Nazareth – Harte Arbeit und ehrliches Interesse

Schwer fällt Dan vor allem der Abschied von Bassist Pete Agnew, mit dem er über 50 Jahre gemeinsam in Bands gespielt und 1968 in der schottischen Kleinstadt Dunfermline Nazareth gegründet hat. Schon damals war das Quartett eine etwas andere Band, deren Werdegang sich von dem der meisten anderen Gruppen jener Ära unterschied, denn die Pro-tagonisten von Nazareth hatten sich bereits abseits der Musik ein Standbein aufgebaut.[tcsublocker fields=“firstname“]

„Pete ist Architekt, ich bin Ingenieur“, bestätigt Dan, der zehn Jahre in seinem erlernten Beruf gearbeitet hat, bevor er Vollzeitmusiker wurde. „Wir dachten uns einfach: ‚Wenn’s mit der Band nicht hinhaut, können wir einfach zu unseren alten Berufen zurückkehren.‘ Kar-riere zu machen war nie unser Ziel. Wir wollten einfach Musik machen, und zwar so viel wie möglich.“

Trotzdem hat die Band ihre Erfolge natürlich genossen, als nach verhaltenem Beginn mit den ersten beiden Alben Anfang der 70er die ersten Hits anrollten und Nazareth plötzlich im Radio gespielt wurden. „Ich erinnere mich noch daran, als ›Broken Down Angel‹ zum ersten Mal im Radio lief“, erzählt Dan. „Wir waren gerade auf dem Weg zu einem Konzert, ich glaube, es war in Bristol, und ich dachte nur: ‚Scheiße Mann, sie spielen uns tatsächlich auf Radio 1!‘ Das war toll! Gleichzeitig wollte ich aber kein Popstar sein, das war mir einfach zu blöd. Die Band und unsere Musik waren mir dazu einfach zu wichtig. Die Leute um uns herum lagen uns natürlich sofort in den Ohren, dass wir ein zweites ›Broken Down Angel‹ schreiben sollten, wir aber hatten mehr Lust auf ›Bad Bad Boy‹ oder später auf ›Love Hurts‹. Wir wollten lieber neue Dinge ausprobieren. Das fanden wir viel spannender als Platten zu machen, die sich genauso anhören wie erwartet.“

Auch wenn der Band diese Einstellung auf lange Sicht ganz sicher nicht geschadet hat – kurzfristig war sie damit natürlich anfällig für kommerzielle Rückschläge. Jeder neue Hakenschlag bedeutete erneutes Zittern vor den Reaktionen von Presse und Fans. „Na klar, aber genau das war für mich das Aufregendste an Nazareth, die Beantwortung der Frage: ‚Und… was machen wir jetzt bei der nächsten Platte?‘“, verrät Dan. „Manchmal hat es funktioniert, manchmal ging der Schuss auch ordentlich nach hinten los, aber das ist völlig in Ordnung, denn wie sangen schon Steely Dan? ‚I’ll play just what I feel!‘ Genau das haben wir immer getan!“ Das simple Erfolgsgeheimnis seiner Band bringt Dan wie folgt auf den Punkt: „Du musst hart arbeiten und dich für das, was du tust, wirklich interessieren.“

Doch natürlich konnten sich auch Nazareth nicht vollkommen frei machen von den Begleiterscheinungen des Erfolgs, der die Schotten in Sphären katapultierte, die zuvor Led Zeppelin, Deep Purple oder vielleicht noch Uriah Heep vorbehalten gewesen waren. Gleichzeitig sorgte das unverhohlene Faible der Band für bluesgetränkte Balladen dafür, dass Nazareth auch abseits des Hard-Rock-Kerngeschäfts im Pop-Mainstream Fuß fassen konnten. „Natürlich hatten die Erfolge Einfluss auf uns. Es verändert deine Geisteshaltung, ob du das nun willst oder nicht“, sagt Dan rückblickend. „Wir spürten plötzlich den Druck von Management und Plattenfirma, die Nachschub wollten.“

Bis Ende der 70er funktionierte dennoch alles blendend. Mit dem Album HAIR OF THE DOG hatten Nazareth 1975 endgültig den Durchbruch geschafft und mit den Folgewerken CLOSE ENOUGH FOR ROCK’N’ROLL und EXPECT NO MERCY dem Punk-Nihilismus erfolgreich die Stirn geboten. In den 80ern wurde das bewährte Erfolgsrezept trotz der gerade in Deutschland extrem erfolgreichen Kuschelrock-Hymne ›Dream On‹ von 1982 allerdings auf eine harte Probe gestellt. Statt Hard Rock waren plötzlich Dancemusic und die Glitzerwelt von MTV en vogue. „Unser Problem war, dass wir einfach hässliche Motherfucker waren!“, zeigt sich Dan ob des Karriereknicks nicht sonderlich überrascht. „In die Medien zu kommen war für uns damals nicht mehr drin. Zum Glück hatten wir sehr treue Fans, die es uns ermöglichten, weiter auf Tour zu gehen. Tickets zu verkaufen war für uns nie ein Problem.“

Dan gibt zu, dass ihm die Verschiebung des Fokus weg vom rein Musikalischen, die damals einsetzte, bis heute wenig behagt: „Als ich aufgewachsen bin, war Musik ein Audio-Ding. Heute geht es nur noch ums Visuelle. Nichts gegen Beyoncé, ich mag sie, aber ihre Songs sind Schrott. Sie haben einfach keine Seele, dabei soll Black Music doch angeblich so viel Soul haben.“ Dass sich hübsche Popstars von grauen Eminenzen im Hintergrund Hits auf den Leib schreiben lassen, ist Dan ein Gräuel und erinnert ihn an die 50er-Jahre. An eine weitere Revolution, wie sie in den 60ern die Beatles angezettelt haben, glaubt er nicht mehr wirklich. In seinen Augen ist der Rock’n’Roll heute praktisch tot. „Natürlich gibt es ein paar Jungs, die Gitarre spielen, aber richtig groß in den Medien sind doch nur noch die Castingshows“, findet er. „Wenn man das Fernsehen anschaltet, sieht man ausschließlich Kids, die Coverversionen singen. Das machen sie zwar sehr gut, aber wo ist da der Sinn?“[/tcsublocker]

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here