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Robert Francis – Frauenunversteher

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Robert_Francis 2010 @ Julia BrokawVon Frauen hat der 22-jährige Kalifornier die Nase voll – ab sofort widmet er seine Energie der Musik.

Text: Marcel Anders

Er ist das, was man einen Womanizer nennt – ein schmächtiges Kerlchen mit Dreitagebart und großen, braunen Augen, das an Jeff Buckley beziehungsweise den frühen Springsteen erinnert. Und dessen offenkundige Hilf- und Orientierungslosigkeit instinktive Bemutterungsgefühle auslöst. Wessen sich Robert Francis, der mit Nachnamen Commagere heißt, durchaus bewusst ist. Nur: Momentan nutzt er das nicht aus. Schließlich hat er gerade eine dreijährige Horrorbeziehung nebst 18 Monaten Therapie hinter sich. „Ich bin an die Sorte Frau geraten, von der man weiß, dass sie nicht gut für einen ist, aber von der man sich trotzdem nicht lösen kann. Dabei war sie wirklich übel: Sie hat Drogen genommen, geklaut, mit anderen Männern und Frauen geschlafen und mich zum Alkoholiker gemacht.

Trotzdem war ich ihr hörig und bin immer wieder rückfällig geworden.“ Weshalb er der Dame mit ›Before Nightfall‹ nun schon das zweite Album widmet, und sie sogar mit Fotos im Booklet bedenkt. Aber: Im Gegensatz zu ONE BY ONE, seinem Debüt von 2007 (als er schwer verliebt war), nutzt er die aktuellen Songs zur nonchalanten Abrechnung. „You’re like a broken down ride at the carnival fair“, singt er in ›Climb A Mountain‹. Und in ›Junebug‹ heißt es sogar: „You were beautiful then, you are just a coke jar now“. Harsche Worte, die er mit sphärischem Pop-Rock in der Schnittmenge zwischen The Doors, Chris Isaak und Mazzy Star unterlegt – und die ihm auch keineswegs peinlich sind. „Mir ging es darum, einen Schlussstrich zu ziehen. Egal, ob sie deswegen sauer auf mich ist oder nicht. Und es hat funktioniert. Ich habe seit einem Jahr nichts mehr von ihr gehört.“ Wofür ihm seine mexikanische Mama einen Kuchen gebacken hat („sie mochte meine Ex eh nie“), und auch sein Mentor, Ex-Chili Pepper John Frusciante, gratulierte dem Youngster zu so viel hormoneller Selbstbeherrschung: „Er hat mir eine Gretsch White Falcon geschenkt. Eine wunderschöne Gitarre, auf die ich unglaublich stolz bin. Sie ist so etwas wie die Trophäe für meinen Sieg. Dafür, dass ich wieder Herr meiner Sinne bin und die Musik mache, die in mir steckt.“

An der Herr Frusciante, langjähriger Freund der Commagere-Familie, nicht ganz unschuldig ist: „Er hat mir Unterricht gegeben, als ich 16 war – was so aussah, dass wir in seinem Wohnzimmer saßen und zu irgendwelchen Platten gespielt haben. Eine tolle Erfahrung.“ Übrigens vollkommen gratis. Denn: „Er hatte ein Auge auf meine ältere Schwester geworfen.“ Die ist mittlerweile mit dem Sohn von Ry Cooder liiert – noch ein guter Freund, der ebenfalls auf dem Album mitwirkt. „Ich kann mich also nicht beschweren“, so Robert Francis. „Einfach, weil so viel Gutes aus so viel Schlechtem entstanden ist. Aber eines steht fest: Von Frauen lasse ich erst mal die Finger.“

Jack Johnson – Oden an das Meer

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Jack Johnson 2010 (4) (c) Hilary WalshDer Hawaiianer hält seine Karriere für ein großes Missverständnis – und steht dezent unterm Pantoffel.

Text: Marcel Anders

Tatort London: Jack Hody Johnson sitzt locker-lässig in einer 3000-Pfund-Hotelsuite und redet im 30-Minuten-Takt über sich und seine Musik. Was er nicht gerne und deshalb eher selten tut. Dennoch ist er gut drauf und gibt sich während des Gesprächs alle Mühe, einige Dinge ins rechte Licht zu rücken. Etwa dass seine steile Karriere – bestehend aus 18 Millionen verkauften Alben und riesigen Stadiontourneen – im Grunde nur ein großes Missverständnis sei: „Mein Vater hat mich immer damit aufgezogen, dass ich wäre wie der Gärtner aus dem Peter Sellers-Film „Willkommen Mr. Chance“. Der Typ sagt nämlich ständig Sachen, die sich eigentlich auf den Garten beziehen. Aber jeder hält sie für Metaphern – und ihn deshalb für ein Genie. Bei mir ist es ähnlich: Die Leute suchen in meinen Songs seelischen Beistand. Dabei formuliere ich da allenfalls ein paar persönliche Gedanken.“
Womit er seinem Ruf als musizierender Guru in punkto Familie und Partnerschaft eine klare Absage erteilt. Einfach, weil er keine Lösungen hat – und auch kein Vorbild sein will. Im Gegenteil: Johnson ist lediglich Herr seiner eigenen kleinen Welt. Mit einem Firmenimperium, das unter anderem aus einem Label, einer Filmproduktions-Gesell­schaft sowie einem solarbetriebenem Studio besteht.

Dazu gesellen sich drei Kinder, ein Anwesen auf Oahu sowie eine omnipräsente Ehefrau, die seine Managerin ist. Weshalb Johnson extrem bemüht ist, diese Beziehung nicht zu gefährden. Und sei es nur, wenn es um sein Image als Mädchenschwarm geht, der bei Konzerten regelrecht angeschmachtet wird. „Sind da hübsche Mädels?“, fragt er grinsend. „Ich dachte, da wären nur alte Säcke. Aber im Ernst: Ich kann die Frage nicht beantworten. Meine Frau würde mir das Leben zur Hölle machen!“ Was sie eigentlich schon tut. Denn Zuhause, und das scheint ihm gar nicht bewusst, ist Jack der reinste Pantoffelheld: „Ich muss Windeln wechseln und Kinder zur Schule fahren. Da jeden Tag einmal kurz aufs Wasser zu können ist schon das höchste der Gefühle.“

Weshalb das H2O denn auch Schwerpunkt seines fünften Albums TO THE SEA ist. Allerdings nicht so plakativ, wie der Titel vermuten lässt, sondern: Sein Vater Jeff, selbst bekannter Surfer, ist im Sommer 2009 an Krebs gestorben. Was den sonst so ruhigen Musikus ziemlich aus der Bahn geworfen zu haben scheint.

Nicht umsonst hat er 13 Songs geschrieben, die zwar seinem üblichen Ansatz aus romantischem Lagerfeuer-Folk und hippieskem Jam-Rock folgen, inhaltlich aber eine ganze Spur grüblerischer ausfallen. Da ist das Meer Anfang und Ende allen Seins. Familie und Freundschaft sind das Fundament des täglichen Lebens. Und die Erde ist ein Heiligtum, das es zu hegen und pflegen gilt. Womit der Barde zu genau dem Musik-Missionar wird, von dem er sich eigentlich distanziert. „Ich habe nichts dagegen, kleine Denkanstöße zu liefern. Aber ich stelle mich nicht hin und predige. Ich bin ja nicht Bono.“

Die neuen Blueser – Blues im Blut

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Joanne Shaw Taylor 1Lange Zeit galt Blues, und das nicht ganz zu Unrecht, als Musik der alten Männern. Auf der Bühne standen Musiker, die seit 40 Jahren die Gitarre nicht aus der Hand gelegt hatten. Das war auf der einen Seite wunderbar, denn in kaum einem anderen Genre ist es möglich, in Würde zu altern und dabei sogar noch mehr Respekt einzuheimsen als in jungen Jahren. Doch natürlich bedingte dies auch, dass Nachwuchstalente es schwerer hatten als in anderen Musikrichtungen. Bis man als Blueser so weit war, dass die Szene anerkennend nickte, brauchte es eine gehörige Portion Durchhaltevermögen.

Text: Hugh Fiedler & Mirko Windmüller

Doch, die Zeiten haben sich ge-ändert. Immer mehr junge Gitarristen entdecken die Stilrichtung für sich – und sie sorgen dafür, dass sich auch das Publikum verjüngt. Speziell in Großbritannien boomt Bluesrock, doch auch hierzulande wird er immer populärer. Und mehr noch: Die Fans werden nicht nur jünger, es mischen sich auch mehr und mehr Frauen unters Blues-Volk.

So hat Oli Brown, mit gerade mal 19 Jahren einer der jüngsten Blues-Shootingsstars, sogar kreischende Mädchen vor der Bühne, wenn er auftritt. Und das, obwohl er von Dance-Pop musikalisch so weit entfernt ist wie Iron Maiden von Jay Z. Thomas Ruf, Eigentümer des deutschen Blues-Labels Ruf Records, hat den Briten unter Vertrag genommen. Und zwar nicht allein wegen seines Spiels – obwohl das über jeden Zweifels erhaben ist –, sondern auch wegen dessen Wirkung auf Teenager. Darauf gebracht haben ihn seine Töchter, die von dem attraktiven Jungen angetan waren, wie Ruf unseren britischen CLASSIC ROCK-Kollegen berichtet hat: „Normalerweise fassen sie keine einzige der CDs an, die bei mir zu Hause rumliegen. Doch auf Oli sind sie sofort angesprungen und haben mich neugierig gefragt: ›Das ist also Blues?‹“

Auch Oli Brown selbst scheut sich nicht, keine Zweifel daran zu lassen, dass er darauf aus ist, eine neue Generation für den Blues zu gewinnen. So hat er etwa in Norfolk einige Konzerte in Schulen gegeben, bevor er schließlich zu einer klassischen Clubshow angetreten ist. Das Re-sultat: Im Publikum des regulären Gigs fanden sich nicht Traditionsblueser, sondern auch rund 40 Jugendliche. „Viele von ihnen hatten noch nie eine Clubshow gesehen“, so Brown. „Dabei ist das die beste Möglichkeit, Blues kennen zu ler-nen, all seine Facetten zu ergründen.“ Ein Ansatz, der sich offenbar auszahlt. Laut Plattenboss Ruf verkauft Oli Brown mehr Musik online als im CD-Format. Dies gilt als sicheres Zeichen, dass ein Großteil seiner Hörer die 30 vermutlich noch nicht überschritten hat.

Ähnliches erlebt auch Joanne Shaw Taylor, 24-jährige Blueserin aus England. Sie hat gerade gemeinsam mit Brown eine Europatour absolviert – und festgestellt, dass die Fans mancherorts deutlich jünger waren, als sie erwartet hätte. „Wir spielten auf einem Festival in Litauen“, erinnert sie sich. „Es waren rund 7.000 Leute dort. Und niemand sah älter als 25 aus! Ich konnte es kaum glauben, dass die Teenies zu 12-Bar-Shuffles ausgeflippt sind! Sie sprangen wie wild herum und kletterten sich gegenseitig auf die Schultern!“

Der Grund für den Erfolgszug des Blues ist ihrer Meinung nach die Authentizität der Musik. Bei ihr selbst waren es die Leidenschaft, das intensive Gefühl, das ihr die Musik nahe brachte – und das, obwohl sie, ähnlich wie die meisten ihrer Generation, anfangs einen völlig anderen Eindruck vom Blues hatte. „Die meisten glauben, dass es Musik ist, die nur alte Männer hören. Daher beschäftigt sich niemand eingehend damit. Erst später, wenn die Leute verstehen, dass einem zum Beispiel im Radio nur etwas Künstliches vorgesetzt wird, beginnen sie sich für den Blues zu interessieren.“

Doch die jungen Blueser sind nicht nur auf der Jagd nach gleichaltrigen Fans – sie wollen auch, wie jede rebellische Generation, Grenzen einreißen. Joe Bonamassa ist, wenngleich er sicherlich kein klassischer Revoluzzer ist, das beste Beispiel dafür. Er hat es geschafft, die Mauer zwischen Blues, Rock, Country und auch Pop einzureißen. Zu seinen Shows kommen Menschen, die ansonsten keinen Fuß in ein verrauchtes Pub setzen würden. Der 32-Jährige bringt sie jedoch dazu, in die Royal Albert Hall zu pilgern. Bonamassa versteht es, sich und sein Gitarrenspiel in Szene zu setzen, ohne dabei überkanditelt zu wirken. Das Bodenständige auch in einer anderen, höheren (Größen-)Dimension zu bewahren, ist neben seinem musikalischen Talent sein größtes Plus.

Und er inspiriert andere dazu, ihm nachzufolgen. Aynsley Lister zum Beispiel, der als Gast bei besagtem Joe Bonamassa-Gig in London war, erkannte dort erst das Potenzial der Stilrichtung für die breite Masse. Der britische Blueser (33) beschloss daraufhin, noch mehr zu wagen und seinen Sound mit musikalischen Experimenten anzureichern. Das Resultat: ein frischer Touch, der seinen Werken hörbar gut tut. Auch live funktioniert das Ganze – und zwar selbst bei älterem Publikum: Im Vorprogramm von Lynyrd Skynyrd beispielsweise hatte Lister bereits am zweiten Tourtag alle mitgebrachten CDs an den Fan gebracht. Das mag Bluespuristen zwar nicht gefallen – doch gerade im Mix mit anderen Stilen liegt momentan offenbar der Erfolgssegen. Eine Zutat kann Country-Pop sein, wie es John Mayer vormacht, aber das Ganze darf durchaus auch dreckig-rau klingen wie bei Seasick Steve: Hauptsache, es ist anders als das Gewohnte.

Anders ist auch Philip Sayce. Der gebürtige Brite, der seit frühster Jugend in Kanada lebt, zählt ebenfalls zu den heißesten Namen in Sachen moderner Bluesrock. Gerade hat der 33-Jährige mit INNEREVOLUTION sein zweites Album veröffentlicht, auf dem er die perfekte Mischung aus Tradition und Moderne hinlegt. Hendrix, Jeff Healey, Stevie Ray Vaughn heißen seine Vorbilder, aber es darf auch gerne grooviger sein, für ein bisschen Lenny Kravitz zwischen den Zeilen ist immer noch Platz. Diese Lockerheit teilt er mit seinem deutschen Kollegen, dem 27-jährigen Hendrik Freischlader. Auch Freischlader liebt die musikalische Offenheit: Er kann hart rocken, aber auch im Jazz aufgehen. Wohl auch deshalb nennt er Gary Moore als Vorbild, der sich nicht nur dem Bluesrock allein verschrieben hat, sondern durchaus auch Soul und Funk einen Platz einräumt.

Dabei wird deutlich: Diese Beweglichkeit und der Mut, abseits der festgefahrenen Pfade zu bluesrocken, ist zurzeit der richtige Weg, um sich einen Namen zu machen. Dabei, und das unterschreiben auch die jüngsten Bluestalente ohne Zögern, ist eines jedoch wichtig: Die Wurzeln müssen erhalten bleiben. So sieht das auch der britische Blueser Ian Siegal (39): „Bei aller Liebe zum Experiment – es muss ehrlich rüberkommen und auch ein gewisses Niveau erfüllen. Howlin’ Wolf, Muddy Waters und Charlie Patton waren allesamt kein Blueser mit poliertem Sound, aber sie klangen nie schäbig. Sie wollten ihre Musik perfektionieren, darauf legten sie großen Wert. Gut so. Denn wer Blues spielen möchte, sollte auch Respekt vor dieser Musik haben.

BLUESKINDER

Hier sind sie, die jungen Bluesrocker(innen): allesamt unter 40 und allesamt Feuer
und Flamme für einen innovativen Sound.

So schnell kann es gehen: Gerade stand Philip Sayce noch mit Jeff Healey für eine kurze Jamsession auf der Bühne, und schon wenige Minuten später war er als vollwertiges Mitglied in dessen Band aufgenommen. Was für eine Ehre für den Mann aus dem britischen Aberystwyth, der seit frühester Kindheit im kanadischen Toronto lebt. Von diesem Moment an ging in Philip Sayces Karriere alles Schlag auf Schlag. Er spielte Gitarre für Uncle Cracker, später für Melissa Etheridge, bis er 2005 schließlich mit seinem Solo-Debüt PEACE MACHINE ums Eck kam. Darauf zollt er seiner Liebe zum kraftvollen Retro-Bluesrock Tribut – und dieselbe Leidenschaft spürt man auch auf seinem neuesten Album INNEREVOLUTION.

Stefan Schill, 20-jähriges Gitarrentalent aus Holland, hat Sayce gerade auf dessen Europatour begleitet – und musste sich dabei keineswegs hinter seinem Kollegen verstecken! Im Gegensatz zu vielen jüngeren Bluesrockern hält sich Schill nämlich alle stilistischen Schubladen offen und zollt nicht nur den Szenelegenden musikalisch Tribut: Er schreckt keineswegs da-vor zurück, sich auch mal eine funkige Einlage zu gönnen, im nächsten Augenblick aber eine formvollendete Verbeugung vor Steve Winwood hinzulegen oder in R’n’B-Regionen abzudriften. Sein stilis-tisches Spektrum beweist Mut – und der ist nun mal Voraussetzung für eine große Karriere.

Ja, ja, da ist sie wie-der: Sandi Thom (19), bekannt geworden durch ihre Webcam, durch die sie die Internetwelt an ihren Songs teilhaben ließ, hat gerade ihr zweites Album veröffentlicht. Und nein: Sie will nicht mehr, so wie noch vor drei Jahren auf ihrer Single ›I Wish I Was A Punk Rocker‹, wild drauflos riffen. Denn sie hat sich inzwischen dem Bluesrock verschrieben. MERCHANTS & THIEVES heißt ihre Platte – und selbst wenn sie damit keinen Originalitätspreis gewinnen wird, zeugen die Songs doch von Respekt für die Musik und deren Protagonisten. Und sie sind ohne Zweifel massenkompatibel.

Bereits im Jahr 2000 hat der damals 19-jährige Wes Jeans mit seinem Debüt HANDS ON für Furore gesorgt – zumindest in den Vereinigten Staaten, seiner Heimat. Inzwischen ist Jeans we-sentlich gereifter, was man seinem im Herbst vergangenen Jahres erschienenen Live-Album WES JEANS LIVE AT THE MUSIC CITY deutlich anhört. Er präsentiert seinen Bluesrock mit einem texanischen Feuer, das einige Hitze entfacht!

Sie werden schon mal als „Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist“ angekündigt. So ganz stimmt das zwar noch nicht, doch ansatzweise ist die Musik des britischen Trios The Brew tatsächlich schon fast göttlich. Kurtis Smith (Drums) steht seinem Vater, Frontmann Tim (Gesang, Bass), in Sachen Talent in Nichts nach, und Gitarrist Jason Barwick übertrifft die beiden sogar noch in Sachen Virtuosität. Mit ih-rem Hendrix-lastigen Sound, der auch etliche Led Zep-Zitate mit einschließt, gehören sie momentan zu den angesagtesten UK-Bands. Kaum ein Bluesrock-Festival ohne The Brew.

Er ist momentan der hellste Stern am deutschen Bluesrock-Firmament: Henrik Freischlader. Der Autodidakt hat erst spät die Gitarre für sich entdeckt, sich davor aber an etlichen anderen Instrumenten versucht. Das kommt ihm heute zu Gute: Er verfügt nicht nur über ein unnachahmliches Gespür für Blues, Rock, Soul, Funk oder Jazz, sondern kann sich auch in den Songs komplett selbst verwirklichen, so er das denn möchte – und auf dem 2009er-Album RECORDED BY MARTIN MEINSCHÄFER auch getan hat. Im Moment setzt er allerdings lieber auf die Zusammenarbeit mit Musikerkollegen: Gerade hat er mit seiner Band eine Tour durch die Schweiz beendet.

Viele kennen Dana Fuchs nur als Schauspielerin. Die US-Amerikanerin hat mit ACROSS THE UNIVERSE einen Filmerfolg gefeiert. Doch eigentlich sieht sich die 34-Jährige viel mehr als Musikerin. Aufgewachsen mit Ray Charles und Hank Williams, liegt ihr der Sound im Blut. Überzeugen können sich alle Skeptiker davon am 29. Juni. Dann eröffnet Dana nämlich mit ihrer Band für Joe Cocker auf dem Bonner Museumsplatz.

ANSPIELTIPPS

Jimmy Bowskill
LIVE
2009, Cargo

Noch keine 20 Jahre alt – und rockt bereits wie ein Großer! Der Mann mit der Les Paul haut kräftig in die Saiten – und das prägt natürlich auch diese Live-CD. Wer Hendrix liebt und die Po-wer eines Angus Young bewundert, ist hier goldrichtig. Eigentlich aber noch mehr bei einer von Bowskills Live-Shows…

Danny Bryant
JUST AS I AM
2010, In-Akustik

Fleißiger geht es kaum noch: Eigentlich ist Danny Bryant quasi ununterbrochen auf Tournee. Dennoch schafft es der 29-Jährige mit seiner Red Eye Band, nicht nur die Bühnen der Welt zu rocken, sondern auch im Studio ordentliche Arbeit abzuliefern. Auf seinem gerade erschienenen Album JUST AS I AM präsentiert er erneut schnörkellosen und kraftvoll krachenden Bluesrock, der aber auch an den richtigen Stellen den notwendigen Sanftmut zeigen kann. Zudem gibt’s ein tolles Cover von John Hiatts ›Master Of Disaster‹.

Mitch Laddie
THIS TIME AROUND
Provogue, 2010

Wer von Walter Trout entdeckt und gefördert wird, braucht eigentlich nichts mehr zu fürchten. Der 19-jährige Brite Mitch Laddie tut dies auch nicht. Auf seinem Debütalbum gibt er alles, Funk, Prog, Fusion, Jazz – und alles wird ebenso energisch wie geschickt in die Bluesrock-Basis eingeflochten. Gerade hat er seine UK-Tournee beendet, und im Spätsommer soll es auch hierzulande einige Gigs von Laddie geben.

Erja Lyytinen
GRIP OF THE BLUES
2008, Ruf

Noch eine Ecke vielschichtiger als ihre männlichen Kollegen präsentiert sich die 30-jährige Finnin auf ihrem zweiten Album: Blues und Rock bilden zwar die Basis der Songs, doch auch R’nB, poppig angehauchte Balladen oder Gospel-Passagen finden sich in den Stücken wieder, allesamt gekonnt eingeflochten und mit europäischem Flair versehen.

Scott McKeon
TROUBLE
2010, Provogue

Für sein zweites Album hat er sich Unterstützung geholt, auch wenn der 24-jährige Engländer Hilfe von außen eigentlich gar nicht nötig hätte. Dennoch: Robbie Mc­Intosh (The Pretenders) sowie David Ryan Harris (John Mayer Band) haben wertvolle Arbeit geleistert, selbst wenn das leidenschaftliche Bluesrockwerk sicher auch ohne sie ein Erfolg geworden wäre. Allein der eingängige, mitreißende Opener ›The Girl‹ ist schon das komplette Album-Geld wert.

Davy Knowles & Back Door Slam
COMING UP FOR AIR
2010 , Blix Street

Großbritannien – natürlich! 22 Jahre ist Davy Knowles erst jung, hat’s aber trotz des zarten Alters schon geschafft, für Eric Burdon, Gov’t Mule oder Lynyrd Skynyrd zu eröffnen. Nach dem Aus der alten Back Door Slam-Besetzung ist er jetzt zurück mit neuer Mannschaft – und hat sich für COMING UP FOR AIR unter anderem Hilfe von Peter Frampton geholt. Das Resultat: purer Bluesrock, von hart bis zart. Stark.

Krissy Matthews
ALLEN IN REVERSE
2009, Mammi

Der 18-Jährige ist möglicherweise nicht der stärkste Sänger, aber sein Instrument beherrscht der Brite mit norwegischen Wurzeln ganz eindeutig. Sein drittes Werk ALLEN IN REVERSE, das im vergangenen Herbst erschienen ist, zeigt ihn von einer stark rockigen Seite, doch an einigen Stellen lässt er seiner Liebe zum verspielten Blues offenherzig freien Lauf.

Ian Parker
WHERE I BELONG
2007, Ruf

Zwar hat das Album des 33- Jährigen schon ein paar Jahre auf dem Buckel, ist aber nichtsdestotrotz empfehlenswert für all diejenigen, die nicht nur auf puren Blues stehen, sondern auch gelegentliche Ausflüge in Soulregionen zu schätzen wissen.

Matt Schofield
HEADS, TAILS & ACES
2009, Nugene

Der 32-jährige Brite versteht es, Bluesrock mit Funk- und Jazz-Anleihen zu verschmelzen, er covert gekonnt Freddie King und Elmore James und hat sich dadurch bereits eine stattliche Fangemeinde erspielt.

Joanne Shaw Taylor
WHITE SUGAR
2009, Ruf

Sie ist bereits seit etlichen Jahren live unterwegs – und das merkt man Taylors aktuellem Album auch an. Sie ist inzwischen 23 Jahre alt und weiß, wie sie klingen möchte. WHITE SUGAR ist ein von texanischem Feuer infiziertes Blueswerk voll rauer Kraft und mit viel Seele, das durch Stücke wie das brennen-de ›Time Has Come‹ oder den Blues-Shuffle ›Bones‹ besticht.

Steve Miller Band: Zeitlose Huldigungen

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steveMiller1-09-HRSiebzehn Jahre sind eine lange Zeit. Bill Clinton war damals gerade US-Präsident geworden. Eine Ewigkeit also. So viele Jahre hat es gedauert, bis Steve Miller sich dazu aufgerafft hat, ein neues Album zu veröffentlichen. Nun ist es soweit. Doch wer gedacht hätte, dass sich in dieser Zeitspanne Hundert Eigenkompositionen angesammelt haben müssten, die Miller nun mit seiner Band zum Besten gibt, der sieht sich enttäuscht. BINGO!, so der Titel der Werks, enthält Coverversionen. Songs wie zum Beispiel B.B. Kings ›Rock Me Baby‹ oder ›You Got Me Dizzy‹ von Jimmy Reed.

Dabei ist es keineswegs so, dass Steve Miller das Komponieren verlernt hätte oder schlicht keine Lust mehr darauf hat. Nein, er wollte schlicht und ergreifend eine Platte machen, „zu der man feiern kann. Ein Partyalbum eben!“, erklärt der 66-Jährige. Erinnerungen an seine eigene Jugend spielen dabei eine maßgebliche Rolle. Beim Einspielen der Lieder hat er daran ge-dacht, wie es damals war, als er noch auf College ging und die Mädchen und die Musik denselben Stellenwert hatten. BINGO! ist für Miller, der das Gitarrenspiel von Les Paul erlernt hat, daher ein wahr gewordener Traum. Ein sehr persönlicher Rückblick, wie er betont: „Ich habe nur Songs gewählt, die mir etwas bedeuten.“

Und weil es davon etliche gibt, wird BINGO! nicht das einzige Werk seiner Art bleiben. Im Frühjahr 2011 soll ein weiteres Album erscheinen, unter anderem mit ›Sweet Home Chicago‹ von Robert Johnson, Muddy Waters‘ ›Can’t Be Satisfied‹ oder ›The Walk‹ von Jimmy McCracklin. Wie auch das aktuelle Werk erscheint es bei Space Cowboy Records, seiner eigenen Firma, lediglich der Vertrieb erfolgt über etablierte Kanäle. Insgesamt hat die Steve Miller Band in George Lucas‘ Skywalker Ranch-Studio 42 Songs eingespielt. Das Material ist bereits komplett im Kasten, es bleiben für den BINGO!-Nachfolger also noch 32 Tracks zur Auswahl, bei denen nur noch der Feinschliff aussteht.

Die Idee zu dem Projekt trägt Miller zwar schon „seit einer Ewigkeit“ mit sich herum, doch konkrete Pläne gab es erst im Zuge der DVD-Produktion zu LIVE FROM CHICAGO. Es war Co-Produzent Andy Johns (Rolling Stones, Led Zeppelin), der Steve Miller damals anstachelte, indem er sich ein „Gitarren-Album“ von Miller wünschte. Gesagt, gerockt. Gemeinsam mit dem 2009 verstorbenen Norton Buffalo, Joe Satriani sowie den Santana-Percussionisten Michael Carabello und Jose Areas arrangierte Miller die Stücke nach seinem Gusto um: Die eigene Note des „Joker“ ist daher stets zu hören.

Die Einzigartigkeit von Steve Miller wird sich in Kürze auch wieder live zeigen. Der Bluesrocker geht auf Tour, zunächst in den Staaten, im Herbst aber auch in Europa. Dabei stehen auch zwei Daten im CLASSIC ROCK-Land auf dem Programm. Am 15. Oktober wird Miller in der Düsseldorfer Philipshalle zu sehen sein, einen Tag später rockt er im Hamburger CCH1.

Die Songs von BINGO! hat Miller dann selbstverständlich im Live-Gepäck. Denn – Jugendtraum hin oder her – die Veröffentlichung des Albums hat natürlich auch pragmatische Gründe: „Es macht mehr Spaß, live zu spielen, denn unser Repertoire ist nun deutlich größer geworden“, so der US-Amerikaner. Was natürlich nicht heißt, dass dadurch Hymnen wie ›Abracadabra‹, ›Rock ‚N Me‹, ›Fly Like An Eagle‹, ›Jet Airliner› oder ›The Joker‹ in der Setlist fehlen werden – Miller kündigt nämlich eine satte Zwei-Stunden-Show an.

Und wenn alles glatt läuft, könnte sogar noch mehr passieren in Sachen Steve Miller Band: Der Gitarrist hat nämlich nicht nur reichlich Coverversionen, die er aus dem Ärmel schütteln kann, sondern auch noch über zehn Eigenkompositionen, die fertig geschrieben sind und nur darauf warten, dass der Meister Zeit hat, sie zu betexten. Was hoffentlich nicht erst in 17 Jahren der Fall sein wird… Obwohl: Da Miller zudem ankündigt, dass er nicht nur weiterhin reichlich touren will, sondern auch „mit US-Nachwuchstalenten arbeiten möchte“, ist mit einer Veröffentlichung wohl nicht in allzu naher Zukunft zu rechnen. Aber wer weiß: Jemand wie Steve Miller hat schließlich immer einen Joker im Ärmel…

Mirko Windmüller

Asia: Nürnberg, Hirsch

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ASIA BAND SHOT TWO-2Traurig: kaum Andrang bei den Rockern.

Es hätte gerne etwas mehr sein dürfen: Nicht einmal 300 Fans wollen Asia im Nürnberger Hirsch sehen – und das, obwohl die Band heute in Originalbesetzung aufrockt und mit Steve Howe und Geoffrey Downes (Yes), Carl Palmer (Emerson, Lake & Palmer) und John Wetton (King Crimson, Wishbone Ash, Roxy Music) wahrhafte Legenden auf der Bühne stehen werden. Die Musiker sind jedoch Profis genug, die Fans nicht spüren zu lassen, dass ihnen wohl ein volleres Haus auch nicht ungelegen gekommen wäre. Sie legen locker los, und es gibt nicht nur das erwartete Hit-Programm inklusive grandioser Soloeinlagen, sondern auch insgesamt vier Tracks des aktuellen Werks OMEGA zu hören. Das mag nach Promo-Maschinerie klingen, zeigt jedoch auch, dass Asia nicht nur an den Achtziger-Erfolgen kleben, sondern auch anno 2010 mit frischem Material etwas reißen wollen – und können. Die neuen Stücke kommen gut an, selbst wenn sicherlich noch nicht alle Nürnberger die Scheibe in ihrem Schrank stehen haben. In den Regalen aller Anwesenden sind aber mit Sicherheit ASIA, ALPHA und ASTRA, daher gehen ›Only Time Will Tell‹, ›The Smile Has Left Your Eyes‹, ›Sole Survivor‹ sowie die Zugaben ›Go‹ und natürlich ›Heat Of The Moment‹ sofort in die Beine – selbst wenn nicht jeder Rocker in totale Euphorie ausbricht, sondern stattdessen lieber still genießt.

Transatlantic: Stuttgart, LKA

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transatlanticDie Prog-Supergroup kommt ohne Vorgruppe, aber mit megalangem Set.

Da alle Transatlantic-Mitglieder mit anderen musikalischen Projekten voll ausgelastet sind, ist die Prog-Supergroup hierzulande bisher ein rarer Live-Gast gewesen. Das wollten Mike Portnoy (Dream Theater), Neal Morse (Spock’s Beard), Roine Stolt (The Flower Kings), Pete Trewavas (Marillion) und ihr Gastmusiker Daniel Gildenlöw (Pain Of Salvation) nun ändern – und setzten eine ausgedehnte Europatournee an. Mit Erfolg, wie der Ticketvorverkauf beweist. Weit über 1.000 Stuttgarter Fans wollen sich dieses Konzert nicht entgehen lassen – damit ist das LKA gut gefüllt. Und alle tun gut daran, pünktlich zu sein, denn Transatlantic sparen sich die Vorgruppe. Das ist auch gut so, denn dadurch hat die Band mehr Zeit für ihr Set. Das dauert knapp vier Stunden – und ist damit schon rekordverdächtig im Vergleich zu regulären Rock-Sets.

Wer nun befürchtet, dass im Verlauf dieser Marathonriffstrecke Langeweile aufkommen könnte, wird rasch eines Besseren belehrt. Transatlantic haben sich intensiv Gedanken darüber gemacht, wie sie den Abend gestalten wollen. Den Auftakt bildet die Komplettaufführung des aktuellen Albums THE WHIRLWIND – nach dieser ebenso stimmungs- wie anspruchsvollen Aufwärmübung gibt es eine 15-minütige Pause, bevor die Band mit ihrem regulären Liveprogramm loslegt. ›All Of The Above‹ sorgt für die ersten Begeisterungsstürme, die auch im Verlauf des knapp 30-minütigen Songs nicht abreißen wollen. Darauf folgt ›We All Need Some Light‹, bevor das um-jubelte ›Duel With The Devil‹ den zweiten Teil des Sets beschließt. Im Zugabenteil geht es dann lockerer zu: Nach ›Bridge Across Forever‹ integriert die Band kurzerhand ›Smoke On The Water‹ in ›Stranger In Your Soul‹. Das beweist, dass Transatlantic nicht nur ihr Können zur Schau stellen wollen und können, sondern die Spielfreude im Zentrum der Tour steht. Selbst wenn Mike Portnoy nach wie vor etwas überpräsent wirkt und klingt, der Rest der Crew (inkl. Gildenlöw) hält sich – bis auf die ihnen zu-geteilten Soloeinlagen – vornehm und geschickt zurück. Das ist clever, denn so entsteht nie der Eindruck, dass hier Mega-Talente gemeinsam auf einer Bühne stehen, um sich feiern zu lassen, sondern Musiker, denen klar ist, dass die Essenz eines Konzerts nicht nur im perfekten Zusammenspiel, sondern auch im stimmigen Auftreten als Band-Einheit besteht – was auch der Instrumententausch am Ende unterstreicht. Danke dafür. Und bitte mehr davon.

 

Jethro Tull: Oldenburg, Weser-Ems-Halle

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KONICA MINOLTA DIGITAL CAMERAWeniger mystisch als früher, dafür aber routiniert und abwechslungsreich.

Die Erwartungshaltung der Zuschauer bei saftigen Eintrittspreisen deutlich über 50 Euro ist natürlich hoch, und auch die Fragen sind angesichts des Tour-Mottos „Best Of Jethro Tull“ entsprechend umfangreich: Welche Klassiker werden Ian Anderson & Co. diesmal weglassen (müssen)? Gibt es endlich einmal mehr als nur eine kurze Stippvisite bei THICK AS A BRICK (1972), dem wichtigsten Prog-Rock-Werk der Gruppe? Hat Anderson möglicherweise ein paar brandneue Stücke im Repertoire? Denn immerhin liegt die letzte Studioveröffentlichung J-TULL DOT COM mehr als zehn Jahre zurück.

Doch der schrullige Frontmann beginnt mit einer anderen Überraschung: Fast 30 Minuten lang verordnet er seiner Band Zurückhaltung, stimmt ruhige Nummern an und gestattet nur gedecktes Licht. In dieses Szenario passt sogar das philosophische ›Jack In The Green‹ vom Folkrock-Exkurs SONGS FROM THE WOOD (1977) perfekt. Ansonsten herrscht Un-plugged-Atmosphäre – und im Publikum eine nur mäßige Begeisterung.

Dann endlich, man wartet schon ungeduldig, darf Gitarrist Martin Barre seine Rock-Axt auspacken, darf schroffe Riffs und kantige Licks spielen. Und auch Anderson selbst legt an Energie und Empathie zu: Er pustet und pfeift und schmatzt in seine Flöte, untermauert jede gesungene Textzeile mit einer vieldeutigen Mimik und stellt sich zur Freude seiner Fans auf ein Bein, um den Rattenfänger von Oldenburg zu spielen. ›Hunting Girl‹ ertönt leider nicht, dafür aber neben (tatsächlich!) bislang unveröffentlichtem Material auch ›Aqualung‹ und vom Grammy-prämierten CREST OF A KNAVE (1987) das poetische ›Budapest‹ in einer beeindruckenden XXXL-Version.

Leider beschränkt sich Anderson allerdings zunehmend mehr auf kurze, eigenwillige Anmerkungen zu einzelnen Liedern – anstatt wie früher einem Kobold gleich über die Bühne zu huschen und den Menschen das Leben aus einer anthroposophischen Perspektive zu erklären. Oder aber sein Publikum in der Art eines englischen Adligen mit Gehrock und blaublütigem Habitus abzuschreiten, um ihm die Lehre eines dringend notwendigen Natur- und Ressourcen-Schutzes zu erläutern.

Doch von alledem sind Jethro Tull anno 2010 weitestgehend abgerückt. Routiniert, aber nur mäßig inspiriert spulen sie ihr Programm ab. Nicht schlecht, aber ohne wirkliche Hingabe.

Die negative Krönung allerdings: Mit ›Locomotive Breath‹, ihrem Mega-Hit aus den frühen Siebzigern, spendieren Jethro Tull den Oldenburgern nur eine einzige Zugabe. Etwas mehr hätten die treuen Fans schon verdient gehabt.

Smoke Blow: München, 59:1

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Smoke BlowPunk Rock-Attacke galore: So soll’s sein.

Der Laden passt zur Band: Drängeln gehört zum guten Ton, und in der Enge liegt die Rockkraft – auf zum Rifftanz, Smoke Blow sind in der Stadt! Klare Sache: Ein ›Alligator Rodeo‹ ist das Mindeste, das hier heute steigen muss. Vor allem angesichts des neuen Wahnsinnsalbums THE RECORD. Also her mit den Hits! Die lassen dann auch nicht lange auf sich warten. Schon kurz nach Showstart schwappt das Bier wie von selbst über den Rand. Merke: Bei einer Smoke Blow-Show macht der Bewegungsdrang selbst vor einem Augustiner-­Becher nicht halt. Kein Wunder auch, wenn selbst mit den Toten getanzt wird. Aber die Lebenden sind viel, viel lauter. Jack Letten und MC Straßenköter tun ihr Bestes, um die Meute weiter anzustacheln, und das geht, oh Wunder, auch ohne Wörterbuch. Kiel und München sind sich doch näher, als mancher wahr­haben will…

Schon rollt aus dem eisigen Norden der ›Ice Wolf‹ ein, im Gegensatz zur Bochumer Releaseshow Anfang des Jahres aber nur einmal. Schließlich wird es kriegerisch: Der ›Nuclear War‹ bricht über München herein. Da hilft nur noch eines: Deckung hinterm Tresen! Und ja: Ohne Cover geht’s auch heute nicht – ›Rebel Yell‹ ist ebenso wenig totzukriegen wie Smoke Blow. Bleibt nur eine Frage offen: Warum füllt eine derart energetische Band eigentlich noch keine Megahallen?