David Gilmour: Thought I’d Something More To Say…

Auf deinem neuen Album RATTLE THAT LOCK finden sich so viele Musikrichtungen: viel von dem typischen Pink-Floyd-Sound, aber auch Walzer, ein bisschen Funk und zwei Jazzstücke. Ist es befreiend, diese Art von Vielfalt zu haben?
Ob das befreiend ist, weiß ich nicht. Ich weiß ehrlich nicht, wie das passiert. Was auch immer kommt, wir machen es. Ich habe keinen Plan. Wir arbeiten daran, bis es Sinn ergibt, dann schneiden wir ein paar Sachen raus und konzentrieren uns auf unsere Stärken. Und dann hört man sich sowas wie ›The Girl In The Yellow Dress‹, dieses etwas jazzige Lied, und denkt sich: „Passt das hier?“ Und dann: „Wen schert’s? Es ist super. Es wird passen!“ Ich habe wohl das große Glück, dass meine Stimme und mein Gitarrenspiel ziemlich markant sind, ob sie dir nun gefallen oder nicht. Man erkennt sofort, dass ich es bin der da spielt oder singt, was alles zusammenführt.

Aber wie kommst du auf ein Stück wie ›The Girl In The Yellow Dress‹? Wachst du einfach eines Morgens mit lauter 40er-Jahre-Jazz im Kopf auf?
Diese Dinge kommen einfach so auf und ich weiß nicht, woher oder wie. Da fallen einem ein paar Akkorde ein und man biegt auf einen Weg ein und folgt ihnen. Robert Wyatt spielt das Kornett darauf, das wurde schon vor einigen Jahren aufgenommen.

Das Walzer-Stück ›Faces Of Stone‹ erinnert ein wenig an Leonard Cohen und behandelt das Vergehen der Zeit und das Altern. Ist das Fakt oder Fiktion?
Darin geht es um die letzten Jahre meiner Mutter und die neunmonatige Überschneidung zwischen der Geburt meines letzten Kindes und ihrem Tod – für diese neun Monate waren sie gemeinsam auf dem Planeten. Sie litt an einer Art Demenz und das Walzer-Ding passt ja ganz gut zu ein bisschen Verrücktheit. Die Klarinette, die so dahinträllert, ein Akkordeon und eine Dampforgel, die für Atmosphäre sorgen – diesen Boom-tang-tang-boom-tang-tang-Sound. Ich hatte ein sehr schwieriges Verhältnis zu meiner Mutter und es ist schön, zu…

Schwierig inwiefern?
Nun…das ist schwer zu beschreiben. Im Song wird etwa behandelt, dass sie einen Platz an der Royal Academy Of Dramatic Art [RADA] bekam, ihn aber nicht annehmen konnte, weil ihre Familie es sich nicht leisten konnte. Sie kam aus Blackpool, und nach London zu ziehen und die RADA zu besuchen, war ihr Traum. Sie war also enttäuscht und unerfüllt und…lebte diese Erfüllung dann ein bisschen durch mich, was zu allen möglichen Spannungen führte. Aber das Leben ist nun mal kompliziert. Das Stück basiert auf einem bestimmten Tag, als wir durch einen Park in London spazierten. Sie hatte Halluzinationen, sah Dinge, die nicht da waren, und ich dachte: „Hmmm, interessant.“ Das war der Anfang der Demenz. Später an jenem Tag hielt sie dann meine neugeborene Tochter in den Armen. Man nimmt so eine kleine Idee und versucht, daraus ein Bild zu malen.

Viele der Texte zu deiner Musik stammen von deiner Frau Polly Samson. Wie funktioniert das?
Ich spiele ihr ein Stück oder mehrere vor und wenn sie etwas davon interessiert, lade ich es auf ihren iPod und sie hört es sich beim Spazierengehen an. Es muss ihr gefallen, sie inspirieren. Zwei der Lieder auf dem Album habe ich geschrieben, und selbst bei denen hat mir meine talentierte Frau geholfen. Sie versuchte jahrelang, mir in den Kopf und durch meine Augen zu sehen und von diesem Standpunkt zu schreiben, aber jetzt ist ihr klargeworden, dass das nicht wirklich nötig ist. Wenn die Worte von ihr kommen und ich sie mit genug Überzeugung singe, werden sie immer noch klingen, als hätten sie eine Verbindung zu mir.

Das Titelstück ›Rattle That Lock‹ baut auf dem Ton auf, der bei Durchsagen in französischen Zügen zu hören ist. Das erinnert an die Kraftwerk-Hymnen auf die Freuden europäischer Eisenbahnen. Woher kam diese Idee?
Am Londoner Bahnhof St. Pancras oder an Flughäfen sind diese Jingles meistens richtig billig und langweilig. Aber der von der SNCF in Frankreich sticht wirklich heraus. Er hat eine kleine Melodie, einen Rhythmus, ein bisschen Synkopierung, und man will fast ein bisschen dazu mitwippen. Also nahm ich ihn mit meinem iPhone auf, brachte ihn nach Hause und fing an, daran zu arbeiten. Die ganze Platte hat eine Form. Wir haben versucht, sie wie einen Tagesablauf zu gestalten, was dann mit dem Knistern des Lagerfeuers endet. Der Tag beginnt um fünf Uhr morgens mit Vogelgesang, Hundegebell und Kanadagänsen, die ich etwa um diese Zeit von meinem Fenster aus aufnahm, deswegen heißt das erste Lied auch ›5 A.M.‹. Und dann geht es weiter mit den Dingen, die man so tut, oder den Gedanken, die man so hat. Die Art von Tag, an dem man in einen Club geht und sich eine Jazzband ansieht, dann am Feuer sitzt und ein paar Würste grillt, während im Hintergrund eine Eule schreit, bevor man halb betrunken ins Bett kriecht. Das ist nicht sehr wörtlich oder spezifisch oder linear, es soll einfach nur einen gewissen Fluss haben.

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