reifen zu lassen, das war gut“, führt Glover fort. „Alle waren gut drauf, alle waren aufgeregt, nach so langer Zeit wieder ein Album anzugehen.“ Doch jeder Musiker hat seine eigene Sicht auf die Arbeit im Studio, wenn das Rotlicht angeht, das „Achtung, Aufnahme!“ signalisiert (und so vielen Musikern große Schwierigkeiten bereitet, locker zu bleiben). Jenes spannungsgeladene Gefühl, wenn der Schlagzeuger nach Jahren das erste Mal wieder einzählt: „One, two, three, four…“ „Ein extrem aufregender Moment“, schwärmt Glover. „Wenn du so lange nicht im Studio warst und du einen Song einspielen willst, der das Zeug hat, abzuheben und zu fliegen, berührt dich das wie beim allerersten Mal – selbst nach all den Jahren.“

Genau genommen kehren Deep Purple mit ihrem Unterhaltungsschwerpunkt, spontan, live und frei für Improvisationen zu sein, zurück zu ihren Wurzeln. Nicht viele Rockbands sind für ihre ausgedehnten Jams, Soli und Live-Qualitäten so berühmt wie die Briten. Wieso? „Because we can!“ Klar. Immerhin haben sie großartige Instrumentalisten an Bord, die neben Talent auch das handwerkliche Können mitbringen, komplexe Kompositionen nicht nur souverän zu spielen, sondern auch noch mit explosiven Soli zu garnieren. Ezrin bestärkt die Band darin, loszulassen. So beginnt ›Body Line‹ mit Paices luftigem Drum-Groove, bevor die Kollegen nach und nach einsteigen. Ein Jam-Charakter, ganz wie in den frühen Tagen, in denen Klassiker wie ›Fireball‹, ›Speed King‹ oder ›Child In Time‹ entstanden. „Bob ist ein kluger Kopf. Er sieht vieles, er verschwendet keine Zeit, er macht keine Kompromisse und sagt dir auch, wenn etwas nicht gut war“, erklärt Gillan, der in Ezrin allerdings auch einen peniblen Kritiker und sich selbst schon mal mit der Frage konfrontiert findet: „Ian, könntest du an der Stelle bitte mit etwas mehr Pathos einatmen?“

Vor allem aber bringt der Kanadier eine große Stärke mit: Er ist entscheidungsfreudig. Seit den Tagen mit Ritchie Blackmore, der auf der Bühne bloß den Arm zu heben brauchte, damit der Rest die Klappe hielt, bis er sein Solofeuerwerk abgebrannt hatte, definieren sich Deep Purple heute als zutiefst demokratische Band. Der Nachteil: Im Bestreben, die Ideen aller Mitglieder zu berücksichtigen, manövriert man sich heute höflich, aber hilflos in endlose Sackgassen. Nach Blackmore hat die Band das Diskutieren gelernt, zeitintensiv und leidenschaftlich. „Wenn du fünf kreative Musiker in einem Raum hast, gibt es halt Diskussionen“, zuckt Glover mit den Achseln. „Wenn ein neues Gitarrenriff im Raum steht, will einer es so probiert haben, der nächste so. Dadurch entwickelt sich ein Song vor und zurück, seitwärts, und jeder meint, nur das Beste im Sinn zu haben. Wenn es fünf perfekte Gegensätze gäbe, dann hießen sie Deep Purple! Wir sind in vielerlei Hinsicht sehr konträr und das macht es ziemlich anstrengend. Wir sind eigentlich unmöglich“, grinst Glover. „Es war gut, Bob dabei zu haben, der uns dann in den Hintern trat und sagte: So wird’s gemacht! Danke, die Herren.“

// Tod eines Freundes

„Here we are with all the time in the world“, singt Gillan auf der Doppel-Single-Auskopplung ›All The Time In The World‹ und ›Hell To Pay‹. Ein Anachronismus, denn gerade Zeit scheint für eine Band im reifen Alter ein besonders kostbares Gut zu sein. Dennoch offeriert Gillan zu diesem Thema eine sehr unaufgeregte Sichtweise. „Die Themen verändern sich mit dem Alter“, sagt er, „du entwickelst eine philosophischere Sichtweise, überdenkst vieles, was du als Jugendlicher erlebt hast, heute noch einmal und bewertest es ganz anders. Natürlich gibt es auch sehr direkte, auch politische Texte über den Zustand dieser Welt.“ Wen oder was er im Text von ›Weirdistan‹ meint, soll sich jeder Zuhörer selbst ausmalen, „wenn die eine Hälfte der Menschheit in der Zukunft lebt und die andere im Mittelalter“, wie Gillan meint. Doch dieses Album hat, im Gegensatz zu den letzten beiden, kein zentrales Thema wie Spiritualität oder Gesellschaftskritik. „Es thematisiert vieles, als ob du mit Freunden zusammensitzt und über Politik, Gesellschaft, Kunst und Sport redest. Und je älter und erfahrener du bist, desto mehr verändern sich auch dein Betrachterstandpunkt und deine Lebensphilosophie. Klar, als Teenager fühlst du dich unsterblich. Heute lebe ich deutlich nachdenklicher, bewusster und das spiegelt sich auch in meinen Texten wider.“

Doch am Ende ist es wieder die Zeit mit ihrer verrinnenden Verfügbarkeit, die ihnen die unbarmherzige Realität schmerzhaft vor Augen führt. Mitten in die Hochstimmung der Aufnahmen in Nashville klingelt am 16. Juli das Telefon, und es sind keine guten Nachrichten, die Paices Frau Jacky über den Atlantik schickt: Jon Lord hat seinen Kampf gegen den Bauchspeicheldrüsenkrebs verloren. „Bevor ich Ende Juni nach Nashville flog, besuchte ich Jon und seine Frau Vicky“, erzählt Paice. „Ich verabschiedete mich von Jon mit dem Gefühl, ihn vielleicht nie wieder zu sehen. Er sah sehr krank aus, war deutlich abgemagert, und ich fand, er hatte seinen Lebenswillen verloren. Ich war aufs Schlimmste gefasst. Als dann der Anruf kam, war es trotzdem wie eine Ladung Ziegelsteine, die auf mich herab fiel. Er hat zum Glück nicht lange gelitten. Das Morphium hat vieles gelindert und seine Familie war bei ihm. Eine schöne Geschichte – wenn es in diesem tragischen Erlebnis überhaupt eine geben kann – war, dass Jon kurz vor seinem Tod noch einmal seine Hände bewegte, als ob er Klavier spielte. Er war schon sehr weit weg, aber er hat in seinen Träumen noch einmal Musik gemacht, bevor er ging. Er machte also das, was er am liebsten tat.“ John „Jon“ Douglas Lord wurde 71 Jahre alt.

Bei der Beisetzung in Henley-on-Thames übermitteln Familie Lord – Ehefrau Vicky und die Töchter Sara und Amy – vor allem viele ehemalige Wegbegleiter Beileid, darunter Jons Freunde Pete York und Rick Wakeman. Ritchie Black­more sendet Blumen, David Coverdale auch – in Form einer gigantischen Hammond-Orgel. „Für so einen echt beschissenen Tag war es eigentlich ganz okay“, seufzt Paice. „Jon war ein guter Freund, mit dem ich viele Jahre meines Lebens verbracht habe. Sein Tod hat mich tief getroffen“, übernimmt Glover. „Als ich ihn das letzte Mal sah, schien die Chemotherapie anzuschlagen und wir waren voller Hoffnung. Und dann kam dieser Anruf. Den Rest des Albums über war Jon sehr nahe bei uns.“

Die Musiker beschließen, sich von ihrem Freund zu verabschieden, und verbeugen sich mit der Ballade ›Uncommon Man‹ vor ihm. Gillan legt mit dem Text zu ›Above And Beyond‹ noch einen drauf. „Wenn es ein paar letzte Worte von Jon gäbe, wären es vermutlich jene von ›Above And Beyond‹“, findet Glover. „Ian schrieb einen Text, bei dem wir alle den Eindruck hatten, als ob Jon zu uns sprach. Das mag jetzt pathetisch klingen, aber irgendwie ist dir das in so einer Situation scheißegal.“ Im Song heißt es: „Souls having touched, are forever entwined…”, zu Deutsch soviel wie „Seelen haben sich berührt und sind für immer umschlungen…”

// Glenn und Ritchie

Oft bringen tragische Ereignisse selbst heftig zerstrittene Musiker wieder zusammen. Glenn Hughes, Bassist und Sänger der MK III-Formation, so ist zu vernehmen, sei einem neuerlichen Engagement bei Deep Purple angeblich nicht abgeneigt. Nach dem zwischenzeitlichen Aus seiner Black Country Communion durch den Ausstieg von Tausendsassa Joe Bonamassa erhält dieses Gerücht neue Nahrung. Doch Paice lässt schon vorzeitig allen Spekulationen die Luft raus. „Ich weiß nicht, was Glenn so erzählt“, wird er kühl und stellt unmissverständlich klar: „Der einzige Grund, warum Deep Purple heute so gut klingen, liegt daran, dass wir fünf in dieser Konstellation Musik machen. Wenn du auch nur einen von uns austauschen würdest, wäre alles vorbei. Glenn sollte lieber froh sein, dass er noch unter uns weilt. Wenn du 25 Jahre zurückschaust, ist es ein Wunder, dass er heute noch lebt. Wie jeder weiß, hatte er große Probleme mit Dingen, die er besser nicht getan hätte. Aber was soll‘s: Glenn lebt, hat eine großartige Stimme und macht Musik, die die Fans genießen. Ist doch alles wunderbar, wie es ist!“

Und dann wäre da noch der Mann, dessen Name unter den Fans bis heute mit größter Ehrfurcht und Hochachtung ausgesprochen wird. Ritchie Blackmore, der „Schwarze Mann“, übt noch immer eine ungebrochene Faszination aus. Nur nicht bei seinen ehemaligen Kollegen. „Das Thema ist durch“, winkt Glover ab. „Wir sind glücklich in der Band. Jeder kommt mit jedem aus. Und wenn wir auf der Bühne stehen, kann sich jeder auf den anderen verlassen. Wenn einer mal nicht so gut drauf ist, fangen ihn die anderen auf. Worauf wir allerdings keinen Bock mehr haben, ist, dass wir jede Show diesen Typ auffangen müssen. So großartig Ritchie auch ist: Es nervte irgendwann total, dass er seine Gefühle nicht unter Kontrolle hatte, anstatt das zu tun, was er sollte: Gitarre spielen und dem Publikum das zu geben, wofür es bezahlt hat! Das will keiner von uns jemals wieder erleben.“ Gillan wird sogar noch deutlicher: „Ritchie war ein guter Freund und toller Musiker, bis er größenwahnsinnig wurde und wollte, dass alle taten, was er verlangte. Wäre er nicht von selbst gegangen, hätten sich Deep Purple aufgelöst. Ian hatte seinen Humor verloren, Jon seine Großherzigkeit, Roger seine liebevolle Art – alles erstickt von Ritchies krankhaftem Ego. Das ist der Grund, warum wir nie wieder mit diesem Menschen arbeiten werden. Als Ritchie ging, war es, als habe der Regen aufgehört, die Wolken zogen auf, der Himmel war wieder blau und die Sonne kam wieder hervor.“

Eine Gitarrendiktatur wird es in der Purple-Demokratie nie wieder geben. Da wäre der freundliche Mr. Morse auch gar nicht der Typ dafür. Nicht nur charakterlich, auch stilistisch sind die beiden Griffbrettartisten höchst unterschiedlich unterwegs: Während Blackmore seinen rohen, explosiven Legato-Stil zelebrierte, hat Morse durch Bands wie die Dixie Dreggs, Kansas und unzählige Recording-Sessions einen eleganten Jazz-Rock-Stil entwickelt, mit elaborierten Skalen und raffinierten Stakkato-Licks. Der Mann ist zudem ein gefragter Dozent und Autor fundierter Gitarrenlehrwerke. Auf NOW WHAT?! können Gitarrenfans in ›Out Of Hand‹ und ›Blood From A Stone‹ ein paar schöne Solo-Spots des Mannes aus Ohio bestaunen, in ›Hell To Pay‹ sogar inklusive Unisono-Part mit dem Hammond-Orgel-Spiel Don Aireys – mit kollegialen Grüßen an Jon Lord.

// Die Geheimsache

NOW WHAT?! unterliegt bis zuletzt einer Geheimhaltungsstufe, vergleichbar mit den britischen Kronjuwelen. Deep Purple entschließen, keinen einzigen Akkord durchsickern zu lassen, geschweige denn auch nur ein Tönchen bei ihren Konzerten hinaus zu hupen. Normalerweise ist es gängige Praxis vieler Bands, unveröffentlichte Stücke als Testballon loszulassen, um die Reaktionen der Fans zu testen. „Das haben wir strikt vermieden“, erklärt Glover, „wenn du das heutzutage machst, tauchen solche Lieder sofort bei YouTube auf. Aber Songs verändern sich im Laufe der Zeit, bevor sie im Studio eine feste Form bekommen. Wir wollten solche halbgaren Stücke nicht im Internet kursieren lassen.“

Als „survival of the fittest“ beschreiben sie nun ihr darwinistisches Destillat aus anfangs 16 Songideen. Zwei werden gleich verworfen, am Ende fliegt die Band mit 14 Ideen nach Nash­ville. Dort erweist sich ein weiterer Song als nicht durchführbar, drei weitere fallen durchs interne Qualitätsmanagement. Am Ende entscheiden sie, einen Jam als Bonustrack auf NOW WHAT?! zu nehmen. Macht elf Stücke. Natürlich kann eine Band nach so vielen Jahren ihren Sound nicht neu erfinden. Nach dem Willen vieler Fans soll sie das auch gar nicht. Es sind vielmehr kleine Details in den Arrangements, die die Fans auf NOW WHAT?! aufhorchen lassen. Etwa in ›Blood From A Stone‹, das die unheilschwangere, mystische Atmosphäre eines Doors-Songs transportiert und dessen gruselige Stimmung Glover an seine „extrem teure, nervige und sehr unangenehme“ Scheidung von seiner Ex-Frau Lesley erinnert.

Über ›Vincent Price‹ dagegen dürften vor allem Kinokenner überrascht sein, denn Deep Purple zollen dem Hollywood-Dauerbösewicht der fünfziger und sechziger Jahre Tribut. Was eigentlich dem Zufall geschuldet ist. „Anfangs suchen wir immer einen Arbeitstitel für einen neuen Song und da schlug Don ›Vincent Price‹ vor“, erklärt Gillan. „Wir alle lachten und dachten, das ändert sich sowieso noch mal, wenn wir im Studio sind. Dann aber dachten wir: Warum eigentlich nicht? Also schrieb ich einen Text aus der Perspektive eines Horrorfilmproduzenten von Hammer Films, jener Produktionsfirma, die damals Filme über Dracula, Frankenstein und Untote drehte. Es ging da nur um Horror und Blut und das absolut Böse.“ Der Witz des Ganzen: Ezrin, der ja lange mit Schockrocker Alice Cooper gearbeitet hat, findet das Horrorthema sofort wundervoll und mischt dem Song gleich mal Blitz und Donner unter. Ein netter Schlusspunkt, der Ezrin zu dem Ausspruch hinreißt: „Dann bis nächstes Jahr, Jungs! Da machen wir gleich das nächste Album!“ Paice, Gillan und Glover ist dazu nicht mehr als ein kollektives Grinsen zu entlocken.

// The Battle
Rages On?

So mancher Fan mag staunen, dass die Platte trotz des wertkonservativen Produktionsansatzes auch Neuerungen aufweist. Zum Beispiel das Bandlogo, das nach einigen Mutationen im Laufe der Dekaden nun als Schriftzug mit integriertem Frage- und Ausrufezeichen im Namen daherkommt. Ein Entwurf Gillans, der mit verschiedenen Schrifttypen herumspielt, wird schließlich von Grafikprofis bis zur finalen Version weitergeführt. „Solange die Fans wissen, dass wir es sind, ist mir der Schriftzug völlig egal“, zuckt Paice gelangweilt mit den Schultern. „Das ist nicht mein Business. Dafür haben wir Leute, die sich darum kümmern. Wir bezahlen sie dafür, sie sagen, es sehe gut aus – ich muss ihnen glauben.“ Logisch.

Wichtiger ist da die Reaktion der Fans, die das neue Werk im Backkatalog von Deep Purple einordnen werden. Denn eine Band, der derart viele immergrüne Hits gelungen sind, trägt diese nicht nur voller Stolz mit sich. Nach vier Dekaden erwiesen sich diese Monolithen auch als Last, an der sich fortan alle neuen Songs messen lassen müssen. Und da der Fan gemeinhin gerne nostalgisch denkt, wird er auf Anhieb mühelos zehn Klassiker aufzählen können – aber kaum drei Songs der letzten drei Alben. Folglich müssen sich Gillan, Glover, Airey, Morse und Paice der Diskussion stellen, ob sie sich angesichts des Kultstatus der alten Nummern des Risikos bewusst waren, mit neuen Songs womöglich den Ruf zu versauen. Doch Gillan mag keine Sekunde an solche Gedanken verschwenden: „Ich weiß, dass die Fans unsere alten Songs wollen. Und natürlich wäre es unklug, bei einer Show fünf neue Stücke hintereinander zu bringen. Wir spielen sie zwischen den Klassikern, was in der Regeln gut ankommt.“

Dass die Fans die Klassiker nach mehr als 40 Jahren überhaupt noch hören wollen, bedarf ebenfalls der Erklärung. Nicht viele Rockacts sind heute kontinuierlich und halbwegs in Originalbesetzung unterwegs: Die Stones, Bruce Springsteen, Rush – dann wird die Luft schon dünn in dieser Liga. Ein Geheimnis dabei, noch immer große Hallen zu füllen und nicht das Schicksal jener Bands zu teilen, die zur Rentenaufbesserung über Dorffeste tingeln müssen, liegt für Paice in der Hingabe und Leidenschaft: „Es ist wichtig, die alten Songs mit allem, was wir haben und bieten können, rüberzubringen. Als wir die Songs zum ersten Mal spielten, waren wir total aufgeregt, wie die Leute uns wohl finden. Das hat sich mittlerweile gedreht: Heute sind wir ganz aufgeregt, wie das Publikum auf die Klassiker reagiert.“ Niedlich.

Überhaupt regiert Bescheidenheit bei den Lila-Laune-Männern. Selbst Glover, der statt seines Kaminsimses vermutlich die ganze Auffahrt seines Schweizer Landsitzes bräuchte, um alle Musikpreise aufzureihen, die er mit Deep Purple erhalten hat, gibt sich bemerkenswert bodenständig: „Ich frage mich noch immer, wie ich es bis hierher geschafft habe“, wundert er sich. „Eigentlich eine Serie unglaublicher Zufälle. Du kannst alles Talent der Welt besitzen und trotzdem keinen Erfolg haben. Du brauchst Glück. Und das hatte ich mit Deep Pur­ple. Ich erinnere mich noch, wie peinlich es mir war, Geld mit etwas zu verdienen, womit ich einfach nur Spaß hatte. Ich fühlte mich lange Zeit schuldig. Den anderen ging es auch so. Vielleicht sind wir deshalb normal geblieben.“

Den Rest wird die Zeit zeigen. „Time, it does not matter – time is all we have“, um Gillan ein letztes Mal zu zitieren. „Wir haben doch alle Zeit der Welt, zumindest so viel, wie uns die Natur vorgegeben hat“, übernimmt Paice das Schlusswort. „Deep Purple werden nur aus zwei Gründen aufhören, zu existieren: entweder, wenn wir körperlich nicht mehr in der Lage sind, unsere Songs so zu spielen, dass sie abgehen. Oder wenn uns niemand mehr hören will.“ Das scheint aber noch in weiter Ferne zu liegen.

Neuigkeiten zu: Primal Scream – Dissonanz und Dissens

0

Primal Scream 2

Zucker, bitte!“ ist das Erste, das wir von Bobby Gillespie hören. Den bestellt er für seinen Kaffee im Büro seines Managements – das letzte Laster, das der 50-Jährige sich noch erlaubt. Ausgerechnet Gillespie, der ehemalige Drogencocktail auf Beinen! Seiner Arbeit mit Primal Scream, die bei aller permanenten Formwandlung zwischen Spacedub, Tradrock und Elektropunk doch seit 25 Jahren eine tragende Säule des UK-Underground stellen, hat das gut getan. Nicht nur im Interview, in dem der Frontmann und Vordenker des Sextetts fokussiert, klar und deutlich (wenn auch in breitestem Glasgow-Schottisch) die Dinge beim Namen nennt – auch das neue Album More Light ist nach den zwei eher durchwachsenen, weil ziellos im Primal-Scream-Oeuvre herum mäandernden Vorgängern Riot City Blues (2006) und Beautiful Future (2008) wieder eine Rückkehr zur Topform. Nicht zuletzt, weil es wieder einen eigenen Sound definiert. Einen modern-elektronischen, gerne dissonanten Blues, der brodelt und schwelt wie ein Feuer unterm Teppich. Der umso bedrohlicher klingt, weil die Eruption, die der Hörer erwartet, nie kommt. Es ist hilflose, frustrierte Wut, die Gillespie auf diese Weise artikuliert. „In der Kunst, der Mode, der Musik, im Film, im Journalismus findet eine Revolution von rechts statt, die niemand anspricht – und gegen die niemand protestiert“, schimpft die als Sohn eines Gewerkschafters früh für die Gedanken der Linken sensibilisierte Brit-Ikone. „Typen aus meiner Generation, die in den 60s geboren wurden und in den 70s aufwuchsen, wir wurden automatisch politisch durch die Dinge, die abgingen in Großbritannien. Der Klassenkampf war damals sehr offensichtlich. Wir kommen von den Idealen des Punkrock. Wir glauben, dass die Künste etwas Rebellisches sein sollten. Für uns wird Rock‘n‘Roll auch immer damit verbunden sein“, so Gillespie, der deshalb an den jungen Bands von heute verzweifelt. „Zur Zeit gibt es keine Gefahr, keine Konfrontation, keinen Sex, kein Drama in der Musik! Alle sind sie nur gehorsame Ja-Sager, die sich nicht aufregen! Die jungen Leute sind entpolitisiert worden.“ Er nennt ein Beispiel: „Vor zwei Jahren gab es in London die Studentenproteste gegen die Studiengebühren. Man hatte kurz das Gefühl, jetzt läge ein revolutionärer Geist in der Luft. Aber dann spielten sie einen halben Tag lang Demonstranten und am Abend gingen sie alle heim, um das Champions-League-Finale zu gucken!“ Für Gillespie dagegen ist Widerstand eine Lebensaufgabe. Eine Einstellung, die das konfrontative More Light unterstreicht.

 

Zeitzeichen: Cindy und Bert

0

Cindy & Bert-Sänger Norbert Berger ist tot

 

›Der Hund von Baskerville‹
Cindy & Bert covern im Jahr 1970 den Black-Sabbath-Klassiker ›Paranoid‹ mit deutschem Text

Tony Iommi erkennt es sofort: „Eine wirklich verdammt obskure Ver­sion“, antwortet er über das eingedeutschte ›Paranoid‹. Nur bei den Interpreten verhaut er sich knapp: „Sydney & Bird“ sagt er mit etwas fragendem Unterton. Sein Nebenmann nickt wissend. „Ich besitze die Single sogar“, sagt Geezer Butler und ergänzt: „Ich glaube, dass ist die erste Coverversion, die es je von einem Black-Sabbath-Titel gegeben hat.“ Dabei hatte Bert, der im Juli 2012 verstorben ist und eigentlich Norbert Maria Berger hieß, einen ähnlichen Hang zum Lausejungenhumor wie Ozzy. Einmal, während einer ZDF-Hitparaden-Tournee in der Schweiz, rief er beim Grenzposten an. Gleich würde ein Mann vorbeikommen, hauchte Bert in den Hörer, der behaupten wird, er sei Dieter Thomas Heck. Der habe einen Knochen, der Rauschgift enthält, im Kofferraum versteckt. So kam es: Heck wird an der Grenze gestoppt und als die Heckklappe geöffnet wird, liegt der Knochen direkt vor den Augen der Zöllner. Die Grenzbeamten sägen diesen auf und finden natürlich nichts. Cindy hingegen fand das Glück und in Bert den Mann ihres Lebens. Mit bürgerlichem Namen heißt sie Jutta Gusenburger und die Geschichte dieser Coverversion beantwortet sie fast lapidar: „Kommerziell haben wir uns dabei nicht viel gedacht oder ausgerechnet – der Titel wurde ja auch zuerst als B-Seite von ›Holly Holy‹ veröffentlicht.“ Diese Single-Auskopplung erschien außerdem in relativ kleiner Auflage. Der wesentliche Hauptunterschied zum doomigen Original sind die meisterhaft gespielten Orgelparts, die dem Song einen gewissen Jon-Lord-Touch geben. Diesen Part spielte der Studio-Organist Günther-Eric Thöner ein. Der Song wurde im Kölner Cornet-Studio aufgenommen – eine Adresse, wo unter anderem auch Caterina Valente, Chris Howland oder die Bläck Fööss oft zu Gast waren. Die Original-Single wird gegenwärtig für hohe dreistellige Summen auf eBay gehandelt.

 

Die skurrilsten Cover der Rock-Welt: Anvil – Hope in Hell

0

Anvil - Hope In Hell (2013)

Um plakative Botschaften ist man in der Metal-Welt selten verlegen, und die kanadischen Thrash-Pioniere bilden in dieser Hinsicht keine Ausnahme. Nachdem ihre fast komplett abgesoffene Karriere 2009 durch die Doku „Anvil! Die Geschichte einer Freundschaft“ wieder ein bisschen Wind in den Segeln hatte, legten Lips & Co. 2011 JUGGERNAUT OF JUSTICE vor. Ein Album, das zum Ausdruck bringen sollte, dass den unverdient in der Versenkung verschwundenen Vorreitern endlich Gerechtigkeit wiedefahren war – unterstrichen von einem pompösen Cover, auf dem das Amboss (denn das heißt Anvil auf Deutsch) doch tatsächlich das Meer teilt. Späte Genugtuung mit himmlischen Weihen?

Zwei Jahre später scheint man trotzdem wieder in die Hölle abgestiegen zu sein. Ob es daran liegt, dass auch der Popularitätsschub im Zelluloidformat die Band nicht nachhaltig zu ihren Epigonen aufschließen ließ? Klar, auf einschlägigen Festivals wird man wieder gefeiert, aber die Headliner-Shows finden nach wie vor eher in kleinen Hallen statt, während die Verkäufe von JUGGERNAUT… Metallica sicher kein Kopfzerbrechen bereitet haben.
Ihre Zuversicht geben Anvil dennoch nicht auf. HOPE IN HELL soll es geben, und wie das oldschoolige (zu Deutsch: billige) Cover demonstrieren soll, sind es die Metal-Recken, die uns alle vor dem Verderben bewahren. Na ja, fast alle, denn in den Feuerwänden, die ungefähr so ansprechend ins Bild eingefügt wirken wie Real-Explo­sionen bei „South Park“, sind offensichtlich schon einige Seelen verpufft. Doch zu Hunderten strömen die Verzweifelten aufs „Schiff“ wie auf Noahs Arche, auf dem schon Krankenwagen, Feldlazarett, Rettungshubschrauber und die angesichts des himmelhohen Flammen­infernos wohl etwas überforderte Feuerwehr warten. Ist sicher nett gemeint, denn wer will nicht aus der Hölle gerettet werden? Und auch noch mit lauter gleichgesinnten Metalheads? Nur gibt es da ein kleines Problem: So ein Amboss schwimmt nicht!

Neuigkeiten zu: Spin Doctors – Jeder Hit ist ein Wunder!

0

Spin Doctors @ Richard Ecclestone

Fünf Jahre nach ihrer Gründung war der Knoten für die Spin Doctors endlich geplatzt: ›Two Princes‹ war ein Welthit, der monatelang für gute Stimmung sorgte, das Album POCKETFUL OF KRYPTONITE fand zehn Millionen Käufer. Und danach passierte…nichts. Die folgenden Alben gingen komplett unter, 1999 verlor Sänger Chris Barron vorübergehend seine Stimme, doch da war die Band ohnehin schon als One-Hit-Wonder abgehakt. Seit 2001 tastet sie sich in kleinen Schritten wieder Richtung Erfolg, doch der Frontmann der New Yorker hat seinen Frieden mit dieser Geschichte geschlossen: „So ist das Geschäft nun mal. Die einen schaffen‘s, die anderen nicht, da gibt es keine Logik. Irgendwann hat es schon ein bisschen wehgetan, wenn wir nicht auf Festivals gebucht wurden, wo wir eigentlich ideal ins Line-up gepasst hätten, aber letztlich fühle ich in Anbetracht meiner Karriere vor allem eins: Dankbarkeit. Dafür, dass wir überhaupt Erfolg hatten, denn nur die allerwenigsten Musiker kommen je an den Punkt, von ihrer Kunst leben zu können. Dafür, dass wir noch am Leben sind, denn die Liste unserer Zeitgenossen, die nicht mehr unter uns weilen, ist lang. Und in erster Linie dafür, dass ich mit drei so tollen Menschen in einer Band spielen darf. Von außen betrachtet sehen die Leute immer nur Verkaufszahlen und Chartplatzierungen. Aber von innen geht es um Zufriedenheit, Erfüllung, und die haben wir absolut erreicht.“

Zum 25-jährigen Bandjubiläum überraschen die Spin Doctors jetzt mit ihrem ersten neuen Album seit 2005, IF THE RIVER WAS WHISKEY. Darauf finden sich keine netten Hippie-Pop-Rock-Feger, sondern: waschechter, knarziger Blues. Ein melancholisches Alterswerk mit wehmütigen Saufrock-Riffs? Keineswegs, denn diese Variante des Blues macht einfach nur Spaß! Erdig, fetzig, ausgelassen und grandios gut gelaunt. Und das aus gutem Grund. „Wir haben ja als Bluesrock-Band angefangen. Unsere ersten Jobs waren in Kneipen, die uns sagten: ‚Bringt die Leute zum Trinken!‘ Wenn wir da deprimierendes Zeug gespielt hätten, wären wir sofort gefeuert worden! Und jetzt ist es die perfekte Verbindung aus der jugendlicher Frische von damals und der Reife, die wir mittlerweile als Musiker erreicht haben. Eins kann ich dir sagen: Es ist fantastisch, bei den Spin Doctors zu sein!“

 

Neuigkeiten zu: Popa Chubby Volksblues

0

Popa Chubby_1 2013_credit_Clay Patrick mcBride

 

Saiten, Songs und Straßen heilen seinen Herzschmerz

„Nachdem meine Ehe zu Ende war, hatte ich meine Gitarre und die Straße“, resümiert Popa Chubby lakonisch. Mit endlosen Tourneen versucht Theodore Joseph Horowitz zu verdauen, dass seine Ehefrau ihn verlassen hat. Den Soundtrack dazu liefert sein frischer Dreher „Universal Breakdown Blues“, der sich fast völlig auf Roots Blues beschränkt. „Ich bin wieder da, wo ich angefangen habe, und spiele den echten Blues, der direkt vom Herzen kommt“, sagt Popa. In „I Don‘t Want Nobody“ geht es darum, „dass niemand mir sagt, was ich zu tun habe – und erst recht keine Frau!“ Und sein „People‘s Blues“ handelt davon, dass „der Blues den Leuten gehört. Jeden Abend fragte ich sie, ob sie wissen, was es heißt, einsam zu sein. Und jeder einzelne antwortet stets: ,Ja!‘“ Blues ist wieder gefragte Musik. Mit einer Mischung aus Erstaunen und Konkurrenzdenken stellt der New Yorker fest: „Es gibt mehr Bluesmusiker als je zuvor! Aber viele haben nichts zu sagen, sie haben die Mentalität von Revolverhelden: Ich ziehe schneller als alle anderen. Viele tun großartig und spielen die gleichen Licks, die schon immer gespielt wurden. Dagegen ist jeder meiner Songs ein Hit! Und ich spreche zu den Leuten, ich spiele Volksblues.“ Und warum dieser düstere Albumtitel „Universal Breakdown Blues“? „Guck dich um. Alles um uns herum zerfällt – und etwas Neues entsteht.“

 

Hollis Brown …kommen ins Rollen

0

Hollis Brown

 

Ständig tauchen junge Bands auf, die die neue Version einer Legende sein sollen, nur weil sie den Sound ihrer Vorbilder gekonnt mit einigen Studiokniffs imitieren. Bei den vier Jungs von Hollis Brown aus Queens, New York, sollte man meinen, dass diese Gefahr ganz besonders besteht. Sie singen von sozialer Kälte. Ihr Album RIDE ON THE TRAIN klingt, als hätte man alle Schienen und Highways des amerikanischen Heartland eingeschmolzen und in Tonträgerform gepresst. Zu alledem haben sie sich auch noch nach einem Dylan-Song von 1962 benannt. ›The Ballad Of Hollis Brown‹ handelt von einem Mann, der aus Armut und Verzweiflung seine gesamte Familie und sich selbst erschießt. Derart düster geht es bei Hollis Brown aber nicht zu. „Der Name ist vielleicht etwas trauriger und deprimierender, als wir es sind, aber ich mag die Bildsprache in diesem Song“, so Schlagzeuger Mike Graves.

Doch nein, die Befürchtungen bestätigen sich nicht: Hollis Brown sind keine schnöde Retro-Combo, die einem hohlen Trend hinterherjagt. Sie machen Musik, die 1966 ebenso bedeutsam und zeitgemäß gewesen wäre, wie sie es in den heutigen Tagen zweifelsohne ist. Dass ihre Aufnahmen dennoch danach klingen, als würden sie aus einem längst vergangenen Jahrzehnt stammen, sei für Hollis Brown nie ein bewusst angestrebtes Ziel gewesen. „Wir haben dieses ganze Pro Tools-Ding versucht und alles schön ordentlich und nett gemacht, aber das passt einfach nicht zum Sound der Band und zu dem, was wir sind. Es ist einfacher Rock‘n‘Roll“, erklärt Sänger, Gitarrist und Chefkomponist Mike Montali, der bereits einen Bewunderer sicher hat, nämlich seinen Drummer. „Dieser Kerl ist einer der besten Songwriter, die ich kenne. Es ist echt fantastisch, bei der Entstehung der Stücke dabei zu sein und einen so nahen Blick auf diese Geschichten zu haben“, schwärmt Graves. Dass es nicht bei dem einen Fan aus den eigenen Reihen bleiben wird, ist sicher. Dass es sehr sehr viele mehr werden könnten, ist zumindest wahrscheinlich.