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Prime Circle – Glück auf Befehl

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Das Quintett Prime Circle scheint sämtliche Hürden eines Musikerlebens sorgenfrei zu nehmen – ohne Rückschläge. Nur gelegentlich stoßen die Südafrikaner auf Probleme, die außerhalb ihrer
Lösungsmöglichkeiten liegen.

Solch ein Erlebnis hatte Sänger/Rhythmusgitarrist Ross Learmonth, wodurch sich das Gespräch mit CLASSIC ROCK um einen Tag verschob. Also hakten wir sofort nach: Seid ihr mittlerweile schon so begehrt, dass ihr eure Telefoninterviews erst 24 Stunden später wahrnehmen könnt?
Begehrt sind wir schon, allerdings nicht so sehr. Aber wir hatten gestern eine Show an der Küste. Dort gab es ein gewaltiges Unwetter, das brachte alles durcheinander.

Ganz im Gegensatz zu eurer Karriere. Die scheint komplett durchgeplant und schrittweise umgesetzt zu werden.
Das sieht nur von außen so aus. Tatsächlich war es ein Sprung ins Ungewisse, als wir 2002 unsere Heimatstadt Witbank verließen. Doch wir waren damals als Band so weit gereift, dass wir unbedingt den nächsten Schritt wagen mussten. Schließlich wollten wir Alben veröffentlichen. Das ist uns 2002 mit HELLO CRAZY WORLD auch erstmals gelungen.

Elf Jahre später seid ihr mit eurem fünften Longplayer EVIDENCE mehrfach für den South African Music Award, der im Mai verliehen wird, nominiert. Hat dies nach all den Erfolgen noch eine Bedeutung für euch?
Definitiv! Denn wir sind auch in der Kategorie „Bestes Album“ nominiert. Sollten wir hier gewinnen, wäre das die Krönung unserer bisherigen Entwicklung.

Die erst aufgrund eurer stetigen Tourneen durch Südafrika möglich wurde. Vermisst ihr heutzutage die Auftritte in den kleinen Clubs?
Das müssen wir gar nicht, denn wir touren fast ununterbrochen. Und wir spielen, abhängig von der gebuchten Halle, an einem Abend vor 200 Leuten, am nächsten vor 9000.

Es scheint, als würdet ihr dazu beitragen, die immer noch existenten Mauern zwischen schwarzen und weißen Einwohnern einzureißen. Sie kommen ja alle zu euren Konzerten.
So weit würde ich nicht gehen. Ich habe den Eindruck, dass wir uns in einer Phase befinden, in der sich die Barrieren eher von selbst auflösen, weil sie ohnehin sinnlos sind. Musikalisch geht das eben ein wenig schneller: Schwarze Jugendliche interessieren sich verstärkt für Rockmusik, weiße für Rap/HipHop.

Aber ihr habt durch euer Mitwirken bei den „Nelson Mandela 46664“-Konzerten, die einen Beitrag zum Bewusstsein für die Probleme mit AIDS leisten sollen, zusätzlich ein Bekenntnis zum Vermächtnis des großen Freiheitskämpfers geliefert. Spielte die historische Dimension auch dabei eine Rolle, dass ihr neben Südafrika besonders häufig in Indien tourt? Immerhin trat Mohandas Karamchand Gandhi, bekannt als Mahatma („große Seele“), mit seinem Leben für die Gleichbehandlung aller Menschen ein. Durch sein Wirken als Rechtsanwalt für die indischen Auswanderer in Südafrika entstand eine enge Verbindung zwischen beiden Ländern, wie es sie vorher nicht gab.
Wir sind uns der Parallelen durchaus bewusst und bewundern beide. Dass wir ein wenig in ihrem Sinne wirken können, ehrt uns – auch, wenn es „nur“ mit unserer Musik ist.

Doch Musik, auch eure, kann wichtige Beiträge zu den Veränderungen in der Welt leisten. Nicht so große allerdings, wie es in einem Titel eures aktuellen Albums ›King For A Day‹ verheißen wird. Was tätest du, wenn du einen Tag lang über fast unbeschränkte Macht verfügtest?
Aus meiner Sicht ist das größte Problem auf der Erde, dass die Menschen zu einsam sind. Deshalb würde ich das Ende der Einsamkeit befehlen. Dadurch käme garantiert mehr Glück in die Welt.

Jörg Schulz

Spiritual Baggers – Freiheit über alles

Spiritual Beggars 2013 (10)

 

Früher hat er sich bei Interviews gern Antworten ausgedacht. Frei erfundenen Kram erzählt. Jetzt bleibt Sharlee D‘Angelo lieber bei der Wahrheit. Dass die auch ganz schön spannend sein kann, beweisen der Bassist und die übrigen Spiritual Beggars auf ihrem achten Geniestreich EARTH BLUES. Der erscheint rekordverdächtig schnelle zweieinhalb Jahre nach dem letzten Album der Schweden und begeistert mit höchstem Riffgenuss, Hook-Feuerwerk und massig Spielfreude, schlägt inhaltlich aber ernste Töne an. Ganz wie in den Siebzigern eben. Mit den derzeit angesagten Retro-Bands möchte Sharlee dann aber doch nicht verglichen werden.

Es erstaunt mich immer wieder, wie wenig wir eigentlich mit diesen ganzen Retro-Bands dieser Tage zu tun haben. Wir haben einen gänzlich anderen musikalischen Ansatz und verfolgen völlig andere Ziele. Damit meine ich noch nicht mal, dass wir einen eigenständigen Songwriting-Stil haben. Den sollte schließlich jede Band mit einem Quäntchen Eigenständigkeit mitbringen.

Dann magst du es bestimmt auch nicht, wenn man Spiritual Beggars als Supergroup bezeichnet, oder? Mit Mitgliedern von Arch Enemy, Carcass oder Carnage ist das zumindest naheliegend…
Dieses Wort Supergroup ist von einem romantischen Dunst umgeben. Es klingt groß, gewichtig, fundamental – und das war es ja auch, als dieser Begriff in den Sechzigern geprägt wurde. Damals hatte dieser Terminus durchaus seine Daseinsberechtigung, heute sehe ich das etwas anders. Wir beispielsweise spielen eben zufällig noch in anderen Bands – und einige dieser Bands sind bis zu einem gewissen Grad auch erfolgreich. Das Lustige ist jedoch, dass Spiritual Beggars vor all den anderen Bands existierten. Wir sind also eher das Gegenteil einer Supergroup.

Was macht die Magie des Bandgefüges aus?
Was alles so viel einfacher macht, ist, dass wir alle ein Haufen riesiger Musik-Nerds sind. Für niemanden von uns gibt es etwas Interessanteres als Musik. Wir haben keinerlei Hobbys außer der Musik, und immer, wenn wir ein wenig Freizeit von unseren Bands haben, machen wir dennoch Musik. Wir sind ein Haufen idiotischer Vinyljünger, die ein sehr einseitiges Leben führen. (lacht) Das schweißt uns zusammen und macht unser Zusammenspiel so harmonisch und organisch. Wenn einer mit einem neuen Riff ankommt, wissen alle gleich, wo er das her hat und wie es weitergehen kann. Wir werfen uns dann seltsame Song- oder Musikernamen an den Kopf, wenn wir denken, dass jetzt ein gewisses Thin-Lizzy-Feeling von Nöten wäre. Für Außenstehende müssen wir wirken wie ein Haufen Verrückter. Aber genau das macht es aus.

Am Anfang des Produktionsprozesses von EARTH BLUES stand eine achttägige Jamsession. Ist das eure bevorzugte Arbeitsweise im Studio oder im Proberaum?
Wir jammen häufig zusammen, ja. Bei den Proben spielen wir oft einfach vor uns hin und sehen zu, wohin es uns trägt. Wir variieren, improvisieren, spielen nicht selten eine Stunde lang einfach drauflos, trinken dann eine Tasse Kaffee und schauen, was sich festgesetzt hat. Das ist manchmal so gut wie nichts, jedoch entstammen auch viele fantastische Ideen diesem Prozess. Wir alle sind Charaktere, die sehr schnell gelangweilt sind, und das freie Arbeiten mit Spiritual Beggars ist eine echte Wohltat gegenüber dem sturen Einspielen endloser Takes. Bei Arch Enemy beispielsweise muss alles deutlich präziser ablaufen. Die Musik ist so fordernd, dass schon eine kleine Abweichung zu Chaos führt. Mit dieser Band haben wir deutlich mehr Freiheiten und lassen die Musik frei fließen. Deswegen klingen wir wohl eher nach den Bands aus den Siebzigern, weil die dieselbe Arbeitsweise an den Tag gelegt haben. Könnte aber auch etwas mit den Drogen zu tun gehabt haben, die sie genommen haben. (lacht)

Wie viel an EARTH BLUES ist improvisiert, wie viel geplant?
Das variiert von Song zu Song. Musikalische Ideen entstehen oft aus einem Jam heraus, doch auf diesen muss man aufbauen und kommt um ein wenig Planung nicht herum. Zumindest das Skelett eines Stücks muss stehen, im Anschluss daran geht es wieder freier zu. Wir sind nicht Kyuss, bei denen man genau hört, dass sie dieses eine Riff haben und dann einfach drauflos spielen. Oder nimm eine Band wie Sleep. Im Vergleich zu denen sind wir eine Popgruppe. Das mag ein drastisches Beispiel sein, denn Sleep sind eine der ex­tremsten Bands aller Zeiten, doch wir sind eben deutlich songorientierter. Wir könnten niemals ein Album mit nur einem Song herausbringen. Und wenn doch, wäre es dennoch deutlich strukturierter. Wir wuchsen mit Songs auf, mit Hooks. Ein Song braucht einfach einen Hook!

Ein Spiritual-Beggars-Album mit nur einem überlangen Song klingt dennoch spannend…
Oh, auf der kommenden Tournee könnten wir uns durchaus mal dazu hinreißen lassen, eine 45-minütige Nummer anzustimmen, doch die örtlichen Behörden würden den Club wohl schließen, bevor er zur Hälfte vorbei ist.

Ist diese Freiheit, die ihr euch und der Musik zugesteht, der Grund, weshalb Spiritual Beggars auch nach 20 Jahren mit Elan, Einfallsreichtum und Spielfreude dabei sind?
Ja. Darüber hinaus gesteht jeder einzelne von uns den anderen eine Menge persönliche Freiheit zu. Niemand macht sein Egoding, alle kümmern sich um das große Ganze. Wir verspüren ein starkes Zugehörigkeitsgefühl zu dieser Band – auch, wenn wir es in den letzten Jahren ruhiger angegangen sind. Allerdings haben wir längst wieder Fahrt aufgenommen und tauchen derzeit in den Spiritual-Beggars-Kosmos ein, als wäre er ein Swimmingpool im Urlaub. Es ist so erfrischend und wohltuend wie eh und je.

Kann ›Too Old To Die Young‹ vom neuen Album demnach als Hymne auf euer intaktes Bandgefüge verstanden werden?
Oh, sicher. Wir alle sind definitiv zu alt, um jung zu sterben! (lacht)

Was willst du noch erreichen, bevor es vorüber geht?
Ich will genau das, was ich gerade tue, noch für sehr lange Zeit fortführen. Natürlich verändert man sich über die Jahre, und mit dem Alter kommt Genügsamkeit, doch wir haben es als Musiker weit gebracht und erfreuen uns jetzt jenseits der 40 an den Annehmlichkeiten dieses Musikerlebens. Früher habe ich keine Party ausgelassen, heute kommt es durchaus mal vor, dass ich mich nach einer Show mit einem guten Brandy zurückziehe und Musik höre. Wie das alte Männer eben so machen.

Zu alten Männern passt natürlich auch der Blues, den das neue Album schon im Namen trägt. Auf dem Cover wohnen zwei Menschen dem Ende der Welt bei, die Erde stimmt sozusagen ihren ganz eigenen, tieftraurigen Blues an…
Aus dem Cover könnte man den Anbeginn und das Ende der Welt herauslesen – mit dem Pärchen als Adam und Eva, die zumindest symbolhaft ganz am Anfang stehen, und dem Atompilz als Ende allen Lebens. Es zeigt allerdings auch das Schönste und das Schlimmste auf einmal – Liebe und Tod. Die grundlegende Idee hinter dem Motiv war, eine Parodie auf diese kitschigen Poster von Paaren vor Sonnenuntergängen zu erschaffen und den Titel gleich miteinzubeziehen. Denn wenn uns die Erde just in diesem Moment einen Song singen würde, wäre es unter Garantie ein Blues.

Die atomare Bedrohung prägte auch die Rockbands der Sechziger und Siebziger. Fühlt ihr euch diesen Protestbands dadurch verbunden, dass wir in ähnlichen Zeiten leben?
Absolut. Der Kalte Krieg hatte große Auswirkungen auf die Kunst der damaligen Zeit und damit natürlich auch auf die Musik. Das ist heute nicht anders und verbindet uns in der Tat mit den Bands aus dieser Ära. Der Kalte Krieg mag vorbei sein, mehr als genug Aggressoren gibt es dort draußen hingegen noch immer.

In ›Turn The Tide‹ fragt ihr, ob wir das Ruder noch mal herumreißen können. Gibt es noch Hoffnung?
Die gibt es immer. Es ist nie zu spät. Die Menschheit bessert sich ja auch, mehr und mehr Menschen setzen sich mit Umweltproblemen auseinander. Das gilt zumindest für uns in der westlichen Welt, weil wir hier privilegiert genug sind, über diese Dinge nachdenken zu können. In anderen Gegenden dieser Welt ist gar nicht der Platz für derlei Gedanken. Wenn es nur ums nackte Überleben geht, bleibt der Umweltschutz natürlich auf der Strecke. Ich hoffe, dass wir unseren Kindern, wenn wir denn welche haben, die richtigen Werte mit auf den Weg geben können. So kitschig das jetzt auch klingen mag.

Was möchtest du dieser Welt vermachen? Was möchtest du von dir zurücklassen?
Ich hoffe, dass einiges von der Musik, die ich erschaffen habe, noch weit in der Zukunft existiert. Ich hoffe, dass sich auch künftige Generationen mit derselben Leidenschaft um die Kunst kümmern werden, wie wir es jetzt tun. All diese Schönheit, all diese Weisheit der Kunst dürfen nie in Vergessenheit geraten. Und natürlich hoffe ich, dass Menschen auch noch in vielen Jahrzehnten Kraft aus meiner Musik schöpfen.

 

Tracer – Down under? Game over!

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Tracer 2013__2_credit Bjwok

 

Der Koala-Kontinent hat der Welt schon viele bemerkenswerte Rockbands geschenkt. In ihrer Heimat scheinen diese jedoch wie Propheten im eigenen Lande recht wenig zu gelten – bis sie es anderswo geschafft haben. Tracer haben das früh begriffen und blasen gleich zum Angriff auf die Alte Welt. Neuerdings gar mit Waffengewalt!

Man möchte denken, Australien sei fruchtbarer Boden für ehrliche Rockmusik. Angelsächsische Prägung der vorherrschenden Kultur, unendliche Weiten, die nach starken Klängen schreien, kernige Menschen ohne besondere Allüren und mit liebenswertem Hang zum Feiern, ausgelassene Bierseligkeit als Nationalsport sowie ganz viele Orte, an denen man ordentlich Lärm machen kann, ohne die Nachbarn zu nerven, weil sie mindestens drei Kilometer entfernt wohnen. Unter ähnlichen Voraussetzungen wurden die USA zur unangefochtenen Supermacht (mit Kanada im Schlepptau), doch ganz unten rechts auf der Weltkarte gelten offenbar andere Regeln. Rockmusik wird viel gehört und gerne gekauft, aber wenn es um das Fördern von heimischem Talent geht, passiert offensichtlich eher wenig.

Wie bahnt man sich also trotzdem seinen Weg als hoffnungsfrohe Band mit verzerrten Gitarren im Blut? Man kann es auf die ganz harte Tour machen wie die Kollegen Airbourne. Hat geklappt, doch Tracer-Frontmann Michael Brown entschied sich anders: „Sieh dir an, was die Jungs gemacht haben. Sie sind jahrelang durchs Land gezogen, haben in einem abgewrackten Lieferwagen Tausende Kilometer zurückgelegt, um in irgendwelchen Provinznestern in der fertigsten Pubs vor 20 Leuten zu spielen und in Bier bezahlt zu werden. Dabei haben sie sicher viel gelernt und einige Fans gewonnen, aber was hat es ihnen letztlich gebracht? Im Radio wurden sie immer noch nicht gespielt! Dazu muss man natürlich wissen, dass es bei uns in Australien eigentlich nur einen Radiosender gibt, der die komplette Kontrolle darüber hat, welche neuen Bands eine Chance bekommen oder nicht. Und im Moment ist Rock eben nicht gerade der ‚flavour of the month‘. Wenn es nicht Indie, HipHop oder elektronische Musik ist, hast du kaum eine Chance. Was total beschissen ist, denn ich kann mit solchem Zeug gar nichts anfangen. So traurig es ist: Wenn du in Australien als Rockband anerkannt werden willst, musst du es erst im Ausland schaffen. So lief es letztendlich für Airbourne, und genau das versuchen wir auch. Wir haben also ganz bewusst die Entscheidung getroffen, uns nicht diese Ochsentour durch den Outback zu geben, sondern haben uns gleich darauf konzentriert, rauszukommen. Wieso all das Geld in den schrottreifen Van, das Benzin und so weiter stecken, wenn es letztlich so wenig bringt?“

Nach Jahren des etwas planlosen Vor-sich-hin-Werkelns nahm das Trio also die Zügel in die Hand und fasste den Entschluss, konsequent auf die Eroberung dankbarerer Märkte zu setzen. Mit beachtlichen Resultaten, wie Mike erklärt: „Wir haben viel gearbeitet und in unseren regulären Jobs jeden Penny auf die hohe Kante gelegt, den wir erübrigen konnten. Dazu haben wir noch in einer Coversband gespielt, die ziemlich gut lief, da kam also auch noch einiges zusammen. Und das war auch nötig, denn es ist verdammt teuer, überhaupt von hier weg zu kommen. Die Flüge und vor allem die Frachtkosten für das Equipment… Wir haben über ein Jahr eisern gespart, und sobald wir uns die Tickets leisten konnten, ging es los. So haben wir unsere ersten beiden Tourneen in Europa praktisch komplett selbst finanziert.“

Ein beachtlicher Einsatz, der sich auszahlte, denn mittlerweile sind Tracer beim renommierten Laben Mascot unter Vertrag. „Das macht schon einen riesigen Unterschied. Wir bekommen jetzt Unterstützung für das Touren, vor allem aber haben wir großes Glück mit dieser Plattenfirma, denn sie versteht unseren Ansatz und will uns helfen, zu wachsen.“ Erstaunlicherweise fruchteten diese Anstrengungen zuallererst nicht im Rock-Nirvana Amerika oder Europas dominierendem Markt Deutschland, sondern ausgerechnet in Großbritannien – einer Nation, die in aller Regel nicht dafür bekannt ist, härtere Spielarten der Gitarrenmusik zu schätzen, sondern sich lieber darin versteigt, schnarchige Indie-Kapellen für den heißesten Scheiß zu erklären. „Das hat uns auch sehr überrascht, aber bei den Briten lief es echt toll an für uns.“ Was 2012 sogar in einer Auszeichnung gipfelte: Das britische Classic Rock adelte Tracer als „Best New Band“. „Das war eine totale Überraschung für uns! Wir waren gerade in England auf Tour gewesen und hätten eigentlich zwei Wochen vor der Verleihung nach Australien zurückkehren sollen, doch dann bekamen wir den Anruf, dass wir noch für die Awards bleiben sollten. Ich kann dir sagen, der Rückflug danach war eine einzige Party – und beim Aussteigen haben wir uns ziemlich beschissen gefühlt…“ Eine Kehrseite hatte dieser frühe Erfolg auf der Insel allerdings: „Nachdem es dort so gut lief, beschlossen wir, dort auf dieser Welle zu reiten, so gut es ging. Was jedoch bedeutete, dass wir andere Orte vernachlässigen mussten. Schon von Anfang an wollten wir ja Deutschland knacken, wozu es dann nie kam. Jetzt wird das anders werden…“

Worauf wir uns wirklich freuen dürfen. Waren die ersten beiden Releases L.A.? und SPACES IN BETWEEN schon tolle Absichtserklärungen einer Band, die ganz klar weiß, wie man ein gutes Riff und eine packende Melodie in einen zielsicheren Track verpackt, legen sie mit EL PISTOLERO die Messlatte ein ganzes Stück höher. Tief tönen die Bässe, flächig galoppieren die Gitarren über trocken-wuchtige Beats, gekrönt von Mikes Vocals, die zwischen dem kehlig-satten Timbre eines Ian Astbury und dem hochfrequent-gutturalen Heulen eines Chris Cornell immer den richtigen Ton treffen. Insgesamt ergibt das ein dichtgewobenes Klangbild, das staubigen Desert- mit wummerndem Stoner-Rock und dem Breitwandflair von Tarantino-Filmen verbindet. Kyuss meets Soundgarden meets Urge Overkill meets Django? Genau das war offenbar das Ziel. „Ich hatte schon lange diese Idee“, erläutert Mike, „etwas zu machen, das einen gewissen TexMex-Vibe hat, möglicherweise inspiriert durch den Film ‚Desperado‘ von Robert Rodriguez. Einsame Revolverhelden, heiße Frauen, die es faustdick hinter den Ohren haben, beißender Wind, der dir den Sand der Wüste mitten ins Gesicht peitscht. Wir wollten dramatisch, cineastisch klingen, wie ein Spaghetti-Western.“

Dass ihnen das so brillant gelungen ist, daran trägt auch ein gewisser Herr namens Kevin Shirley Anteil, der EL PISTOLERO produzierte. „Ehrlich gesagt hatten wir noch nie von ihm gehört, aber er hat ja zum Beispiel auch Joe Bonamassa produziert, der auch auf unserem Label ist. Mascot haben Kevin auf unsere Musik aufmerksam gemacht, und als er zusagte, bekamen wir nur eine E-Mail, die besagte, wir sollen Ende November in San Francisco aufkreuzen. Als wir dann sahen, was er alles schon gemacht hat, von Aerosmith über Iron Maiden bis Beth Hart, wurde uns erst klar, wie groß dieser Typ ist. Und die Arbeit mit ihm war dann auch fantastisch. Schon am ersten Tag, als wir ihn trafen, haben wir zwei Stücke fertiggestellt, und dann jeden weiteren Tag noch mal je drei! Er hat absolut das Beste aus uns rausgeholt und innerhalb von zehn Tagen hatten wir alles eingespielt.“ Nicht nur ein Zeugnis von bestens funktionierender Zusammenarbeit, sondern auch davon, wie gut die Band vorbereitet war. „Als diese E-Mail kam, dachten wir erst mal: Fuck, wir sollten wohl besser mal anfangen, ein paar Songs zu schreiben! Na gut, ganz so war es auch wieder nicht. Wir schreiben eigentlich immer, und nach SPACES IN BETWEEN wussten wir auch sofort, was wir bei der nächsten Platte nicht mehr so machen würden und worauf wir uns verstärkt konzentrieren wollten. Außerdem haben wir durch unsere Erfahrungen der letzten Jahre natürlich auch viel an Reife gewonnen. Wir wissen jetzt besser, wohin die Reise geht, und wir konnten auch viel von anderen Bands lernen, mit denen wir zu tun hatten. Wo wir früher einfach ins Studio gingen und drauflos gejammt haben, wussten wir diesmal wesentlich genauer, wohin die Reise gehen sollte. Außerdem sind wir alle ziemliche Technik-Nerds. Wir sind uns sehr bewusst, wie gewisse Dinge den Sound verändern, wir legen großen Wert auf technische Standards und wir suchen teilweise monatelang nach bestimmten obskuren Geräten und Instrumenten, von denen wir wissen, dass sie genau den Klang erzeugen, denn wir hinbekommen wollen. Und wir sind recht sorgfältige Songwriter, denn wir nehmen unsere Arbeit immer wieder auseinander und setzen sie dann wieder zusammen.“

Kein kreatives Chaos also, keine alkohol- und THC-befeuerten Jams, bei denen zufällig mal was Brauchbares entsteht, das dann vom Produzenten mit Mühe und Not in schlüssige Lieder geformt wird, die man schließlich monatelang einzustudieren versucht, bevor es auf Tour geht. Oh nein, Tracer wissen genau, dass ihre künstlerische Vision nicht von ungefähr kommt. Und vor allem, dass sie nicht frei von ihren Inspirationsquellen ist oder gar sein kann. „Ach, wir kennen das doch alle. Viele Bands bestehen darauf, mit niemand verglichen zu werden, weil sie ja ach so eigenständig sind. Nun, ich halte es da mit David Bowie. Es gibt kaum einen Songwriter, den ich mehr verehre, denn er hat wirklich Maßstäbe gesetzt und Grenzen verschoben. Und selbst er sagte mal, dass er in seinem ganzen Leben keine einzige wirklich originelle Idee hatte. Wenn Bowie zugeben kann, dass er einfach das Beste aus seinen Einflüssen herausgeholt hat, kann ich das auch. Wieso sollte ich also leugnen, dass wir von Led Zeppelin, Queens Of The Stone Age oder Soundgarden beeinflusst wurden, wenn es doch eigentlich recht offensichtlich ist? Ich könnte dir zu so ziemlich jedem unserer Songs sagen, von welchem Stück er inspiriert wurde. Irgendwann in Zukunft wirst du mich möglicherweise wieder interviewen. Dann erzähle ich dir vielleicht, von welchen. Aber heute noch nicht“, sagt er verschmitzt, um dann anzuhängen: „Immerhin sind wir mit diesem Album viel weiter von unseren direkten Einflüssen entfernt, als das noch auf SPACES… der Fall war.“

Ein paar Jahre werden wohl noch vergehen, bis es zu besagter Offenbarung kommt. In unseren Breitengraden dagegen werden Tracer schon im Juni aufschlagen. Und können es kaum erwarten. „Ich sage das jetzt wirklich nicht nur, weil ich gerade mit einem Journalisten aus Deutschland spreche, aber von Anfang an war uns klar, dass wir es bei euch schaffen wollten. Es ist bei Rockbands in aller Welt bekannt, dass ihr echt Ahnung von dieser Musik habt, sie schätzt wie kaum ein anderes Land und die besten Fans habt, die jahrelang treu bleiben. Und als das nicht schon geil genug wäre, habt ihr auch noch das beste Bier der Welt. Viele Australier sind ja so stolz auf unsere heimischen Biermarken wie Fosters, aber ich gebe unumwunden zu, dass wir da im Vergleich zu euch absolut nichts zu melden haben. Und dann ist das Zeug bei euch auch noch so billig! In Berlin kriegt man einen halben Liter Bier für €2,50. Bei uns müsstest du für vergleichbare Qualität ungefähr das Vierfache ausgeben! Insofern fühlen wir uns in Deutschland also pudelwohl. Wenn man uns in Berlin oder auf der Reeperbahn von der Leine lässt, gibt es kein Halten mehr. Und ich wage kaum, mir vorzustellen, was passieren wird, wenn wir es irgendwann mal aufs Oktoberfest schaffen sollten…“

Auch wenn die Isarmetropole alljährlich unter den Horden feierwütiger Aussies stöhnt, die nicht unbedingt für ihr zurückhaltendes Auftreten bekannt sind – Tracer sei es gegönnt, dass dieser Wunsch irgendwann einmal in Erfüllung geht. Und wenn sich mit EL PISTOLERO der Erfolg einstellt, den dieses vorzügliche Werk verdient hat, müssen sie dafür ganz bestimmt kein ganzes Jahr mehr eisern sparen. Werte Herren, die Oberliga wartet.

 

Kingdome Come – Der Ausreisser

kingdom-come-outlier-4261Im Rennen um die längste Liste ehemaliger Musiker ist Lenny Wolf ganz vorne dabei. Seit er Kingdom Come 1989 in Los Angeles gründete, ist er das einzig permanente Mitglied. Das liegt nicht an ihm, beteuert der Hard Rock-Veteran – und er hat auch sein neues Werk OUTLIER praktisch allein eingespielt.

Wie hat es dieser Mensch eigentlich in den USA ausgehalten? Lenny Wolf ist durch und durch Hamburger. „Hier bin ich geboren, hier gehöre ich hin“, so seine in Stein gemeißelte Aussage. Er sieht sich mehr als Lebemensch denn als Workaholic, weiß die schönen Seiten des Lebens mehr zu schätzen als übervolle Terminkalender. „Ich bin ein Typ, der nur dann Musik macht, wenn er wirklich Bock darauf hat.“ Mittlerweile, so Lenny, hat die Welt endlich kapiert, dass er nicht hier ist, um Erwartungen zu erfüllen. Im Umkehrschluss heißt das zwar, dass Kingdom Come längst weit von ihren großen – und einzigen – Erfolgen in den späten Achtzigern entfernt sind. Das neue Album OUTLIER ist aber gerade deswegen ein durchaus launiges Stück Hard Rock zwischen Achtziger-Hymne und einem frischen Hauch geworden. „Schön, dass du es frisch findest“, freut er sich einen Wolf. „Auch wir kreativen Pappnasen sind ja manchmal auf göttliche Fügungen angewiesen. Und diesmal war es wohl wieder soweit.“

Er umso mehr als andere Bands, schließlich ist er komplett selbstverantwortlich. Darauf angesprochen, erwidert er gern Dinge wie: „Selbst damals, als ich Kingdom Come in L.A. gegründet habe, habe ich schon Rhythmusgitarren und Bässe eingespielt. Die anderen waren spielerisch einfach keine Leuchten.“ An Selbstbewusstsein herrscht in Hamburg kein Mangel. Ein sympathischer Zeitgenosse ist Lenny indes noch immer – noch dazu ein regelrecht tiefenentspannter. „Mein Testosteronspiegel ist gesunken, ich jage jetzt also nicht mehr alles, was auch nur verdachtsmäßig nach Frau aussieht.“ Entsprechend mehr Zeit bleibt ihm für seine Musik. Wenn er denn will. Und diesmal wollte er wieder. „Ich bin einmal mehr komplett ohne Masterplan an die Arbeit gegangen.“ Wie er es sagt, stöpselt er Instrumente und Aufnahmegeräte ein und wartet darauf, dass ihn die Muse küsst. Wahrscheinlich gehört doch ein wenig mehr dazu, insbesondere die vielen Loop-Spielereien lassen auf akribische Studioarbeit schließen.
Stets weit von jeglichen Trends entfernt, bietet auch OUTLIER kernigen Hard Rock der alten Schule, trägt unverkennbar den Stempel der Größten der Großen. Led Zeppelin, Bon Jovi, Skid Row – immer wieder umgarnt von Flächen, elektronischen Sounds und orchestralen Elementen. Gestern küsst heute, sozusagen. „Ich verweile gerne im Gestern, bin aber nicht in der Vergangenheit verhaftet“, so das Statement des Norddeutschen. Über den aktuell grassierenden Retrotrend freut er sich bei aller Trendlosigkeit seinerseits dennoch. „Es ist doch geil, wenn junge Leute die Axt aus dem Schrank holen und sich breitbeinig vor den Spiegel stellen, um den Rocker rauszulassen. So haben wir doch alle angefangen.“

Diesmal hat er seine neue Platte OUTLIER genannt, „Ausreißer“. Das passe wie die Faust aufs Auge, so Wolf: „Als Jugendlicher war ich ja drei Jahre im Heim und tatsächlich ein Ausreißer. Im Hinblick auf die Musik trifft es aber auch zu, weil ich mal wieder so viele verschiedene Dinge vereinige, dass sie ein Ausreißer ist.“ So wie irgendwie jede Platte, wenn man es genau nimmt. Auffallend ist dann aber doch, dass sie stellenweise wütend klingt, im Opener ‚God Doesn‘t Sing Our Song‘ eine echte Kampfansage bereithält. „Ich gehöre nicht zu den superreichen Musikern. Die sind mittlerweile nur noch Unternehmen. Deswegen habe ich im Studio den Stinkefinger extra weit ausgestreckt, weil ich etwas anderes als diese Kommerzgrütze abliefern wollte.“

 

Orchid – Gewachsenes Selbstvertrauen

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Mit ihrem 2011er-Debüt CAPRICORN, drei EPs und mitreißenden Konzerten erspielten sich Orchid den Ruf als eine der hoffnungsvollsten Bands des Doom Rock-Stalls. Aus den Fohlen erwachsen nun Zugpferde, wischt THE MOUTHS OF MADNESS doch mit einem Gros junger Bart- und Schlaghosen-Träger den Fußboden. Gitarrist Mark Thomas Baker und der singende Tätowierer Theo Mindell sprechen mit CLASSIC ROCK über Weiterentwicklung, weltweiten Zuspruch, die Freiheit des Denkens, Reisen in andere Sphären und ewig währende Jugendliebe.

Orchid sind berühmt für ihre schweißtreibenden Auftritte. Mit THE MOUTHS OF MADNESS konserviert ihr diese unbändige Bühnenenergie allerdings erstmals hundertprozentig auf einem Tonträger.

Mark Thomas Baker: Unser Klang basiert ganz einfach auf der richtigen Kombination von vier Menschen mit starken Überzeugungen. Ich spiele seit den späten 80er Jahren in Bands und habe mich nie anders auf der Bühne verhalten als jetzt. Genauso geht es den anderen Jungs: Sie geben alles und versuchen, gute Unterhalter zu sein. Wir lieben unsere Musik. Ich denke, das merken unsere Zuschauer. Außerdem gehen wir unglaublich hart mit uns und der Beurteilung unserer Bühnendarbietung ins Gericht. Ich kann mich beispielsweise an kein Konzert erinnern, das alle vier Orchid-Mitglieder einstimmig als „perfekt“ abgehakt hätten. Wir haben uns seit CAPRICORN-Zeiten enorm weiterentwickelt. Das neue Material reflektiert dies und unseren Bühnenklang besser als all unsere Veröffentlichungen zuvor. Um ganz ehrlich zu sein: CAPRICORN fing unseren Live Sound meiner Meinung nach kein Stück ein. THE MOUTHS OF MADNESS kommt diesem Vorhaben weitaus näher.

Ein Grund dürfte auch darin zu finden sein, dass die meisten THE MOUTHS OF MADNESS-Aufnahmen Anfang Juni vergangenen Jahres entstanden: Zu diesem Zeitpunkt wart ihr gerade von einer Europa-Tournee nach San Francisco zurückgekehrt.

Mark Thomas Baker: Absolut. Wir haben bis heute leider immer noch keine US-Tournee gespielt. Doch die wenigen Touren durch Europa erwiesen sich als großartige Erfahrungen. Andere Länder zu bereisen und hautnah zu erleben, dass die Menschen dort unsere Songs kennen und zu unseren Konzerten kommen, fühlt sich für mich immer noch ein wenig neu an – natürlich auf ausschließlich positive Weise. Langsam gewöhnen wir uns an das Gefühl, nach und nach bekannter zu werden. Etwas zu tun, das Menschen gefällt, gibt uns Selbstvertrauen. Dieses aus Europa 2012 mitgenommene Gefühl schlug sich zweifellos auf die THE MOUTHS OF MADNESS-Arbeiten aus. In dieser Phase steckten wir voller Selbstbewusstsein und machten unsere bis dato besten Aufnahmeerfahrungen: Alle kamen hervorragend miteinander aus und erledigten ebenso hervorragende Jobs.

Diese Aussage schließt sicherlich auch euren Stammproduzenten Will Storkson ein?

Mark Thomas Baker: Auf jeden Fall. Will ist ein sehr unterstützender und ruhiger Typ, lässt sich gleichzeitig jedoch nichts vormachen und teilt seine Meinung unverzerrt mit. Unzählige Male hatte ich geglaubt, meine Spuren optimal eingespielt zu haben – doch dann schaute ich zu Will, der nur seinen Kopf schüttelte und meinte, das sei es noch nicht gewesen. Unser Sänger Theo ist ein Verrückter im Studio: Er kann sich völlig auf Kleinigkeiten versteifen, die allen anderen zunächst als unwichtig erscheinen. Will bildet ein hervorragendes Gleichgewicht dazu. Er kümmert sich um uns und stellt sicher, dass wir das Beste aus uns herausholen. Das neue Album spielten wir unter Verwendung eines völlig anderen Gitarrenklangs als CAPRICORN ein. Ich denke, aus diesem Grund klingt THE MOUTHS OF MADNESS weitaus härter. Wir nahmen uns eine Menge Zeit, um die bestmöglichen Resultate zu erzielen. THE MOUTHS OF MADNESS thront meilenweit über seinen Vorgängern.

THE MOUTHS OF MADNESS klingt nicht nur härter, sondern auch bluesiger, fuzziger und vor allem direkter…

Mark Thomas Baker: Diese vier Worte beschreiben THE MOUTHS OF MADNESS sehr treffend. Schon während wir im Proberaum an den Songs werkelten, wusste ich, dass es ein direkteres Album werden würde. Ich denke, dies ist einfach das Ergebnis unseres gewachsenen Selbstvertrauens. Für mich klingt die Platte tausendfach emotionaler als ihre Vorläufer. Sie verfügt über viel Tiefe und eine Menge Schichten. Ich hoffe, die Hörer werden sich tief in das Album fallen lassen, anstatt es nur nebenbei zu konsumieren. Die Stücke können auf einige wirklich interessante Reisen entführen, wenn sie sich nur darauf einlassen. Es klingt nach einem Klische, aber: Wir wollten einfach unsere bisher beste Veröffentlichung erschaffen. Eine Menge Leute hatten CAPRICORN anscheinend für kaum übertreffbar gehalten. Doch ich denke, es ist uns gelungen, etwas völlig anderes zu kreieren und gleichzeitig die Geschichte der Band stimmig weiterzuerzählen.

Du sprichst es an: Ihr hattet die Messlatte mit CAPRICORN und den EPs THROUGH THE DEVIL’S DOORWAY (2009), HERETIC (2012) sowie WIZARD OF WAR (2013) enorm hoch angelegt. Mit jeder weiteren Lobpreisung stiegen aber auch die Erwartungshaltungen an THE MOUTHS OF MADNESS kontinuierlich an. Wie gingt ihr mit diesem Druck um?

Mark Thomas Baker: Auf eine Art erzeugte dieses Wissen schon eine gewisse Anspannung. Doch ich denke, uns allen war bewusst, dass wir wirklich gute Songs geschrieben hatten, die es lediglich standesgemäß auf Band einzufangen galt. Auf persönlicher Ebene erhöhten die jüngsten Graveyard- und Witchcraft-Alben den internen Druck ein wenig, denn ich finde sie einfach bärenstark. Wir wollten Nuclear Blast, unsere gemeinsame Plattenfirma, nicht enttäuschen. THE MOUTHS OF MADNESS sollte in der gleichen Liga wie diese Bands spielen.

Apropos: Wenngleich ihr euch inhaltlich auf eine Mischung aus authentischen und fiktiven Geschichten konzentriert, werdet ihr immer wieder mit Formationen wie Witchcraft in den Occult Rock-Topf geworfen. Wie erklärst du dir dieses Missverständnis?

Mark Thomas Baker: Das wüsste ich auch gerne. Unsere Texte haben größtenteils nichts mit Okkultismus zu tun. Natürlich verarbeiten wir einige Horrorfilm-Inhalte, doch andere Bands gehen weitaus okkultur und extremer ans Werk. Mir gefällt, dass Theo einfach authentisch über das Leben und ihm wichtige Dinge schreibt: Manche Lieder beschäftigen sich mit der Liebe, manche mit dem Älterwerden, manche mit Verlusten geliebter Menschen. Auf der anderen Seite erfindet er Geschichten, die auch schon mal in abgedrehtesten Fantasy- und Science-Fiction-Gefilden enden können. Eines der magischen Dinge an Orchid ist die Fähigkeit, sehr klischeebeladene Themen wieder frisch klingen zu lassen. Ich weiß nicht, warum, aber für mich fühlt es sich so an.

Wir alle glauben an die Freiheit des Denkens und daran, das Leben nach eigenen Regeln zu führen. Ich könnte niemals in einer Gruppe mit konservativ eingestellten oder religiösen Musikern spielen. Orchids Mitglieder hegen aufgeschlossene, vorurteilsfreie Denkweisen und streben danach, ihr Leben ohne Beengungen und Unterdrückungen auszukosten. Was auch immer Menschen zwischen den Zeilen heraushören oder nicht heraushören möchten – sie sind herzlich zu freien Interpretationen eingeladen. Schließlich handelt es sich bei Musik um eine Kunstform: Es liegt in den Augen der Betrachter, was sie für sich herausziehen, was ihnen gefällt oder sie interessiert. Einige nehmen etwas mit, andere nicht.

Gleiches gilt für das in bewährter Tradition von Theo erstellte Artwork: Während das Titelbild klassisch-schlicht anmutet, entführen die weiteren Seiten des Booklets beziehungsweise Gatefolds in eine farbenprächtige Welt voller Details.

Theo Mindell: Ich wollte unbedingt ein klassisches und starkes Cover haben – wie die Platten meiner Kindheit: Anhand der verwendeten Farben und Gestaltungsformen konnte man sie schon von weitem auf Anhieb identifizieren. Ich strebte ein klassisches, symbolträchtiges und einfaches Cover an. Für das THE MOUTHS OF MADNESS-Innenleben fertigte ich hingegen eine sehr detaillierte, überladene Zeichnung an. Mein Hintergedanke: Die Menschen sollen das auf den ersten Blick karg erscheinende Album öffnen und dabei in eine andere Welt gezogen werden. Eine Welt, welche die Geschichten einiger der auf der Platte thematisierten Emotionen visuell erzählt. Ich vergleiche diesen Prozess gerne mit dem Schälen einer seltsamen Frucht. Das Innengemälde wurde von psychedelischen, lateinamerikanischen, in den späten 60ern und frühen 70ern in San Francisco erstellten Wandmalereien inspiriert. Das THE MOUTHS OF MADNESS-Cover folgt der Tradition des Artworks zu Santanas ABRAXAS. Ich wuchs mit diesem Album auf und liebe es bis heute.

Santana waren sicherlich nicht die einzigen Helden eurer Jugend? Schließlich demonstriert Orchids Doom Rock allen voran große Liebe zu Black Sabbath, Trouble, Pentagram, aber auch Led Zeppelin, Thin Lizzy, Iron Maiden oder Saint Vitus.

Mark Thomas Baker: Orchid haben sich im Lauf der Zeit einfach in diese Richtung entwickelt. Als wir die Band 2007 gründeten, benutzten wir in unseren Gesprächen nicht einmal den Begriff „Doom“. Unserer Meinung nach spielten wir einfach bösen Hippie Metal. Wir sprachen über Gruppen wie Black Sabbath, Led Zeppelin, Pink Floyd, Hawkwind und andere. Theo findet beispielsweise seit jeher große Inspiration in Mercyful Fates MELISSA-Album. Er wollte seine Faszination für Horror und okkulte Gestaltungen mit dem Proto-Metal und psychedelischen Klang der genannten Künstler verknüpfen. Wir wuchsen in einer Zeit auf, in welcher der Metal explodierte, waren in unseren frühen Jugendjahren, als der Thrash Metal die Bay Area-Szene aufmischte. Für 13- bis 14-Jährige war es unmöglich, nicht von Metallica, Slayer, Exodus und Megadeth umgeblasen zu werden. Diese Bands vereinten alles, was ich mir von guter Musik versprach.

 

Iggy Pop – Der Steher

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Mit 66 sind die meisten Altrocker schon in Rente, in Vegas oder unter der Erde. Nicht so James Newell Osterberg alias Iggy Pop. Der Urpunk präsentiert sich alterslos, gibt sich betont ehrgeizig und ist unermüdlich unterwegs. Etwa mit den legendären Stooges, die nun ihr zweites Reunion-Album vorlegen, den Verlust von Gitarrist Ron Asheton mit einer interessanten Personalie kompensieren, und – so Iggy gegenüber CLASSIC ROCK – alles andere als READY TO DIE sind.

Iggy, die Stooges haben sich 2003 nach 30 Jahren Trennung reformiert. Gleichzeitig ist der Solokünstler Iggy Pop etwas in den Schatten getreten – fast so, als würde er sich dem Kollektiv unterordnen. Eine bewusste Entscheidung?
Definitiv! Schließlich habe ich alles gemacht, was ich konnte – und mich in einer musikalischen Einbahnstraße bewegt. Zudem wurde mir zum Jahrtausendwechsel bewusst, dass das, was ich auf meinen Platten und bei meinen Konzerten mache, immer mehr an die Stooges erinnert. Aber eben ohne deren Witz und ohne den Feinschliff. Darüber habe ich nachgedacht und dann ein Album namens SKULL RING gemacht, auf dem ich mit diversen Gästen gearbeitet habe. Da habe ich die Stooges halt mit auf die Liste geschrieben. Und als wir gemeinsam an den Stücken gearbeitet haben, spürte ich eine unglaubliche Erleichterung. Ich fühlte mich wohl, wieder unter Leuten zu sein, die ich kenne – kulturell wie auch persönlich. Und die Reaktion der Öffentlichkeit hat ihr Übriges getan. Sie war nämlich unglaublich stark, und das hätte ich nicht erwartet. Ich war regelrecht geschockt. Die Telefone bei meiner Plattenfirma und meinem Management liefen heiß und jeder wollte, dass wir ein Album aufnehmen. Es riefen auch große Produzenten an. Aber wir haben nicht gleich zugeschlagen, sondern uns Zeit gelassen. Und das war eine vernünftige Entscheidung.

Wie war es, Ron und Scott nach all den Jahren anzurufen? Oder seid ihr die ganze Zeit in Kontakt geblieben?
Nur sporadisch. Scott Asheton, der Schlagzeuger, hat mich immer mal wieder angerufen, um eine Reunion einzufädeln. Den Gefallen konnte ich ihm zwar nicht tun, aber ich habe ihn immer sehr gemocht. Mit Ron bin ich dagegen nicht wirklich in Kontakt geblieben, aber ich habe verstanden, warum er es irgendwann aufgegeben hat, zu meinen Gigs zu kommen, wenn ich in der Nähe von Detroit gespielt habe. Einfach, weil es für ihn zu deprimierend gewesen sein muss. Und an seiner Stelle hätte ich wohl genauso gefühlt. Er hat dann sein Ding als lokaler Musiker gemacht und ich habe nicht wirklich viel mit ihm gesprochen. Aber wenn ich es getan habe, war es immer sehr nett. In den 30 Jahren seit unserer Trennung hat wirklich keiner von uns dreien schlecht über die anderen gesprochen. Das ist nicht passiert. Und das wird es auch nicht. Einfach, weil bei uns die Grundvoraussetzungen fehlen, die bei anderen Bands für so viel Hass sorgen. Ich meine, wir haben uns nie um Geld gestritten. Wir hatten auch keine konkurrierenden Manager oder verfeindete Anwälte. Einfach, weil wir nie genug verdient haben, um morgens nicht mehr aufstehen zu müssen. (lacht)

David Bowie – Ziggy in Amerika

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ROC183.bowie.make_up_gmVor 40 Jahren erschien ALADDIN SANE. Es war Bowies letztes Album mit den Spiders From Mars, auf Tour geschrieben, von den USA inspiriert und durchtränkt von Sex, Drogen und kompromisslosem Ehrgeiz.

Am 10. September 1972 gingen David Bowie und seine Frau Angie – „Großbritanniens berühmtestes bisexuelles Paar“ – in Southampton an Bord der Queen Elizabeth 2 mit Ziel New York City. Wo waren die Spiders? Mick Ronson, Trevor Bolder und Woody Woodmansey stießen eine Woche später zu ihnen und gingen per gemietetem Greyhound-Bus auf Tour. Erster Halt: Cleveland, Ohio. Als der Bus von der Grand Army Plaza losfuhr, zog eine Frau auf dem Bürgersteig ihren Rock herunter und entleerte ihren Darm in eine Papiertüte. Willkommen in Amerika.

Es war nicht Bowies erster Besuch in den USA. Drei Monate zuvor waren Dave’n’Ange schon in ihren flammroten Haaren und ausgefallenen Klamotten über die Pennsylvania Plaza getorkelt, um Elvis Presley im Madison Square Garden zu sehen. Sie saßen neben den VIP-Kollegen John Lennon, Led Zeppelin, Simon & Garfunkel und Bob Dylan.

„Elvis war einer meiner großen Helden“, sagte Bowie später. „Und ich war wahrscheinlich dumm genug, um zu glauben, dass es wirklich etwas bedeutete, am gleichen Tag wie er Geburtstag zu haben. Ich war für ein langes Wochenende eingeflogen. Ich war mitten in einer Ziggy-Stardust-Tour und flog am Freitag hin, um Elvis am Samstagabend zu sehen. Ich erinnere mich, wie ich direkt vom Flughafen kam und sehr spät in den Madison Square Garden lief. Ich trug all das Zeug aus der Ziggy-Phase und hatte tolle Plätze nahe der Bühne, etwa in der zehnten Reihe. Die ganze Halle drehte sich um und sah mich an, und ich fühlte mich wie ein echter Idiot. Ich hatte leuchtend rotes Haar, einen ausgepolsterten Raumanzug und diese roten Stiefel mit den dicken schwarzen Sohlen – das komplette Outfit. Ich wünschte mir, ich hätte mich für etwas Unauffälligeres entschieden, denn er muss mich bemerkt haben. Elvis hatte schon einige Lieder gespielt. Ich musste an all diesen ziemlich konservativen Amerikanern vorbei gehen… und es war das schlimmste, erniedrigendste Gefühl aller Zeiten. Ich flog am Sonntag wieder zurück, um Montagabend in Bristol zu spielen. Für etwa zwei Wochen war ich Presley [lacht]. Das war eine fantastische Erfahrung.“

Und davor, im Januar 1971, war Bowie nach New York geflogen und hatte die amerikanischen Legenden erlebt, die seine Liebe zu allem Bizarren und Dekadenten begründeten: The Velvet Underground im Max’s Kansas City und ein rotziger Club-Auftritt der Stooges. Bald würde er sowohl Lou Reed als auch Iggy Pop seinem britischen Publikum vorstellen und an ihren bahnbrechenden Alben TRANSFORMER und RAW POWER arbeiten. Bei diesem Antrittsbesuch war der Junge aus Süd-London mit den weit aufgerissenen Augen voll des Lobs für dieses neu entdeckte Gelobte Land. „Ich glaube, ich war die letzten 24 Jahre im Gefängnis. Nach Amerika zu kommen, hat eine Tür geöffnet.“

Wo diese erste Reise der Auslöser für den kreativen Höhenflug war, aus dem das Album THE RISE AND FALL OF ZIGGY STARDUST AND THE SPIDERS FROM MARS wurde, sollte sich das Abenteuer von 1972 als noch fruchtbarer erweisen. Bowie schrieb die Stücke für sein nächstes Projekt ALADDIN SANE im Bus, in Limousinen, Zügen und Hotelzimmern. Wenngleich es kein so plakatives Konzept wie ZIGGY hatte, war ALADDIN SANE textlich sein bislang ambitioniertestes Werk, kühler und emotionsloser als sein sommerlich wehender Vorgänger. Mit Aladdin Sane im Epizentrum beschrieb Bowie den Untergang von Welten, das Ende der westlichen Zivilisation. Er war der Fremde in einem seltsamen, dystopischen Land, bevölkert von sexbesessenen Berühmtheiten, Terroristen und Scharfschützen, Koks-Dealern, wilden Groupies, Andy-Warhol-Starlets und Rockstar-Heroin-Wracks – und er liebte jede koksschnupfende Minute davon. Dies war definitiv nicht die Top Rank Suite in Stoke-on-Trent, der letzten Station seiner UK-Tour, bevor er nach Amerika kam.

Der aktuelle Hit ›John, I’m Only Dancing‹, jenes Lied über bisexuelle Swinger, dominierte gerade die britischen Charts und Bowie und seine Jungs waren in Höchstform. Nach ihrem triumphalen ersten Auftritt in der Music Hall von Cleveland verfassten er und Ronson einen Nachfolger. ›The Jean Genie‹ klaute die Yardbirds-Version von Muddy Waters‘ ›I’m A Man‹ und verwandelte sie in eine erotische Koks-und-Fick-Orgie, die perfekt zur Jubelstimmung der Tour passte. Der Roadie Will Palin erinnert sich daran, wie das Stück als Autobahnhymne geboren und von Ronno und Bowies Kumpel George Underwood von einem Jam untermalt wurde. Ronnos Riff wurde von „Bus, bus, bus, bus, bus, bus, we’re bussin“-Rufen begleitet.

Trevor Bolder offenbart: „Wir sahen es als Kopie von ›I’m A Man‹ an, das ich in Bands gespielt hatte, als ich jünger war. Im Bus spielten wir es auch. [Als wir es aufnahmen], hatten wir es in einer Stunde im zweiten oder dritten Take fertiggestellt.“

Bowie hatte die Textidee dazu nur Stunden, nachdem er von Bord der QE2 gegangen war. Er und Angie fuhren zum Mercer Arts Center, um die New York Dolls – bzw. The Dolls Of NY, wie sie sich damals gerade nannten – während eines 17-wöchigen Engagements im Oscar Wilde Room des Instituts zu sehen. Laut Dolls-Gitarrist Sylvain Sylvain genossen die Bowies ein fünftägige Orgie im Plaza Hotel mit Billy „Doll“ Murcia und der 21-jährigen Marilyn-Monroe-Doppelgängerin Cyrinda Foxe. Das Quartett ließ es mächtig krachen, während Champagnerflaschen vom Zimmerservice und Koksröhrchen den Boden bedeckten. „David Bowie hatte sich in Cyrinda verknallt und Angie hatte einen neuen Liebhaber – Billy Doll!“, so Sylvain.

Steve Earle – Abseits der prächtigen Boulevards

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Musik, Schauspielerei, Romane – Steve Earle ist in diversen Bereichen erfolgreich und hat dabei sein soziales Gewissen nicht verloren. Seine einfühlsamen Country-Folk-Songs über die Schattenseite des Kapitalismus zeigen ihn als Erbe von Woody Guthrie, Hank Williams und Townes Van Zandt.

Das Hotel Adlon am Brandenburger Tor ist ein Touristenmagnet. Viele fotografieren den Balkon, von dem Michael Jackson sein Baby baumeln ließ. Links und rechts der Berliner Luxusherberge befinden sich Banken, Botschaften, Versicherungen und Stiftungen. Kurz: Das Adlon liegt im Zentrum der Macht. Und in diesem Nobelhotel ist Steve Earle abgestiegen, einer der wenigen kritischen Country- und Folk-Musiker der USA. „Ich logiere in guten Hotels“, sagt der 58-Jährige mit entwaffnendem Lächeln. „Dabei habe ich mir in den letzten Jahren die schlimmsten sozialen Zustände angeguckt. Die Leute, über die ich singe, findet man in Bergwerken und auf Feldern… In aller Welt gibt es harte Zeiten. Mein ganzes Leben hatte ich über die wirtschaftliche Depression gesungen, die ich nur aus zweiter Hand kannte. Aber jetzt sehen wir Zeiten, die ähnlich hart sind, aus erster Hand.“

Das neue Album des sozial engagierten Country-Rockers heißt THE LOW HIGH ROAD und befasst sich mit dem Leben auf den Nebenstraßen des Lebens. Die Zwölf-Song-Sammlung stammt offiziell von Steve Earle & The Dukes (And Duchesses), unter denen sich seine Frau, die alt.Country-Sängerin Alison Moorer, befindet. Wie stets basiert Earles Musik auf Folk, Country und Rock, gelegentlich gefärbt von Bluegrass und Irish Folk. Drei Titel (›Love‘s Gonna Blow You Away‹, ›That All You Got‹, ›After The Mardi Gras‹) stammen aus der TV-Serie „Treme“, in der Steve Earle auch als Schauspieler mitwirkte. Die Serie spielt in New Orleans. „Ich wuchs nicht weit davon auf“, sagt er. „In New Orleans gibt es diese Bruderschaft der Indians, früher eine Art Gang, die ihre eigene Sprache hat. Heute sind sie Teil der Parade beim Karneval. Für sie war Mardi Gras auch ein Datum, an dem offene Rechnungen mit Gewalt beglichen wurden, davon handelt ›After The Mardi Gras‹.“

Im Lied ›Invisible‹, zu dem es ein eindrucksvolles Video gibt, befasst er sich mit dem Schicksal der „unsichtbaren“ Obdachlosen. „Ich lebe im Village, der teuersten Nachbarschaft New Yorks. In dieser Ecke wurde der Job des Singer/Songwriters erfunden, in den 60ern lebte Bob Dylan nahe meiner Wohnung. Ich zahle viel zu viel Miete“, stöhnt Earle, während er einen Totenkopf auf ein weißes Blatt Papier malt. „Auf der anderen Straßenseite meines Gebäudes ist eine Suppenküche. Sie war schon immer da, doch wegen der langen Schlangen fällt sie einem heute stärker auf. Der Typ, um den es geht, ist nicht unsichtbar, aber wir – die Gesellschaft – haben uns entschieden, ihn nicht zu sehen.“

Schon vor „Treme“ spielte Earle in einer Krimiserie mit, „The Wire“ wurde zum gefeierten TV-Hit. „Für mich ist das Filmgeschäft positiv, weil ich keine Verantwortung trage. Fernsehen ist eine Gemeinschaftsarbeit, es ist nicht meine Form der Kunst. Ich bin nur Teil des Geschehens. Es ist gut für mich, die Kontrolle abzugeben.“ Neben seiner Musik und der Schauspielerei hat Earle noch ein drittes Standbein, er schreibt Bücher. Parallel zu seinem Album I‘LL NEVER GET OUT OF THIS WORLD ALIVE (2011) erschien sein Romandebüt gleichen Titels. Besagten Titel übernahm er von einem Hank-Williams-Song, der den morbiden Ton für die Texte angab. Momentan sitzt Earle an einem neuen Buch.

Ein großes Plus von Steve Earle ist ohne Zweifel, dass er gleichermaßen Fans von Rock und Country anspricht. „Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Johnny Cash und Bob Dylan auf der einen Seite und Beatles und Stones auf der anderen“, stellt er fest. „Ich weiß, dass Leute da differenzieren, aber ich habe stets beide Genres gehört. Leute wie Johnny Cash und Buck Owens fassten ohnehin beides zusammen. In Texas, wo ich aufwuchs, konnte man sie alle im selben Rundfunksender hören. Heute bin ich dankbar dafür! Rock‘n‘Roll begann damit, dass fast zur gleichen Zeit Chuck Berry ›Maybellene‹ und Elvis Presley ›It‘s Alright, Mama‹ aufnahmen. Keiner wusste vom anderen. ›Maybellene‹ ist sehr country-haft, so spielte kein anderer schwarzer Gitarrist. Chuck Berry kam gerade aus der Army, wo er solche Musik gehört hatte. Und Presley nahm den Song eines Schwarzen auf…“

Earle war stets ein unangepasster Typ. Als Künstler ging er eigene Wege, privat fiel er durch Drogensucht und sieben Ehen auf. Daneben unterstützte er politische Kampagnen und engagierte sich gegen die Todesstrafe. Die Musikindustrie betrachtete ihn mit Skepsis. „Es dauerte lange, bis ich einen Plattenvertrag bekam. Irgendwann erhielt ich einen und es machte Spaß, Alben mit dem Geld der Konzerne aufzunehmen. Ich tat zwar nicht, was man mir riet, aber mein Publikum war groß genug. Ich versuchte, loyal meinen Fans gegenüber zu bleiben und gleichzeitig, mit den Plattenfirmen auszukommen. Es gibt keine Platte, für die ich mich schämen müsste.“ Die Probleme begannen, als Heroin und Alkohol ihn übermannten. „Ich war anfällig für Drogen, irgendwann klappte ich zusammen“, gibt er achselzuckend zu. „Inzwischen bin ich seit 18 Jahren clean. Ich besuche immer noch die Meetings der Anonymen Alkoholiker, auch wenn ich in Berlin bin, denn kürzlich hatte ich wieder diesen Drang, high zu werden…“

Während des Interviews wirkt Earle keineswegs benebelt. Er erscheint klar und aufgeräumt, seine Geschichten serviert er stets mit einem kleinen Lächeln, das durch den mächtigen Bart schimmert. Das Leben aus dem Koffer mache ihm immer noch Spaß, versichert er, obwohl er seinen jüngsten Sohn vermisst, der 2010 geboren wurde. Er outet sich als Fan des europäischen Fußballs, vor allem der FC Barcelona hat es ihm angetan. Gleich mehrfach freut er sich im Interview darüber, „dass ich einen Job habe“. Die Sorge scheint unbegründet, Earle ist gefragt wie nie zuvor. Dazu führen einige seiner Songs inzwischen ein Eigenleben, sie sind Teil der Volksmusik geworden, wie etwa die Irish-Folk-Hymne ›Galway Girl‹. „Der Titel ist der Vereinssong des irischen Fußballclubs Galway City und wird außerdem bei jeder Hochzeit in Irland gespielt.“