0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Start Blog Seite 1217

The Temperance Movement

0

The Temperance Movement erschaffen eine neue Blaupause für guten, altmodischen, klassischen Rock.

Text: Lee Marlow

Hier ist eine schöne, traditionelle Geschichte für euch: Es war einmal eine Band. Sie fand zusammen, weil man Musik machen wollte, die niemand mehr spielte. Sie schrieben Songs und spielten Konzerte. Sie spielten mehr, und die Leute kamen wieder. Die Konzerte wurden größer. Ihre Lieder wurden im Radio gespielt. Sie fuhren in ein anderes Land und spielten kleine Shows. Die Leute mochten sie und es passierte auch dort. Mittlerweile ist ihr selbstbetiteltes Debüt erschienen. Ihre vierte Tournee in diesem Jahr ist im Gange.

Die Band heißt The Temperance Movement. Sie klingen wie die Stones plus Free und The Band, gekreuzt mit den Black Crowes, und ihr Frontmann beschwört den Geist von Bon Scott mit dem Kehlkopf von Rod Stewart in den 70ern. Das muss man sich mal vorstellen.

Sie hatten ein gutes Jahr, und alles nur wegen einer Fünf-Track-EP und Mundpropaganda. Wie wird es nun wohl abgehen, da ihr Album erschienen ist?
Während Luke Potashnik der dunkelhaarige, bärtige Gitarrist der Band ist, ist Paul Sayer der blonde, bärtige (keiner von beiden scheint viel für Rasierklingen übrig zu haben). Potashnik lebt in London und genießt eine seltene freie Woche, bevor der Tourwahnsinn wieder los- geht. Aber er beschwert sich nicht.

„Gott, nein“, sagt er, „das war ein fantastisches Jahr. Wir sind wohl ziemlich ungewöhnlich darin, dass wir keinen großen Konzern-Masterplan hatten oder Förderer mit tiefen Taschen. Es fing klein an, aber wir haben alles richtig gemacht.“

Vor etwa 18 Monaten spielten The Temperance Movement Potashnik und Sayer, Sänger Phil Campbell, Schlagzeuger Damon Wilson und Bassist Nick Fyffe ihren ersten Gig im Water Rats, einem Pub in der Nähe von King‘s Cross, vor 100 Leuten. Ein Jahr spielten sie im ausverkauften The Scala gleich um die Ecke vor 1000. Im November wiederum werden sie im Londoner Koko vor mehr als 2000 Menschen stehen. Ihr selbstbetiteltes Debüt wurde vor über einem Jahr aufgenommen. „Es ist etwas seltsam, jetzt diese Songs zu hören, weil wir sie so viel live gespielt haben, dass sie ihr eigenes Leben entwickelt haben“, so Potashnik. Es ist nichts Ungewöhnliches für sie, ein Stück anzufangen und den Laden mit einer 15-minütigen Version zum Ausflippen zu bringen, die mit der auf dem Album nur wenig gemein hat. „Und genau das wollten wir“, sagt er, „dieses lose Jam-Gefühl à la Grateful Dead. Und weißt du was, ich denke, wir haben es geschafft. Wenn es funktioniert, ist es genial.“

Das Highlight des vergangenen Jahres war laut Potashnik ein Konzert in Nottingham. „Wir legten die Gitarren nieder, schalteten die Mikros aus, schnappten uns unsere Akustischen und spielten ein Stück vom Album namens ›Chinese Lanterns‹ a cappella. Nur wir fünf, ohne Anlage, vor ein paar hundert Leuten. Das haben wir seitdem öfter gemacht, aber bei diesem ersten Mal haben wir Gänsehaut bekommen.“

Das Album, aufgenommen innerhalb von vier Tagen in der Londoner Fish Factory an einem alten Mischpult, klingt wie eine neue Band, die auf alte Methoden wert legt. „Ich habe es mir in letzter Zeit viel angehört und bin immer noch stolz darauf“, sagt Phil Campbell. „Ich denke, es wird den Leuten gefallen. Denen, die zu unseren Shows kommen, gefällt es.“

Und wer kommt zu ihren Shows? Laut Campbell ist es eine Mischung. „Ich mag die Leute, die aussehen, als wären sie aus ‚Saxondale‘ [britische Comedy-TV-Serie über einen ehemaligen Roadie; Anm.d.Übers.], die alten Rocker. Sie erzählen uns in intimsten Details von den alten Bands, an die wir sie erinnern. Ich liebe das.“
The Temperance Movement sind selbst nicht mehr die Jüngsten. Potash- nik ist 31, der Rest etwa im selben Alter. Sie haben in früheren Bands ihre Fehler gemacht Drogen, Streitigkeiten, Ausraster, Ego-Bullshit. „Das haben wir alles schon durch“, so Luke. „Das heißt zwar nicht, dass wir in Zukunft keine Fehler mehr machen werden, denn ich bin mir sicher, dass wir das tun werden. Aber was ich vor allen Dingen hoffe, ist dass wir die Art von Langlebigkeit haben, die es uns erlaubt, Fehler zu machen.“ Sie haben ihre Momente auf Tour, gesteht er, aber sie sind nicht mehr so hedonistisch wie früher. Mit 30 haben sie gelernt, dass der Lifestyle nicht so wichtig ist wie der Rock‘n‘Roll.

Vor der Entstehung von The Temperance Movement war Campbell eine Art schottischer Ryan Adams, dessen brillante Soloalben irgendwie kein Gehör fanden. Seine Karriere zerfiel in einem Netz aus Drogen, Gleichgültigkeit seitens seiner Plattenfirma und Stress. Er war schon bereit, alles aufzugeben, als Potashnik anrief und plante, eine neue Band zu gründen. Heute ist Campbell der Nüchterne. „Aber das ist okay“, sagt er, „ich lasse sie einfach machen. Ich habe das alles schon getan und es lag mir nicht.“

Sie wissen, dass es nicht unbedingt die Musik ist, die einen Keil in eine Band treibt, sondern alles andere. „Man lernt unter solchen Umständen viel über Menschen und das Leben“, so Campbell. „Wir versuchen, einander Raum und Respekt zu geben, und Leute als das zu akzeptieren, was sie sind.“

Potashnik hat schon bemerkt, dass ein Kater mittlerweile einen ganzen Tag lang wie eine schwarze Wolke über ihm hängt: „Ich habe gelesen, dass jeder einen Vorrat von Enzymen oder so hat, die einem dabei helfen, einen Kater zu überstehen, und wenn man den aufgebraucht hat, war‘s das. Ich glaube, meiner ist weg“, lacht er. „Wir trinken was, aber wir sind nicht dumm. Ohne zu sehr ins Detail zu gehen, hatten wir alle so unsere Probleme, ich trank zu viel und habe das runtergefahren, weil die Show, die Musik wichtiger sind.“

Die Band respektiert Campbells Abstinenz. Sie wissen, wenn er mal einen Schritt zurück treten muss. „Man sieht ihn auf der Bühne“, sagt Luke, „und er fucking brüllt einfach nur, Mann, Lied um Lied, von hier, direkt aus seinem Herzen. Aber irgendwie brüllt er die richtigen Töne. Ich weiß nicht, wie er das macht. Er ist eine Naturgewalt. Wir sind absolut die Summer unserer Teile. Wir wären nicht dieselbe Band, wenn wir egal welches Mitglied verlören.“

LENNY KRAVITZ – Er ging, wir folgten

0

KravitzDer Superstar aus New York setzt seine Retrospektive fort. Nach LET LOVE RULE und MAMA SAID erscheint nun auch ARE YOU GONNA GO MY WAY in der „20th Anniversary Deluxe Edition“. Zeit, noch mal auf jenes Album zurück zu blicken, das ihn in die Oberliga katapultierte.

Text: Matthias Jost

Bei Künstlern, die schon so lange so fest etabliert sind, ist es immer leicht, zu vergessen, wie ihre Karriere einst begonnen hatte. Im Fall von Lenny Kravitz mit einem Paukenschlag war sein Debütalbum LET LOVE RULE in den USA noch ziemlich verhalten aufgenommen wurde, schlug es in Europa sofort ein wie eine Bombe. Wer war dieser Typ mit den dicken Dreadlocks, der seine unüberhörbaren Einflüsse von Hendrix über Curtis Mayfield und B.B. King bis zu den Stones oder Prince in seiner Person zu einem so explosiv-frischen Wind vereinte? Wie schaffte er es, so oldschool und dennoch so unglaublich richtungsweisend zu klingen? War die Masche mit dem alten Analog-Equipment wirklich so wichtig für seinen Sound? Ja, absolut. All die alten Recken des Rock‘n‘Roll hatten sich in den 80er Jahren an neuen Technologien versucht in dem Bestreben, moderner zu klingen und nicht zum Alteisen geworfen zu werden. Lenny Kravitz ging den umgekehrten Weg: ein bis dato Unbekannter, der uns daran erinnerte, dass „alt“ nicht gleichbedeutend mit „überholt“ sein musste und damit eine monumentale Retro-Welle in Bewegung setzte, die bis heute nicht abgeebbt ist.

Nach besagtem Debüt verfeinerte er die Rezeptur mit MAMA SAID, das auch in den USA langsam Fahrt aufnahm. Der Boden schien bereitet für einen weiteren großen Karrieresprung, der dann mit dem dritten Album ARE YOU GONNA GO MY WAY prompt eintrat. Edelmetall und Top-10-Platzierungen weltweit, das Video zum Titelstück, das ihn für immer als den Hippie- Derwisch mit den wehenden Haarzöpfen ins kollektive Gedächtnis der Rockwelt brannte. Von einem erwartungsgemäßen Durchbruch will der Meister allerdings nichts wissen, als er uns zu Hause auf den Bahamas Rede und Antwort steht: „Du musst dir mal ins Gedächtnis rufen, was damals so im Radio lief. Das hatte absolut nichts zu tun mit dem, was ich machte. Sicher, mit meinen ersten beiden Alben hatte ich schon einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht, vor allem bei euch in Europa. Aber dass das so durch die Decke gehen würde, konnte wirklich niemand erwarten. Das hat uns alle total überrascht.“

Und wie fühlt es sich nun, 20 Jahre später, an, noch mal diese Platte anzuhören, das Bonusmaterial auszusuchen und die Bildarchive zu durchstöbern? „Ich bin ja eigentlich niemand, der viel Zeit damit verbringt, über die Vergangenheit nachzudenken, denn man kann Geschehenes nicht ändern, man muss es einfach akzeptieren. Mich interessiert die Gegenwart und das, was ich als nächstes machen werde. Und ich höre mir auch nie meine alten Alben an, außer, wenn ich mal einem Bandmitglied auf Tour zeigen muss, wie genau ich irgendetwas damals gespielt hatte. Aber es war schon schön, mich wieder mit dieser Phase zu beschäftigen und sie noch mal aus der Distanz zu durchleben. Das war schließlich eine ziemlich wilde Zeit!“ Womit er nicht auf seine in jenem Jahr finalisierte Scheidung von Lisa Bonet anspielt, sondern eher den Wirbelwind eines Lebens auf konstanter Welttournee und die Ereignisse im Studio: „Zum einen war da die Tatsache, dass ich bei diesem Album nicht mehr alle Instrumente selbst spielte, sondern mir erstmals Musiker zu den Aufnahmen holte. Es war zum Beispiel das erste Mal, das Craig Ross im Studio dabei war. Ihn hatte ich auf der MAMA SAID-Tour kennengelernt und er ist bis heute in meiner Band. Es war also ein sehr wichtiges Erlebnis, mit ihm zu arbeiten. Und dann war da der Toningenieur Henry Hirsch. Wir sind beide ziemlich intensive Menschen, und da war eine tolle Energie im Raum. Wir sind auch oft mächtig aneinander geraten, Türen knallten und es wurde geschrien, aber aus dieser Reibung entstand etwas Wunderbares.“

Keine Frage. Hört man sich ARE YOU GONNA GO MY WAY heute an, klingt es alles andere als angestaubt. Ob die entfesselte Dynamik des Titelstücks, die beseelte Euphorie von ›Believe‹, die introspektiven, beinahe rohen Klänge von ›Sister‹ und ›Sugar‹ oder das grandios bewegende Instrumental ›Blood/Papa (A Long And Sad Goodbye)‹, das sich bei den Demos auf Disc 2 findet: Alles könnte auch heute genau so erscheinen, ohne verstaubt zu klingen. Was letztlich beweist, wie dieses Album die Musiklandschaft beeinflusst hat. Ist es eine Genugtuung für Lenny, dass dieser Ansatz, traditionelle Klänge in die Moderne zu übersetzen, so gezündet hat? „Ich weiß nicht, ob Genugtuung das richtige Wort ist, aber es ist natürlich schön, zu sehen, dass das so positiv aufgenommen wurde und etwas bewegt hat. Ich habe diese Platte ja nicht gemacht, weil ich auf größtmöglichen Erfolg geschielt habe. Das hat mich in meiner ganzen Karriere noch nie beeinflusst. Ich will einfach nur so ehrliche Musik wie möglich machen. Und da ich die völlige kreative Kontrolle hatte, gab es auch niemanden, der mir reinredete oder sagte, ich sollte vielleicht mit diesem oder jenem angesagten Producer oder Künstler zusammenarbeiten, um das Hitpotenzial zu steigern. Und folglich auch niemanden, der mich dazu drängte, das Erfolgsrezept von MAMA SAID zu wiederholen. Das kann man ohnehin nicht tun, ich wüsste gar nicht, wie das geht. Und überhaupt: Wenn man versucht, etwas zu reproduzieren, ist man doch schon viel zu spät dran damit, oder? Ich habe immer nur versucht, nach vorne zu blicken und mich auszudrücken.“

Man kauft ihm diese Aussage ab, denn jeder, der Lenny Kravitz schon mal live auf der Bühne erleben durfte, vor allem in seinen Anfangstagen, weiß, dass man es hier mit einem absoluten Vollblutmusiker zu tun hat. „Danke, dass du das sagst, denn genau darum geht es mir. Die Millionen verkauften Platten, die ausverkauften Konzerte, die Grammys…all das habe ich damals überhaupt nicht richtig wahrgenommen und verarbeitet, weil ich immer nur in meiner kleinen musikalischen Welt in meinem Kopf lebte und mich auf nichts anderes konzentrierte. Das ist bis heute so. Gerade letzte Woche habe ich mein neues Album fertiggestellt, das nächsten Frühling erscheint. Ein Album wie ich es noch nie gemacht habe, sehr Rock‘n‘Roll, sehr ungeschliffen. Aber versteh mich bitte nicht falsch: Ich bin sehr, sehr dankbar für meine Karriere. Wenn man eine gewisse Gabe erhalten hat und sie einsetzt, ist das toll. Wenn man damit dann auch noch Erfolg hat, ist das umso besser. Wenn du jedoch keinen Erfolg hast, aber dich ehrlich ausgedrückt hast, dann ist das immer noch wunderschön!“

THE FLOWER KINGS >>Ich bin nicht Bono<<

0

The Flower Kings 2012 (3)

Mit ihrem neuen Studioalbum DESOLATION ROSE widmen sich die schwedischen Progrocker The Flower Kings dem Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich. Frontmann Roine Stolt erläutert die Parameter.

Text: Matthias Mineur

Roine Stolt sorgt sich um den Zustand der Welt. Alles sei aus der Balance geraten, findet er. Vor allem die Verteilung von Reichtum und Nahrungsmitteln, von Medikamenten und ärztlicher Versor­gung sei so ungerecht wie nie zuvor. Und dann die vielen Kriege, die Vertreibung zig­ tausender Menschen, die Zerstörung ganzer Landstriche, all das Elend. Deshalb hat der Gitarrist, Sänger und Keyboarder der schwe­dischen Progrocker The Flower Kings darüber ein Album geschrieben. Es heißt DESOLA­ TION ROSE, erscheint Ende Oktober und kleidet seine kritische Bestandsaufnahme in wunderbar epische Prog­Rock­Songs, in denen entsprechend ihrem ambitionierten Thema aber auch die notwendigen Widerha­ken und Antagonismen nicht fehlen dürfen. Exemplarisch für die gelungene Verquickung von Musik und Botschaft steht der Song ›White Tuxedos‹. Schroffer als gewöhnlich singt Stolt hier mit verzerrter Stimme, dazu platzieren die Flower Kings zu Beginn und zum Ende des Stückes Ausschnitte einer Rede von Richard Nixon sowie Geräusche vom unsäglichen Vietnam­Krieg der USA. Stolt: „Der Song steht stellvertretend für einen der wohl überflüssigsten Kriege aller Zeiten, ist aber im Grunde genommen ein Gleichnis. Die Geschichte, die wir erzählen, hätte auch aus dem Irak, aus Afghanistan oder Afrika stam­men können.“

Nur knappe 18 Monate haben sich die Flower Kings Zeit gelassen, bevor nun mit DESOLATI­ ON ROSE der direkte Nachfolger der 2012er­ Scheibe BANKS OF EDEN in die Geschäfte kommt. Von ihrem 1995er­Debüt bis zur elften Scheibe hatte die Band zuvor nahezu jedes Jahr ein neues Studioalbum vorgelegt und sich eine treue Fangemeinde rund um den Globus erspielt. Zwischen 2007 und 2012 legte die Band jedoch eine ungewohnt lange Pause ein (Stolt: „Wir hatten das Gefühl, dass unsere Fans mal etwas Abstand von den Flower Kings benötigen und sich andere Bands anhören soll­ten“), um nun aber offenbar wieder zur bisheri­gen Veröffentlichungstaktung zurückzukeh­ren. „Generell herrscht bei uns ein sich immer wiederholender Kreis aus Album, Promotion, Tour, Album“, erklärt Stolt, „und mit Ausnah­me der Pause nach 2007 ergibt sich daraus ein ganz natürlicher Arbeitsrhythmus. Natürlich variiert dieser immer ein wenig, ist letzten Endes abhängig von der Länge der Tourneen. Denn verständlicherweise wollen wir jedes Album so lange wie möglich live spielen. Kon­zerte sind für uns immer der angenehmste Teil des Musikerdaseins. Andererseits freue ich mich nach den Konzerten dann auch wieder jedes Mal auf die erneute Aufnahme der kreati­ven Arbeit.“

Das diese in einem festen, sich nicht grundlegend verändernden stilistischen Rah­men stattfindet, ist laut Stolt der großen Zuneigung aller Beteiligten zum Sound der 70er geschuldet. „Dass wir so klingen wie wir klingen hat ja seine Ursache“, erläutert er, „denn wir lieben nun einmal diese progressi­ven Gitarrenparts, die schweren Orgelklänge, die Streicher, die Synthesizer. Man mag dies als Prog­Rock­Stereotype bezeichnen, aber es ist halt genau das, was uns selbst am besten gefällt. Radikale Änderungen wird man bei den Flower Kings nicht erleben, wir werden auch nie unsere Instrumentierung grundle­gend verändern. Man wird auf unseren Alben kein Banjo, keine Ukulele, keine Trompete und auch keine Kastagnetten finden. Irgend­ wie sind wir Gefangene unserer Instrumente, was aber auch einen positiven Effekt hat: Man findet keine andere Band, die so klingt wie die Flower Kings.“
Wohl wahr. Dass es auf DESOLATION ROSE dennoch zu marginalen Neuerungen kommt siehe oben: Beispiel ›White Tuxe­dos‹ hat eher organisatorische Gründe. Normalerweise sei das gesamte Material geschrieben und arrangiert, bevor die Band ins Studio geht, erzählt Stolt. Diesmal jedoch verfolgten die Musiker bewusst ein etwas
anderes Konzept. „Als die Produktion im Frühsommer losging, waren große Teile der Kompositionen nur rudimentär ausgearbei­tet. Wir ließen absichtlich vieles offen, damit sich im Gegensatz zu früher alle Bandmit­glieder künstlerisch einbringen konnten. Das war für uns natürlich auch ein kleines Risiko, weil wir vorher nicht wussten, ob genau das Resultat entsteht, das wir uns vorgestellt hat­ten. Aber ohne dieses Konzept wären sicher­lich nicht so interessante Nummern wie ›Dark Fascist Skies‹, ›Sleeping Bones‹, ›The Resurrected Judas‹ oder ›Lazy Monkey‹ von der Bonus­CD entstanden. ›The Resurrected Judas‹ beispielsweise wurde aus drei völlig unterschiedlichen Teilen zusammengefügt. Und für ›White Tuxedo‹ existierte anfangs noch überhaupt kein Text, als Jonas (Reingold, Bassist der Band, Anm. d. Verf.) mit dieser Idee ankam.“

Doch da Stolt bereits vorher festgelegt hatte, dass er diesmal seinem Auftrag als Künstler gerecht werden und sich dem heik­len Thema der globalen Ungerechtigkeit zwischen Armut und Reichtum annehmen wollte, waren auch die passenden Worte für diesen Song schnell gefunden. „Fast der gesamte Reichtum dieser Erde befindet sich in den Händen ganz weniger Menschen, und damit auch nahezu die vollständige politische Macht“, schimpft Stolt. Man dürfe sich nicht von den Nachrichten im Fernsehen blenden lassen, in denen es überwiegend um die reichen Länder dieser Erde gehe. „90% der Erdbevölkerung sind bettelarm. Millionen Menschen sind krank, ungebildet, perspektivlos. Aber was kann man als Ein­zelner dagegen tun?“

Für den schwedischen Musiker ist genau dies die essentielle Frage der Gegenwart und damit auch das vorherrschende Thema auf DESOLATION ROSE. Er sagt: „Ich bin nicht blöd, ich weiß, dass ich die Welt nicht alleine retten kann. Aber irgendetwas kann jeder dazu beitragen, wenn er bei sich selbst anfängt. Jeder sollte die Augen offen halten, um zu verstehen, wie andere Menschen leben. Man kann dem Bettler auf der Straße ein paar Euro, etwas zum Essen oder Kleidung geben. Das sind natürlich nur winzige Schritte, aber wenn viele Menschen sie unternhemen, wird sich etwas für die Armen ändern. Man sollte all diese Themen offen diskutieren. Man sollte Politiker über Internet und Chat­Foren danach fragen, was sie gegen derartige Ungerechtigkeiten tun. Und als Künstler kann man darüber Songs schreiben und damit vielleicht Menschen wachrütteln oder sie für solche Themen sensibilisieren. Ich bin zwar nicht Bono, aber ich will zumindest versuchen, einen kleinen Beitrag zur Verbesserung der Lage beizusteuern.”

STONE TEMPLE PILOTS – Zu alt für diesen Scheiß

0

Stone_Temple_Pilots_2010 (1)
Wahren Grunge-Puristen sind sie wegen ihres kommerziellen Ansatzes stets ein Dorn im Auge gewesen. Aber Stone Temple Pilots haben auch nach 20 Jahren noch immer eine große Anhängerschaft und mit Linkin-Park-Sänger Chester Bennington eine spektakuläre Neuverpflichtung in ihren Reihen. Gitarrist Dean DeLeo berichtet begeistert von der laufenden US-Tour.

Text: Jörg Staude

Rückblick: Am 9. September 1993 spielen die Stone Temple Pilots während ihres zweiten Deutschlandbesuches innerhalb eines Jahres erneut in Frankfurt. Das Debüt CORE ist im Jahr zuvor auf den Markt gekommen, mit seinem an Pearl Jam und Soundgarden angelehnten Grunge-Sound hat das Quartett aus dem südkalifornischen San Diego trotz wenig guter Kritiken seitens der Medien den Zeitgeist des Mainstream getroffen. Die Music Hall ist dementsprechend rappelvoll. Einige amerikanische Soldaten auch. Die Muskelmänner hüpfen auf der Bühne herum und werden in regelmäßigen Abständen von den Ordnern wieder herunterbefördert. Diese Form von interaktiver Publikumsbeteiligung, als „Stagediving“ in die Rockhistorie eingegangen, erfreut sich Anfang der 90er äußerster Popularität. Solange nichts passiert, wird es geduldet. Aber als sich einer der Ami-Kanten Scott Weilands Megaphon „aus- leihen“ will, rastet der Sänger aus und schlägt zu. Die Ordner können schlichten, das letzte Konzert der Europa-Tour wird fortgesetzt.

Zwanzig Jahre später kann STP-Gitarrist Dean DeLeo über diesen Vorfall nur lachen. „Ich erinnere mich genau an diesen Abend. Da waren diese Marines, mit freien Oberkörpern, die Scott wahnsinnig auf die Nerven gingen, weil sie dauernd bei der Show mitmachen wollten.“ Auch wenn es der einzige negative Vorfall während der Tour bleiben sollte, die doch sehr aggressive Reaktion des damaligen Frontmanns Scott Weiland ist im Nachhinein betrachtet so etwas wie ein Warnsignal gewesen. Das muss auch DeLeo zugeben. „Eigentlich lief es nur beim ersten Album relativ ruhig. Das war aber auch das einzige Mal. Von da an war es schwierig. Wenn Drogen die Persönlichkeit verändern, geschieht das in den meisten Fällen nicht zum Positiven.“

Dabei ist die Geschichte der Band keine Geschichte voller Missverständnisse, sondern eher ein Paradebeispiel dafür, welche Auswirkungen Erfolg und Misserfolg auf ein Bandgefüge haben können.

Ende der 80er lernen sich Sänger Scott Weiland und Bassist Robert DeLeo auf einem Black-Flag-Konzert in Long Beach/Kalifornien kennen. Die Gerüchte, dass sie beide dieselbe Freundin haben, kann Roberts älterer Bruder Dean heute nicht bestätigen, aber auch nicht verneinen. „Es könnte sein, ich weiß das nicht genau.“ Klingt aber natürlich in einer Biographie wesentlich interessanter. Nach der Gründung der Band Swing und der Hinzunahme von Dean und Drummer Erik Kretz benennen sie sich in Mighty Joe Young um, um allerdings nach Abschluss eines Plattenvertrags festzustellen, dass bereits ein Bluesmusiker mit demselben Namen existiert. Inspiriert durch STP, das Kürzel einer bekannten Motorölfirma, geben sie sich zunächst den obszönen Namen Shirley Temple’s Pussy, nach Intervention der neuen Plattenfirma werden sie zu Stone Temple Pilots.

Deren Debüt CORE erscheint Ende 1992 in der Hochzeit des Grunge. Nach den Charterfolgen von Nirvana, Soundgarden, Alice In Chains und vor allem Pearl Jam sowie dem ungeheuren Hype, den die vier Bands aus Seattle weltweit auslösen, gelingt es dem Quartett ohne große Anstrengung, sich ebenfalls einen Namen zu machen. Auskopplungen wie ›Sex Type Thing‹, aber vor allem Midtempo-Nummern wie ›Plush‹ und ›Creep‹ werden Hits, CORE erreicht Platz 3 der US-Billboard- Charts, verkauft sich bis heute acht Millionen mal in den USA. Touren mit unterschiedlichen Bands wie den neuen Crossover-Ikonen Rage Against The Machine und den Heavy Metallern von Megadeth folgen, eine MTV-Unplugged-Aufzeichnung bringt Ende 1993 den endgültigen Durchbruch.

Nach dem Nummer 1-Album PURPLE (Juni 1994) und den Hitsingles ›Vasoline‹, ›Interstate Love Song‹ und ›Big Empty‹ sind weitere drei Millionen Einheiten unters Volk gebracht, aber die Chemie innerhalb der Band stimmt nicht mehr, da Weiland sich immer öfter zu tagelangen Drogeneskapaden hinreißen lässt. In seiner Biographie von 2011 gibt er zu, schon mit elf Jahren seinen ersten Joint geraucht zu haben. Das dritte Album TINY MUSIC… SONGS FROM THE VATICAN GIFT SHOP (1996) hat nicht mehr viel mit dem kommerziellen Grunge der ersten beiden Werke zu tun, die DeLeo-Brüder leben ihre Vorliebe für den britischen Psychedelic und Glamrock-Sound der 60er voll aus. Bei den bis dato eher skeptischen Kritikern, die STP klassische Wellenreiterei vorwerfen, kommt diese Kehrtwendung gut an, bei den Fans fällt sie durch, auch weil die Band durch den unsteten Lebenswandel Weilands nicht in der Lage ist, ausgiebig zu touren.

In der anberaumten Pause entschließen sich die beiden Brüder, mit Ten-Inch-Men-Sänger Dave Coutts eine neue Formation namens Talkshow zu gründen. 1997 erscheint das gleichnamige, sehr poppige Debüt, von dem Dean DeLeo aber heute noch recht angetan ist. „Wir hatten so viel Spaß bei dieser Platte, aber niemand wollte sie kaufen.“ Trotz Support-Touren mit den Foo Fighters und Aerosmith bleibt es bei diesem (ersten) Versuch ohne Weiland.

Der wiederum landet mit seinem Solo-Erstling 12 BAR BLUES ebenfalls auf dem Boden der Tatsachen, eine Reunion folgt auf dem Fuße. Mit IV (1999) sind die alten Markenzeichen wieder da. Die Single ›Sour Girl‹ mit dem dazugehörigen Video und seiner Hauptdarstellerin Sarah Michelle Gellar (bekannt aus „Buffy The Vampire Slayer“) und eine Tour mit den Red Hot Chili Peppers lassen eine Million Fans zugreifen. Aber nach dem fünften Album SHANGRILA DEE DA (2001) scheint auch dieses Comeback wieder zu versanden.

Allerdings freunden sich die DeLeo-Brüder auf der „Family Values“-Tour mit den Newcomern Linkin Park an, eine Begegnung, die erst über ein Jahrzehnt später Folgen haben wird. Dean DeLeo: „Wir haben Chester damals kennen und schätzen gelernt. Der Kontakt ist niemals abgebrochen.“

Zunächst aber sind STP erneut Geschichte. Im Umfeld der aktuellen Nu-Metal-Welle um Korn, Limp Bizkit und eben Linkin Park wirkt ihre Musik eher antiquiert. 2002 gibt es eine erneute Pause. 2004 steigt Weiland bei den als Super- gruppe titulierten Velvet Revolver ein. Während der Interviews zum Hardrockalbum CONTRABAND im Frühjahr 2004 im Hollywood-Hotel Chateau Marmont wird auch dem anwesenden Autoren dieser Geschichte klar, dass der selbsternannte Rockstar so gar nicht zu den eher bodenständigen Ex-Guns N’Roses-Mitgliedern Slash, Duff McKagan und Matt Sorum passt. Weiland drückt sich sonnenbebrillt um vernünftige Antworten, was besonders Slash auf- regt. Nach einem weiteren Album namens LIBERTAD (2007) trennen sich wie erwartet die Wege. Je nach dem, wen man fragt, ist Weiland selbst ausgestiegen oder rausgeschmissen worden.

In der Zwischenzeit versuchen es die Gebrüder DeLeo zum zweiten Mal mit einem anderen Sänger: Mit Richard Patrick, dem Frontmann der Industrial Rockband Filter (u.a. ›Take A Picture‹) und dem Session-Drummer Ray Luzier (u.a. David Lee Roth) veröffentlichen sie ein wohlgelittenes Album unter dem Namen ARMY OF ANYONE (2006), bevor auch hier 2007 wegen Erfolglosigkeit der Vorhang fällt.

„Mit Richard hat es super funktioniert“, bilanziert Dean DeLeo. „Vielleicht aber hatte der Sound der Platte nicht genau das, was Filter und STP-Fans hören wollten. Aber wir sind noch immer gute Freunde. So gut, dass wir zurzeit sogar zusammen auf US-Tour sind. Chester und ich stehen jeden Abend an der Bühne und spielen Luftgitarre.“

Zurück in 2008: Es folgt eine dritte Reunion und eine sechsmonatige Tournee. 2010 erscheint mit der sechsten, selbstbetitelten und gelungenen CD ein neues Lebenszeichen. STONE TEMPLE PILOTS gelangt auf Anhieb auf Platz 2 der US Charts, das Comeback scheint geglückt, aber auf der folgenden Tour mehren sich die Probleme: Weilands Stimme leidet unter seiner Drogensucht, Termine wer- den nicht eingehalten, Konzerte müssen gekürzt oder ganz abgesagt werden. In die Planungen zum 20. Jubiläum von CORE platzt im Dezember 2012 die Nach- richt, dass Weiland gefeuert sei. Slash plaudert in einem Radiointerview allzu offenherzig. Aber der endgültige Split erfolgt erst im Februar 2013.

Seitdem gibt es offiziell zwei Versionen der Band. Und auch mehrere Anwälte, die sich um Namensrechte streiten. Ende offen. Dean DeLeo berührt das aber nicht weiter, denn mit dem Neuzugang Chester Bennington ist endlich wieder die Ruhe eingekehrt, die der Gitarrist so sehr liebt. „In meinem Alter habe ich keine Zeit für kindisches Benehmen, um es vorsichtig auszudrücken. Ich bin zu alt für diesen Scheiß! In meinem Umfeld brauche ich Respekt und Produktivität, Menschen, die sich umeinander kümmern und sich umsorgen. Das mag sich jetzt alles nach Liebe- und Blumen-Klischees anhören, aber am Ende wollen wir das doch alle, oder?“

Klingt nach Friede, Freude, Eierkuchen, aber das erste Lebenszeichen der „neuen“ Version von STP, wie sie beworben wird, gibt auch allen Anlass dazu. HIGH RISE enthält fünf Songs, wie maßgeschneidert für Chester Bennington. Es habe auch nur diesen einen Kandidaten gegeben, bekräftigt DeLeo. „Chester ist der perfekte Mann für uns, sowohl menschlich betrachtet als auch von seinen musikalischen Fähigkeiten her.“

Schon bei der ersten gemeinsamen Probe im Frühjahr 2013 entsteht ›Out Of Time‹, die erste Single. Aus dem Gerüst, das Robert DeLeo entworfen hat, bastelt die neue Formation innerhalb eines Tages den kompletten Song. Statt sich wie sonst üblich erst einmal durch älteres Songmaterial zu spielen, sei die „Chemie sofort dagewesen“. Der Linkin Park-Sänger muss auch nicht überzeugt werden, sondern stellt umgehend klar, dass er nicht nur einsteigen würde, um den „ollen Kamellen“ neues Leben einzuhauchen. „Als Musiker merkst du instinktiv, wenn eine produktive Verbindung zu anderen besteht“, schwärmt DeLeo weiter von seinem neuen Sänger. „Es war klar, dass hier etwas Großes entstehen kann. Also haben wir uns an die Arbeit gemacht.“

DeLeo ist ein Vollblutmusiker wie er im Buche steht, und wenn er über seine Leidenschaft spricht, dann bricht es aus ihm heraus. Die Adjektive „amazing“ und „awesome“ fallen oft, auch die neu gewonnene Freiheit ist „unbelievable“. „Statt in einem teuren Hollywood-Studio haben wir die Stücke in Roberts Keller aufgenommen. Man kann über die technische Entwicklung und ihre Auswirkung auf die Musikindustrie durchaus eine kontroverse Meinung haben, aber für uns als Künstler ist sie eine Bereicherung. Denn wir sind ein Stück weit unabhängiger.“

Die Schnelligkeit, mit der die EP zustande kommt, erstaunt selbst den erfahrenen Profi. Er berichtet stolz von dem „magischen Moment“, in dem er die Ballade ›Tomorrow‹ komponierte: „Als hätte mir jemand eine Antenne in die Gitarre gebaut.“ Auch ›Same On The Inside‹, eines der besten Stücke, das die Foo Fighters nie geschrieben haben, dauert nur Minuten bis zur Vollendung. Nicht nur das Solo darin begeistert durch seinen altmodischen Classic-Rock-Ansatz, auch die Beatles/Oasis-Hommage ›Black Heart‹ greift zurück auf die guten alten Zeiten. Grund dafür ist eine Woche, die er so schnell nicht vergessen wird: „Peter Frampton ist schuld!“, lacht er. „Kurz bevor wir die letzten Sessions und auch die Soli aufnehmen wollten, rief er an und lud mich ein. ‚Frampton’s Guitar Circus‘ ist eine Summer-Tour durch die USA, mit verschiedenen Gitarristen, darunter solche Legenden wie BB King, Joe Walsh von den Eagles und Steve Lukather von Toto. Ich durfte also eine Woche lang nicht nur mit den besten Gitarristen wie Andy Summers von The Police spielen, ich musste viel Frampton hören und lernen. Das färbt ab, ob man will oder nicht.“

Der neu gefundene Enthusiasmus habe sich sehr schnell auf die anderen drei übertragen und deshalb sei das Ganze so gut geworden, analysiert er. Die unterschiedlichen musikalischen Ansätze auf HIGH RISE sind beileibe kein Zufall, sondern pure Absicht. Der Vorwurf der Kritiker, speziell während ihrer kommerziell erfolgreichsten Phase Anfang bis Mitte der 90er, die Stone Temple Pilots seien nur im Stande, andere zu kopieren, muss tief getroffen haben. Denn sonst würde DeLeo nicht mehrmals ungefragt betonen, sie hätten „spätestens seit dem dritten Album“ gezeigt, dass sie durchaus in der Lage seien, „zeitlose Rocksongs zu schreiben, die nicht nach Schema F klingen.“

Und wo früher der unberechenbare Faktor Scott Weiland der Band viele Möglichkeiten versperrte, steht nun ein Sänger, dem man nun wahrlich nicht vorwerfen kann, er suche nur nach einer weiteren Chance, im Rampenlicht zu stehen. Linkin Park gehören seit ihrem Erstling HYBRID THEORY (2000) mit über 60 Millionen verkauften Alben weltweit zu den erfolgreichsten Rockbands der letzten Jahre, auch wenn die letzten beiden Veröffentlichungen, Album Nummer Vier (A THOUSAND SUNS, 2010) und Nummer Fünf (LIVING THINGS, 2012) deutlich von elektronischen Experimenten Marke Radiohead und Nine Inch Nails dominiert wurden. Als jemand, der nach eigener Aussage mit den Stone Temple Pilots aufwuchs, hat Bennington, „als sich die Gelegenheit andeutete, mit den Jungs kreativ zu werden“, diese Chance sofort wahrgenommen.

Wann die neue Besetzung nach Europa kommen wird, ist noch ungewiss, man plant eventuell eine komplette Tournee oder aber einige Festivalauftritte für den Sommer 2014. Chester Bennington wird ab jetzt also zwei hauptamtliche Jobs haben, denn auch Linkin Park haben weitere Projekte in petto. „Aber das ist kein Problem, er ist in der Lage, sich in beiden Bands mit Herzblut zu engagieren“, verspricht DeLeo.

Wenn man aber die chaotische Version von STP noch einmal begutachten möchte, reicht ein kurzer Blick in die DVD zur Best Of-Scheibe THANK YOU aus dem Jahr 2003: Dort in der Bootleg-Sektion hat DeLeo den denkwürdigen Auf- tritt vom September 1993 aus Frankfurt verewigt. „Ich habe ›Dead & Bloated‹ ausgesucht. Das ist echt lustig anzuschauen.“

STATUS QUO

0

Status-Quo_Press-Pictures_21

Was noch vor wenigen Jahren als undenkbar galt, wurde im März 2013 bei neun ausverkauften Shows Realität: eine Wiedervereinigung der klassischen Besetzung von STATUS QUO. Wie kam es Anfang der 80er überhaupt zum Zerwürfnis? Und wie vor zwei Jahren zur Versöhnung? Und noch eine wichtige Frage: Wird es eine Fortsetzung der „Frantic Four“-Konzerte geben? Zu all diesen Themen beziehen die vier Beteiligten in CLASSIC ROCK ausführlich Stellung.

Text: Matthias Mineur

Den Pulitzer-Preis wird Francis Rossi wohl nicht bekommen, aber der sarkastische und zugegeben nicht ganz jugendfreie Humor und die Selbstironie, mit denen der Status-Quo-Chef einst die Möglichkeiten eines Comebacks der klassischen Besetzung bewertete, sind wahrlich druckreif: „Die Chancen stehen in etwa so gut wie die, seinen Schwanz in den eigenen Arsch schieben zu können unmöglich!“ Okay, diese Äußerung ist reichlich 20 Jahre her, aber sie dokumentiert, wie verhärtet die Fronten Anfang der 90er waren. Im Herbst 2013 sieht die Situation gänzlich anders aus: Noch immer kann sich Rossi zwar nicht seinen … na, sie wissen schon … aber das Comeback von Status Quo hat stattgefunden. Und irgendwie steht momentan sogar eine Fortsetzung der Feierlichkeiten im Raum. Man kann es kaum glauben.

Francis Rossi, Rick Parfitt, Alan Lancaster und John Coghlan, diese vier waren bis Anfang der 80er Status Quo, oder intern auch The Frantic Four, wie die Band 1977 auf ihrem ersten Livealbum angekündigt wurde. Ende der 70er befand sich das britische Quartett auf seinem ganz großen Höhenflug, füllte mühelos die größten Hallen und landete Hit an Hit. Geschmeidig war in den Jahren zuvor der Übergang von einer eher braven Popband zur Boogie-angetriebenen Rockgruppe gelungen. ›Pictures Of Matchstick Men‹ gehörte unwiderruflich der Vergangenheit an, ab 1972 schoss die Band aus allen Rohren: ›Down Down‹ war Quos erster Nummer-1-Hit in ihrer Heimat England, nur wenig später belegte das dazugehörende Album ON THE LEVEL ebenfalls die absolute Spitzenposition. Auch Songs wie ›Caroline‹ und ›Roll Over Lay Down‹ zeigten unmissverständlich die neue Richtung, in der lange Haare und Jeans, laute Gitarren und raue Riffs, aber auch wilde Partys, Alkohol und Drogen zu regieren begannen und die Atmosphäre zwischen den vier Musikern sukzessive verschlechterten.

Anfang der 80er war die Stimmung innerhalb der Band bereits nahe dem Nullpunkt angekommen. Schlagzeuger John Coghlan hatte als erster die Nase voll. Während der laufenden Produktion zu NEVER TOO LATE feuerte er in einem Schweizer Tonstudio, in dem die Band gerade arbeitete, mehrmals wütend die Drumsticks quer durch den Aufnahmeraum, bis Francis Rossi entschied: „Du bist raus! Endgültig!“ Rossi meinte es ernst und hatte innerhalb kürzester Zeit mit Pete Kirchner auch schon einen Ersatzmann gefunden. Der Mythos der eingeschworenen Gemeinschaft war damit nur noch Legende.

Umso mehr, als 1985 nach dem spektakulären Auftritt im Londoner Wembley Stadion anlässlich des Live-Aid- Spektakels auch Bassist Alan Lancaster die Band verließ. Zwischen ihm und Rossi hatte es länger schon gekriselt. Nach Lancasters Ausstieg schienen Status Quo am Ende zu sein, zumal auch Rossi keine Lust mehr hatte und sich als Solokünstler (Single: ›Jealousy‹) versuchte. Erfolglos. Als sich dann Vertigo, die Plattenfirma der Band, meldete und auf Einhaltung eines Vertrags pochte, der ein weiteres Status-Quo-Album vorsah, entschieden Rossi und Parfitt, ihre beiden ehemaligen Weggefährten Lancaster und Coghlan außen vor zu lassen. Stattdessen heuerten die beiden Quo-Gitarristen zur Komplettierung ihrer neuen Besetzung Bassist John Edwards und Schlagzeuger Jeff Rich an. Der in Australien lebende Alan Lancaster tobte und erwirkte einen richterlichen Beschluss, dass die neu- formierte Gruppe den legendären Namen nicht tragen dürfe. Kurzzeitig schien eine Fortsetzung von Status Quo gefährdet, aber Rossi und Parfitt legten Berufung ein und bekamen Recht.

Gleich ihr erster Versuch in neuer Konstellation war ein Millionenseller: IN THE ARMY NOW, dessen Titelsong, eine Covernummer aus der Feder des niederländischen Produzentenduos Bolland & Bolland (das Original erschien 1981), die Hitparaden hochschoss. Bis heute darf das Stück auf keiner feuchtfröhlichen Fete fehlen. Logisch, dass sich Rossi und Parfitt in ihrer Entscheidung bestätigt fühlten und in den kommenden fast 25 Jahren nur wenig Interesse an einer Wiederbelebung der Originalbesetzung hatten wobei Originalbesetzung eigentlich nicht ganz korrekt ist, denn zu der gehörte Ende der 60er Jahre auch Keyboarder Roy Lynes, der 1970 ausgestiegen war.

Rossis und Parfitts Einstellung änderte sich im Herbst 2011, als sich die vier ehemaligen Freunde erstmals wieder trafen, um an HELLO QUO teilzunehmen, einer Filmdokumentation über ihre eigene Karriere. Der zweieinhalbstündige Streifen erzählt in enger Zusammenarbeit mit den Bandmitgliedern die 50-jäh- rige Geschichte der englischen Rocklegende, von den ersten Anfängen als Schülerband bis in die Gegenwart hinein. Bei ihrem ersten Treffen nach über 30 Jahren kam es sogar zu einer kurzen Jamsession, die sofort Gerüchte schürte, dass es irgendwann tatsächlich noch einmal zu einem Comeback der Frantic Four kommen würde. Am 22. Oktober 2012 hatte HELLO QUO seine Premiere am Londoner Leicester Square, und siehe da: Plötzlich waren mit Rossi, Parfitt und Coghlan zumindest drei der vier Musiker auch öffentlich wieder friedlich vereint.

Rossi und der gesundheitlich angeschlagene Lancaster hatten sich zwei Jahre vorher in Australien ausgesprochen und ihre Animositäten beigelegt. Danach traf sich Rossi auch mit Lancasters Bruder, seiner Cousine und sogar mit der Mutter des früheren Quo-Bassisten: „Ich musste sie einfach wiedersehen, all diese wundervollen Menschen. Scheinbar musste ich erst 60 werden, um zu verstehen, wie sehr ich sie all die Jahre vermisst hatte. Leider konnte ich Alans Vater, der vor einigen Jahren verstorben ist, nicht mehr treffen.“

Die Teilnahme an der Filmdokumentation, vor allem aber die kurze Jamsession im November 2011 in einem Studio in Shepherd’s Bush, sorgten letztendlich dafür, dass im März 2013 etwas stattfand, worauf nicht einmal die treuesten Fans zu hoffen gewagt hatten: Neun Konzerte der klassischen Status Quo-Besetzung. Zwei Shows am 15. und 16. März 2013 im Londoner Hammersmith Apollo wurden mitgeschnitten und stehen seit Ende September unter dem Titel BACK 2 SQ1–LIVE AT HAMMERSMITH in den Plattenregalen. Auch wenn das spielerische Niveau mitunter zu wünschen übrig lässt und speziell Rossi mit der Menge an kleinen Ungereimtheiten und missglückten Einsätzen nicht so recht glücklich ist („Vieles von dem, was wir auf der Bühne geboten haben, war für meinen Geschmack zu unausgereift. Es gab Momente, in denen ich dachte: Mein Gott, klingt das schrecklich!“), hat er generell einen Schlussstrich unter die Zerwürfnisse der frühen 80er gezogen: „Ich finde den Gedanken unerträglich, dass Alan von seinen Anwälten damals regelrecht verarscht wurde. Sie ließen ihn glauben, dass man uns auf 30 Millionen englische Pfund Schadensersatz verklagen könnte. Der arme Bastard wurde schamlos ausgenutzt.“

Interview mit Rick Parfitt

»Ich nenne das, was wir heute machen, Quo Light.«

Rick, weshalb hat es eigentlich so lange gedauert, bis Francis und du euch mit John und Alan versöhnen konntet?
Der Konflikt und die Missverständnisse zwischen uns waren einfach zu groß. Es war eine schreckliche Situation, über die ich lange sehr traurig war. Immerhin haben wir vier unsere gesamte Jugend miteinander verbracht, und eigentlich ist das Leben doch viel zu kurz, um aus Freunden auf ewig Feinde zu machen.

Worin bestanden denn die Miss- verständnisse überhaupt?
Alan dachte offenbar, dass wir ihn wegen des Geldes rausgekickt hätten. Aber so etwas würden Francis und ich nie tun. Die Wahrheit ist, dass es einen Vertrag mit unserem Management gab, den Francis und ich aber nie gesehen haben. Als Alan dann seine Sachen packte, beschwerte er sich bei John, und der solidarisierte sich aus meines Erachtens falscher Loyalität mit ihm.

Es müssen aber doch noch andere Dinge zwischen euch im Raum gestanden haben, sonst hättet ihr doch 1986 stärker dar- auf gedrängt, dass Alan und John wieder mit im Boot sind.
Tatsache war, dass Francis nicht mehr mit Alan zusammenarbeiten wollte. Die beiden konnten einfach nicht mehr miteinander. Francis hatte 1984 die Nase voll und verließ die Band, damit war Status Quo am Ende. Doch ein Jahr später meldete sich unsere Plattenfirma und forderte: „Wir bekommen von euch laut gelten dem Vertrag noch ein Studioalbum.“ Wir hatten zu diesem Zeitpunkt jedoch überhaupt keine Band. Also schlug ich vor, dass John Edwards und Jeff Rich, mit denen ich mein Soloalbum RECORDED DELIVERY aufneh- men wollte, mit uns ins Studio gehen. Es funktionierte großartig und wir landeten mit IN THE ARMY NOW sofort einen riesigen Hit.

Wie war es, als ihr zur Vorbereitung der Reunion-Tour erstmals wieder mit John Coghlan und Alan Lancaster geprobt habt?
Natürlich war es eine tolle Sache, wir hatten uns so viel zu erzählen. Andererseits waren die ersten Versuche, wieder miteinander Musik zu machen, ziemlich grauenvoll. Wir merkten sofort, dass wir uns mächtig am Riemen reißen müs- sen, wenn dies nicht zur Blamage werden soll. Die Proben in der ersten Woche klangen fürchterlich, in der zweiten Woche wurde es dann etwas besser.

Warst du deshalb besonders nervös, als es dann schließlich auf die Bühne ging?
Und wie! Ich war seit ewigen Zeiten nicht mehr so aufgeregt. Dabei dachte ich, dass die Zeiten der Nervosität für mich endgültig vorbei seien. Man muss zugeben, dass die erste Show spielerisch nicht gerade die allerbeste war. Wir spielten nicht besonders tight, manche Song- Enden wurden sogar ziemlich vermurkst. Aber die Zuschauer feierten uns trotzdem, sie haben Status Quo sowieso noch nie als Pink Floyd angesehen.

Apropos: Du bist ein riesiger Fan von DARK SIDE OF THE MOON und erklärst häufig in Interviews, dass du immer noch darauf hoffst, dass Status Quo irgendwann ein ähnliches Meisterwerk gelingt.
Richtig. Oder ein Album wie HOTEL CALIFORNIA von den Eagles. Man muss sich ja immer neue Ziele setzen, sonst kann man als Musiker nicht weiterarbeiten. Und mein Ziel ist es nun einmal, eine Art Quo-Gegenstück zu DARK SIDE OF THE MOON oder HOTEL CALIFORNIA zu produzieren.

Du siehst keinen Klassiker in eurem Back-Katalog?
Oh doch, ich bin mit QUID PRO QUO (2011) oder HEAVY TRAFFIC (2002) sehr zufrieden. Und ich mag natürlich besonders unser 1973er- Album HELLO.

Damals noch in Originalbesetzung und mit mehr Rockattitüde als heute, oder?
Ja, da muss ich dir zustimmen: Die Originalbesetzung war härter, lauter und aufregender. Man kann dieses Line Up nicht reproduzieren, es waren damals einfach völlig andere Zeiten. Die originalen Status Quo waren absolut einmalig. Heute spielen wir zwar deutlich kommerzieller, wobei man aber dazu sagen muss, dass es technisch auf deutlich höherem Niveau als damals abläuft. Dennoch nenne ich das, was wir heute machen, Quo Light.

Du würdest dir also wünschen, dass es mehr als nur diese neun bisherigen Comeback-Shows geben würde. Eine Reunion- Besetzung auf Dauer?
Nein, das würde nicht funktionieren. John Coghlan und Alan Lancaster sind solch exzessives Touren, wie Francis und ich es seit vielen Jahren betreiben, gar nicht gewohnt. Das könnte nicht funktionieren. Ich würde das auch nicht wollen, denn wenn wir das versuchen, würde der Glanz dieser neun Reunion-Shows schnell verblassen. Es würde zur Normalität werden, das Außergewöhnliche wäre dann vorbei. Unsere Fans haben die Reunion-Konzerte genossen, sie sind aus allen Teilen der Welt zu diesen Shows gekommen, aber damit muss es nun auch beendet sein.

Keine einzige Fortsetzungsshow?
Ehrlich gesagt wird darüber momentan nachgedacht, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir das machen sollten. So wie es bislang lief, war alles toll, man sollte dies Konzept nicht überstrapazieren.

Welche Songs der Reunion- Konzerte hast du am meisten genossen?
Die Stücke ›Blue Eyed Lady‹ und ›April Spring, Summer And Wednesdays‹ haben wir noch nie zuvor live gespielt, das war für mich natürlich ein besonderer Spaß. Auch ›Roadhouse Blues‹ gehörte viele Jahre nicht zum Programm, und ›Junior’s Wailing‹ als Opener zu spielen hat mir natürlich auch sehr gut gefallen.

Was sind deine Ziele mit der aktuellen Status-Quo-Besetzung für die nächsten Jahre?
Ach, ich weiß nicht, irgendetwas Neues, Spannendes kommt ja immer wieder auf uns zu, sei es ein weiterer Film, irgendwelche tollen Werbekampagnen. Ich bin jeden- falls mächtig gespannt auf die kommenden Jahre.

Interview mit John Caughlin

»Ich hatte die Nase voll von den endlosen Reisen, mich ödete es an, immer wieder das gleiche Zeugs zu spielen.«

John, wie war das für dich als du nach über 30 Jahren zu Status Quo zurückkamst: ein Deja-Vu?
Es war, als wenn man alte Freunde trifft. Wir hatten 31 Jahre nicht zusammen gespielt und ich war mächtig gespannt, wie das Publikum wohl reagieren würde. Die Zuschauer waren total aus dem Häuschen, es war eine Riesensause.

Wann wurdest du gefragt, ob du bei dieser Reunion mitmachst?
Im Herbst 2012. Sie fragten mich und ich zögerte keine Sekunde. Ich wusste, dass ich es machen will, weil es eine gute Sache ist.

Kamen dabei Erinnerungen an eure Anfänge in den frühen 60ern auf?
Oh ja, absolut, als ob es gestern gewesen wäre. Wir erlebten als junge Band eine aufregende Zeit. Wir spielten Gigs, hatten einige Hits und konnten plötzlich von unserer Musik leben. Wir mussten nicht mehr frühmorgens aufstehen und zu irgendeinem langweiligen Job gehen.

Du warst Automechaniker, nicht wahr?
Richtig. Meine Eltern waren der Meinung, dass es eine gute Sache sei, aber ich hasste den Job. Er war schmierig, schmutzig, ich musste früh aufstehen und kam spät heim. Ich fand’s schrecklich und war heilfroh, als ich endlich von der Musik leben konnte.

›Pictures Of Matchstick Men‹ spielt dabei eine wichtige Rolle, oder?
Absolut! ›Matchstick Men‹ war unser erster großer Hit. Eine grandiose Sache, die uns viele wichtige Türen öffnete. Danach kamen weitere tolle Songs, aber auch Phasen, in denen es nicht ganz so gut lief: Im Anschluss an ›Ice In The Sun‹ hatten wir keinen weiteren Singlehit, und das wurde zum Problem. Also entschieden wir, unser Image zu ändern.

Mehr Rock als Pop, längere Haare…
… ja, und natürlich Jeans. Wir erfanden uns gewissermaßen neu.

Griff das Konzept sofort?
Nein, nicht sofort, aber wir waren Schwierigkeiten gewohnt. Auch in den 60ern mussten wir häufig kämpfen. Andererseits gab es damals noch all die vielen Clubs, in denen man bis zu fünf Nächte pro Woche spielen konnte. Heute gibt es so etwas nicht mehr, mittlerweile sind alle diese Clubs geschlossen.

In den 70ern kamen dann die großen Tourneen.
Es war toll, wir spielten mit Gene Pitney, mit Amen Corner und Don Partridge, irgendwie waren wir pau- senlos unterwegs. Die 70er waren völlig anders als die 60er, auch weil unser neues Image zu greifen begann und einige großartige Hits hervorbrachte.

Welches sind deiner Meinung nach die Höhepunkte dieser Ära?
Für mich sind ›Down The Dustpipe‹, ›In My Chair‹, ›Paper Lane‹, ›Caroline‹ und ›Down Down‹ diejenigen Songs, an die ich mich besonders gerne erinnere. Wir wurden rockiger, ich fand das toll.

Ihr habt den Amerikanern vorgemacht, wie Rockmusik klingen sollte.
Na ja, die Amerikaner hatten ja auch großartige Bands. Wir tourten in den Staaten mit ZZ Top und Aerosmith. Aber es stimmt, dass wir irgendwie anders klangen. Wir waren halt Engländer, die amerikanischen Bands hatten mehr dieses Blues-Ding in ihren Songs.

Warum bist du 1981 ausgestiegen?
Ich war müde von den endlosen Tourneen. Ich brauchte eine Pause und stieg aus. Ein komplettes Jahr machte ich Urlaub, bevor ich wieder Lust verspürte, etwas Neues auszuprobieren. Ich hatte von den endlosen Reisen die Nase voll, mich ödete es an, immer und immer wieder das gleiche Zeugs zu spielen, die gleichen Dinge zu machen, die ständig gleichen Tagesabläufe. 1983 war ich dann wieder voller Ideen, formierte zusammen mit Phil Lynott die Gruppe Rockers, gründete anschließend Partners In Crime und danach die Band Diesel, ein anderer musikalischer Ansatz, der sich zwar stark von dem bei Status Quo unterschied, mir aber ebenfalls riesigen Spaß machte.

Du hast Status Quo also nie vermisst?
Nein, nie.

Hattest du Kontakt zu ihnen?
Kaum. Ich fuhr mal zu einem ihrer Gigs nach Oxford, um Hallo zu sagen, aber das war’s dann auch.

Haben sie dich vermisst?
Kein Ahnung, wenn ich ehrlich sein soll. Die Fans haben mich ja immer als den besten Drummer von Status Quo bezeichnet, weil ich diesen Shuffle-Groove perfektioniert hatte. Möglicherweise nervte es sie, dass die Fans immer nach mir fragten.

Du warst also nie eifersüchtig auf ihre riesigen Erfolge.
Nicht die Spur. Ich hatte genug anderes um die Ohren, kümmerte mich um meine Familie und so weiter. Immerhin habe ich heute eine Enkelin, auch nicht schlecht, oder?

Welches Gefühl war es, als du im März wieder mit ihnen auf der Bühne standest?
Zunächst handelte es sich ja nur ein kurzes Treffen bei der Premiere von HELLO QUO im Londoner Leicester Square. Die ersten richtigen Proben fanden erst statt, als die neun Shows der Reunion-Tour im März 2013 anstanden. Ich kannte zum Glück die meisten Songs in und auswendig, insofern war es für mich kein großes Problem, sondern purer Spaß.

Magst du alle Songs, die heute zum Repertoire von Status Quo gehören?
Na ja, zumindest die meisten. Wie alle anderen finde ich ›In The Army Now‹ toll. Aber es gibt auch Nummern, die mir nicht so sehr zusagen. Eine davon ist auf alle Fälle ›Marguerita Time‹, das Video dazu finde ich schrecklich albern, diese quietsche-gelben Jacken, einfach grauenhaft.

Wird es eine Fortsetzung der Reunion-Konzerte geben?
Keine Ahnung, um ehrlich zu sein. Ich bin selbst sehr gespannt.

Interview mit Alan Lancaster

»Der reine Wahnsinn: eine Band zu zerstören, die vor 30.000 Fans spielt und viel Geld verdient. Kokain muss der Grund dafür gewesen sein.«

Alan, hast du eigentlich trotz all der Streitereien in den 80ern gute Erinnerungen an deine Zeit bei Status Quo?
Oh ja, absolut. Status Quo waren immer schon eine ganz besondere Band. Wir betrachteten unsere Anhänger nie als Fans sondern als Gefolgschaft, so wie beispielsweise beim Fußball. Dieses ganz besondere Verhältnis zwischen Musikern und ihren Anhängern hat sich nie geändert, es ist und war Teil des Konzepts. Unseren Anhängern haben wir alles zu verdanken, deshalb waren Status Quo auch nie ein Hype und wurden auch nie durch gezielte Werbung aufgebaut.

Was aber passierte 1985, als du gefeuert wurdest?
Gefeuert ist ein zu hartes Wort, ich würde es eher ausgebootet nennen. Was genau passiert ist, kann ich nur erahnen, aber ich denke, dass bei uns und beim Management zu viel Kokain im Spiel war. Anders kann ich es mir nicht erklären, denn man ist doch wahnsinnig, eine Band zu zerstören, die permanent vor 30.000 Fans spielt und viel Geld verdient. Wie gesagt: Kokain muss der Grund dafür gewesen sein.

Francis und Rick schienen mit dieser Entscheidung aber doch einverstanden zu sein.
Ich denke, dass sie im Grunde genommen gar nicht so genau wussten, was hinter den Kulissen gespielt wurde. Francis und Rick wollten uns ja überhaupt nicht loswerden. Aber die beiden waren in einer Zwickmühle, denn laut Vertrag mussten sie weiter als Status Quo arbeiten. Francis wollte mit der Sache damals eigentlich gar nichts mehr zu tun haben, aber er musste, weil es der Vertrag so vorsah.

Du hattest also keinen Groll mehr auf Francis, als du wegen der Reunion-Konzerte angefragt wurdest?
Nein, ich freute mich über die Anfrage. Francis und ich haben uns längst ausgesprochen, für uns ist die Beziehung wie eine Ehe oder Partnerschaft, in der es auch Höhen, Tiefen und Missverständnisse gibt. Das Problem ist doch:

Was immer hinter den Kulissen vermurkst wird, wir halten dafür den Kopf hin. Francis, John, Rick und ich wüssten doch gar nicht, wie man die finanziellen Angelegenheiten einer solch großen Band regelt. Wir brauchen Manage- ments und Plattenfirmen, die uns bei der Vermarktung helfen. Nein, zwischen Francis und mir gibt es keine Animositäten mehr, es stand sowieso nie etwas Persönliches zwischen uns.

Aber scheinbar ist es doch Francis, der eine Fortsetzung der Reunion-Shows ablehnt, oder?
Ja, es hängt offenbar von Francis Entscheidung ab. Francis mag die aktuelle Quo-Besetzung, er liebt die verbesserten Studiomöglichkeiten und die Art, wie er heutzutage Quo-Alben aufnimmt. Aber genau das hat mit der Originalbesetzung natürlich nichts mehr zu tun. Nur das originale Line-Up hat auch den originalen Sound. Status Quo klingen für mich nur dann nach Status Quo, wenn Francis, Rick, John und ich zusammen spielen.

Rick Parfitt nennt die aktuelle Besetzung nicht Status Quo sondern Quo Light.
Ja, ich weiß, das hat er mir auch erzählt. Für ihn ist Quo Light sein Broterwerb, aber dies hat nur wenig mit der Urbesetzung zu tun. Quo Light spielen einfach einen anderen Stil als Status Quo damals. Das konnte jeder hören, als wir jetzt unter dem Motto „The Frantic Four“ wieder loslegten.

Hast du dich gezielt auf diese Reunionkonzerte vorbereitet?
Nein, der Sound war automatisch sofort wieder da. Für mich war alles sogar noch leichter als damals, weil die Technik und die Rahmenbedingungen heutzutage viel professioneller geworden sind. Das Licht war toll, die PA großartig, wir hatten exzellente Monitorboxen, ich hätte noch viel länger spielen können. Man muss vor der Crew seinen Hut ziehen, sie hat einen wirklich professionellen Job abgeliefert.
Die Reaktionen der Leute waren geradezu umwerfend.

Stimmt. Die ersten Shows waren innerhalb weniger Stunden aus- verkauft, und das völlig ohne Werbung, woraufhin die Anzahl der Konzerte sofort verdoppelt wurde. Für mich war es ein Riesenspaß, meine Familie kam aus Australien angereist, mein Sohn und meine Tochter, um dabei zu sein. So gesehen war es für mich auch ein privates Highlight, obwohl das vorher so gar nicht geplant war.

Apropos Australien: Existiert deine Band Party Boys noch?
Oh ja, wenn wir in Australien mit den Party Boys auftreten, kommen bis zu 25.000 Zuschauer. Ich mag das, wohingegen ich Gigs in kleinen Clubs nicht sonderlich liebe. John ist da anders, er mag auch kleine Clubs. Ich dagegen möchte vor großem Publikum spielen, weshalb ich auf eine Fortsetzung der Tournee mit Status Quo hoffe. Falls Francis und Rick mich fragen, bin ich natürlich sofort wieder dabei.

Francis, hast du eigentlich ganz spezielle Erinnerungen an die Anfänge von Status Quo?
Nein, eher ein generelles Gefühl zu dieser Zeit. Wir waren damals viel jünger und hatten das Gefühl, dass wir gemeinsam die Welt besiegen könnten. Status Quo waren seiner- zeit eine verschworene Gemein- schaft, mit dem frühen Erfolg stieg unser Selbstbewusstsein natürlich weiter. Aber große Erfolge haben schon so manche Band zerstört, uns ist das zum Glück nicht passiert. Vielleicht lag es daran, dass die Presse in den ersten Jahren immer schrieb: „Aus dieser Band wird nie etwas Großes werden.“ Solche Sätze animierten uns natürlich, es allen zu zeigen.

Waren die 60er und 70er für Rockbands im Vergleich zu heute die angenehmere Ära?
Nun, es gab damals ja noch nicht diese unbegrenzten Möglichkeiten der Technologie. Wir wuchsen in einer Phase auf, in der Studioauf- nahmen noch die reinsten Abenteuer waren. Wir waren sozusagen Pioniere dieser Technik. Vielleicht waren die 50er und 60er Jahre des- wegen auch so magisch, weil man erst lernen musste, wie all diese Dinge funktionieren. Heute ist die Welt eine völlig andere. Letztens sprach mich ein Fan darauf an, dass wir zwölf Millionen Hits auf Spotify haben. Ehrlich gesagt wusste ich zunächst gar nicht, wie man auf eine solche astronomische Zahl kommen kann. Heute ticken die Uhren nun einmal völlig anders.

Wie lange hast du gebraucht, um deine Zustimmung für eine Reunion mit Alan und John zu geben?
Sagen wir es mal so: Viele Jahre wäre eine solche Reunion undenkbar gewesen, dazu waren die Fronten zu verhärtet. Vor vier Jahren waren wir mit Status Quo in Australien, da nutzte ich die Gelegenheit, um Alan anzurufen und den Streit auszuräumen. Wir arbeiteten die damaligen Dispute auf, ich erklärte ihm, dass es von unserer Seite keine böse Absicht gewesen sei und im Grunde genommen unser Management damals die Entscheidung gegen Alan getroffen hatte.

Hat er akzeptiert, dass du es einfach aufs Management geschoben hast?
Na ja, so war es ja nicht. Ich weiß sehr gut, dass auch andere Umstände zu dieser Entscheidung geführt haben. Damals war viel Alkohol und Kokain im Spiel, und Kokain verändert nun einmal die Persönlichkeit von Menschen. Rick, Alan und ich haben damals Kokain genommen und uns sukzessive verändert. Ich wollte es nicht wahrhaben, aber meine erste Frau hat mich immer wieder darauf hingewiesen, dass ich mich durch das Kokain menschlich verändere. Und es stimmt tat- sächlich, man merkt es nur selbst nicht. Man muss sich das vorstellen: Alan und ich waren seit unserem elften Lebensjahr zusammen, irgendwann weiß man bestimmte Dinge nicht mehr richtig zu schätzen. Andererseits: Es musste wohl so kommen und war sicherlich auch für irgendetwas gut. Die Animositäten zwischen Alan und mir sind jedenfalls ausgeräumt.

Man sagt, dass du bislang dennoch kein Okay für eine Fortsetzung der Reunion-Konzerte gegeben hast.
Die neun bisherigen Shows waren großartig, das Publikum war begeistert, und das ist die Hauptsache. Aber in spielerischer Hinsicht war ich nicht zufrieden. Wir hatten nicht bedacht, dass Alan und John ein Leben auf Tournee nicht mehr gewohnt sind. Vieles von dem, was wir da auf der Bühne geboten haben, war für meinen Geschmack zu unausgereift. Okay, es ist Nostalgie und alle liebten es, aber nur deshalb, weil es die meisten Fans nicht mit dem gleichen Anspruch wie ich gehört haben. Es gab Momente auf der Bühne, in denen ich dachte: Mein Gott, klingt das schrecklich! Insofern müsste schon gewährleistet sein, dass beim nächsten Mal alles auf einem höheren spielerischen Niveau stattfinden damit ich meine Zustimmung gebe.

Hat Rick recht, wenn er das aktuelle Line Up der Band als Quo light bezeichnet?
Rick liebt solche Schlagworte, er sagte mehrmals „Wow, das ist jetzt endlich wieder richtig heavy!“ Dabei war eigentlich nur das Tempo ein anderes. Mag sein, dass man Songs wie ›Oh Baby‹, ›Little Lady‹, ›Blue Eyed Lady‹, ›Backwater‹ und ›Railroad‹ nur mit der originalen Besetzung wirklich authentisch spielen kann, aber das, was Rick als „richtig heavy“ bezeichnet, ist meines Erachtens einfach nur in einem anderen Tempo gespielt.

Dein Ziel ist es demnach nicht, in den nächsten fünf Jahren die Originalbesetzung wieder so richtig fit zu machen?
Oh Gott, in fünf Jahren bin ich 69! Wer weiß schon, was dann ist? Ehrlich gesagt habe ich keine Ziele für die kommen- den fünf Jahre, ich fühle mich generell wie ein Pferd, dem sie mit einer langen Angel eine Karotte vor die Schnauze gehängt haben. Seit ich zwölf bin, versuche ich gewissermaßen diese Wurzel zu fressen, komme aber einfach nicht an sie heran. Aber was wäre überhaupt, wenn ich die Wurzel eines Tages tatsächlich bekommen würde.

MONSTER MAGNET

0

monster magnetSeit über 20 Jahren beglückt Dave Wyndorf die Bewohner des Planeten Erde mit seiner abgedrehten Rock’n’Roll-Party irgendwo da draußen in den Weiten des Alls. Dabei war es, wie sich nun herausstellt, gar nicht er, der uns bespaßt hat, sondern eher umgekehrt. Und nun ist die Zeit gekommen für den finalen, monumentalen Akt dieser intergalaktischen Sause, in dem wir zur Belustigung der Außerirdischen unserem Schicksal zugeführt werden: bye bye, Erde! Bye bye, Menschheit! Und das Lachen wird noch ewig durch den luftleeren Raum hallen…

Text: Matthias Jost

Die großen Erfolge der neunziger Jahre, als die Videos zu ›Negasonic Teenage Warhead‹ und ›Space Lord‹ auf allen Kanälen rotierten und Monster Magnet die größten Festivalbühnen Europas in Schutt und Asche legten, mögen in weite Ferne gerückt sein, doch Dave Wyndorf ist bis heute eine der interessantesten Persönlichkeiten im Musikgeschäft und vor allem eine der unterhaltsamsten. Eloquent, extrem auskunftsfreudig (Interviews werden grundsätzlich doppelt so lang wie vorher veranschlagt), hoch intelligent, völlig uneitel, sympathisch bodenständig, vor allem aber mit einem köstlich schelmischen Sinn für Humor gesegnet, ist er der perfekte Gesprächspartner eines jeden Journalisten. Und er hat immer gute Anekdoten parat. Allein die Entstehungsprozesse der letzten beiden Alben arteten schon in veritable Kurzgeschichten aus. Bei 4-WAY DIABLO (2007) war es noch seine Abhängigkeit von superstarken Schlafmitteln ausgelöst durch einen fahrlässig verschreibungswütigen Arzt, dem danach seine Lizenz entzogen wurde, nicht etwa durch Daves unstillbaren Drogenhunger, die für absolut haarsträubende Erlebnisse sorgte. Bei MASTERMIND (2010) dann traf eine massive Schreibblockade auf einen akuten Fall von Murphy‘s Law, was zu einer süffigen Neo-Noir-Story über hoffnungslos versiffte Hotelzimmer, aus Versehen nicht zurück gegebene Mietwagen und den Produzenten führte, der vom isländischen Vulkan Eyjafjallajökull in Europa festgehalten wurde. Insofern war es vielleicht nicht verwunderlich, dass beide Platten zwar durchaus gelungen waren (auch wenn Dave selbst 4-WAY DIABLO unumwunden als lieblos zusammengebastelt bezeichnete), aber nicht unbedingt an eindeutige Meisterwerke wie DOPES TO INFINITY (1995) oder POWERTRIP (1998) anschließen konnten.

2013 sieht die Sache etwas anders aus. Zunächst brach Dave gewissermaßen mit der Tradition, indem er das neueste Werk LAST PATROL praktisch ohne größeres Drama aufnahm: „Ja, das lief diesmal eigentlich ganz gut. Was es am Anfang eigentlich immer tut… Wie immer setzte ich mich jedenfalls erst mal mit meinem Gitarristen Phil Caivano zusammen, um die Gitarren und Bassparts auszuarbeiten. Geschrieben hatte sich das Album ohnehin fast wie von selbst. Die einzigen Probleme kamen auf, als mein langjähriger Co-Produzent Matt Hyde einfach nicht begreifen wollte, worum es mir diesmal ging. Bei MASTERMIND war mir rückblickend die Produktion viel zu glatt gewesen, Matt hatte einfach nur alle Fehler unter Klangkosmetik begraben. Es waren zu viele Songs, zu wenig Atmosphäre. Das wollte ich nicht mehr, ich wollte eher sowas wie Lo-Fi in Hi-Fi, und das ergab für ihn keinen Sinn. Mich nach so vielen Jahren von ihm zu trennen, war dann schon schmerzhaft. Also fasste ich den Beschluss, den ganzen Prozess von A bis Z zu Hause abzuwickeln. Ich produzierte das Ding letztlich ganz allein und brachte es dann nur noch zum Mixen zu Joe Barrisi. Der hat sofort kapiert, was ich von ihm wollte, er war total auf meiner Wellenlänge. Besser hätte es also kaum laufen können. Und das war‘s eben auch schon. Sorry, dass ich dir diesmal keine interessantere Geschichte erzählen kann, Mann!“

Dem Album hat es gut getan, denn LAST PATROL ist ohne Zweifel die stärkste Monster-Magnet-Platte seit POWERTRIP, aber auf eine ganz andere Art und Weise. Die testosteronsprühenden Schweinerockstampfer treten in den Hintergrund, stattdessen nimmt uns Dave mal wieder auf eine aufregende Reise durch die lysergisch getränkten Unendlichkeiten seiner Fantasie mit und kehrt zu den Klängen seiner Anfangszeit zurück. „Ja, Mann, ich wollte mal wieder ein richtg abgefahrenes Psych Rock Album machen. Das war schließlich meine erste große Liebe, das sind meine Wurzeln. Die Idee, wieder einen Haufen polternde, faustreckende Oldschool-Rock‘n‘Roll Hymnen abzuliefern, gefiel mir irgendwie absolut nicht mehr. Wenn überhaupt, geht sowas nur noch, wenn man das Ganze in irgendeiner Form subvertiert. Also habe ich mal wieder in meine alte, abgewetzte Trickkiste gegriffen, den kompletten Inhalt auf dem Tisch ausgeleert und mich mit einer blutigen Kettensäge darüber hergemacht. Die Grundelemente sind ja letztlich immer dieselben. Ich meine, es gibt keine neue Musik mehr. Wann war der Punkt, ab dem alles nur noch eine Wiederholung von schon mal Dagewesenem war? 1974? Da passierten die letzten echten Innovationen. Seitdem ist alles nur noch Kraftwerk mit Gitarren. Also habe ich kein Problem damit, es zuzugeben: Ich nehme mir die Bands, die ich mag, suche mir die Bestandteile von ihnen aus, die ich mag – und dann werden sie fucking benutzt! Das ist ja wohl nichts Verwerfliches, oder? Kein Grund zur Aufregung, Leute, entspannt euch mal. Ich meine, diese ganzen Bands, die immer so wahnsinning düster tun, sind mir unheimlich. Sieh dir Avenged Sevenfold an ooooh, wir sind ja sooooo ernst. Ihr habt den kosmischen Witz immer noch nicht kapiert, oder? Trent Reznor scheint dagegen ein cooler Typ geworden zu sein. Vielleicht hat ihm das Eheleben ja gut getan. Allerdings wird er jetzt wohl kaum singen können, ‚I wanna fuck you like a husband‘!“ Dave Wyndorf, man muss es wiederholen, redet gerne, schweift gerne ab und nimmt dabei garantiert kein Blatt vor den Mund…

Egal also, ob LAST PATROL aus der Musikgeschichte zusammengeklaut ist wie offenbar alles, was nach 1974
entstand es ist eine Platte, die großen Spaß macht, auch wenn Dave sagt, sie sei „vielleicht der letzte Hormonschub, das letzte Aufbäumen meines Körpers, mit dem ich meinen Scheiß noch mal auf die Reihe kriege“. Das ausladende Titelstück, das nicht minder epische ›End Of Time‹, der unwiderstehlich die Spannung aufbauende Opener ›I Live Behind The Clouds‹, klassische „wig-outs“ wie ›Mindless Ones‹ und ›The Duke (Of Supernature)‹ oder gar die Coverversion von Donovans ›Three Kingfishers‹ deuten eher darauf hin, dass hier jemand wieder auf eine ergiebige kreative Goldader gestoßen ist. Zumindest konzeptuell aber deutet diese „letzte Patrouille“ tat- sächlich auf das Ende hin und zwar das von uns allen. Geschuldet ist das jener Woche im vergangenen Februar, in der Dave die Texte schrieb. „Ich sah mich einfach mal um, was so in der Welt passierte, nicht nur meinem eigenen Leben. Da ist natürlich viel Mist am Laufen, und das Wetter hat auch nicht unbedingt geholfen… Daraus wurde ein ziemlich intensives kreatives Schaffen und die Idee für das Konzept nahm Gestalt an. Ich fühlte beim Schreiben, dass es um einen Typen gehen würde, den diese Welt so ankotzt, dass er sie ein für alle Mal aufgibt. Er findet wirklich alles nur noch scheiße, aber er will nicht einfach nur so still und leise dahinwelken und unbemerkt abtreten, sondern beschließt, sich mit einem großen kosmischen Knall zu verabschieden. Also bricht er zu diesem grandiosen, finalen Abenteuer auf. Er sucht sich ein superheißes Chick, sie ziehen zusammen auf den Mond, wo sie ununterbrochen ficken, Kinder haben und alle möglichen verrückten Sachen anstellen. Und dann hat er irgendwann endgültig genug von allem und jagt die Welt in die Luft.“

Klingt ziemlich spaßig, völlig abgedreht, total bombastisch, schön größenwahnsinnig und auch ganz schön krank. Classic Monster Magnet, wie gesagt. Vielleicht ist es ja eine Art Rachefantasie, nach dem Motto: „Seht her, ihr treulosen Pseudo-Fans, die ihr damals in der Rockdisse zu ›Space Lord‹ rumgezappelt habt und euch wahnsinnig witzig dabei vorkamt, immer wie- der „motherfucker“ statt „mother, mother“ mitzugrölen. Ihr ahnungslosen Mitläufer, die reihenweise in die Konzerte strömtet, um diesen einen Hit zu hören und dann enttäuscht zu sein, dass der Rest unserer Show nicht genauso klingt. Und euch darüber aufzuregen, dass da heiße Babes in Lack und Leder auf der Bühne tanzten. So voll politisch unkorrekt, Alter. Euch zeig ich‘s jetzt mit meinem ganz persönlichen Amoklauf!“ Doch weit gefehlt. Dave Wyndorf steht über solchen Dingen, er genoss die damalige Zeit natürlich, aber seine immer noch sehr zahlreiche Fanbase, die bis heute sehr ansehnliche Hallen zu füllen vermag, ist ihm wichtiger als diese Schönwetterfreunde, die eh nie kapierten, worum es bei Monster Magnet geht.

Eine gewisse Art von Rachefantasie ist es aber viel- leicht doch, nur nicht als Rache an diesen Leuten, sondern ganz einfach…an uns allen! Kommt man auf Politik, die Entwicklung unserer Gesellschaft und die Spezies Mensch als solche zu sprechen, gibt es für Dave absolut kein Halten mehr. Der folgende Monolog mag lang erscheinen, doch selbst das sind nur Auszüge des mehr als halbstündigen Wortschwalls, der nur vereinzelt von Zwischen- kommentaren, von tatsächlichen Fragen ganz zu schweigen, punktiert wurde und in alle möglichen Richtungen aus- schlug. Also, gaaaaaaaaanz tief durchatmen: „Sind das nicht seltsame Zeiten, in denen wir leben? Ich meine, man kann alles irgendwie kommen sehen heutzutage, es gibt kaum noch Überraschungen. Du kannst dich über alles vorab informieren. Wir wissen schon vorher, wie das Wetter wird, wir können uns jeden erdenklichen Ort schon vorher im Internet ansehen. Wir wissen zu jedem Film, jeder Platte schon vorher, wie sie jemand anders findet. Wir werden es auch schon vorher wissen, wenn ein Asteroid auf uns zurast. Die wirklich großen technologischen Quantensprünge scheinen auch schon hinter uns zu liegen, es wird nur noch verfeinert. Alles scheint nur noch statisch zu sein, die meisten Menschen leben in völliger Apathie. Hast du schon mal diese ‚silent discos‘ gesehen? Wo die Leute sich Kopfhörer aufsetzen, ihre Lieblingsmusik auswählen und dann zu völlig verschiedenen Sachen tanzen, nebeneinander, aber komplett von einander isoliert? Das ist doch wirklich das Ende der Reise, Mann. Ich meine, wenn du schon so weit bist, kannst du dich doch echt nur noch fucking umbringen. Was soll das? Da draußen ist eine aufregende Welt, aber alle hängen nur noch an ihren fucking Smartphones und wollen ihre Nachrichten abrufen. Alle sind so wahnsinnig ‚connected‘, aber wir leben immer mehr in Einsamkeit. Und keinen scheint es zu kratzen. Alle sind wie gelähmt. Schau dir doch nur an, wie das mit dem Abhörskandal gelaufen ist. Edward Snowden deckt auf, das die NSA unser aller Kommunikation, systematisch überwacht. Das ist eigentlich ein unfassbarer Angriff auf unsere Privatsphäre, die Leute sollten deswegen massenhaft auf die Straße gehen! Doch der Aufschrei war kurz, mittlerweile interessiert das schon niemand mehr, obwohl die Sache unverändert weiterläuft. Wenn jemand, der ein Verbrechen aufdeckt, als Verbrecher verfolgt wird, bedeutet das doch, dass Verbrecher an der Macht sind. Aber damit kriegt man wohl keine Einschaltquoten mehr heutzutage. Um nichts anderes geht es doch. Sieh dir nur diese ganzen armen Schweine in der Mitte und im Süden der USA an, denen es in den letzten Jahren immer schlechter geht. Doch das leugnen sie mit allen Mitteln. Sie sind zu faul, zu träge, zu ängstlich, um nachzudenken und sich einzugestehen, was da schief läuft. Sie wollen einfach nur vor der Glotze sitzen und ‚America is number one!‘ grölen. Diese krasse ‚U-S-A! U-S-A!‘-Mentalität ist schon furchteinflößend.

Ich meine, dies war ja mal ein großartiges Land. Es gab wirklich eine Zeit, in der jeder die Chance hatte, etwas aus sich zu machen. Die Türen standen allen offen, die den Ehrgeiz, den Willen und den Fleiß hatten, um Erfolg zu haben. Es fühlte sich auch so an, als würde das Land am selben Strang ziehen. Dieses Gemeinschaftsgefühl, das ja immer noch wie ein Mantra heraufbeschwört wird, gab es tatsächlich. Aber heute ist das meilenweit von der Realität dieses Landes entfernt, nur will es niemand wahrhaben. Ich kann zum Beispiel nur mit den allerwenigsten Menschen in meiner Familie und meinem Freundeskreis so reden wie jetzt mit dir, weil sie ein- fach nicht hören wollen. Das ist ihnen alles zu krass, zu deprimierend. Es überfordert sie. Es gibt so vieles, das wir fürchten sollten, aber es gibt eben auch zu viele Orte, an denen wir uns vor der Wirklichkeit verstecken können. Sich darüber aufzuregen, dass uns alle Bürgerrechte weggenommen werden, ist zu unbequem. Und die Leute, denen das alles wenigstens ansatzweise bewusst geworden ist, gehen dann da raus und wählen Obama. Klar, er ist besser als der Zirkus, der vor ihm im Weißen Haus saß, aber auch nur marginal. Mann, es gibt schon lange keine fucking Helden mehr in der Politik. Wir werden von einem Militärstaat kontrolliert, der tut, was er will. Im Rahmen der NSA-Affäre war plötzlich von Geheimgerichten die Rede. Geheimgerichte? Willst du mich fucking verarschen? Was für ein Rechtsstaat ist das, in dem Beschlüsse in einem System gefasst werden, das sich jeglicher Kontrolle entzieht? Interessanterweise gab es da vor ein paar Jahren den Fall, dass mehrere Mitglieder der Legislative zurücktraten, wahrscheinlich aus Protest über solche Entwicklungen. Nur sagten sie nie, warum, was ziemlich beunruhigend war. Hat natürlich auch niemand mitbekommen. Und währenddessen verschiebt sich das Machtgefüge immer mehr. Die Kunst, aus totalem Chaos Profit zu schlagen, wurde in den letzten 20, 30 Jahren jedenfalls perfektioniert. Das sieht man ja an den Banken. Sie haben die Weltwirtschaft fast in den Abgrund gestürzt, aber nach wie vor entziehen sie sich effektiver Regulierung. Noch immer verdienen sie Milliarden, indem sie auf das Versagen anderer wetten. Sie drehen ahnungslosen Bürgern völlig absichtlich Finanzprodukte an, die sie in den Ruin stürzen werden, und mit alledem kommen sie ungeschoren davon. Niemand weiß so richtig, was die Banken eigentlich genau tun, wahrscheinlich nicht mal die Banken selbst! Doch das Spiel geht weiter und wenn man manchen Experten Glauben schenken kann, steuern wir schon wieder mit Vollgas auf den nächsten Abgrund zu. Was diesen Leuten egal ist, solange sie ihre fetten Boni abstauben. Aber niemand traut sich, das Problem an der Wurzel zu packen. Alle glauben, sie als Individuen seien viel zu klein, ihr Leben sei viel zu kurz, um irgendwas zu ändern. Auch ein Grund, warum sie dann rausgehen und Obama wählen. Er gilt als ehrlich, vertrauenswürdig, als ‚good guy‘, der schon das Richtige tun wird. Der fatale Denkfehler dabei ist, dass ihnen nicht klar ist, dass wir alle ‚good guys‘ sein müssen, um etwas zu bewegen…“

Viel Gift und Galle von Herrn Wyndorf also, auch wenn der süffisant-sarkastische Unterton, das häufige kehlige Lachen und der amüsierte Fatalismus, mit denen diese Abrechnung dargeboten wurde, in gedruckter Form natürlich nicht angemessen wiedergegeben werden können. Gibt es Hoffnung, Dave? „Prinzipiell ja. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass es einen Weg, aus gebildetem Widerstand Profit zu schlagen. Und wenn wir endlich eine billige, nachhaltige alternative Energiequelle entdecken würden, bzw. sie gegen den Willen der Öl-Lobby endlich zugänglich gemacht wird, wird sich die Welt innerhalb von drei Wochen komplett verändern.“ Vielleicht ist es also kein Zufall, dass LAST PATROL trotz der Zerstörungswut des Protagonisten mit einem Hintertürchen Richtung Zukunft endet. Der Titel des letzten Stücks? ›Stay Tuned‹.

AVATARIUM – Der Doom hat den Blues

Candlemass-Gründer und Doom-Vorvater Leif Edling will es noch mal wissen.
Avatarium heißt seine neueste Band, ein faszinierendes Projekt, dessen Erstling AVATARIUM ein verwunschen-bluesiges Doom-Märchen mit einer großartigen Jennie-Ann Smith am Mikrofon geworden ist. Jefferson Airplane auf dem Doom-Trip oder doch eher Alice im Doomer-Land? Der auch bei Evergrey tätige Gitarrist Marcus Jidell gibt bereitwillig Auskunft, obwohl er gerade erst von seiner Hochzeitsreise zurückgekehrt ist.

Text und Interview: Björn Springorum

Wie war die Reise, Marcus?
Wirklich traumhaft. Sie begann in Sorrento und führte dann Richtung Süden nach Kalabrien. Wir besuchten alte Städte, aßen gut, genossen die Einsamkeit, das Meer und das gute Essen. Typisch italienisch eben. Außerdem war das Wetter in Italien deutlich schöner als es gerade in Stockholm ist.

Hochzeit, eine neue Band… eine ganze Menge Veränderungen also. Wie fanden Avatarium eigentlich zusammen?
Ich hatte in den letzten Jahren regelmäßig das Privileg, bei Candlemass an der Gitarre auszuhelfen, kannte Leif demnach schon länger. Richtig los ging es aber erst Anfang des Jahres, als Leif mir mitteilte, dass er ein paar Songs geschrieben hatte, die er gerne mit mir aufnehmen wollte. Sofort spürten wir beide die Besonderheit des Materials. Weil es anders war, anders und verdammt interessant. Als große Fans der 60er und 70er Jahre waren wir uns schnell einig, dass wir mit Avatarium eine ähnliche Stimmung erzeugen wollten.

Welche Bands hattet ihr dabei besonders im Sinn?
Jimi Hendrix, Jethro Tull, Rainbow, Deep Purple, Black Sabbath… solcher Kram. Leif und ich sind uns in dieser Hinsicht sehr einig. Uns beiden gefällt, dass die Musiker damals wirklich gut sein mussten und nicht alles im Studio nachträglich ausbessern konnten. Die damaligen Platten sind oft voller Fehler, doch erst diese Fehler machen sie lebendig, und dieses Gefühl wollten wir auch für Avatarium. Vielleicht waren wir also mal nicht zu hundert Prozent überzeugt von einem Solo, beließen es aber bewusst in diesem Zustand, weil es die ganze Sache natürlicher machte. Wir sind Musiker, keine Analytiker, und Gefühl ist hier wesentlich wichtiger als Verstand.

Es geht also um die Vermählung von Doom und dem Blues-Feeling der 60er?
Das könnte man wohl so sagen, ja. Uns schwebte eine Platte vor, die hart klingt, aber dabei ein bluesiges Robert-Plant-Gefühl versprüht. Deswegen war es uns auch so wichtig, beim Gesang ebenfalls neue Wege zu gehen. Fündig wurden wir bei Jennie-Ann Smith…

… die eher als Blues-Sängerin bekannt ist und mit Metal nicht viel am Hut hat.
Richtig. Unser Glück war aber, dass sie Leifs Musik sehr mag. Natürlich galt immer noch zu klären, wie sich ihr Gesang in einer Metal-Band anhören würde, die Avatarium ja immer noch ist, doch das funktionierte großartig. Auch für sie steht die Emotion in der Musik klar im Vordergrund, und das machte die Zusammenarbeit umso einfacher. Zumal sie eher auf dieselben Sänger steht, die auch Ronnie James Dio, Robert Plant und Ian Gillan beeinflusst haben: Little Richard, Elvis und Muddy Waters. Eben Sänger aus den 40ern und 50ern. In dieser Hinsicht ist sie die perfekte Wahl für das, was wir mit Avatarium ausdrücken wollen. Und ganz nebenbei hat sie natürlich auch noch eine einmalige Stimme.

Klingt nach einem ziemlich aufregenden Neustart. Ist die Arbeit mit Avatarium grundsätzlich anders als die bei Evergrey?
Der größte Unterschied für mich ist, dass ich diesmal von Anfang an dabei bin. Bei Evergrey stieg ich erst 2010 ein, diesmal war ich bei der Schöpfung und Soundfindung dabei, sozusagen. Ich konnte die Band also deutlich mehr prägen und das Konzept gemeinsam mit Leif erarbeiten.

Was für ein Konzept ist das?
Avatarium soll für dunkle, harte und phoetische Musik stehen. Zur gleichen Zeit war uns ein farbenfrohes Gesamtbild wichtig, dass es im Doom-Bereich in dieser Form noch nicht gegeben hat. Die beiden Soundwelten sollen zusammengebracht werden und zu einer gefühlvollen, organischen Band heranwachsen. Und wie ich schon sagte: Das Bauchgefühl war zu jeder Zeit wichtiger als der Kopf.

Im Titeltrack mit seinen verwunschenen, märchenhaften Melodien tritt das besonders deutlich zutage.
Dieses Stück handelt von dem Ort, an den du gehst, um das anzubeten, woran du glaubst. Bei aller Dunkelheit, die in den Riffs steckt, bewahrt sich das Lied dennoch eine gewisse Leichtigkeit, die man durchaus märchenhaft nennen könnte. Das versuchten wir immer, denn in diesen Kontrasten liegt ein großer Reiz. Immerhin wirkt ein brutales Doom-Riff deutlich kraftvoller, wenn davor eine feingeistige Melodie durch den Song schwebte. Diese Dynamik fehlt vielen Doom-Alben.

Avatarium sind also so etwas wie die Doom- Ausgabe von Jefferson Airplane?
Das höre ich gern! Wir hielten uns bewusst nicht an die Gesetzmäßigkeiten des Doom-Genres und machten genau das, was wir wollten. Ich persönlich liebe Black Sabbath, verehre aber auch die Beatles. Und das zeigt sich in dieser Band mehr denn je. Avatarium ist ein Sammelsurium unserer gesammelten Geschmäcker.

Wie ergab sich daraus die endgültige Sound- findung?
Bei vielen Gesprächen und endlosem Rumgetüftel an Gitarren und Amps. Bei den Proben beschlossen wir, bewusst auf die großen Gesten, das Pathos dieses Genres zu verzichten und einfach Musik zu machen. Songs, die wir selbst gerne hören würden und die nicht hochgradig vollgepackt sind. So landeten wir sehr schnell bei ehrlichem, seelenvollem Blues. Und fühlen uns sehr wohl in diesem war- men Sound.

Bist du denn eher der Doomster oder der Blues-Hengst?
Ich brauche beides, ich bin beides. Ansonsten langweile ich mich schnell, fühle mich unvollständig.

Überträgt sich dieses Grundgefühl auch auf die Texte?
Durchaus, Leifs Lyrics sind sehr poetisch und kleine, in sich geschlossene Welten. Viele seiner Texte haben mit Tagträumereien zu tun, mit surrealen Symbolen, mit dem Anregen der Fantasie. Und bei uns funktioniert das bestens. (lacht)

Klingt nach einem kreativen Prozess…
Ich kann dir versichern, dass diese Band deutlich kreativer arbeitet als viele andere. Wir setzen uns zusammen und lassen unserer Fantasie dann freien Lauf. Manchmal dauert diese Arbeitsweise zwar ein wenig, bis wir zu einem Ergebnis kommen, doch früher oder später führt sie uns zu dem, was wir gesucht haben. Und diese Suche ist ein essentieller Teil der Band.

FISH – Von Kriegern und Kruzifixen

0

Derek_Dick_(-Fish-)_June_2008So kann’s gehen! Während des Telefonats mit Derek William Dick alias Fish stellt sich heraus, dass sich der einstige Marillion-Sänger in Köln aufhält. Und so wird aus dem Telefoninterview spontan ein sehr persönliches Gespräch in einem kleinen Café.

Aufgeräumt und strahlend wirkt der groß gewachsene Schotte und hat auch allen Grund dazu. Denn auf sein neues
Werk A FEAST OF CONSEQUENCES darf er mit Fug und Recht stolz sein. „Ich wollte ein Album aufnehmen, das wie eins von früher klingt“, führt der 55-Jährige aus. „Denn um ehrlich zu sein: Die Musik von heute ist nicht so mein Ding. Lady Gaga zum Beispiel …“ Dieses Vorhaben hat Fish nach überwundenen Stimmproblemen und privaten Querelen mit Bravour in die Tat umgesetzt. Sechs Jahre sind seit seinem letzten Album 13th STAR vergangen, und die Fans wird es freuen, dass es nach den langjährigen Akustik-Gigs nun sowohl live, als auch auf dem neuen Album wieder laut und elektrisch zugeht. ›All Loved-Up‹ ist ein tempogeladener Rocksong, jugendlich und frisch; der Titeltrack besitzt unüberhörbar Hitpotential. Doch das neue Opus hat noch mehr zu bieten nicht nur, weil der Souveränität verströmende Sänger sich in ›Perfume River‹ und ›Blind To The Beautoiful‹ auf seine schottischen Wurzeln besinnt. Neben ihm sitzt seine deutsche Lebensgefährtin, ebenfalls strahlend, und der vitale Hüne schenkt ihr einen zärtlichen Blick. „Seit drei Jahren bin ich nun mit Simone zusammen, und das tut mir unglaublich gut.“ Ohne Frage, denn nahezu alles auf A FEAST OF CONSEQUENCES strahlt majestätische Gelassenheit aus. Das über siebenminütige ›Crucifix Corner‹ etwa, das an die großen Tage britischen Prog Rocks erinnert, süffig und verspielt, als würden Jethro Tull mit Genesis und Camel aus ernstem Anlass einen funkelnden Monolithen errichten. „Als junger Mann hab’ ich im Forst gearbeitet“, sagt Fish mit würdigem Ernst. „Das gute Gefühl, das Wälder dir geben, ist etwas Besonderes, und es ist mit in die Musik eingeflossen.” So auch in >The Gathering< mit seiner beschwingten Melodie, die wie ein Irrlicht über schottischen Hochebenen glänzt. Doch all die brillanten Songs, die A FEAST zu bieten hat, werden von der teils mit Sprechgesang versehenen Ballade > High Wood< überstrahlt ,,Eher zufällig fand ich mich nach einem Gig in Paris auf jenem Gelände wieder“, so Fish, „auf dem eine der blutigsten Schlachten des 1. Weltkriegs stattfand.“ Und so thematisiert ›High Wood‹ (das britische Synonym für die Schlacht an der Somme,) jene Großoffensive der Briten und Franzosen gegen die Deutschen, bei der eine Million Menschen getötet und verwundet wurden. Eingespielt wurden die elf Songs mit alten Weggefährten wie Keyboarder Foss Paterson, Basser Steve Vantsis, Ronbin Boult an der Gitarre und Dave Griffiths an den Drums, die ihn auch bei den anstehenden Shows begleiten werden. Acht Konzerte gibt es in Deutschland. A FEAST, über Fishheadclub.com auch in einer Deluxe-Version inkl. 100-seitigem Buch plus DVD erhältlich, ist künstlerische Erneuerung und Bestätigung zugleich.

Dem Schotten ist ein großer Wurf gelungen, und weil dies ein Grund zum feiern ist, endet der Abend in einer Kaschemme in Köln Ehrenfeld, wo ein überraschter Fan sein Glück kaum fassen kann: Fish gibt ihm Getränke aus! ,, Wie heißt der Pub?”, fragt der aufgeregt Umringte in die Runde. ,,Gypsy Caravan – Zigeunerwagen”, lautet die Antwort. An manchen Tagen passt einfach alles.