Johnny Cash: Der Mythos lebt

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Johnny Cash: Der Mythos lebt

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Wie ist er damit umgegangen?
Er hat das gemacht, was er für richtig hielt. Er machte keine Zugeständnisse, ging weiterhin mit Billy Sherrill ins Studio, einem seiner Lieblingsproduzenten. Und dabei ist etwas entstanden, das ich als einen echten, bislang unentdeckten Schatz bezeichnen würde. Einfach, weil man einen guten Einblick in das Leben meines Vaters erhält, und zwar in eine Schaffensphase, in der er eigentlich eine echte Renaissance erlebt hat. Er hatte gerade eine erfolgreiche Drogentherapie hinter sich und fing an, unglaubliche Stücke zu schreiben. Einen davon hat er sogar in der Klinik komponiert – ›I Came To Believe‹. Er war klar im Kopf, hatte eine Menge Power und war voller Liebe und Leben. Ich meine, es ist alles live im Studio entstanden. Es gab keine Overdubs, ausschließlich erste Takes. Was auch für den Gesang gilt. Es war alles ganz easy – und geradezu perfekt.

Was die Plattenfirmenbosse damals ganz anders gesehen haben – sie lehnten das Material als altbacken und unkommerziell ab…
Was Dad sehr verletzt hat – und ihn dazu brachte, einen Song namens ›Chicken In Black‹ zu schreiben, der so albern war, dass einige meinen, er wollte regelrecht gefeuert werden. Dabei hat er einfach ausgedrückt, was ihm gerade durch den Kopf ging. Denn auch das war Teil seiner Persönlichkeit: Er hatte durchaus seine witzigen Momente, was aber nur wenige Leute wissen. Dass Columbia ihn dann rausgeschmissen hat, bedauern sie mittlerweile als einen ihrer größten Fehler aller Zeiten. Nur: Damals wussten sie nicht, was sie mit Johnny Cash anfangen sollten. Sie haben viele Künstler gedroppt. Er war nicht der Einzige.

Wie lange hast du an den Songs gearbeitet – musstest du das Ganze nur neu mischen oder auch fehlende Parts hinzufügen?
Es gab einiges, was nicht vollständig war. Wie das eine oder andere Gitarrensolo. Marty Stuart hat auf den Originalaufnahmen Gitarre und Mandoline gespielt. Und als ich mir das anhörte, dachte ich: „Warum rufe ich ihn nicht an?“ Nach dem Motto: „Hör mal, du bist heute ein viel besserer Musiker als damals – komm doch kurz vorbei und nimm deine Parts noch einmal auf.“ Was er getan hat. Anschließend habe ich Buddy Miller, Jerry Douglas und weitere Virtuosen aus der Nashville-Szene hinzugefügt. Eben Leute, von denen ich denke, dass mein Vater sie ebenfalls angerufen hätte, um das Album zu beenden.

Der Opener, zugleich das Titelstück, handelt von der Kehrseite des amerikanischen Traums – von Verzweiflung und Hilflosigkeit. Und das ohne Klischees, ohne Patriotismus.
Ganz genau. Er war ein wahnsinnig guter Geschichtenerzähler. Das war seine Spezialität. Wobei mein Lieblingsstück aber ›I Came To Believe‹ ist. Das ist der Wahnsinn! Und ein ganz persönliches, ehrliches Statement. Er ist in der Drogenklinik und gibt vor sich und Gott zu, was für ein schwacher, anfälliger Mensch er doch ist. Deshalb schwört er, sich fortan dieser höheren Macht unterzuordnen, die viel größer und stärker ist als er selbst. Das ist es, was er damals erkannt hat. Er hatte gerade mehrere Monate Entzug hinter sich und schrieb über sein eigenes Unvermögen – offen und ehrlich.

 

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