Titelstory: Santana – Alles zurück auf Anfang

carlos santana promoCarlos Santana: Namensgeber und seit 50 Jahren einziges konstantes Mitglied von Santana. Der 68-jährige Gitarrist mit mexikanischen Wurzeln ist musikalischer wie spiritueller Wegweiser für seine wechselnden Mitstreiter. Mit seiner zweiten Frau Cindy Blackman Santana lebt er in Las Vegas.

Carlos, nach all den Jahren spielst du wieder mit deinen alten Mitstreitern zusammen. Wo siehst du den größten Unterschied im Vergleich zu früheren Zeiten?
Es gibt einige wesentliche Veränderungen. In den 60ern und 70ern herrschte eine große Verwirrung, weil alles so schnell passierte. An einem Tag waren wir noch auf der High School und am nächsten standen wir mit Jimi Hendrix und Sly Stone auf der Bühne! Wenn du verwirrt bist, wirst du schnell arrogant oder zu­­mindest unsicher. Heute dagegen zeichnen uns vor allem drei Dinge aus: Klarheit, Gewissheit und Mut.

Wenn du auf eure lange Bandgeschichte zurückblickst: An was erinnerst du dich am liebsten?
Oh, das ist eine gute Frage! Woodstock war natürlich schon sehr wichtig, ebenso die Auftritte für die Black Panthers, für die wir ein oder zwei Benefizkonzerte bestritten haben. Auch unsere Konzerte in Moskau, Jerusalem und in Ost-Berlin – 1987, noch zu Mauerzeiten – waren echte Highlights, denn ähnlich wie Bob Marley hatte ich ja schon immer das Ziel, Mauern einzureißen, damit es weniger Konflikte gibt. Letztlich haben wir heute und morgen die gleichen Ziele wie gestern: Es geht darum, Menschlichkeit zu zelebrieren – ohne Grenzen, ohne Flaggen, ohne Religion und oh­­ne Politik.

Die Idee der Grenzenlosigkeit verwirklichst du ja auch von jeher in deiner Musik. Welche Philosophie steckt dahinter?
Das Wichtigste ist, dass du dich der Musik unbefangen und leidenschaftlich näherst und den Willen mitbringst, sie zu vervollständigen, an­­statt sie als Wettstreit mit den anderen Musikern zu betrachten. Selbst wenn ich mit Lady Gaga, Sting oder Prince spiele, ist es meine Aufgabe, ihre Musik zu komplementieren – und weil ich das tue, rufen sie mich danach auch immer wieder gerne an!

Kann man sagen, dass ihr mit SANTANA IV zu euren Wurzeln zurückgekehrt seid und euch wie vor eurem allerersten Album von ausufernden Jams zu Songs vorgearbeitet habt?
Ja, das ist vollkommen richtig! Ich höre ja viel afrikanische Musik und habe deshalb oft bestimmte musikalische Muster zur Probe mitgebracht, zu denen wir dann einfach 15, 20 Mi­­nuten lang improvisiert haben. Ge­­wissermaßen entstand dabei ein großes Stück unbearbeitetes Leder, zu dem ich dann später zurückkehren konnte, um zu entscheiden, ob daraus Schuhe, eine Jacke oder ein Koffer werden soll. Vielleicht könnte man auch sagen, dass meine Aufgabe die eines Innenausstatters war. In der Vergangenheit haben wir uns in dieser Rolle abgewechselt, aber dieses Mal war vor allem ich es, der die Vision hatte, wie aus einem großen Stück Jam etwas mit Form werden könnte, etwas, das als Komposition wirklich Sinn ergeben würde.

Diese freie Herangehensweise unterstreicht ja auch deine Überzeugung, dass Vollkommenheit nicht das Ziel sein muss.
Ganz genau. Die Perfektion steckt in der Unvollkommenheit. Computer geben dir nichts als Fakten, und daran sind wir nicht interessiert. Wir wollen lieber wie Miles Davis oder Picasso sein. Ich stehe nicht gerne in Konflikt mit meinem Verstand. Deshalb schalte ich ihn bisweilen aus und lasse mein Herz sprechen. Die Kraft, die vom Herzen ausgeht, hat eine andere Art der Klarheit. Der Verstand analysiert und kritisiert alles. Er zweifelt alles an und nie ist etwas perfekt. Über die Jahre habe ich allerdings gelernt, dass die Vision des Her­­zens eben doch vollkommen ist.

Außerdem hast du gelernt, den Künstler Santana von der Privatperson Carlos zu trennen. Ist das einer der Hauptgründe für deine Langlebigkeit als Künstler?
Ja! Das Künstlerdasein ist oft so verwirrend, dass du die Maske abnehmen musst, wenn du die Bühne verlässt. In meinem Haus gibt es keinen Santana, keine Platten, keine Andenken, keine Auszeichnungen, dort bin ich ganz ich selbst. Auf der Bühne dagegen bin ich zu 150 Prozent Santana. Stell dir doch nur mal vor, du müsstest 24 Stunden am Tag Jimi Hendrix, Bob Marley oder Michael Jackson sein – was für eine fürchterliche Strapaze! Es ist wesentlich schöner, eine Balance zu finden, Santana auch mal in den Schrank zu stopfen, raus in den Park zu gehen und Spaß zu haben.

Was macht dir denn derzeit am meisten Spaß?
Die Möglichkeiten, die sich mir bieten! Neben SANTANA IV habe ich gerade ein Album zusammen mit Ronald Isley fertiggestellt, für das wir 16 Tracks in nur vier Tagen aufgenommen haben. Um die Ecke warten Konzerte mit Wayne Shorter, Herbie Hancock, Marcus Miller und meiner Frau Cindy Blackman Santana als Mega Nova, und Aufnahmen mit John McLaughlin sind auch in Planung. Der Nervenkitzel des Abenteuers steckt also auch weiterhin in allem, was ich tue!

Die komplette Titelstory mit weiteren Interviews findet sich in der Mai-Ausgabe von CLASSIC ROCK, bestellbar in unserem Online-Shop.

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